Folgen von Gewalterfahrungen

Die Folgen von Gewalterfahrungen sind Destabilisierungen und Schwierigkeiten im Erwerb, Entwickeln und Anpassen von Lebensbewältigungsstrategien.
Die folgende Aufzählung ist eine Auswahl von nachgewiesenen Folgen von Gewalterfahrungen.

Angst

  • Extreme Verlustängste
  • Tiefes Misstrauen gegenüber Menschen
  • Allgemeiner Verlust von Vertrauen
  • Angst verletzt zu werden

„Viele Menschen die in Einrichtungen leben oder arbeiten haben Angst. Sie haben Angst davor, sich zu beschweren wenn etwas nicht passt oder sie ungerecht behandelt werden.“
(WIBS 2010)

Das Wort Angst kommt vom dem lateinischen Wort angustiae, die Enge. Eng wird es, wenn Menschen sich klein machen, um die Angriffsfläche des Körpers zu minimieren, oder wenn Menschen die Luft anhalten, um nicht durch Atemzüge verraten zu werden, oder wenn sich die Blutgefäße verengen und Angstschweiß austritt. Diese Körpersprache erzählt von Unterwerfung. Die Gegner_in wird als übermächtig eingeschätzt, Widerstand erscheint zwecklos und Problemlösungen stehen nicht zur Verfügung. (PERNER 1999, S. 12)

Ich hab nach wie vor Panikattacken. Dass diese Traumatisierung von damals eigentlich nie richtig weggegangen ist. Sie ist zwar wesentlich schwächer oder mal stärker, aber nie wirklich weggegangen, die ist nach wie vor präsent. Und ein bestimmter Teil meines Lebens. Traumatisierung hat definitiv stattgefunden und die bestimmt mein Leben.” (ANONYM, SCHACHNER 2014)

Traumata

Ein Trauma als ein „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und individuellen Bewältigungsmöglichkeiten” entsteht durch ein erschütterndes Ereignis und geht mit Kontrollverlust, Entsetzen und (Todes-) Angst einher […]. Das Ausmaß der Traumatisierung ist abhängig von Art, Umständen und Dauer des Ereignisses sowie vom Entwicklungsstand, in dem sich das Opfer zu diesem Zeitpunkt befindet. Zu den Umständen zählt auch, ob es vor, während oder nach der Traumatisierung schützende Faktoren gegeben hat. Die wichtigsten umgebenden Schutzfaktoren sind stabile Bindungsverhältnisse. Genau diese fallen jedoch bei vielen komplexen traumatischen Erfahrungen in der Kindheit und bei Gewalt und Missbrauch aus. (GAHLEITNER 2012)

Also ich hab das erst sehr spät realisiert, dass das war. Nicht einmal bei der Geburt von meinem Sohn. Das hat so lang gedauert weil mein Muttermund nicht aufgegangen ist, dann haben sie gesagt der Muttermund ist komplett vernarbt. Nicht einmal da hab ich geschalten. Erst viel später mit vierzig Jahren hab ich erst gewusst, richtig gewusst, was passiert ist. Also mein Unterbewusstsein hat’s vorher noch nicht zugelassen.“
(ANONYM, SCHACHNER 2014)

Niemandem habe ich davon erzählt, weil ich Angst hatte, dass er mich wieder schlägt, wenn er davon erfährt. Ich musste schweigen. Es war so grausam. (…) Ich glaube heute, dass ich es nicht gesagt habe, weil der Lehrer dann das Jugendamt verständigt hätte und die hätten einen Brief an die Eltern geschrieben, die hätten mich dann für den Verrat geschlagen. Dann hätte ich noch mehr gelitten. Aber wenn das Jugendamt es den Eltern nicht gesagt hätte, sondern uns sofort getrennt hätte, sodass ich die Eltern nie mehr sehe… das wäre besser gewesen.” (ANONYM, SCHACHNER 2014)

Einsamkeit

Einsamkeit kann als das Produkt der hier aufgezählten Faktoren gesehen werden. Sie zeigt sich in:

  • Sozialer Isolation
  • Gefühlen totaler Verlassenheit
  • Süchten
  • Genussmittelmissbrauch
  • Selbstmordgedanken
  • Depressionen
  • Kontakt- und Bindungsängsten
  • ...

Scham- und Schuldgefühle

Bestimmende Elemente in der Gewaltdynamik sind Schuld und Schuldgefühle, die es Betroffenen fast verunmöglichen, über ihre Erlebnisse zu sprechen und um Hilfe zu suchen.

Es ist durch die Eltern transportiert worden, sie müssen das machen, weil ich so schlimm bin, deshalb müssen sie mich schlagen. Das hab ich tausende Male gehört und gespürt. Das ist ja diese Schuldspirale, ich bin schuld dass ich so bin, deswegen müssen die Eltern so sein, das wollen sie eigentlich gar nicht.“ (ANONYM, SCHACHNER 2014)

Sprachlosigkeit

Sprachlosigkeit entwickelt sich aus erlebter Hilflosigkeit und Ohnmacht. Sie verstärkt die erlebte Isolation und erschwert den Ausbruch aus der Gewaltspirale. Im Gegenzug kann der Besuch von Selbsthilfegruppen und Empowermentangeboten zur Wiedererlangung der eigenen Sprache und einer Veränderung des Realitätsbezugs führen. Die im Gruppenprozess bestätigte Gültigkeit von erlebten Gefühlen während und nach Gewalterfahrungen hilft aus der Sprachlosigkeit heraus und kann eine Gegenerfahrung und somit eine starke „Gegenstimme“ zu den nachhaltigen Hilflosigkeits- und Ohnmachtsgefühlen durch Gewalterfahrungen bilden. Die Wahrnehmung der Betroffenheit der Zuhörer_innen führt zu einer Veränderung in der Akzeptanz der Gewalterfahrungen. Sie öffnet die Sicht auf die Möglichkeit, dass es nicht so sein muss, wie es gerade ist.  

Folgen von Straffreiheit

Straflosigkeit legitimiert Gewalthandlungen und schafft folgenschwere Freiräume für Gewalttäter_innen, nämlich Freiräume für weitere Gewalthandlungen. Die Folgen für die gewalterfahrenden Personen sind weitere Gewalterfahrungen und - in weiterer Folge - Selbstaufgabe und Akzeptanz von Wirkungslosigkeit.

Quellen und weiterführende Literatur

zurück zu
Strafverfolgung
Gesetzeslage in Österreich
Handeln
Stigma
Übersicht

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation