Formen von Gewalt

"Gewalt ist ein komplexes Geschehen, bei dem gesellschaftliche, soziale, psychische und beziehungsdynamische Faktoren zusammenwirken. Gewalt - ob im privaten oder öffentlichen Raum - ist weit verbreitet. Menschen mit Behinderungen, die im Zusammenwirken von verschiedensten Faktoren vielfach als Personen unsichtbar gemacht werden, deren Bedürfnisse und Wünsche vielfach missachtet werden und die auf Grund struktureller Gegebenheiten oftmals benachteiligt sind, haben ein signifikant höheres Risiko, Formen von Gewalt ausgesetzt zu werden." (UNABHÄNGIGER MONITORINGAUSCHUSS ÖSTERREICH 2011)

Das Spektrum der Gewalterfahrungen von Menschen mit Behinderungen beinhaltet:

  • Körperliche Gewaltformen
  • Vernachlässigungen
  • Ökonomische Gewaltformen
  • Seelische Gewaltformen
  • Sexualisierte Gewaltformen
  • Gewaltformen in der Pflege und im Zusammenhang mit Behinderungen
  • Strukturelle Gewaltformen
  • Kulturelle Gewaltformen

Persönliche Gewaltformen (Mikroebene)

Formen von persönlicher Gewalt tun weh und verursachen Leid: Abwerten, Ausnützen, Attackieren, Beschimpfen, Bestimmen, Bestrafen, Drohen, Einschränken, Einsperren, Erniedrigen, Erpressen, Kontrollieren, Nötigen, Schlagen, Treten, Verharmlosen, Verheimlichen, Verachten, Verletzen, Verleugnen, Vernachlässigen, Wegnehmen, Zwingen, u.a.m. Diese Beispiele zeigen Tätigkeiten auf, die Gewalthandlungen sind. Das Spektrum reicht von aktiven Handlungen bis zu Unterlassungen, von direkten Handlungen bis zu indirekten, von verbalen Handlungen bis zum Schweigen.

Strukturelle Gewaltformen (Mesoebene)

Formen von struktureller Gewalt sind in organisatorische, soziale und gesellschaftspolitische Systeme eingebaut. Strukturelle Gewalt zeigt sich im Verwehren selbstbestimmt gestalteter Lebensführung, im Verwehren von frei zugänglichen Informationsflüssen, in ungleichen Machtverhältnissen und Entscheidungsgewalten, in produzierten Abhängigkeitsverhältnissen und in deren Erhalt, in respektlosen und menschenverachtenden Regelwerken u.a.m. 

Kulturelle Gewaltformen (Makroebene)

Formen von kultureller Gewalt an Menschen mit Behinderungen werden in den Dimensionen Politik, Ökonomie und kulturell anerkannten Werten, Normen und Ritualen sichtbar. Sie zeigen sich in "gesellschaftlichen Repräsentationen, die die Identitäten von Personen mit Behinderungen beschädigen, auf die die betroffenen Personen keinerlei Einfluss nehmen können und die auch durch Stigma-Management nicht individuell Identität-stiftend bewältigt werden können." (Zitat SCHÖNWIESE, 19.10.2015)

Gewaltkreisläufe

Im Zusammenwirken der Mikro-, Meso- und Makroebenen entsteht eine gegenseitige Verstärkung und Legitimierung. Durch die Betrachtungsweise einer Gewaltsituation in Bezug auf alle drei Ebenen wird sichtbar, auf welcher Ebene welche Akteur_innen handeln und wo Anti-Gewaltstrategien ansetzen können. Gewalt ist kein isoliertes Phänomen. Es agiert eine Gruppe von Beteiligten mit verschiedenen und wechselnden Rollen, die eigebettet in geschaffenen Systemen (Meso- und Makroebene) handeln.

Integratives Gewaltmodell

In gegenwärtigen Diskursen zu Gewalt an Menschen mit Behinderungen wird das Zusammenspiel von vier Charakteristiken erkannt: die Charakteristik von potentiellen Opfern, die Charakteristik von potentiellen Täter_innen, die Charakteristik der direkten Umwelt und die Charakteristik der Gesellschaft und Kultur (FITZSIMONS 2009). Jedes dieser vier Systeme hat Einfluss auf einzelne Systeme und auf das Gesamtgeschehen.

Quellen und weiterführende Literatur

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Überblick: Indikatoren für Gewalterfahrungen
Wie kann ich Gewalterfahrungen erkennen?
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