"Namenlos"

Eine Zusammenfassung der Inhalte meines Buches

Themenbereiche: Therapie
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Geistige Behinderung 4/97, S. 375-380, (Überschriften von BIDOK)
Copyright: © Bundesvereinigung Lebenshilfe 1997

Einleitung

Erst in jüngerer Zeit beginnt es sich herumzusprechen, daß Psychoanalyse und geistige Behinderung nicht unvereinbare Gegensätze darstellen. Es mehren sich endlich die Ansätze von psychoanalytischer Seite, welche sich mit der seelischen Problematik bei geistiger Behinderung befassen. Zwei internationale Tagungen - eine im Juni 1996 in Blankenberge/Belgien, eine im Februar 1997 in Paris - bezeugten diese Entwicklung. Sie initiierten einen Gedanken- und Erfahrungsaustausch, und die Teilnehmenden waren sich darüber einig, daß dieser unbedingt fortgesetzt werden sollte.

Drei Bücher sind es hauptsächlich, welche sich des Themas in den letzten Jahren angenommen haben: Valerie SINASON, "Mental Handicap and the Human Condition" (London 1993); Simone KORFF-SAUSSE, "Le Miroir Brise" (1996, Calmann-Levy); und schließlich das von mir im Jahre 1989 veröffentlichte Buch "Namenlos. Geistig Behinderte verstehen" (München).

[...]

Geistige Behinderung unter dem Blickwinkel der Psychoanalyse betrachten heißt zuallererst, die Fassade von scheinbarer individuell-organischer Schicksalhaftigkeit zu hinterfragen. Immer war es der Impetus der Psychoanalyse, hinter der Intimität der individuellen Symptomatik soziales Leid zu vermuten und diesem Leid in der psychoanalytischen Kur Ausdruck zu verschaffen. In meinem Ansatz habe ich viel gelernt von Maud MANNONI, welche schon 1964 in ihrem Buch "Das zurückgebliebene Kind und seine Mutter" (Paris 1964; deutsch: Olten 1972) es unternahm, der alten Unterscheidung zwischen einer psychoanalytisch verstehbaren Pseudodebilität und der echten, organisch bedingten Debilität, welche dem psychoanalytischen Verstehen sich entziehe, entschieden entgegenzutreten. Klinische Erfahrung, so MANNONI, mache es zunehmend unmöglich, eine solche künstliche Unterscheidung aufrecht zu erhalten. Es gehe daher nicht darum, Defekte zu konstatieren, sondern vielmehr den Sinn zu verstehen, den das debile Kind und seine Umwelt - MANNONI spricht vornehmlich von der Mutter - der Debilität als Symptom zuweisen. An dieser Fragestellung konnte ich - kritisch - anknüpfen. Kritisch insofern, als es mir schien, daß MANNONI mit der Konzentration ihres Blickes auf die individuelle Mutter-Kind-Beziehung zwar einerseits das starre Muster, welches das bisherige Verständnis von geistiger Behinderung prägt, in eine Interaktionsgeschichte aufzulösen verstand, andererseits aber einem anderen ebenso starren Muster zu verfallen droht: dem der individuellen Schuldzuschreibung. Zwar ist einer genauen Leserin deutlich, daß MANNONI selbst solche Schuldzuweisungen nicht unternimmt, jedoch ist die Konzentration des Blickes auf individuelle Beziehungen, ohne Einbeziehung des gesellschaftlichen Kontextes, in welchem diese Beziehungen sich ereignen, im Falle solch hochbelasteter Interaktionen wie denen einer Mutter mit ihrem als defizient diagnostizierten Kind, eine Einschränkung, welche Schuldzuweisungen Tür und Tor öffnet, und welche ich daher zuallererst aufzuheben unternahm. Daß ich dabei selbst zuweilen in traumatheoretische Verkürzungen hineingeriet, ist aus der Distanz heraus mir zunehmend deutlich geworden. Volker FRÖHLICH hat in seinem Buch "Psychoanalyse und Behindertenpädagogik" (Würzburg 1994) an diesem Punkt berechtigte Einwendungen gegen meinen Ansatz erhoben.

Institution "Geistigbehindertsein"

MANNONI vermutet, daß sich hinter den fatalen Diagnosen, mit welchen geistig behinderte Menschen belegt werden, Abwehren verbergen. Indem diese Abwehren als erstarrte Diagnostik-Schemata unhinterfragt angewendet werden, so sagt sie, "wird Krankheit zur Institution". Diese Hypothese habe ich aufgegriffen, indem ich mich fragte, wie das, was ich die Institution "Geistigbehindertsein" nenne, eingerichtet wird, welches die in ihr unbewußt gemachten Motive sind, und wie diese Institution sich schließlich selbst perpetuiert.

Die Institutionalisierung geschieht vermittels dreier Organisatoren: der Diagnostik selbst, der in ihr festgelegten und in den Eltern sich aufbauenden Phantasmen über das "Behindertsein" ihres Kindes, schließlich in den auf solcher unreflektierter Grundlage sich gründenden Therapiemethoden.

Diagnose

An den Diagnosen, welche eine geistige Behinderung als Symptom beinhalten, fällt deren Zweiseitigkeit ins Auge. Für die Eltern, denen eine solche Diagnose mitgeteilt wird, bringt sie immer zweierlei - zum einen den nun nicht mehr zu leugnenden Schock: Hier ist etwas unwiederbringlich anders, als wir es uns wünschten und vorstellten. Zum andern aber auch: Endlich wissen wir, woran wir sind, endlich müssen wir nicht mehr diese quälende Unsicherheit ertragen. Auf dieser scheinbaren Sicherheit aufbauend können die Eltern nun auch handeln. Bei sehr frühen Diagnose-Mitteilungen überwiegt zunächst der Schock; wenn der Mitteilung indes eine lange Unsicherheit und Suche nach dem sicheren Wissen vorausgegangen ist, dann wird vornehmlich die Erleichterung erlebt. Immer jedoch spielt beides eine Rolle, und das Zusammenwirken der scheinbaren Sicherheit mit der Verzweiflung über die scheinbare Unabänderlichkeit eines grausam empfundenen Schicksals nimmt seinen Lauf.

Als besonders erleichternd empfinden Eltern an der Diagnose den Umstand, daß mit der Aussage, etwas sei organisch bedingt, sich meist unmittelbar der erleichternde Gedanke verknüpft: Dann sind wir ja nicht schuld, dafür können wir nichts, das ist Schicksal. Diese Schuldentlastung habe ich freilich als ein trojanisches Pferd erkennen müssen, insofern mit ihr jene Phantasien endgültig ins Unbewußte abgeschoben werden können, die dem Schuldgefühl eigentlich zugrundeliegen. Es handelt sich um Phantasien der Ablehnung und des Nicht-Wollens, welche sich in der Zeit der ersten großen Verzweiflung zu auf das Kind gerichteten quälenden Tötungsphantasien ausweiten können. Die Eltern, die ihr Kind ja trotz aller Verzweiflung noch als ihr Kind anerkennen und lieben wollen, werden sich für solche Tötungsphantasien die schlimmsten Vorwürfe machen - Vorwürfe, welche durch die Diagnose-Mitteilung nicht zum Verstummen gebracht werden können, welche aber durch die Rationalisierung: "Das ist Schicksal, dafür kannst du nichts! " zugedeckt werden und damit unbewußt wirksam bleiben und die Eltern-Kind-Beziehung auf fatale Art unterminieren können. Mit dieser Unterminierung ist ein erster Schritt dahin getan, daß die frühe Eltern-Kind-Beziehung sich nicht mehr frei entfalten kann, die Interaktionsmöglichkeiten der Eltern und die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes in ihr eingeschränkt sind. D.h., das Kind wird die Tötungsphantasien spüren und auf sie reagieren, die Eltern erkennen unbewußt die Todesangst des Kindes und fühlen sich schuldig, und nun brauchen sie die Diagnose, mit welcher immer auch phantasmatische Zuschreibungen verbunden sind, um sich einzureden, daß sie doch keine Schuld an der körperlichen Besonderheit ihres Kindes treffe. Da dies in aller Regel zweifellos richtig ist, können damit die Schuldgefühle mit ihrem eigentlichen Hintergrund, den Tötungsphantasien, ins Unbewußte zurückgedrängt werden. Die Angstreaktion des Kindes auf die ihm ja dennoch spürbar bleibenden unbewußten Phantasien der Eltern wird in der jetzt eingeschränkten Wahrnehmung der Eltern zur "typisch behinderten" Aktionsweise - etwa wenn das Kind inaktiv bleibt, um sich der fast instinktiv gefürchteten Tötung zu entziehen, oder wenn die Angst es in Unruhe treibt; und das heißt, sie kann nicht mehr verstehend aufgenommen und beschwichtigt werden, wird zum quasi-körperlichen Symptom, zur "Stereotypie". Daß bei der Art der Angstreaktion die Disposition des Kindes eine prägende Rolle spielt, sorgt für eine weitere scheinbare Bestätigung der aus der Diagnose abgeleiteten phantasmatischen Zuschreibungen, und so kann ein Circulus vitiosus entstehen, der die Todesangst zur "typischen" Behinderungssymptomatik erstarren läßt.

Meine These von der prägenden Bedeutung der Tötungsphantasien in der frühen Beziehung zwischen Eltern und ihrem sich geistig behindert entwickelnden Kind wurde, wie nicht anders zu erwarten, nicht immer nur positiv aufgenommen. Einerseits erhielt ich zahlreiche Briefe von Müttern, die dankbar waren, daß sie sich nun nicht mehr allein und unendlich schlecht fühlen mußten, weil ich die Tötungsphantasien als eine normale, verstehbare und überwindbare Reaktion beschrieben hatte, über die ich als Fachperson mich selbst keineswegs erhaben fühlte; andererseits wurde mir - dies in der Regel von Fachleuten - vorgeworfen, ich weise den Eltern damit eine Schuld zu. Bei solchen Vorwürfen wurde übersehen, daß ich die Tötungsphantasien nicht als individuell-neurotische Reaktion, vielmehr als ein im kulturellen Kontext zutiefst verankertes Phänomen beschrieben habe, mit welchem die Eltern durch das trojanische Pferd der scheinbaren Diagnose-Schuldentlastung alleingelassen werden. Es ist vielleicht nicht zufällig, wenn solche Kritik eher von Fachleuten kam, während von betroffenen Müttern und Eltern meine eigentliche Aussage offenbar leichter verstanden wurde. Fachleute nämlich haben in der gesellschaftlichen Inszenierung dessen, was ich die "Institution Geistigbehindertsein" nenne, ebenfalls eine bestimmte Aufgabe: Die der Instanz, welche wieder und wieder die Eltern von ihren Schuldgefühlen freizusprechen hat. Es fällt dabei träum auf, daß die Behauptung einer solchen freisprechenden Instanz gleichzeitig die Schuld, von der freizusprechen sei, unbewußt festschreibt. Freisprechen kann ich ja nur von einer Schuld, die tatsächlich besteht, und auch genaugenommen nur dann, wenn ich selbst darüber erhaben bin. Mit solchem Freisprechen - "dafür könnt Ihr nichts, das ist organisch bedingt" - aber wird eine permanente Abhängigkeitskonstellation eingerichtet, in welcher die Eltern den Fachleuten eine Macht zugestehen, welche ihre eigene Wahrnehmung auf das einzuschränken droht, was die Fachleute ihnen wahrzunehmen nahelegen.

Phantasmen

Zentral in Maud MANNONIs Auseinandersetzung mit dem Phänomen der geistigen Behinderung ist das, was sie "mütterliche Phantasmen" nennt. Klinische Erfahrung bestätigte ihr immer wieder, daß die frühe Beziehung einer Mutter zu ihrem sich geistig behindert entwickelnden Kind geprägt ist von Phantasmen, welche sich auf der unerträglichen Enttäuschung darüber aufbauen, daß das Kind nicht den Traum vom besseren Leben wird erfüllen können. Das Kind wird dann, so beschreibt es MANNONI, zum Projektionsobjekt, in welchem alles Versagen, alle phantasierte Minderwertigkeit etc. untergebracht werden, so daß das Kind seinen eigenen Lebenswunsch nurmehr gefiltert durch die enge Wahrnehmungsperspektive dieser Phantasmen zur Geltung bringen kann. Ich habe diesen Gedanken aufgegriffen, indem ich versucht habe zu zeigen, wie im kulturellen Kontext bestimmte Konstrukte bereitliegen, welche sich den Eltern, wo sie mit ihren Ängsten und den Schuldgefühlen für ihre Tötungsphantasien alleingelassen sind, aufdrängen, ihnen sozusagen einen ersatzweisen Halt bieten für die durch die fatale Vorstellung "dieses Kind wird nie so werden, wie du es dir erträumt hast" verlorengegangene erzieherische Orientierung. In solchen phantasmatischen Konstrukten sind kollektiv gültige Abwehren archaischer Ängste - Ängste vorm vollkommenen Ausgeliefertsein, Ängste vor überwältigender Triebhaftigkeit, Ängste vor Bloßstellung und Demütigung, Ängste schließlich vor Vernichtung - präformiert, sie bieten sich in der Not der totalen Verunsicherung an wie Strohhalme, an die die Eltern sich klammern, um die von Untergang bedrohte Eltern-Kind-Beziehung zu retten. Die Abwehrmechanismen geben Sicherheit, zugleich aber engen sie die Wahrnehmung der Eltern von ihrem Kind, und damit auch die des Kindes von sich selbst, in einer Weise ein, die die Entfaltung von dessen Neugierde und geistigen Aktivität noch weiter einzuschränken geeignet ist.

Ein zentrales dieser Phantasmen gründet auf der patriarchalen Vorstellung von weiblicher Minderwertigkeit. Die Frau wird über ihre Mutterrolle definiert, definiert sich unbewußt selbst darüber und erlebt sich nur dann als von ihrer Minderwertigkeit rehabilitierbar, wenn sie sich durch ein wohlgeratenes Kind ausweisen kann. Wenn dieser Versuch einer Kompensation durch die Erkenntnis zerschlagen wird, daß das eigene Kind eine solche Funktion nie wird erfüllen können, resultieren Verwirrtheit und Haß auf das Kind, welches da zum Bild des eigenen phantasierten Versagens und der eigenen "Minderwertigkeit" wird; Gefühle, die aufgrund der ihnen zugrunde liegenden Dynamik meist heftig abgewehrt werden und nur entstellt zum Ausdruck kommen können - etwa durch Überbetonung der versorgenden und beschützenden Rolle gegenüber dem Kind, durch besondere Betonung der eigenen Leistungen bei der Förderung des Kindes etc.

Zwei besondere phantasmatische Konfigurationen organisieren sich um die Diagnosen "Down-Syndrom" einerseits, frühkindlicher Autismus andererseits. Im einen Fall werden die Abhängigkeit des Kindes, seine angebliche Unfähigkeit, von sich aus Entwicklungsschritte zu unternehmen, zugleich seine Aggressionsarmut und Freundlichkeit betont - Phantasien und Zuschreibungen, hinter denen dann immer wieder das Gegenteil: die Angst vor dem Monsterkind, dem ganz Fremden, Bedrohlichen sich vermuten läßt; im andern Fall wird im Gegenteil das ganz Fremde, vollkommen Autonome, auf niemanden und nichts angewiesene Dasein betont und die Frustration darüber, sich derart überflüssig gemacht zu fühlen, projektiv dann im Gegenüber bekämpft.

Behandlungsmethoden

An den beiden genannten zueinander komplementären phantasmatischen Konfigurationen orientieren sich jene Behandlungsmethoden, welche, auf einer defektorientierten Diagnose beruhend, Anpassung erreichen wollen, ohne nach den Bedeutungen der Symptome für Kind und Eltern bzw. nach dem eigenen Wunsch des Kindes zu suchen. Exemplarisch habe ich Beispiele defektorientierter Frühförderung einerseits, behavioristische Verhaltensmodifikation andererseits untersucht. Erstere geht aus von der totalen Verunsicherung in der frühen Eltern-Kind-Situation, in welcher die Eltern vom Diagnose-Schock noch so mitgenommen sind, daß sie ihrer Wahrnehmung und ihren Gefühlen nicht mehr trauen. Sie setzt an die Stelle der verlorengegangenen eigenen Orientierung die Scheinsicherheit klarer Verhaltensanweisungen und angebbarer Lernziele, und in ihrem Extrem neigt sie dazu, aus den Eltern in endloser Verpflichtung sich erschöpfende Handlanger, aus den Kindern willenlos-brave Zombies zu machen. Letztere gründet hingegen auf dem schon eingespielten Scheitern von Beziehungsaufnahme, welches in Resignation und Haß zu enden droht. Der Haß, der bis dahin in seiner Intensität unerträglich und daher mühevoll unterdrückt war, bekommt durch die verhaltenstherapeutischen Anweisungen eine Form, in welcher er als konstruktiv erlebt werden kann. Beide Behandlungsmethoden beruhen darauf, daß sie eine unerträgliche Situation in eine umwandeln, in welcher die Eltern das Gefühl erhalten, wieder etwas tun zu können, wieder die Kontrolle zu haben. Dies ist ihr jeweils konstruktiver Aspekt. Dennoch bleibt der Umstand bestehen, daß von solchen Methoden die eigene Wahrnehmung der Eltern nur gefiltert, der eigene Wunsch des Kindes kaum oder gar nicht gesehen, geschweige denn respektiert wird.

Psychoanalytsche Therapie

In den letzten Kapiteln meines Buches entwickle ich schließlich anhand der Darstellung eigener Behandlungen Gedanken darüber, wie die therapeutische Arbeit auch anders gehen könnte. In einer psychoanalytischen Therapie kann und darf die Therapeutin nicht mehr davon ausgehen, daß sie den Weg im Vorhinein schon weiß. Vielmehr muß sie sich ganz einlassen auf die verunsichernde Situation, in welcher der geistig behinderten Person selbst die Regie zu übernehmen zugetraut und zugemutet wird; in welcher, sofern es sich um ein Kind handelt, das von seinen Eltern gebracht wird, es darum geht, daß Eltern und Kind sich aus der Umklammerung der Phantasmen tendenziell befreien und unter Überwindung der Angst zu einer spontanen Beziehung finden. Hier kann es kein festes Behandlungskonzept geben, keine "richtigen" und "falschen" Verhaltensschemata. An deren Stelle steht der aufmerksame Umgang mit den von dieser Verunsicherung ausgelösten Gegenübertragungsgefühlen, und als Grundvoraussetzung gilt die Annahme, daß in allem, was von der geistig behinderten Person geäußert wird, und erscheine es noch so absurd, stereotyp, sinnlos, Sinn und Bedeutung verborgen sind und in oft mühsamer und langwieriger Arbeit aufgedeckt werden müssen. Ein unter Umständen sehr verschlüsselter, entstellter Sinn - und die Entstellung, sofern sie verstehend aufgegriffen werden kann, zeugt von der Sozialisationsgeschichte, in welcher ein autonomer Wunsch kaum entwickelt werden konnte, oder aber ins Korsett phantasmatischer Zuschreibungen gepreßt wurde. Auch die Arbeit mit den Eltern darf nicht von Besserwissen bestimmt sein, sollte vielmehr auf der Annahme beruhen, daß hinter deren durch Phantasmen verarmten Phantasie über ihr Kind ihre eigenen Möglichkeiten des Verstehens verborgen sind, die es durch aufmerksames Zuhören und durch Akzeptieren auch der destruktiven Seite der elterlichen Gefühle gegenüber ihrem Kind wieder zu entdecken gilt. Bei alldem ist ein ehrlicher Umgang mit den eigenen Gefühlen - dem Besserwissenwollen, den dahinter verborgenen Angst- und Haßgefühlen etc. -entscheidend. Gerade die als negativ erlebten Gegenübertragungsgefühle sind oft erste Indikatoren für das, was in der therapeutischen Arbeit bewußt werden will. In solcher Arbeit kann und soll es nicht darum gehen, aus behinderten Menschen annähernd normale zu machen - vielmehr ist erstes Ziel die Subjektwerdung des geistig behinderten Menschen, der im Gewirr der phantasmatischen Zuschreibungen und therapeutischen. Maßnahmen nur zu leicht zum Objekt gemacht wird.

Literatur

FRÖHLICH, V. (1994): Psychoanalyse und Behindertenpädagogik. Würzburg: Königshausen und Neumann. 234 S.

KORFF-SAUSE, S. (1996): Le Miroir Brise. Calman-Levy.

MANNONI, M. (1972): Das zurückgebliebene Kind und seine Mutter. Olten u. a.: Walter. 189 S.

NIEDECKEN, D. (1989): Namenlos. Geistig Behinderte verstehen. Ein Buch für Psychologen und Eltern. München: Piper. 302 S.

dies. (1993): Geistig Behinderte verstehen. Ein Buch für Psychologen und Eltern. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag. 304 5.

SINASON, V. (1983): Mental Handicap and the Human Condition. London.

Die Autorin:

Dr. Dietmut Niedecken, Psychotherapeutin,

Eppendorfer Landstr. 161

20251 Hamburg

Quelle:

Dietmut Niedecken: "Namenlos" Eine Zusammenfassung der Inhalte meines Buches.

Erschienen in: Geistige Behinderung 4/97, S. 375-380

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 30.03.2005

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation