Über die Schwierigkeit Behinderung zu verstehen

Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Vortrag
Releaseinfo: Dankesrede bei der IMEW-Preisverleihung, Berlin 10.10.2008
Copyright: © Volker Schönwiese 2008

Über die Schwierigkeit Behinderung zu verstehen

Sehr geehrte Damen und Herren,

für die Zuerkennung des IMEW-Preis möchte ich mich beim IMEW-Kuratorium und allen Beteiligten ganz herzlich bedanken! Es ist mir eine außerordentliche Ehre den Preis zu erhalten. Ganz besonders bedanke ich mich natürlich auch für die Laudatio von Christian Mürner.

Erlauben Sie mir, dass ich ein paar inhaltliche Anmerkungen mache, die auch gut zu dem genannten Forschungsprojekt "Bildnis eines behinderten Mannes" passen.

Im Rahmen eines sozialen Verständnisses von Behinderung ist ja das Bemühen um vielfältiges Verstehen unumgänglich nötig. Verstehen ist analytisch und erfahrungsgebunden zugleich, bezieht sich auf Theorie- und Handlungswissen, auf Gefühl ebenso wie auf Verstand, auf persönliche Geschichte, auf Historie und soziale, ökonomische Bedingungen, institutionelle und gesellschaftliche Diskurse und, und, und....

Wichtig war und ist mir im Sinne des Verstehens von Behinderung ein vielfältiger, integraler Zugang. Dieser ist natürlich mit Schwierigkeiten verbunden. Denn im sozialen Modell von Behinderung sind zumindest vier Dimensionen des Wissens um Behinderung bedeutsam.

1. Lebensgeschichtlich gebildetes Wissen, z.B. innerhalb von Familien oder kleinen sozialen Netzwerken von Generation zu Generation weitergegebenes biografisches Wissen, ist ein zentrales Element in der Produktion von Behinderung. Die Re-Produktion von gesellschaftlicher Angstabwehr in primären Beziehungen erzeugt sehr entscheidend das Phänomen, das später so sicher als Behinderung identifiziert wird. Dies beschreibt nicht nur intime familiäre Sozialisationsbedingungen sondern vor allem auch die Macht der gesellschaftlich produzierten Phantasmen. Niedecken schreibt:

"Phantasmen sind jene psychischen Konfigurationen, in denen Gesellschaften ihre Herrschaftssysteme in den Individuen gesellschaftlich unbewußt absichern, sie wie unabänderlich und naturgegeben erscheinen lassen. Sie sind in Institutionen organisiert und verleihen diesen ihre Aura von zeitloser Notwendigkeit"(Niedecken 1989, S. 113). Zur Analyse der Institution Behinderung können Diskurstheorie und Psychoanalyse interessant verbunden werden.

2. Medial-industriell gebildetes Wissen greift vorhandenes gesellschaftliches Wissen und die vorhandenen Phantasmen auf und verstärkt sie. Ein Mittel dazu ist die Produktion von Mythen, wie sie Roland Barthes in seiner Semiologie (Barthes 2000) beschrieben hat. So eindeutig die Symbolik dieser Mythen alltäglich erscheinen mag (z.B. Rollstuhl ist Leiden), behinderte Menschen bleiben in diesem Produktionsprozess in einer notwendigen Position der Unbekanntheit und Unvollkommenheit, sind immer in einer bemerkenswerten Überhöhung auf Transformation angewiesenen. Ich habe in dem wiss. Sammelband zum Projekt "Bildnis eines behinderten Mannes" versucht hier Beispiele zu analysieren (Schönwiese 2007).

3. Für das Systematisch-wissenschaftlich gebildete Wissen, das

4. natürlich auch immer historisch gebildetes Wissen ist, gibt es einen Archetypus. Dies ist der lineare medizinische Definitionskanon, der von Krankheitsdefinition über Ätiologie, Heilungsversuche, Prognosenbildung und Institutionalisierung bis zur Neuberwertung des Lebens (siehe als Meilenstein dafür die Arbeit des Dr. Johann von Knolz aus dem Jahr1821, vgl.: Schmitten 1985) zum Traum der biologischen Verbesserung des Menschen führt (vgl. zum ethischen Eskalationsmodell der Gen- und Reproduktionsmedizin: Wunder 1999). Die Produktion dieses linearen Wissens ist weiterhin wirksam, es ist offen, wie weit der Widerstand dagegen erfolgreich sein wird, bzw. wie sich bio-psycho-soziale Modelle etablieren können und eine Ethik der Anerkennung mächtiger wird.

Ich will kurz ein weiteres Beispiel zur Schwierigkeit des Verstehens von Behinderung nennen: Es ist oft nicht leicht der Ambivalenz der Moderne nachzuspüren (vgl. Baumann 1995), zu verführerisch ist es - gerade auch im Zusammenhang mit der Selbstbestimmt Leben Bewegung - einer eher linearen Vorstellung von behinderten Menschen als Opfer von Unterdrückung und Verfolgung anzuhängen.

In diesem Zusammenhang eine kleine Typologie heutiger Vorstellung zur Geschichte von Behinderung:

  • lineare Leidens- und Verfolgungsgeschichte von behinderten Menschen - behinderte Personen als Opfer gesellschaftlich-kultureller Abwertung/ Vorurteile

Diese Opfer-Geschichtsschreibung hat lange Tradition, wobei die Verfolgungen und Tötungen von der Antike bis ins Mittelalter, die Neuzeit und in die Moderne nachgewiesen werden können. Gesellschaftskritische WissenschaftlerInnen und insbesondere wir Betroffenen selbst haben diesen Ansatz immer wieder aufgegriffen, um der allgemeinen Verdrängung der prekären Realität von Behinderung entgegenzutreten und die historische Notwendigkeit der Achtung der Menschenrechte von behinderten Personen herauszustreichen (vgl. z.B. Sierck 1987). So sehr behinderte Personen in der Geschichte Verfolgte und Opfer waren, Gegenbeispiele sind kaum erforscht, historisch gelungene Integration und Akzeptanz ist kaum dokumentiert, weil sie meist wohl unsichtbar war. Das Opferbild gehört zu den vorherrschenden historischen Vorstellungen, die aktuell wirksam sind. Es ist als sehr zwiespältig einzuschätzen, da es historisch-kritische und gleichzeitig sehr traditionelle Vorstellungen eines aufgrund seines So-Seins ewigen Behinderten verbindet.

  • materialistische Geschichte - Behinderung als ökonomische Unbrauchbarkeit

Dieser meist in Kombination mit anderen Darstellungsweisen vertretene Ansatz ist eine interessante Variante der Opfergeschichte von Behinderung, indem behinderte Personen als herausragende Opfer der jeweiligen ökonomischen Bedingungen und Ausbeutungsverhältnissen beschrieben werden (z.B. Jantzen 1974). Ein Bezug zur je historischen sozialen Lage großer Mehrheiten der Bevölkerung wird hergestellt. So emanzipatorisch dieser Ansatz in seiner Analyse ist - und für mich erhellend - , er hat den Nachteil, dass behinderte Menschen in den ausgebeuteten Massen leicht verschwinden können. Die großen ökonomischen Widersprüche sind primär, uns behinderte Menschen gibt es dann unter dem Primat der Ökonomie nur als gesellschaftlichen Nebenwiderspruch. Das handelnde Subjekt wird zurückgereiht, dialektisches Denken bleibt abstrakt.

  • Bedeutung von Behinderung in Zeiten gesellschaftlicher Krise - behinderte Menschen als Sündenböcke

Explizit und systematisch wird dieser Ansatz, der mit den historischen Darstellungen von Rene Girard verbunden werden kann, wenig vertreten, er kommt als Theorie eher indirekt vor, ist Teil der vorherrschenden Opfertheorie von Behinderung, solange nicht genauer die diskursiven und realen Bedingungen analysiert werden, unter denen gesellschaftliche Entdiffernzierungsprozesse in die Gewalt der Spaltung und Sündenbockproduktion umschlagen. Girard (1992, S. 23-37) geht davon aus, dass es ein historisches, kulturübergreifendes Schema kollektiver Gewalt im Sinne einer Sündenbock-Bildung gibt. Zitat: "... jene Krisen, die Auslöser breiter kollektiver Verfolgung sind, werden von den Betroffenen stets mehr oder weniger gleich erlebt. Als stärkster Eindruck bleibt in jedem Fall das Gefühl eines radikalen Verlustes des eigentlich Sozialen zurück, der Untergang der die kulturelle Ordnung definierenden Regeln und'Differenzen'." (S. 23-24) Soweit sehr spannend. Aber dann meint Girard auch: "Es gibt also allgemeingültige Merkmale der Opferselektion ... Neben kulturellen und religiösen gibt es auch rein physische Kriterien. Krankheit, geistige Umnachtung, genetische Mißbildungen, Folgen von Unglücksfällen und körperliche Behinderungen ganz allgemein sind dazu angetan, die Verfolger anzuziehen ... Das Wort 'abnormal' selbst hat, wie der Ausdruck Pest im Mittelalter, etwas von einem Tabu an sich; es ist zugleich edel und verflucht - 'sacer' in jedem möglichen Wortsinn" (S. 31) Der Zweifel steigt auf: Was bleibt bei so einer Feststellung von allgemeingültigen Merkmalen der Opferselektion an Ontologisierung an uns behinderten Personen hängen?

  • Behinderung als Abweichung von Normen

Dies ist alltäglich auf die aktuelle Situation behinderter Personen, aber auch auf die Geschichte von Behinderung angewandt eine vielfach verwendete Position. Sofern von einer historisch und gesellschaftlich gebildeten Normenproduktion ausgegangen wird (vgl. die Normalismus-Debatte nach Link 2006, aber auch Mattner 2001), entspricht sie einer dynamischen Sichtweise von Behinderung. Sofern - wie im Rehabilitations-Mainstream - von einem Normen-Universalismus ausgegangen wird - z.B. vom intakten/unversehrten/gesunden Geist und Körper -, wird eine statische Sichtweise re-produziert, die in der Vorstellung vom ewigen und existentiellen Leid Behinderung mündet, die real häufigste gesellschaftliche Haltung gegenüber behinderten Personen.

  • Geschichte des Erfolgs/ Fortschritts von Sondereinrichtungen/ Heil- und Sonderpädagogik/ Medizin - Behinderung als zu heilendes/ heilbares "Übel"

Diese Fortschrittsversion findet sich in Darstellungen zur Geschichte der modernen Rehabilitation und Sonderpädagogik und ist Ausdruck eines Forschrittsoptimismus in Bezug auf Bildung und Medizin (ein Beispiel dafür: Ellger-Rüttgardt 2007), der den mehr als ambivalenten historischen Kontext und die Entwicklung politischer/ institutioneller Eigeninteressen - die in der Aussonderung behinderter Menschen münden - unberücksichtigt lässt.

  • Behinderung als Ergebnis verschiedenster alltäglicher, politischer, wissenschaftlicher Diskurse - die Verhandlung um Behinderung im Rahmen von Konstitution von Macht

Diskurstheoretische Ansätze werden als Anwendung Foucaultscher Ansätze in den Sozialwissenschaften und in den erstarkenden Disability Studies immer öfter vertreten (vgl. z.B. Waldschmidt 2003, 2007 aber vor allem Stiker 2000). Sie lösen die Opfertheorie von Behinderung am stärksten auf, laufen dabei aber Gefahr - wie ich das bei mancher kulturwissenschaftlichen Disziplin beobachte - , sich akademisch zu konventionalisieren und ihr befreiendes Potential zu verlieren.

  • Kritische Geschichtsschreibung von Behinderung als dokumentarische Aufarbeitung durch direkt Betroffene

im Rahmen der aktuellen Selbstbestimmt Leben Bewegung und Disability Studies. Diese gibt es z.B. im Zusammenhang der historischen Analyse der Wurzeln der politischen Emanzipation von behinderten Personen (vgl. z.B. Fuchs 2001). Die Beachtung der Perspektive der Selbstvertretung hat das Potential, ein sehr differenziertes Bild von Geschichte von Behinderung zu zeichnen.

Diese kurzen Ausführungen, die für mich - und wahrscheinlich auch für Sie - mehr Fragen als Antworten hinterlassen, können zeigen, dass einem Institut mit dem Titel "Mensch, Ethik und Wissenschaft" gesellschaftlich und wissenschaftlich bedeutsame Arbeit nicht so schnell ausgehen wird.

Eine kleine Parabel zum Schluss: Die Welt verstehen.

Ein österreichischer Bundeskanzler hat es einmal in Anbetracht der ökonomischen und politischen Situation seiner Zeit auf den Punkt gebracht, indem er sagte: "Es ist alles so kompliziert" (Fred Sinowatz, 80er-Jahre des 20. Jhd.). Er ist damals für diese ehrliche Äußerung sehr verlacht worden. Heute wird ihm nachgetrauert. In einer Zeit in der das Welt-Finanzsystem am Rande des Zusammenbruchs zu stehen scheint, die neoliberale Politik und Ökonomie an eine Grenze geraten ist, verlieren wir den Überblick, Angst breitet sich aus. Ist die Welt zu verstehen, wenn selbst Ökonomen alles zu kompliziert wird - angesichts der neoliberalen Unüberschaubarkeit und Gier? Kommt es zu einer neuen riesigen Umverteilungswelle nach oben oder werden bald neue Sündenböcke präsentiert? Ist Verstehen Rettung? Offensichtlich Ja und Nein. Die Welt ist kompliziert. Und Behinderung auch. Ich wünsche uns allen das Beste.

Ich bedanke mich nochmals für den Preis!

Literatur:

Barthes, Roland: Mythen des Alltags. Frankfurt (Suhrkamp) 1964/ 2000

Baumann, Zygmunt: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit. Frankfurt (Fischer Verlag) 1995

Egger, Gertraud: Irren-Geschichte - irre Geschichten. Zum Wandel des Wahnsinns unter besonderer Berücksichtigung seiner Geschichte in Italien und Südtirol. Dipl. Arbeit, Innsbruck 1999. Im Internet - siehe: http://bidok.uibk.ac.at/library/egger-irre.html

Ellger-Rüttgardt, Sieglind Luise: Geschichte der Sonderpädagogik: Eine Einführung. Verlag: Utb (Stuttgart) 2007

Fuchs, Petra: "Körperbehinderte" zwischen Selbstaufgabe und Emanzipation. Selbsthilfe - Integration - Aussonderung. Weinheim (Luchterhand/ Beltz) 2001

Girard, René: Ausstoßung und Verfolgung. Eine historische Theorie des Sündenbocks. Frankfurt (Fischer) 1992

Jantzen, Wolfgang: Sozialisation und Behinderung, Studien zu sozialwissenschaftlichen Grundfragen der Behindertenpädagogik. Giessen (Focus) 1974

Link, Jürgen: Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird. Göttingen (Vandenhoek&Ruprecht) 2006

Mattner, Dieter: Die Erfindung der Normalität. In: Deutsches Hygiene-Museum Dresden und Aktion Mensch (Hg): Der [im-]perfekte Mensch - vom Recht auf Unvollkommenheit. Ostfildern-Ruit (Hatje-Cantz Verlag) 2001, S. 13-33

Niedecken, Dietmut: Namenlos. Geistig Behinderte verstehen. München. (Piper) 1989

Schmitten, Inghwio: Schwachsinnig in Salzburg. Zur Geschichte einer Aussonderung. Salzburg (Umbruch) 1985, im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/schmitten-schwachsinnig.html (Stand: Oktober 2008)

Schönwiese, Volker: Vom transformatorischen Blick zur Selbstdarstellung. Über die Schwierigkeit der Entwicklung von Beurteilungskategorien zur Darstellung von behinderten Menschen in Medien. In: Flieger, Petra/ Schönwiese, Volker (Hg.): Das Bildnis eines behinderten Mannes. Wissenschaftlicher Sammelband. Bildkultur der Behinderung vom 16. Bis ins 21. Jahrhundert Neu-Ulm (Ag Spak) 2007, S. 43-64

Sieck, Udo: Mißachtet - Ausgesondert - Vernichtet. Zur Geschichte der Krüppel. In: Wunde,r Michael / Sierck, Udo (Hg.): Sie nennen es Fürsorge. Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand, Frankfurt am Main (Dr. med. Mabuse) 1987. Seite 27-42. Im Internet - siehe: http://bidok.uibk.ac.at/library/mabuse_sierck-krueppel.html (Stand: Oktober 2008)

Stiker, Henri-Jacques: A History of Disability. Michigan (Univ. of Michigan Press) 2000

Waldschmidt, Anne (Hg.): Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung: Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld. Bielefeld (Transcript) 2007

Waldschmidt, Anne (Hg.): Kulturwissenschaftliche Perspektiven der Disability Studies: Tagungsdokumentation. Kassel (Bifos) 2003

Wunder, Michael: Bio-Medizin und Bio-Ethik - Der Mensch als Optimierungsprojekt. Vortrag 1999. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/wunder-bio_medizin.html (Stand: Oktober 2008)

Quelle:

Volker Schönwiese: Dankesrede bei der IMEW-Preisverleihung

Dankesrede bei der IMEW-Preisverleihung, Berlin 10.10.2008

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 06.12.2011

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation