Problemfeld Therapie

Themenbereiche: Therapie
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Wie in der letzten Sondernummer von betrifft: integration - dem Weißbuch Integration - schon kurz beschrieben, gibt es in Österreich bedeutsame quantitative und qualitative Probleme in der therapeutischen Versorgung von behinderten Kindern in Österreich.
Copyright: © A.o.Univ.Prof.Dr. Volker Schönwiese

Problemfeld Therapie

Eltern von behinderten Kindern sind ja durchwegs in der verzweifelten Lage, sich um Therapie und verschiedenste Hilfen für Ihre Kinder intensiv bemühen zu müssen. Es gehört zur "normalen" Entwicklung des Lebens mit behinderten Kindern, nach der richtigen Therapie zu suchen und ganz viel Hoffnung in Therapie zu setzen. Hier die richtige Entscheidung zu treffen und auch den richtigen Zeitpunkt, ist für Eltern sehr schwer. Es ist meist so, daß Eltern in dieser Zwangslage auf lokale Angebote zurückgreifen, aber zusätzlich immer wieder lange Wege der Suche und der Erprobung verschiedenster Therapien auf sich nehmen, was mit großem Zeit- und Geldaufwand verbunden sein kann. Das Gefühl unter Umständen mögliche Förderung zu versäumen, löst viel Hektik aus; das Gefühl Therapiemöglichkeiten schon versäumt zu haben, Schuldgefühle. Dabei ist es sehr schwer, sich in dem großen und nicht überschaubaren Feld der Therapieangebote zurecht zu finden. Neben einigen Standard-Angeboten, wie z.B. Physiotherapie nach Bobath, ist das Angebot an Therapieformen für Laien nicht überschaubar und auch nicht einschätzbar. Von sehr seriös erscheinenden Angeboten bis zu Wunderheilern ist alles zu finden.

Wer hilft Eltern, die "richtige" Therapie zu finden?

Wie verläßlich sind Ratschläge von Ärztinnen, Psychologinnen, Frühförderinnen, Ratschläge aus Büchern, Ratschläge von anderen Betroffenen, von Bekannten und Verwandten usw.? Gesetzlich gibt es überhaupt keine Standards, von Fachleuten überregional erarbeitete Richtlinien gibt es kaum oder nicht, Richtlinien von den Bundesländern, welche Therapien aus welchen Gründen nach den Landesbehindertengesetzen finanziert werden, ebensowenig. Vielfach sind Amtsärzte und Beamte die entscheidenden Personen, daß bestimmte Therapieformen akzeptiert und bezahlt werden. So etwas wie eine Pflicht zur fachlichen Überprüfung (Evaluation), die nicht nur ärztliche Gutachten beinhaltet, sondern mehrere Fachbereiche umfaßt, gibt es nicht.

Es kann von einer weitgehenden Medizinisierung der Begründung und der Überprüfungs-Verfahren von Therapie gesprochen werden. Pädagogik, oder gar Integrationspädagogik hat dabei kaum einen Stellenwert. Multidisziplinarität dient bestenfalls als Überweisungs- und Gutachtensmaschinerie, ist aber nicht als Zusammenarbeit bekannt. Es ist oft zu bemerken, daß dort, wo konsequent Therapie betrieben wird, auch eine Integrations-Gegnerschaft vorherrscht. Der Einsatz für Integration kann, wenn er fachlich begleitet ist, langandauernde Therapie ersetzen. Dem stehen jedoch oft Eigen-Interessen von Institutionen und Standesinteressen entgegen.

Auf Seiten der Einrichtungen werden mit Therapie beträchtliche Geldmengen umgesetzt, was sehr für eine bessere fachliche Kontrolle sprechen würde und dafür, daß das Angebot des "Supermarkts" an Therapien nicht einfach den Einrichtungen überlassen werden soll. Therapien sind üblicherweise auch Aushängeschilder für gute Einrichtungen oder anders gesagt, viele Einrichtungen legitimieren sich über ihr Therapieangebot, so nach dem Prinzip: je mehr Therapien angeboten, desto besser muß wohl die Einrichtung sein.

Zusätzlich gibt es ein beobachtbares Problem, daß es bei Familien mit behinderten Kindern viel Entlastungsbedarf gibt, der durch Therapieeinrichtungen unter Umständen in einen Therapiebedarf umgedeutet wird. Die Abgrenzung eines Bedarfs an integrativer Pädagogik, an Familienentlastung oder an Therapie mag manchmal nicht so leicht möglich sein. Im Zweifel darf aber nicht für die Therapie und für eine Therapeutisierung des Alltags entschieden werden.

Es gilt also den "Mythos Therapie", der - von verschiedensten Profis gefördert - sowohl bei den Eltern vorhanden ist, als auch von vielen Einrichtungen gepflegt wird, auf eine reale Beurteilungsgrundlage zu stellen und der so lange vorherrschenden Vorstellung wie "je mehr Therapie, um so besser" entgegenzutreten.

Für Psychotherapie gibt es eine gesetzliche Regelung über das Psychotherapiegesetz, um Standards zu setzen, zu kontrollieren und Mißbrauch zu unterbinden. Warum gibt es das nicht für Therapie mit behinderten Personen? Dieser Zustand muß für Eltern und Behinderte unbefriedigend sein, es gibt politischen Handlungsbedarf.

Thesen für Beurteilungsgrundlagen

Um hier Beurteilungsgrundlagen zu schaffen, müssen auf dem aktuellen Stand der fachlichen Erkenntnisse Fragen gestellt und zu folgenden Themenbereichen Diskussionen geführt werden, die nun als Thesen formuliert werden sollen:

  • Wie weit werden immer noch rein defizit-orientierte, methodisch-technizistische oder manipulative Therapie-Ansätze verwendet oder geduldet, die vor allem an der Anpassung und Korrektur der behinderten Kinder orientiert sind (z.B. Festhaltetherapie, Vojta-Therapie, Therapie nach Doman-Delacato usw.). Solche veraltete heilpädagogische Ansätze mißachten die Unterstützung der Stärken und Kompetenzen eines Kindes und seiner Bezugspersonen - im Sinne einer Begleitung und Unterstützung der Motivation und Eigentätigkeit der beteiligten betroffenen Personen, wie sie die Integrationspädagogik fordert. Die mögliche Eigentätigkeit, Selbstbestimmung oder Autonomie bzw. die Kompetenz im Umgang mit den eigenen Problemen steht oft nicht im Mittelpunkt von Therapie und wird einem meist uneinlösbaren Mythos der Heilung/ Besserung geopfert.

  • Defizitorientierung, wie sie bei den meisten üblichen Therapien als zumindest heimlicher Lehrplan weiterhin zu bemerken ist, bewirkt bei den Betroffenen eine permanente Untergrabung des Selbstwertgefühls und schafft ein negatives Selbstbild vom eigenen Körper. Udo SIERCK (in Mürner/Schriber 1993, S. 127) berichtet: "Über Jahre habe ich in der Beschäftigungstherapie der Sonderschule zu lernen versucht, mir die Schuhe selbst zu schnüren. Alle fanden diese Übung sinnvoll. Ich habe in der Zeit gelernt, was ich nicht kann. Über Jahre habe ich in der Krankengymnastik gelernt, relativ gerade und unauffällig - ein Hauptanliegen dieser Disziplin - zu stehen. Ein beachtlicher Fortschritt, meine Therapeutin und Eltern beschulterklopften sich. Ich habe gelernt, daß meine ursprünglichen und zu mir gehörenden Körperhaltungen negativ zu bewerten sind. Über Jahre durfte ich in einem Sonderraum innerhalb der Sonderschule selbständig - und das hiess sauber - essen lernen. Das Ergebnis dieser eingehenden Behandlung: Ich habe gelernt, daß Kleckern eine Schande, jedenfalls unausgesprochen peinlich ist."

  • Wie weit wird in dem oben genannten Zusammenhang durch Therapie das Körpergefühl negativ beeinträchtigt, indem der Körper immer als ein zu korrigierender aufgefaßt wird. Dabei werden oft Schmerzen absichtlich toleriert oder für ein Hinbiegen auf die richtige Norm verwendet. Wie soll bei solcher Therapie der eigene Körper lustvoll und begehrenswert empfunden werden, wenn durch die Therapie permanent das Gegenteil vermittelt wird? Was hat das langfristig für Folgen für die Beziehungsfähigkeit von behinderten Menschen? Wird hier nicht wieder einmal - projektiv über Therapie - nichts als die übliche Ablehnung von Behinderten transportiert?

  • Der "Therapeutische Mythos" von der unteilbaren Notwendigkeit der Heilung bzw. der kausalen Einflußnahme auf die Behinderung muß gründlich in Frage gestellt werden. Bezogen auf verschiedenste (hypothetische) Störungen des Zentralnervensystems (Schädigungen oder Dysfunktionen des Gehirns) wird oft von einer nur sehr beschränkt richtigen Theorie der "Plastizität des Gehirns durch Übungen" ausgegangen und das soziale Beziehungsumfeld und die Motivation des Kindes vernachlässigt. Dies läßt sich auch durch empirische Analysen aus dem Bereich der Medizin zur Effektivität von Frühförderung und Therapien mit behinderten Kindern belegen.

SCHLACK (1994) hat in einer Literaturanalyse Bewertungen der kausalen Wirksamkeit verschiedener Therapieformen durchgeführt. Er schreibt: "Zur Wirksamkeit der Krankengymnastik bei infantilen zerebralen Bewegungsstörungen gibt es zwei Meta-Analysen über neun bzw. 17 Studien. Sie stimmen darin überein, daß insgesamt, zumindest mit den bisher publizierten Beurteilungsmethoden, ein eindeutiger Effekt nicht objektiviert werden kann. Je strenger die in den einzelnen Studien angelegten methodischen Kriterien waren, desto eher kamen die Untersucher zu einem negativen Ergebnis. Diese Aussagen betreffen im übrigen die angewandten Methoden (z.B. Bobath oder nach Vojta) ohne signifikanten Unterschied...

Günstiger sind die Ergebnisse (früher Interventionen) bei Kindern mit mentalen Entwicklungsstörungen aus anderen, z.T. nicht näher bestimmbaren Gründen. Dabei fällt auf, daß die Interventionsformen mit den besten Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder ihren Schwerpunkt in elternzentrierten Maßnahmen hatten...

Am eindrucksvollsten sind die Ergebnisse früher Intervention bei Kindern, deren Entwicklungsstörungen in erster Linie durch ungünstige soziale Verhältnisse bedingt sind. Die Effekte werden durch signifikante Verbesserung der Entwicklungs- bzw. Intelligenzquotienten belegt. Die vor allem in den USA durchgeführten Programme sind überwiegend pädagogisch orientiert ...".

Der Autor zieht folgende Schlußfolgerung: "Die Folgen angeborener organischer Hirnschädigungen sind therapeutisch offenbar nur in engen Grenzen zu beeinflussen. (...) Wie spezifisch sich die Behandlungstechnik der einen oder anderen Methode auswirkt, ist schwer zu beurteilen. Jede therapeutische Intervention impliziert einen ganzen Komplex von Variablen, wobei die Person des Therapeuten vermutlich eine mindestens ebenso wichtige Rolle spielt, wie seine Behandlungstechnik.

Die Sorge um die psychosozialen Bedingungen, in denen ein entwicklungsgestörtes oder behindertes Kind aufwächst, ist kein schmückendes karitatives Beiwerk, sondern ein essentieller Teil einer rationalen Vorgehensweise. Ein Konzept, das auch bei organisch bedingten Entwicklungsstörungen therapeutische Interventionen auf der psychosozialen Ebene in den Mittelpunkt stellt, wird von den Ergebnissen der vorliegenden empirischen Studien besser gestützt als eine Therapietheorie, die in erster Linie das Training beeinträchtigter Funktionen als kurativen Faktor bewertet."

Im Klartext bedeutet das, daß die üblichen therapeutischen Übungsverfahren bei Kindern mit geringen oder größeren Hirnschädigungen keinen Besserungseffekt haben. Verbesserung in der Entwicklung der Kinder sind dort zu erwarten, wo den Eltern geholfen wird, besser mit der Situation fertig zu werden und dort, wo eine Therapeutin zu dem behinderten Kind eine gute Beziehung herstellen kann.

Diese Schlußfolgerungen könnten noch in dem Sinne weiter interpretiert werden, daß die zahlreichen Therapietechniken und -methoden für behinderte Personen vielleicht nur eine untergeordnete Rolle spielen und die therapierende Person in ihrer Fähigkeit den Dialog herzustellen und Beziehungsarbeit zu leisten, die größte Bedeutsamkeit im Therapieprozeß hat. Dies könnte sich auch mit Erfahrungen decken, die sich mit psychotherapeutischen Richtungen (ganz unabhängig von Behinderung) machen lassen.

  • Dennoch haben Therapietechniken einen wichtigen Stellenwert. Sie müssen allerdings danach bewertet werden, wie weit sie als Technik manipulativ sind oder "Spielräume" eröffnen und dabei Eigentätigkeit, Erfahrung und Dialog ermöglichende Rahmenbedingungen schaffen. Hier könnte als ein äußerster Pol die von Jirina PREKOP so propagierte Festhaltetherapie genannt werden, die durch erzwungenes Festhalten Eigentätigkeit des Kindes, Dialog und Beziehungsarbeit nahezu völlig ausschließt. Den anderen Pol könnte die Psychotherapie mit behinderten Personen darstellen, die ausschließlich auf dialogisches Verstehen und Beziehungsarbeit aufgebaut ist. Dazwischen gibt es eine Fülle von Therapieformen, die mit unterschiedlichen Techniken, Handlungsformen, Gegenständen und Instrumenten mehr oder weniger korrektiv oder dialogisch und Entwicklungsraum gebend orientiert sind. Ob Therapieformen dialogisch gebraucht oder manipulativ mißbraucht werden, liegt wiederum weitgehend an der fachlich und selbstreflexiv gebildeten persönlichen Kompetenz der Therapeutinnen.

  • Gerade weil die Beziehung zu dem Kind so entscheidend ist, muß folgende These besonders ernst genommen werden: Es muß nach der oft heimlichen Funktion (dem heimlichen Lehrplan) von Therapie gesucht werden. Dies beinhaltet auch die tiefenpsychologische Frage, wie weit therapeutische Qualifizierung, die Therapietechniken im Mittelpunkt hat, nicht als ein Mittel der Distanz, zur eigenen Abgrenzung, zum Selbstschutz des Therapeuten, zu seiner Angstabwehr dient. Die scheinbar genaue Eingrenzung von Problemen dient wahrscheinlich öfter den Therapeuten dazu, mit der für die eigene Identität bedrohlichen Therapiesituation fertig zu werden, denn den Therapierten.

  • Eine wichtige Frage ist auch, welche theoretische Entwicklungsvorstellung hinter Therapieformen steht. Auch hier erscheint es so, daß noch vielfach veralteten Vorstellungen angehangen wird, wie, daß eine "normale" Entwicklung eine gerade Linie hat, die von einer Funktionsentwicklung zur nächsten, von einer (Trotz-) Phase zur logischen nächsten fortschreitet. Eltern werden ja damit oft geängstigt, daß ihre Kinder nicht zum "richtigen Zeitpunkt" all das können, was von normalen Kindern erwartet wird. Neuere Entwicklungsvorstellungen gehen aber davon aus, daß Entwicklung viel "chaotischer" funktioniert und Diagnosen wie "zu langsam" oder "zu schnell" keinen so bedeutsamen Stellenwert haben. Folgendes Zitat kann dazu vielleicht einen Hinweis geben. HUSCHKE-RHEIN schreibt (in Lüpke/Voss 1994, S. 34f): "Die bisherige Entwicklungspsychologie war vorwiegend an den linearen, berechenbaren, voraussagbaren, kontinuierlichen, meßbaren und erwartungskonformen Verläufen interessiert.... Den von der Chaostheorie bzw. der Allgemeinen dynamischen Systemtheorie her denkenden Modellen liegen radikal neue wissenschaftstheoretische Vorstellungen zugrunde. Die hier angenommenen Systeme sind indeterminiert, nichtprognostizierbar, sie werden nicht von 'Faktoren', sondern von 'Attraktoren' ... beeinflußt, die eine längerfristige gleichsam 'magnetische' Wirkung auf bestimmte Systembereiche ausüben, meist aber nicht im Voraus als solche erkennbar sind und also auch nicht berechenbar sind. Solche Systeme sind darum auch nicht direkt von außen 'steuerbar', sie 'fluktuieren' vielmehr, d.h. sie folgen den eigenen, autonomen, internen Bewegungen. Ihr Kennzeichen ist eine extrem hohe Komplexität.... Widersprüche, Krisen, Paradoxien, starke Gleichgewichtsschwankungen - diese zunächst mathematischen Parameter von chaotischen Systemprozessen sind zugleich auch Beschreibungsgrößen für die Entwicklung psychischer Systeme. Kreativität ist gar nicht ohne solche Begriffe beschreibbar, und wir können darüber nachsinnen, ob nicht alle Kinder, solange sie psychisch 'lebendig' sind, mit solchen Begriffen beschrieben werden sollten." Kurz: Psychische Lebendigkeit ist wichtiger, als nach irgend einem Beurteilungsschema nicht in der Norm zu sein.

  • Eine wichtige Frage zur Beurteilung von Therapien ist noch, ob Übertragbarkeit der "Therapie" zur Bewältigung von Problemen des Alltags möglich ist. Bei den üblichen Übungstechniken ist ein Abhängigwerden von der Therapie zu beobachten. Therapie wird keine Grenze gegeben, das Beenden von Therapie ist als Ziel nicht vorgesehen (außer es entsteht "Heilung"), lebenslange Therapiebedürftigkeit wird angenommen. Es ist anzunehmen, daß die vielfach jahrelang und stereotyp durchgeführten Therapien die für behinderte Kinder besonders schwierigen Ablösungsprozesse innerhalb der Familie behindern, die immer zum Eigenständig- und Erwachsenwerden zentrale Bedeutung haben. "Normale" Kinder erkämpfen sich ihren Raum, indem sie sich beginnen von den Eltern zu lösen. Für die Pubertät ist das bekannt und es gibt dafür ein bestimmtes Verständnis. Bei behinderten Kindern wird leicht aus sorgenvoller Zuwendung jedes Zeichen von Loslösung als Problem gesehen und oft als Teil der Behinderung interpretiert, die mit Therapie "bekämpft" werden muß. So entstehen lebenslange Abhängigkeiten. Behinderte Jugendliche und Erwachsene, die immer noch im Ehebett schlafen, lebenslang bei den Eltern wohnen, sind die sichtbarsten Folgen von nicht gelungenen Ablösungsprozessen, bei denen Therapie statt Eigenverantwortung und Integration im Vordergrund gestanden sind.

Zuletzt noch ein Beispiel aus der Therapiepraxis, das an der therapeutischen Begleitung von behinderten Kindern und ihrer Eltern - ohne dem "Mythos Therapie" anzuhängen - orientiert ist. Monika ALY (in Lüpke/Voss 1994, Seite 118-119): "Kinder, die eine Verzögerung in ihrer Entwicklung haben, brauchen in erster Linie Zeit und Ruhe, um überhaupt eigene Interessen für die Umwelt zu entwickeln. In seiner Auseinandersetzung mit der Umwelt nimmt sich das Kind zunehmend selbst als Person wahr. Das geschieht im Kontakt und in der Kommunikation mit anderen Personen und im Kontakt zu seinem Körper - zum Beispiel beim An- und Auskleiden. In der Therapiesituation sind Kinder (...) ebenso wie zu Hause darauf angewiesen, möglichst konstante räumliche und zeitliche Strukturen wiederzufinden. Mit dieser Sicherheit können sie anfangen, von sich aus mit Gegenständen zu experimentieren. Das Angebot sollte sich in jeder Therapiestunde neu nach dem Interesse und den Bedürfnissen des Kindes ausrichten, das bedarf einer großen Flexibilität des Therapeuten. Das Spielangebot sollte dem Kind Lust zum Spielen machen, die Wahl bieten, gleichzeitig aber auch die Freiheit, es ablehnen zu dürfen. Das Kind - nicht der Therapeut - sollte aktiv sein. Gleichzeitig darf das Kind auch inaktiv sein dürfen. Jeglicher Handlungsplan schränkt die Möglichkeit ein, wirklich offen für das zu sein, was geschehen könnte. Dennoch braucht der Therapeut genaue Vorstellungen über Fähigkeiten und Grenzen des Kindes. Der Therapeut macht Vorschläge, das Kind nimmt sie vielleicht an, modifiziert sie und stellt neue Fragen. Dadurch entsteht ein Dialog mit einem offenen Ende, der sich spiralförmig nach oben entwickelt, mit immer wieder neuen Verbindungen und Übergängen, gleich einem Dialog mit immer wieder neuem gegenseitigen Fragen. Die Probleme können so niemals die gleichen bleiben, da ständig neue Anregungen und Bedürfnisse dazukommen. Das Kind lernt dabei, sicherer im Umgang mit sich selbst und seinen Problemen zu werden. Kinder mit Entwicklungsstörungen (...) brauchen mehr eine Begleitung, eine Beobachtung als eine Behandlung. Diese Begleitung brauchen vor allem auch die Eltern, um die Schwierigkeiten ihrer Kinder besser verstehen zu können. Die Therapiestunden, die nur für einen begrenzten Zeitraum sinnvoll sind, sind eine Möglichkeit, dem Kind Anregungen und Ideen zu geben, um in einer "geschützten" Situation Bewegungs- und Spielerfahrung zu sammeln.

´Es sollte darum gehen, Menschen nicht für etwas interessieren zu wollen, sondern zu spüren, für was sie sich bereits interessieren´ (Jacoby)".

Literaturempfehlungen:

ALY, Monika: Das Sorgenkind im ersten Lebensjahr. Frühgeboren, entwicklungsverzögert, behindert - oder einfach anders? Ein Ratgeber für Eltern. Berlin (Springer Verlag) 1998 (Ende das Jahres)

FERRARI, Adriano/ CIONI, Giovanni (Hrsg.): Infantile Zerebralparese. Spontaner Verlauf und Orientierungshilfen für die Rehabilitation. Berlin (Springer Verlag), 1998

LÜPKE, Hans von/VOSS, Reinhard (Hg.): Entwicklung im Netzwerk (http://bidok.uibk.ac.at/library/luepke-netzwerk.html) Systemisches Denken und professionsübergreifendes Handeln in der Entwicklungsförderung (Pfaffenweiler - Centaurus Verlag - 1994).

NIEDECKEN, Dietmut: Namenlos. Geistig Behinderte verstehen (http://bidok.uibk.ac.at/library/niedecken-namenlos.html.) München (Piper Verlag - 1989; erscheint demnächst etwas überarbeitet bei Luchterhand) 1998

PIKLER, Emmi: Laßt mir Zeit. Die selbständige Bewegungsentwicklung des Kindes bis zum freien Gehen. München (Pflaum Verlag) 1988

MÜRNER Christian / Susanne SCHRIBER (Hg.): Selbstkritik der Sonderpädagogik? Selbstvertretung und Selbstbestimmung. Luzern (Edition SZH) 1993

SCHLACK, H. G.: Interventionen bei Entwicklungsstörungen (http://bidok.uibk.ac.at/library/schlack-entwicklungsstoerungen.html) in: Monatsschrift für Kinderheilkunde, Nr. 142/ 1994, S. 180-184, auch in: BIDOK

Klappentext zu dem Buch von Monika ALY:

Eltern, deren Baby an einer Entwicklungsstörung leidet oder die Folgen seiner zu frühen Geburt noch nicht verkraftet hat, sind verunsichert und suchen professionellen Rat bei Fachärzten und Therapeuten. Gerade im ersten Lebensjahr sind aber Art, Schweregrad und Verlauf einer vielleicht vorhandenen Entwicklungsstörung meist noch nicht überschaubar, und die Diagnosen und Prognosen bleiben entsprechend unklar. Eltern fühlen sich überfordert, lassen sich vielleicht zu vorschnellen Frühfördermaßnahmen drängen und verlieren zudem viel intuitive Sicherheit, die ihr Kind gerade in dieser Situation besonders dringend bräuchte. Der Ratgeber von Monika Aly hilft den Eltern, Selbstvertrauen und Kompetenz im Umgang mit ihrem Sorgenkind zurückzugewinnen und wichtige Entscheidungen umsichtig und zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.

Klappentext zu dem Buch von FERRARI/ CIONI:

Dieses Buch beschreibt neue Perspektiven in der Früherkennung und Rehabilitation der infantilen Zerebralparese (IZP). Genauere Diagnosekriterien ermöglichen heute eine Einteilung der IZP in klar definierte Formen und Varianten, die die Grundlage bilden für

eine differenzierte Prognose des spontanen Verlaufs beim einzelnen Kind und

eine klare Einschätzung der Behandlungsmöglichkeiten.

Die Rehabilitation hat die Förderung aller Ressourcen des Kindes und seine Unterstützung durch Hilfestellungen beim Erreichen optimaler Anpassungsfunktionen zum Ziel. In diesem theoretischen Rahmen bietet das Buch Physio- und Ergotherapeuten, Ärzten, Psychologen, Ortopädietechnikern und allen anderen beteiligten Berufsgruppen Praxisanleitungen zu einer erweiterten Diagnostik - die neben den motorischen Funktionen psychologische und neuropsychologische Aspekte sowie Störungen der Sehfunktion einbezieht - zur physiotherapeutischen Förderung, zu chirurgischen Maßnahmen und zur modernen Hilfsmittelversorgung.

Quelle:

Volker Schönwiese: Problemfeld Therapie

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.08.2005

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