Integration, Inklusion, Gemeinsamer Unterricht - Themen für die Grundschullehramtsausbildung an Hochschulen in Deutschland? Eine Bestandsaufnahme

Themenbereiche: Schule
Textsorte: Bericht
Releaseinfo: Thomas Franzkowiak mit Unterstützung von Axel Backhaus, Keren Hartnack und Daniela Seifert, 3/2009.
Copyright: © Thomas Franzkowiak 2009

Zusammenfassung:

Heterogenität, Integration, Inklusion sind Begriffe, die in der gegenwärtigen Bildungsdiskussion eine hohe Aktualität haben. Das mit Beginn dieses Jahres in Kraft getretene UN-Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beinhaltet ausdrücklich einen Rechtsanspruch auf gemeinsames Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen im allgemeinen Bildungssystem. Die Umsetzung einer "inklusiven" schulischen Bildung und Erziehung ist allerdings nur denkbar, wenn auf sehr unterschiedlichen Ebenen Voraussetzungen und förderliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Hierzu zählt eine gute Vorbereitung von Lehrerinnen und Lehrern auf die pädagogische Arbeit im integrativen Unterricht, die bereits im Studium einsetzen sollte. In einer durch Internetrecherchen ergänzte Umfrage wurde versucht zu ergründen, welche speziellen Lehrangebote es an deutschen Hochschulen für künftige Grundschullehrerinnen und -lehrer gibt, die sie für das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Schülern sensibilisieren und ihnen Grundkenntnisse zu diesem Themenkomplex vermitteln können. Ergänzend wurden in einer zweiten Umfrage ehemalige TeilnehmerInnen eines Seminars der Universität Siegen retrospektiv zur Lehrveranstaltung und zur Integration/Inklusion befragt. Aus den Befunden beider Befragungen werden Konsequenzen für die Lehrerausbildung abgeleitet: Alle GrundschullehrerInnen sollten sich schon während ihrer Studienzeit mit sonderpädagogischen Fragestellungen und dem Thema "Gemeinsamer Unterricht" befassen; Studienangebote für ein kombiniertes Lehramt für die Grundschule und Sonderpädagogik sollten ausgebaut, die Kooperation zwischen beiden Lehramtstraditionen und die Forschungsbemühungen intensiviert werden; schließlich wird eine verstärkte Vernetzung der in der Lehramtsausbildung Tätigen empfohlen.

1. Alle reden über Integration und Inklusion

Stimmt das wirklich?

Ja - wenn man die Diskussion verfolgt hat, die sich wie ein roter Faden durch die vier Tage der 23. Jahrestagung der Integrations- und InklusionsforscherInnen in Frankfurt im Februar 2009 zog. In Forscherkreisen wird momentan intensiv über die "inklusive Schule", über "Integration" und "Inklusion" diskutiert und über die Terminologie zuweilen auch heftig gestritten (s. zusammenfassend Wocken 2009).

Nein - wenn man auf die deutsche Öffentlichkeit blickt, die den Begriff "Inklusion" noch kaum wahrgenommen hat, und auch viele PädagogInnen können sich darunter noch nicht viel vorstellen (vgl. Schumann 2009, 51).

Über Integration und Inklusion wird also gegenwärtig nachgedacht und gesprochen, aber mit sehr unterschiedlicher Intensität. Die Thematik, die hier im Hinblick auf das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen betrachtet werden soll, wird in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch an Bedeutung gewinnen - auch bezogen auf die Ausbildung von LehrerInnen. Sie besitzt eine hohe Aktualität:

  • Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (2009) fordert in Artikel 24 für behinderte Kinder und Jugendliche einen gleichberechtigten Zugang zum Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen. Zur Verwirklichung dieses Rechts haben die Vertragsstaaten dafür Sorge zu tragen, Fachkräfte und Mitarbeiter auf allen Ebenen des Bildungswesens aus- und fortzubilden und durch Schulungsprogramme das Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen zu schärfen (Artikel 8).

  • Eine Reihe von Verbänden, Gewerkschaften und Vereinen unterstützt in Kooperation mit der BAG Gemeinsam leben - gemeinsam lernen das Manifest "Inklusive Bildung - Jetzt!", in dem unter Berufung auf die UN-Konvention eine "inklusive Schule" postuliert wird. Darin heißt es u. a.: "Alle Lehramtsstudiengänge müssen an die Anforderungen inklusiver Bildung angepasst werden."[1]

  • In der Diskussion um die Zukunft der Lehrerausbildung wird seit Jahren auf die Notwendigkeit hingewiesen, sonderpädagogische Grundfragen in allen Lehramtsstudiengängen zu thematisieren und künftig verstärkt zu berücksichtigen.[2]

  • An den Universitäten Bremen und Bielefeld werden "Kombi-Lehramtsstudiengänge" angeboten, die mit einer Doppelqualifizierung für das Lehramt für die Grundschule und für Sonderpädagogik abschließen. Die AbsolventInnen dieser Studiengänge erscheinen besonders geeignet dafür, das gemeinsame Lernen von SchülerInnen mit und ohne Beeinträchtigungen zu organisieren und zu unterstützen.

Verschiedene Forschungsstudien haben sich in den letzten Jahren mit universitären Lehrveranstaltungen zum integrativen Unterricht befasst.[3] Vor allem die Befunde von Demmer-Dieckmann (2007, 2008) machen deutlich, dass bei TeilnehmerInnen an obligatorischen Einführungsseminaren zum Gemeinsamen Unterricht (GU)[4] eine breite Zustimmung zum Pflichtcharakter der Lehrveranstaltung herrscht, dass sich die Mehrheit der TeilnehmerInnen mit Beginn des Seminars erstmals mit dem Thema GU auseinandersetzt und dass direkte Begegnungen mit Menschen mit Behinderungen (Vorerfahrungen, aber auch Hospitationen an Schulen in Verbindung mit der Seminarteilnahme) bedeutsam für die Bewertung integrativen Unterrichts sind. Die in der UN-Konvention in Artikel 8 angesprochene "Bewusstseinsbildung", also eine Sensibilisierung für Menschen mit Behinderungen mit dem Ziel der Entwicklung oder Festigung einer positiven Einstellung ihnen gegenüber, ist ebenfalls Gegenstand der Befragungen von Demmer-Dieckmann (ebd.), aber auch ein Bestandteil des noch nicht abgeschlossenen Forschungsprojekts von Kopp (i. V.). Es deutet einiges darauf hin, dass schon im Studium durch den Erwerb von Grundwissen sowie durch eine Schärfung des Bewusstseins für Menschen mit Behinderungen die Einstellungen künftiger LehrerInnen beeinflusst werden können.[5]

Wenn die Umsetzung der UN-Konvention in Deutschland auf allen Ebenen als ernsthaftes Anliegen betrachtet wird und infolgedessen in den kommenden Jahren immer mehr Kinder mit Behinderungen von Anfang an gemeinsam mit nichtbehinderten Klassenkameraden beschult werden sollen, müssen an den Hochschulen Lehrangebote etabliert werden, die die LehrerInnen von morgen auf die besonderen Bedingungen des GU vorbereiten. Da die Mehrzahl der Studierenden nicht auf während ihrer eigenen Schulzeit gesammelte Erfahrungen im täglichen Umgang mit behinderten Mitschülern zurückgreifen kann und für die meisten von ihnen der GU eine neue pädagogische Herausforderung darstellt, erscheint es unverzichtbar, die universitäre Lehre auf diese Bedürfnisse abzustimmen.

  • An wie vielen und an welchen deutschen Hochschulen gibt es bereits Lehrangebote zum GU für künftige LehrerInnen im Primarbereich?

  • Was sind die Zielsetzungen solcher Vorlesungen und Seminare?

  • Und was bewirken diese speziellen Lehrangebote bei den TeilnehmerInnen?

Diese Fragen lassen sich momentan nicht beantworten, da keine zusammenfassenden Informationen existieren. Mit der vorliegenden Studie soll ein Beitrag zu Artikel 31 (1) der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geleistet werden. Darin heißt es: "Die Vertragsstaaten verpflichten sich zur Sammlung geeigneter Informationen, einschließlich statistischer Angaben und Forschungsdaten, die ihnen ermöglichen, politische Konzepte zur Durchführung dieses Übereinkommens auszuarbeiten und umzusetzen."

Die nachfolgend vorgestellte Untersuchung dient in diesem Sinne mit Blick auf den GU einer ersten Bestandsaufnahme der aktuellen hochschulischen Ausbildungssituation künftiger Grundschullehrkräfte.



[1] Online im Internet (am 1.3.2009) unter http://www.gemeinsamleben-gemeinsamlernen.de/Manifest.pdf.

[2] Schon der Deutsche Bildungsrat empfahl 1973, sonderpädagogische Anteile in die Lehramtsstudiengänge zu integrieren. Vgl. in jüngerer Zeit Hausotter (2003) zur sonderpädagogischen Lehrerausbildung in Europa, Wocken (2005) zur Annäherung von Allgemeiner Pädagogik und Sonderpädagogik sowie die Expertenkommission zur Zukunft der Lehrerausbildung in NRW (2007), die ein integriertes Studienprofil für die Studiengänge Lehramt für Grund-, Haupt- und Realschulen sowie Sonderpädagogik empfiehlt.

[3] So befragte Demmer-Dieckmann (2007, 2008) Lehramtsstudierende an der TU Berlin zu einem Pflichtseminar zum Gemeinsamen Unterricht. Koch-Priewe/Münch (2005) berichten von einem kooperativen Seminar für SonderpädagogikstudentInnen und andere Lehramtsstudierende. Kopp (i. V.) stellt die Aspekte "inklusive Überzeugung" und "Selbstwirksamkeit" bei Grundschullehramtsstudierenden an der Universität Erlangen-Nürnberg in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Von den zahlreichen internationalen Studien sei hier exemplarisch auf Loreman u. a. (2007) verwiesen, die die Einstellung künftiger LehrerInnen zu inklusiver Bildung und Erziehung untersuchten.

[4] Im Folgenden werden "GU" und "Gemeinsamer Unterricht" synonym verwendet als Bezeichnung für die gemeinsame Beschulung von Kindern und Jugendlichen mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf.

[5] Dies zeigt sich u. a. an einer kritischeren Betrachtung der Möglichkeiten von Förderschulen sowie eine verstärkte Zustimmung zum GU und größerer Bereitschaft zur Beteiligung hieran (vgl. Demmer-Dieckmann 2007, 2008 und Kopp i. V.).

2. Integration, Inklusion und Gemeinsamer Unterricht als Bestandteile der universitären Ausbildung von Grundschullehrerinnen und -lehrern

Bereits 1983 habe ich im Rahmen eines Austauschjahres als Sonderpädagogikstudent an der amerikanischen University of Wisconsin in Madison an einem für alle Lehramtsstudierende verpflichtenden Seminar "Mainstreaming for Teachers" teilgenommen. Damals wurden in der Stadt Madison die Sonderschulen nach und nach geschlossen und die Kinder und Jugendlichen mit Behinderungen auf die örtlichen Schulen verteilt. Dieser Umbau des kommunalen Schulsystems vollzog sich allmählich, mit sorgfältiger Begleitung und unter Bereitstellung der erforderlichen personellen und finanziellen Ressourcen (Jorgensen 2006). Ein wichtiger Baustein war von Anfang an die universitäre Vorbereitung zukünftiger und die Fortbildung der bereits aktiven LehrerInnen. Schon Ende der 1970er Jahre gab es weit verbreitete Lehrbücher zum GU, die sich nicht nur an die SonderpädagogikstudentInnen richteten.[6] Dass es an der Universität in Madison vor mehr als 25 Jahren eine obligatorische Einführungsveranstaltung mit sonder- und integrationspädagogischen Inhalten gab, wurde zu einer Selbstverständlichkeit für alle, die den Lehrerberuf anstrebten. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Der Kontrast hierzu ist groß, wenn man die gegenwärtige Situation an den deutschen Hochschulen betrachtet - zumindest, sofern man sich auf die Veröffentlichungen, Aussagen und Berichte von Lehrenden und Studierenden stützt, nach denen es erst wenige Angebote zum GU gibt, deren Besuch zudem fast durchweg freiwillig ist. Um erste Daten zu den tatsächlichen Lehrangeboten zu gewinnen, wurden von der Universität Siegen zur Jahreswende 2008/2009 alle Hochschulen in Deutschland kontaktiert, an denen ein Grundschullehramtsstudium möglich ist.[7]

2.1 Umfrage 1: Hochschulen in Deutschland, an denen GrundschullehrerInnen ausgebildet werden

Insgesamt 43 Verantwortliche für die GrundschullehrerInnen-Ausbildung an deutschen Hochschulen wurden Mitte Dezember 2008 persönlich per Email angeschrieben und um ihre Beteiligung an der Befragung gebeten. Zuvor hatte es sich als äußerst schwierig erwiesen, eine Liste mit allen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen zu erstellen, an denen es möglich ist, sich für das Lehramt an Grundschulen ausbilden zu lassen.[8] Von den 43 Angeschriebenen füllten 14 (= 33% Antwortquote) den Online-Fragebogen aus. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass die Umfrage explorativen Charakter hatte: Nicht bei allen Hochschulen war sicher, ob sich die per Email Kontaktierten überhaupt für die Fragestellung zuständig fühlten. In einigen Fällen wurden wir informiert, dass unsere Anfrage an Kolleginnen oder Kollegen weiter geleitet wurde, die sich dann jedoch nicht an der Befragung beteiligten.

Die Fragebögen konnten nach Anklicken des ins Anschreiben integrierten Links direkt online ausgefüllt werden. Dabei erfolgte die Auswahl vorgegebener Antwortmöglichkeiten per Mausklick; bei einigen Fragen waren jedoch auch freie Kommentare möglich.[9]

Erstellt wurden die Fragebögen mit Hilfe des "Formular Generators", einem einfach zu bedienenden Werkzeug, mit dem in Kürze Online-Befragungen vorbereitet und durchgeführt werden können.[10] Für die Auswertung ist es sehr hilfreich, dass die Umfrageergebnisse in Form von Excel-Tabellen abrufbar sind, die sich wiederum problemlos in das Statistik-Programm SPSS einlesen und weiterverarbeiten lassen.

Die Idee zu einer Online-Befragung lag aus mehreren Gründen nahe:

  • Die Vorlaufzeit war gering,

  • es entstanden keine hohen Kosten,

  • der Versand von Fragebögen entfiel,

  • alle Bitten um Teilnahme konnten sofort nach Freigabe der Fragebögen im Internet per Email erfolgen und

  • die Auswertung wurde durch die automatisch generierten Datenbank-Dateien zur Umfrage spürbar erleichtert.

Nachteilig an einer Online-Befragung könnte sich auswirken, dass

  • einige Emailadressen nicht mehr gültig oder im Gebrauch sind,

  • durch die Vielzahl von Emails im täglichen Schriftverkehr die Anfrage als unerwünschte "Spam"-Mail unbeachtet bleibt,

  • nicht alle Angeschriebenen ihre Emails regelmäßig abrufen,

  • möglicherweise eine Email als weniger bedeutsam empfunden wird als eine schriftliche Anfrage in Form eines persönlichen Briefes.

Unter Beachtung dieser Rahmenbedingungen sind die folgenden Analysen zu verstehen, die keinen Anspruch auf Repräsentativität erheben. Die Fragebögen, die von Hochschullehrenden online bearbeitet wurden, geben Hinweise auf dreizehn deutsche Universitäten bzw. Pädagogische Hochschulen:

Abb. 1: An der Umfrage beteiligte Hochschulen (n = 13)

An zwölf der dreizehn beteiligten Hochschulen gibt es momentan Lehrveranstaltungen, die sich direkt oder indirekt auf das gemeinsame schulische Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen beziehen.[11] Teilweise handelt es sich dabei um Einführungsvorlesungen zur Allgemeinen Didaktik oder Grundschulpädagogik, in denen u. a. auch das Thema GU angesprochen wird. An keiner der beteiligten Hochschulen ist die Teilnahme an einer speziellen Lehrveranstaltung zur schulischen Integration ein zwingender, also nicht gegen ein alternatives Lehrangebot austauschbarer Bestandteil der Studienordnungen aller Lehramtsstudierenden. Insgesamt entspricht nach Angaben der Befragten das Interesse an den Lehrveranstaltungen zum GU im Vergleich mit der Nachfrage bei anderen Seminaren und Vorlesungen dem "üblichen Rahmen".

Welche inhaltlichen Schwerpunkte werden in den Lehrveranstaltungen angesprochen? Zwanzig mögliche Aspekte konnten ausgewählt werden, die im Seminar bzw. der Vorlesung zur Sprache kommen (s. Abb. 2 unten). Am häufigsten (elf bzw. zehn Nennungen) werden Fragen genannt, die im Hinblick auf eine allgemeine Einführung in die Thematik "Gemeinsamer Unterricht" als wichtig betrachtet werden: In welchem Zusammenhang mit Fragen der Heterogenität und Inklusion steht der GU, welche didaktischen und diagnostischen Aspekte sind zu beachten, wie effektiv ist er und mit welchen Praxisbeispielen lässt er sich veranschaulichen? Nur wenige Lehrveranstaltungen (vier oder drei Nennungen) thematisieren rechtliche Gesichtspunkte und Erfahrungen, die direkte Begegnungen mit Menschen mit Behinderungen (Hospitationen in Schulen, Gastreferenten im Seminar) oder zumindest Selbsterfahrungen und Simulationen ermöglichen. Somit scheinen aus Sicht der Mehrzahl der befragten Lehrenden die Erstinformation über den GU sowie der theoretische Hintergrund bei der Gestaltung der Lehrveranstaltung vorrangig zu sein, während konkrete eigene Erfahrungen der Studierenden im Seminarverlauf als weniger bedeutsam eingestuft werden. Hier liegt, wie noch zu diskutieren sein wird, ein großer Unterschied zur Einschätzung der ehemaligen SeminarteilnehmerInnen vor (s. Kapitel 2.2).

Abb. 2: Inhaltliche Schwerpunkte der Lehrveranstaltungen (Diese Frage wurde auf 12 Fragebögen von HochschullehrerInnen bearbeitet.)

Vereinzelt wurden von den befragten DozentInnen weitere Themen aufgeführt, die in ihren Lehrveranstaltungen zur Sprache kommen: GU in weiterführenden Schulen und im Berufsschulbereich, Schlüsselelemente inklusiver Pädagogik, persönliche Zukunftsplanung, Familien und Eltern von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, offene Unterrichtsformen, UN-Konvention, Behinderung und Lebensalter (alle Angaben jeweils einmal).

Welches Ziel ist für die Lehrveranstaltungen, die in den Fragebögen kommentiert werden, vorrangig? Hier werden vor allem zwei Zielvorstellungen formuliert: Die Vermittlung von Grundkenntnissen zu den Bereichen Heterogenität und Inklusion sowie die Sensibilisierung der Studierenden für den GU.

Abb. 3: Ziele der Lehrveranstaltungen (Diese Frage wurde auf 11 Fragebögen von HochschullehrerInnen bearbeitet.)

Das Thema "Gemeinsamer Unterricht" schätzen die befragten Dozentinnen und Dozenten als bedeutsam für das Arbeitsfeld von Grundschullehrkräften ein:

Abb. 4: Bedeutung des GU für künftige GrundschullehrerInnen (13 Aussagen)

Es ist nicht davon auszugehen, dass die ausgewerteten Fragebögen die Gesamtsituation an allen deutschen Hochschulen widerspiegeln. Daher wird die Fragebogenauswertung ergänzt durch Internetrecherchen auf allen Homepages der Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in Deutschland, die ein Grundschullehramtsstudium anbieten. Auf diese Weise sollte versucht werden, alle angebotenen Lehrveranstaltungen zum Thema Inklusion / Gemeinsamer Unterricht auch tatsächlich zu finden. Einige Lehrende, die in diesem Zusammenhang ermittelt werden konnten, wurden zudem per Email angeschrieben und um weitere Angaben zu ihren Lehrangeboten gebeten.

Bei der Internetrecherche wurden die Homepages und Vorlesungsverzeichnisse der 43 hochschulischen Ausbildungsstätten für Grundschullehramtsstudierende durchgesehen und vor allem unter Verwendung der Signalwörter Integration, Inklusion, Gemeinsamer Unterricht, Integrativer Unterricht und Schule für Alle analysiert.[12] Diese Suche führte zu folgenden Funden:

Tab. 1: Ergebnisse der Recherche auf Internetseiten (vor allem Vorlesungsverzeichnisse) von 43 deutschen Hochschulen mit Grundschullehramtsausbildung

Es ist nicht auszuschließen, dass trotz sorgfältiger Recherchen im Einzelfall Lehrangebote übersehen wurden.[13] Zudem handelt es sich um eine Querschnittsanalyse, die nur zum gegenwärtigen Zeitpunkt Aktualität besitzt und über vorangegangene oder geplante Angebote keine Aussagen zulässt. Geht man jedoch entsprechend dem Ziel der Untersuchung, nämlich der Erstellung einer ersten Bestandsaufnahme, von den ermittelten Vorlesungen und Seminaren aus, so lässt sich festhalten:

  • 44% (19 von 43) der Hochschulen, die GrundschullehrerInnen auf ihren Beruf vorbereiten, bieten für diese Zielgruppe momentan keine Lehrveranstaltungen zum GU / zum Thema Integration bzw. Inklusion an.

  • An 18 deutschen Hochschulen (= 42%) ist mindestens eine Lehrveranstaltung zu diesem Themenbereich zu finden, wobei es an manchen Einrichtungen auch mehrere Angebote gibt.

  • Hochschulen, an denen neben dem Grundschullehramtsstudiengang auch ein Sonderpädagogikstudium angeboten wird, haben häufiger Seminare zum Thema GU im Lehrangebot; diese sind jedoch nur z. T. auch für Interessierte aus dem Grundschulbereich geöffnet.

  • Die Universitäten Bremen und Bielefeld haben als erste deutsche Hochschulen eine kombinierte Ausbildung Lehramt für die Grundschule/Sonderpädagogik eingeführt und dementsprechend ein breiter gefächertes Lehrangebot mit Bezügen zum GU.

2.2 Umfrage 2: Ehemalige TeilnehmerInnen am Seminar der Universität Siegen "Grundschule - Förderschule - Gemeinsamer Unterricht"

Seit mehr als zehn Jahre bietet die Arbeitsgruppe Primarstufe an der Universität Siegen ein Wahlpflichtseminar an, dessen Titel anfangs "Grundschule - Sonderschule", seit einigen Jahren "Grundschule - Förderschule - Gemeinsamer Unterricht" lautet. Hieran haben mittlerweile über 600 Studierende teilgenommen. Das wesentlichste Anliegen dieser Lehrveranstaltung besteht darin, die Studierenden für Kinder und Jugendliche mit "sonderpädagogischem Förderbedarf" zu sensibilisieren und über verschiedene Möglichkeiten ihrer schulischen Förderung, insbesondere den gemeinsamen Unterricht in der Regelschule, zu informieren. Themen der Lehrveranstaltung sind u. a.

  • Geschichte der Sonderpädagogik und ihrer Einrichtungen,

  • Organisation (sonder)pädagogischer Förderung in Förder- und Regelschulen,

  • rechtliche Verfahren zur Feststellung sonderpädagogischen Förderbedarfs,

  • Förderdiagnostik, Test- und Beobachtungsverfahren,

  • besondere Konzepte und Maßnahmen bei unterschiedlichen Förderschwerpunkten,

  • Integration / Inklusion / Gemeinsamer Unterricht als Forschungsthemen und Aufgabenfelder innerhalb und außerhalb der Schule sowie

  • Fördermöglichkeiten in der Regelschule (vor allem in der Grundschule).

Im Rahmen des Seminars erhalten die Studierenden neben der Auseinandersetzung mit Fachtexten, Forschungsergebnissen und Konzeptionen auch die Gelegenheit zu Hospitationen in Förderschulen und Integrationsklassen, zu Rechercheaufgaben, zu Interviews mit Menschen mit Behinderungen sowie mit Fachleuten, zu Selbsterfahrungen und Simulationen, u. a. mehr.

Mitte Dezember des vergangenen Jahres wurden 519 frühere SeminarteilnehmerInnen, von denen noch Emailadressen vorlagen, per Email um ihre Unterstützung bei einer Umfrage gebeten.[14] Nach Abzug der offenbar nicht mehr existierenden Mailadressen verblieben 473 Empfänger, von denen keine Fehlermeldungen zurückkamen. Es ist jedoch zu vermuten, dass einige der Angeschriebenen mittlerweile ihre früheren elektronischen Anschriften nicht mehr nutzen, sodass die Zahl derjenigen, die tatsächlich eine Einladung zur Teilnahme an der Umfrage erhielten bzw. zur Kenntnis nahmen, um einiges niedriger als 473 ist. Der Online-Fragebogen wurde von 157 ehemaligen SeminarteilnehmerInnen ausgefüllt.[15] Ihre Antworten und Kommentare bilden die Basis der folgenden Ausführungen.

Wie die HochschullehrerInnen in Umfrage 1 wurden die ehemaligen Seminarteilnehmer-Innen ebenfalls gefragt, welche Seminarschwerpunkte sie für besonders wichtig halten. Auch sie konnten aus insgesamt zwanzig vorgegebenen Themen beliebig viele auswählen. Dabei ergibt sich folgendes Bild:

Abb. 5: Für den Lehrerberuf wichtige Seminarschwerpunkte (n = 157 ehemalige SeminarteilnehmerInnen, Mehrfachnennungen möglich)

Das Thema Gemeinsamer Unterricht in Theorie und Praxis ist für die Gesamtgruppe am vordringlichsten (93%). Die vorschulische Integration, internationale Erfahrungen mit Gemeinsamem Unterricht, statistische Informationen sowie die Geschichte der Sonderpädagogik und des Gemeinsamen Unterrichts werden von weniger als einem Drittel der Befragten als bedeutsam betrachtet. Bei den übrigen Themenschwerpunkten gibt es größere Schwankungen in der Bewertung - sowohl zwischen den als auch innerhalb der Teilgruppen.

Vier Untergruppen ehemaliger SeminarteilnehmerInnen lassen sich bilden:

  • 57 Studierende (36% der Gesamtgruppe), die sich nach der Seminarteilnahme nach wie vor noch im Hauptstudium befinden;

  • 75 LehramtsanwärterInnen (= 48% der Befragten), die mittlerweile in ihre zweite Ausbildungsphase eingetreten sind;

  • 21 LehrerInnen (= 13% aller Befragten), deren Seminarteilnahme mehr als zwei Jahre zurückliegt und schließlich

  • 4 "Sonstige" (= 2,5%), die nicht mehr studieren, aber (noch) nicht als Lehrerinnen arbeiten.

Da die Teilgruppen unterschiedlich groß sind, ist es sinnvoll, nicht nur die Gesamtgruppe, sondern auch den aktuellen Status der Befragten in den Blick zu nehmen, da er ein wichtiges Merkmal für die Bewertung integrativen Unterrichts sein kann. So lässt sich vermuten, dass die zunehmende Praxiserfahrung auf dem Weg in den Beruf zu einer realistischeren Einschätzung der Möglichkeiten und Schwierigkeiten im Zusammenhang mit dem GU führen könnte.

Die Bewertung wichtiger Seminarschwerpunkte stellt sich für die Teilgruppen wie folgt dar:

Tab. 2: Bewertung der Bedeutung der Seminarinhalte (geordnet nach Rängen, ausgehend von der Gesamtgruppe aller 157 Befragter)

Lässt man die vier "Sonstigen", die keine in sich geschlossene "Statusgruppe" bilden, außer Acht, so kann man für die drei größeren Teilgruppen unterschiedliche Einschätzungen feststellen.

  • Grundlagen und Praxisbeispiele: Für die Studierenden ist ganz besonders (98%) die Thematik Integration / Inklusion bedeutsam. Grundlegende Informationen hierzu sowie zum Problemfeld Heterogenität und zum Verfahren der Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf u. a. rechtlichen Fragen (jeweils von 82,5% der Befragten gewählt) werden von dieser Gruppe offenbar sehr gewünscht. Besonders hohe Zustimmung (84%) finden unter den Studierenden darüber hinaus Praxisbeispiele und Filme. Mit zunehmender eigener Schulerfahrung nimmt der Wunsch nach praktischen Beispielen immer mehr ab: Von den LehramtsanwärterInnen halten 68% diesen Aspekt für ein wichtiges Seminarthema, von den befragten LehrerInnen nur noch 52%.

  • Didaktik und Schulpraxis statt Theorie: Für die LehramtsanwärterInnen sind didaktische Aspekte im Zusammenhang mit dem Gemeinsamen Unterricht ein vorrangiges Thema (91% Zustimmung). Dabei spielt möglicherweise die eigene Ausbildungssituation eine entscheidende Rolle, da in diesem Zeitraum Fragen der Unterrichtsgestaltung zentral sind. Auch die Themenschwerpunkte auf Rang 3, Diagnostik sowie sonderpädagogische Förderung / Fördermaterialien (jeweils von 84% gewählt), werden vom weitaus größten Teil der LehramtsanwärterInnen als wichtig eingestuft und haben für die Phase des Referendariats hohe Relevanz. Demgegenüber sind die von den Studierenden besonders oft benannten Themen Integration / Inklusion sowie Heterogenität für die Mehrzahl der LehramtsanwärterInnen weniger bedeutend - und bei den LehrerInnen sinkt die Auswahlquote erneut.[16]

  • Diagnostik und Förderung: Von den LehrerInnen interessieren sich besonders viele (90,5%) für Formen sonderpädagogischer Förderung und Fördermaterialien, aber auch die Themen Diagnostik und Informationen zu unterschiedlichen Förderschwerpunkten (je 81%) finden hohe Zustimmung. Dies ist gut nachvollziehbar, da die genannten Bereiche im Schulalltag vieler LehrerInnen immer wieder aktuell werden. Interessant ist, dass vor allem die LehrerInnen Hospitationen in Förderschulen und GU-Klassen für einen wesentlichen Seminarbestandteil halten.[17] Dies könnte daran liegen, dass ihre Teilnahme am Hochschulseminar bereits einige Jahre zurückliegt. Bis 2005 waren zwei ganztägige Schulbesuche ein obligatorischer Bestandteil der Lehrveranstaltung; diese Hospitationen ließen sich seitdem jedoch nicht mehr für alle Seminarteilnehmer von Seiten der Universität aus sicherstellen, sodass inzwischen nur noch ein Teil der beteiligten Studierenden auf eigene Initiative hin Schulbesuche organisiert.[18] Möglicherweise waren die frühen Praxisbegegnungen mit Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf schon während des Studiums ein besonders prägender Aspekt. Hier wäre es wünschenswert, Aussagen von noch mehr ehemaligen SeminarteilnehmerInnen auswerten zu können, da die Gruppe der an der Befragung beteiligten LehrerInnen mit 21 recht klein ist.

Hat es sich aus Sicht der Befragten im Rückblick gelohnt, am Seminar teilgenommen zu haben? Nur eine Teilnehmerin hat zu dieser Frage keine Angabe gemacht. Auf den 157 bearbeiteten Fragebögen wird der Nutzen der Seminarteilnahme nur ein einziges Mal mit "gering" angegeben.[19] 85 Befragte (das sind 54%) glauben, es sei für sie "sehr nützlich", am Seminar teilgenommen zu haben, 47 (30%) entscheiden sich für eine mittlere Bewertung ("war ok") und 23 Befragte (15%) können aktuell den Nutzen noch nicht beurteilen. Betrachtet man die drei Teilgruppen, so lässt sich feststellen, dass die Studierenden mit 61% (gegenüber 53% bei den LehramtsanwärterInnen und 33% bei den LehrerInnen) am ehesten positive Auswirkungen der Seminarteilnahme erwarten.

140 (= 89%) Befragte haben ihre Einschätzung des persönlichen Nutzens begründet. Die Kommentare belegen u. a., dass ein grundlegendes Seminar zum GU für die spätere Berufspraxis von vielen Befragten als sehr praxisrelevant empfunden wird, dass der Seminarbesuch für einen großen Teil der TeilnehmerInnen zur ersten Auseinandersetzung mit der integrativen Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf führte und dass eine Lehrveranstaltung zum GU zur Bewusstseinsbildung entsprechend Artikel 8 der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beitragen kann. Hier einige exemplarische Aussagen von Befragten:

Warum war die Seminarteilnahme für mich nützlich?

Das Seminar hat überhaupt erst mein Interesse an Gemeinsamen Unterricht geweckt und damit meinen Horizont erweitert, da ich zuvor an Kinder mit Behinderungen nicht gedacht hatte, wenn ich über eine Schule für alle nachdachte. Ich würde mich darüber freuen, wenn ich später die Gelegenheit bekommen würde in einem geeigneten Rahmen Kinder mit und ohne Behinderung zu unterrichten. Das Seminar hat hier Ängste verringert

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Ich bin durch das Seminar zum ersten Mal mit dem Thema in Kontakt gekommen - und das auf eine sehr anschauliche Art und Weise! Darüber hinaus hat mir die Beschäftigung mit dem Thema viele Ängste genommen, die ich hatte - diese konnten durch den Umgang mit dem Thema, vor allem aber auch durch den besonderen Charakter des Seminars abgebaut werden! In meinem späteren Praktikum hatte ich deswegen überhaupt keine Hemmungen mehr. Darüber hinaus habe ich nun auch die Bereitschaft, in meiner späteren Klasse gezielt zu integrieren. Den Schüler sehe ich nun nicht mehr mit seinen Schwächen, sondern ich sehe die Stärken und Talente, die jeder Einzelne mitbringt!

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Vorher habe ich nicht wirklich darüber nachgedacht wie ich mit Schülern mit einer solchen "Problematik" umgehen kann/sollte. Das Thema "Behinderung" wird in der Öffentlichkeit meist gemieden. Deshalb fand ich das Seminar sehr nützlich. Hier konnte man, auch anhand der Filme, deutlich sehen, dass es durchaus möglich ist, diese Kinder zu integrieren. Außerdem hat es meinen Blick auf Menschen mit Behinderung verändert.

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Das Seminar hat ganz wesentlich zur Reflexion der eigenen Rolle beigetragen. Ich gehe davon aus, dass alle SeminarteilnehmerInnen mit einer größeren Sensibilität bezüglich des gemeinsamen Unterrichts das Seminar verlassen haben.

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Da ich in meiner eigenen Schulzeit keinen "Gemeinsamen Unterricht" erlebt habe, ist es schlichtweg WICHTIG, dass ich (und auch alle angehende Lehrer) auf das Thema aufmerksam gemacht werden und vieles über die Chancen eines gemeinsamen Unterrichts erfahren

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An Schulen kommt es immer häufiger vor, dass man in Integrationsklassen unterrichten muss. Diese Thematik wird in anderen Seminaren gar nicht beantwortet, so dass ich mich ohne dieses Seminar sehr wahrscheinlich nicht mit der Thematik beschäftigt hätte und unvorbereitet in den Unterricht geschickt würde.

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Ich würde später sehr gern in einer Integrationsklasse arbeiten. Durch das Seminar bekommt man einen sehr guten Einblick in das, was einen dort erwarten könnte. Teamteaching, Zusammenarbeit mit einem Sonderpädagogen etc. Das Seminar bereitet einen darauf sehr gut vor. Auch die unterschiedlichen Behinderungen kennen zu lernen und die Bedürfnisse, die ein behindertes Kind hat, sind wichtig.

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Mich hat das Thema gleich interessiert, so kam auch die Frage auf, ob ich noch ein Zusatzstudium für den Bereich der Sonderpädagogik machen solle. Auch für den jetzigen Unterricht in einer GU-Klasse waren die Informationen aus dem Seminar sehr hilfreich.

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Ich werde mein Referendariat in einer inklusiven Schule absolvieren und bin froh über die Inhalte, die mir in Bezug auf gemeinsamen Unterricht vermittelt worden sind. Sie werden mir helfen, Behinderungen unterschiedlichster Art differenzierter wahrzunehmen und besser damit umzugehen.

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Im Moment unterrichte ich in einer Integrationsklasse, daher kann ich mich an einige Seminarinhalte gut zurück erinnern. Das Seminar gibt eine gute Vorbereitung im Rahmen des Studiums. Besonders wichtig und nützlich finde ich den Praxisbezug im Seminar. Durch konkrete Beispiele kann man sich besser vorstellen, wie die Arbeit in Integrationsklassen aussehen könnte.

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Zur Zeit bin ich an einer Schule, die evtl. GU-Schule werden möchte. Hier kann ich das Wissen sehr gut in Konferenzen gebrauchen. Des Weiteren hat mir das Praktikum in einer Förderschule für körper- und geistigbehinderte Kinder eine ganz andere Sicht- und Umgehensweise vermittelt.

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Ich bin Referendarin an einer sozialen Brennpunktschule und erlebe, wie darüber diskutiert wird, ob unsere Schule Integrationsschule sein sollte oder nicht. Ich bin froh, fundierte Kenntnisse zu haben.

Das Seminar "Grundschule - Förderschule - Gemeinsamer Unterricht" ist für Studierende eines von vielen, und nicht in jedem Fall wurde es allein aus Interesse an der Thematik gewählt.[20] Schon allein deshalb ist es ratsam, die Frage der Nachhaltigkeit kritisch zu stellen. Woran können sich die TeilnehmerInnen vor allem erinnern, wenn sie an das Seminar zurückdenken? Hierzu haben 123 Befragte (78%) Angaben gemacht.

Tab. 3: Erinnerung an das Seminar "Grundschule - Förderschule - Gemeinsamer Unterricht" (Die Tabelle enthält die jeweils drei häufigsten Nennungen.)

Von den heutigen LehrerInnen und LehramtsanwärterInnen werden am häufigsten Hospitationen und Praktika erwähnt, an die sie sich erinnern, wenn sie auf ihre Seminarteilnahme zurückblicken. Dass die Gruppe der Studierenden keine vergleichbaren Angaben macht, sondern diejenigen aus dieser Teilgruppe, die ihre Erinnerungen kommentieren, eher von Selbsterfahrungen und Simulationen beeindruckt sind, hängt sicher damit zusammen, dass in jüngerer Zeit nicht mehr von universitärer Seite aus für alle SeminarteilnehmerInnen Hospitationstage angeboten werden; zugleich deutet sich aber auch an, dass der Verzicht hierauf ein großer Verlust sein könnte, wenn sich von den jetzt in der Schule Tätigen besonders viele gerade an die unmittelbare Begegnung mit Schülern in Integrationsklassen und an Förderschulen erinnern.

Neben Selbsterfahrungen, die darauf zielen, sich stärker in Menschen mit Behinderungen einfühlen zu können, werden von den Studierenden an zweiter Stelle Filmbeiträge genannt, die im Seminar bezogen auf verschiedene Förderschwerpunkte und den GU zum Einsatz kommen. Alle drei Gruppen heben die Bedeutsamkeit des Praxisbezugs hervor, wenn sie auf die Seminarteilnahme zurückblicken.

Auch zu diesem Teil des Fragebogens wieder ein paar wörtliche Zitate:

Daran erinnere ich mich, wenn ich an das Seminar zurückdenke:

... an den Gastbesuch einer blinden Kommilitonin, die ihren Alltag geschildert hat. Das war sehr interessant.

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Vor allem erinnere ich mich an die Sitzung, in der wir diese Brillen aufsetzen konnten, die uns zeigten, wie blinde Menschen den Alltag erleben.

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...an meinen Selbstversuch, als "blinder" Mensch eine gewisse Zeit im Alltag zu überstehen.

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...an das schöne Gefühl, dass aus einem "Angstthema" ein "Spaßthema" wurde.

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Besonders gewinnbringend waren für mich die praktischen Aufgaben, die wir absolvierten, um unsere Creditpoints zu erhalten. So habe ich in einer Förderschule hospitiert und ein Interview mit einer Mutter eines körperbehinderten Schulkindes gemacht. Vor allem die Hospitation in der Förderschule hat mich beeindruckt. Ich habe mich hier mit verschiedenen Menschen, die in dieser Schulform zusammenarbeiten (z.B. Ergotherapeuten, Lehrern, Sozialpädagogen...) ausgetauscht und erstmals erfahren, dass in dieser Schulform zwar auch Wissensvermittlung, aber in erster Linie der Weg zu selbstständigem Handeln im Alltag im Vordergrund steht. Diese Erkenntnis hat auch später mein Unterrichten im GU geprägt, indem ich möglichst viele offene Arbeitsformen erprobt habe.

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Ich erinnere mich vor allen Dingen sehr positiv an die Hospitation in der Förderschule zurück. Dieser Einblick hat mich sehr beeindruckt und vorhandene Vorurteile sicher zerstreut

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...wie fließend manchmal die Grenzen sein können bei der Frage, ob sonderpädagogischer Förderbedarf besteht oder nicht

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...die Begeisterung, mit der Mut zu einer gemeinsamen Beschulung verbreitet wurde.

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Ich erinnere mich ins besondere an den Film über die Schulen in Skandinavien, weil es mich fasziniert hat, dass alle Kinder ausnahmslos so lange gemeinsam unterrichtet werden.

141 frühere SeminarteilnehmerInnen, das sind 90% der Befragten, kommentieren, wie sie aus heutiger Sicht den Gemeinsamen Unterricht einschätzen (vgl. Tab. 4). Die generelle Zustimmung zum GU ist in allen Teilgruppen hoch, wobei es jedoch so scheint, dass die zunehmende Praxiserfahrung dazu beiträgt, verstärkt auf adäquate Rahmenbedingungen zu pochen, damit die gemeinsame Beschulung gelingen kann. So äußern sich 63% der Teilgruppe der Studierenden, 52% der LehramtsanwärterInnen und 38% der LehrerInnen ohne Einschränkungen positiv zum GU; zugleich steigt die Quote derjenigen, die integrativem Unterricht zwar positiv gegenüberstehen, aber angemessene Voraussetzungen hierfür fordern, von 14% (Studierende) über 20% (LehramtsanwärterInnen) auf 48% (LehrerInnen). Diese Entwicklungen verwundern nicht, wenn man die Schwierigkeiten in Augenschein nimmt, die bei der praktischen Umsetzung einer gemeinsamen Beschulung vielfach zu finden sind. Mangelnde personelle und sächliche Ressourcen sind, ebenso wie andere Stolpersteine für die Realisierung des GU, aufgrund ihrer Berufserfahrung am ehesten den LehrerInnen vertraut.

Tab. 4: Bewertung des Gemeinsamen Unterrichts aus heutiger Sicht (Die Tabelle enthält die jeweils drei häufigsten Nennungen.)

Allen drei Teilgruppen gemeinsam ist die positive Einschätzung möglicher Effekte beim sozialen Lernen, die sich ergeben können, wenn behinderte und nichtbehinderte Schüler in derselben Klasse unterrichtet werden. Hier wird von vielen Befragten auf Vorteile für alle Beteiligte hingewiesen.

Seltener, aber doch erwähnenswert sind negative Erfahrungen bzw. skeptische Äußerungen zur Umsetzung der gemeinsamen Beschulung (insgesamt 19 Kommentare). Sie machen darauf aufmerksam, dass aus Sicht der Befragten GU, so wie er aktuell erlebt wird, nicht durchweg als ein "Erfolgsmodell" betrachtet wird, sondern dass zur für alle Beteiligte gewinnbringenden Realisierung z. T. enorme Anstrengungen erforderlich sind.

Einige Beispiele für Aussagen zum Gemeinsamen Unterricht:

Das denke ich heute über den GU:

Meiner Meinung nach sehr wichtig für behinderte und nichtbehinderte Kinder; eine gegenseitige Bereicherung.

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Das Seminar macht einem deutlich, wie viel Kinder durch gemeinsamen Unterricht gewinnen können und dass es durchaus positiv ist. Im Alltag habe ich leider erfahren müssen, dass die Umsetzung unter den aktuellen Rahmenbedingungen sehr schwierig bis teilweise gar nicht zu schaffen ist. Das finde ich sehr schade und auch etwas demotivierend.

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Trotz Arbeit an einer sehr guten Förderschule mit dem Schwerpunkt "Lernen" denke ich, dass der gemeinsame Unterricht die einzige Alternative ist. Allerdings muss sich noch viel in den Köpfen der Kollegen ändern, um den Grundsatz "jeden dort abholen, wo er steht" auch in der Praxis umzusetzen. Tief betroffen macht mich, dass die wenigsten Schüler, die eine FöSch besuchen, auch soziale Kontakte außerhalb der Schule haben. Meine Erfahrung ist, dass die Ablehnung der integrativen Beschulung ein Weg in die soziale Isolation ist. Das Argument, dass die Schüler während der integrativen Beschulung die Motivation verlieren, weil sie merken, dass die anderen vieles besser können, ist gelinde gesagt Quatsch. Die Cleveren unter den Förderschülern wissen das auch so und wissen leider auch, dass sie nur wenig Zukunftsaussichten mit ihrem Schulabschluss haben und verhalten sich dementsprechend.

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In der inklusiven Schule ist mir aufgefallen, dass ich meistens nicht sofort erkennen kann, ob ein Kind sonderpädagogischen Foerderbedarf hat oder nicht. Die Kinder sind für mich im ersten Moment alle gleich und das gilt auch für die Schüler untereinander. Sie respektieren Schwächen oder physische Behinderungen anderer und grenzen nicht aus. Ein Gemeinschaftsgefühl herrscht an der Schule und ich hoffe, dass diese Erfahrungen künftig von den Schülern in die Gesellschaft weitergetragen werden.

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Ich denke, dass es eine große Herausforderung ist, GU zu planen und umzusetzen. Dennoch ist er wichtig und unbedingt nötig, um Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in unserer Gesellschaft zu integrieren. Schule ist einer der wichtigsten Orte, wo Integration stattfinden sollte.

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Dem GU sind deutliche Grenzen gesetzt, insbesondere durch nicht oft genug anwesende Sonderpädagogen in den Klassen und die mangelnde Lehrerausbildung in diesem Bereich.

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Theorie und Praxis klaffen weit auseinander! Sonderpädagogen haben zu wenig Stunden für einzelne Kinder; Sonderpädagogen werden häufig im Vertretungsplan eingesetzt...etc.

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Er ist auf jeden Fall erstrebenswert (v. a. angesichts der vielen positiven Forschungsbefunde), stellt den Lehrer aber auch vor eine große Herausforderung. Es gibt sicher Fälle, in denen Gemeinsamer Unterricht (z. B. bei einer hochgradigen geistigen Beeinträchtigung) schwer realisierbar ist und sich die Frage stellt, ob den Bedürfnissen des Kindes nicht besser durch eine Förderbeschulung entsprochen werden könnte. In meinen Praktika konnte ich sowohl Fälle gelungener als auch fehlgeschlagener Integrationsversuche beobachten.

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Er ist für viele, vielleicht nicht jedoch für alle Kinder mit Behinderung wichtig und nötig. Das System Schule ist jedoch noch nicht ausreichend auf GU vorbereitet.

Wie stehen die früheren SeminarteilnehmerInnen zu der Frage, ob es für alle Lehramtsstudierende verpflichtende Lehrveranstaltungen geben sollte, die sie auf die Themen Integration, Inklusion und Gemeinsamer Unterricht vorbereiten? Man kann davon ausgehen, dass sich GU umso leichter etablieren kann, je mehr LehrerInnen grundlegend hierüber informiert und für Schüler mit besonderen Förderbedürfnissen sensibilisiert sind. Über die Frage, ob in den Studienordnungen für alle künftigen LehrerInnen die Teilnahme an einem Seminar mit dem Schwerpunkt "Integration, Inklusion, Gemeinsamer Unterricht" einen obligatorischen Baustein darstellen sollte, kann man diskutieren. 140, d. h. 91,5% der Befragten, sprechen sich für ein Pflichtseminar aus, 13 (8,5%) dagegen, wie Tab. 5 verdeutlicht:

Tab. 5: Zustimmung zu Pflichtveranstaltung zum GU

Zählt man die drei "Sonstigen" noch hinzu sowie 20 nach Abschluss der Online-Umfrage befragte TeilnehmerInnen des aktuellen Seminars vom WS 2008/09, die alle JA als Antwort auswählten, so erhöht sich die Zustimmung weiter auf 163 (= 93%) JA- bei lediglich 13 NEIN-Stimmen (7%). Die meisten Befragten befürworten demnach nicht nur den GU, sondern mit überwältigender Mehrheit auch eine verbindliche Vorbereitung aller künftiger Lehrkräfte hierauf an der Hochschule.[21] Diejenigen, die sich gegen Pflichtveranstaltungen aussprechen, begründen dies damit, dass sie die studentische Freiheit nicht noch mehr eingeschränkt sehen möchten bzw. dass Zwang nicht automatisch zu Interesse führe.

90% der befragten früheren SeminarteilnehmerInnen begründen ihre Entscheidung für oder gegen den verbindlichen Seminarbesuch näher - auch an dieser Stelle z. T. wiederum sehr differenziert, wie die folgenden Auszüge zeigen:

Sollte es für alle Lehramtsstudierende verpflichtende Lehrveranstaltungen zum Thema Integration / Inklusion / Gemeinsamer Unterricht geben?

Dieser Themenbereich gehört zur Lehrerbildung dazu, da es in der Praxis vorkommen kann, dass man gemeinsam unterrichtet. Es reicht nicht, wenn man sich dann erst Gedanken über das Thema macht.

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Alle LAAs können bereits von Beginn an mit diesem Thema in Berührung kommen und sollten vorbereitet sein. Zudem entspricht das Wissen über mögliche Anzeichen oder Tests für den sonderpädagogischen Förderbedarf dem Basiswissen eines jeden Lehrers, um angemessen mit den Schwächen von Kindern umzugehen!

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Damit die zukünftigen Lehrer nicht vollkommen illusorisch in ihren Beruf starten und plötzlich einer Klasse mit einem körperbehinderten Kind gegenüberstehen, finde ich es sehr wichtig, dass solche Veranstaltungen angeboten werden um die Studenten schon im voraus auf solche Situationen vorzubereiten.

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Diese Veranstaltung sollte für alle Lehramtsstudierenden verpflichtend sein, da viele Seminarinhalte (z. B. rechtliche Grundlagen, Diagnoseverfahren sowie Förderungsmaßnahmen bei sonderpädagogischen Förderbedarf, Verhaltensauffälligkeiten, Hochbegabung etc.) meiner Meinung nach zum "Grundwissen" eines Lehrers bzw. einer Lehrerin dazugehören.

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Das Thema betrifft jeden. Auch als Hauptschullehrer wird man Kontakt mit SchülerInnen haben, die Einschränkungen aufweisen und man sollte eine Grundlagenwissen haben, damit und wie man diesen SchülerInnen helfen und sie fördern kann.

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Je mehr Lehrer gemeinsamen Unterricht kennen lernen, umso mehr werden sie auch bereit sein sich ihm zu öffnen. Wenn sie erkennen, welche Chancen im GU liegen, für das behinderte Kind aber auch für die Regelschüler, wird sich vielleicht in Zukunft einiges vereinfachen.

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Erst durch die Beschäftigung mit dem Thema konnten mir viele Ängste genommen werden - ich stehe dem Thema nun mit einer sehr, sehr positiven Haltung gegenüber! Ohne das Seminar hätte ich wahrscheinlich das Ganze immer wieder verdrängt, Vorurteile gehabt, Ängste empfunden - erst durch das Seminar sind mir "die Augen geöffnet worden"!

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Ich finde sogar, dass es verpflichtend sein sollte, mindestens ein schulisches Praktikum in einer GU-Schule zu absolvieren.

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Ohne fundierte Kenntnisse, die man aus solchen Seminaren gewinnen kann, kann man sich mit dem Thema überhaupt nicht auseinander setzen oder sich dazu eine eigene Meinung bilden.

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Vor der Veranstaltung wusste ich nicht so richtig was mich erwartet, ich war recht unsicher, was dieses Thema betrifft. Jetzt habe ich einen recht guten Überblick und könnte mir auch vorstellen, in einer solchen Klasse zu arbeiten.

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Solche Veranstaltungen zeigen auf jeden Fall, dass sonderpädagogischer Förderbedarf sehr unterschiedlich ausfallen kann und ich denke, dass das vielen Studenten nicht bewusst ist (war es mir vor der Veranstaltung auch nicht). Außerdem hat mir die Praxiserfahrung einen ganz anderen Blick auf die Förderschulen und Kinder mit Lernschwierigkeiten gegeben und ich denke eine solche Erfahrung sollte jeder Student einmal gemacht haben.

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Nur so ist es möglich Vorurteile abzubauen. Ich denke viele Lehrer lehnen den GU ab, weil sie nicht wissen, was auf sie zukommt. Dies könnte vermieden werden, wenn man von vornherein darauf eingeht.

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Wird es in der Universität als Pflichtveranstaltung angeboten, vermute ich, dass vielen Studenten die Angst davor genommen werden kann. Es ist schwierig Gemeinsamen Unterricht in der Schule zu unterstützen, wenn man sich als Lehrperson hilflos fühlt, weil man an der Universität nie mit dem Thema in Kontakt gekommen ist. Somit hat man nicht die Ausbildung eines Sonderpädagogen und fühlt sich überfordert. Durch die Veranstaltung relativiert sich dieser Blick, man ist bereit sich selbst mehr zuzutrauen und sich tiefer mit den einzelnen Themen zu beschäftigen.

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Auch wenn ich mein Leben lang an keiner integrativ ausgerichteten Schule arbeiten sollte, hat mich das Seminar für die Belange meiner "behinderten" Mitmenschen sensibilisiert!

2.3 Perspektive der Lehrenden und der Studierenden im Vergleich

In beiden Fragebogen-Varianten wurden die Beteiligten um ihre Einschätzung zu wichtigen inhaltlichen Schwerpunkte für Lehrveranstaltungen zum Thema "Gemeinsamer Unterricht" gebeten; dabei standen zwanzig Seminarbausteine zur Auswahl. Wie in Tab. 5 und Abb. 6 erkennbar, unterscheiden sich die Bewertungen zur Bedeutsamkeit der Inhalte teilweise deutlich:

Tab. 6: Vergleich der Antworten der 15 HochschullehrerInnen mit den 157 ehemaligen Siegener SeminarteilnehmerInnen, die Fragebögen bearbeitet haben

Von den Hochschullehrenden werden am häufigsten (je elfmal) grundlegende Informationen zu den Themen Heterogenität, Integration/Inklusion, Gemeinsamer Unterricht (Theorie und Praxis) und Diagnostik als zentral für die Lehrveranstaltung genannt. Je zehnmal werden Forschungsbefunde zum GU, Didaktik des GU und Praxisbeispiele (+ Filme) von ihnen gewählt.

Betrachtet man das Ergebnis der Befragung der ehemaligen SeminarteilnehmerInnen, so gibt es auf den ersten sieben Plätzen vier Überschneidungen mit der Hochschullehrergruppe: Gemeinsamer Unterricht (Theorie und Praxis, Didaktik des GU, Integration/Inklusion) und Diagnostik sind von beiden Gruppen gleichermaßen als besonders bedeutsam empfunden.Heterogenität wird von den Siegener StudentInnen seltener genannt (Rang 8), vermutlich weil es ohnehin ein verpflichtendes Modul mit drei Lehrveranstaltungen zu dieser Thematik gibt. Forschungsbefunde zum GU sind demgegenüber offenbar aus Sicht der DozentInnen (Rang 5) wichtiger als für die Studierenden (Rang 15).

Abb. 6: Einschätzung der Bedeutsamkeit inhaltlicher Schwerpunkte für Lehrveranstaltungen zum GU durch 15 HochschuldozentInnen und 157 ehemalige Siegener SeminarteilnehmerInnen

Bei einem Blick auf die hinteren Ränge fällt auf, dass bei den Hochschulfragebögen die Themen Hospitationen in Förderschulen und GU-Klassen sowie Selbsterfahrungen und Simulationen auf den beiden letzten Plätzen (je dreimal gewählt = 21%) liegen, im Vergleich zu den übrigen Vorgaben demnach wohl von der Mehrzahl der DozentInnen als weniger wichtig angesehen werden. Hier unterscheidet sich ihre Einschätzung deutlich von der Bewertung der ehemaligen TeilnehmerInnen, die den Hospitationen (Rang 9 aller Seminarteilnehmer, bei den LehramtsanwärterInnen Rang 6, bei den LehrerInnen Rang 3) eine höhere bzw. z. T. sogar sehr hohe Bedeutung beimessen. Selbsterfahrungen und Simulationen, die nach Aussagen zahlreicher ehemaliger Seminarteilnehmer vor allem die Sensibilisierung für die Möglichkeiten und Grenzen von Menschen mit Behinderung fördern können, spielen bei den meisten DozentInnen ebenfalls keine besondere Rolle. Dasselbe gilt für das Thema sonderpädagogische Förderung, Fördermaterialien und Hilfsmittel, das in den Lehrveranstaltungen fast aller befragten Lehrenden außen vor bleibt und daher ebenfalls auf dem letzten Rang liegt. Anders die Einschätzung der ehemaligen Seminarteilnehmer: Für 80% (das entspricht Rang 3 der 20 Auswahlthemen) ist es sehr wünschenswert, dass im Seminar Fördermaßnahmen und besondere Hilfen für Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf thematisiert werden.

Wie sind diese Differenzen zu bewerten? Die Praxis des GU wird zwar in den Lehrveranstaltungen, zu denen Fragebögen ausgefüllt wurden, angesprochen, den meisten DozentInnen reicht es jedoch, dies in Form von Beispielen aus der Praxis, die ggf. mit Filmen unterstützt werden, zu realisieren. Der Aspekt der Grundinformation überwiegt eindeutig im Vergleich zur direkten Begegnung mit Schülern mit besonderem Förderbedarf und zur Sensibilisierung durch Versuche, sich in Form von Selbsterfahrungen in Menschen mit Behinderungen hineinzuversetzen. Auch die eigentliche sonderpädagogische Förderung im Schulalltag und dafür notwendige Hilfsmaterialien kommen offenbar wenig zur Sprache, obwohl dieser Aspekt von den Studierenden als ganz zentral angesehen wird.[22]

Aufgrund der geringen Zahl von nur fünfzehn Hochschullehrenden, die einen Fragebogen bearbeitet haben, verbieten sich bei Vergleichen der beiden Umfragen weit reichende Schlüsse. Verfügte man über eine repräsentative Stichprobe, so wäre es interessant zu untersuchen, ob die vorliegenden Befunde bestätigt werden könnten. Werden in Lehrveranstaltungen zum GU und zum Thema Inklusion/Integration Praxiserfahrungen durch Hospitationen oder Praktika sowie Selbsterfahrungsaufgaben wirklich überwiegend ausgeklammert? Können künftige GrundschullehrerInnen sich in der Lehrveranstaltung einen ersten Eindruck vom sonderpädagogischen Tätigkeitsfeld in der Schule machen und lernen sie einige wichtige Hilfsmittel (z. B. für sehbehinderte, hörgeschädigte oder für körperbehinderte Schüler) kennen, die für integrativen Unterricht u. U. unverzichtbar sind - oder sind dies keine Themen für die meisten dieser Lehrangebote, wie die vorliegende Befragung vermuten lässt? Zum jetzigen Zeitpunkt müssen einige dieser Fragen offen bleiben.



[6] Beispiele hierfür: Turnbull/Schulz (1979), Hallahan/Kauffman (1978).

[7] Die Beschränkung auf den Grundschulbereich erfolgte aus zeitlichen und personellen Gründen sowie aufgrund der Tatsache, dass die Umfrage von der Arbeitsgruppe Primarstufe der Universität Siegen durchgeführt wurde; dies bedeutet jedoch nicht, dass bei den anderen Lehramtsstudiengängen Angebote zum GU weniger wichtig wären.

[8] Offizielle Verzeichnisse dieser Hochschulen (etwa von der Kulturministerkonferenz oder vom Grundschulverband) scheint es nicht zu geben. Unsere Liste entstand auf Basis der Homepage der hessischen Bundesagentur für Arbeit, die eine nach Bundesländern geordnete Übersicht zu Hochschulen mit Lehramtsausbildung anbietet (http://www.studienwahl.de/index.aspx?anzeige=0&f=4_1_8_0_0_0_0_content_01.aspx; online am 1.3.2009).

[9] Hochschul-Fragebogen: s. Anhang 1.

[10] Nähere Informationen unter https://www.dw-formmailer.de.

[11] Stand der Befragung ist das Wintersemester 2008/09.

[12] Vgl. Degenhardt (2008, 15f.) unter Bezugnahme auf Mayring (1983) zur Methode der Textanalyse unter Verwendung von "Anker-" bzw. "Signalwörtern". Bei der vorliegenden Siegener Internetrecherche wird davon ausgegangen, dass die ausgewählten Suchbegriffe in der aktuellen Fachdiskussion einen hohen Stellenwert haben und häufig verwendet werden. Es ist jedoch zu vermuten, dass die Signalwörter nur in einem Teil der Titel von Lehrveranstaltungen wiederzufinden sind, sodass stichwortunabhängige ergänzende Analysen - vor allem in den Vorlesungsverzeichnissen - ebenfalls zum Einsatz kamen.

[13] Hierzu ist anzumerken, dass die Internetpräsenz der untersuchten Hochschulen qualitativ sehr unterschiedlich zu bewerten ist, was die adressatenfreundliche Gestaltung, die einfache Nutzung der Internetangebote und die Aussagekraft der Vorlesungsverzeichnisse angeht. An nicht wenigen Hochschulen besteht in dieser Hinsicht ein großer Verbesserungsbedarf.

[14] Eine Liste mit Emailadressen der SeminarteilnehmerInnen wurde erstmals im Wintersemester 2003/04 angelegt. Somit konnten die Studierenden, die das Seminar in den Jahren zuvor belegt hatten, nicht in die Befragung einbezogen werden.

[15] Das entspricht - wenn man trotz der Einschränkung vermutlich einiger mittlerweile ungenutzter Emailadressen von 473 Angeschriebenen ausgeht - einer Antwortquote von 33%. - Der Fragebogen ist in Anhang 2 zu finden.

[16] Von den Studierenden halten 98% den Aspekt Integration / Inklusion für ein wichtiges Seminarthema, während es bei den LehramtsanwärterInnen 73% und bei den LehrerInnen nur 52% sind. Heterogenität wird von 82,5 der Studierenden, von 72% der LehramtsanwärterInnen und nur noch von 57% der LehrerInnen als wesentlicher Seminarteil bezeichnet.

[17] 86% der LehrerInnen (Rang 3 unter den von dieser Teilgruppe aufgezählten Themenschwerpunkten) halten Hospitationen für ein prägendes Seminarelement. Zum Vergleich: Bei den LehramtsanwärterInnen sind es 76% (das entspricht einem teilgruppenspezifischen Rang 6), bei den Studierenden 67% (= Rang 12), die derselben Ansicht sind.

[18] Ein wesentlicher Grund für den Verzicht auf verbindliche, vom Seminarleiter in Kooperation mit den Schulen abgesprochene Hospitationen im Rahmen des Seminars waren wiederholte Klagen einiger Schulen, die sich aufgrund des verkürzten Eindrucks ("Zoo-Effekt") gegen ein- bis zweitägige Kurzbesuche aussprachen.

[19] Zu dieser Einschätzung kam eine ehemalige Teilnehmerin, die inzwischen als Lehrerin arbeitet. Interessant ist, dass sie für sich selbst bisher keinen großen Nutzen darin sieht, am Seminar teilgenommen zu haben, andererseits aber dafür eintritt, dass es an Hochschulen verpflichtende Lehrveranstaltungen für alle Lehramtsstudierende zum Thema Integration / Inklusion / GU geben sollte.

[20] Andere Faktoren wie die Zuordnung der Lehrveranstaltung zu einem für das Studium notwendigen Modul oder eine für die Stundenplanung gerade günstige Seminarzeit sind bei einem Teil der Studierenden anzunehmen.

[21] Dieser hohe Grad an Zustimmung für eine Pflichtveranstaltung zum GU übertrifft die Zustimmungsquote von 82% an der TU Berlin durchgeführten Umfragen zu Teilnehmern an entsprechenden Seminaren (Demmer-Dieckmann 2008, 262).

[22] Gehrmann u. a. (2000) stellen in ihrem Bericht über eine Evaluation der Lehrangebote zum GU an der Universität Dortmund ebenfalls fest, dass die Bedürfnisse der Studierenden "in konkreten praxisbezogenen Bereichen" liegen (ebd., 26).

3. Zwischenbilanz

Welche Erkenntnisse lassen sich aus den beiden Befragungen sowie den ergänzenden Internetrecherchen und persönlichen Korrespondenzen mit Hochschullehrenden gewinnen?

Zunächst kann festgehalten werden, wenn man die 43 deutschen Hochschulen mit Grundschullehramtsausbildung betrachtet, dass es enorme Unterschiede gibt, die u. a. die Anzahl, die Strukturierung, die Vielseitigkeit und den Grad der Verbindlichkeit der Lehrangebote betreffen, aber auch die Vorerfahrungen der DozentInnen in Theorie und Praxis des Gemeinsamen Unterrichts. Regionale Besonderheiten im Umfeld der Hochschulen bedingen weitere unterschiedliche Ausprägungen. Wie die bearbeiteten Fragebögen und die Analyse der im Internet verfügbaren Informationen verdeutlichen, können die Lehrangebote zum GU an deutschen Hochschulen inhaltlich stark voneinander abweichen - trotz z. T sehr ähnlicher Titel.[23] So sind Hospitationen und Praktika in Bundesländern sowie Regionen mit sehr niedriger Integrationsquote oft kaum möglich, sodass allein deshalb Praxiserfahrungen vor Ort als unmittelbar erlebbare Konkretisierungen gemeinsamen Unterrichts in Verbindung mit einer Lehrveranstaltung ausgeklammert werden müssen.

Beinahe an der Hälfte der deutschen Universitäten bzw. Pädagogischen Hochschulen finden angehende GrundschullehrerInnen gegenwärtig gar keine speziellen Lehrangebote zum GU; hier ist zu vermuten, dass dieses Thema allenfalls in anderen Seminaren oder Vorlesungen am Rande behandelt wird.

Die Zustimmung zum GU bei den Befragten ist hoch. Sowohl die DozentInnen wie auch die große Mehrheit der ehemaligen Siegener Seminarteilnehmer befürworten die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf. Die Thematik wird von beiden Seiten als bedeutsam für die Lehrerausbildung und die spätere Berufspraxis angesehen.

Pflichtveranstaltungen zum GU und zu sonderpädagogischen Grundfragen für alle Grundschullehramtsstudierende sind an keiner deutschen Hochschule zu ermitteln. Die Befunde von Umfrage 2 untermauern Demmer-Dieckmanns (2007, 2008) Berliner Ergebnisse: Die meisten aktuellen und ehemaligen Lehramtsstudierenden, die an der Befragung teilgenommen haben, halten es für dringend notwendig, schon im Studium grundlegend auf den GU vorbereitet zu werden und stimmen der obligatorischen Teilnahme an einer entsprechenden Lehrveranstaltung zu.[24]

An Hochschulen, die sowohl SonderpädagogInnen wie auch andere Lehramtsstudierende ausbilden, ist die Chance größer, dass Lehrangebote zum GU existieren. Das Problem der unzureichenden Durchlässigkeit und Kooperation zwischen verschiedenen Fachbereichen (z. B. Sonderpädagogik / Grundschulpädagogik), aber auch zwischen unterschiedlichen sonderpädagogischen Fachrichtungen an derselben Universität, wird von mehreren Hochschullehrenden angesprochen.[25] Hans Wocken (2009, 8) stellt ernüchtert fest: "Inklusion findet in der allgemeinen Pädagogik schlichtweg nicht statt, sondern scheint bislang ein exklusives Anliegen der Behindertenpädagogik zu sein." Auch wenn die Siegener Untersuchung Anlass zu vorsichtigem Optimismus gibt, da mittlerweile doch an einigen deutschen Hochschulen zumindest u. a. auch für Grundschullehramtsstudierende außerhalb des Sonderpädagogikbereichs Lehrangebote zu diesem Thema existieren, gilt doch noch weitgehend: "Die Protagonisten der Inklusion sind allesamt in behindertenpädagogischen Gefilden beheimatet." (Wocken 2009, 8).

Aus den Ergebnissen der beiden Siegener Umfragen lassen sich einige Konsequenzen für die Ausbildung von GrundschullehrerInnen an deutschen Universitäten und Pädagogischen Hochschulen ableiten, die in Form von fünf einander ergänzenden Empfehlungen nachfolgend vorgestellt werden.



[23] Beispiele für Titel von Lehrveranstaltungen: Integration von Anfang an, Integration v. Segregation, Von der Integration zur Inklusion, Chancen und Grenzen der Inklusion, Gemeinsam statt getrennt, Integration in Schule und Freizeit, Einführung in die Integrationspädagogik, Die Grundschule als Schule für alle Kinder.

[24] Zustimmung zu einem Pflichtseminar bei den Siegener Befragten: über 90%, bei den Berliner StudentInnen: über 80%.

[25] Einige beispielhafte Äußerungen von DozentInnen: Es ist unverändert sehr mühsam, dieses Thema im Bereich der allgemeinen Pädagogik zu implementieren. / Über das Studienangebot der Grundschulpädagogik im Haus bin ich leider nicht ausreichend informiert. / Leider sind wir bisher mit dem Thema Integration/Inklusion nicht aus der sonderpädagogischen Nische herausgekommen. / Von weiteren Angeboten zum GU für die Grundschulstudierenden ist mir derzeit nichts bekannt, es scheitert einfach an den Ressourcen. / Unsere Angebote waren immer offen auch für Studierende im Lehramt an Grund- und Hauptschulen, also nicht nur für Sonderpädagogen. Hieran nahmen allerdings nur selten Studierende des Lehramtes an Grund- und Hauptschulen teil.

4. Ausblick: Konsequenzen für die Hochschulausbildung von Grundschullehrerinnen und -lehrern

Damit der gemeinsame Schulbesuch von Kindern mit und ohne besonderen Förderbedarf im Sinne der aktuellen UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen flächendeckend möglich wird, sollte die Ausbildung von künftigen LehrerInnen an deutschen Hochschulen modifiziert werden. Folgende Schritte erscheinen dabei im Hinblick auf das Grundschullehramtsstudium besonders wichtig:[26]

  1. Alle Grundschullehramtsstudierenden befassen sich bereits während des Studiums mit grundlegenden sonderpädagogischen Fragestellungen und der Thematik "Gemeinsamer Unterricht". Die Hochschulen stellen entsprechende Lehrangebote sicher.

In vielen europäischen und außereuropäischen Ländern sind elementare sonderpädagogische Studienanteile für alle Lehrämter weitaus stärker verankert als in Deutschland (vgl. Hausotter 2003), obwohl bereits der Deutsche Bildungsrat 1973 die wachsende Bedeutung sonderpädagogischer Aufgaben im Zusammenhang mit der allgemeinen Schule hervorhob. Hans Wockens (2005) Vortrag zum Thema "Allgemeinen Sonderpädagogin oder Besondere Allgemeinpädagogin" verdeutlicht die gemeinsame Verantwortung der in Ausbildung und Schulpraxis noch immer zu weit voneinander entfernten Lehrämter. Erfolgreicher GU braucht beide Seiten: den Blick auf die besonderen Schüler und den Blick auf die Schüler ohne diagnostizierten Förderbedarf innerhalb derselben Gesamtgruppe. Hierfür benötigt die Grundschullehrerin Basiswissen zu sonderpädagogischen Kernfragen und Möglichkeiten der Konkretisierung integrativer Konzepte. Dieser Notwendigkeit tragen die Empfehlungen der Expertenkommission zur Ausbildung von LehrerInnen in NRW (MIWFT 2007) Rechnung, die von einem Ausbau integrativer Beschulung ausgehen und eine stärkere Verknüpfung von sonder- und grundschulpädagogischen Inhalten im Studium fordern.

  1. Alle Studienordnungen für Grundschullehramtsstudiengänge werden dahingehend überarbeitet, dass integrations-/inklusionspädagogische Studieninhalte als verbindliche Bestandteile aufgenommen werden. Akkreditierungsanträge für neue Bachelor- und Masterstudiengänge werden nur bewilligt, wenn darin entsprechende Bausteine festgeschrieben sind.

Diese Forderung stellten bereits Koch-Priewe und Münch (2005), im Zuge des UN-Übereinkommens erhält sie jedoch zusätzliche Aktualität. Momentan ist die Teilnahme an Vorlesungen und Seminaren zum GU, wie die Ergebnisse der Siegener Hochschulumfrage zeigen, nur auf freiwilliger Basis und lediglich an einem Teil der Universitäten und Pädagogischen Hochschulen möglich. Nur durch bundesweite obligatorische Lehrveranstaltungen an den Hochschulen kann sichergestellt werden, dass alle späteren GrundschullehrerInnen sich schon in ihrer ersten Ausbildungsphase mit dem Thema GU befassen. Die im Zusammenhang mit der Umstellung auf BA-/MA-Studiengänge erforderlichen Umstrukturierungen in der ersten Phase der Lehrerausbildung bieten die Chance, hierfür die Voraussetzungen zu schaffen.

  1. "Kombi-Lehramtsstudiengänge", in denen das Grundschullehramts- und Sonderpädagogikstudium miteinander verknüpft werden, sind weiter auszubauen.

Entsprechende Angebote, wie es sie bereits an den Universitäten Bremen und Bielefeld gibt, qualifizieren die AbsolventInnen in besonderer Weise für die pädagogische Arbeit in Integrationsklassen und "inklusiven Schulen". Es wäre daher zu begrüßen, wenn an weiteren Universitäten vergleichbare Studiengänge eingerichtet werden könnten.

Innerhalb von Universitäten, die eine Sonderpädagogik- und Grundschullehramtsausbildung anbieten, sollte zumindest die Zusammenarbeit zwischen beiden Fachbereichen intensiviert werden. Kooperative Lehrveranstaltungen für Studierende beider Lehrämter sind möglich und erfolgversprechend[27] und werden von mehreren an der Siegener Umfrage beteiligten HochschullehrerInnen befürwortet. Für interdisziplinäre Seminare[28] sollten personelle und sächliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Sie könnten auch bei künftigen GrundschullehrerInnen zu einer erweiterten Perspektive beitragen, die über den Schulbereich und ein bestimmtes Lehramt hinausgeht; ein solches Verständnis erscheint wichtig, wenn GU erfolgreich realisiert und Inklusion nicht nur auf pädagogische Institutionen begrenzt werden soll.[29]

  1. Die Forschung zu Integration, Inklusion und Gemeinsamem Unterricht wird intensiviert. Hierfür stellen Bund und Länder finanzielle Mittel zur Verfügung.

Das deutsche Schulsystem lässt sich nicht in kurzer Zeit so umgestalten, dass es nur noch "Schulen für alle Kinder" geben wird. Die Diskussion hierüber ist noch längst nicht abgeschlossen, sodass gegenwärtig kein Konsens unter ForscherInnen, Bildungspolitikern, Lehrer-Innen und Eltern behinderter Kinder über die Zukunft der Schulen in Deutschland herrscht. Auf der Suche nach pädagogisch fundierten, rechtlich abgesicherten, pragmatischen und auch finanzierbaren Ansätzen, die im Einklang mit der UN-Konvention stehen, kann die Wissenschaft einen bedeutenden Beitrag leisten. Dass GU in Deutschland und weltweit gelingen kann und für alle Beteiligte gewinnbringend ist, zeigt die Fülle internationaler Forschungsbefunde.

Die Forschungsschwerpunkte der kommenden Jahre bleiben vielfältig und umfassen weitaus mehr Themen als die folgenden Beispiele:

  • Sammeln und Analysieren von Daten zur sonderpädagogischen Förderung und zum GU,

  • Einrichtung und Evaluation innovativer Studiengänge und Lehrangebote an Hochschulen,

  • vergleichende Unterrichtsforschung zur Arbeit in Förderschulen und Integrationsklassen,

  • Entwickeln von Konzepten für "inklusive Schulen" und wissenschaftliche Begleitung,

  • Allgemeine Didaktik und Fachdidaktik im Zusammenhang mit GU,

  • Kooperation und Teamarbeit im Gemeinsamen Unterricht,

  • wissenschaftlich begleitete Praxisprojekte inner- und außerhalb der Institution Schule,

  • Langzeitstudien zum GU, auch im Hinblick auf Kinder und Jugendliche mit verschiedenen Förderschwerpunkten,

  • Sensibilisierung für Menschen mit Behinderungen,

  • Erfassen und Analyse internationaler Entwicklungen,

  • Dokumentation von Fachtexten und Berichten aus Forschung und Praxis.[30]

In viele dieser Aufgaben können neben HochschuldozentInnen auch künftige Grundschulleh-rerInnen während ihres Studiums im Sinne eines "forschenden Lernens" mit eingebunden werden. Dafür ist es jedoch notwendig, dass sich die grundschulpädagogischen Fachbereiche an den Hochschulen stärker als bisher an Forschungsaktivitäten zu den genannten Themen beteiligen.

  1. Hochschullehrerinnen und -lehrer, die Lehrveranstaltungen zu den Themenfeldern Integration/Inklusion und GU anbieten bzw. dies beabsichtigen, bauen ein Netzwerk auf und kooperieren untereinander.

Über die bereits seit mehr als zwanzig Jahren jährlich stattfindenden Tagungen von Integrations- und InklusionsforscherInnen hinaus sollte die kontinuierliche Kommunikation unter den HochschullehrerInnen ausgebaut werden. Neben regelmäßigen regionalen und möglicherweise auch bundesweiten Treffen können im Hinblick auf Lehrveranstaltungen Erfahrungen, Seminarbausteine, Materialien und Anregungen zur Aktivierung der Studierenden auch über Lernplattformen und Foren im Internet ausgetauscht werden. In dieser Hinsicht bietet das "Netzwerk Inklusion" als offene Plattform zur Vernetzung inklusionsorientierter Lehrangebote, Forschungsprojekte, Publikationsorgane und anderer Institutionen und Organisationen momentan die besten Möglichkeiten, miteinander ins Gespräch zu kommen und die Qualität der Hochschullehre in kollegialer Zusammenarbeit zu verbessern.[31]

Die Präambel des UN-Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderungen fußt u. a. auf "der Erkenntnis, wie wichtig es ist, dass Menschen mit Behinderungen vollen Zugang zur physischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umwelt, zu Gesundheit und Bildung sowie zu Information und Kommunikation haben, damit sie alle Menschenrechte und Grundfreiheiten voll genießen können" (Vereinte Nationen 2009, Präambel, Buchstabe v). Es ist an der Zeit, dass sich die Hochschulen in Deutschland dieser Aufgabe stellen und die Ausbildung von LehrerInnen entsprechend neu ausrichten.



[26] Die nachfolgenden Ausführungen haben auch für alle anderen Lehramtsstudiengänge Relevanz.

[27] Vgl. Gehrmann u. a. (2000) sowie Koch-Priewe/Münch (2005).

[28] Im Zusammenhang mit der Thematik Integration, Inklusion und Gemeinsamer Unterricht bieten sich auch weitere Kooperationen an - so u. a. mit KollegInnen aus den Bereichen der Elementarpädagogik, der Berufspädagogik, der Sozialpädagogik/Sozialen Arbeit, der Psychologie oder der Soziologie.

[29] Integration und Inklusion als Aufgaben für das Gemeinwesen standen im Mittelpunkt der 23. Jahrestagung der Integrations-/InklusionsforscherInnen im Februar 2009 in Frankfurt (s. http://bidok.uibk.ac.at/i-tagung.html#itagung09).

[30] Hier ist die Digitale Volltextbibliothek bidok mit über 1200 online verfügbaren Texten zum Thema Integration und Inklusion von Menschen mit Behinderungen einzigartig und besonders hervorzuheben. Internetlink: http://bidok.uibk.ac.at.

[31] Die Lernumgebung Netzwerk Inklusion wurde eingerichtet unter http://bidok.uibk.ac.at/lernplattform.html.

Kontakt

Dr. Thomas Franzkowiak

Vertr. Prof. für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Grund- und Vorschulpädagogik

Universität Siegen, FB 2 / AG Primarstufe

A.-Reichwein-Str. 2

57068 Siegen

franzkowiak@paedagogik.uni-siegen.de

Literatur

BAG Gemeinsam leben - gemeinsam lernen (2009): "Inklusive Bildung - Jetzt!" Online im Internet (am 1.3.2009) unter http://www.gemeinsamleben-gemeinsamlernen.de/Manifest.pdf .

Degenhardt, Sven (2008): "Gute Schule" in der Bundesrepublik Deutschland - auch eine "Gute Schule" für blinde und sehbehinderte Schülerinnen und Schüler? Gutachten zur Präsenz von Bildung, Erziehung und Rehabilitation von Kindern mit Sonderpädagogischem Förderbedarf im Bereich Sehen in den Qualitäts- und Evaluationshandbüchern der Bundesrepublik Deutschland. Universität Hamburg, 23.7.2008. Auch online im Internet (am 3.3.2009) unter http://www.vbs-gs.de/uploaded_files/degenhardt_guteschule.pdf .

Demmer-Dieckmann, Irene (2007): "Aus Zwang wurde Interesse." Eine Studie zur Wirksamkeit von Seminaren zum Gemeinsamen Unterricht in Berlin. In: Demmer-Dieckmann, Irene / Textor, Annette (Hrsg., 2007): Integrationsforschung und Bildungspolitik im Dialog. Klinkhardt: Bad Heilbrunn, 153-162.

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Die Anlagen stehen als pdf zum Download zur Verfügung.

Quelle:

Thomas Franzkowiak: Integration, Inklusion, Gemeinsamer Unterricht - Themen für die Grundschullehramtsausbildung an Hochschulen in Deutschland? Eine Bestandsaufnahme

Thomas Franzkowiak mit Unterstützung von Axel Backhaus, Keren Hartnack und Daniela Seifert, 3/2009.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 15.04.2009

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