"Darstellungen von Behinderung in der Tagespresse"

Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Magistra der Philosophie an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck; eingereicht bei:Gast.-Prof. Dr. Kerstin Ziemen, September 2005
Copyright: © Christane Galehr 2005

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

Massenmedien durchdringen heute alle gesellschaftlichen Bereiche, sie sind zur Hauptquelle gesellschaftlicher Information geworden. Begriffe wie "Medienzeitalter", "Mediengesellschaft" oder "Informationsgesellschaft" sind nur einige sprachliche Zeugen des medialen Einflusses auf die Gesellschaft. Menschen verfügen heute dank der Massenmedien über einen sehr hohen Informations- und Wissensstand. Massenmedial vermittelte Informationen sind aber Informationen aus zweiter Hand und bieten dem Rezipienten nur "Sekundärerfahrungen" an, direkte Umwelterfahrungen werden dadurch in zunehmendem Maße ersetzt (vgl. Burkart 1995, 376). Die Erfahrungslosigkeit medial angeeigneten Wissens stellt für den Kommunikationswissenschaftler Max Kaase (1986, 156) aber ein erhebliches Problemfeld dar. Es entsteht ein Vakuum zwischen medial transportierten Realitätsmodellen und realer Lebenswelt. Erschwerend kommt hinzu, dass gerade tagesaktuelle Medien wie beispielsweise Tageszeitungen vereinfachende und verallgemeinernde Darstellungen bevorzugen, d. h., dass selten auf Prozesse und Entwicklungen eingegangen und großteils wenig Hintergrundinformation geliefert wird (Jäger/Jäger 1993, 53). In hohem Maß von Massenmedien gespeistes Alltagswissen ist so gesehen ein sehr reduziertes und leeres Wissen. In Verbindung mit dem Themenbereich Behinderung bedeutet dies, dass sich Menschen heute vielfach Wissen über Behinderung und behinderte Menschen aneignen können und gleichzeitig die Distanz zu behinderten Menschen beibehalten können, was heißt, dass die transportierten Inhalte in diesem Fall auch nicht überprüft werden. Angesichts der hohen Komplexität des medialen Feldes, erscheint es mir unumgänglich, Massenmedien im Zusammenhang mit einflussreichen Strukturen von Markt, Produktion und Publikum darzustellen. Die Darstellung eines Themenbereichs in Massenmedien spiegelt nämlich ideologische Überzeugungen der jeweiligen Journalisten, Gegebenheiten des Mediensystems, der Medieninstitution und des journalistischen Berufsfeldes und damit vernetzt auch öffentliche Meinung wieder (vgl. Bourdieu 1996). Überlegungen zu Medientheorien, Medienökonomie, Medienethik, Medienwirkung und zu medialen Wirklichkeitskonstruktionen ergänzen deshalb die vorliegende Untersuchung.

Das Phänomen Behinderung wird vornehmlich aus soziologischer Sicht beleuchtet. Dabei steht die soziale Konstruktion von Behinderung im Vordergrund. Die Verwendung der Begriffskonstellation "Darstellung von Behinderung und behinderten Menschen" zielt darauf ab, neben dem Phänomen Behinderung, behinderte Menschen als Subjekt etwas in den Vordergrund zu rücken. Die begriffliche Verankerung dieser beiden Darstellungsweisen erscheint mir wichtig, da durch die Beschränkung auf die Darstellung von Behinderung der Eindruck entstehen könnte, behinderte Menschen auf ihre Behinderung zu reduzieren. Ziel dieser Untersuchung ist es, die Berichterstattung zum Themenfeld "Behinderung und behinderte Menschen" in den regionalen Tageszeitungen "Vorarlberger Nachrichten" und "Salzburger Nachrichten" und der überregionalen Tageszeitung "Die Presse" zu analysieren. Mit Hilfe der Inhaltsanalyse soll aufgezeigt werden, inwiefern durch Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen in der Tagespresse diskriminiert und vorgefasste Meinungen bei den Rezipienten verfestigt werden. Häufigkeit und Umfang spezifischer Beiträge, Themenschwerpunkte, die Frage nach stereotypen Bildern von Behinderung und behinderten Menschen, nach diskriminierenden Aussagen und Formulierungen und nach umfassender, kritischer wie lebensnaher Information sollen Einsichten zum Umgang der Presse mit dem Themenkomplex Behinderung ermöglichen. Vordergründig wird festzustellen sein, ob "Behinderung" in der Tagespresse eher vernachlässigt wird, inwieweit diskriminierend wirkende Darstellungen vorkommen, und ob Unterschiede bezüglich der Behandlung des Themas "Behinderung" in verschiedenen Zeitungen, insbesondere regionaler und überregionaler, festzustellen sind. Einen weitern Kernaspekt bildet die Frage, ob behinderte Menschen in der Presse, die täglich auf der Suche nach Nichtalltäglichem, Besonderem und Ungewöhnlichem ist (vgl. Bourdieu 1998, 26), auf ihre Behinderung reduziert werden, was einer "quotenorientierten medialen Instrumentalisierung" (Mürner 2003, 179) behinderter Menschen gleichkommt (vgl. Mürner 2003, 179). Inwieweit die Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen in der Tagespresse den diesbezüglichen Wünschen und Forderungen behinderter Menschen entsprechen, wird anhand bestehender Forderungskataloge des Psychologen Lothar Sandfort und der österreichischen Arbeitsgemeinschaft "Behinderte Menschen und Medien" beleuchtet.

Auf der Grundlage der Untersuchungsergebnisse wird der Einfluss der behinderungsspezifischen Darstellungen auf die soziale Konstruktion von Behinderung diskutiert. Das Spannungsfeld zwischen Macht und Verantwortung des Journalisten (vgl. Bourdieu 1998, 26) und seine Begrenztheit im Mediensystem sind neben persönlichen Wahrnehmungen zu "öffentlichen" Bildern von Behinderung und behinderten Menschen Grundlage der Motivation zur Auseinandersetzung mit den medial aufbereiteten Darstellungen der Wirklichkeit behinderter Menschen. Macht und Verantwortung des Journalisten wiegen schwer unter dem Aspekt, dass ideologische Überzeugungen des Journalisten, seine Wahrnehmung von der Welt und somit seine Beschreibung der Welt beeinflusst (vgl. Rothman, 1992, 144ff). Die Wahrnehmungsschleusen der Journalisten, die es zu durchbrechen gilt, wirken schon bei der Themenselektion. Pierre Bourdieu spricht in diesem Zusammenhang von erbarmungsloser Zensur (vgl. Bourdieu 1998, 67).

2 Medien und Gesellschaft

Öffentlichkeit ist heute weitgehend Medienöffentlichkeit. Medien sind ein wesentlicher Bestandteil unseres täglichen Lebens und durchdringen alle gesellschaftlichen Bereiche. "Die Medien sind allgegenwärtig in Politik und Wirtschaft, Arbeit und Freizeit, Bildung und Kunst, in der öffentlichen wie in der privaten Sphäre" (Noelle-Neumann/Schulz/Wilke 2003, 9) beschreiben Elisabeth Noelle Neumann, Winfried Schulz und Jürgen Wilke im Fischer Lexikon Publizistik/Massenkommunikation die "Mediengesellschaft" des 21. Jahrhunderts. Unsere Kommunikation und Interaktion ist wesentlich von Massenmedien mitbestimmt. Sie schaffen die Voraussetzung, dass sich nahezu jeder an der öffentlichen Kommunikation beteiligen kann, können andererseits aber auch bewirken, dass sich einzelne Personen aus der öffentlichen Diskussion zurückziehen, wie die Theorie der "Schweigespirale" (Noelle-Neumann 1989) zeigt. Gemessen am Weltgeschehen liefern Massenmedien aber nur einen kleinen Ausschnitt an Informationen, die zudem von Journalisten nach journalistischen Kriterien ausgewählt und aufbereitet werden und somit subjektive Blickwinkel wiedergeben. Medienangebote und öffentliche Meinung beeinflussen sich insofern wechselseitig, als diese sich an der öffentlichen Meinung orientiere, indem sie z. B. aktuelle Trends aufgreifen und wiederum auf diese zurückwirken. Am Beispiel des Fernsehens zeigt Dieter Prokop (1995) auf, dass Themen in Massenmedien in der Regel so dargestellt werden, dass es den Rezipienten leicht fällt, "ihre Ängste, ihre Sensationslust und ihre Glücksgefühle darin wieder zu finden" (Prokop 1995, 393). Prokop formuliert dazu etwas zynisch, dass es häufig zu riskant sei, über die wirklich brisanten Dinge zu berichten, deshalb orientierten sich Journalisten gerne an Jubiläen (vgl. Prokop, 1995, 392). Neue Medien, die Einführung von privatem Radio und Fernsehen, Multimedia und Online-Kommunikation führten zu einem tief schürfenden Umbruch in der Medienlandschaft. Die so genannten "Neuen Medien" eröffnen heute wie seinerzeit die Printmedien neue Formen und Spielräume individuellen und gesellschaftlichen kommunikativen Handelns (vgl. Faulstich 1998, 7, Noelle-Neumann/Schulz/Wilke 2003, 9, Lenders 2004, 9).

Nicht zuletzt der zunehmenden Bedeutung der Kommunikations- und Massenmedien, wird die Attraktivität der Medienwissenschaften innerhalb der Geistes- und Sozialwissenschaften zugeschrieben. Die empirische Forschung der Massenkommunikation, die erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts einsetzte, hat sich in den letzten Jahren in unterschiedlichen wissenschaftlichen Kontexten sprunghaft entwickelt (vgl. Hoffmann 2002, Noelle-Neumann/Schulz/Wilke 2003, Lenders 2004). Für die Bundesrepublik Deutschland setzt Werner Faulstich den Ausgangspunkt einer "expliziten Medienwissenschaft" (Faulstich 1998, 11) erst Mitte der siebziger Jahre an (vgl. Faulstich 1998). Die Wirkungsmacht der Massenmedien wird in der Wissenschaft sehr kontrovers diskutiert. Wird von einer starken Machtposition der Medien ausgegangen, wird auch der Ruf nach geeigneten Kotrollmechanismen laut (Faulstich 1998, Huainigg 1996). In dieser Hinsicht verweist Faulstich (1998, 8) auf das herrschende Missverhältnis zwischen einer weitgehend medienbestimmten Gesellschaft und der weit verbreiteten Medienignoranz. Medienkompetenz heißt seiner Meinung nach die große Herausforderung an der Schwelle des 2. Jahrtausends.

2.1 Medien - begriffliche Abgrenzung

Der Begriff "Medium" ist ein sehr breit gefächerter, der je nach Kontext und Disziplin in unterschiedlichsten Besetzungen verwendet wird. So wird beispielsweise ein Fernrohr ebenso wie ein Buch als Medium bezeichnet. Dem jeweiligen theoretischen Hintergrund zufolge sind Sprache oder aber auch Geld Medien (vgl. Wiegerling 2002, 91). Dissonanzen zwischen verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, die Medienwissenschaft betreffend, wirken sich auch auf die Diskussionen um den "Grundbegriff Medium" (Hoffmann 2002, 9) aus. Publizisten und Kommunikationswissenschaftler kritisieren, dass es durch das interdisziplinäre Interesse an der Medienforschung zu einer Bedeutungserweiterung des Medienbegriffs komme. Die Kommunikationswissenschaftler Gerhard Maletzke und Klaus Merten zum Beispiel fordern deshalb eine Begriffspräzisierung, die die Abgrenzung zu benachbarten Begriffen erleichtert und den Begriff so vor unzulässiger Verwendung schützt (Maletzke, 1998, Merten 1999).

Aus der sprachphilosophischen Perspektive Hans-Georg Gadamers führt eine derartige begriffliche Reduktion bzw. Präzision zwangsläufig zur Erstarrung des Begriffs, da er abgetrennt vom lebendigen, allgemeinen Sprachgebrauch existiert (vgl. Gadamer 1965, 392). "Man wird daher auch als Interpret wissenschaftlicher Texte stets mit dem Nebeneinander des terminologischen und des freieren Gebrauchs eines Wortes rechnen müssen" (Gadamer 1965, 392). Bei der Arbeit mit dem Begriff "Medium" empfiehlt es sich also zu bedenken, das der Terminus in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen gebraucht wird und gleichzeitig "ein schillerndes Wort der Umgangssprache" (Hoffmann 2002, 11) ist. Der Begriff Medium hat seinen Ursprung im lateinischen Adjektiv medius, was soviel heißt wie "in der Mitte befindlich", "mittlerer" (Wiegerling 2002, 91). Verwendet wurde der Begriff in Verbindung mit Vermittlung, Zentrierung und geistigem Trägersystem. Zentrierung verweist in symbolischer Hinsicht auf die Verdichtung von Inhalten auf ein fassbares Maß (vgl. Wiegerling 2002, 91). Faulstich hebt drei Verwendungszusammenhänge hervor und grenzt den Medienbegriff so gegen unerwünschte Bedeutungen ab. Medium im allgemeinen Sprachgebrauch als "Mittel" oder "Vermittelndes" (Faulstich 1998, 21). Als Fachbegriff in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen (Sprache, Literatur, Musik, Kunst als Medium) spielt "Medium" nur eine untergeordnete Rolle, da Medium häufig im übertragenen Sinn gebraucht wird und oft nur für Werkzeug, Mittel oder Instrument steht. Nur einige Disziplinen widmen sich dem "Medium" an sich und haben komplexere theoretische Bedeutungen dazu entwickelt (Zeichenvorrat, technischer Kanal, ästhetisches Kommunikationsmittel, gesellschaftliche Interaktion etc). Das Medium als eigenständiges System, wobei mit System häufig die Gesamtheit aller Medien gemeint ist, wird derzeit vielfach fokussiert. Die Unterscheidung in Primärmedien (Medien ohne notwendigen Einsatz von Technik), Sekundärmedien (Technikeinsatz auf der Produktionsseite) und Tertiärmedien (Technikeinsatz auf der Produktions- und Rezeptionsseite) hat weitreichende Bedeutung erlangt. Gebräuchlich sind allerdings auch andere Gruppierungen wie z. B. auditive und visuelle Medien (vgl. Faulstich 1998, 21). Auf der Suche nach einem interdisziplinär integrierenden Medienbegriff erweitert der Kommunikationswissenschaftler Ulrich Saxer das technisch-instrumentelle Begriffsverständnis, in dem er auch die Kommunikationsteilnehmer in die Begriffsbestimmung mit einbezieht (vgl. Saxer 1998, 57). Stefan Hoffmann fordert im Anschluss an seine Analyse des Medienbegriffs eine "inhaltliche Kooperation der beteiligten Wissenschaften" (Hoffmann 2002, 160). Allgemeinsprachlich wird der Begriff derzeit primär auf mediale Informationsträgersysteme angewandt. Vereinfacht gesagt wird dabei das Medium als "Kanal" (Faulstich, 1998, 25) aufgefasst. Diese Reduktion auf diese primäre Bedeutungsebene schafft die Basis einer Verständigungsmöglichkeit. Wiegerling (2002) fügt aber erweiternd hinzu, dass jedes Informationsträgersystem nicht auf seine Materialität beschränkt bleiben darf, sondern in seiner historisch-genetischen und technischen Verknüpfung gesehen werden soll. Saxer erweitert den Systembegriff um die gesellschaftliche Dominanz - die wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Steuerungs- und Orientierungsaufgaben der Medien (vgl. Faulstich 1998, 27). Der Begriff "Medium" in der Bedeutung von Informationsträgersystemen wie Faulstich, Wiegerling und im weitesten Sinn auch Saxer ihn beschreiben, soll in der vorliegenden Arbeit weitgehend als Verständigungsebene dienen.

2.2 Medientheorien

Die Erläuterung verschiedener Medientheorien würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Dennoch erscheint es mir unerlässlich, einen kurzen Blick darauf zu werfen. Faulstich unterscheidet vier Theorieblöcke. Einzelmedientheorien: Sie thematisieren jeweils nur ein einziges Medium, wie z. B. Filmtheorien. Kommunikationstheoretische Medientheorien: Das Medium wird niemals isoliert behandelt, sondern Medien werden in ihren funktionalen Kontexten im Zusammenhang eines Kommunikationsprozesses betrachtet. In diesen Bereich fällt beispielsweise die Wirkungsforschung (Was tun Medien mit den Menschen? Was tun die Menschen mit den Medien?) und daraus resultierend Fragen zur bereits angesprochenen Medienkompetenz. Gesellschaftskritische Medientheorien: Medien werden bei diesem Ansatz als Teil eines erweiterten Kommunikationsprozesses im Zusammenspiel mit Kultur und Gesellschaft betrachtet.

Systemtheoretische Medientheorien: Kommunikation wird hier als Teil des übergeordneten gesellschaftlichen Handelns aufgefasst. Heute wird der kommunikationstheoretische und der systemtheoretische Medienbegriff vielfach wieder zusammen gebracht, was in Wörtern wie Mediensystem, Mediengesellschaft und Medienwirklichkeit zum Ausdruck kommt. Unter dem Gesichtspunkt globaler Teilhabe inszenieren bzw. konstruieren Mediensysteme demnach Wirklichkeiten. Derartige Ansätze sind bei Niklas Luhmann, John B. Thompson, Denis McQuail und andern zu finden (vgl. Faulstich 1998, 21ff).

Aus der Sicht soziologischer Systemtheorien ist die soziale Wirklichkeit der heutigen modernen Gesellschaft ein Zusammenwirken voneinander abhängiger unterschiedlicher Arten sozialer Systeme, wobei die flüchtige Interaktion die einfachste und die Weltgesellschaft das umfassendste Sozialsystem darstellt. Soziale Systeme werden durch den Bezug zum Gesellschaftssystem, zu anderen Subsystemen und zu sich selbst bestimmt (vgl. Hohm 2000, Braun 1990, Luhmann 1984). Niklas Luhmann begreift soziale Systeme als autopoietische Systeme. "Bei diesen handelt es sich um solche, welche die Elemente, aus denen sie bestehen, jeweils selbst herstellen. Sie sind insofern radikal geschlossene Systeme, gleichzeitig aber auch offen für Informationen aus der Umwelt" (Hohm 2000, 16). Alles Soziale lässt sich somit auf ein soziales System zurückführen. Die Kommunikation wird als das autopoietisch reproduzierende Element der sozialen Systeme betrachtet und wirkt somit auch systemerhaltend. Als Basis ihrer Identitätsbildung grenzen sich soziale Systeme durch sinnkonstituierte Kommunikation von ihrer jeweiligen Umwelt ab (vgl. Hohm 2000, 16ff, Luhmann 1984, 19ff). Massenkommunikation dient laut Luhmann dem Bewusstwerden von Systemidentität. Bezüglich des Sinns, der sozialen Systeme bei Luhmann innewohnt, merken Kritiker an, dass nicht danach gefragt wird, woher der als existent angenommene Sinn kommt (vgl. Braun 1990, 16). In Anlehnung an Luhmann unterscheidet Hans-Jürgen Hohm vier Typen sozialer Systeme: flüchtige Interaktionssysteme, organisierte Interaktionssysteme, formale Organisationen und Funktionssysteme. Das System der Massenmedien ist eines der Funktionssysteme unserer modernen Gesellschaft, wobei davon ausgegangen wird, dass unsere Gesellschaft in verschiedene Funktionssysteme, die alle eine wichtige Funktion für die Gesellschaft innehaben, gegliedert werden kann (vgl. Hohm 2002, 18, 43). Medien, die zur Verbreitung der Kommunikation technische Hilfsmittel zur Vervielfältigung einsetzen, fasst Luhmann unter den Begriff Massenmedien (vgl. Luhmann 1996, 10). "Für die Ausdiffernzierung der Massenmedien als autopoietisches Sozialsystem spielen die Verbreitungstechnologien (Satelliten, Kabel, Funk) insofern eine bedeutsame Rolle, als sie eine interaktionsfreie Kommunikation ermöglichen" (Hohm 2000, 73). Selektion von Information, Mitteilung, Verstehen/Missverstehen sind als Grundlage dieser und jeder Kommunikation zu betrachten, eine entscheidende Besonderheit stellt bei Massenmedien die eingeschränkte Rückkommunikation der Rezipienten dar. Durch die strukturell bedingte Selektion von Informationen werden Massenmedien zudem häufig der Manipulation verdächtigt, ein Vorwurf der kaum zu entkräften ist. Das Funktionssystem der Massenmedien konstruiert durch die Selektion von Informationen Realität, produziert und reproduziert öffentliche Meinung und leistet einen Beitrag zur Selbstbeobachtung und -beschreibung der modernen Gesellschaft (vgl. Hohm 2000, 72ff). Die weitgehende Reduzierung des Gesellschaftsbegriffs auf den Kommunikationsbegriff und die Fokussierung der funktionellen Aspekte von Massenmedien zu Lasten der Untersuchung der Medienwirkung sind weitere Kritikpunkte am systemtheoretischen Ansatz Luhmanns (vgl. Braun 1990, 15ff). Bei der Analyse des Massenkommunikationsprozesses aus systemtheoretischer Perspektive fällt auf, dass ökonomische Einflussfaktoren häufig nahezu gänzlich abstrahiert werden. "Es entsteht der Eindruck, dass öffentliche (gesellschaftliche) Kommunikation einen eigenständigen, von jeglichen wirtschaftlichen Aktivitäten losgelösten Prozess darstellt" (Braun 1990, 27).

2.3 Massenmedien als ökonomische Systeme

"Es liegt in der Logik eines Systems, das auf Meinungs-, Presse-und Informationsfreiheit sowie auf der Gewerbefreiheit gegründet ist, dass verschiedene Anbieter miteinander konkurrieren, und daß die Nachfrage das Angebot (mit-)bestimmt" (Wilke 1996, 4). Die Konkurrenzsituation auf dem Informationsmarkt hat sich in den letzten Jahren durch den Vormarsch der neuen Medien zusätzlich verschärft, was Medienunternehmen auf wirtschaftlicher Seite zu entsprechenden Maßnahmen drängt (vgl. Saxer 1996, 75). Medienunternehmen verfügen heute großteils über komplizierte Managementsysteme. Einzelne Unternehmen aber auch die ganze Branche sind auch unter betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten mit all ihren industriellen Verflechtungen zu betrachten. Die Ökonomie der Medien wird eingebunden in politisch-gesellschaftliche Zusammenhänge (vgl. Faulstich, 1998). "Der ökonomische Markt ist bei den Medien ja zugleich ein publizistischer und kommunikativer Markt. Damit wird der Eigenheit der Medien Rechnung getragen, sowohl ökonomische Ziele als auch politische, soziale und kulturelle Basisaufgaben wahrzunehmen" (Faulstich 1998, 43). Innerhalb der letzten 50 Jahre zeichnet sich eine steigende Tendenz zur Verlagskonzentration im Pressewesen ab. Gab es beispielsweise 1954 in der Bundesrepublik Deutschland noch 624 Verlagsbetriebe, die Tageszeitungen herausgaben, so waren es 2003 nur noch 355. Reduziert haben sich auch die Publizistischen Einheiten/Vollredaktionen von 225 im Jahr 1954 auf 134 im Jahr 2003, nicht aber die Zeitungstitel, was in der ökonomischen Konzentration von Medien begründet ist. (vgl. Schütz/Media Perspektiven In: Frankfurter Rundschau Nr. 145/2004, 28). Ähnlich hat sich der Tageszeitungsbestand in Österreich reduziert. Während 1953 noch 34 Tageszeitungen herausgegeben wurden, waren es 2003 nur noch 17 (vgl. Österreichisches Pressehandbuch 2005). Die ökonomische Konzentration von Medien, damit ist die wirtschaftliche Zusammenfassung von Einheiten gemeint, ist heute ein zentrales Thema, da sie die Vielfalt der publizistischen Angebote gefährdet. Dem publizistischen Konzentrationsprozess fielen hauptsächlich Zeitungen mit geringer Auflage zum Opfer, leistungsfähigere Zeitungen konnten sich auf dem Markt behaupten (vgl. Schütz 2001, 602ff). Im Bereich der lokalen Berichterstattung kommt es im Zuge der genannten Entwicklungen zu publizistischen Einschränkungen dadurch, dass konkurrierende Zeitungen im gleichen Verbreitungsgebiet fusionieren oder in Absprache nur noch Teilgebiete abdecken (Wilke 2003, 427). Hinsichtlich der Wettbewerbsfähigkeit sind Konzentrationen heute jedoch nahezu unvermeidlich. Die dadurch entstandenen Multimedia-Unternehmen verfügen aber über ein beträchtliches Machtpotenzial, was für Marion Gräfin Dönhoff, Herausgeberin der Hamburger Wochenzeitung "Die Zeit", eine "sehr handgreifliche Gefahr [...] im Pressewesen" (Dönhoff 1996, 202) darstellt. Zu Verlagskonzentration und publizistischer Konzentration gesellt sich zudem eine Auflagenkonzentration. So werden beispielsweise über 50 Prozent der in Deutschland täglich verkauften Zeitungen von nur drei Prozent der Zeitungsverlage herausgebracht. Die Verlagsgruppen Axel Springer Verlag AG, die Zeitungsgruppe WAZ, die Verlagsgruppe Stuttgarter Zeitung, die Verlagsgruppe M. DuMont und die Verlagsgruppe Süddeutscher Verlag/Friedmann Erben haben die größten Anteile bei der Gesamtauflage der Tageszeitungen in der Bundesrepublik Deutschland. Der Bertelsmann-Konzern (diverse Buchverlage, Schallplatten und Musikfirmen, Zeitungen und Zeitschriften wie Stern, Geo, Brigitte, Eltern; Beteiligung bei diversen Fernseh- und Hörfunkprogrammen ...), der Springer-Konzern (Bild-Zeitung, Bild am Sonntag usw., Zeitschriften Beteiligungen beim Fernsehen, Radio und bei Buchverlagen, bei Film und Werbung;) und der Holtzbrink-Konzern (Schwerpunkt Buchverlagen wie S. Fischer, Fischer Taschenbuch, Rohwolt, Knauer usw., Regionalzeitungen, Hörfunksendungen und beim Fernsehen;) zählen insgesamt zu den Marktführern (vgl. Wilke 2003, 429, Faulstich 1998, 45). Die deutsche und die österreichische Verlagswelt sind heute eng miteinander verwoben, wenn auch sterreichische Medienkonzerne vermehrt Beteiligungen am wachsenden südosteuropäischen Medienmarkt suchen. So hält zum Beispiel die Verlagsgruppe süddeutscher Verlag 49% der Anteile an der österreichischen Standard Verlagsgesellschaft und jeweils 86% der Anteile am Wirtschaftsverlag Carl Ueberreuter und am Österreichischen Wirtschaftsverlag (vgl. [www. sueddeutscher-verlag.de]). Die deutsche WAZ-Gruppe ist beteiligt am österreichischen Kurier Zeitungsverlag , der Herausgeber der Tageszeitung "Kurier" ist. Die Kurier-Verlagsgruppe ist ihrerseits wieder beteiligt an der Mediaprint Zeitungs- und Zeitschriftenverlag, welcher das größte österreichische Unternehmen auf dem Printsektor darstellt, und an der Verlagsgruppe News. Das Vorarlberger Medienhaus, das als eines der innovativsten Medienunternehmen in Europa gilt, hat gerade den deutschen Verlag Quoka zu 100% übernommen und expandiert nach Ungarn und Rumänien. In Ungarn unterhält die Vorarlberger Medienhaus-Gruppe das zweitgrößte Medienunternehmen (vgl. [www.home.medienhaus.at]). Die Styria Medien AG ist der drittgrößte Medienkonzern Österreichs mit Schwerpunkt in der Steiermark und in Kärnten. Mehere Tages-, Wochen- und Monatszeitungen, Onlinedienste, Privatradios und Privatfernsehen zählen zur Produktpalette des Verlags, der zudem Beteiligungen an Verlagskonzernen in Slowenien und Kroatien unterhält, um am aufstrebenden südosteuropäischen Markt mitzumischen. Die überregionale Tageszeitung "Die Presse" und die auflagenstarke regionale Tageszeitung "Kleine Zeitung" zählen zu den Aushängeschildern des Verlags (vgl. [www. styria.com]). Das kommerzialisierte Mediensystem wird zudem stark vom Werbesystem geprägt. Der Zusammenhang zwischen Medien und Werbung kommt zunehmend markanter zum Ausdruck. Die höchsten Werbeeinnahmen verbuchen nach wie vor die Tageszeitungen. "In vielen und den dominanten Bereichen richten sich die Anbieter nur noch indirekt nach der Publikumsnachfrage, nämlich über die reichweitenorientierten Werbeausgaben" (Faulstich 1998, 53). Faulstich prognostiziert eine Entwicklung zur absoluten Dominanz des ökonomischen Medienmarkts über politische, soziale und kulturelle Medienmärkte. Auch Wilke sieht die weitgehende Wettbewerbsbestimmtheit journalistischen Handelns und ortet in der publizistischen und ökonomischen Erfolgsorientierung Gefahren für die Berufsethik des Journalismus. Redaktionelle Tätigkeit gerät stärker unter den Einfluss externer Faktoren wie z. B. der Werbewirtschaft. Auf Kosten journalistischer Sorgfalt wird um Aktualitätsvorsprünge gerungen, Angebote der Konkurrenz imitiert usw. . Ökonomische Zwänge haben in Mediensystemen, wenn auch nicht immer direkt sichtbar, zensurierende Wirkung auf die journalistische Arbeit (vgl. Faulstich 1998, Wilke 1996, Saxer 1996, Bourdieu 1998). Die starke Abhängigkeit des journalistischen Feldes von externen - nicht nur ökonomischen - Kräften, stellt für Bourdieu eine Besonderheit gegenüber anderen kulturellen Feldern dar.

2.4 Medienethik

Fragen der Medienethik werden verstärkt seit den achtziger Jahren diskutiert. Die neuen medialen Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten werfen auch neue ethische Fragen auf. Nur der Bereich Ethik für Journalisten hat eine längere Tradition. Hinsichtlich der Vereinbarkeit von Markt und Moral ist auch die Ethik von Systemen, mit besonderer Berücksichtigung von Machtverhältnissen ein wichtiger Arbeitsbereich.

In jüngerer Zeit ist auch die Ethik der Nutzer oder Publikumsethik stärker in den Vordergrund gerückt. An dieser Stelle lässt sich der Bogen zu der von Faulstich dringend geforderten Entwicklung von Medienkompetenz auf der Nutzerseite schlagen. In der Praxis greifen die hier aufgespaltenen Arbeitsbereiche jedoch vielfach ineinander (vgl. Faulstich 1998). Klaus Wiegerling definiert das Feld der Medienethik wie folgt:

  1. "Medienethik ist eine Disziplin, die den Zusammenhang zwischen medialem Ausdruck und menschlichem Verhalten untersucht;

  2. sie ist der Versuch, medienbedingtes Verhalten auf seine Verantwortbarkeit hin zu untersuchen;

  3. sie ist eine Disziplin, die versucht, die Ausführungsbestimmungen moralischer Gebote unter medialen Gesichtspunkten zu beleuchten" (Wiegerling 2002, 90).

2.4.1 Ethik der Mediensysteme

Wir sind in zunehmendem Maße auf die Vermittlung von Informationen durch Massenmedien angewiesen. Die dargebotenen Informationen sind aber "Erfahrungen aus zweiter Hand" (Kettering 2002, 111). Sie werden konsumentengerecht und den Gegebenheiten des jeweiligen Mediums entsprechend aufbereitet, was sie unserem "Alltag" mehr oder weniger entfremdet. Aufgrund der großen aber subtilen Wirkungsmacht und -breite, die den Massenmedien heute vielfach zugeschrieben wird (vgl. Wilke 1996, Faulstich 1998, Bourdieu 1998, Rothmann1992, Zetterberg 1992, Kettering 2002, Noelle Neumann/Schulz/Wilke 2003), tragen Massenmedien besondere Verantwortung für Inhalt und Form ihrer Berichterstattung. Eine Individualethik wie die journalistische Berufsethik greift zu kurz und erweist sich als wenig tragfähig für ein komplexes soziales Handlungssystem, wie der Journalismus eines ist. Eingegliedert in hierarchische Strukturen der Organisationen, steht journalistisches Handeln auch unter dem Einfluss organisationsinterner bzw. systemspezifischer Interessen. Eine Ethik, die den Journalismus als System begreift und diesem gerecht werden will, muss mehr als eine Tätigkeitsethik, die Grundsätze für die journalistische Arbeit vorgibt, berücksichtigen, sie muss strukturelle Gegebenheiten der jeweiligen Institution mit einbeziehen (vgl. Wilke 1996, Rühl 1996, Saxer 1996). Bourdieu (1998) beschreibt das journalistische Feld als strukturierten gesellschaftlichen Raum, als nur schwer erschließbaren Mikrokosmos in einem umfassenden Ganzen mit eigenen Gesetzen und eigenem Kräftefeld, der nicht nur von ökonomischen Einflüssen gesteuert wird. Zum journalistischen Feld gehört insbesondere aber auch der Bereich der Rezipienten, der insofern bedeutend ist, als er - hauptsächlich mittels Konsumverhalten - wiederum auf das mediale Feld zurück wirkt (vgl. Bourdieu 1996, Wilke 1996, Mürner 2003, Faulstich 1998). Die Konturen einer systematischen Medienethik sind aber noch unscharf und erst im Entstehen (vgl. Faulstich 1998, Saxer 1996). "Neuzeitliche Pluralisierung der Ethiken (Systemethik, Organisationsethik, Berufsethik, Rollenethik u. a. m.) [und] die Vielgestaltigkeit und Multifunktionalität des Mediensystems" (Saxer 1996, 81) lassen derzeit keine Ethik zu, die sich auf das Medien-Gesamtsystem bezieht. Je nach Institutionalisierungstyp haben Medienorganisationen auf der Basis ethischer Grundsätze selbstregulierende bzw. -steuernde Instrumente entwickelt. Im Bereich des Rundfunks sind dies z. B. Programmrichtlinien oder Rollenanweisungen. Die Tagespresse versucht den Kontrollansprüchen der Umwelt mittels Redaktionsstatute bzw. Presseräten nachzukommen (vgl. Saxer 1996). Die darin festgehaltenen "Publizistischen Grundsätze" sollen die Wahrung der Berufsethik sichern helfen. "Dem individualethischen journalistischen Ermessen ist demnach [bei der Tagespresse] grundsätzlich größerer Spielraum zugebilligt als im Rundfunk, freilich nach Maßgabe der jeweiligen redaktionellen Norm" (Saxer 1996, 81). Die Wirksamkeit derartiger freiwilliger Selbstkontrolle hinsichtlich Anwendbarkeit und Exekutierbarkeit ist aber zumindest in Frage zu stellen. Bei entsprechender Umsetzung der Grundsätze und der dazugehörigen Richtlinien könnten nach Ansicht des ehemaligen Chefredakteurs der "Wirtschaftswoche", Volker Wolff, schwere Manipulationen aber verhindert werden (vgl. Wolff 1996, 211). Marion Gräfin Dönhoff (1996) bezeichnet die Kontrollmaßnahmen bzw. Kampfmaßnahmen des Presserats als naiv und das Gesamtergebnis Presserat insgesamt als enttäuschend. Gerade unter dem hohen wirtschaftlichen Druck und Einfluss auf die Presse werden publizistische Grundsätze wie sie im Pressekodex festgehalten sind, aufgeweicht. Dies trifft in besonderem Maße auf Grundsatz 7 des deutschen Pressekodexes, der wie folgt lautet, zu.

"Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab und achten auf eine klare Trennung zwischen redaktionellem Text und Veröffentlichungen zu werblichen Zwecken" (Deutscher Pressekodex 2005).

Im Ehrenkodex für die österreichische Presse heißt es dazu in Grundsatz 2:

"Einflussnahme Außenstehender auf Inhalt und Form der Information ist unzulässig. Dazu zählen nicht nur Interventionen und Pressionen, sondern auch Geschenke, sowie die Zuwendung persönlicher Vorteile, die über den Bereich der unmittelbaren beruflichen Tätigkeit hinausgehen. Ebenso dürfen persönliche Interessen die journalistische Arbeit nicht beeinflussen" (Ehrenkodex für die österreichische Presse 2005).

Was im Pressekodex festgehalten ist, hat aber zumindest Signalwirkung und bietet zumindest für einen Teil der Presse in medienethischer Hinsicht einen - wenn auch weit gefassten - Orientierungsrahmen. In diesem Sinne hat der deutsche Presserat im März 2005 ein Zeichen gesetzt, das die Verantwortung der Medien gegenüber behinderten Menschen signalisiert. Auf die unermüdlichen Forderungen verschiedener Interessensvertretungen, ein ausdrückliches Benachteiligungsverbot behinderter Menschen in den Pressekodex aufzunehmen, hat der deutsche Presserat nun reagiert und Ziffer 12 des deutschen Pressekodex entsprechend erweitert (vgl. Ladstätter 2005). Dort heißt es nun: "Niemand darf wegen seines Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer rassistischen, ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden" (Deutscher Pressekodex 2005, Ziffer 12). Mit der Aufnahme des ausdrücklichen Diskriminierungsverbots behinderter Menschen in der Presse, wird die Möglichkeit, sich gegen diskriminierende Berichterstattungen zu wehren bzw. auf solche aufmerksam zu machen, ausgebaut. Für Journalisten kann die Erweiterung dieses Grundsatzes zumindest einen bedeutungsgebenden Akzent setzen. Im Ehrenkodex für die österreichische Presse fehlt ein ausdrückliches Diskriminierungsverbot für behinderte Menschen noch. Dort heißt es nur: "Diskriminierung aus rassischen, religiösen, nationalen oder sonstigen Beweggründen ist unzulässig" (Ehrenkodex für die österreichische Presse 2005). Nachdem es in Medienorganisationen bei der Informationsvermittlung nicht um interpersonale Kommunikation, sondern um gesamtgesellschaftliche Vermittlungsprozesse geht, reicht es vermutlich nicht aus, wenn ethische Selbstverpflichtung nur innerhalb von Medienorganisationen ansetzt. Inwiefern eine Gesamt-Medienethik, die beispielsweise Rezipienten, Inserenten und Informanten mit einbezieht, realisierbar und umsetzbar sein wird, lässt sich derzeit nicht beantworten (vgl. Saxer 1996, 83).

2.4.2 Ethik der Journalisten

Ethik der Journalisten bezieht sich auf den einzelnen Journalisten und ist somit eine Individualethik. Rechte und Pflichten von Journalisten, aber auch Möglichkeiten und Grenzen der Berichterstattung werden in diesem Bereich diskutiert. Der Journalist ist in seinem Handeln jedoch auch systemabhängig zu denken. Systembedingte Einflussfaktoren wie Hierarchie, Politik, Markt und Publikumsbedürfnisse wirken neben seinen Fähigkeiten, Erfahrungen, seiner Motivation und den formellen Normen (Recht, Statuten, Standesregeln) auf sein journalistisches Handeln. Der einzelne Journalist ist Teil des Systems, ein Mitspieler in diesem Spiel, in dem übergeordnete Interessen einer Organisation und damit auch wirtschaftliche Interessen wie Gewinnmaximierung tonangebend sind. Aus diesem Grund wird heute dazu übergegangen, weniger von einer Individualethik, sondern, wie im Kapitel "Ethik der Mediensysteme" schon ausgeführt, von Organisationsethik bzw. Systemethik (vgl. Faulstich 1998, 85ff) zu sprechen. " ... Individuelle Wertvorstellungen, Gesinnungen und Willensentscheidungen sind im Journalismus gegenüber organisatorischen Arbeits- und Berufsprämissen zurückgetreten. [...] Journalismus wird durch organisatorisches Handeln produziert" (Rühl 1996, 94f). Wilke (1996) hingegen verweist auf Grenzen des systemtheoretischen Denkmodells und kritisiert die Vernachlässigung der journalistischen Berufsethik seitens der Wissenschaft. Eine solche Grenze sieht er im persönlichen Fehlverhalten des Journalisten, denn wo er gegen "Wert- und Normtreue des Journalismus" (Wilke 1996, 3) verstößt, trägt allein das Individuum die Verantwortung. Eine "konsequentialistische Ethik" (Wilke 1996, 5) orientiert sich nicht im Sinne einer "Gesinnungsethik" (Dovivat 1996) an den Absichten der Journalisten, sondern an der Verantwortung für die Folgen ihres journalistischen Handelns (vgl. Wilke 1996, 5). Bourdieu (1998) verweist auf die Gefahr, die von mitunter schlecht ausgebildeten oder "nicht immer wirklich gebildeten" (Bourdieu 1998, 61) Journalisten, auf der Jagd nach unerhört Neuem und Staunenswertem ausgeht. "So werden aus Journalisten, die die zum Nachdenken notwendige Distanz nicht wahren, Brandstifter" (Bourdieu 1998, 92). In der relativ großen Autonomie medialer Informationsvermittlung sieht Wilke (1996) die Notwendigkeit einer professionellen Berufsethik. Aber auch Rühl (1996) sieht trotz seines organisationsethischen Ansatzes die Notwendigkeit für persönliche und vor allem soziale Verantwortlichkeit im Journalismus, allerdings auf der Grundlage organisatorischer Strukturen. Allenfalls für ein System von Kleinzeitungen könnte eine Ethik, die sich an einzelne Individuen richtet, ausreichen (Saxer 1996, 77). Während journalistische Berufsethik hierzulande in der Journalistenausbildung ziemlich vernachlässigt wird, erhält das Thema in der amerikanischen Journalistenausbildung wesentlich mehr Raum (vgl. Wilke 1996, Donsbach 2003). Eine geregelte Ausbildung für Journalisten wurde in Deutschland lange Zeit nicht für sinnvoll erachtet, da mehr die journalistische Begabung in den Vordergrund gerückt wurde. Strukturelle Veränderungen der Ausbildung in jüngerer Zeit haben zwar einen Professionalisierungsschub eingeleitet, als Profession gilt Journalismus deswegen bzw. gerade wegen der immer noch diffusen Ausbildungssituation allerdings noch nicht. (vgl. Donsbach 2003). "Wissenschaftlich fundierte Kenntnisse aus der Rezeptions- und Wirkungsforschung könnten es Journalisten auch ermöglichen, stärker als bisher die Folgen ihres Handelns abzuschätzen" (Donsbach 2003 96). Dass man sich berufsethischen Fragen auch im deutschsprachigen Raum inzwischen stärker zuwendet, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass vermehrt wieder von einer großen Wirkung und Macht der Massenmedien ausgegangen wird (vgl. Wilke 1996, Faulstich 1998, Bourdieu 1998, Rothmann1992, Zetterberg 1992, Noelle Neumann/Schulz/Wilke 2003) und Folgeprobleme bewältigt werden müssen. Bezüglich der Medienwirkung ist anzumerken, dass diese nur schwer zu fassen ist und einer differenzierten Betrachtung bedarf. Wie empirische Untersuchungen zeigen, fühlen sich deutsche Journalisten eher ihren Informanten gegenüber ethisch verpflichtet als dem Publikum, was besonders daran deutlich wird, dass die Vermischung von Nachricht und Kommentar eine gängige Praxis darstellt. Massenkommunikation ist in der Regel eine indirekte und einseitige Kommunikation. Die Interaktionspartner, die weitgehend anonym bleiben, fühlen sich einander unter diesen besonderen kommunikativen Bedingungen ethisch weniger verpflichtet als dies bei direkter Kommunikation der Fall wäre (Wilke 1996, 3). Neben dem Bereich der Nachrichtenerstellung spielen ethische Prinzipien aber auch bei der Nachrichtenselektion eine wesentliche Rolle. "Nachrichten werden fortlaufend ,gemacht´, Themen werden immer wieder ,lanciert´, die ,Medienwirklichkeit´ ist weitgehend inszeniert. Deshalb sind die Regeln und Prinzipien, nach denen dieses ,Spiel´ funktioniert, in besonderem Maße der Notwendigkeit moralischer Bewertung ausgesetzt" (Faulstich 1998, 87). Aus der Sicht des deutschen Journalisten George Deffner (1982) bewegt sich journalistisches Arbeiten weitgehend in einem "luftleeren Raum" (Deffner 1982, 47), unter dem er die Vielfalt und das Ausmaß der täglich zu bewältigenden journalistischen Tätigkeiten vom Sortieren und Filtern der Informationsflut bis hin zum intensiven Recherchieren, zusammenfasst. "Das Mit-Erleben, Mit-Verfolgen von Entwicklungen fordert vom Journalisten ein Maß an Engagement, das zu liefern er schon aus zeitlichen und räumlichen Gründen kaum in der Lage ist" (Deffner 1982, 48). Das Publikum als Kontrollinstanz der Medieninhalte ist angesichts der Komplexität der Themen aber vielfach überfordert, selbstregulierende Maßnahmen und ein verantworteter Umgang der Journalisten mit Informationen ist allein schon deshalb erforderlich (vgl. Donsbach 2003, 123).

2.4.3 Publikumsethik

Weit weniger erforscht - besonders bei modernen Medien -, aber nicht weniger bedeutend ist der Bereich der Mediennutzung. Publikumsbezogene Ethik beschäftigt sich vorrangig mit der Verantwortung der Konsumenten. Das Verhältnis zwischen Journalismus und Publikum ist aber kein eingleisiges (vgl. Wilke 1996, Lübbe 1996). Mürner (2003) greift dazu die ursprüngliche, heute verloren gegangene Sinngebung des Begriffs "Interesse" als Dazwischen-Sein auf. Interesse meint folglich nicht nur, wie heute gebräuchlich, "Interessiert-sein-für-etwas" (Mürner 2003, 55), sondern beschreibt in seiner ursprünglichen Bedeutung "die konstitutive Beziehung zwischen mindestens zwei Beteiligten, ihrer Interaktion und ihrer Perspektive" (Mürner 2003, 55). Bei der gegebenen Vielfalt im Informations- und Unterhaltungsangebot ist der Konsument mit seinem Wahlverhalten eine wesentliche Instanz. Jürgen Wilke (1996) warnt im Vorwort zum Buch "Ethik der Massenmedien" davor, das Fehlen ethischer Grundsätze mit dem Konsumverhalten der Mediennutzer bzw. der "Gesellschaft" zu entschuldigen oder zu rechtfertigen, denn letztendlich ist das medienspezifische Nutzungsverhalten auch ein Ergebnis der Medienwirkung. Denn Interessen sind nicht von vornherein gegeben, sie werden auch - und dies geschieht im medialen Kontext mitunter ganz gezielt - zugeschrieben und erzeugt. Ist die Neugier erst einmal geweckt - dazu eignen sich durchaus auch Darstellungen, die bei den Rezipienten Empörung oder Ablehnung hervorrufen - gewöhnen sich die Leser und Zuseher mehr und mehr an das Dargebotene, wobei die Orientierung an moralischen Maßstäben in den Hintergrund rückt (vgl. Mürner 2003). Vermutlich weit stärker wird unser Umgang mit Medien aber von "Einflüssen familiärer und sonstiger Milieus" (Lübbe 1996, 68) geprägt. Medienpädagogik und Medienerziehung versuchen hier regulierend einzugreifen. Betrachten wir das mediale Konsumverhalten unter dem Aspekt kollektiver Verantwortung "fragt Medienethik nach allgemein verbindlichen und wünschbaren Wertesystemen" (Faulstich 1998, 89). In diesem Bereich wird Medienethik auch für die Darstellung von Behinderung in Massenmedien relevant. Ethische Werte wie Objektivität, Neutralität, Wahrheit, Fairness, Toleranz gegenüber Randgruppen, Verfolgten und Andersdenkenden, Ausgewogenheit, Parteilichkeit und Engagement für bestimmte Grund-und Menschenrechte bestimmen die mitunter angstbesetzte Diskussion. Auch wenn neuere Ansätze die Verantwortung von Mediensystemen, Journalisten und Nutzern als unangemessen für eine moderne Informationsgesellschaft ansehen, erachtet Faulstich (1998) eine breite "Diskussion von Normen, Werten, Bedürfnissen und Interessen aller gesellschaftlichen Gruppen und der Möglichkeiten ihres friedlichen Ausgleichs" (Faulstich 1998, 89) als besonders wichtig zur Konsenserzielung in einem "kommunikativen sittlichen Fundierungsprinzip medienethischen Handelns (z. B. ,Achtung´ oder ,Respekt´ gegenüber dem Mitmenschen)" (Faulstich 1998, 89). Beiträge dazu kommen bereits von den beiden großen Kirchen in Deutschland und im Bereich der Publizistikwissenschaft von Jürgen Wilke (vgl. Faulstich 1998, 85ff).

2.5 Wie ordnen Medien unsere Welt?

Moderne Massenmedien - ganz besonders das Fernsehen - vermögen mit ihren Mitteln intensiver und flexibler zu beeinflussen denn je, Narichtenmanipulation präsentiert sich derzeit ausgefeilter als je zuvor (vgl. Huainigg 1996, 19, Wolff 1996, 207). Wenn Medien Inhalte transportieren, ist zu beachten, dass derselbe Sachverhalt in verschiedenen Medien unterschiedlich dargestellt wird. Zudem wird mit jeder Information ein bestimmter medialer Kontext mitgeliefert. Ideologien und Perspektiven werden mit der Information mittransportiert (vgl. Wiegerling 2002). "Die Wirklichkeiten des Journalismus sind konstruiert und die Konstruktivitätsgrade nehmen (mutmaßlich) zu" (Weber 1999, 86). Jede neue (konstruierte) Wirklichkeit sucht sofort nach einer neuen Ordnung (z. B. neue Begriffe, Definitionen, Sichtweisen, Verknüpfungen usw.), um ihre innere Harmonie wieder herzustellen. (vgl. Huainigg 1999, 215).

Wie ordnen Medien die Welt von Menschen mit Behinderung? Dazu formuliert Christian Mürner: "Stellvertretende Stellungnahmen beinhalten Schemen oder Denkmuster des Umgangs mit anderen und über das, was von der Norm abweicht. Solche Vorstellungen oder fixen Ideen verinnerlichen sich in Haltungen, setzen sich aber nicht unbedingt direkt in Handlungen um" (Mürner 2001, 34). Am Beispiel der - zumindest was die eingehenden Spenden und die Einschaltquoten betrifft - erfolgreichen österreichischen ORF-Sendereihe "Licht ins Dunkel" stellt sich die Frage, "ob diese Fernsehrealität funktioniert, weil sie den Einstellungen des Publikums entspricht; oder ob viele spendende Rezipienten gerne die vorgesetzte Fernsehrealität annehmen" (Huainigg 1999, 215). Wie Informationen von den Rezipienten aufgenommen werden, wird aber auch in einem wesentlichen Maß von den Merkmalen des jeweiligen vermittelnden Mediums beeinflusst (vgl. Huainigg 1996). Jedes Medium hat seine eigene Gesetzmäßigkeiten. Während in der Presse die Sprache der zentrale Informationsträger ist, spricht im Fernsehen vorwiegend das Bild. Sprache spielt dort eine untergeordnete Rolle (vgl. Wiegerling 2002).

2.5.1 Wirklichkeitskonstruktionen im Journalismus

Konstruktion definiert Stefan Frerichs in seinem Buch "Bausteine einer systemischen Nachrichtentheorie" im erkenntnistheoretischen Sinn als die "Schaffung von Wahrnehmung und Erkenntnis durch ein kognitives System" (Frerichs 2000, 57). Entgegen früherer Auffassungen wird heute davon ausgegangen, dass kognitive Systeme aufgrund ihrer Struktur mit Umweltreizen und entsprechender Bedeutungsgebung gleich verfahren. Damit ist gemeint, dass Umweltreize mit jener Bedeutung belegt werden, die ihnen vom Gehirn - entsprechend der kulturellen Prägungen und Gedächtnisinhalte - zugewiesen wird. Dem kognitiven System geht es somit um eine Deutung der Konstruktion von Wirklichkeit, was wiederum bedeutet, dass unter Wahrnehmung mehr zu verstehen ist, als nur die Aufnahme von Informationen. Frerichs (2000) erklärt Wahrnehmung als "...die Selbstorganisation von äußeren und körperinneren Sinnesreizen durch ein kognitives System zur Schaffung von Wirklichkeit ..." (Frerichs 2000, 81). Die Konstruktion von Wirklichkeit wird aber in einen sozialen Kontext gestellt, d. h. dass autonome Konstruktionen von Wirklichkeit die Kommunikation mit anderen Menschen brauchen. Eine gewisse Qualität der Nachrichtenkonstruktion erfordert im Sinne einer systemischen Nachrichtentheorie für das soziale System Nachrichtenredaktion eine gewisse personelle, arbeitstechnische und organisatorische Vielfalt, aber auch ein Mindestmaß an Qualität, was Arbeitsbedingungen und Ausbildung von Journalisten betrifft (vgl. Frerichs 2000, 322). An der Frage nach der von Medien vermittelten Wirklichkeit bzw. nach der Ordnung der Welt, in der wir leben (vgl. Wiegerling 2002, 95), kommen medienethische Überlegungen nicht vorbei, denn Medien greifen verändernd und prägend auf das Milieu unserer Wahrnehmung von Welt ein (vgl. Tholen 2002, 7). Die Frage nach der medialen Wirklichkeit wird innerhalb der Medienwissenschaft kontrovers diskutiert. Ausgehend davon, dass Medientheorie nicht nur auf Wirkungsforschung reduziert wird, verweist Tholen (2002) auf die wissenschaftlich zentrale Bedeutung der noch unsicher diskutierten Frage, ob Medien unsere "Welterfahrung herstellen oder nur einrahmen" (Tholen 2002,7). Es gibt aber nicht die eine Wirklichkeit, heißt es bei Kettering (2002). Verschiedene Wirklichkeiten, unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen bilden die Basis für seine Überlegungen zu medialen Wirklichkeitskonstruktionen. Massenmedien liefern den Rezipienten durch ihre strukturellen Gegebenheiten Perspektiven bereits mit. Die an sich perspektivische Darstellung von Sachverhalten wird vom Rezipienten zudem perspektivisch aufgenommen (vgl. Kettering 2002, 118f). Seinen Überlegungen zur Bedeutung journalistischer Konstruktionen von Wirklichkeit legt Stefan Weber (1999) in seinem Buch "Wie journalistische Wirklichkeiten entstehen" die Unterscheidung wirklichkeitsbildender Instanzen zugrunde. Instanzen wie die Individuen, die Gesellschaft, die Geschichte, die Kommunikation, die Kognition, das Gehirn, die Kultur und eben auch Medien und Journalismus generieren unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen, also individuelle Konstruktionen von Wirklichkeit, historische, kommunikative, kognitive, kulturelle, mediale und journalistische Konstruktionen von Wirklichkeit. Ein weiteres Element, das, nach Auffassung des deutschen Zeitungswissenschaftlers Emil Dovivat (1996), an der Erschaffung von massenmedialen Wirklichkeiten konstruktiv beteiligt ist, ist die Gesinnung. Sie ist nach Dovivat ein wesentliches, wenn nicht das wesentlichste Grundelement der Publizistik. Sie ist sozusagen allgegenwärtig, ist an jedem Bereich publizistischen Arbeitens beteiligt. Sie tritt deutlich und bestimmend, aber auch verkappt oder maskiert in Erscheinung. Nicht selten wird die Gesinnung auch vor den materialistischen Karren publizistischer Massenproduktionen gespannt. Dovifat definiert Gesinnung als eine "charakterliche Grundhaltung, [die] oft auch geneigt [ist], ein Ziel anzugeben, eine Aufgabe zu lösen, ein Programm durchzusetzen oder zu zerschlagen. Gesinnung bejaht oder verneint, entbindet Liebe oder Haß in allen Graden und Dichtigkeiten" (Emil Dovifat, 1996, 28). Der öffentliche Umgang mit Gesinnung erweist sich als schwierig, weil Gesinnung im öffentlichen Leben nach außen immer in positiver, bejahender Gestalt erscheint. Im Kern kann sie trotz positiver äußerer Erscheinung aber auch negativ oder irreführend sein. Ein trauriges Zeugnis für den schwierigen Umgang mit Gesinnung liefert der Nationalsozialismus. Millionen von Menschen vertrauten der scheinethischen Gesinnung Hitlers und ließen sich irreführen (vgl. Dovivat 1996, 27ff). Medien und Journalismus werden heute in der Hierarchie der wirklichkeitsbildenden Instanzen vielfach als "Leit-Konstruktions-Instanz" (Weber 1999, 86) bewertet, obwohl diese Position nicht unumstritten ist. Kritiker werfen diesem konstruktivistischen Ansatz Überschätzung der medialen Macht vor. Die Stellung einer "primären Instanz der Wirklichkeitskonstruktion" (Weber 1999, 87) will Weber aber nicht mit einer Allmachtsposition gleichgesetzt wissen. Die leitende Position der Medien und des Journalismus bei der Konstruktion von Wirklichkeit stellt der Kommunikationswissenschaftler Siegfried J. Schmidt (1994) zwar nicht in Abrede, sieht sie aber stärker vernetzt mit anderen Instanzen. Mediengestützte Kommunikation bildet seiner Ansicht nach den Rahmen für individuelle und soziale Konstruktionen von Wirklichkeit, denn Vieles, was wir über "die Welt" wissen, entnehmen wir zwar den Massenmedien, aber Wirklichkeitskonstruktionen sind stets subjektgebunden und Resultate dynamischer Prozesse, in denen Individuen Zusammenhänge mit äußerer und innerer Erfahrung herstellen (vgl. Schmidt 1994 in: Weber 1999, 88, Schmidt 1999). Niklas Luhmann (1996) geht in seiner Gesellschaftsanalyse nicht von einer hierarchischen Ordnung sozialer Funktionssysteme und ihrer Wirklichkeiten aus, er stellt diese vielmehr nebeneinander. Was die verschiedenen Ansätze aber zeigen, ist die zumindest elementare Bedeutung der Medien bei der Konstruktion von Wirklichkeiten. Weber (1999) bewertet das mediale Subsystem Journalismus als wichtigstes bedeutungsproduzierendes Textsystem der Welt. "Der Kernbereich des Journalismus, der so genannte ,objektive´ Informations- und Aufklärungsjournalismus, scheint an Bedeutung abzunehmen. Dagegen scheint der Unterhaltungsjournalismus an Bedeutung zuzunehmen" (Weber 1999, 89). Er verweist diesbezüglich auf den Boom der Boulevardmagazine im deutschen Privatfernsehen, den Werbungs- und PR-Journalismus. Ein Perspektivenwechsel bzw. eine Schwächung vorgefasster Meinungen und Vorurteile ist nur durch sachliche, für den Rezipienten einsichtig und nachvollziehbar übermittelte Informationen möglich. Emotionale Darstellungen in Medien vermögen ihre Leser, Hörer oder Seher nicht wirklich zu berühren, sondern maximal oberflächlich anzurühren (vgl. Huainigg 1996, Rathmayr 1996), was von den Rezipienten aber durchaus gewünscht sein kann und Rückschlüsse auf mediales Konsumverhalten zulässt. Im Licht der zunehmenden Entfernung vom Kernjournalismus betrachtet, scheint die Annahme, der Zunahme von Konstruktivität im medialen Umfeld, plausibel. Am Beispiel des Golfkrieges zeigt Tholen auf, wie "mediale Inszenierung und reales Geschehen sich vermengen oder genauer: der Krieg in seiner medialen Repräsentation sich von seinem vor-medialen und zugleich mediengesteuerten Geschehen nicht unterscheiden lässt" (Tholen 2002, 11f). Schmidt (1997) prognostiziert in Verbindung mit zunehmender Konstruktivität im Mediensystem Wertverschiebungen von wahr/falsch, wirklich/unwirklich, objektiv/subjektiv usw. hin zu emotionaler Erregung, ästhetischer Kommunikationsqualität oder "transmoralischem Thrill" (Schmidt 1997, 174). Tholen verweist im Hinblick auf die viel diskutierte Selektivität medialer Darstellungen auf das Unsichtbare, das in der medialen Aufbereitung Ausgesparte, indem er schreibt: "Das Sichtbare entspringt als Sichtbares einem Horizont, an dem sich das Unsichtbare zurückgezogen hat" (Tholen 2002, 13). Aber nicht nur durch die selektive Thematisierung gesellschaftlich relevanter Themen, auch durch perspektivische Darstellungen, Bedeutungszuschreibungen, Interpretationsvorschläge bzw. durch ihre soziale Konstruktion von Wirklichkeit nehmen Massenmedien steuernd und kontrollierend Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse (vgl. Faulstich 1993, 163).

2.5.2 Öffentliche Meinung

"Öffentliche Meinung" ist ein internationaler Forschungsgegenstand, der verschiedene wissenschaftliche Disziplinen seit langem beschäftigt. "Öffentliche Meinung" ist aber auch ein unscharfer Begriff, der, trotz zahlreicher Definitionsversuche, wissenschaftlich bis heute noch nicht ausreichend präzisiert werden konnte (vgl. Wilke 1992, 9ff, Noelle-Neumann 1998, 2003). Öffentliche Meinung ist innerhalb der Diskussion um den Begriff "Öffentlichkeit" ein Begriff des Publikums, der heute vornehmlich im empirischen Bereich Anwendung findet (vgl. Hohendahl 2000, 3). Es lassen sich aber zwei Gruppen von Definitionen ausmachen: Einmal wird öffentliche Meinung als Integration im Sinne breiter Übereinstimmung, die den Zusammenhalt sichert, betrachtet. Die andere Gruppe will öffentliche Meinung als Meinung einer Elite verstanden wissen. Wesentlich geprägt wurde die wissenschaftliche Diskussion um das Phänomen "Öffentliche Meinung" von der deutschen Publizistikwissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann und ihrem Konzept der "Schweigespirale"[1] (vgl. Noelle-Neumann 1992, 1998, 2003). Auf das Konzept der "Schweigespirale" und des "Agenda Settings"[2] wird häufig zurückgegriffen, um das Phänomen "Öffentliche Meinung" wissenschaftlich zu erklären (vgl. Wiedmann 1993, 171). Noelle-Neumann legt der öffentlichen Meinung, die sie auch als "unsere soziale Haut" (Noelle-Neumann 1998, 262) - wobei sich "unsere" auf die Gesellschaft und das Individuum bezieht und Haut als Metapher für Schutz und Zusammenhalt steht - bezeichnet, zugrunde, dass in einem Verband lebende Menschen - mit dem Ziel handlungs- und entscheidungsfähig zu sein - unbewusst nach Konsens, einem gemeinsamen Urteil über einen Sachverhalt, streben. Daraus ergibt sich für das Individuum ein ständiger, von Isolationsfurcht getragener Konflikt zwischen den individuellen Bedürfnissen und jenen des Verbandes, was wissenschaftlich jedoch eher wenig Beachtung fand. Im europäischen Kulturkreis wurde vor allem, entgegen der sozialen Natur des Menschen, das dem Konformitätsdruck widerstehende Individuum hervorgehoben (vgl. Noelle-Neumann 2003, 393ff). Noelle-Neumann (2003) streicht hervor, "... dass öffentliche Meinung immer eine irrationale, wertgeladene Komponente hat, einen moralischen oder auch ästhetischen Wert ..." (Noelle-Neumann 2003, 402) und auf Isolationsdrohung und Isolationsfurcht gründet. "Öffentliche Meinungen bzw. Themenstrukturen sind also bestimmt durch Einstellungen und Wertvorstellungen, die man öffentlich zunächst äußern kann, ohne sich zu isolieren, die man nach und nach äußern muß, um sich nicht zu isolieren" (Wiedmann 2003, 171). Ihren Untersuchungen zur Schweigespirale legt Noelle-Neumann allerdings basierend auf der Theorie der Schweigespirale folgende Definition von öffentlicher Meinung zugrunde: Öffentliche Meinungen sind "Meinungen im kontroversen Bereich, die man öffentlich äußern kann, ohne sich zu isolieren" (Noelle-Neumann 1989, 91). Sie räumt allerdings ein, dass im Falle bereits zur Tradition gewordener, verfestigter öffentlicher Meinungen, kontroverse Elemente oft nur schwer als solche identifiziert werden können (vgl. Noelle-Neumann 1989, 91).

2.5.2.1 Die Theorie der Schweigespirale

"Schweigespirale heißt: Menschen wollen sich nicht isolieren, beobachten pausenlos ihre Umwelt, können aufs Feinste registrieren, was zu-, was abnimmt. Wer sieht, dass seine Meinung zunimmt, ist gestärkt, redet öffentlich, lässt die Vorsicht fallen. Wer sieht, dass seine Meinung an Boden verliert, verfällt in Schweigen" (Noelle-Neumann 2003 403).

Der von Elisabeth Noelle-Neumann entwickelten Theorie der Schweigespirale, die eine Reaktion auf die Umweltbeobachtung darstellt, liegen folgende Annahmen zugrunde.

  • Jede Gesellschaft bedroht abweichende Individuen mit Isolation.

  • Individuen empfinden ständig Isolationsfurcht.

  • Das Individuum beobachtet ununterbrochen das Meinungsklima und richtet sein Verhalten danach aus, um von der Gemeinschaft akzeptiert zu werden.

  • Die Isolationsfurcht der Individuen bewirkt die Schweigespirale.

  • Individuen wären unabhängiger vom Meinungsklima, wenn nicht die Furcht vor Isolation sie triebe.

Isolationsfurcht ist also ein starkes Motiv für den Anschluss an die öffentliche Meinung. Es soll hier aber nicht der Eindruck entstehen, als hätte die Furcht vor Isolation nur nachteilige Auswirkungen auf die Individuen einer Gesellschaft. Die rigorose Ablehnung öffentlicher Meinung birgt vermutlich ebenso viele Gefahren für das einzelne Individuum wie übermäßige Konformität. Was bisher nicht beachtet wurde, ist, dass nicht jeder Mensch die Isolation in gleichem Maße fürchtet. Ein Phänomen, das Noelle-Neumann in ihrer Arbeit weiter verfolgt. Sie versucht zu klären, inwieweit bestimmte Personen einen höheren Einfluss auf die öffentliche Meinung haben als andere und welche Persönlichkeitsmerkmale diese "Meinungsführer" (Weimann 1992) auszeichnen. (vgl. Csikszentmihalyi 1992, 31f). "Mit dem Bild der Schweigespirale wird ein Verstärkereffekt von Reden und Schweigen vor allem in Situationen des Wertewandels dargestellt" (Noelle-Neumann 2003, 405). Besonders in den USA wurde die Theorie der Schweigespirale mehrfach untersucht und getestet und wie das Beispiel des Popularitätsverlustes Präsident Bushs nach dem Golfkrieg vor der Präsidentschaftswahl 1992 zeigt, auch bestätigt. Die öffentliche Redebereitschaft der Anhänger Bushs verzeichnete in dieser Zeit einen Rückgang (vgl. Noelle- Neumann 2003, 404). Wiedmann (1993) würdigt zwar den Wert des Erklärungsmodells der Schweigespirale für die wissenschaftliche Erforschung des Phänomens "Öffentliche Meinung", hält es aber nicht für umfassend genug, um den Prozess "öffentlicher Regulierung" in seiner Vernetztheit mit anderen Prozessen der Veränderung von Werten und Gesellschaft zu erklären. Zetterberg (1992) hingegen geht davon aus, dass die Schweigespirale in einer von Massenmedien beherrschten Gesellschaft an Bedeutung gewinnt.

2.5.2.2 Medien und öffentliche Meinung

Öffentliche Meinung hat zwei Quellen, jene der Umweltbeobachtung, wie Noelle Neumann die Originalbeobachtung der Wirklichkeit nennt und die Beobachtung der Wirklichkeit durch die Augen der Medien (vgl. Noelle-Neumann 1989, 2003, Zetterberg 1992). Massenmedien stehen in enger Verbindung mit Reden und Schweigen. Sie entscheiden mittels Themenselektion, was in die Öffentlichkeit transportiert werden soll und darf. Sie bieten eine Auswahl von Themen und Meinungen an, geben Aufschluss darüber, welche Meinungen dominieren und welche als untergeordnet zu betrachten sind. Medien lehren sozusagen die öffentliche Meinung. Viele Menschen, die ihre persönliche Meinung in den Medien nicht bestätigt finden, ziehen sich der Theorie der Schweigespirale entsprechend von Gesprächen zurück, bringen zumindest ihre Ansichten nicht mehr ein. Diese fallen in eine Schweigespirale (vgl. Zetterberg 1992, 57f). Medien geben den Menschen vor, welches Meinungsklima herrscht bzw. "welche Meinungen im öffentlichen Diskurs akzeptabel sind" (Zetterberg 1992, 59). Neben der Informations-, Meinungsbildungs- und Kontrollfunktionfunktion haben Massenmedien auch Artikulationsfunktion, was hinsichtlich der Theorie der Schweigespirale von Bedeutung ist. Sie unterstützen Menschen dabei, sich an der Diskussion zu bestimmten Themen zu beteiligen und Standpunkte zu vertreten, indem sie auch Formulierungshilfen anbieten (vgl. Wiedmann 2003, 405f, Noelle-Neumann 1998, 249). Noelle-Neumann formuliert dazu: "Wer seinen Standpunkt in den Medien kaum vertreten findet, ist mundtot" (Noelle-Neumann 1989, 246), verfällt also in Schweigen. Aber auch innerhalb der Redaktionen von Presse, Rundfunk und Fernsehen herrscht öffentliche Meinung und hoher Konformitätsdruck, der von der Angst vor Isolation genährt wird. "Das in den Redaktionen vorherrschende Meinungsklima hat eine bemerkenswerte Tendenz zur Selbstzensur" (Zetterberg 1992, 62). Unpopuläre Themen haben es oft sehr schwer, die journalistischen Selektions- und Wahrnehmungsschleusen zu passieren. Zetterberg (1992) und Bourdieu (1998) verweisen somit auf fehlende Meinungsvielfalt in Massenmedien. Massenmedien verfügen über die Mittel Themen und Persönlichkeiten zu öffentlicher Bekanntheit/Existenz zu verhelfen bzw. ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Die faktische Monopolstellung großer Medienkonzerne ist der Meinungsvielfalt zusätzlich abträglich (vgl. Bourdieu 1998, 65, Zetterberg 1992, 62, Donsbach 1991, 15).

2.6 Medienwirkung

Medienwirkungsforschung untersucht in der Regel "Einflüsse aktueller Berichterstattung und fiktionaler Darstellungen auf Kenntnisse, Meinungen, Einstellungen und Verhaltensweisen" (Kepplinger/Noelle-Neumann 2003, 597) der Rezipienten. In neueren Forschungen wird auch der mediale Einfluss auf Emotionen einbezogen.

Die Geschichte der Medienwirkungsforschung gleicht einer Berg- und Talfahrt. Einmal wird den Medien alltagsbeherrschende Macht attestiert (1910 - 1949), häufig dokumentiert am Beispiel der Kriegspropaganda während des 1. und 2. Weltkrieges, dann wiederum wird den Medien, basierend auf den Ergebnissen einer Umfrage über die Medienwirkung bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl 1940 (Lazardsfeld/Berelson/Gaudet 1969), ihre große Wirkung auf Meinungen und Einstellungen der Menschen abgesprochen (Noelle-Neumann 1991, Donsbach 1991, Faulstich 1998, Rothman 1992, Kepplinger/Noelle-Neumann 2003). Geprägt von der Arbeit Elisabeth Noelle-Neumanns entwickeln sich auf dem Konzept der mächtigen Medien etwa ab 1970 im Bereich der Medienwirkungsforschung verschiedene Konzepte und Theorien, die nicht allein die Frage nach dem Ausmaß der Wirkungsmacht gemäß dem "Stimulus-Response-Ansatz [3] fokussieren (vgl. Schönbach 1992, 109). "Die Vorstellung einfacher, monokausaler Wirkungsprozesse und -erklärungen hat sich als Illusion erwiesen" (Donsbach 1991, 22). Vielmehr stehen gegenwärtig weit komplexere Fragestellungen, die Medienfunktion, Medienwirkung, Medieninhalt und Mediennutzung und somit auch die Frage nach Wirklichkeitskonstruktionen miteinander in Verbindung bringen, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Medienwirkung ist heute auch vernetzt mit Nachrichtenselektion, Berufsauffassung der Journalisten, der journalistischen Berufsethik und Fragen des Presserechts zu denken (Kepplinger/Noelle-Neumann 2003, 603). Weischenberg und Scholl (1992) plädieren aufgrund der zunehmend komplexeren und subtileren Fragestellungen dafür, auf den Begriff "Medienwirkung" zu verzichten und stattdessen von "möglicher/wahrscheinlicher Wirkungsrelevanz" (Weischenberger/ Scholl 1992, 106) von Medienbotschaften zu sprechen. Mit der größer werdenden Vielfalt und Komplexität der Fragestellungen haben sich auch die Auffassungen und Theorien zur Medienwirkung vervielfältigt, was wiederum dazu geführt hat, dass der Bereich Medienwirkung auch wissenschaftlich eine große Herausforderung darstellt. Aus diesem Grund werden in der Folge einige bedeutende Aspekte der Medienwirkungsforschung vorgestellt. Unbestritten ist, dass Medien unseren Alltag durchdringen und unser Kommunikationsverhalten wesentlich prägen. Die universale Allmachtsposition moderner Massenmedien wird heute aber, besonders was die Medienwirkung betrifft, zunehmend kontrovers diskutiert. Stanley Rothman geht beispielsweise davon aus, dass Massenmedien hinsichtlich Wahrnehmung und Definition wichtiger Aspekte der gesellschaftlichen Realität eine bedeutende Rolle spielen (vgl. Rothman 1992, 143). Damit rücken auch Untersuchungen zur Mediennutzung der Rezipienten stärker ins Blickfeld. Wesentliche Forschungsbeiträge dazu liefern unter anderen die Untersuchungen von Wolfgang Donsbach zum Konzept der selektiven Wahrnehmung (vgl. Donsbach 1991, Weber 1999, Noelle-Neumann, 1991) sowie das Konzept der "Schweigespirale" von Elisabeth Noelle-Neumann (vgl. Noelle-Neumann 1989). Während Noelle-Neumann verstärkt der Frage nach dem Einfluss der Medien auf das Meinungsklima nachging, wandte sich Donsbach der Mediennutzung, insbesondere der selektiven Nutzung und Verarbeitung von Medieninhalten durch Rezipienten zu (vgl. Kepplinger/Noelle-Neumann 2003, 601ff). Dass aktuelle Medienwirkungsforschung nicht daran vorbei kommt, sich auch mit Fragen der Mediennutzung der Rezipienten zu beschäftigen, steht heute außer Zweifel. Denn Rezipienten nutzen und verarbeiten Medieninhalte selektiv und nur was von Rezipienten ausgewählt wird, kann auch Medienwirkung erzeugen (vgl. Donsbach 1991, 15). Massenmedien versuchen die Neigung zur Selektion mittels auffälliger Aufmachung der Meldungen (Aufsehen erregende Schlagzeilen, Einsatz von Bildern, gute Platzierung usw.) zu entkräften (vgl. Kepplinger/Noelle-Neumann 2003 597ff). "Von allen Informationen, die die aktuellen Massenmedien in Deutschland täglich veröffentlichen, werden im Durchschnitt nur rund 1,7 Prozent von den Bürgern aufgenommen" (Donsbach 1991, 15). Daraus ergibt sich angesichts dieser Zahlen die doch sehr bedeutsame Frage, nach welchen Kriterien Rezipienten Informationen auswählen. Donsbach konnte belegen, dass selektive Wahrnehmung von Medieninhalten nur in eine Richtung passiert. Was die eigene Meinung unterstützt, wird gelesen, was sich markant von dieser unterscheidet wird ignoriert.

Ein ähnliches Phänomen wurde bezüglich positiv und negativ empfundener Nachrichten beobachtet. Negative Bewertungen wurden eher aufgenommen als positive (vgl. Noelle-Neumann 1992, 173f). Zetterberg (1992) formuliert dazu, dass sich die Aufmerksamkeit der Rezipienten verstärkt auf spektakuläre Nachrichten um Unfälle, Verbrechen, Betrügereien, Unglück usw. richtet: "Nicht die saubere, sondern die verschmutzte Luft macht Schlagzeilen" (Zetterberg 1992, 56). Gegenwärtig wird vielfach davon ausgegangen, dass Medienwirkungen bei herausragenden Ereignissen sehr stark und bei Routineereignissen eher gering einzuschätzen sind. Werden Fakten und Meinungen über einen längeren Zeitraum in den Medien thematisiert, zieht die Bevölkerung tendenziell allmählich mit den in den Medien präsentierten Einschätzungen gleich (vgl. Kepplinger/Noelle-Neumann 2003, 602). Bourdieu (1998) gibt dabei zusätzlich zu bedenken, dass Massenmedien ihre Themen den Wahrnehmungskategorien der Rezipienten sowie ihren formalen Anforderungen anpassen. Das bedeutet, je breiter das Publikum von Massenmedien ist, desto stromlinienförmiger verhalten sie sich. Problemfreie Themen, die möglichst niemanden schockieren und keine Probleme aufwerfen - Bourdieu nennt sie "Omnibus-Themen" - rücken in den Vordergrund (vgl. Bourdieu 1998, 62f). Auch Zetterberg stellt in dieser Hinsicht fest, dass "die wichtigsten Redaktionen der Massenmedien [...] die Menschen mit unauffälligen, leicht verdaulichen Themen und Ansichten" füttern (Zetterberg 1992, 66). Die Forderung nach Klarheit (die Aufmerksamkeit des Publikums in eindeutige Bahnen lenken) medialer Darstellungen erfordert, dass sich Redakteure und Regisseure an Genres halten, die das Publikum gewöhnt ist, um es nicht zu verunsichern (vgl. Prokop 1995, 415). Derartige Informationsvermittlung ergibt nach Zetterberg (1992) öffentliche Meinung. Rothmann (1992) weist Massenmedien eine bedeutende Rolle bezüglich Wahrnehmung und Definition wichtiger Aspekte der Realität und der Formung öffentlicher Meinungen zu (vgl. Rothmann 1992, 154). Aus der Sicht Bourdieus (1998) geht es den Massenmedien heute nicht mehr nur darum, den "Geschmack des breiten Publikums" (Bourdieu 1998, 68) zu formen, sondern diesen - um Einschaltquoten und Auflagen zu erhöhen - nur mehr zu bedienen und auszubeuten. Auch Mürner (2003) schlägt in diese Kerbe der Erfüllung eines gewissen Selbstzwecks. Neben der Beeinflussung von Wahrnehmungs- und Erfahrungsweisen von Menschen versuchen Massenmedien mit ihrer Berichterstattung Bedeutungen zu prägen, aber auch ihre Stellung im medialen Feld zu festigen bzw. auszubauen (vgl. Mürner 2003, 12). Der Einfluss aktueller Berichterstattungen der Medien auf die Relevanzvorstellungen bestimmter Themen in der Bevölkerung haben Maxwell E. McCombs und Donald Shaw (1972) auf der Basis der These des Tagesordungs-Effekts von Bernard C. Cohen (1963) empirisch untersucht und belegt. Cohen geht davon aus, dass die aktuelle Berichterstattung der Medien "einen erheblichen Einfluss auf die Vorstellungen der Bevölkerung von der Bedeutung gesellschaftlicher Probleme bzw. der Dringlichkeit ihrer Lösung" (Kepplinger/Noelle-Neumann 2003, 612) hat. Die Untersuchungen zum Einfluss aktueller Berichterstattung der Medien auf die Vorstellung, die die Bevölkerung von der Bedeutung gesellschaftlicher Probleme entwickelt, attestieren den Medien in dieser Hinsicht einen erheblichen Einfluss. Auf die Vorstellung von der Wichtigkeit eines Themas für die Bevölkerung wird der mediale Einfluss zumindest als relativ stark eingeschätzt. Auf Vorstellungen des einzelnen Individuums übt die aktuelle Berichterstattung der Medien gemäß den Untersuchungsergebnissen jedoch nur einen schwachen Einfluss aus. Demnach besteht häufig ein "erheblicher Unterschied zwischen dem, was den Menschen persönlich wichtig ist und den Themen, die die öffentliche Diskussion beherrschen" (Kepplinger/Noelle-Neumann 2003, 613f). Der Medienwissenschaftler Dieter Prokop (1995, 12f) begründet seine historisch gestützte Auffassung von Medien mit eher geringer Wirkungsmacht gemäß dem "Uses-and-Gratifications-Modell"[4] mit dem zu rationalem Handeln fähigen und medienkundigen Publikum. Viele Rezipienten sind seiner Meinung nach sehr wohl in der Lage Qualität zu erkennen und zu beurteilen. Auch Werner Früh (1992) stellt die Medienallmacht im Sinne des dynamisch-transaktionalen Ansatzes mit der Annahme eines aktiven Publikums, das Informationen aus Medien nicht einfach kritiklos übernimmt, in Frage. "Ein aktives Publikum konstruiert sich [...] aus dem Informationsangebot eine Welt mit eigenen, subjektiven Zügen" (Früh 1992, 73). In seiner empirischen Untersuchung zur Realitätsvermittlung durch Massenmedien bestätigt sich seine These, dass die Realität der Rezipienten kein bloßes und auch kein reduziertes Abbild der Medienrealität darstellt. Auf der Basis des Informationsangebots aus den Medien, seiner Vorkenntnisse und Erfahrungen, seiner intellektuellen Möglichkeiten und seiner Motivation konstruiert der Rezipient einen für ihn sinngebenden Bedeutungszusammenhang. Die Untersuchung bestätigt den Medien lediglich anregende bzw. anleitende Wirkung auf die Realitätskonstruktionen des Publikums (vgl. Prokop 1995, 73, Schmidt 2005). Schönbach belegt auf der Grundlage des dynamisch-transaktionalen Erklärungsmodells zudem die fördernde Wechselwirkung von Wissen der Rezipienten und dem Interesse an weiteren Informationen aus den Medien.

Siegfried Weischenberg und Armin Scholl (1992) skizzieren und erproben dagegen einen sehr differenzierten und komplexen Ansatz, das "Interdependenzmodell" der Medienwirkung, das vereinfacht dargestellt darauf basiert, dass unterschiedliche Publikumssegmente auf unterschiedlichen Ebenen, auf unterschiedliche Weise beeinflusst werden. Journalisten, Medienaussagen und Rezipienten bilden gemeinsam ein Feld, in dem Medienwirkungen entstehen. Gegenseitige Vorstellungen, Absichten und Erwartungen von Kommunikatoren und Rezipienten werden direkt auf die Kommunikation bezogen. Zudem wird das Ausmaß, in dem sich Absichten der Journalisten in den Medienaussagenabbilden, untersucht.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass sich durch das sich zunehmend vergrößernde Informations- und Kommunikationsangebot auch die Kontexte verändern, vor deren Hintergrund Kommunikationsangebote selektiert, interpretiert und deren Wirkung definiert werden. "Mehr denn je wird gelten, dass nicht mehr der Text sondern der Kontext über Wirkungen entscheiden wird" (Merten 1994, 327). Die Wirkungsforschung wird also mehr als bisher Einstellungen und Erwartungen der Rezipienten miteinbeziehen müssen, um die se Veränderungen erfassen zu können (vgl. Merten 1994, 327f).



[1] Siehe Kapitel 7.2.1

[2] Aus einer Vielzahl von Themen werden von Massenmedien nur einige ausgewählt, wodurch die Aufmerksamkeit der Bürger gelenkt bzw. kanalisiert und die öffentliche Meinung beeinflusst wird.

[3] Das "Stimulus-Response-Modell" (auch "Impfnadelmodell" oder "mechanisches Reiz-Reaktionsmodell") gilt als ältester Ansatz der Wirkungsforschung. Massenmedien wurde diesem Modell zufolge eine starke Wirkung zugeschrieben. Das "Stimulus-Response-Modell" geht von einem prinzipiell direkten und linearen Ablauf des Massenkommunikationsprozesses aus (vgl. Schönbach 1992, Merten 1994, Noelle-Neumann 2003).

[4] Aus dem Umfragematerial der Studie "The Peoples Choice" errbeitete Herta Herzog (1944) den so genannten "uses-and-gratifictions-" bzw. "Nutzen-und-Belohnungs-" Ansatz. Dieses Modell fragt nach dem individuellen Nutzen, den die Zuwendung zu den Medien dem Rezipienten erbringt. Modelle, die die Publikumsinteressen in den Mittelpunkt stellen werden als publikumszentrierte Ansätze bezeichnet. Diesen Ansätzen gehen in der Regel von schwachen Medienwirkungen aus (vgl. Noelle-Neumann 2003, Merten 1994)

3 Massenmedien und Behinderung

Die Darstellung von Behinderung und behinderten Menschen in Massenmedien hat eine lange Geschichte, die, wie Mürner in seiner "Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen" eindrücklich zeigt, bis ins 16. Jahrhundert zurückzuverfolgen ist. "Jede Gesellschaft verfügt über Geschichten, die von der Ordnung erzählen, die ihre Mitglieder sich gegeben haben" (Soll/Charlton/Lucius-Hoene 99, 20). Diese Geschichten bieten Identitäts- und Alteritätsentwürfe an, die mittels unterschiedlicher Medien verbreitet werden. Insofern können auch antike Gesellschaften mit ihren Dichtungsformen, die an Jedermann gerichtet sind, als Mediengesellschaften betrachtet werden. Besonders hinsichtlich Vielfalt und Produktionsgeschwindigkeit medial verbreitete, kollektiver Identitätsangebote hat sich in neuerer Zeit einiges verändert. Gesellschaftsmitglieder sehen sich heute mit einer Vielzahl identitätsstiftender Medienangebote konfrontiert. In Bezug zur sozialen Konstruktion personaler Identität bzw. zur sozialen Konstruktion von Behinderung stellt sich erneut die Frage, welche Bedeutung medialen Angeboten zugeschrieben werden kann. Berger und Luckmann (1995 in: Soll/Charlton/Lucius-Hoene, 99) sehen Medien als vermittelnde Instanz zwischen Individuum und Gesellschaft. In den Massenmedien transportierte Identitätsentwürfe können im Prozess der Identitätskonstruktion Orientierungsangebote darstellen (vgl. Soll/Charlton/Lucius-Hoene 99, 20). Maria Borcsa (2001) spricht in diesem Zusammenhang auch von Medien in der Rolle von "Sinnstiftungsagenturen" (Borcsa 2001, 126). Viele Menschen haben kaum oder gar keinen direkten Kontakt zu behinderten Menschen. Die Begegnung und Auseinandersetzung findet deshalb oft nur über Massenmedien statt. Massenmedien sind somit mitbeteiligt an der Entstehung von Bildern zu Behinderung, die von der Realität abgehoben bzw. verzerrt sind. Die Praxis zeigt, dass gerade die behinderten Menschen selbst durch verstärktes Engagement in Richtung Medien gefordert sind, das Bild behinderter Menschen in den Medien zurechtzurücken, denn Menschen ohne Behinderung bemerken die Kluft zwischen medialer Berichterstattung und der Alltagsrealität behinderter Menschen oft nicht. Bei Journalisten kommt hinzu, dass sie häufig etwas "betriebsblind" agieren und Gegebenheiten im journalistischen Feld stärker in den Vordergrund stellen (vgl. Eder 1992, 13).

"In einem konformen Tonfall, orientiert an Skandalen oder Melodramen, sprechen sie [Berichte von Menschen mit Behinderungen] die Sensationslust des Publikums an. Die Medien versuchen größtmögliche Aufmerksamkeit zu erreichen. Eine Beachtung, die bloßstellen kann, aber andererseits werden auch Besonderheiten bewusst dokumentiert. [...] Neben der Neugier gewinnt unverhofft die Selbstbestimmung an Profil" (Mürner 2003, 9).

Medien werden heutzutage oft an den Pranger gestellt, wenn es um die mediale Darstellung von Behinderung und behinderten Menschen geht. Medien werden häufig "beschuldigt", ein einseitiges und verzerrtes Bild von behinderten Menschen zu zeichnen. Dabei wird meist zu wenig auf die Komplexität des Sachverhalts Rücksicht genommen. Denn, wie an anderer Stelle bereits ausgeführt, ist das mediale Informationsangebot nicht losgelöst von in der jeweiligen Gesellschaft geltenden bzw. herrschenden Normen, Werten, Einstellungen und Meinungen zu betrachten, denn letztendlich sind Medien ein Produkt der Gesellschaft, was allerdings nicht bedeutet, dass sie ausschließlich vorgegebene Verhältnisse widerspiegeln (vgl. Radke, 2003, 5). Massenmedien sind eine wichtige Spiegelungsinstanz gesellschaftlicher Verhältnisse. In sozialkonstruktivistischer Theorietradition sind soziale Spiegelungsprozesse und somit auch Massenmedien auf ihre Weise an der Kostruktion von Identität und Alterität beteiligt (vgl. Borcsa 2001, 125). Die Frage nach dem Bild von behinderten Menschen in den Medien müsste also eigentlich aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Aus gesellschaftlicher Perspektive müsste gefragt werden, welches Bild behinderter Menschen Medien reflektieren. Damit ist gemeint, welche in der Gesellschaft vorherrschenden Bilder von behinderten Menschen, welche Urteile und Vorurteile, welche Klischees werden von Medien bevorzugt aufgegriffen und transportiert. Erfahrungsgemäß weichen besonders Medien mit breitem Publikum nicht gravierend von Vorstellungen ihrer Rezipienten ab (siehe Kapitel 7). Aus dieser Perspektive halten Medien der Gesellschaft einen Spiegel vor, was deutlich macht, dass genau genommen nicht nur Medien, sondern auch "die Gesellschaft" ob ihrer Bildprägungen zu Behinderung und behinderten Menschen angeprangert werden müsste. Zudem müsste aber aus der Medienperspektive danach gefragt werden, welches Bild von behinderten Menschen Medien mit ihren Möglichkeiten und Einschränkungen zeichnen und wie dieses wiederum auf die Gesellschaft - auf Individuen und öffentliche Meinung - zurückwirkt. Dabei wäre speziell danach zu fragen, welchen Einfluss medienspezifische Aspekte der Informationsvermittlung auf das medial transportierte Bild von behinderten Menschen haben. In diesem Bereich liegt die Verantwortung der Medieninstitutionen, der Redaktionen und der einzelnen Journalisten den behinderten Menschen gegenüber, die in den Medien nicht länger als "defizitäre Wesen" (Radtke 2003, 7) und ausschließlich auf ihre Behinderung reduziert dargestellt werden möchten. Vor dem Hintergrund, dass Massenmedien in der Regel auf gesellschaftliche Vorgaben zurückgreifen und diese unter bestimmten Umständen zwar verstärken aber Veränderungen nur schwer zu bewirken sind, relativiert sich die Bedeutung der medial vermittelten Bilder. Denn wie im Kapitel "Wirklichkeitskonstruktionen im Journalismus" schon dargelegt, wird die Konstruktion von Wirklichkeiten von unterschiedlichen wirklichkeitsbildenden Instanzen beeinflusst. Wären gesellschaftlich verankerte Bilder von Behinderung und behinderten Menschen in sehr hohem Maße von den in den Medien vermittelten Bildern geprägt, müsste es eigentlich eher ein Leichtes sein, diesbezügliche Einstellungs- und Vorstellungsänderungen durch gezielte mediale Information zu bewirken, was sich in der Praxis allerdings - man denke an den schleppenden Fortgang der Integration behinderter Menschen - nicht unbedingt bestätigt. Nicht hoch genug kann allerdings die Bedeutung der von Medien gezeichneten Bilder von Behinderung und behinderten Menschen für die Betroffenen selbst und ihre Angehörigen eingeschätzt werden. Peter Radke, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien in München, weist dabei der Sprache als wesentliches Element der Informationsvermittlung mit Auswirkung auf unser Denken und unsere Konstruktion von Wirklichkeit eine bedeutende Rolle zu. Die Auseinandersetzung mit dem Begriffsfeld "Behinderung" ist diesbezüglich also als Voraussetzung für verantwortungsvollen Journalismus zu betrachten.

4 Konzepte von Behinderung

Die begriffliche Fassung des Phänomens "Behinderung" hat im Kontext des lebendigen Sprachgebrauchs mit seiner historischen Dynamik immer wieder Veränderungen erfahren und spiegelt auch unterschiedliche Perspektiven wieder. Ein Universalbegriff für verschiedene Konzepte von Behinderung ist deshalb in gewisser Weise auch ein Kunstbegriff. Der Terminus "Behinderung" ist wie jeder definierte Terminus in seiner Bedeutung eingegrenzt. Zum "Bedeutungsleben" (Gadamer 1965, 392) des Wortes der gesprochenen Sprache ergibt sich eine gewisse Schwankungsbreite (vgl. Gadamer 1965, 391f). Eine einheitliche Definition von "Behinderung" gibt es nicht. Hinter Begriffen und ihren Definitionen stehen verschiedene Theorien, Denkweisen und Konzepte mit unterschiedlichen Zugangsweisen. Der Begriff "Behinderung" wird demgemäß je nach dem dahinter stehenden Konzept anders definiert. Eine entsprechend große Variationsbreite an Definitionen ist die Folge. "In einem häufigen Gebrauch wird Behinderung als Eigenschaft von Menschen verstanden, die in ihrer Lebensführung beeinträchtigt sind. [...] Gemeinsam ist den meisten Beschreibungen von, Behinderung´, dass sie den beschriebenen Zustand als negativ bewerten" (Meyer 2004, 55). Die ICF [5] versucht hier bereits gegenzusteuern, indem sie sowohl positive als auch negative Aspekte der vier grundgelegten Komponenten von Behinderung beschreibt. Ausgehend vom Verhältnis Medien und Behinderung werden neben der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entwickelten Grundkonzeption von Behinderung, die vor allem auf internationaler Ebene eine Arbeitsgrundlage für die Beschreibung des Phänomens Behinderung darstellt, die Sichtweise von Behinderung als sozialer Konstruktion thematisiert. Als mögliches Erklärungsmodell für gesellschaftlich verankerte Leidensprojektionen und Auswirkungen des Phänomens Behinderung und damit verbundener gesellschaftlicher Zuschreibungen auf betroffene Personen, kann der psychoanalytische Zugang zu Behinderung von Dietmut Niedecken dienen.

4.1 Das Phänomen Behinderung in der ICF

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat erstmals 1980 eine Internationale Klassifikation der Schädigungen, Behinderungen und Beeinträchtigungen (englisch: "International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps") (ICIDH) verfasst und dabei das Konzept von Behinderung zu vereinheitlichen versucht (vgl. Meyer 2004, 9). Darin wurde ein medizinisch-psychologisches Grundmodell des Phänomens Behinderung als Krankheitsfolge entwickelt, das von einer Krankheit oder einer psychischen Störung ausgeht, die sich in Form von Schäden zeigen, wodurch die betroffene Person in der Durchführung von Aktivitäten eingeschränkt sein kann (Fähigkeitsstörung) und die Person sich gegenüber anderen beeinträchtigt fühlt (Beeinträchtigung) (vgl. Steingruber 2005, 3). Umweltfaktoren wurden in der ICIDH nicht berücksichtigt. Dieses sehr defizitorientierte, kausale, lineare Folgemodell wurde einem langjährigen Revisionsprozess unterzogen. Die im Rahmen des Revisionsprozesses entwickelte Internationale Klassifikation wurde 2001 unter dem neuem Namen "International Classification of Functioning, Disability and Health" (ICF) (deutsch: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit) verabschiedet. Einem bio-psycho-sozialen Ansatz folgend stellt die ICF die (sozialen) Folgen einer Erkrankung in den Vordergrund. Sie basiert auf vier Komponenten: Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten und Partizipation, Umweltfaktoren und personenbezogene Faktoren. Umweltfaktoren und die Partizipation behinderter Menschen an allen Lebensbereichen werden nun stärker berücksichtigt (vgl. Steingruber 2005, Meyer 2004). Im Mittelpunkt steht aber die komplexe Beziehung zwischen der körperlichen und geistig/seelischen Verfassung und den Kontextfaktoren (Faktoren der materiellen und sozialen Umwelt und persönliche Faktoren), die sich wesentlich auf Körperfunktionen und -strukturen, Aktivitäten und Partizipation auswirkt.

Abbildung 1: Wechselwirkungen zwischen den Komponenten der ICF ( Quelle: ICF 2004, 23)

"Mit der ICF [sollen] die einzelnen gestörten Funktionen und vor allem die Auswirkungen auf die Aktivitäten und Teilhabe erfasst werden: die aus dem gesundheitlichen Problem resultierenden Einschränkungen oder Schwierigkeiten einer betroffenen Person und die Wechselwirkungen zwischen diesen Faktoren und der sozialen und materiellen Umwelt" (Meyer 2004, 23).

Die ICF soll ein Instrument sein, das es ermöglicht, verstärkt die individuelle Situation von Personen zu beschreiben und Abstand von pauschalen Klassifizierungen, Diskriminierungen und Stigmatisierungen zu nehmen (vgl. Meyer 2004, 24). Die ICF definiert Behinderung wie folgt:

"Behinderung ist gekennzeichnet als das Ergebnis oder die Folge einer komplexen Beziehung zwischen dem Gesundheitsproblem eines Menschen und seinen personenbezogenen Faktoren einerseits und den externen Faktoren, welche die Umstände repräsentieren, unter denen Individuen leben, andererseits" (ICF 2004, 22).

Behinderung ist auch in neueren Beschreibungsmodellen der Sonder-und Heilpädagogik, nicht mehr nur als Angelegenheit des Individuums sondern auch in Abhängigkeit von Situationen, Erwartungen und Aufgaben zu betrachten (vgl. Speck 1998, 325).

Im Rahmen einer umfassenden, allerdings wenig zielführenden Paradigmendiskussion in der Sonderpädagogik wurden unterschiedliche Konzepte von Behinderung mit unterschiedlichen Zugängen herausgearbeitet.

4.2 Behinderung als soziale Konstruktion

Aus soziologischer Perspektive wird das Phänomen Behinderung erst in jüngerer Zeit wissenschaftlich diskutiert. Günther Cloerkes hat 1997 als erster eine "Soziologie der Behinderten" veröffentlicht (vgl. Steingruber, 2005, 9f), aber auch Wolfgang Jantzen, Georg Feuser, Volker Schönwiese und Kerstin Ziemen, aus psychoanalytischer Perspektive auch Dietmut Niedecken und Valerie Sinason befassen sich intensiv mit der sozialen Konstruktion von Behinderung. Behinderung wird nach sozialwissenschaftlichem Zugang nicht als rein physisches, sondern als soziales Phänomen betrachtet. Behinderung ist aus dieser Sicht nicht naturgemäß vorhanden, sie wird vielmehr von der jeweiligen Gesellschaft produziert. Gegenstand zahlreicher sozialwissenschaftlicher Untersuchungen ist der indirekte (gesellschaftliche Normen und Werte) oder direkte (Konfrontation mit Institutionen) Einfluss auf die Produktion von Behinderung (vgl. Lercher-Schwarzwälder 1982). Cloerkes (2001) geht davon aus, dass die Bewertung von Behinderung und die Reaktion auf behinderte Menschen auseinander gehalten werden sollten und begründet diese Unterscheidung mit seiner Definition der beiden Begrifflichkeiten. "Eine Behinderung ist eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein entschieden negativer Wert zugeschrieben wird, Dauerhaftigkeit´ unterscheidet Behinderung von Krankheit,Sichtbarkeit´ ist im weitesten Sinne das ,Wissen´ anderer Menschen um die Abweichung.

Ein Mensch ist, behindert´, wenn erstens eine unerwünschte Abweichung von wie auch immer definierten Erwartungen vorliegt und wenn zweitens deshalb die soziale Reaktion auf ihn negativ ist" (Cloerkes 2001, 7).

Dem soziologischen Zugang zum Phänomen Behinderung liegt also die kulturabhängige, negative Bewertung der Andersartigkeit zugrunde. In der unterschiedlichen Bewertung von Behinderung und behindert sein, ist bereits angelegt, dass die Gruppe der behinderten Menschen allgemein negativer gesehen wird als die einzelne behinderte Person (vgl. Cloerkes 2001, 82), was auch damit begründet werden kann, dass die Interaktion mit einzelnen behinderten Menschen im allgemeinen leichter gelingt als mit einer Gruppe. Der Kontakt zu oder auch nur das Wissen um einem behinderten Menschen, schafft eine gewisse Nähe, verringert also die Distanz, die in der Regel das Verhältnis zu behinderten Menschen bestimmt, und ermöglicht den Zugang zu einem umfassenderen Bild der jeweiligen Lebenssituation. Behinderung entsteht aus soziologischer Perspektive also erst durch gesellschaftliche Zuschreibungen, Bewertungen und die Klassifizierung. Behinderung ist so gesehen kein Wesensmerkmal (vgl. Schönwiese 2003, 15). Cloerkes (2001) hingegen sieht in seiner Unterscheidung zwischen Behinderung und dem behinderten Menschen die "Behinderung" nicht allein als gesellschaftliches Konstrukt, wird diese doch im Sinne eines Wesensmerkmals als Abweichung von der Norm beschrieben. Auch wenn er davon ausgeht, dass nicht der Defekt oder die Schädigung, sondern die Folgen für das Individuum ausschlaggebend sind, greift er doch zumindest auf das Vorhandensein eines Wesensmerkmals Behinderung zurück. Ob die von Cloerkes vorgenommene Trennung von "Behinderung" und "behindert sein" in dieser Form für die wissenschaftliche Diskussion der sozialen Konstruktion von Behinderung von entscheidender Bedeutung ist, ist damit anzuzweifeln. Durch die gesellschaftlichen Zuschreibungen kommt es zur Konstruktion von Bildern zu Behinderung, die weitgehend von der Realität abgehoben sind, die zudem leicht mit der Vorstellung des scheinbaren Andersseins verschmelzen, und oft die Handlungsgrundlage gegenüber behinderten Menschen darstellen (vgl. Schönwiese 2003, 19f). Kerstin Ziemen (2003), die sich im Hinblick auf die soziale Konstruktion von Behinderung im Wesentlichen mit sozialen Regelverletzungen gegenüber Betroffenen und unmittelbaren Bezugspersonen befasst, nimmt die reproduzierte Geschichte mit in ihre Auffassung von Behinderung als sozialer Konstruktion auf, indem sie diese als "Produkt der kollektiven, unaufhörlich in den Individualgeschichten reproduzierten Geschichte, die in den Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsschemata einer Vielzahl von Menschen eingeschrieben ist und aus diesem Grund den Anschein einer natürlichen Selbstverständlichkeit hat" (Ziemen 2003, 6), beschreibt. Die Kulturgeschichte behinderter Menschen, die sich in unser Wahrnehmen, Denken und Handeln eingeschrieben hat, ist geprägt von Fremd- und Feindbildern und beeinflusst neben persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Komponenten die im Habitus verankerten, zumeist negativ konnotierten Bilder zu Behinderung. Folgen für die Betroffenen sind Reduzierung der Anerkennung bis hin zu Diskriminierung und Verletzung, Isolierung und erschwerter oder verweigerter Zugang zu "potentiell anerkannten Feldern der Gesellschaft" (Ziemen 2003, 12). Angesichts geltender idealisierter Werte rund um Leistung, Schönheit und Wohlstand in von Konsum bestimmten westlichen Industriegesellschaften ist es für behinderte Menschen besonders schwer, den vorherrschenden, tonangebenden Wertvorstellungen auch nur ansatzweise nachzukommen. In der ausschließlichen Orientierung unserer Gesellschaft am Gesunden und Vollhandlungsfähigen ortet Cloerkes (2001) eine linear kausale Beziehung zur negativen Bewertung behinderter Menschen. Erschwerend hinzu kommt die maßlose Überbetonung der Körperlichkeit. Cloerkes formuliert dazu: "Angesichts der außerordentlich positiven gesellschaftlichen Bewertung von Schönheit und körperlicher Integrität ist eine Abweichung von diesen Standards von großer Bedeutung für das body-image des Einzelnen" (Cloerkes 1985, 27). Menschen, besonders jene mit einer Behinderung, leben heute unter großem Druck, den an Idealen ausgerichteten gesellschaftlichen Maßstäben bzw. einer gewissen Norm zu entsprechen. Wer von der Norm abweicht, muss mit Akzeptanzverlust und Ausgrenzung rechnen. Die Art und Weise, wie sich aber behindernde, zumeist isolierende Verhältnisse über Sozialisationsprozesse "im Subjekt in scheinbar behinderte Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsweisen transformieren" (Feuser 1996, 2), nehmen wir an einem Menschen als seine Behinderung wahr (vgl. Feuser 1996). Goffman führt diesbezüglich die Begriffe "Stigma" und "Stigmatisierung" in die soziologische Diskussion ein. Ein Stigma haben, "das heißt, es [das Individuum] ist in unerwünschter Weise anders, als wir es antizipiert hatten. Die Abwendung von einem Menschen aufgrund eines "Merkmals, das sich der Aufmerksamkeit aufdrängt" (Goffman 1967, 13) bezeichnet Goffman (1967) als Form der Stigmatisierung, die allgemein als "das Verhalten aufgrund eines zueigen gemachten Stigmas" (Goffman 1967, 13) definert wird. Als "unmenschlichen Akt" bezeichnet Feuser (1996, 2) "an einem Menschen etwas in identischer Weise zu erwarten, wie ich es an mir kenne". Ein Stigma wirkt wie ein Vorurteil, ist aber immer auf Merkmale einer Person bezogen und bezeichnet auch "die Situation des Individuums, das von vollständiger Akzeptanz ausgeschlossen ist" (Goffman 1967, 7). Jantzen (1974) schlägt den Bogen zurück zu den stark an Leistung orientierten kapitalistischen Wirtschaftsformen, indem er die Ausgrenzung und das Sich-Abwenden von behinderten Menschen mit der geringen Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft verbindet. Bezugnehmend auf die unterschiedliche inhaltliche Konnotation von Behinderung und dem behinderten Menschen fordert Cloerkes (2001), wie dies auch in der ICF grundgelegt ist, eine stärkere Hervorhebung der Person des behinderten Menschen und ein konsequentere Grenzziehung gegenüber dem Merkmal "Behinderung".

In seiner "Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen" weist Mürner (2001) darauf hin, dass das "In-Erscheinung-treten" (Mürner 2001, 78) geistig behinderter Menschen lange Zeit der Klassifikation untergeordnet war, was noch heute die Lösung von vorgefassten Meinungen erschwert. Die Bezeichnung mit dem Begriff "Behinderung" kann sich für die betroffenen Personen negativ auswirken, indem beispielsweise negative Interaktionsmuster entstehen. Klassifizierung birgt die Gefahr von Reduktion, Abstempelung und letztlich Ausgrenzung (vgl. Meyer 2004, 59). In seinem Aufsatz "Geistigbehinderte gibt es nicht" schreibt Feuser: "Was uns an einem Menschen als klassifizierbares ,Merk-Mal´ auffällt, deuten wir als seine ,Eigenschaften´ und machen diese zu seinem ,inneren Wesen´ und bewerten diese schließlich im Spiegel der dominierenden gesellschaftlichen Normen" (Feuser 1996, 2) Klassifizierung - Notwendigkeit oder Unmöglichkeit? Eine Frage die heute vielfach diskutiert wird (Meyer, Sander, Speck, Beck). Sander geht von der Unmöglichkeit der Unterscheidung zwischen Behinderung und Nichtbehinderung aus (vgl. Sander 1985 in: Meyer 2004, 13). Für Iris Beck (1998) ist unumstritten, "dass eine eindimensionale Klassifikation nach Behinderungsarten weder der Komplexität der Behinderung noch der realen Bedarfssituation gerecht wird und eine unzulässige Reduktion von Problemzusammenhängen darstellt" (Beck 1998, 213). Bleidick wendet sich vor allem gegen die substantivierende Bezeichnung "Behinderter", da damit vordergründig ein defizitäres Persönlichkeitsmerkmal angesprochen wird (vgl. Bleidick 2001, 60). Der Wunsch nach - auch grenzüberschreitender - Vergleichbarkeit von Daten spricht aber besonders im Bereich des Gesundheits- und Sozialwesens für die Verwendung eines geeigneten Klassifizierungssystems.

Im Kontext medialer Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen kann es jedoch sinnvoll sein, über Klassifizierung, die in der Berichterstattung der Medien häufig einer Etikettierung gleichkommt, nachzudenken. Journalisten neigen häufig dazu, Begriffe wie "Behinderung", "behindert", "Handicap" usw., aber auch Namen von Institutionen bereits in die Überschriften bzw. in den Vorspann einzubauen, damit es den Rezipienten möglichst leicht fällt, die dazugehörigen Berichte einer ganz bestimmten Personengruppe, die damit auf das Merkmal Behinderung reduziert wird, zuzuordnen. Es stellt sich nicht so sehr die Frage, ob es in der medialen Berichterstattung die Klassifizierung behindert und nicht behindert braucht, sondern eher die Frage, warum diese Unterscheidung im medialen Kontext aus journalistischer Sicht notwendig zu sein scheint. Die folgenden Beispiele zeigen nur exemplarisch wie die Klassifizierung "Behinderung" bereits in Überschriften und Vorspann von Zeitungsberichten stattfindet. "Jasmin ist gar nicht behindert´" (VN 8.3.2005, A4)

"Der geistig zurückgebliebene Michael Lampert ist ein glücklicher Bauarbeiter." (VN 28.1.2005, A10)

4.3 Das Phänomen Behinderung aus psychoanalytischer Sicht

Auch das hier vorgestellte psychoanalytische Behinderungskonzept Dietmut Niedeckens hat bei der Erklärung des Phänomens Behinderung die kulturellen Gegebenheiten in einer Gesellschaft mit im Blick. Mario Erdheim (1989) verweist im Vorwort zu Niedeckens Buch "Namenlos" auf die Verwendung eines weitgefassten Kulturbegriffs. Niedeckens Ansatz folgend meint Kultur auch "die Art und Weise, wie sie [Individuen] ihr Leben gestalten und ihre Handlungen mit Sinn und Bedeutung belegen" (Erdheim 1998, I). Niedecken bezieht sich im Wesentlichen auf "geistige Behinderung", da dieser Personengruppe der Zugang zu psychoanalytischen Therapieformen in der Regel verwehrt bleibt. Diese Einschränkung erscheint mir im gegebenen Kontext aber nicht zwingend. Niedecken geht von unbewusst gemachten Tötungsphantasien gegenüber behinderten Menschen aus und vertritt die These, dass der Tötungswunsch die Einstellung zu behinderten Menschen beherrscht. Was zur Folge hat, dass (geistige) Behinderung zu einer Institution wird. Dahinter steht die Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten. Die Verdrängung der Tötungsphantasien ins Unbewusste ist notwendig, um sich aufdrängende Probleme zumindest vorläufig und vordergründig zum Verschwinden zu bringen, um nicht verstehen zu müssen. An der Bewusstmachung und -haltung führt, soll sich an der Situation behinderter Menschen etwas verändern, kein Weg vorbei (vgl. Erdheim 1998, Niedecken 1998). Niedecken zeigt Beispiele aus ihrer Praxis auf, die deutlich machen, "wie unbewusste Tötungswünsche sich immer wieder durchsetzen und zum Seelenmord an denjenigen führen, die das Schicksal der geistigen Behinderung trifft" (Erdheim 1989, I). In einer Gesellschaft, die sich derart stark an Leistung orientiert, eignen sich Kinder, die in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt sind, vor allem für die Mütter nicht als Leistungsausweis. Die Daseinsberechtigung wird in Frage gestellt, Gefühle des Versagens und der Schuld dominieren die Szene. Tötungsphantasien sind die Folge. "Dieses Phantasma bestimmt als wohl zentralstes Motiv unsere Haltung gegenüber geistig Behinderten - und ihren Müttern; es ist die Zuweisung, Abschiebung der ungeheuerlichen Kollektivschuld, des unsäglichen Versagens unseres aufgeklärten Bewusstseins, an einzelne" (Niedecken 1998, 15). Als Phantasmen bezeichnet Dietmut Niedecken "Instrumente der Unbewusstmachung von gesellschaftlichen Herrschafts- und Unterdrückungsstrukturen" (Niedecken 1989, 40). Angst vor Trauer und Verlust, die Teil von Phantasmen (vgl. Niedecken 1989) sind, zeigen sich in der Leidensprojektion, die in Angstabwehr mündet (vgl. Schönwiese 2003). "Angstabwehr ist die individuelle [...] Reaktion auf die gut internalisierte Last der gesellschaftlichen Wertvorstellungen vom leistungs- und funktionsfähigen Menschen" (Schönwiese 2003, 21). Mit Hilfe der Leidensprojektion gelingt es uns, den eigenen Abwehrkampf außerhalb von uns selbst zu führen, an einem Ort, wo der Kampf für uns weniger gefährlich ist (vgl. Niedecken 1989, 19). Phantasmen sind in Institutionen organisierte geistige Konfigurationen, die unabänderlich, naturgegeben und notwendig erscheinen. Phantasmen sind keine individuellen Phantasieprodukte, sie sind durchgängig gesellschaftlich (vgl. Niedecken 1989). Durch die gesellschaftliche Verankerung von Phantasmen werden Konstruktionen von Wirklichkeiten in Mediensystemen und das massenkommunikative Handeln ebenso beeinflusst wie individuelle Wirklichkeitskonstruktionen. Der dabei zu beachtende Unterschied ist, dass durch Medien wirksam werdende Phantasmen eine breitere Wirkung erreichen.



[5] ICF: "International Classifikation of Functioning"

5 Zur Darstellung von Behinderung und behinderten Menschen in Massenmedien

5.1 Historische Betrachtungen

In der Medien- und Kulturgeschichte behinderter Menschen wird bis heute nicht das Alltägliche, das Selbstverständliche thematisiert, der Fokus ist stets auf sowohl positive als auch negative Aspekte des Seltsamen bzw. des Besonderen gerichtet. "Vorurteil und Verklärung, Bedrohung und Bewunderung blockieren gleichermaßen einen offenen Umgang mit behinderten Menschen" (Mürner 2003, 15). In den medialen Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen zeigt sich sehr deutlich, dass behinderten Menschen weder zugetraut noch zugestanden wurde und wird, für sich selbst zu sprechen. Über Behinderung und behinderte Menschen wird bis heute fast ausschließlich aus stellvertretender Perspektive berichtet. Auch Massenmedien leisten in dieser Hinsicht ihren Beitrag zur Fremdbestimmung behinderter Menschen geleistet. Ihren Ursprung haben Massenmedien, wenn auch noch in bescheidener Form, im Mittelalter. Flugblätter, die Text und Holzschnitte von Wundergeburten - damit sind vor allem behinderte Neugeborene und Totgeburten gemeint - zeigen, sind erste Zeugnisse der Darstellung behinderter Menschen in Massenmedien. Das Flugblatt war ein Medium, das dem Volk zugeordnet wurde, während Bücher zumeist nur den Gelehrten zur Verfügung standen. Diese Flugblätter hatten zum Ziel, Menschen zu verbessern, was angesichts der herrschenden Vorstellung von Wundergeburt als Zeichen von Gottes Zorn und Mahnung zur Umkehr deutlich wird. Der Lebenswert behinderter Menschen zeigte sich an häufigen Vergleichen mit Tieren - die in der Alltagssprache vereinzelt noch heute in Gebrauch sind, wie das Beispiel "Hasenscharte" zeigt - sowie an Bezeichnungen wie "Halbmenschen" und "Viertelmenschen" (Holländer 1921 in: Mürner 2003, 23). "Zurschaustellung wird versucht mit Betroffenheit zu harmonisieren" (Mürner 2003, 18). Behinderte Menschen werden zum Zweck des gesellschaftlichen Wandels instrumentalisiert.

Im 16. Jahrhundert wurde verstärkt davon ausgegangen, dass solche Zurschaustellungen behinderter Menschen bei nicht behinderten Menschen die Zufriedenheit über ihre "Unversehrtheit" stärkt, womit auch das große Interesse und die Sensationsgier begründet wurden. So lautet die Aussage eines Flugblatttextes gegen Ende des 16. Jahrhunderts, dass es zwar besser wäre, die "Missgeburten" zu verheimlichen, dass "ihre Verbreitung im Druck doch ,bisweilen´ angezeigt [sei], denn sie könnten den Anreiz erhalten, uns an unsere Ohnmacht zu erinnern ..." (Mürner 2003, 44). Das Interesse an Missbildungen und deren Zurschaustellung soll im 16. Jahrhundert besonders groß gewesen sein. (vgl. Debrunner 1946 in: Mürner 2003, 54). Einschlägigen Dokumenten zufolge ist anzunehmen, dass behinderten Menschen im Laufe des 17. Jahrhunderts auch eine eigenständige Rolle zugestanden wurde und zumindest von Seiten der Gelehrten mit mehr Würde begegnet wurde. Die Zurschaustellung behinderter Menschen verschob sich dadurch mitunter in Richtung Selbstdarstellung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellte Eugen Holländer (1921 in: Mürner 2003, 55) fest, dass die Nachfrage nach Veröffentlichung bzw. Zurschaustellung von "Abnormitäten" nach "der Demaskierung des Wunderbaren in unserem aufgeklärten Zeitalter" und angesichts der zunehmenden Technisierung etwas rückläufig sei. Im autobiografischen Sammelband des Prager Journalisten Egon Erwin Kisch wird unter anderem die Vermarktung und Ausbeutung der "zusammengewachsenen Schwestern" Rosa und Josefa Blazek, die 1878 in der Nähe von Prag geboren wurden, beschrieben. Dieses Beispiel der siamesischen Zwillinge aus Böhmen zeichnet wiederum ein Bild ungebrochenen öffentlichen Interesses an Information und Zurschaustellung und lässt Zweifel an Holländers Feststellung aufkommen. Im Laufe der Zeit ist allerdings zu beobachten, dass Realitätsgehalt und Exaktheit der Darstellungen und Beschreibungen zunehmen. Erst ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wird damit begonnen, behinderte Menschen nicht mehr fast ausschließlich aus medizinischer Perspektive darzustellen, sondern verstärkt auch psychosoziale Schwerpunkte zu setzen. Plakative Darstellungen vom Elend behinderter Menschen, die auf Wohltätigkeit angewiesen sind, sind rückläufig oder zumindest differenzierter oder auch nur unterschwelliger und versteckter, aber nicht weniger diskriminierend.

5.2 Gegenwärtige Tendenzen

Eine vergleichende Analyse zu Ausmaß und inhaltlicher Gestaltung der Berichterstattung über chronische Krankheit und Behinderung in deutschen Print- und TV-Medien in den Jahren 1955, 1975 und 1995 von Katrin Soll, Michael Charlton und Gabriele Lucius-Hoene zeigt im quantitativen Vergleich, eine erhebliche Zuhnahme von Beiträgen über behinderte Menschen und Menschen mit chronischen Erkrankungen in den 90er Jahren. Allerdings bleibt unklar, ob die verstärkte Aufmerksamkeit an behinderungsspezifischen Themen den Medien zuzuschreiben ist oder die Medien durch das stärkere Bewusstsein der Öffentlichkeit dazu gedrängt wurden. Im inhaltlichen Vergleich wurden die Beiträge in die Kategorien "medizinischheilkundlich", "psychosozial" und "rechtlich" eingeteilt. Während in den 50er und 70er Jahren medizinisch-heilkundliche Aspekte von Behinderung und Krankheit im Vordergrund standen, rückten 1995 psychosoziale Aspekte ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Auch rechtliche Fragestellungen wurden häufiger zum Thema der medialen Berichterstattung zu Behinderung und Krankheit. Die Faszination moderner Technologie und Wissenschaft, gebunden an Einzelschicksale, beherrscht die Berichte bzw. Sendungen 1955. Behinderte und kranke Menschen werden vorwiegend in Abhängigkeit von Unterstützung, Hilfe und dem Mitleid anderer dargestellt. 1975 fällt auf, dass die Möglichkeiten moderner Medizin und Technologie häufiger in Frage gestellt wird. "Patienten" schlüpfen nun öfter in die Rolle autonomer und kritikfähiger Partner, was jedoch nicht heißt, dass sie als emanzipierte und aktive Mitglieder der Gesellschaft gesehen und thematisiert werden. 1995 zeigt sich, dass vermehrt selbstbewusste behinderte Menschen gezeigt werden, die sich in eigener Sache engagieren. Häufig werden auch behinderte Menschen, die besondere Leistungen erbringen, vorgestellt. Ein offensiver Umgang mit Behinderung prägt das vermittelte Bild. Betroffene in der Rolle der Hilfsbedürftigen treten seltener in Erscheinung. Die Analyse zeigt, dass in der medialen Berichterstattung zu Behinderung und behinderten Menschen die Darstellung von Einzelschicksalen zunehmend dominiert (vgl. Soll/Charlton/Lucius-Hoene 99, 20-24). In seinem Buch "Medien und Kulturgeschichte behinderter Menschen" vertritt auch Christian Mürner die Auffassung, dass Presseberichte zum Thema Behinderung heute insgesamt individueller geworden sind.

Die Hervorstreichung der Individualität bringt aber oft auch eine Verschiebung zu Intimität mit sich, eine Beobachtung, die sich vermutlich nicht nur auf behinderungsspezifische Themen bezieht. Trotzdem erscheint es mir, gerade wenn es in der Berichterstattung um Menschen mit Behinderung geht, sehr wichtig, die Grenze zwischen Individualität und Intimität mit Rücksicht auf mögliche identitätsbedrohende Wirkungen intimer Darstellungen sehr sorgsam auszuloten. Auch Gstettner (1982) ortet bei den Massenmedien im Umgang mit Behinderung eine Hervorhebung individueller Schicksale. Häufig wird allerdings unter Einsatz von Mitleid und Klischees der Absonderungsstrategie Vorschub geleistet (vgl. Schönwiese 2003, Kagelmann/Zimmermann 1982, Huainigg 1996). H. Jürgen Kagelmann und Rosmarie Zimmermann (1982) vertreten in ihrem Buch "Massenmedien und Behinderung" die Auffassung, dass Behinderung in den Berichterstattungen der Massenmedien einerseits zu wenig bedacht wird, und wenn dann vornehmlich in diskriminierender, verletzender und integrationsfeindlicher Weise. Die Darstellung von Behinderung in den Massenmedien bewerten sie insgesamt als negativ und schädlich. Mürner (2003), dessen Buch zu Massenmedien und Behinderung fast 20 Jahre später veröffentlicht wird, sieht darüber hinaus durchaus positive Tendenzen in der medialen Inszenierung des Themas Behinderung, die er an verschiedenen Schwerpunkten festmacht. Einmal stellt er eine Verschiebung von medizinischen Inhalten hin zu psychosozialen Themenkomplexen fest. Insgesamt beurteilt er die Darstellung von Behinderung als offensiver, fundierter und direkter, wenn beispielsweise Menschen mit Behinderung selbst zu Wort kommen, aber deswegen nicht unbedingt weniger diskriminierend. Mürner (2003) stellt zukunftsweisend fest: "Ein zunehmend ,offensiver Umgang mit der Behinderung´ liegt im Bereich des Möglichen" (Mürner 2003, 27) Trotz der positiven Tendenzen in der medialen Darstellungsweise von Behinderung und behinderten Menschen sind sich Mürner (2003) wie Cloerkes (2001) einig, dass sich diese begrüßenswerte Entwicklung in unserer stark leistungsorientierten Gesellschaft wohl nur sehr bedingt auf die Bewertung von Behinderung auswirken wird. Zur Vielfalt medialer Darstellungen in Bezug auf Behinderung und behinderte Menschen und deren Wirkung hält Mürner fest: "Das von den Medien oft propagierte Zulassen aller Optionen, der so genannten umfassenden ,Informationspflicht´ , führt nicht automatisch zur Akzeptanz der Vielfalt und in der Folge zur Achtung des Andersseins" (Mürner 2003, 55).

5.3 Die Rolle behinderter Menschen in der medialen Berichterstattung

"Menschen mit Behinderung werden in den Medien in eine Rolle gedrängt und auf sie festgelegt" (Mürner 2003, 13).

Von Menschen mit Behinderung werden in Massenmedien vorzugsweise sehr klischeehafte Bilder gezeichnet. Darstellungen von behinderten Menschen im leistungsorientierten Kontext und solchen, die sich der Armut und dem Elend zuwenden sind die gängigsten (vgl. Huainigg 1996, 34). In Lothar Sandforts Medien-Manifest (1986) werden vier, also zwei weitere Darstellungstypen von Behinderung in Massenmedien beschrieben.

Der behinderte Mensch im Elend

Menschen mit Behinderung werden unter dem Deckmantel des Elends präsentiert, mit dem Ziel, vom "eigenen Elend" abzulenken, denn es gibt ja Menschen (behinderte Menschen), denen es noch viel schlechter geht. Diese Darstellungsweise ist in der so genannten Regenbogenpresse sehr verbreitet.

Der bedauernswerte aber wohlversorgte behinderte Mensch

In dieser Art der Berichterstattung wird die Situation von Menschen mit Behinderung zwar als bedauerlich, aber nicht hoffnungslos dargestellt. Hier liegt der Fokus auf den mannigfaltigen Therapie- und Hilfsangeboten für behinderte Menschen und auf den aufopfernd Helfenden. In diese Rubrik fallen Berichte, Sendungen und medial aufbereitete Veranstaltungen mit dem Ziel der Spendeneintreibung. Besonders für prominente Personen bietet sich in diesem Rahmen die Gelegenheit, medial wirksam etwas für behinderte Menschen zu tun und dabei gleichzeitig ihr Image aufzubessern. Behinderte Menschen werden in diesem Zusammenhang oft "verniedlicht und in die Rolle von Objekten" (Eder 1992, 13) gedrängt. Diese Art der Berichterstattung ist gut verkäuflich, sie eignet sich zur allgemeinen Gewissensberuhigung unter Beibehaltung der Distanz zu den behinderten Menschen. Prominentestes österreichisches Beispiel ist die stark emotional besetzte Sendereihe "Licht ins Dunkel", in Deutschland ist es die "Aktion Sorgenkind". Was dabei unter dem Strich im Alltagsbewusstsein der Menschen verhaftet bleibt, ist womöglich nur, dass genügend für Menschen mit Behinderung getan wird, wenn nur (einmal im Jahr vor Weihnachten) ausreichend gespendet wird. Das Bild des bedürftigen, Hilfe suchenden behinderten Menschen wird verfestigt.

Der leistungsfähige behinderte Mensch

Der leistungsfähige Mensch mit Behinderung, der sein "tragisches" Schicksal gemeistert hat, steht in dieser Darstellungskategorie im Mittelpunkt. Die Darstellung dieses "dynamischen Elitebehinderten" (Sandfort 1986, 209) lässt sich besonders gut verkaufen. "Medienprodukte, die den Eindruck hinterlassen, der Behinderte müsse nur wollen, müsse nur schön fleißig sein und trainieren, dann wäre alles halb so schlimm, entlasten den Rezipienten und werfen die Verantwortung allein auf den Behinderten zurück" (Sandfort 1986, 209). Besonders Berichte aus der Welt des "Behindertensports" tragen dieses Etikett und erheben so Leistungsfähigkeit zur Norm.

Skandalberichte

Unter der Bezeichnung "Skandalberichte" lässt sich jene Art der Medienberichterstattung zusammenfassen, welche, allerdings ohne auf "Ursachen von Behinderungen" (Sandfort 1986, 210) oder nähere Umstände des Behindertseins bzw. -werdens einzugehen, "menschenfeindliche Haltungen anklagt und ihr Fortdauern erschwert" (Sandfort 1986, 210). Dass "menschenfeindliche Haltungen" in der Gesellschaft und ihre Ursachen durch Medienberichte nur bedingt aufgearbeitet werden können, kann psychoanalytisch argumentiert werden. Ihre Verankerung im Unterbewusstsein, in der bereits erwähnten Bildung von Phantasmen (Niedecken 1989) erfordert eine kritische Wahrnehmung gesellschaftlicher Wirklichkeit, und zumindest eine reflexive Bearbeitung eigener Versagensängste (vgl. Niedecken 1989). Medienberichte, die das Phänomen Behinderung derart umfassend darstellen wollten, wären vermutlich nur äußerst bedingt verkäuflich, da sie den Leser als Mitschuldigen, als Träger von Vorurteilen oder als Ausgrenzenden entlarven würden. Sandfort (1986) stellt resümierend fest, dass Berichte über Behinderung und behinderte Menschen, die an einen Skandal im genannten Sinne gebunden sind, am wenigsten schädlich auf die Betroffenen auswirkt, da die Möglichkeit der öffentlichen Anklage immerhin ein Machtmittel darstellt.

Die Darstellung des allzeit fröhlichen, immer lächelnden behinderten Menschen habe ich in Sandforts Rollenschema vermisst. Am ehesten aber würden wir ihm, in Verbindung mit Elendszuweisungen und hoffnungsvollen Ausblicken, wohl in der zweiten Kategorie antreffen. Ebenso fehlt die Kategorie des bösen, aggressiven oder kriminellen, gefährlichen behinderten Menschen, welche ebenfalls häufig an Skandale gekoppelt erscheint. Mürner vermerkt aber, dass aktuellen Beobachtungen zufolge, die äußerst gut verkäuflichen Skandalberichte immer noch regelmäßig in Massenmedien auftauchen, daneben allerdings immer wieder auch Selbstbestimmung zum Thema gemacht wird (vgl. Mürner 2003, 9, 27). Mürner greift an dieser Stelle Cloerkes (2001) Trennung von Behinderung und behinderten Menschen auf, wenn er feststellt: "Es scheint als hätten die modernen Massenmedien die soziologische Unterscheidung von Behinderung und behinderten Menschen unwillkürlich beherzigt" (Mürner 2003, 27). Denn während eine Behinderung gewöhnlich negativ bewertet wird, sind die sozialen Reaktionen auf einen behinderten Menschen nicht unbedingt und von vornherein negativ, da die Reaktionsmöglichkeiten einerseits vielfältig sind und andererseits variabel gehandhabt werden. Cloerkes und auch Mürner sehen hinsichtlich der Reaktion auf behinderte Menschen einen "Spielraum für Verhaltensänderungen" (Cloerkes 2001, 105), bleiben aber skeptisch, wenn es um die Veränderung der Bewertung von Behinderung geht. (vgl. Mürner 2003, 27, Cloerkes 2001, 105). Im Rahmen des noch laufenden Forschungsprojektes "Behinderung und Gesellschaft" wird unter anderem der Frage nachgegangen, was Menschen mit Behinderung verbinden. In einer ersten Interviewausarbeitung hat Forschungsleiterin Kerstin Ziemen diesbezüglich Bilder mit positiver und Bilder mit negativer Konnotation unterschieden. Im Falle positiver Konnotation wird Behinderung als "behindert-werden" oder als Normalität wahrgenommen. Negativ bewertet wird Behinderung, wenn sie als Anderssein, Fremdheit, Ausgrenzung, Infantilisierung, Leistungsminderung, Unglück, Leid oder Strafe wahrgenommen wird. Eine negative Bewertung von Behinderung liegt ebenso vor, wenn Behinderung auf rein biologischer Ebene betrachtet wird, wenn diese Emotionen auslöst oder wenn der Behinderung bestimmte Erwartungen zugeschrieben werden. Hinsichtlich der erfassten Bilder zu Behinderung ist festzustellen, dass diese vorwiegend nur vorgefasste Meinungen wiedergeben, da habitualisierte Bilder, vielfach nur schwer zu erfassen sind (vgl. Ziemen 2004).

Da diese Bilder zu Behinderung weitgehend einem öffentlichen Meinungsspektrum entsprechen, beeinflussen sie natürlich auch die mediale Berichterstattung rund um Behinderung und behinderte Menschen.

5.4 Subjektbezogene Darstellungen von Behinderung

Können mediale Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen den behinderten Menschen - insbesondere jenen mit geistiger Behinderung -, ihrer Lebenswelt, ihrer Wirklichkeit, ihrem Denken, Wahrnehmen, Empfinden und Handeln, auch wenn sie noch so gut gemeint und gemacht sind, überhaupt gerecht werden? Von Medien erzeugte Öffentlichkeit birgt immer auch Gefahren. Die Bedrohungen die durch die hergestellte Öffentlichkeit auf behinderte Menschen einwirken können, machen auch vor Tötungsfantasien, die laut Niedecken (1989, III) "die Einstellung zu Behinderten beherrscht" und der Angst vor dem Fremden entspringen, nicht Halt. Was hier für die Öffentlichkeit gilt, hat ebenso in der konkreten Konfrontation mit behinderten Menschen Gültigkeit, sie ist ebenso durchsetzt von Unsicherheit und Angst. "Gegen diese Emotionen wird eine Vielzahl von Abwehrmechanismen entwickelt. Die Palette reicht von Flucht, Abwertung, Overprotection bis zu Vorurteilen" (Huainigg 1999, 215). Im immer spektakulärer zu führenden Kampf um angemessene Darstellungen von Behinderung in den Medien wurden behinderte Menschen für ihre massiven Aktionen in der Öffentlichkeit von einzelnen Presseorganen als "von linken Ideologen verführte, unmündige Geschöpfe" (Sandfort 1982, 210) an den Pranger gestellt und teilweise sogar in ihrer Existenz bedroht (vgl. Sandfort 1982). Die Lösung von vorgefassten Meinungen - Menschen mit Behinderung betreffend - gelingt nur zögerlich. Denn "was man töten möchte, will man nicht auch noch verstehen" (Niedecken 1989, III) und was man nicht verstehen will, will auch nicht unter veränderten Gesichtspunkten betrachtet werden. Dabei ist zwischen "behinderte Menschen verstehen" und "behinderten Menschen Verständnis entgegenbringen" - in eher gönnerhafter Weise - zu unterscheiden. Behinderte Menschen verstehen erfordert Aufmerksamkeit und Auseinandersetzung. In erster Linie muss den behinderten Menschen der Anspruch auf "verstanden-werden" erst zugestanden werden. Aus einer derartigen Grundhaltung könnte die Lösung von vorgefassten Meinungen oder anders gesagt, ein Perspektivenwechsel, der auch in Bildern sichtbar werden könnte, gelingen (vgl. Mürner 2003, 78f). Ein solcher Perspektivenwechsel müsste konsequenterweise auch eine Abkehr von der defektorientierten Beschreibung bzw. Sichtweise von Behinderung und behinderten Menschen zur Folge haben. Die für das Verstehen erforderliche Loslösung von vorgefassten Meinungen wird durch die erfolgte "Institutionalisierung" behinderter Menschen gebremst (vgl. Mürner 2003, 78). Die Person wurde und wird der Behinderung untergeordnet. Institutionalisiert meint hier, dass Menschen mit geistiger Behinderung einem festen, unabänderlich und naturhaft erscheinenden "Regelsystem hierarchischer Interaktionsstrukturen", eben dem Geistig-behindert-Sein, untergeordnet werden (vgl. Niedecken 1989, 13). Der "Subjektstandpunkt" oder die "subjektbezogene Fragestellung" (Mürner 2003, 79) zum Behindertsein - besonders dem Geistig-behindert-Sein wurde natürlich nicht nur in den Medien lange Zeit vernachlässigt. Menschen mit Behinderung möchten nicht länger "Objekt guter Taten" (Huainigg 1999, 75) sein, sondern als gleichwertige Partner anerkannt werden. Die an das Subjekt gebundene individuelle Berichterstattung über Behinderung und behinderte Menschen gaukelt den Rezipienten Nähe zu den Betroffenen vor. Die Distanz, die im Alltag das Verhältnis zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen bestimmt, kann so scheinbar überwunden werden. Diese Art der Berichterstattung kommt dem Publikum ein Stück weit entgegen. Detailierte und fundierte Berichte, die vom Leser, Zuseher oder Zuhörer echte Auseinandersetzung fordern, sind in den Medien seltener anzutreffen. "Gute Berichterstattung beinhaltet auch einen gesellschaftspolitischen Bezug und den Zusammenhang zwischen dem individuellen Leben und den gesellschaftlichen Bedingungen" (Eder 1992, 13). Der mit "Behindertenthemen" äußerst vertraute Journalist George Deffner (1982) zeigt am Beispiel der Presse-Berichterstattung, dass in der Praxis das Subjekt des behinderten Menschen häufig von der Objektbeziehung verdrängt wird. Berichte zum Thema Behinderung sind vorwiegend im Lokalteil einer Zeitung angesiedelt. Der dort gewahrte lokale Bezug ermöglicht ein stärkeres Hervorheben des Subjekts. Trotzdem finden sich in den Lokalteilen der Zeitungen hauptsächlich Berichte über Veranstaltungen zugunsten behinderter Menschen. Behinderteninstitutionen oder die Behinderung an sich sind Gegenstand der Beschreibungen. Behinderte Menschen kommen nur äußerst selten zu Wort. (Deffner 1982, 48).

6 Einbindung behinderter Menschen in die mediale Berichterstattung

Die Darstellung von Menschen mit Behinderung in den Massenmedien wird von jenen, die zwar am stärksten davon betroffen, aber am wenigsten daran beteiligt sein dürfen - den behinderten Menschen selbst - immer wieder kritisiert. Wie schon weiter oben ausgeführt, sind gegenwärtig zwar positive Tendenzverschiebungen in der medialen Darstellungsweise behinderter Menschen wahrzunehmen (vgl. Mürner 2003), das in den Medien transportierte Bild behinderter Menschen gleicht aber längst noch nicht jenem, das behinderte Menschen sich wünschen (vgl. Huainigg 1996). Es drängt sich allerdings die Frage auf, ob angesichts der üblicherweise unterschiedlichen Lebenswelten und Wirklichkeiten von Journalisten und behinderten Menschen, die auch unterschiedliche Wahrnehmungsweisen bedingen, wirkliche Annäherung denkbar ist. Spätestens dieser Überlegung entspringt das notwendige Bedürfnis nach und die Forderung von Möglichkeiten eigenverantwortlicher, medialer Selbstdarstellung für behinderte Menschen (vgl. Huainigg 1996). Der selbst behinderte deutsche Psychologe Lothar Sandfort ist einer der vielen Kritiker medialer Darstellung behinderungsspezifischer Themen, er kämpft unter anderem für Gleichberechtigung und Vorurteile. "Die Medien in ihrer Gesamtheit waren bislang eher Spiegelbilder und Festiger der bestehenden Vorurteile als Mitstreiter im Kampf um unsere Gleichberechtigung. Unsere Arbeit konzentriert sich daher auf die Erstellung eines Gegenmediums (in Form der Zeitschrift ,Luftpumpe´). Unsere Forderungen an die bürgerlichen Medien reduzieren sich im groben darauf, dass sie uns Behinderten nicht mehr schaden" (Sandfort 1982, 207). Sandfort (1982) verweist auf die durch Medien verstärkte strukturell und ideell in der Gesellschaft verankerte Außenseiterposition behinderter Menschen. Behinderte Menschen fühlen sich nicht zuletzt durch die Wirkung medialer Darstellungen, die diesbezüglich verfestigend wirken, als nicht dazugehörig oder gar störend, weil sie der gängigen Norm des leistungsfähigen Menschen nicht entsprechen und diese durch ihr bloßes Da-sein in Frage stellen. Medienprodukte sind, wie im Abschnitt Medienökonomie dargestellt, auf Gewinn ausgerichtet und auch angewiesen. Die Verbreitung einer realistischen Darstellung von Behinderung wäre der Gewinnorientierung äußerst abträglich. Sie sind beim Publikum nicht gefragt, weil sie unbequem sind. Sandfort (1982) geht deshalb davon aus, dass bürgerliche Medien für behinderte Menschen und ihre Anliegen realistisch betrachtet nicht besonders viel bewirken können. Die Gesellschaft und die darin verankerten Werte müssten verändert werden. Hier schließt sich der Kreis und die Katze beißt sich sprichwörtlich in den Schwanz. Und dennoch muss der Kampf mehr denn je weiter geführt werden, und wenn wir Christian Mürner glauben wollen, gibt es doch auch wenigstens ein paar Früchte zu ernten. Obwohl Sandfort (1982) die mediale Veränderungsmacht sehr begrenzt einschätzt, erachtet er die Medien als wichtige Werkzeuge im Gefecht um Anerkennung und sachliche Darstellung von Behinderung in ihren Produktionen.

6.1 Forderungen behinderter Menschen an die Medien

Behinderte Menschen gehen heute mehr und mehr dazu über, ihre darstellungsspezifischen Ansprüche an die Medienverantwortlichen weiterzuleiten. Dazu hat Sandfort ein "Medien-Manifest" mit Forderungen behinderter Menschen an die Medien verfasst.

Wir fordern:

Journalisten und Redakteure sollten sich mit unserer Sicht der Dinge vertraut machen, Über uns soll nicht mehr ohne Beratung und Mitsprache der Behinderten oder emanzipatorisch gesinnter Fachleute veröffentlicht werden; Geplante Artikel und Sendungen sollen in verstärktem Maße von Behinderten selbst gemacht werden; Eine Gegenpresse Betroffener zu unterstützen, da uns Methoden und Standpunkte möglich sind, die der Ausgewogenheit gestimmten bürgerlichen Medienlandschaft fremd sein müssen; Medienprodukte zu unterlassen, die die Behinderten als bedauernswerte, nur durch Spenden lebens- und genussfähige Geschöpfe darstellen (wir fordern daher die sofortige Einstellung der "Aktion Sorgenkind" und ihrer Ableger); Keine Artikel mehr zu bringen, in denen Behinderte zur Erbauung Frustrierter herhalten müssen (s.o.); Weniger Elite-Krüppel zu zeigen und stattdessen die Behinderten darzustellen, die es eben nicht "geschafft" haben, weil ihnen dazu die Möglichkeiten fehlen, weil sie etwa als pflegeabhängige Behinderte in Heimen leben müssen; Jubelsendungen, die nur berichten, was alles für Behinderte getan wird, ohne auf die Schattenseiten einzugehen, zu unterlassen; Die Denunziation unserer Mitstreiter zu beenden. Liberale Organe fordern wir auf, unseren Kampf gegen solche Machenschaften zu unterstützen; Wir fordern, die Voraussetzungen zu schaffen, die uns die Hoffnung auf menschenwürdiges, gleichberechtigtes Leben in einer demokratischen Gesellschaft geben. In einer Gesellschaft, die uns nicht zwingt, unsere Fähigkeiten als minderwertig zu betrachten und die uns nicht unserer positiven Qualitäten entfremdet, eine humane Gesellschaft, die uns achtet (Sandfort 1982, 212).

Auch die österreichische Arbeitsgruppe "Behinderte Menschen und Medien", ein Zusammenschluss von VertreterInnen von Behindertenorganisationen und engagierten Einzelpersonen, die sich mit behindertenspezifischen Medienwirkungen und diesbezüglichen Änderungsansätzen beschäftigen, hat eine die Integration behinderter Menschen in den medialen Produktionsprozess mit einbeziehende Punktation ausgearbeitet, die die zentralen Forderungen behinderter Menschen an Medienverantwortliche in prägnanter Weise auflistet.

Punktation der Arbeitsgemeinschaft: Die Rolle behinderter Menschen in den Medien.

1. Recht auf gleichwertige Behandlung

Behinderte Menschen haben ein Recht darauf, als gleichberechtigte, gleichwertige und selbstbestimmte Individuen behandelt und dargestellt zu werden. Das gilt für alle Behinderungsarten gleichermaßen.

2. Behinderte sind Experten in eigener Sache

Daher muß darauf geachtet werden, daß der Grundsatz "Betroffene berichten über Betroffene" möglichst umfassend eingehalten wird.

3. Erfüllung des Behinderteneinstellungsgesetzes

Jeder Medienträger muß ausreichend viele behinderte Menschen entsprechend ihren Ausbildungen beschäftigen. Da es wesentlich ist, daß Betroffene selbst ihre Anliegen darstellen und präsentieren, muß ihnen dazu in ihrem Arbeitsbereich Möglichkeit gegeben werden. Durch die gleichwertige Zusammenarbeit von behinderten und nichtbehinderten Mitarbeitern werden Inhalte und Darstellungsformen der Medienbeiträge wesentlich geprägt.

4. Anbieten von Ausbildungsangeboten

Nach dem Muster der BBC muß den behinderten Mitarbeitern eine entsprechende Ausbildung angeboten werden, damit diese selbst Beiträge gestalten und Redaktionen betreuen können.

5. Schulung der Mitarbeiter

Auch nichtbehinderte Mitarbeiter müssen im Umgang mit ihren behinderten Kollegen geschult werden (z. B. Gebärdensprache). Betroffene müssen auch als Ausbildner fungieren: Das Vorbild eines Kollegen, einer Kollegin hat einen nachhaltigeren Effekt als die Belehrung der besten nichtbehinderten Experten.

6. Recht auf eine nicht diskriminierende Darstellung

In der Berichterstattung ist darauf Bedacht zu nehmen, daß behinderte Menschen nicht auf ihre Behinderung reduziert werden. Diskriminierende Darstellungsformen verbaler Art (z. B. "an den Rollstuhl gefesselt") wie auch bildmäßiger Art (der Mensch verschwindet hinter seinem Hilfsmittel) sind zu vermeiden.

7. Einstellung der "Schicksalsberichterstattung"

Behinderte Menschen dürfen in der Berichterstattung nicht auf abstrakte Leidvorstellungen Nichtbehinderter reduziert werden. Behinderte Menschen als mediale "Schicksale" reißerisch und voyeuristisch zu präsentieren ist diskriminierend, verletzt die Würde des Menschen und ist daher einzustellen. Der Grundsatz einer ausgewogenen und sachlichen Information ist stets einzuhalten (z. B.: Welche speziellen Hilfen benötigt der Mensch, um seinen Bedürfnisse entsprechend leben zu können).

8. Behinderte als mediale Almosenträger

Aktionen - insbesonders Weihnachtsaktionen -, in denen Behinderte als mediale Almosenträger vorkommen, schaffen eine eigene Wirklichkeit. Behinderte kommen in diesen klischeehaften Berichten meist als mitleiderregende Kreaturen vor.

9. Darstellung in allen Gestaltungsformen

Der Medienträger muß Informationen über alle Aspekte des Lebens behinderter Menschen verbreiten. Und zwar in Dokumentationen, Magazinen und Diskussionsforen ebenso wie in Features, Reportagen, Kolumnen und Kommentaren. Damit kann der Ausgrenzung behinderter Menschen begegnet werden.

10. Medium für alle

Es ist darauf Bedacht zu nehmen, daß auch sinnesbehinderte Menschen die Mediendarstellungen verfolgen können. Blinde Menschen sind zum Lesen der Printberichte auf Brailschriftausgaben oder "elektronische Ausgaben" (nach Vorbild des Standards und der Kleinen Zeitung) angewiesen.

11. Einrichtung von Behindertenkolumnen

Behinderte Menschen sind als Minderheit zu betrachten, die ihre eigenen Anliegen und Bedürfnisse hat. Die Zahl von Betroffenen und deren Angehörigen ist nicht unbeträchtlich (ca. 10 % der Bevölkerung). Um den Informationsbedarf dieser Gruppe zu entsprechen, sollten eigene Informationsseiten bzw. Kolumnen eingerichtet werden.

12. Kooperation Behinderteninstitutionen und Medienträger

Zwischen den Behindertenvereinen, -verbänden, Selbsthilfegruppen und den Medienträgern soll ein Informationsaustausch stattfinden, der durch neue Strukturen ermöglicht werden soll. Daher sollte jeder Medienträger eine eigene Behindertenredaktion einrichten, der den Austausch nach außen aber auch innerhalb der verschiedenen Redaktionen vollzieht.

13. Behinderte als Entscheidungsträger

Der Medienträger hat behinderte Menschen bei gleicher Qualifikation bevorzugt einzustellen. In Gremien, die in einer beratenden oder auch kontrollierenden Funktion dem Medienträger beigegeben sind, sind behinderte Menschen zu nominieren.

14. Realisierung und Kontrolle

Die oben angeführten Grundsätze müssen für alle Anbieter von Printmedien gelten. Notwendig ist die Erarbeitung von Konzepten zur Realisierung der dringendsten Forderungen und deren Umsetzung. Diese Konzepte sollten von den Herausgebern von Printmedien erarbeitet werden und sollten Angaben über die personelle Ausstattung, Kosten und Umsetzungstermine enthalten.

15. Gleichheitsgrundsatz

Die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen am Mediengeschehen ist für die Festigung demokratischer Strukturen unverzichtbar.

(Arbeitsgemeinschaft "Behinderte Menschen und Medien" im WWW [http://www.service4u.at)

6.2 Einbindung behinderter Menschen in die redaktionelle Arbeit

Franz-Joseph Huainigg (1999) hat im Rahmen seiner Studie "Schicksal täglich" europäische und amerikanische Fernsehanstalten nach der Einbindung behinderter Menschen in die inhaltliche und gestalterische Arbeit innerhalb der Sendeanstalt befragt. Die Ergebnisse der Befragung haben gezeigt, dass behinderte Menschen nur selten die Möglichkeit erhalten bei der Programm- und Sendungsgestaltung mitzuwirken. Dieser Missstand wird auf die mangelhafte Qualifikation bzw. Ausbildung behinderter Menschen zurückgeführt. Ausbildungsprogramme für behinderte Mitarbeiter werden allerdings so gut wie gar nicht angeboten. Einzig die BBC bietet ein solches Aus- und Weiterbildungsprogramm. Die britische Sendeanstalt geht sogar noch einen Schritt weiter und schult die nicht behinderten Angestellten im Umgang mit ihren behinderten Kollegen. In Australien sind die Sendeanstalten gesetzlich verpflichtet Menschen mit Behinderung anzustellen. Auch dort werden Ausbildungsprogramme für behinderte Mitarbeiter geboten. Die deutschen TV-Anstalten stehen der Einbindung behinderter Menschen in Programm- und Sendegestaltung ablehnend gegenüber. Das ZDF begründet seine Haltung damit, dass das Thema Behinderung in allen Programmen vorkommen soll und ein eigenes behinderungsspezifisches Programm deshalb nicht als notwendig erachtet werde. Von behinderten Menschen mitgestaltete Sendungen sind dagegen aber in vielen Ländern schon fest verankert. Weit verbreitet sind beispielsweise Gehörlosenmagazine.

Die skandinavischen Länder und allen voran die BBC verfügen über ein relativ breites Angebot an Sendungen mit und für behinderte Menschen (vgl. Huainigg 1999).

6.2.1 Den Blickwinkel Betroffener Einbringen

Medien sind wichtige Vermittler der Behindertenthematik. Die Einbeziehung behinderter Journalisten in die Medienarbeit wäre zumindest eine Möglichkeit, verzerrte Bilder zu Behinderung zurechtzurücken oder wenigstens die notwendige Medienpräsenz behinderungsspezifischer Themen in kompetenter Weise aufrecht zu erhalten. Die Ausbildungsmöglichkeiten für behinderte Menschen sind in diesem Bereich jedoch rar. Die meisten derzeit aktiven behinderten Journalisten sind Quereinsteiger, wie zum Beispiel der leitende Redakteur und Geschäftsführer der "Arbeitsgemeinschaft Behinderung und Medien" Peter Radke, der sich nach seinem Doktorat in Romanistik allmählich dem Themenkreis "Journalismus und Behinderung" zugewandt hat. Der heute 60-jährige Münchner ist in hohem Maße für die zunehmende Medienpräsenz behinderter Menschen verantwortlich. Im deutschen Privatfernsehen hat Radke mehrere Sendungen für behinderte Menschen fix etabliert. Auch Radke kritisiert immer wieder, dass es immer noch zu wenig Möglichkeiten zu einer systematischen journalistischen Ausbildung für behinderte Menschen gibt und die mediale Darstellung von behinderten Menschen damit immer noch von nicht behinderten Menschen bestimmt wird. Radke untermauert seine Kritik mit der Feststellung: "Ein realistisches Bild des Alltages, also abseits der Bilder von Superkrüppeln oder Leuten, die gar nichts können, gibt es in Deutschland erst, seit wir selbst in den Medien aktiv sind" (Radke 2002, in: Thomas Rottenberg im Standard 2.10.2002). In Österreich wurde im November 2001, getragen vom Verein Integration:Österreich, ein innovatives, wissenschaftlich begleitetes Ausbildungsprojekt für behinderte Menschen - der erste Integrative Journalismus-Lehrgang (I:JL) - gestartet. Ziel dieses Lehrgangs, der von Fritz Hausjell wissenschaftlich begleitet wurde, ist einmal die berufliche Qualifizierung, zum anderen "die Schaffung neuer medialer Bilder von Menschen mit Behinderung" (www.science.orf.at), was allerdings angesichts der Komplexität von Medienwirkungen und der sozialen Konstruktion von Behinderung nur schwer zu realisieren sein wird. Erschwerend kommt zudem hinzu, dass behinderte Journalisten natürlich nicht ausschließlich auf das Thema Behinderung festgelegt werden möchten. Marlies Müller, Teilnehmerin am I:JL verweist darauf, dass sie über spezielle Interessen und Kenntnisse verfüge, die sie ebenso wie ihre nicht behinderten Kollegen einbringen möchte (vgl. www.ipunkt.cc). Im November 2002 endete der I:JL. Damit heißt die neue Herausforderung, die behinderten Journalisten in das journalistische Tätigkeitsfeld zu integrieren. Wie die Praxis zeigt, sind dabei noch viele ideologische und technische Barrieren zu überwinden, denn bisher ist es keinem der 9 behinderten Lehrgangsabsolventen gelungen, eine feste Anstellung in einem Medienunternehmen zu bekommen. Einige arbeiten aber zumindest zeitweise freiberuflich für Medien (vgl. MAIN Medienarbeit Integrativ, 05/2005). Inzwischen ist ein zweiter integrativer Journalisten Lehrgang - der I:JL West - bereits abgeschlossen. Die wissenschaftliche Begleitung hat der Salzburger Medienwissenschaftler Stefan Weber übernommen. An den Lehrgang angeschlossen war ein Praktikum in einem Medienunternehmen (vgl. www.ipunkt.cc). Da der I:JL West erst im März 2005 abgeschlossen wurde, ist derzeit noch nicht klar, ob es den Absolventen gelingen wird, eine Anstellung in einem Medienunternehmen zu bekommen. Im Anschluss an den ersten I:JL wurde nach dem Motto "Nichts über uns - ohne uns!" die Medieninitiative "SENSI_POOL" gestartet, deren Ziel die verstärkte Sensibilisierung der Massenmedien zum Thema Informations- und Kommunikationstechnologie und Behinderung ist. Im Rahmen dieses österreichischen Projekts wird eine Redaktion aufgebaut, in der vorwiegend behinderte Menschen - auch Absolventen des I:JL - mitarbeiten, um bei der Themenbearbeitung den Blickwinkel Betroffener verstärkt einzubringen. Unter dem Schwerpunkt "moderne Informations- und Kommunikationstechnologie" werden behinderungsspezifische Themen recherchiert, bearbeitet und Konzepte erstellt, die in der Folge den ORF-Redaktionen zur Verfügung gestellt werden. SENSI_POOL ist Teil der Entwicklungspartnerschaft SENSI_TEC (Sensibilisierung und Technologie), einem Zusammenschluss von Projekten, die den Zugang zu Information, Kommunikation, Ausbildungs- und Arbeitswelt für behinderte Menschen verbessern wollen (vgl. betrifft:integration Nr. 4/2002, www.sensitec.at). Das Projekt SENSI_POOL ist aber auch ein künstlich geschaffener Arbeitsmarkt für behinderte Journalisten und zeigt auch deutlich, wie schwierig es für behinderte Journalisten ist, in Medienunternehmen Fuß zu fassen. Gabi Falböck, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Begleitstudie zum I:JL, sieht die Ursachen für die Vorbehalte gegen eine Anstellung behinderter Journalisten zumindest zum Teil in der Gesetzgebung begründet. In Amerika hingegen, wo Antidiskriminierung behinderter Menschen stärker in der Legislatur verankert sind, nämlich durch den "Americans with Disabilities Act" (ADA), ist die redaktionelle Mitarbeit behinderter Journalisten weitaus stärker ausgebaut als in Österreich und Deutschland (vgl. Falböck 2003, 33).

6.2.2 Beispiel Großbritannien

In Großbritannien laufen zahlreiche Initiativen zur besseren Integration behinderter Menschen im journalistischen Berufsfeld. Das 1995 beschlossene "Disability Discrimination" bildet dazu die rechtliche Grundlage. Zusätzlich untermauert werden die Forderungen behinderter Menschen an die Medien durch das am 1. Mai 2002 von Englands führenden Rundfunkstationen gemeinsam verabschiedete "Manifest zur Verbesserung der medialen Darstellung von Menschen mit Behinderung" (Falböck 2005) sowohl vor aber auch hinter der Kamera. Ziel dieses Manifests ist demnach auch "eine Verbesserung der Beschäftigungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen in allen Sendeformaten" (Falböck 2005) und die Verbesserung der Ausbildungsmöglichkeiten. Die BBC bietet aber auch Ausbildungskurse für Produzenten, Journalisten und Manager zur richtigen Darstellung von Menschen mit Behinderung an. Bis zum Jahresende 2001 wurden solche Kurse bereits von 600 Rundfunk-Journalisten absolviert. Ein weiterer Schwerpunkt im Maßnahmenkatalog der BBC ist die Verbesserung der Zugangsmöglichkeiten für behinderte Menschen zu verschiedenen Programmpunkten (vgl. Falböck 2005).

7 Analyse der Berichterstattungen zu Behinderung und behinderten Menschen in der Tagespresse

7.1 Forschungsmethode

Die vorliegende Untersuchung zur Darstellung von Behinderung und behinderten Menschen in der Tagespresse wird auf der methodischen Grundlage der Inhaltsanalyse nach Werner Früh (2004) durchgeführt. Im Rahmen der empirischen Sozialforschung ist die Inhaltsanalyse primär eine kommunikationswissenschaftliche Technik, die zur Analyse von Massenmedien entwickelt (Mayring 1999) wurde und zugleich die etablierteste Textanalysemethode darstellt (vgl. Holsti 1968, Silbermann 1974, Herkner 1974 nach: Titscher/Meyer 1998, 74). Später wird die Inhaltsanalyse in vielen wissenschaftlichen Disziplinen angewendet, am häufigsten jedoch nach wie vor im Bereich der Massenkommunikation. Werner Früh (2004) geht sogar so weit, die Inhaltsanalyse als "Methode der Kommunikations- und Medienwissenschaft" (Früh 2004, 14) zu bezeichnen. Ursprünglich standen quantifizierbare Aspekte von Textinhalten im Vordergrund, im Laufe der Zeit wurden auf Basis der Inhaltsanalyse verschiedene qualitative Analyseverfahren wie zum Beispiel die "qualitative Inhaltsanalyse" (Mayring 1999) entwickelt, was allerdings zu Abgrenzungsschwierigkeiten geführt hat (vgl. Titscher/Meyer 1998, 74). Früh lehnt die Unterscheidung "quantitative" und "qualitative" Inhaltsanalyse kategorisch ab, da er diese für irreführend und wenig zielführend hält, da die Methode sowohl quantitative wie qualitative Analyseschritte umfasst. In der vorliegenden Untersuchung werden aufgrund eingeschränkter Möglichkeiten, was den Umfang der Untersuchung und damit des Untersuchungsmaterials anbelangt, Textfrequenz, Textumfang und thematische Schwerpunkte quantitativ erhoben, da dazu größere Textmengen erforderlich sind. Die vorgenommene Trennung quantitativer und qualitativer Analyseschritte ist in diesem Fall nicht generell methodisch begründet. Früh definiert Inhaltsanalyse wie folgt: "Die Inhaltsanalyse ist eine empirische Methode zur systematischen, intersubjektiv nachvollziehbaren Beschreibung inhaltlicher und formaler Merkmale von Mitteilungen; (häufig mit dem Ziel einer darauf gestützten interpretativen Inferenz)" (Früh 2004, 25).

In der Regel werden mittels Inhaltsanalyse nicht Einzeltexte, sondern größere Textmengen analysiert. Objektivität ist ein zentrales Qualitätskriterium der Inhaltsanalyse, was heißt, dass Untersuchungsergebnisse intersubjektiv nachvollziehbar sein müssen. Werden Inhalte bzw. Bedeutungen analysiert, greift der Forscher bei der Interpretation aber zwangsläufig auf sein eigenes Verständnis der Mitteilungen zurück, eine streng objektive Beschreibung von Textinhalten ist deshalb unrealistisch (vgl. Früh 2004, 43f). Merkmale von Mitteilungen werden aus einem bestimmten Blickwinkel beschrieben, was mitunter als Einschränkung betrachtet wird. Theoriegeleitet wird am sprachlichen Material ein Kategoriensystem - Kernstück und zentrales Element der Inhaltsanalyse - entwickelt und dabei die relevanten Analyseaspekte festlegt. Jede Analyseeinheit wird dabei in Kategorien eingeordnet, also codiert. Im Unterschied zur "Grounded Theory" oder ethnographischen Verfahren wird das Kategoriensystem für gewöhnlich vor dem Codiervorgang festgelegt und operationalisiert. Nachteilig ist diesbezüglich, dass eine Änderung im Kategorienschema während des Untersuchungsverlaufs sehr aufwändig ist. Deshalb empfiehlt es sich, eine Probecodierung mit einem Materialausschnitt durchzuführen, um dann eventuell noch Anpassungen bei den Kategorien vornehmen zu können. Das Kategoriensystem leitet sich aus der Forschungsfrage und den entsprechenden Hypothesen ab. In der praktischen Anwendung folgt das inhaltsanalytische Verfahren also einem methodischen Regelkonzept. Zusammenfassend dargestellt werden ausgehend von der Forschungsfrage und den daraus abgeleiteten Hypothesen auf theoretischer Basis Kategorien gebildet, die vor der Anwendung auf das gesamte Datenmaterial in einer Testphase überprüft werden. Nach systematischer Analyse der Texteinheiten wird das Datenmaterial ausgewertet, wobei eine Orientierung an der Forschungsfrage und den Hypothesen erfolgt.

7.2 Forschungsverlauf

Bei der Planung des Forschungsverlaufs habe ich mich an der von Werner Früh in seinem Buch "Inhaltsanalyse" ausgearbeiteten Theorie und Praxis der Inhaltsanalyse orientiert. Auf dem Hintergrund der darin angeführten beispielhaften Bildung von Kategorien, habe ich im Vorfeld einen Querschnitt des Untersuchungsmaterials nach möglicherweise interessanten Merkmalen untersucht und dann theoriegeleitet ein eigenes Kategoriensystem und die daraus abgeleiteten Fragestellungen entwickelt, die an 5 Textbeispielen getestet wurden. Bei der Kategorienbildung habe ich mich an den, der Untersuchung vorangestellten theoretischen Überlegungen zum Thema und - um die Positionen behinderter Menschen mitzuberücksichtigen - an den in Kapitel 13 angeführten Forderungskatalogen behinderter Menschen an die Medien, orientiert.

Kategoriensystem zur qualitativen Auswertung der Zeitungsberichte

  • Allgemeine Angaben

  • Themen

  • Rolle der behinderten Menschen in den Darstellungen

  • Diskriminierung, Verletzung

  • Realitätsnahe Berichterstattung

Themen: Die Berücksichtigung oder Nicht-Berücksichtigung bestimmter Themen und Perspektiven, Behinderung und behinderte Menschen betreffend, geben auf dem Hintergrund der Nachrichtenselektion in den Redaktionen Aufschluss über die Beeinflussung der diesbezüglichen öffentlichen Meinung, auf die Medien steuernd und regulierend einwirken (Faulstich 1993, Weber 1999). Gemäß Noelle-Neumanns Theorie der Schweigespirale fallen Themen, die in den Medien wenig oder keine Berücksichtigung finden längerfristig aus der öffentlichen Diskussion. Themenstrukturen der medialen Berichterstattungen geben Einblick in das vorherrschende Meinungsklima innerhalb der Redaktionen, Orientierung am Publikumsinteresse und somit dem Einfluss medienökonomischer Gegebenheiten. Rolle behinderter Menschen in den Darstellungen: Gerade tagesaktuelle Medien bevorzugen häufig, vereinfachende und verallgemeinernde Darstellungen (vgl. Jäger/Jäger1993). Nicht zuletzt deshalb werden behinderte Menschen im Rahmen medialer Berichterstattungen in Bezug auf Gegebenheiten in Mediensystemen häufig instrumentalisiert und in Form klischeehafter Bilder in Rollen gedrängt (Mürner 2003, Huainigg 1996). Medial transportierte Rollenbilder sind sozusagen Dokumente dahinter liegender Werte und Normen. Gemäß der Auffassung von Medien als wirklichkeitsbildender Instanz (Weber 1999, Luhmann 1996, Schmidt 1994) nehmen medial transportierte Rollenbilder zu Behinderung und behinderten Menschen auch Einfluss auf die soziale Konstruktion von Behinderung. Sie sind Zeugnisse jenes erfahrungslosen Wissens, das Medien vermitteln (vgl. Burkart 1995). Die Untersuchung der Rolle behinderter Menschen in den Presseberichterstattungen soll Aufschluss geben über Wert- und Normvorstellungen, die soziale Konstruktionen von Behinderung beeinflussen. Diskriminerung/Verletzung: Diskriminierungen und Verletzungen zeigen vorwiegend auch sprachlich manifestierte Auswirkungen vorherrschender Wert- und Normvorstellungen. Klassifizierungen und Bewertungen sind, aus soziologischer Perspektive betrachtet, maßgeblich an der Entstehung von Behinderung beteiligt (vgl. Schönwiese 2003). Der Blick auf diskriminierende Elemente in den Pressetexten soll einmal aus gesellschaftlicher Perspektive (Ab-)Wertungen, (Ab-)Klassifizierungen, Reduzierungen in den Darstellungen aufzeigen und gleichzeitig mitunter identitätsbedrohende und verletzende Wirkungen auf behinderte Menschen darlegen. An dieser Stelle ist auch auf medienethische Überlegungen, insbesondere der Verantwortung der Journalisten zu verweisen. Realitätsnähe: Die Lösung von vorgefassten Meinungen zu Behinderung und behinderten Menschen erfordert gemäß der Theorie der Phantasmen von Dietmut Neidecken (1989), dass versucht wird, behinderte Menschen und ihre reale Lebenswelt verstehen zu wollen. Mürner (2003) fordert diesbezüglich eine Abkehr von defektorientierten bzw. idealiserenden, einseitigen und verallgemeinernden Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen. Die Forderung nach umfassenden, die Alltagsrealität behinderter Menschen einbeziehenden, Berichterstattungen kommt auch von Seiten der behinderten Menschen selbst. Die Einbeziehung behinderter Menschen und emanzipatorisch gesinnter Fachleute in die redaktionelle Arbeit ist deshalb ein weitverbreitetes Anliegen (vgl. Mürner 2003, Radke 2003, Huainigg 1996, Sandfort 1982).

7.2.1 Die Auswahlkriterien

Für die Analyse der Medienberichte habe ich mich auf die Darstellung von Behinderung und behinderten Menschen in der diesbezüglichen Berichterstattung der Tagespresse beschränkt. Tageszeitungen erreichten im Jahr 2004 mit 73,9 % immer noch eine höhere Nettoreichweite[6] als das Fernsehen mit 69,9%. Einzig das Radio erreicht mit 84,5% einen höheren Wert (vgl. VZÖ/Pressehandbuch 2005). "Im Vergleich zu andern Medien transportiert eine Zeitung zudem eine sehr hohe Informationsdichte pro Zeiteinheit, ein Faktor, der in unserer zeitknappen Gesellschaft immer wichtiger wird" (Riefler 1998, 27). Die Zeitung ist das ergonomischste Medium, da es schnelle Orientierung ermöglicht. Zudem übernimmt sie für den Leser - wie bereits mehrfach beschrieben - Wertung und Selektion der Informationen und stellt sie gleichzeitig in einen Kontext. Der Presse bzw. dem gedruckten Wort wird seitens der Rezipienten in der Regel eine gewisse Seriosität, Glaubwürdigkeit und hoher Informationsgehalt zugeschrieben. Speziell im ländlichen Raum identifizieren sich viele Leser mit "ihrer" regionalen Tageszeitung (vgl. Riefler 1998, 21ff). Beim Fernsehen hat dagegen häufig der Unterhaltungswert einer Sendung Priorität, zudem sprechen Bilder die Emotionalität der Zuschauer stärker an und reduzieren den Informationsgehalt (vgl. Wiegerling 2002). Wie Informationen von Rezipienten aufgenommen werden, wird auch in wesentlichem Maß von Merkmalen des jeweiligen Mediums beeinflusst (vgl. Huainigg 1996). Die Tagespresse ist ein sehr weit verbreitetes Medium, dem bei der Bildung öffentlicher Meinungen und hinsichtlich der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit neben zahlreichen anderen Instanzen auch eine bedeutende Rolle zukommt (vgl. Zetterberg 1992, vgl. Faulstich 1993). Der mitunter höhere Informationsgehalt der Berichterstattungen in der Presse könnte den Anliegen behinderter Menschen bezüglich ihrer Darstellung in den Medien stärker entgegen kommen als die vielfach stark auf Unterhaltung getrimmten Sendeformate im Fernsehen. Aus den 13 österreichischen Tageszeitungen (ohne die jeweiligen Lokalausgaben) wurden drei Tageszeitungen ausgewählt, zwei regionale, die "Vorarlberger Nachrichten" (VN) und die "Salzburger Nachrichten" (SN), und eine "international renomierte" (Plaikner 96, 111) überregionale Qualitätstageszeitung, "Die Presse". "Die Presse" und "Der Standard" sind die einzigen bundesweit erscheinenden Tageszeitungen und liegen bei den Auflagenzahlen nahezu gleichauf. "Der Standard" erreicht 2004 eine verkaufte Auflage von 67.429 Exemplaren, während "Die Presse" 2004 eine verkaufte Auflage von 74.644 aufweist (vgl. VZÖ/Pressehandbuch 2005). Regionale und überregionale Tageszeitungen wurden gewählt, um den Vergleich zwischen behinderungsspezifischen Berichterstattungen in regionalen und überregionalen Tageszeitungen zu ermöglichen. Bei den regionalen Tageszeitungen wurden zwei Zeitungen aus dem oberen Reichweitensegment gewählt. Die VN ist jene regionale Tageszeitung mit der größten Nettoreichweite (69,8%) im eigenen Bundesland. Die verkaufte Auflage von Montag bis Samstag beträgt 65.487 Exemplare (vgl. VZÖ/Pressehandbuch 2005). Die VN besitzt in Vorarlberg Monopolstellung[7] und ist eine Tageszeitung, die sich an der Masse orientiert. Nicht Bildung und Aufklärung sind dem Verleger wichtig, er folgt einer alten Zeitungsweisheit: Jeder Leser soll zumindest einmal im Jahr ein Foto von sich oder seinem Freund in der Zeitung finden (vgl. Frankfurter Rundschau Nr. 145/2004). Die Salzburger Nachrichten erreichen im Bundesland Salzburg eine Nettoreichweite von 40,3%. Sie bewegen sich damit im unteren Segment der Nettoreichweiten der marktführenden Tageszeitungen in den Bundesländern. Die verkaufte Auflage von Montag bis Samstag beläuft sich auf 69.683 Stück (vgl. VZÖ/Pressehandbuch 2005). Die überregionale Tageszeitung "Die Presse" weist im gesamten Bundesgebiet eine Nettoreichweite von 4,4% auf (vgl. VZÖ/Pressehandbuch 2005). "Die Presse" spricht laut Media Analyse eine "interessierte, anspruchsvolle und kaufkräftige Leserschaft" (www.diePresse.com/.mediadaten) an. 64,4% der Leserschaft verfügen über Matura bzw. einen Universitätsabschluss und ein durchschnittliches persönliches Nettoeinkommen von € 3.640 pro Monat (vgl. www.diePresse.com/.mediadaten). Als Untersuchungszeitraum wurde dem Untersuchungsablauf entsprechend der Zeitraum 1.Februar 2005 bis 30.April 2005 gewählt. Die dreimonatige Zeitspanne bezieht sich auf die Durchführung der quantitativen Analyse. Für die inhaltliche Untersuchung der Pressetexte wurde mittels Losentscheid im Vorfeld der Untersuchung ein Zeitraum von 15 Tagen, nämlich vom 1. bis 15. April 2005 gewählt. Dabei ist zu erwähnen, dass der kurze Untersuchungszeitraum und die Auswahl von nur drei Tageszeitungen nur begrenztes Untersuchungsmaterial zur Verfügung stellt, das keinen repräsentativen Ausschnitt darstellt.

7.2.2 Forschungsfragen und Hypothesen

Aus den im Vorfeld der Untersuchung angestellten theoretischen Überlegungen ergeben sich folgende Forschungsfragen:

  • Werden Themen rund um Behinderung und behinderte Menschen in der Tagespresse ausreichend, umfassend und kritisch dargestellt?

  • Aus welchen Perspektiven wird Behinderung bzw. werden behinderte Menschen in den tagesaktuellen Presseberichterstattungen vorwiegend dargestellt?

  • In welcher Form sind behinderungsspezifische Berichterstattungen in der Tagespresse an der Entstehung einseitiger und realitätsferner Bilder zu Behinderung und behinderten Menschen beteiligt?

  • Werden behinderte Menschen in den diesbezüglichen Darstellungen der Tageszeitungen auf ihre Behinderung reduziert bzw. wird die Behinderung in instrumentalisierender Weise fokussiert?

Hypothesen:

In der Tagespresse werden behinderungsspezifische Themen eher vernachlässigt. Tagesaktuelle Presseberichterstattungen zu Behinderung und behinderten Menschen greifen in ihren Darstellungen vielfach auf gesellschaftlich weit verbreitete Wahrnehmungs-Stereotype zu Behinderung und behinderten Menschen zurück. Soziale Konstruktionen von Behinderung werden diesbezüglich vornehmlich durch die Bestätigung vorgefasster Meinungen und bereits vorhandener Bildkonstruktionen zu Behinderung und behinderten Menschen beeinflusst. Behinderung und behinderte Menschen werden in Presseberichten häufig in instrumentalisierender Weise aus dem Blickwinkel des Besonderen betrachtet.

7.2.3 Untersuchungs- und Beurteilungskriterien

Der qualitativen Analyse der erfassten Zeitungsberichte geht eine quantitative voraus. Dabei wird erhoben, wie viele Berichte, die sich vordergründig mit Behinderung befassen, im genanten Untersuchungszeitraum von 15 Tagen in den drei Tageszeitungen "Vorarlberger Nachrichten" (VN), Salzburger Nachrichten (SN) und "Die Presse" erschienen sind. Dabei ist darauf zu verweisen, dass die Berichte in den VN direkt erfasst wurden, während bei den Zeitungen "Salzburger Nachrichten" und "Die Presse" auf das digitale online-Archiv zurückgegriffen wurde. Natürlich kann bei der Direktrecherche, trotz gewissenhafter täglicher Durchsicht, der eine oder andere Bericht übersehen worden sein, aber auch die Abfrage der digitalen Online-Archive mittels Suchbegriffen erfasst vermutlich nicht alle Berichte zum Thema.

Abgefragt wurden Berichte nach den Suchbegriffen "Behinderte", "behindert", "Versehrte" "versehrt", "Rollstuhl", "Handicap", "Behindertenhilfe", "Invalide", "Down -Syndrom", "Trisomie 21", "mongoloid", "gehörlos", "Gehörlose", "blind", "Blinde", "Lahme", "gelähmt", "Integration", "genetisch", "Paralympics" und "Special Olympics", "psychisch krank" psychisch Kranke", "Lebenshilfe", "Caritas", "Gleichstellung". Hinsichtlich der näheren Bestimmung des Begriffs Behinderung gilt das Verständnis des Behinderungsbegriffs wie er in der ICF dargelegt ist. Berichte, deren einziger Bezug zu Behinderung die bloße Verwendung behinderungsbezogener Metaphern ist, werden nicht in die Untersuchung aufgenommen. Ebenso unbeachtet bleiben diverse Werbebeiträge oder Anzeigen.

Aus meinen Überlegungen und Recherchen ergeben sich folgende Fragen und Gesichtspunkte, die ich für die Untersuchung als wichtig erachte:

1) Allgemeine Angaben

Medium: In welcher Zeitung ist der Artikel erschienen?

Erscheinungsdatum:

Textausmaß: geringes Textausmaß (bis 800 Anschläge), mittleres Textausmaß (bis 2000 Anschläge) oder großes Textausmaß (mehr als 2000 Anschläge).

Rubrik: In welcher Rubrik der Zeitung ist der Bericht platziert?

2) Themen

Thema/Themenkategorie: Welches behinderungsspezifische Thema ist dem Bericht

grundgelegt, und welcher Themenkategorie wird es zugeordnet?

Die gewählten Themenkategorien sind:

  • Medizin

  • Recht

  • Psycho-Soziales (Wohnen, Arbeit, Alltagsbewältigung, Spenden, Portraits, Ereignisse, Projekte..)

  • Sport (Sportereignisse, Sportlerportraits ..)

  • Politik

  • Ethik (Sterbehilfe, pränatale Diagnostik ...)

  • Verbrechen/Gewalt

Art der Behinderung: Wird eine Differenzierung hinsichtlich der Behinderung vorgenommen?

3) Die Rolle der behinderten Menschen

Subjektbezogene Darstellung: Ist die Berichterstattung eng an ein Individuum gebunden? Gibt es Angaben zu Alter und Geschlecht der behinderten Person?

Objektbezogene Darstellung: Behinderung wirdverstärkt mit Objektcharakter dargestellt.

Rollenklischees:

  • Der bedauernswerte behinderte Mensch

  • Der bedauernswerte aber wohlversorgte behinderte Mensch

  • Der leistungsfähige behinderte Mensch

  • Der "böse", aggressive behinderte Mensch

  • Der allzeit fröhliche behinderte Mensch

Verfestigten Rollen, in die behinderte Menschen in der medialen Berichterstattung häufig gedrängt werden, sind in der theoretischen Bearbeitung des Themas näher ausgeführt. Die hier angeführten Untersuchungskriterien zu den Rollenbildern sind angelehnt an jene von Lothar Sandfort (Sandfort in: Kagelmann/Zimmermann 1982).

4) Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: Aussagen, die in erster Linie die "Schädigung" bzw. den "Defekt" im Blick haben, werden als Grundlage von Diskriminierungen betrachtet, ebenfalls einseitige Darstellungen behinderter Menschen, die die Behinderung überproportional fokussieren. Stigmatisierende Aussagen, die in verallgemeinernder Weise gesellschaftliche Zuschreibungen enthalten und somit Vorurteile und vorgefasste Meinungen bedienen. Aussagen, die Menschen, Verhaltensweisen, Behinderungen (ab)werten und/oder hierarchisch ordnen.

Diskriminierende Formulierungen: Als diskriminierend werden behinderungsspezifische Substantivierungen, die die Betroffenen auf ihre Behinderung reduzieren, gewertet. Ebenso wird davon ausgegangen, dass veraltete Bezeichnungen und/oder allgemeinsprachlich negativ konnotierte und/oder in hohem Maß defektorientierte Begriffe wie "mongoloid", "schwachsinnig", "geisteskrank", "geistesgestört", "taub", "Krüppel" usw. diskriminierend wirken.

5) Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Werden behinderte Menschen in ihrer persönlichen Vielfalt dargestellt oder auf ihre Behinderung reduziert?

Kritische Standpunkte: Werden auch kritische Standpunkte zur realen Lebenssituation behinderter Menschen eingebracht?

Perspektivische Vielfalt: Bleibt die Darstellung von Behinderung und behinderten Menschen auf eine Perspektive beschränkt?

7.3 Auswertung nach quantitativen Kriterien

Untersuchungszeitraum: 1. Februar 2005 bis 30.April 2005

Untersuchungsmaterial:Berichte zu behinderungsspezifischen Themen in den Tageszeitungen "Vorarlberger Nachrichten" (VN), "Salzburger Nachrichten"(SN) und "Die Presse".

Frequenz der Berichterstattungen zu Behinderung im Untersuchungszeitraum Februar, März und April 2005

VN: 52 Berichte (31 Berichte im Hauptblatt, 21 Berichte in der wöchentlichen

Lokalbeilage "Heimat Bludenz")

Die Presse: 35 Berichterstattungen

SN: 62 Berichterstattungen

Abbildung 2 (Quelle: Eigene Erstellung)

Verteilung der Berichterstattungen zu Behinderung auf die verschiedenen Themenkategorien

Abbildung 3 (Quelle: Eigene Erstellung)

Textumfang der Berichterstattungen zu Behinderung im Vergleich

Abbildung 4 (Quelle: Eigene Erstellung)

7.4 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse der quantitativen Analyse

Grundsätzlich zeigt die Untersuchung, dass Behinderung in den Tageszeitungen ziemlich regelmäßig und häufig thematisiert wird. Werden die Tageszeitungen im Einzelnen betrachtet, zeigen sich allerdings recht deutliche Unterschiede in der Frequenz und bei den thematischen Schwerpunkten. Im Traditionsblatt Salzburger Nachrichten sind im Untersuchungszeitraum mit Abstand die meisten Berichterstattungen zu Behinderung erschienen. Am wenigsten behinderungsspezifische Berichterstattungen beinhaltet die überregionale Tageszeitung "Die Presse", was unter anderem dadurch erklärbar ist, dass in überregionalen Zeitungen größtenteils auf Berichterstattungen zu lokalen Ereignissen verzichtet wird. Diese wiederum kann beim Textumfang punkten. Gemäß dem Anspruch einer Qualitätszeitung mit anspruchsvollem, gut gebildetem Publikum, setzt "Die Presse" auf ausführliche Berichterstattungen. In den SN erscheinen zum Themenkreis Behinderung vorwiegend Berichte mit mittlerem oder großem Textumfang. Die VN, eine Tageszeitung mit nicht unumstrittener Blattlinie und gewisser Nähe zum Boulevard - kurze Texte, viele Bilder - (vgl. Frankfurter Rundschau Nr. 145/2004) favorisieren kurze Texte und bringen einige Themen mehrfach, nämlich im Hauptblatt und in der lokalen Beilage "Heimat Bludenz" mit Fokus auf Veranstaltungen und Ereignissen. Wird die Frequenz der Berichterstattungen auf diesem Hintergrund betrachtet, relativiert sich die Zahl von 52 Berichten etwas. Bezüglich der Textfrequenz zu behinderungsspezifischen Themen ergab sich beim Vergleich der drei Tageszeitungen ein recht deutlicher Unterschied zwischen regionalen und überregionalen Tageszeitungen. Es hat sich aber auch gezeigt, dass auch die beiden regionalen Tageszeitungen VN und SN einen erheblichen Unterschied hinsichtlich Frequenz und Art der Berichterstattungen zu Behinderung aufweisen. An dieser Stelle ist anzumerken, dass regionale Tageszeitungen zwar gemeinsam haben, dass sie sich hauptsächlich auf ein lokal beschränktes Verbreitungsgebiet beziehen, aber deswegen doch unterschiedliche redaktionelle Konzeptionen haben können. Die beiden regionalen Tageszeitungen, die für die Untersuchung ausgewählt wurden, zeichnen sich durch recht unterschiedliche Blattlinien aus. Während die VN, wie schon erwähnt, mit kurzen Texten und vielen Bildern aufwarten, muten die SN dem Publikum ausführlichere Texte zu, die zudem weniger häufig durch bildliche Darstellungen ergänzt werden. Dadurch wird deutlich, dass bezüglich der Frequenz der Berichterstattungen zu Behinderung und behinderten Menschen die redaktionelle Konzeption der jeweiligen Tageszeitung bedeutsamer ist, als ihre regionale bzw. überregionale Ausrichtung. Was in regionalen Tageszeitungen jedoch deutlich stärker vertreten ist, ist die so genannte Anlassberichterstattung, wie Jubiläen, Spenden, aktuelle Projekte usw. . Sportereignisse wurden dabei nicht berücksichtigt. In den VN fallen 14 Berichte unter die Rubrik Anlassberichterstattung, in den SN neun und in "Die Presse" nur ein Artikel. Tageszeitungen greifen häufig auch Themen aus der öffentlichen Diskussion bzw. aktuelle Themen auf und gestalten diese durch die diesbezügliche Berichterstattung wiederum mit. Beispiele dafür sind Berichterstattungen zum aktuell diskutierten Behinderten-Gleichstellungsgesetz (VN 3, Die Presse 5, SN 2), zum Kampf um Leben und Sterben von Terri Schiavo, einer Wachkomapatientin, deren Schicksal nahezu weltweites Interesse erregt hat (VN 5, Die Presse 2, SN 0), zu den Special-Olympics (VN 7, Die Presse 0, SN 1) und in den SN zur schulischen Integration in Salzburg, aktuell aufgrund der drohenden Schließung einer Integrationsschule (6 Berichte). Wird zu einem bestimmten Thema mehrmals berichtet, erhöht dies in den Augen der Rezipienten dessen Bedeutung. Medien können so die Gewichtung eines Themas in der öffentlichen Diskussion steuern. Interessant ist auch, dass die für die Lebensbedingungen behinderter Menschen nicht unbedeutenden und für die Rezipienten anspruchsvollen Bereiche Recht, Politik, Medizin und Ethik[8] nur in sehr bescheidenem Ausmaß vertreten sind. Medien stehen in enger Verbindung mit Reden und Schweigen. Sie wählen aus einer Vielzahl von Themen einige aus und entscheiden so, was in die Öffentlichkeit transportiert werden soll (vgl. Zetterberg 1992, Noelle-Neumann 1989, Bourdieu 1998, Donsbach 1991). Auch wenn Medien im Zuge der Themenauswahl auch auf die öffentliche Meinung bzw. Publikumsinteressen zurückgreifen, wirken die transportierten Themen wiederum auf die öffentliche Meinung zurück. Nicht unerheblich ist in diesem Zusammenhang mitunter das Meinungsklima innerhalb der Redaktionen und der damit verbundene, selbstzensurierend wirkende Konformitätsdruck im Sinne der Schweigespirale (vgl. Noelle-Neumann 1989, Zetterberg 1992). Medien produzieren allein schon durch die Themenselektion Bedeutungen, lenken die Aufmerksamkeit der Bürger und beeinflussen die öffentliche Meinung (vgl. Noelle-Neumann 1989, Weber 1999, Tholen 2002, Faulstich 1993). Themen, die die journalistischen Selektions- und Wahrnehmungsschleusen nicht durchdringen, weil sie zu gewöhnlich, zu alltäglich sind oder die Erwartungen, Meinungen und Vorstellungen des Publikums zu stark in Frage stellen würden (vgl. Bourdieu 1998, Prokop 1995, Galtung/Ruge 1965, Schulz 2003), fallen längerfristig aus der öffentlichen Diskussion, was Noelle Neumann (1989) mit der Theorie der Schweigespirale begründet. Sie geht davon aus, dass Menschen, die ihren Standpunkt in den Medien nicht vertreten finden, in Schweigen verfallen.

Für die Berichterstattungen zu Behinderung und behinderten Menschen bedeutet dies nun, dass Themen, die in den Medien nur wenig vertreten sind, aus der öffentlichen Diskussion gedrängt werden. Bezogen auf die vorliegende Untersuchung würde dies rechtliche, medizinische, politische und ethische Perspektiven zu Behinderung und behinderten Menschen betreffen, was von den Rezipienten aber durchaus gewünscht sein kann, da Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen unter ethischen, politischen, rechtlichen und medizinischen Gesichtspunkten mitunter in der Lage wären - fundierte Berichterstattung vorausgesetzt -, vorgefasste Meinungen der Rezipienten zu schwächen. Den genannten Themenbereichen ist gemeinsam, dass ein großer Anteil der Rezipienten diesbezüglich vermutlich über weniger Vorerfahrungen bzw. Vorwissen verfügt, als dies bei behinderungsspezifischen Themen aus den Kategorien Sport und Psycho-Soziales der Fall ist. Verunsicherungen auf der Seite der Rezipienten sind dadurch, gemäß des dynamisch-transaktionalen Wirkungsmodells, wahrscheinlicher (Früh 1992, Schönbach 1992). So gesehen erfüllen die Tageszeitungen, indem sie die Themen den Wahrnehmungskategorien der Rezipienten anpassen, ihren Selbstzweck, Auflagenzahlen zu erhöhen bzw. zu halten.

7.5 Auswertung nach qualitativen Kriterien

Bericht (1): "Modenschau in Nüziders"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: VN (lokale Beilage "Heimat Bludenz")

Datum: 7.4.2005

Textumfang: geringer Textumfang

Rubrik: Menschen, Fakten und Termine

Kategorie 2: Themen

Thema: Integration (Behinderte Menschen nehmen an einer Modenschau teil.) Themenkategorie: Psycho-Soziales

Art Behinderung: geistige Behinderung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene/objektbezogene Darstellung: Behinderte Menschen stehen als Gruppe im Zentrum der Berichterstattung, somit wird der Mensch, aber auch die Behinderung an sich hervorgehoben. "... auch geistig behinderte Models [...] präsentierten."

Rollenklischees: "Der allzeit fröhliche behinderte Mensch" "Sie waren mit enormem Spaß bei der Sache und meisterten ihre Aufgabe souverän." Nicht erwähnt wird beispielsweise eventuelle Enttäuschung angesichts der wenigen Zuschauer. Die behinderten Teilnehmer der Modenschau erscheinen zudem in der Rolle jener, die es geschafft haben, integriert zu sein. In diesem Sinne stellen sie eine Elite unter den behinderten Menschen dar.

Kategorie 4: Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: Diskriminierend wirkt hier die den Text beschließende Aussage, dass zwar nicht sehr viele Zuschauer gekommen waren, aber Hauptsache die behinderten Menschen konnten in eine Veranstaltung integriert werden, Hauptsache es kann ein Projekt vorgezeigt werden.

"Einzig schade, dass [...] der große ,Run´ der Zuschauer ausblieb. [...] Das Hauptziel, einen Beitrag zur Integration zu leisten, wurde aber auf alle Fälle erreicht."

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Die behinderten Menschen werden nicht ausdrücklich auf ihre Behinderung reduziert, Integration aber auf diesbezügliche Projekttätigkeit.

"Einzig schade, dass [...] der große ,Run´ der Zuschauer ausblieb. [...] Das Hauptziel, einen Beitrag zur Integration zu leisten, wurde aber auf alle Fälle erreicht."

Diese Aussage lässt den Eindruck entstehen, als könne Integration in Projekten - abseits der nicht behinderten Menschen stattfinden -, was fern der Realität ist.

Kritische Standpunkte: Kritische Standpunkte fehlen in diesem Bericht weitgehend. Mögliche negative Gefühle der "behinderten Models" angesichts der kleinen Zuschauermenge werden nicht angesprochen. Positiv zu vermerken ist an dieser Stelle jedoch, dass die geringe Zuschauerzahl überhaupt erwähnt wird.

Perspektivische Vielfalt: Vielfältige Standpunkte werden nicht eingenommen, was angesichts des Textumfangs und der Textgattung "Veranstaltungsbericht" aber auch nicht im Zentrum steht.

Bericht (2): "Internet auch für Sehbehinderte"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: VN

Datum: 1.4.2005

Textumfang: großer Textumfang

Rubrik: Lokal

Kategorie 2: Themen

Thema: Verbesserte Lebensbedingungen - Zugang zu neuen Medien Themenkategorie:Psycho-Soziales, Recht, Politik

Art der Behinderung: Sehbehinderung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene/objektbezogene Darstellung: Angesprochen sind im Bericht sehbehinderte Menschen, aber auch Internetnutzer mit älteren Browsern. In der Überschrift werden aber die behinderten Menschen hervorgehoben.

"Internet auch für Sehbehinderte"

Der Bericht ist insofern subjektbezogen, als er nicht die Behinderung, sondern die Menschen, denen ein verbesserter Zugang zu gewissen Internetseiten ermöglicht wird. Wobei im Vordergrund nicht die Nutznießer der barrierefrei gestalteten Internet-Auftritte stehen, sondern jene, die dies ermöglicht haben.

"Vorbildlich handelten in dieser Beziehung die Webdesigner des Landes Vorarlberg ...." "Die elektronische Ausgabe der ,VN´ gehört zu jenen Websites, die auch für Blinde gut bedienbar sind." "Der Zeit voraus ist auch das Jugend-Info-Zentrum ,aha´. Die Website erfüllt sogar die höchste von drei möglichen Konformitätsstufen."

Rollenklischees: Vermittelt wird das Bild des bedauernswerten, wohlversorgten behinderten Menschen, was zumindest die Zugänglichkeit zu Websites betrifft. Bedauernswert erscheint der behinderte Mensch nur angesichts der vielen nicht zugänglichen Internetseiten.

"Immer noch gibt es viele Seiten, die blinde Menschen trotz bester Ausrüstung nur sehr schwer oder gar nicht bedienen können."

Wohlversorgt erscheinen behinderte Menschen angesichts der barrierefreien Zugänglichkeit vieler Websites und der gesetzlichen Grundlage.

" ,Alle User sollen den gleichen Zugang zum Netz haben´, schreibt eine EU-Richtlinie vor. Und ,niemand darf auf Grund seiner Behinderung benachteiligt werden´ steht in Artikel 7 der österreichischen Bundesverfassung. Deshalb müssen alle Behörden und Ämter bis spätestens 2008 ihre Websites neu gestalten."

Kategorie 4: Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: "Der Normal-User merkt keinen Unterschied" könnte auch vermitteln, dass alle gut ausgestatteten oder nicht behinderten Internet-Nutzer durch die barrierefreie Gestaltung in der Nutzung nicht gestört werden.

Diskriminierende Formulierungen: Die Formulierung "der Normal-User" lässt den Eindruck entstehen, als wären z. B. sehbehinderte Menschen keine normalen Internet-User. Womit sich in weiterer Folge die Frage aufdrängt: Was sind denn "normale" Internet-User?

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Die Verwendung von Substantivierungen wie "Sehbehinderte" und "Blinde" reduzieren Menschen mit einer Sehbehinderung auf ihre Behinderung.

Kritische Standpunkte: Kritisch wird angemerkt, dass noch viele Websites für sehbehinderte Menschen, Menschen mit motorischen Problemen oder Menschen mit älterer Ausrüstung nicht zugänglich sind, obwohl dies mit "ein paar Handgriffen" zu lösen wäre.

Perspektivische Vielfalt: Die Standpunkte zweier Vertreter behinderter Menschen (Manfred Schuler, Obmann des Blindenbundes, und seine Mitarbeiterin Silvia Habisch) sowie des Webdesigners (Uwe Leissing, Webdesigner der Vlbg. Landesregierung) sind vertreten. Aus der Gruppe der behinderten Menschen werden ausdrücklich nur jene mit einer Sehbehinderung erwähnt. Menschen mit "motorischen Problemen" werden dagegen nicht als behindert eingestuft. Die Fokussierung der Gruppe der sehbehinderten Menschen wird - obwohl mehrere Personengruppen angesprochen sind - beginnend mit der Überschrift im gesamten Bericht am stärksten hervorgehoben.

Ergänzende Anmerkung: Der Bericht wird ergänzt durch eine informative und sachliche Fact-Box zur sachspezifischen Erklärung des Begriffes "barrierefrei".

Bericht (3): "Terri Schiavo ist gestorben"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: VN Datum: 1.4.2005

Textumfang: mittlerer Textumfang

Rubrik: Aus aller Welt

Kategorie 2: Themen

Themen: Wert behinderten Lebens - aktive Sterbehilfe

Der vorliegende Artikel, der vom Tod Terri Schiavos berichtet, ist der letzte in einer Serie von Berichterstattungen zur Kontroverse um die Gewährung aktiver Sterbehilfe im Fall von Terri Schiavo und gibt sozusagen auch einen Rückblick über die Schwerpunkte in dieser äußerst emotional geführten Streitgeschichte.

"Schiavos Schicksal hat in den USA eine emotionale Dabatte über den Wert des Lebens und das Recht auf Sterbehilfe ausgelöst."

Themenkategorie: Ethik

Art der Behinderung: Wachkoma

Kategorie 3: Rollenbilder:

Subjektbezogene Darstellung: Die Berichterstattung ist an ein einzelnes Subjekt, nämlich an die Wachkomapatientin Terri Schiavo gekoppelt. Ausgehend von der in den Medien großzügig dargestellten Auseinandersetzung um aktive Sterbehilfe, die vom Ehemann forciert und von den Eltern der Betroffenen zu verhindern versucht wird, wird die Debatte um den Wert behinderten Lebens angefacht.

Objektbezogene Darstellung: Zweimal wird im vorliegenden Bericht vom Fall Schiavo gesprochen. Dabei tritt die Person in den Hintergrund. In den Vordergrund rückt stattdessen die Geschichte mit all ihren Beteiligten und Facetten. "Auch US-Präsident George W. Bush, der sich ... in den Fall eingeschaltet hatte ..." "Er spreche für Papst Johannes Paul II., der den Fall verfolgt habe."

Rollenklischees: Das Leben Terri Schiavos wird im Zusammenhang mit dem Wunsch nach Sterbehilfe, was das Leben der Betroffenen als unwert erscheinen lässt, als bedauernswert dargestellt, was durch das Vorliegen einer geistigen Behinderung - eine Obduktion soll diesbezüglich Klarheit bringen - verstärkt wird.

Kategorie 4: Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: Abgesehen von der Tatsache, dass Terri Schiavo aufgrund ihrer Einschränkungen das Recht auf Leben abgesprochen wird, kann besonders auch der Umstand, dass das Ausmaß der geistigen Behinderung sozusagen die aktive Sterbehilfe rechtfertigen soll, als diskriminierend empfunden werden. "Schiavos Leiche soll obduziert werden, um endgültige Gewissheit über das Ausmaß des Hirnschadens zu erlangen ..."

Diskriminierende Formulierungen: Die Bezeichnung "Hirnschaden" ist alltagssprachlich nicht zeitgemäß, medizinisch nicht korrekt, defektorientiert und wirkt zudem verletzend.

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Sofern es im Text noch um die betroffene Person geht, ist sie auf ihre Behinderung reduziert dargestellt, da lediglich das Für und Wider ihres Lebens bzw. ihres Todes angesprochen wird.

Kritische Standpunkte: Kritische Standpunkte zum Tod Terri Schiavos sind die Schlagader dieser emotionalen Debatte um den Wert des Lebens und der dazugehörigen Berichterstattung. Im vorliegenden Bericht sind diese durch Meinungen des Vatikans, der Eltern und des US- Präsidenten artikuliert. Was jedoch fehlt, sind kritische Anmerkungen zur Lebenssituation von Wachkomapatienten.

"Für den Vatikan erklärte Kardinal Renato Martino: ,Wenn man jemandem Wasser und Nahrung vorenthält, was ist das? Nichts anderes als Mord.´ Er spreche für Papst Johannes Paul II., der den Fall verfolgt habe." "Auch US-Präsident George W. Bush, der sich Anfang vergangener Woche bereits mit der Unterzeichnung eines Sondergesetzes in den Fall eingeschaltet hatte, kritisierte den Abbruch der künstlichen Ernährung." "Vertreter ihrer Eltern und der Vatikan warfen Schiavos Ehemann Michael, der die Entfernung der Magensonde erwirkt hatte, Mord vor."

Perspektivische Vielfalt: Am herbeigeführten Tod Terri Schiavos wird mit Hilfe der Statements der Familie, des Vatikans und des US-Präsidenten ausschließlich Kritik geübt. Es wird aber auch darauf verzichtet, den Lebenswert der Betroffenen zu thematisieren. Der Ehemann, der die Einstellung der Nahrungszufuhr erwirkt hatte, kommt beispielsweise nicht zu Wort, auch keine anderen Vertreter, die aktive Sterbehilfe befürworten.

Ergänzende Anmerkung: Die Berichterstattung ist einseitig, ausschließlich subjektbezogen und sehr emotional. Der Textinhalt bezieht sich zwar auf das Schicksal von Terri Schiavo, ist jedoch von der konkreten Person losgelöst. Im Zentrum steht die Gewährung der aktiven Sterbehilfe bzw. deren Verurteilung. Dass das Ausmaß einer möglichen geistigen Behinderung im Nachhinein die aktive Sterbehilfe rechtfertigen soll, wird als unwesentliches Detail sozusagen am Rand erwähnt. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass im Falle einer geistigen Behinderung aktive Sterbehilfe befürwortet werden könnte, was in der Diskussion um den Wert des Lebens keineswegs ein unwesentliches Detail darstellt.

Bericht (4): "Wahnidee und Wirklichkeit"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: VN

Datum: 9./10.4.2005

Textumfang: großer Textumfang

Rubrik: Gesund

Kategorie 2: Themen

Thema: Psychische Krankheit - Schizophrenie

Der Bericht ist Teil einer Berichtserie zum Thema "Seelische Erkrankungen".

Themenkategorie: Medizin, Psycho-Soziales

Art der Behinderung: psychische Krankheit

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene Darstellung: Die Darstellung der psychischen Krankheit ist zu ca. einem Drittel an die Krankheitsgeschichte einer Person gebunden. Die Einbeziehung der persönlichen Erfahrungen der Person mit seiner Erkrankung dienen hier der Veranschaulichung der Symptome und der Distanzverringerung zum Rezipienten.

"So wie bei Peter M.: ,Er war 18 Jahre alt ...´"

Objektbezogene Darstellung: Der Großteil des Textes bezieht sich auf die Darstellung der psychischen Krankheit Schizophrenie. Die Krankheit ist Objekt des Interesses.

Rollenklischees: Wer an Schizophrenie erkrankt, ist in der Akutphase zu bedauern, so die Darstellung. Die erkrankte Person ist jedoch medizinisch gut versorgt, so dass berechtigte Aussicht auf "nahezu vollständige Heilung" bzw. Symptomfreiheit besteht. Die Krankheit selbst wird mit Leid in Beziehung gesetzt.

"Er war 18 Jahre alt, als er aus dem ,Leben´ fiel." "Schwierige Leidensphasen sind dem Begreifen der Krankheit vorausgegangen."

Der ausgewählte Mann mit Schizophrenie hat es geschafft, trotz Krankheit ein normales Leben führen zu können. Es wird eine betroffene Person ausgewählt, die in diesem Sinne eine besondere Leistung erbracht hat, er vertritt eine Elite.

Kategorie 4. Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: Der Umstand, dass sich der Bericht neben der Darstellung von Symptomen nahezu ausschließlich der guten Behandelbarkeit von Schizophrenie widmet und so gut wie gar nicht auf jene Personengruppe eingeht, bei der die Erkrankung einen chronischen Verlauf nimmt, kann diskriminierend wirken. Dass diese Gruppe, der an Schizophrenie erkrankten Personen ausgeblendet wird, ist auch begrifflich verankert. Die Erkrankung ist laut WHO-Definition im Unterschied zu Behinderung eine vorübergehende Beeinträchtigung. Im Bericht werden für Schizophrenie ausschließlich die Begriffe "Krankheit", "Erkrankung", "seelische Störung" und "psychisch krank" verwendet. " ,Die Krankheit transparent zu machen, um mit Vorurteilen, Gerüchten und Tabuisierung aufzuräumen´, das hält Knünz-Fend für sehr wichtig."

Diskriminierende Formulierungen: Die Verwendung des Begriffs "Wahnidee" schon in der Überschrift ist besonders angesichts der Zielsetzung, Tabus, Gerüchte, Ängste und Vorurteile abzubauen, problematisch, da dieser in der Alltagssprache äußerst negativ konnotiert ist.

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung/Krankheit: Da die dargestellte Krankheitsgeschichte des Peter M. im Wesentlichen der Veranschaulichung der Krankheitssymptome und eines möglichen Krankheitsverlaufs dient, ist die erkrankte Person ausschließlich auf die Erkrankung reduziert dargestellt.

Kritische Standpunkte: Als kritischer Standpunkt könnte in diesem medizinisch orientierten Text allenfalls der Hinweis auf die Notwendigkeit des Vorurteilsabbaus und die Vermeidung von Stigmatisierungen gewertet werden.

"Man sollte psychisch kranke Menschen nicht stigmatisieren." " ,Die Krankheit transparent zu machen, um mit Vorurteilen, Gerüchten und Tabuisierung aufzuräumen´, das hält Knünz-Fend für sehr wichtig."

Perspektivische Vielfalt: Durch die Einbringung medizinischen Wissens von ärztlicher Seite und die Sichtweise eines Betroffenen enthält der Bericht zwei wesentliche Perspektiven. Frau Dr. Ingrid Knünz-Fend von den "Psychosozialen Gesundheitsdiensten Bregenz" nimmt Stellung zu krankheitsauslösenden Faktoren und Behandelbarkeit. Zudem wird die Rolle der Angehörigen thematisiert.

"Seine Eltern kontaktierten den Hausarzt."

"Tipps für Angehörige und Freunde: ..."

Ergänzende Anmerkungen: Ziel der Serie ist der Abbau von Ängsten, Tabus und Vorurteilen zu psychischen Erkrankungen. Die Botschaft: Schizophrenie kommt häufig vor, ist aber gut behandelbar.

"Schizophrenie ist so häufig wie Diabetes: etwa jeder Hundertste erkrankt daran.""Schizophrenie lässt sich mit einer Kombination spezieller Medikamente und therapeutischer Begleitung gut behandeln. [...] ,Bei rund einem Drittel der Erkrankten kommt es zu einer nahezu vollständigen Heilung.´"

Der Bericht versucht zwar einerseits ein umfassendes Krankheitsbild zu erstellen, fokussiert aber sehr stark die Aussicht auf Genesung und blendet dabei Betroffene mit chronischem Krankheitsverlauf fast gänzlich aus. Demzufolge setzt sich der Bericht auch nicht mit den Lebensumständen bzw. der Alltagsbewältigung von an Schizophrenie erkrankten Personen auseinander. Ergänzt wird der Text durch eine Fact-Box mit dem Titel "Schizophrenie". Sie enthält fachspezifische Angaben zu Symptomen, Handlungsbedarf und zum richtigen Verhalten Angehöriger und Freunde. Eine weitere Fact-Box enthält Angaben zu Beratungsstellen und Facheinrichtungen.

Bericht (5): "Behinderte Menschen reden mit"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: VN

Datum: 12.4.2005

Textumfang: großer Textumfang

Rubrik: Lokal

Kategorie 2: Themen

Thema: Selbstbestimmung - Gleichstellung

Werkstattsprecher in Werkstätten der Lebenshilfe Vorarlberg. Behinderte Menschen

erhalten ein Instrument, um ihre Interessen am Arbeitsplatz Werkstätte zu vertreten. Themenkategorie: Psycho-Soziales (Arbeitswelt)

Art der Behinderung: geistige Behinderung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene Darstellung: Der Bericht thematisiert die Interessensvertretung behinderter Menschen am Arbeitsplatz durch so genannte Werkstattsprecher und greift dabei auf die Erfahrungen des Werkstattsprechers Erkan Basar zurück.

" ,Es gibt Betreuer, die können nicht mit uns umgehen´ sagt er [Erkan Basar]."

Die behinderten Menschen in den Werkstätten der Lebenshilfe Vorarlberg fordern

besser ausgebildete Betreuer " ,damit sie uns wirklich unterstützen können und nicht

mit uns streiten.´"

" ,Ich bin sehr zufrieden. Man wird als Mitarbeiter ernst genommen.´" (E. Basar)

" ,Ich bin selbstständiger geworden´, sagt der 27jährige."

" , Auch diese Arbeit ist ein bisschen wie Politik´, schmunzelt Erkan Basar."

Im Mittelpunkt des Berichts stehen die von der arbeitsrechtlichen Neuregelung betroffenen Personen, nämlich die Mitarbeiter in den Werkstätten der Lebenshilfe Vorarlberg.

"Er [Erkan Basar] ist einer von 18 Werkstattsprechern, die mit offiziellem Auftrag ausgestattet, die Anliegen von Menschen mit Behinderungen gegenüber der Geschäftsführung der Lebenshilfe vertreten." "... spezielle Fortbildungsangebote für Mitarbeiter und Menschen mit Behinderung sollen eine bessere Konfliktregelung sichern."

Erkan Basar tritt in dieser Berichterstattung zudem in der Rolle eines behinderten Menschen, der eine besondere Leistung erbringt, auf.

Objektbezogene Darstellung: Objektbezogen ist die Berichterstattung nur, wenn es um die Darstellung des Sachverhalts geht.

Rollenklischees: Im vorliegenden Bericht wird nicht auf gängige Rollenklischees zurückgegriffen. Die behinderten Menschen werden als kompetente, mündige,

selbstbewusste und lernfähige Mitarbeiter dargestellt, die in der Lage sind, ihre Interessen selbst zu vertreten.

Kategorie 4: Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: Der Bericht enthält keine diskriminierenden Aussagen.

Diskriminierende Formulierungen: Die behinderten Menschen, die in den Werkstätten arbeiten, werden als "Menschen mit Behinderung" oder auch als "Behinderte" bezeichnet. Es stellt sich die Frage, warum sie speziell in diesem Kontext nicht als Mitarbeiter bezeichnet werden.

"So möchten die Behinderten einen Lohnzettel ..."

" ... spezielle Fortbildungsangebote für Mitarbeiter und Menschen mit Behinderung ..."

"... mit offiziellem Auftrag, die Anliegen der Menschen mit Behinderungen [...] zu vertreten."

Inhalt des Berichts sind primär die arbeitsrechtlichen Belange, was die behinderten Menschen ausschließlich in ihrer Funktion als Mitarbeiter betrifft. Als Mitarbeiter werden hingegen nur die Betreuer bezeichnet. Nur der Werkstattsprecher Erkan Basar spricht von den behinderten Menschen als Mitarbeiter.

" ,Man wird als Mitarbeiter ernst genommen´, freut er [Erkan Basar] sich."

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: In einem Satz werden die Mitarbeiter der Werkstätte als "Behinderte" bezeichnet. Die Verwendung der Substantivierung stellt eine Reduktion auf die Behinderung dar. Auch die Bezeichnung "Menschen mit Behinderung" oder "Betreute" anstelle von "Mitarbeiter" oder wenigstens "die behinderten Mitarbeiter" oder "die Mitarbeiter mit Behinderung" stellt in diesem Zusammenhang die Behinderung in den Vordergrund. Zudem entsteht der Eindruck, dass "Menschen mit Behinderung" als feststehende Bezeichnung für behinderte Menschen verwendet wird, da diese dem Textinhalt nicht optimal angepasst ist.

"So möchten die Behinderten einen Lohnzettel ..."

" ... spezielle Fortbildungsangebote für Mitarbeiter und Menschen mit Behinderung ..." "... mit offiziellem Auftrag, die Anliegen der Menschen mit Behinderungen [...] zu vertreten."

Kritische Standpunkte: Werkstattsprecher gibt es in den Werkstätten der Lebenshilfe Vorarlberg bereits seit einem Jahr. Entsprechende Erfahrungen liegen also vor und werden auch genannt, allerdings ausschließlich positive. Eventuell aufgetretene Schwierigkeiten, insbesondere Startschwierigkeiten, werden nicht thematisiert.

"Und schon jetzt liegt eine Reihe von konkreten Verbesserungsvorschlägen auf dem Tisch. ... In der Chefetage der Lebenshilfe wurden bereits entsprechende Schritte gesetzt."

"Erkan Basar ist zufrieden. ,Man wird als Mitarbeiter ernst genommen´, freut er sich. Aber auch persönlich hat ihm die Funktion des Werkstattsprechers viel gebracht. ,Ich bin selbstständiger geworden ...´"

Der Bericht enthält auch keine Angaben über die rechtliche Verankerung des gewählten "Betriebsrates". Es ist nicht klar, in welchem Maße die Geschäftsführung der Interessensvertretung verpflichtet ist und inwieweit diese autonom handeln kann. Es heißt lediglich: "Vorher [vor den Neuwahlen] wird die Geschäftsführung aber noch über die Umsetzung der Vorschläge bei einer Werkstattsprechersitzung berichten."

Die angeführten Forderungen der behinderten Mitarbeiter enthalten allerdings naturgemäß kritische Elemente bezüglich ihres Arbeitsverhältnisses.

"So möchten die Behinderten einen Lohnzettel, der statt dem Taschengeld einen Zahltag ausweise und auf dem auch die Urlaubstage stehen, besser ausgebildete Betreuer, ,damit sie uns wirklich unterstützen können und nicht mit uns streiten´, und Maßnahmen, die helfen, Aggressionen bei den Betreuten abzubauen. ,Das kostet nämlich viel Nerven´, erzählt Erkan Basar ..."

Perspektivische Vielfalt: Die Gruppe der Werkstattsprecher wird im vorliegenden Bericht durch Erkan Basar, der persönlich zu Wort kommt, vertreten. Ein Vertreter der Institution "Lebenshilfe Vorarlberg" wird nicht angeführt bzw. zitiert. Die Standpunkte und Erfahrungen der Werkstattsprecher werden abwechslungsweise aus stellvertretender Perspektive oder direkt wiedergegeben.

Ergänzende Anmerkung: Die durchgehend positive Darstellung der Situation, ohne auf Schwierigkeiten zu verweisen, wirkt etwas gekünstelt. Die Einbeziehung des Standpunktes eines einfachen Mitarbeiters bzw. einer Mitarbeiterin in der Werkstätte wäre interessant gewesen. Äußerst positiv zu bewerten ist, dass dargestellt wird, welche Missstände zu beheben versucht werden. Dem Bericht ist allerdings leider nicht zu entnehmen, wie autonom diese Interessensvertretung agieren kann.

Bericht (6): Berufliche Integration geglückt

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: VN

Datum: 14.4.2005

Textumfang: mittlerer Textumfang

Rubrik: Lokal

Kategorie 2: Themen

Themen: Berufliche Integration gehörloser Menschen bzw. von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen.

"Seit fast 30 Jahren vermittelt die Beratungsstelle des Landeszentrums für Hörgeschädigte gehörlosen Menschen Jobs." "Ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Integration ist die individuelle Beratung des Unternehmens."

Das ist neben einer individuellen Erfolgsgeschichte die Kernaussage des Berichts.

Themenkategorie: Psycho-Soziales

Art der Behinderung: Gehörlosigkeit/Hörbeeinträchtigung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene Darstellung: Gut zwei Drittel des Berichts sind der beruflichen Integration einer bestimmten Person gewidmet. Durch die große Bindung des Textinhaltes an ein Subjekt wird dem Leser der Einstieg in die Thematik erleichtert, allerdings auf Kosten des Informationsgehalts der grundgelegten Thematik "berufliche Integration". Eine derart starke Bindung der Thematik an ein Subjekt lässt mitunter den Eindruck entstehen, als ginge es nur um das Schicksal dieser einen Person. Da die ausgedehnt dargestellte Individualgeschichte eine Erfolgsgeschichte ist, wird das eigentliche Problem, nämlich die Schwierigkeit der beruflichen Integration von Menschen mit Behinderung bzw. gehörloser Menschen am ersten Arbeitsmarkt, überlagert.

"Christine Sieber ist seit einer Erkrankung in frühester Kindheit gehörlos. Keine guten Voraussetzungen für einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt."

Objektbezogene Darstellung: Objektbezogen ist die Darstellung nur in Bezug auf die berufliche Integration gehörloser Menschen oder "Menschen mit Hörschädigung", wie sie im Text genannt werden. Dies betrifft jedoch nur einen sehr kleinen Textabschnitt.

Rollenklischees: Die gehörlosen und hörbeeinträchtigten Menschen werden in der wörtlich wiedergegebenen Aussage des Firmenvertreters Bertram Bohle pauschal als freundlich, humorvoll und motiviert bezeichnet, was inhaltlich der Kategorie des "allzeit fröhlichen behinderten Menschen" entspricht. Aus dem Bericht geht nicht hervor, ob bei der Firma Hirschmann noch mehrere behinderte Menschen beschäftigt sind oder ob Bohle von einer ihm bekannten Person auf die ganze Gruppe schließt.

"Für Hirschmann-Personalreferent Bertram Bohle brachte die Anstellung positive Erfahrungen: ,Die Arbeit mit Behinderten macht grundsätzlich viel Freude und bringt Abwechslung. Es ist schön, die Freundlichkeit, den guten Humor und die Motivation dieser Menschen zu spüren.´"

Frau Sieber zählt in gewisser Weise zu einer Elite von behinderten Menschen, nämlich jenen, die am ersten Arbeitsmarkt integriert sind.

Kategorie 4: Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: Dass nicht behinderte KollegInnen Lippenlesen und Teile der Gebärdensprache erlernt haben, wird als "Segen für die taubstumme Mitarbeiterin" gewertet. Die Verwendung des Wortes "Segen" stellt in diesem Zusammenhang eine eher unangebrachte Verbindung zu Religion her und impliziert uneingeschränkte Dankbarkeit.

"Damit sie sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen auch verständigen kann, haben diese im Rahmen eines speziellen Fortbildungsprogramms das Lippenlesen und Teile der Gebärdensprache erlernt. Ein Segen für die taubstumme Mitarbeiterin."

Diskriminierende Formulierungen: Die Verwendung des Begriffs "taubstumm" wird von gehörlosen Menschen als diskriminierend empfunden. "Der Ausdruck suggeriert, dass gehörlose Menschen stumm sind.[ ...] Gehörlose Menschen können aber sehr wohl sprechen, aber nicht hören, was sie sprechen" (I:Ö/Firlinger 2003, 30f). Die Bezeichnung "taub" meint eigentlich Gefühllosigkeit. Als Alternative bietet sich der Begriff "gehörlos", "Gehörlosigkeit" an. Interessensvertretungen behinderter Menschen plädieren für entsprechende Umbenennungen. Die Verwendung der Substantivierung "die Behinderten" im Zitat des Firmenvertreters wirkt ebenfalls diskriminierend, da lediglich die Behinderung als Objekt und nicht die gesamte Persönlichkeit angesprochen ist. Der Begriff "Hörgeschädigte" tritt als Teil der Bezeichnung der Einrichtung "Landeszentrum für Hörgeschädigte" auf. "Hörgeschädigte" ist ebenso wie "die Behinderten" eine Substantivierung und fokussiert ausschließlich objektbezogen das Defizit bzw. die Schädigung, um den Wortlaut zu übernehmen. Dass "Hörgeschädigte" Teil der Bezeichnung der Institution ist, kann die Verwendung des Begriffs nicht dem Journalisten angelastet werden. In der, den Text ergänzenden Fact-Box "Erfolgsbilanz" wird zwar nicht die Substantivierung, aber doch die Bezeichnung "Personen mit Hörschädigung" verwendet. Dabei tritt zwar der Mensch stärker in den Vordergrund, die Defektorientierung jedoch bleibt.

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Die Verwendung der Substantivierung "die Behinderten" stellt eine Reduzierung der Person auf ihre Behinderung dar. " , ´Die Arbeit mit den behinderten macht grundsätzlich viel Freude ...´"

Andere Persönlichkeitsmerkmale oder Qualifizierungen der gehörlosen Mitarbeiterin sind dem Bericht nicht zu entnehmen.

Kritische Standpunkte: Kritisch angemerkt wird, dass es für gehörlose Menschen sehr schwierig ist, einen Arbeitsplatz zu finden, und dass die Vermittlung von gehörlosen Menschen viel Geduld und Überzeugungsarbeit erfordert.

"Christine Sieber ist seit einer Erkrankung in frühester Kindheit gehörlos. Keine guten Voraussetzungen also für einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt." "Seit fast 30 Jahren vermittelt das Landeszentrum für Hörgeschädigte gehörlosen Menschen Jobs. Viel Geduld und Überzeugungsarbeit sind dabei erforderlich, weiß LZH-Mitarbeiterin Helga Rottensteiner: ..." Die beigefügte Fact-Box "Erfolgsbilanz" soll vermutlich wirklich nur die Erfolge aufzeigen, da nur angeführt wird, wie viele "Personen mit Hörschädigung" in den Jahren 2002, 2003 und 2004 vermittelt werden konnten. Die Zahl der vermittelten Personen ist zwar in den Jahren 2003 und 2004 stark angestiegen, diese Zahlen wären allerdings in Relation zur Anzahl der tatsächlich zu vermittelnden Personen wesentlich aussagekräftiger gewesen. Eventuelle Schwierigkeiten oder Hürden, die im Zuge der beruflichen Situation von Christine Sieber möglicherweise zu bewältigen waren, werden nicht thematisiert. Es könnte zum Beispiel sein, dass seitens der nicht behinderten Mitarbeiter Widerstand in kommunikationstechnischer Hinsicht aufgetreten ist, oder dass es für das Erlernen von Lippenlesen und Gebärdensprache besonderer Anreize bedurfte.

"Damit sie sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen auch verständigen kann, haben diese im Rahmen eines speziellen Programms das Lippenlesen und Teile der Gebärdensprache erlernt."

Ein Hinweis auf zu bewältigende Probleme, die jedoch im Bericht nicht benannt werden, könnte das "grundsätzlich" in der Aussage des Personalreferenten sein. Was ist aber über das Grundsätzliche hinaus? Das wird sprachlich angekündigt, bleibt inhaltlich aber offen.

"Die Arbeit mit Behinderten macht grundsätzlich viel Freude und bringt Abwechslung."

Perspektivische Vielfalt: Die Situation der vermittelten Mitarbeiterin wird aus stellvertretender Perspektive beschrieben. Es entsteht der Eindruck, dass der Journalist kein persönliches Gespräch mit der "Hauptdarstellerin" geführt hat. Wörtlich wiedergegeben wird ein pauschales und wenig aussagekräftiges Statement des Personalreferenten der Firma, bei der Frau Sieber angestellt ist, und eine Aussage von Helga Rottensteiner, Mitarbeiterin des Landeszentrums für Hörgeschädigte.

"Für Hirschmann-Personalreferent Bertram Bohle brachte die Anstellung positive Erfahrungen: ,Die Arbeit mit Behinderten macht grundsätzlich viel Freude und bringt Abwechslung. Es ist schön, die Freundlichkeit, den guten Humor und die Motivation dieser Menschen zu spüren.´" "Ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Integration ist die individuelle Beratung des Unternehmens." (Helga Rottensteiner)

Ergänzende Anmerkungen: Die Textstelle, die an jene anschließt, die inhaltlich wiedergibt, dass Kollegen und Kolleginnen Lippenlesen und Grundzüge der Gebärdensprache gelernt haben - "... die Kommunikationsbereitschaft war für sie [Frau Sieber] die Voraussetzung für den Eintritt in die Welt der Hörenden" - ist in ihrer Aussage unklar. Was mit dem Ausdruck "Eintritt in die Welt der Hörenden" hier bedeuten soll, ist nicht eindeutig. Vermutlich wird damit die Zusammenarbeit mit den hörenden Kollegen und Kolleginnen bezeichnet. Realität ist jedoch vielmehr, dass der gehörlose Mensch ständig mit der "Welt der Hörenden" konfrontiert ist, er lebt in ihr. Eintreten in "die Welt der Hörenden" kann mitunter so verstanden werden, dass gehörlose mit hörenden Personen kommunizieren, aber auch das geschieht nicht erst und ausschließlich am Arbeitsplatz. Das "Landeszentrum für Hörgeschädigte" tritt als Motor und Vermittler in Sachen berufliche Integration hörbeeinträchtigter Menschen stark in den Vordergrund.

"Landeszentrum für Hörgeschädigte sucht und findet Kontakt zur Wirtschaft."

"Seit fast 30 Jahren vermittelt die Beratungsstelle des Landeszentrums für Hörgeschädigte gehörlosen Menschen Jobs."

"Ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Integration ist die individuelle Beratung des Unternehmens."

Bericht (7): Verletzlich wie ein Schmetterling

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: Die Presse

Datum: 4.4.2005

Textumfang: großer Textumfang

Rubrik: Tech&Science

Kategorie 2: Themen

Thema: Epidermolysis bullosa (eb) - unheilbare Hautkrankheit Eb wird derzeit recht häufig in den Medien thematisiert, da in Salzburg ein Behandlungszentrum für Menschen mit eb errichtet wird. Parallel läuft eine Spendenaktion. Der Bericht informiert im Wesentlichen über Ausprägungen von eb, Behandlungsmöglichkeiten und Forschungsstand.

Themenkategorie: Medizin

Art der Behinderung: Körperbehinderung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene Darstellung: Am Beginn des Berichts steht die Darstellung zweier subjektiver Schicksale. Geschildert werden im ersten Textdrittel die Alltagsschwierigkeiten zweier Mädchen mit eb.

"Tägliches Morgenritual für die 12-jährige Nina aus Oberösterreich: Die offenen Wunden werden versorgt. ..."

"Die elfjährige Lena aus Wien kann fast nie ohne Verband schlafen. ..."

Eine weitere an ein Subjekt gebundene Darstellung soll belegen, dass die Krankheit auch bei Ärzten noch zu wenig bekannt ist.

"Eine Mutter brachte ihren Sohn zu einer Untersuchung [ins LKH Innsbruck] und bat, man möge ihm nichts auf die Haut kleben. ,Wieder so eine Spinnerte´ mögen sich die behandelnden Ärzte gedacht haben und klebten die Elektroden für eine EKG-Untersuchung. Als sie diese wieder entfernten, gingen riesige Hautfetzen mit."

Im Anschluss daran werden ebenfalls Probleme im Alltag aufgezeigt, um verschiedene Ausprägungsformen zu veranschaulichen. Diese Darstellungen sind zwar an Subjekte gebunden, diese bleiben jedoch anonym.

"Es gibt Patienten, die können nicht mit normaler Füllfeder schreiben ..."

"Bei mittelschweren Formen etwa reicht es aus, wenn ein Kranker leicht am Tisch anstößt - schon ist er verletzt."

"Mitunter sitzen Betroffene im Rollstuhl ..."

"Andere Leidensgenossen können weder Brot noch Äpfel oder Steaks essen ..."

"Bei einigen Patienten ist das Hautkrebsrisiko erhöht ..."

Objektbezogene Darstellung: Im restlichen Text steht die Krankheit als Objekt im Mittelpunkt. Speziell dann, wenn es nicht um Alltagsschwierigkeiten, sondern um medizinische Betrachtungen geht.

"Die genetisch bedingte Erkrankung gibt es in verschiedenen Ausprägungen ..."

"An der Krankheit leiden etwa 30.000 Europäer, darunter 500 Österreicher ..."

"Unbekannt ist auch die Krankheit, selbst bei vielen Ärzten."

"Ursache des Leidens ist ..."

"Epidermolysis bullosa ist derzeit noch unheilbar ..."

"Er glaubt fest daran, dass er die Hautkrankheit in den Griff kriegen wird."

Rollenklischees: Nachdem ausnahmslos die Probleme der Betroffenen mit ihrer Krankheit dargestellt werden, erscheinen diese angesichts der Schwere der Ausprägung bei den vorgestellten Kindern als bedauernswert. Verstärkt wird das Gefühl des Bedauerns durch den Umstand, dass bei den subjektbezogenen Darstellungen Kinder gewählt wurden. Der letzte Textabschnitt, der sich der Erforschung von eb widmet, eröffnet Hoffnung auf Heilung, was den bedauernswerten Zustand etwas mildert.

Kategorie 4: Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: Als diskriminierend kann empfunden werden, dass sich nahezu der gesamte Text, insbesondere auch die subjektbezogenen Abschnitte, der Krankheit, die als Leiden dargestellt wird, und ihrer Erforschung widmet.

"Ursache des Leidens ..."

"Beide Mädchen leiden an der unheilbaren Hautkrankheit Epidermolysis bullosa ..."

Einzige Ausnahme: In einem Satz werden Berufswünsche und Vorlieben der Mädchen erwähnt.

"Nina ist gern witzig und möchte Blumenverkäuferin werden, Lena reitet gerne, sie will Volksschullehrerin werden."

Diskriminierende Formulierungen: Keine diskriminierenden Formulierungen.

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung/Krankheit: In den subjektbezogenen Textabschnitten werden die Betroffenen in hohem Ausmaß auf ihre Krankheit reduziert. Es werden zwar Berufswünsche der beiden Mädchen, eine bevorzugte Freizeitaktivität und eine Eigenschaft erwähnt, die Beeinträchtigung, die sich dabei durch die Krankheit ergibt, bleibt allerdings angesichts der zuvor anschaulich geschilderten Alltagsprobleme "zwischen den Zeilen" lesbar.

"Nina ist gern witzig und möchte Blumenverkäuferin werden, Lena reitet gerne, sie will Volksschullehrerin werden."

Kritische Standpunkte: Nachdem sich der Bericht im Wesentlichen der Darstellung der Krankheitssymptome und der Darstellung des medizinischen Hintergrunds widmet, sind auch die wenigen kritischen Standpunkte im medizinischen Bereich angesiedelt.

"Ihm [Dr. Bauer] und seinem Team ist dennoch ein wesentlicher Fortschritt gelungen: ,Wir ersetzen gezielt kleine Stücke des betroffenen Moleküls [...].´ Im Labor funktioniere diese Methode bereits [...] . Das Problem jedoch: Die Gefahr von Hautkrebs kann so erhöht werden."

Perspektivische Vielfalt: Die subjektbezogenen Textabschnitte nehmen zwar Bezug auf die Alltagsrealität der erkrankten Personen, stellen diese jedoch aus stellvertretender Perspektive dar. Univ.-Doz. Dr. Johann Bauer, Oberarzt an den Salzburger Landeskliniken und Leiter der eb-Forschung in Österreich wird häufig zu medizinischen, die Forschung betreffenden Inhalten zitiert und hat somit in dieser medizinisch orientierten Berichterstattung eine tragende Rolle.

" ,Sie können nur breiige Nahrung zu sich nehmen oder über einen künstlichen Mageneingang ernährt werden´, erklärt Univ.-Doz. Dr. Johann Bauer, Oberarzt an den Salzburger Landeskliniken und Leiter der eb-Forschung in Österreich."

Einmalig genannt wird die Selbsthilfegruppe debra-austria.

"Von zahlreichen Vorkommnissen kann da die Selbsthilfegruppe debra-austria berichten."

Ergänzende Anmerkungen: Im Bericht wird im Zusammenhang von Epidermolysis bullosa von Krankheit und nicht von Behinderung gesprochen, obwohl die Betroffenen teilweise bezüglich ihrer Körperfunktionen und -strukturen sowie bezüglich Aktivität und Partizipation große Einschränkungen erfahren (vgl. ICF 2004). Die Krankheit bezeichnet mehr das grundgelegte Gesundheitsproblem.

Bericht (8): Debra-Austria: Errichtung eines Spezialzentrums

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: Die Presse

Datum: 4.4.2005

Textumfang: mittlerer Textumfang

Rubrik: Tech&Science/Gesundheit

Kategorie 2: Themen

Thema: Inhalt des Berichts ist eine kurze medizinische Beschreibung der unheilbaren Hautkrankheit Epidermolysis bullosa (eb), die Vorstellung der diesbezüglichen Selbsthilfegruppe debra-austria sowie ein Veranstaltungshinweis.

Themenkategorie: Medizin/Psycho-Soziales

Art der Behinderung: Körperbehinderung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene/objektbezogene Darstellung: Der Textinhalt ist sehr objektbezogen. Objekte der Darstellung sind: die Hautkrankheit eb, die Selbsthilfegruppe, das Spezialzentrum und eine Benefizveranstaltung;

"Was ist Epidermolysis bullosa?" "Die Selbsthilfegruppe", "Benefizabend"

"... Finanzierung und Errichtung des eb-Hauses [Spezialzentrum]..."

Rollenklischees: Der Hinweis auf Spenden, die zur Errichtung des Spezialzentrums notwendig sind, zeichnet ein Bild hilfsbedürftiger und bedauernswerter Menschen.

Kategorie 4: Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: Die Tatsache, dass die Finanzierung des medizinischen

Spezialzentrums zur Behandlung, Erforschung und Ausbildung größtenteils mittels Spenden erfolgen muss, wirkt diskriminierend.

"Die Ziele [der Selbsthilfegruppe] neben Unterstützung, Information und Beratung: medizinische Versorgung, Vorantreiben der Forschungen hinsichtlich einer Heilungsmöglichkeit,Finanzierung (vor allem durch Spenden) und Errichtung des eb-Hauses. Es ist ein Spezialzentrum [...], in dem behandelt, geforscht und ausgebildet wird."

Kategorie 5: Realitätsnähe

Der Bericht ist beschränkt auf einige wenige Fakten und gibt daher keinen Aufschluss bezüglich der Realitätsnähe der Darstellung.

Bericht (9): "Wollen wir Kinder nach Gen-Maß?"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: Die Presse

Datum: 6.4.2005

Textumfang: großer Textumfang

Rubrik: Meinung (Gastkommentar zu Markus Hengstschläger "Der genetische Tod" vom 26. März 2005)

Kategorie 2: Themen

Thema: Der Bericht ist ein Gastkommentar von Helene Polaczek, Pressesprecherin der "Aktion Leben" zu einem vorangegangenen Gastkommentar von Markus Hengstschläger, Universitätsprofessor für medizinische Genetik an der Medizinischen Universität Wien, zur Einführung des Begriffs "genetischer Tod" für Embryonen in einem frühen Zellstadium, die aufgrund genetischer Veränderungen nicht entwicklungsfähig sind. Weiters plädiert Hengstschläger für die Unterscheidung lebender und genetisch toter Embryonen im Zuge der Präimplantationsdiagnostik (PID), um damit zu verhindern, dass Frauen im Zuge der künstlichen Befruchtung bereits tote Embryonen eingesetzt werden. Der Gastkommentar von Helene Polaczek mit dem Titel "Wollen wir Kinder nach Gen-Maß" nimmt im wesentlichen Bezug auf die PID und die damit verbundene Selektion von Embryonen, besonders jener mit Chromosomenstörungen.

Themenkategorie: Ethik, Medizin

Art der Behinderung: keine Differenzierung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene/objektbezogene Darstellung: Die Subjekte, um die es in diesem Bericht geht, sind Embryonen. Sie werden eher objektbezogen, als Forschungsobjekte, Objekte eines umstrittenen Diagnoseverfahrens (PID) oder Träger von Genmaterial und Chromosomen dargestellt.

"Längst sind Vorstellungen geboren, nach denen die ,genetisch besten´ Embryonen gewählt werden."

"Geht es also wirklich darum, nur nicht lebensfähige Embryonen auszusortieren?"

Rollenklischees: Der Bericht enthält keine klischeehaften Bilder zu Behinderung und behinderten Menschen. Es wird lediglich die Frage nach den Auswirkungen angewandter PID auf "die Idee der Annahme jedes Menschen, unabhängig von seinem Alter, von Behinderung oder anderen Kriterien" in den Raum gestellt.

Kategorie 4: Diskriminierung, Verletzung

Diskriminierende Aussagen: Für behinderte Menschen und ihre Angehörigen ist die Diskussion um PID und damit verbundene Selektion von Embryonen mit Gen- oder Chromosomenstörungen an und für sich diskriminierend und verletzend. Der Kommentar thematisiert die Anwendung der PID jedoch sehr kritisch und tritt mehrfach auch Bezug nehmend auf Embryonen mit Chromosomenstörungen für deren Schutz ein. Die Aussage, dass " ,Bei allen Tests, die Chromosomen mit dem Ziel der Erfolgsratenverbesserung untersuchen [...], auch lebensfähige Embryonen miterfasst [werden], die ebenfalls aussortiert werden.´" wirkt diskriminierend, da der Eindruck erweckt wird, dass die aussortierten "gesunden" Embryonen stärker zu bedauern sind.

Diskriminierende Formulierungen: "Die derzeit üblichen Tests erfassen immer auch Chromosomenstörungen, die sehr wohl mit dem Leben vereinbar sind." Es stellt sich die Frage, welche Chromosomenstörungen nicht mit dem Leben vereinbar sind? Es ist nicht klar, ob mit "nicht mit dem Leben vereinbar" "nicht lebensfähig" gemeint ist oder ob eventuell aus der Chromosomenstörung resultierende Behinderungen in manchen Fällen nicht mit dem Leben vereinbar sind. Letzteres wäre eine diskriminierende Aussage.

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Da im Text keine behinderten Menschen dargestellt sind, gibt es auch keine Darstellungen, die Personen auf ihre Behinderung reduzieren. Viel mehr geht es um die Frage nach dem Wert des Lebens (nicht nur des ungeborenen Lebens) und nach dem Umgang mit menschlichem Leben.

Kritische Standpunkte: Da der Kommentar insgesamt der geäußerten Meinung einer anderen Person inhaltlich widerspricht, enthält er einige kritische Standpunkte. An einer Stelle wird die Einseitigkeit des Kommentars von Markus Hengstschläger kritisiert.

"Der Hengstenberg-Kommentar lässt viele Aspekte der PID ausgeklammert."

Die Unsicherheit der PID wir kritisiert.

"Und die Ergebnisse sind so unsicher, dass immer auch eine nachfolgende vorgeburtliche Untersuchung empfohlen wird."

Die Selektion von Embryonen wird generell kritisiert.

"Wollen wir ein Verfahren etablieren, nach dem Kinder erst genetisch gecheckt werden, bevor sie auf die Welt kommen dürfen?" Durch die Verwendung einer rhetorischen Frage wird die Kritik etwas abgeschwächt. Die Anwendung der PID wir kritisiert.

"Das Büro für Technikfolgenabschätzung, das für den deutschen Bundestag die PID untersuchte, empfiehlt deshalb, sie erst gar nicht zuzulassen."

Die Miterfassung von Chromosomenstörungen wird kritisiert.

"Die derzeit üblichen Tests erfassen immer auch Chromosomenstörungen, die sehr wohl mit dem Leben vereinbar sind."

"Wollen wir etwa ein Down-Syndrom-Screening etablieren?"

Es wird angeregt, sich der Frage zu stellen, wie wir mit menschlichem Leben umgehen wollen.

"Die PID zwingt uns zu überlegen, wie wir mit menschlichem Leben umgehen wollen."

Perspektivische Vielfalt: Da es sich beim vorliegenden Text um einen Kommentar handelt, steht klar eine persönliche Meinung im Vordergrund. Der Text enthält zudem ein Zitat der deutschen Genetikerin Sigrid Graumann.

"Die deutsche Genetikerin Sigrid Graumann warnt: ,Bei allen Tests, die Chromosomen mit dem Ziel der Erfolgsratenverbesserung untersuchen, werden auch lebensfähige Embryonen miterfasst, die ebenfalls aussortiert werden.´"

Bericht (10) "Tränen beim letzten Treffen"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: SN

Datum: 7.4.2005

Textumfang: großer Textumfang

Rubrik: Chronik

Kategorie 2: Themen

Thema: Begegnungen einer Rollstuhlfahrerin mit Papst Johannes Paul II. Papst Johannes Paul II und sein Umgang mit behinderten Menschen.

Themenkategorie: Psycho-Soziales

Art der Behinderung: Körperbehinderung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene Darstellung: Der Bericht ist etwa zu zwei Drittel an ein einzelnes Subjekt, nämlich eine Frau im Rollstuhl, die bei zahlreichen Audienzen und Besuchen persönliche Begegnungen mit Papst Johannes Paul II hatte, gebunden. Der Rest des Textes widmet sich der bevorzugten Behandlung behinderter Menschen bei Audienzen. "Die Vorarlbergerin Maria Ellensohn sah den Papst am Mittwoch im Petersdom ein letztes Mal. Mehr als vierzig Mal war die Rollstuhlfahrerin Johannes Paul II begegnet."

Objektbezogene Darstellungen: Der Text stellt fast ausschließlich die Geschichte von Frau Ellensohn und ihrer Verbindung zu Papst Johannes Paul II dar und enthält deshalb in Bezug auf Behinderung keine objektbezogenen Darstellungen.

Rollenklischees: Maria Ellensohn wird in diesem Text als starke Persönlichkeit, die sich trotz ihrer Behinderung nicht unterkriegen lässt, und ihre Ziele erreicht, dargestellt. In einem Klischee ausgedrückt entspräche diese Darstellung dem Typ des leistungsfähigen behinderten Menschen. "Als sie 1991 beim Überbringen eines Vorarlberger Christbaums durch die Diözese nicht in den Vatikan fahren durfte - Ellensohn: ,Der Rollstuhl wurde als Zumutung empfunden´-, machte sie sich auf eigene Faust nach Rom auf." "Vor etwa einem Jahr stellte der Vatikan sogar eine Einladung für ihren Begleithund Jeanny aus. Jeanny ist damit der erste Hund, der an einer Audienz teilnehmen durfte."

Kategorie 4: Diskriminierung

Diskriminierende Aussagen: Lediglich in einem Zitat Maria Ellensohns wird auf die Diskriminierung behinderter Menschen in unserer Gesellschaft hingewiesen.

"Der Rollstuhl wurde als Zumutung empfunden." (Ellensohn)

Diskriminierende Formulierungen: Die Substantivierung "Behinderte" stellt eine Reduzierung der Person auf die Behinderung dar und wirkt deshalb diskriminierend, allerdings wird sie im Text in einem Zitat von Maria Ellensohn, die selbst behindert ist, verwendet.

"Johannes Paul II hat viel für Behinderte getan ..." (Ellensohn)

Kategorie 5: Realitätsnähe:

Reduzierung auf Behinderung: Im Text wird vielfach die Behinderung bzw. der Aspekt, dass Frau Ellensohn Rollstuhlfahrerin ist, hervorgehoben, was die Behinderung bevorzugt ins Blickfeld rückt. So wird sie beispielsweise als "Rollstuhlfahrerin" bezeichnet.

"Mehr als vierzig Mal war die Rollstuhlfahrerin Johannes Paul II begegnet."

"Langsam rollt sie nun in die Nähe des Papstes."

"... während sie darauf wartet, dass sie in ihrem Rollstuhl zu einem letzten Gruß in den Petersdom gebracht wird."

"..., sagt die Frau im Rollstuhl."

Der Verweis auf ihren Beruf - sie bildet Partnerhunde für behinderte Menschen aus

- zeigt zwar einen anderen Aspekt ihres Lebens auf, dieser steht jedoch wiederum in enger Verbindung mit Behinderung.

"...betont Ellensohn, die im Berufsleben Partnerhunde ausbildet."

Kritische Standpunkte: Frau Ellensohn übt Kritik an der Ausgrenzung behinderter Menschen.

"Der Rollstuhl wurde als Zumutung empfunden."

Perspektivische Vielfalt: Neben der journalistischen Darstellung kommt die Hauptperson in der Berichterstattung häufig selbst zu Wort.

"Johannes Paul II hat viel für Behinderte getan, auch durch seine eigene Lebensgeschichte." (Ellensohn)

"Er hat mich demonstrativ zur Seite und in die Arme genommen." (Ellensohn)

Ergänzende Anmerkung: Der Text stellt insgesamt eine subjektive und emotionale Darstellung einer persönlichen Geschichte dar. Quintessenz des Textes ist eine einseitige Darstellung "des großen Herzens" des Papstes für behinderte Menschen.

Bericht (11): "Geierspichler will in Varese nachlegen"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: SN

Datum: 8.4.2005

Textumfang: geringer Textumfang

Rubrik: Lokal

Kategorie 2: Themen:

Thema: Sportliche Erfolgsbilanz des Rennrollstuhl-Fahrers Thomas Geierspichler Themenkategorie: Sport

Art der Behinderung: Körperbehinderung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene Darstellung: Der Bericht bezieht sich ausschließlich auf die sportlichen Leistungen eines einzigen Sportlers und kann deshalb als sehr subjektbezogen eingestuft werden.

"Rennrollstuhl-Fahrer Thomas Geierspichler ist Mitte März mit einem Sieg beim Halbmarathon in Lissabon (Por) erfolgreich in die Saison gestartet."

Rollenklischees: Der Text gibt Auskunft über die sportlichen Erfolge Thomas Geierspichlers. Die sportlichen Erfolge werden aufgelistet. Erfolg und Leistung sind der Darstellung grundgelegt und zeigen den behinderten Sportler in der Rolle des erfolgreichen, zu außergewöhnlichen Leistungen fähigen behinderten Menschen.

"Nun will der 29-jährige Salzburger, der im Vorjahr bei den Paralympics fünf Medaillen erobert hatte und sich über 1500 m zum Olympiasieger krönte, nachlegen."

Kategorie 4: Diskriminierung

Diskriminierende Formulierungen und Aussagen: Der Text ist knapp und sachlich gehalten. Er enthält keine diskriminierenden Aussagen und Formulierungen.

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Thomas Geierspichler wird im vorliegenden Bericht mehr als Sportler, denn als Rollstuhlfahrer dargestellt. Einzige Hinweise auf die Behinderung sind die Bezeichnungen "Rennrollstuhl-Fahrer" und "Paralympics". "Rennrollstuhl-Fahrer Thomas Geierspichler ist Mitte März mit einem Sieg beim Halbmarathon in Lissabon (Por) erfolgreich in die Saison gestartet." "Nun will der 29-jährige Salzburger, der [...] bei den Paralympics fünf Medaillen erobert hatte und sich über 1500 m zum Olympiasieger krönte, nachlegen."

Kritische Standpunkte: Es gibt keine kritischen Standpunkte.

Perspektivische Vielfalt: Der Bericht gibt aus der Perspektive des Journalisten einige sportliche Fakten wieder. Einzig die Aussage "... und hat freilich wieder einen Erfolg eingeplant." ist ein Hinweis auf die Sichtweise des Sportlers.

Bericht (12): "Parkplätze für Behinderte"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: SN

Datum: 14.4.2005

Textumfang: großer Textumfang

Rubrik: Lokal

Kategorie 2: Themen

Thema: Alltagsbewältigung. Behindertenparkplätze sind häufig von Nichtberechtigten verparkt. Die Problematik wird am Beispiel eines gehbehinderten Autolenkers und eines diesbezüglichen Anlasses aufgerollt.

"Die Behindertenparkplätze sind dauernd verparkt, außerdem gibt es viel zu wenige: Ein Jurist klagt über die Misere in der Salzburger Altstadt."

Themenkategorie: Psycho-Soziales (Alltagsbewältigung)

Art der Behinderung: Körperbehinderung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektgezogene Darstellung: Aufhänger der Berichterstattung ist die subjektbezogene Darstellung der Problematik. Eine betroffene Einzelperson schildert an einem Beispiel die Gesamtproblematik um die Parkflächen für behinderte Menschen in der Salzburger Altstadt.

"Der Salzburger Universitätsprofessor Michael Gruber ist verärgert. Er hat zwar eine Parkberechtigung für Behinderte, der Behindertenparkplatz vor seinem Arbeitsplatz [...] ist aber meistens von Nichtberechtigten zugeparkt. Zuletzt ist sein Wagen abgeschleppt worden, weil er sich neben den Behindertenparkplatz ins Halteverbot [...] gestellt hat."

Objektbezogene Darstellung: Die Parkplatzsituation für Behinderte Menschen wird nach dem subjektbezogenen Einstieg hauptsächlich objektbezogen - Objekt der Darstellung sind die Behindertenparkplätze - dargestellt.

"50 Parkplätze für Behinderte. Die Parkplatz-Misere ist bekannt. Bewirtschaftete Parkplätze, inklusive Garagen, gibt es nach Angaben des Magistrats um die 8600." "Die Parkberechtigungen übersteigen die Anzahl der Parkplätze um ein Vielfaches."

Rollenklischees: Der Salzburger Universitätsprofessor Michael Gruber, dessen Geschichte als Einstieg in das Thema dient, verkörpert das Klischee des leistungsfähigen behinderten Menschen, der im Beruf erfolgreich ist und in der Lage ist, seine Interessen öffentlich zu vertreten.

"Der Salzburger Universitätsprofessor Michael Gruber ist verärgert. Er hat zwar eine Parkberechtigung für Behinderte, der Behindertenparkplatz vor seinem Arbeitsplatz [...] ist aber meistens von Nichtberechtigten zugeparkt."

Kategorie 4: Diskriminierung

Diskriminierende Formulierungen: Mehrmals wird im Text die Substantivierung "Behinderte" verwendet, was eine Reduzierung der Personen auf ihre Behinderung darstellt und als diskriminierend empfunden wird.

"...Parkplätze für Behinderte verstellt ..."

"Er hat zwar eine Parkberechtigung für Behinderte,..."

"50 Parkplätze für Behinderte."

"..., dass es zu wenig Parkplätze für Behinderte gibt, ..."

Diskriminierende Aussagen: Die Ansicht des Stadtrats Martin Ponesch, dass Polizei und Stadt an einer Lösung arbeiten sollten, Interessensvertreter behinderter Menschen aber nicht eingebunden werden, kann als diskriminierend gewertet werden.

Der Text enthält ansonsten keine diskriminierenden Aussagen bezüglich Behinderung und behinderten Menschen.

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Die mehrmalige Verwendung der Substantivierung "Behinderte" stellt eine Reduzierung der Personen auf ihre Behinderung dar.

Kritische Standpunkte: Der Text enthält einige kritische Standpunkte. Aus der Sicht des Betroffnen: "Behindertenparkplätze müssen besser überwacht werden, außerdem gibt es zu wenige." (Gruber) Franz Zemann vom Österreichischen Wachdienst: " ,Die Behindertenparkplätze sind in der ganzen Stadt verstellt ...´" "Seiner Meinung nach schleppt die Polizei zu wenig ab."

Perspektivische Vielfalt: Der Bericht beleuchtet die Problematik aus mehreren Perspektiven: Politik, Polizei, Wachdienst, betroffene Person. Als Vertreter der Politik kommt Stadtrat Martin Panosch (SPÖ) selbst zu Wort. Der Standpunkt der ÖVP-Klubchefin Claudia Schmidt wird indirekt wiedergegeben.

" ,Das Problem ist [...] nicht, dass es zu wenig Parkplätze für Behinderte gibt, sondern, dass andere auf den Behindertenparkplätzen stehen´, sagt Stadtrat Martin Panosch."

"ÖVP-Klubchefin Claudia Schmidt hatte [...] ein modernes Parkmanagement gefordert."

Als Vertreter der Polizei wird Michael Zobernig von der motorisierten Verkehrsgruppe zitiert.

"Die Behindertenparkplätze werden von der Polizei beinahe täglich überwacht." (Zobernig)

Der Österreichische Wachdienst wird von Franz Zemann, dessen Aussage wörtlich und indirekt wiedergegeben wird, vertreten.

"Die Behindertenparkplätze sind in der ganzen Stadt verstellt ..." (Zemann)

Die behinderten Menschen sind sozusagen durch Prof. M. Gruber vertreten.

" ,Behindertenparkplätze müssen besser überwacht werden, außerdem gibt es viel zu wenige.´" (Gruber)

Ergänzende Anmerkung: Durch die Beleuchtung des Problems aus vielen verschiedenen Perspektiven, ergibt sich eine entsprechend realitätsnahe Darstellung der Situation. Die subjektorientierte Darstellung weckt das Interesse des Lesers, geht aber schon nach einigen Sätzen in eine objektbezogenere Darstellung über, löst sich also vom Subjekt und verselbständigt sich. Dass der betroffene gehbehinderte Autolenker Jurist und Universitätsprofessor ist, wird besonders hervorgehoben.

Bericht (13): "Zweiter Saisonsieg"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: SN

Datum: 14.4.2005

Textumfang: mittlerer Textumfang

Rubrik: Feuilleton (fn)

Kategorie 2: Themen

Thema: Erfolg des Rennrollstuhlfahrers Thomas Geierspichler beim Halbmarathon in Varese. Der Bericht enthält die Erfolgsmeldung zum Wettkampf und eine persönliche Darstellung der Wettkampfsituation, sowie eine persönliche

Einschätzung des Erfolgs.

Themenkategorie: Sport

Art der Behinderung: Körperbehinderung

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene Darstellung: Der Text bezieht sich als Ganzes auf den Sportler Thomas Geierspichler und seinen Erfolg beim Halbmarathon in Varese.

"Der Rennrollstuhlfahrer Thomas Geierspichler aus Anif gewann vergangenen Sonntag den Halbmarathon rund um den Lago di Varese."

Rollenklischees: Der erfolgreiche behinderte Sportler wird im vorliegenden Text ausschließlich leistungsstark und erfolgreich dargestellt. Er verkörpert somit das Klischee des leistungsstarken behinderten Menschen.

"Bereits 2003 hatte der Anifer den Wettbewerb der Rennrollstuhlfahrer gewonnen." "Für Thomas Geierspichler war es der zweite Sieg im zweiten Rennen nach den Paralympics in Athen."

Kategorie 4: Diskriminierung

Diskriminierende Formulierungen und Aussagen: Der Text enthält keine diskriminierenden Elemente.

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Thomas Geierspichler wird im vorliegenden Bericht mehr als Sportler, denn als Rollstuhlfahrer dargestellt. Einzige Hinweise auf die Behinderung sind die Bezeichnungen "Rennrollstuhl-Fahrer" und "Paralympics". "Bereits 2003 hatte der Anifer den Wettbewerb der Rennrollstuhlfahrer gewonnen." "Für Thomas Geierspichler war es der zweite Sieg im zweiten Rennen nach den Paralympics in Athen."

Kritische Standpunkte: Der Bericht enthält eine kritische Anmerkung Thomas Geierspichlers zu den Rennbedingungen. Bezüglich Behinderung gibt es keine kritischen Standpunkte.

" ,Die Bedingungen waren für das Teilnehmerfeld sehr schwierig. ...´ "

Perspektivische Vielfalt: Der Sportler kommt persönlich zu Wort, er beschreibt die Wettkampfsituation und bewertet den persönlichen Erfolg.

",Eine hügelige Strecke, Temperaturen um zehn Grad und ein ständiger Wind haben den Halbmarathon geprägt´" (Geierspichler) ", Ich bin mit dem Rennen trotzdem absolut zufrieden. Natürlich freut mich jeder Sieg, und das motiviert mich auch für das Training.´" (Geierspichler) " ,Fast über die gesamte Distanz ist es mir gelungen, mich in einem hohen Belastungsbereich zu bewegen.´" (Geierspichler)

Ergänzende Anmerkung: In Bezug auf den behinderten Sportler beschränkt sich der Bericht ausschließlich auf positive Elemente des sportlichen Erfolgs.

Bericht (14): "Psychisch krank und ausgegrenzt"

Kategorie 1: Allgemeine Angaben

Medium: SN

Datum: 15.4.2005

Textumfang: großer Textumfang

Rubrik: Wissenschaft

Kategorie 2: Themen

Thema: Ausgrenzung und Stigmatisierung psychisch kranker Menschen. Der Text steht

in Beziehung zu einer in Salzburg stattfindenden Tagung zu diesem Thema.

Themenkategorie: Psycho-Soziales

Art der Behinderung: psychische Krankheit

Kategorie 3: Rollenbilder

Subjektbezogene Darstellung: Im letzten Textdrittel wird in vier Sätzen der "Leidensweg" eines jungen Mannes, der bereits als Kind psychisch erkrankt ist und sich mit 23 Jahren das Leben nahm, geschildert.

"Der Sohn von Rudolf Niedersüß, stellv. Vorsitzender von AHA [Angehörige helfen Angehörigen], war 13 Jahre alt, als ,er merkte, dass er Dinge nicht mehr tun kann, die er gern tun möchte und Stimmen hört´. Bis zur Matura habe sich der Bub durch Kliniken und Therapien geschleppt, unterstützt von schweren Medikamenten. Das Studium schaffte er nicht mehr. Im Februar dieses Jahres nahm sich der Bursch mit 23 Jahren das Leben."

Die subjektbezogene Darstellung zum Schluss des Textes wirkt verstärkend auf die zuvor aufgezeigten Schwierigkeiten und Faktoren im Zusammenhang mit psychischer Erkrankung.

"Wer psychisch krank ist, wird nicht nur ausgegrenzt, er hat oft genug einen Leidensweg vor oder hinter sich, bis die richtige Diagnose gestellt wird." 30.000 Menschen in Salzburg sind schwer psychisch krank. Sie haben nicht nur mit ihrer Erkrankung zu kämpfen, sondern werden dazu noch immer stigmatisiert." " ,Es ist ein Skandal, wie unsere Gesellschaft mit psychisch kranken Menschen und deren Angehörigen umgeht.´" "Die Gesellschaft sei in hohem Ausmaß verantwortlich. Auch finanziell" (Klaus Firlei, Professor für Arbeits-, Wirtschaftsund Europarecht und Vortragender im Rahmen der Fachtagung).

Objektbezogene Darstellung: Zu etwa zwei Drittel bezieht sich der Text auf psychische Erkrankung und in diesem Zusammenhang auf die Darstellung von Faktoren, die die Ausprägung psychischer Erkrankungen fördern.

" ,Die Entwicklung ist zu einem Großteil gesellschaftlich bedingt´, sagt Firlei. Ein Bündel von Faktoren wirke zusammen: Höchste Ansprüche und ständige Überforderung in der Arbeitswelt, ein brüchiges Familiennetz, Einsamkeit [...], eine zunehmend brutaler agierende Gesellschaft´."

Ausgrenzung und Stigmatisierung psychisch kranker Menschen und deren Angehöriger werden nur schlagwortartig und plakativ aufgezeigt.

" ,Es ist ein Skandal, wie unsere Gesellschaft mit psychisch kranken Menschen und deren Angehörigen umgeht.´" "Sie[psychisch kranke Menschen] haben nicht nur mit ihrer Erkrankung zu kämpfen, sondern werden dazu noch immer stigmatisiert."

Rollenklischees: Rollenklischees kommen im Text nur wenig zum Tragen, da sich nur ein sehr begrenzter Textteil auf von psychischer Krankheit betroffene Menschen bezieht. Das Beispiel des jungen Mannes, der mit 13 erkrankt war, zeichnet ein deutliches Bild des bedauernswerten behinderten bzw. psychisch kranken Menschen.

"Der Sohn von Rudolf Niedersüß, stellv. Vorsitzender von AHA [Angehörige helfen Angehörigen], war 13 Jahre alt, als ,er merkte, dass er Dinge nicht mehr tun kann, die er gern tun möchte und Stimmen hört´. Bis zur Matura habe sich der Bub durch Kliniken und Therapien geschleppt, unterstützt von schweren Medikamenten. Das Studium schaffte er nicht mehr. Im Februar dieses Jahres nahm sich der Bursch mit 23 Jahren das Leben."

Kategorie 4: Diskriminierung

Diskriminierende Formulierungen: Die Substantivierung im Vereinsnamen "HPE" (Verein für Angehörige psychisch Erkrankter) kann als diskriminierend empfunden werden, da dadurch die Erkrankung vor den Menschen gestellt wird.

Diskriminierende Aussagen: Der Text enthält keine diskriminierenden Aussagen.

Kategorie 5: Realitätsnähe

Reduzierung auf Behinderung: Die knappe subjektbezogene Darstellung psychischer Krankheit reduziert die betroffene Person auf die psychische Erkrankung und damit verbundene Schwierigkeiten, sie fokussiert ausschließlich negative Elemente der Erkrankung.

Kritische Standpunkte: Prof. Firlei, der im Text mehrmals zitiert wird, kritisiert gesellschaftliche Entwicklungen, die psychische Erkrankungen begünstigen .

" ,Die Entwicklung ist zum Großteil gesellschaftlich bedingt´, sagt Firlei. ... Höchste Ansprüche und ständige Überforderung in der Arbeitswelt, ein brüchiges Familiennetz, Einsamkeit, Lebenswünsche, die sich nicht mehr erfüllen können, und ,eine zunehmend brutaler agierende Gesellschaft´. Menschen brauchen auch Weichheit, Stabilität und gute Beziehungen. Immer weniger oft bekommen sie das."

Auch der Umgang mit psychisch kranken Menschen und deren Angehörigen wird kritisiert.

" ,Es ist ein Skandal, wie unsere Gesellschaft mit psychisch kranken Menschen und deren Angehörigen umgeht.´"

"Sie[psychisch kranke Menschen] haben nicht nur mit ihrer Erkrankung zu kämpfen, sondern werden dazu noch immer stigmatisiert." "Wer psychisch krank ist, wird nicht nur ausgegrenzt, er hat oft genug einen Leidensweg vor oder hinter sich ..."

Perspektivische Vielfalt: Der Bericht enthält Standpunkte der Selbsthilfevereine AHA (Verein Angehörige helfen Angehörigen) und HPE (Verein Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) sowie eines Wissenschaftlers. Wobei die Darstellungen des Wissenschaftlers Klaus Firlei den Löwenanteil des Textes ausmachen. Die Selbsthilfevereine treten vornehmlich als Veranstalter der Fachtagung in Erscheinung.

"Heute Freitag soll die von AHA und HPE organisierte Fachtagung im Bildungshaus St. Virgil ein Baustein sein für ,selbstbewussten Umgang mit psychischen Erkrankungen´, sagen Sigrid Steffen, Vorsitzende von AHA und Erwin Ladinser, Geschäftsführer HPE."

Ergänzende Anmerkungen: Die Schlagzeile "Psychisch krank und ausgegrenzt" und die Einleitung "Wie geht die Gesellschaft mit psychisch kranken Menschen um, wie mit deren Angehörigen? Eine Tagung soll Licht darauf werfen." lassen vermuten, dass sich der Text mit Ausgrenzung und Stigmatisierung psychisch kranker Menschen beschäftig. Das bleibt der Text jedoch schuldig. Stattdessen werden gesellschaftliche Entwicklungen und Persönlichkeitsfaktoren benannt, die psychische Erkrankungen begünstigen. Die Standpunkte der Vertreter der Selbsthilfevereine kommen zu kurz.

7.6 Zusammenfassung und Interpretation der Untersuchungsergebnisse

Allgemeine Angaben

Im Untersuchungszeitraum 1. bis 15.4.2005 sind in den VN 6 Berichte (1-6), in "Die Presse" 3 Berichte (7-9) und in den SN 5 Berichte (10 -14) zum Thema Behinderung erschienen. Im Lokalteil sind erwartungsgemäß die meisten Texte zu Behinderung und behinderten Menschen erschienen, nämlich fünf (2, 5, 6, 11, 12,). Der Rubrik "Tech&Science" bzw.

"Gesund" oder "Wissenschaft" entstammen vier Berichte (4, 7, 8, 14), drei Artikel erschien in den Rubriken "Chronik", "Menschen, Fakten, Termine" bzw. "Feuilleton" (10, 1, 13), je ein Bericht in der Rubrik "Meinung" (9) und "Aus aller Welt" (3). Nicht vertreten sind die großen Rubriken Politik und Wirtschaft, die für behinderungsspezifische Themen offensichtlich schwerer zugänglich sind.

Themen

Acht Berichte sind der Themenkategorie "Psycho-Soziales" (1,2,5,6,8,10,12,14) zuzuordnen. Auf die Themenkategorien "Medizin" (4,7), "Ethik" (3,9) und "Sport" (11,13) entfallen je zwei Berichte. Dabei fällt auf, dass die Berichterstattung zum Thema Behinderung in "Die Presse" stark medizinisch bzw. wissenschaftlich geprägt ist, denn auch die Berichte 8 und 9, die zwar der Themenkategorie "Ethik" bzw. "Psycho-Soziales" zugeordnet wurden, sind stark von der medizinischen Sichtweise auf Behinderung geprägt. Die VN richten den Fokus verstärkt auf psycho-soziale Aspekte von Behinderung. Nur zwei der sechs Artikel wurden einer anderen Themenkategorie ("Medizin" und "Ethik") zugeordnet, wobei der stärker medizinisch geprägte Text (4), auch viele psycho-soziale Elemente enthält und der Text aus der Kategorie "Ethik" (3) ist mehr ein Sensationsbericht und bietet kaum Hintergrundinformation zum ethischen Grundthema "Sterbehilfe". In den SN dominieren ebenso die Berichte aus der Themenkategorie "Psycho-Soziales", aber auch Sportberichte sind hier stark vertreten. Daran zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen den regionalen Tageszeitungen VN und SN und der überregionalen Tageszeitung "Die Presse" hinsichtlich des Blicks auf das Thema Behinderung und behinderte Menschen. Auch Christian Mürner stellt bei der Berichterstattung zu behinderungsspezifischen Themen eine Verschiebung von medizinischen zu psychosozialen Inhalten fest. Ergänzend kann hier aufgrund der vorliegenden Untersuchungsergebnisse angefügt werden, dass dies stärker für regionale Tageszeitungen zutrifft. Der Blick auf die dargestellten Behinderungsarten zeigt, dass Behinderung in den Berichterstattungen der Tageszeitungen gemäß der Beeinträchtigung der Körperfunktionen (vgl. ICF 2004) stark differenziert bzw. hierarchisch geordnet wird. Mit Abstand am häufigsten (7, 8, 10, 11, 12, 13) werden Personen mit Körperbehinderungen dargestellt. Sehbehinderung (2) und Gehörlosigkeit (6) stehen je einmal im Zentrum der Berichterstattung. In jeweils zwei Artikeln geht es um geistige Behinderung (1, 5) bzw. um psychische Krankheit (4, 14). Ein Bericht (3) widmet sich einer Wachkoma-Patientin und in einem Artikel wird keine Differenzierung zur Art der Behinderung vorgenommen. Die transportierten Themen zu Behinderung und behinderten Menschen sind vielfältig, was aber noch nicht bedeutet, dass auch der Blick auf Behinderung und behinderte Menschen facettenreich ist. Viel mehr deutet die Hierarchisierung der Arten von Behinderung auf eine Hervorhebung der biologischen Ebene sowie auf den Einfluss vorgefasster Meinungen, habitualisierter Bilder und gesellschaftlicher Zuschreibungen (Ziemen 2003, Schönwiese 2003, Niedecken 1998) hin, was auf eine negative Bewertung von Behinderung schließen lässt (vgl. Ziemen 2004)

Rollenbilder

Bereits in der Untersuchung von Soll, Charlton und Lucius-Hoene (1999) zur Berichterstattung über chronische Krankheit und Behinderung in deutschen Print- und TV-Medien wird deutlich, dass die Darstellung von Einzelschicksalen zunehmende Tendenz aufweist. Auch Christian Mürner (2003) vertritt die Meinung, dass die Presseberichte zum Thema Behinderung in neuerer Zeit individueller werden. Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass sich Presseberichte eher selten insgesamt auf ein Einzelschicksal beziehen. Gängige Praxis ist jedoch, dass Geschichten von Einzelpersonen passend zum Thema in Berichte eingebaut werden, ein Thema wird sozusagen daran aufgehängt, im Fachjargon wird dann von einem "Aufhänger" gesprochen. Das hat einmal den Effekt, dass die Darstellung lebendiger wird und dem Leser wird - bei entsprechender Platzierung - der Einstieg in den Bericht erleichtert, er bleibt daran hängen. Galtung und Ruge formulieren dazu in ihrer Auflistung der Nachrichtenfaktoren: "Je stärker ein Ereignis personalisiert ist, sich im Handeln oder Schicksal von Personen darstellt, desto eher wird es zur Nachricht" (Galtung/Ruge 1965, 65 und Schulz 2003, 357). Analog könnte der Satz mit Blick auf das Publikum wie folgt adaptiert werden: ... desto eher wird die Nachricht gelesen. Angesichts der soziologischen Trennung von Behinderung und behinderten Menschen geht Cloerkes (2001) davon aus, dass die Reaktionen auf behinderte Menschen für gewöhnlich positiver Ausfallen als jene auf Behinderung. Gehen wir mit Bourdieu, Prokop, Mürner u.a.m. davon aus, dass Medien ihr Publikum nicht erschrecken bzw. verunsichern wollen, liegt darin wohl ein weiterer Grund für die zunehmende Individualisierung der Presseberichte zum Thema Behinderung.

In vier Artikeln (3, 10, 11, 13) dominiert ein Einzelschicksal, zwei davon sind Sportberichte, die beiden anderen weisen jeweils einen hohen Grad an Emotionalität auf. Acht Artikel (1, 2, 4, 5, 6, 7, 12, 14) beziehen sich mehr oder weniger ausführlich auf eine betroffene Person oder auch mehrere Personen. In vier der genannten Berichte (1, 2, 5, 6) dominiert die subjektbezogene Darstellung klar. Lediglich zwei Artikel (8, 9) verzichten auf die Bindung des Themas an eine Person. Im einen Fall liegt die Begründung in der Knappheit und dem Inhalt des Textes, es handelt sich um die Ankündigung einer Veranstaltung, im anderen Fall ist die Koppelung an ein Individuum aus thematischen Gründen (Präimplantationsdiagnostik) eher schwierig. Im Vergleich der drei Tageszeitungen fällt auf, dass die Berichterstattungen in den VN und den SN stärker subjektbezogen sind als jene in "Die Presse". In allen drei analysierten Berichten aus "Die Presse" steht die objektbezogene Darstellung im Vordergrund. Bei der Darstellung der geistig behinderten Personen fällt auf, dass verhältnismäßig "leistungsfähige" Personen ausgewählt wurden, nämlich jene, die als Model (1) auftreten bzw. als Werkstattsprecher Interessen der anderen vertreten (5). Dasselbe gilt aber auch für die Personen mit einer Körperbehinderung, da treten etwa ein erfolgreicher Sportler (11, 13), ein gehbehinderter Universitätsprofessor (12) eine aktive Rollstuhlfahrerin, die nach Rom zum Papst reist und Hunde ausbildet (10) und Kinder mit einer genetischen Erkrankung, die große Pläne haben und auf Heilung hoffen (7), auf. Auch im Bereich der psychischen Erkrankungen wird die Geschichte eines an Schizophrenie erkrankten Mannes, der seine Krankheit gut im Griff hat, in den Bericht eingebaut (4). Die Wachkoma-Patientin, der beim Sterben geholfen wird, der psychisch kranke Jugendliche, der sich das Leben nimmt, sind Ausnahmen im Kanon der einseitig positiven Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen. Gegen positive Darstellungen ist zwar so weit nichts einzuwenden, sie stellen hier aber in Summe kein realistisches Abbild der Lebenssituation behinderter Menschen dar und wirken somit beschönigend. Ähnlich wie bei der Hierarchisierung der Behinderungsarten gemäß der zugrunde liegenden Beeinträchtigung von Körperfunktionen werden im Zuge der an konkrete Personen gebundenen Darstellungen vorgefasste Meinungen in Form starrer Rollenklischees mit entsprechenden gesellschaftlichen Zuweisungen transportiert. Medien spiegeln und festigen somit starre Rollenbilder und Vorurteile.

Bevorzugt - in fünf Berichten (5, 10, 11, 12, 13) - werden behinderte Menschen in der Rolle der "Elite" dargestellt, jene die leistungsfähig sind, kompetent, mündig und selbstbestimmt auftreten. Nur in einem dieser Berichte (5) ist die zentrale Person geistig behindert. Auffällig ist, dass vier dieser fünf Berichte in den Salzburger Nachrichten erschienen sind. Das Klischee des "gefährlichen behinderten Menschen" wurde im Untersuchungsmaterial nicht angetroffen. Aus dem Textmaterial der qualitativen Analyse ist jedoch ersichtlich, das dieses klischeehafte Bild noch nicht gänzlich aus den Medienberichterstattungen verschwunden ist. Hauptsächlich kommt es in Zusammenhang mit Verbrechensmeldungen und Tätern, denen eine psychische Krankheit attestiert bzw. zugeschrieben wird, zur Anwendung. Auf die "Elite" folgt die Darstellung der behinderten Hauptdarsteller in der Rolle der "bedauernswerten behinderten Menschen" (3, 7, 8, 14). In zwei Artikeln werden die behinderten Menschen zwar auch als bedauernswert dargestellt, jedoch mit dem Zusatz, dass sie wohlversorgt, gut betreut und unterstützt sind. Das längst veraltete Klischee der "allzeit fröhlichen behinderten Menschen" wird in zwei Berichten strapaziert. Bericht Nummer neun stellt keinen Bezug zu konkreten Personen her und transportiert auch kein gängiges Rollenklischee behinderter Menschen. Die Dominanz der leistungsbezogenen Darstellung gegenüber der Darstellung der bedauernswerten behinderten Menschen kann zwar positiv bewertet werden, weil weniger defektorientiert, vermittelt aber kein realistisches Bild der Gruppe der behinderten Menschen und stellt nur einen Aspekt der jeweiligen Person und ihres Lebens dar. Ein Übermaß an medialen Darstellungen leistungsfähiger behinderter Menschen wirkt zudem verletzend auf jene, die weniger leistungsfähig sind. Vor allem aber entspricht diese Darstellungsweise nicht den diesbezüglichen Wünschen behinderter Menschen. Sandfort (1982) fordert die Medien in seinem Medien-Manifest auf, weniger "Elite-Krüppel" darzustellen und stattdessen eben auch jene behinderten Menschen zu zeigen, denen die Möglichkeiten zu außerordentlichen Leistungen fehlen. Die Untersuchung zeigt, dass diese Forderung offensichtlich wenig Gehör gefunden hat. Alltägliches, nicht Besonderes hat es vorwiegend aus medienökologischen Gründen schwer, im Nachrichtenselektionsprozess zu bestehen. Inhaltlich nahe beieinander liegen die Klischees des "bedauernswerten behinderten Menschen" und des "bedauernswerten aber wohlversorgten behinderten Menschen". Sie eignen sich hervorragend, behinderte Menschen mit Mitleid zu begegnen, sie zu stigmatisieren und auszugrenzen. Behinderte Menschen vordergründig als bedauernswert darzustellen, kommt einer Leidensprojektion (Schönwiese 2003, Niedecken 1998) gleich, ist diskriminierend, verletzend und integrationsfeindlich (Kagelmann/Zimmermann 1982). Dahinter steht die Angst vor dem Fremden, dem Unbekannten. Die Vermittlung des Bildes der bedauernswerten behinderten Menschen bietet somit eine Plattform kollektiver Angstabwehr und unterstützt gesellschaftliche Unterdrückungsstrukturen (vgl. Niedecken 1998). Sandfort (1982) fordert diesbezüglich in seinem Medien-Manifest, "keine Artikel mehr zu bringen, die zur Erbauung Frustrierter herhalten müssen". Aus der Sicht der Medien gelingt es mittels derartiger Klischeebilder, Behinderung zu thematisieren, ohne die Leser zu verunsichern, ihre vorgefassten Meinungen zu erschüttern bzw. sich diesbezüglich aufdrängende Probleme ins Bewusstsein zu rufen, was jedoch Voraussetzung für Verhaltensänderungen in Bezug auf behinderte Menschen wäre. Besonders der Aspekt des Wohlversorgtseins der behinderten Menschen erteilt dem Leser sozusagen eine Absolution. Sein persönliches Engagement wird angesichts der Vielfalt an Hilfestellungen nicht mehr benötigt. Sandfort fordert dazu, dass nicht nur berichtet werden soll, was alles für behinderte Menschen getan wird, auch Schattenseiten sollen aufgezeigt werden. In die gleiche Kerbe schlägt das Rollenklischee des "allzeit fröhlichen behinderten Menschen", das vorwiegend bei Menschen mit geistiger Behinderung zur Anwendung kommt. Es wird vermittelt, dass geistig behinderte Menschen Probleme offensichtlich nicht als solche wahrnehmen. Außerdem wird der Anschein erweckt, dass sie ungeachtet ihrer Lebensumstände glücklich sind. Also bedarf es aus der Sicht des Lesers kaum einer Veränderung.

Diskriminierung

Diskriminierende Formulierungen kommen zwar in vielen Berichten (2, 3, 4, 5, 6, 10, 12) vor, dort allerdings nur vereinzelt. In den meisten Fällen handelt es sich in um Substantivierungen wie "Behinderte", "Hörgeschädigte" usw. oder Teile der Namen von Institutionen bzw. Interessensvertretungen. Nicht selten sind diskriminierende Formulierungen Bestandteil von Zitaten befragter Personen. Wobei es in diesen Fällen im Verantwortungsbereich des Journalisten liegt, die Gesprächspartner so zu lenken, dass sprachliche Diskriminierungen vermieden werden können. Diskriminierend wirkende Formulierungen ergeben sich da und dort auch aus veralteten, hauptsächlich medizinischen Begriffen, wie z. b. "Hirnschaden".

Diskriminierende Aussagen treten nicht so plakativ wie die Formulierungen in Erscheinung, sind deswegen aber keineswegs weniger problematisch einzuschätzen, da sie mehr als die meisten begrifflichen Verletzungen in der Lage sind, Vorurteile und Klischees auf subtile Weise zu transportieren und somit zu stärken. Lediglich die Berichte 5, 11, 13 und 14 kommen ohne diskriminierende Aussagen aus. Es entsteht der Eindruck, dass sich die Journalisten der diskriminierenden Wirkung bestimmter Aussagen und Formulierungen nicht bewusst sind. Ob sich durch das Diskriminierungsverbot behinderter Menschen in Presseberichterstattungen, das im März 2005 im deutschen Pressekodex verankert wurde, etwas ändern wird, wird sich erst zeigen müssen.

Realitätsnähe

Behinderte Menschen in der medialen Darstellung auf ihre Behinderung zu reduzieren ist einerseits diskriminierend und verletzend, weil dabei nur ein, meist defektorientiert betrachteter und mit vorgefassten Meinungen behafteter Aspekt der Person dargestellt wird. Aus demselben Grund ist eine derart reduzierte und einseitige Darstellungsweise fern der Realität. Von den untersuchten Berichten wurden die betroffenen Personen oder die behinderten Menschen als Gruppe in neun Berichten (2, 3, 4, 5, 6, 7, 10, 12, 14) deutlich auf ihre Behinderung reduziert dargestellt. Behinderte Menschen fordern von den Medien seit Jahren, in ihren Berichterstattungen darauf Rücksicht zu nehmen und ein umfassenderes, realitätsnäheres Bild der behinderten Menschen zu zeichnen. In der Medienberichterstattung steht jedoch aus medienökonomischen Gründen in der Regel das Besondere, nicht Alltägliche im Vordergrund. Die Behinderung eines Menschen verkörpert in dieser Hinsicht das Besondere, nicht Alltägliche und wird deshalb häufig fokussiert. Kritische Standpunkte sind in den meisten Berichten zu finden, wenn auch vielfach in bescheidenem Ausmaß. Angemerkt werden muss an dieser Stelle, dass nicht jede Art der Berichterstattung und nicht jedes Thema Raum für Kritik bietet oder diese notwendig erscheinen lässt. Hier müsste angefügt werden, dass auch schon bei der Themenselektion die Weichen für eine kritische Bearbeitung gestellt werden. In drei Berichten (5, 11, 13) waren keinerlei kritische Standpunkte zu finden. Fünf Artikel (1, 4, 6, 7, 10) beinhalten nur wenig Kritik. Sechs Berichterstattungen (2, 3, 8, 9, 12, 14) enthalten einige kritische Standpunkte. Die Berichte 12 und 14 üben insgesamt Kritik an einer bestehenden Situation.

In drei Berichten (5, 7, 10) wurden kritische Standpunkte direkt oder indirekt von behinderten Menschen selbst eingebracht. In den untersuchten Texten hat sich gezeigt, dass vielfach auf perspektivische Vielfalt der Darstellungen geachtet wurde. In nur drei Artikeln (1, 8, 11) war nur der journalistische Blickwinkel gegeben. Zumindest zwei Perspektiven wurden in vier Artikeln (7, 9, 10, 13) einbezogen. Immerhin sieben Texte (2, 3, 4, 5, 6, 12, 14) zeichnen sich durch perspektivische Vielfalt aus. Der Gastkommentar "Wollen wir Kinder nach Gen-Maß" ist insgesamt eine Gegenreaktion auf einen vorangegangenen Gastkommentar. Ansonsten enthält keiner der Berichte eine Gegenposition. Konträre Positionen werden also innerhalb der Berichterstattungen nicht thematisiert. Als Folge der zunehmenden Individualisierung der Presseberichterstattung zu Behinderung ist zu vermerken, dass in immerhin sechs Berichten (4, 5, 7, 10, 12, 13) behinderte Menschen direkt oder indirekt selbst zu Wort kommen. Mit Hilfe perspektivischer Vielfalt und der Einbringung kritischer Standpunkte wird vielfach der Anschein realitätsnaher Berichterstattung erweckt. Das Fehlen von Gegenpositionen in den Berichterstattungen zu Behinderung, die klischeehafte und auf die jeweilige Behinderung reduzierte Darstellung der behinderten Menschen, die nur in bescheidenem Ausmaß vertretene Problematisierung diverser Problemlagen behinderter Menschen und die Aussparung des Alltäglichen, wenig Besonderen widersprechen einer realitätsnahen Darstellung von Behinderung und behinderten Menschen.

Krankheit oder Behinderung

Ergänzend bietet sich an, die legitime aber nicht immer eindeutige Unterscheidung zwischen Krankheit und Behinderung (vgl. Mürner 2003) kurz zu diskutieren, in vier Berichterstattungen (4, 7, 8, 14) wird der Begriff Krankheit verwendet. Die Berichte 4 und 14 beziehen sich auf psychische Erkrankungen. Liegt die Beeinträchtigung der Körperfunktion bzw. Struktur im Bereich der Psyche, wird allgemein von Krankheit gesprochen, der Behinderungsaspekt wird bei psychischen Krankheiten zumindest sprachlich äußerst selten mitberücksichtigt. Gemeinsam ist den beiden Begriffen "Krankheit" und "Behinderung", dass sie den beschriebenen Zustand meistens als negativ bewerten (vgl. Meyer 2004). Münrer (2003, 168) weist darauf hin, dass beispielsweise den Bezugsgruppen von Behinderung und psychischer Krankheit "vor allem auf affektiver Ebene verschiedenartige Charaktereigenschaften ... zugeschrieben" werden. Die Berichte 7 und 8 beziehen sich auf eine unheilbare Hautkrankheit genetischen Ursprungs, die je nach Schweregrad und Verlauf ein hohes Maß an Unterstützung im Bereich der Teilhabe notwenig macht. Obwohl das Gesundheitsproblem in vielen Fällen zu Veränderungen im Bereich der Körperfunktionen führt, wird auch hier der Behinderungsaspekt weitgehend ausgeklammert. Gründe dafür können sein, dass hier der medizinische Blick auf das Gesundheitsproblem stärker fokussiert wird, da eine mögliche Heilung nicht gänzlich ausgeschlossen wird. Der medizinische Blick beinhaltet aber vielfach immer noch eine stärker defektorientierte, denn eine ganzheitliche, die Kompetenzen stärkende Sichtweise des Menschen, der in erster Linie reparaturbedürftig erscheint. Milani-Comparetti (1987) unterscheidet in dieser Hinsicht eine Medizin der Krankheit, die defektorientiert agiert und eine Medizin der Gesundheit, die die Fähigkeiten und Kompetenzen stärker im Blick hat. Cloerkes greift aus soziologischer Sicht mit Bezug auf Talcott Parsons (1958) und Eliot Freidson (1966, 1970) die Unterscheidung der Krankenrolle und der Behindertenrolle auf. In Form der sozialen Rollen nehmen Menschen eine soziale Position, die die Rollenträger an bestimmte Ansprüche der Gesellschaft binden, ein. Merkmale der Krankenrolle sind nach Parsons: Befreiung von normalen Rollenverpflichtungen, das Individuum wird nicht für seinen Zustand verantwortlich gemacht, das Individuum soll seinen Zustand überwinden und ist hilfsbedürftig. Das Konzept der Krankenrolle ist jedoch nicht durchgängig anzuwenden und wird deshalb häufig kritisiert. Träger der Behindertenrolle werden nach Freidson und Cloerkes (2001) offiziell nicht für seinen Zustand verantwortlich gemacht. "Ihre Situation ist jedoch gekennzeichnet durch einen elementaren Widerspruch zwischen offizieller Entlastung von ihrer Abweichung von der Norm einerseits und tatsächlicher Diskriminierung mit Zuweisung einer besonderen, abweichenden Rolle andererseits" (Cloerkes 2001, 132). Freidson bezeichnet dies als Stigmatisierung. Behinderte Menschen werden zwar auch von einigen Verpflichtungen entbunden, bekommen aber im Unterschied zu kranken Menschen neue Verpflichtungen auferlegt und erhalten weniger neue Privilegien (vgl. Cloerkes 2001).



[6] Die Nettoreichweite gibt an, wie viel Prozent der Bevölkerung im Erscheinungsintervall Kontakt mit einem Werbträger hatten (vgl.VZÖ/Österreichisches Pressehandbuch 2005).

[7] Die "Neue Vorarlberger Tageszeitung" ist ebenso ein Produkt des Vorarlberger Medienhauses wie die "Vorarlberger Nachrichten".

[8] Die Berichterstattungen aus der Themenkategorie "Ethik" beziehen sich vorwiegend auf die Wachkomapatientin Terri Schiavo. Daraus kann abgeleitet werden, dass die Berichterstattungen zu Terri Schiavo die Frequenz ethischer Themenscherpunkte in Zusammenhang mit Behinderung und behinderten Menschen im Untersuchungszeitraum, vor allem in den VN markant in die Höhe getrieben haben.

8 Resümee und Ausblick

Gemäß Elisabeth Noelle Neumanns (1989) Theorie zur Bildung öffentlicher Meinung und damit zusammenhängend der Theorie der Schweigespirale haben Medien die Macht Themen ins Gespräch zu bringen und zu gewichten, Medien werden somit als wichtiges bedeutungsgebendes Textsystem (Weber 1999) betrachtet und wirken steuernd und regulierend und somit konstruktiv auf die öffentliche Meinung. Behinderung und behinderte Menschen werden, wie die Untersuchung zeigt, in der Tagespresse in einem für mich überraschend hohen Ausmaß regelmäßig thematisiert. Die Untersuchung zeigt bezüglich des Vergleichs regionaler und überregionaler Tageszeitungen, dass redaktionelle Konzeptionen, die natürlich auch medienökonomische Gegebenheiten und die jeweiligen Publikumsinteressen mitberücksichtigen, insgesamt die Themenselektion und -gewichtung (Textumfang) zu Behinderung und behinderten Menschen stärker beeinflussen, als allein die regionale oder überregionale Ausrichtung einer Tageszeitung. Die Orientierung an Publikumsinteressen scheint hier eine tragende Rolle zu spielen, wenn beispielsweise Themenkategorien und Textumfang in den "Vorarlberger Nachrichte" und "Die Presse" gegenübergestellt werden. Die Vorarlberger Nachrichten haben ein breites Publikumsspektrum, dem sie gerecht zu werden versuchen. Berichterstattungen sind vorwiegend von geringem bis mittlerem Umfang. Die Themenkategorien Politik, Recht, Medizin und Ethik (abgesehen von den Berichterstattungen um Terri Schiavo) werden wesentlich seltener bedacht als dies in "Die Presse" der Fall ist, die sich hauptsächlich auf ein gut gebildetes, eher konservatives Publikumssegment mit hohem Einkommen bezieht. Ausführliche, anspruchsvolle Berichterstattungen mit teils sehr komplexen Inhalten werden in "Die Presse" des öfteren auch aus wissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Die Salzburger Nachrichten mit Hauptverbreitungsgebiet Salzburg-Stadt ist bezüglich Themenwahl und Ausführlichkeit der Berichterstattungen zwischen diesen beiden stark differierenden Positionen angesiedelt. Bezüglich der sozialen Konstruktion von Behinderung in den Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen in den untersuchten Tageszeitungen zeigt sich, dass in den behinderungsspezifischen Berichterstattungen behinderte Menschen gegenüber der Behinderung zwar stärker hervorgehoben werden, die behinderten Menschen allerdings hauptsächlich in Zusammenhang mit ihrer Behinderung als klassifizierbares Wesensmerkmal in Erscheinung treten. Damit ist gemeint, dass behinderte Menschen gegenwärtig zwar häufig in die Berichterstattungen eingebunden werden, die Behinderung als das besondere Darstellungselement aber nach wie vor im Vordergrund steht. Dadurch werden behinderte Menschen häufig auf ihre Behinderung reduziert und damit sozusagen durch die Hintertür diskriminiert und instrumentalisiert. Daraus lässt sich ableiten, dass behinderte Menschen für die Presse - in diesem Fall die Tagespresse - meist nur ihrer Behinderung wegen zum "Darstellungsobjekt" werden und deshalb als ganzheitlich betrachtetes Subjekt in den Hintergrund gedrängt werden. Gemeinsam mit den klischeehaften Rollenbilder, die in den untersuchten Presseberichten vornehmlich transportiert werden, wird die "Institution Behinderung" (Niedecken 1998, Schönwiese 2003, Ziemen 2003) in der Gesellschaft mehrfach gefestigt, denn ein diesbezüglicher Perspektivenwechsel herbeigeführt. Die untersuchten Darstellungen zu Behinderung und behinderten Menschen in der Tagespresse transportieren im Habitus verankerte Phantasmen und Stigmatisierungen in Form vorgefasster Meinungen und tragen so wiederum zur Verfestigung diesbezüglicher Fremd- und Feindbilder bei. Die Kategorien Angst, Distanzierung und Verdrängung werden gegenwärtig allerdings vielfach nicht oberflächlich, sondern weit versteckter, im Mantel scheinbar positiver, integrationsfreundlicher Berichterstattungen transportiert. In den Presseberichten werden häufig Bilder zu Behinderung verbreitet, die vielfach vorgefasste Meinungen des Publikums bestätigen. Durch die gesellschaftliche Verankerung von Phantasmen werden soziale Konstruktionen von Behinderung innerhalb von Mediensystemen bzw. Zeitungsredaktionen aber ebenso beeinflusst wie individuelle Konstruktionen. Denn Medien sind wichtige Spiegelungsinstanzen gesellschaftlicher Verhältnisse. Sie wirken also sozusagen zweifach. Zu bedenken bleibt jedoch, dass Pressetexte nur eine wirklichkeitsbildende Instanz (vgl. Schmidt 1994, Weber 1999) darstellen, und vorhandenes Wissen gemäß des dynamisch-transaktionalen Wirkungsmodells nach Früh (1992) und Schönbach (1992) durch neu hinzukommendes aufgefrischt, bestätigt oder modifiziert wird. Nach Schmidt (1994) sind individuelle Wirklichkeitskonstruktionen Resultate dynamischer Prozesse, in denen Individuen Zusammenhänge mit äußeren und inneren Erfahrungen herstellen. Ebenso entscheidend wirkt sich demnach aus, welche Bilder zu Behinderung und behinderten Menschen Leser bereits haben, dieses Vorwissen wirkt sich vor allem auch im Bereich der selektiven Zuwendung zu Pressetexten aus. Unbestritten ist jedoch nach Weber (1999) die bedeutungsproduzierende Wirkung des Journalismus. Als Spiegelungsinstanzen gesellschaftlicher Verhältnisse sind Medien unter anderem auch an der Konstruktion von Identität beteiligt. Behinderte Menschen werden durch die in den Presseberichterstattungen transportierten starren, vereinfachenden und verallgemeinernden Rollenbilder in eine "Behindertenrolle" gedrängt und somit zum Zielobjekt pauschaler gesellschaftlicher Zuweisungen. Welchen Einfluss spezifische Beiträge in Massenmedien auf Meinungen, Einstellungen und verinnerlichte Bilder zu Behinderung und behinderten Menschen haben, wäre in diesem Zusammenhang eine zentrale weiterführende Fragestellung. Die Einbeziehung diesbezüglichen Vorwissens bzw. eventuelles Vorhandensein vorgefasster Meinungen zu Behinderung beim Publikum hielte ich dabei für entscheidend. Den Grund für derart klischeehafte Darstellungen zu Behinderung und behinderten Menschen sehe ich einmal in der weitgehenden Wettbewerbsbestimmtheit medialer Systeme und fehlender Bewusstseinsbildung bei Journalisten. Veränderungen ließen sich diesbezüglich durch gezielte Aus- und Fortbildungsangebote für Journalisten und die Einbindung behinderter Menschen bzw. behinderter Journalisten bewirken. Als wichtig erachte ich zudem eine Abkehr von instrumentalisierenden Darstellungen von Behinderung und behinderten Menschen unter dem Aspekt des Besonderen zugunsten von umfassenden Darstellungen, die das Subjekt bzw. den thematischen Schwerpunkt vor die Behinderung stellen. Da dies medienökonomischen Gegebenheiten der Tageszeitungen auf dem stark konkurrierenden Zeitungsmarkt weitgehend widerspricht, wird dies wohl auch in Zukunft vermutlich ein wichtiger Auftrag der so genannten "Gegenpresse" bleiben. Durch die Verankerung fester Plätze für behinderungsspezifische Berichterstattungen oder - um "Verbesonderung" zu vermeiden - soziale Themen betreffende Berichterstattungen innerhalb der Tageszeitungen könnte dem Druck des Besonderen, nicht Alltäglichen, zumindest teilweise ausgewichen werden. Gegenwärtig entsteht der Eindruck als versuchten die Tageszeitungen behinderten Menschen durch Quantität statt Qualität der Berichterstattungen zu Behinderung und behinderten Menschen gerecht zu werden. Weniger könnte so gesehen unter Umständen auch mehr sein.

Hinsichtlich der bedeutungsgebenden Wirkung in Bezug auf öffentliche Meinung wäre es wichtig, Themen aufzugreifen, die behinderte Menschen bzw. emanzipatorisch gesinnte Fachleute als wichtig erachten. Dies erfordert jedoch Journalisten, die mit der Thematik rund um Behinderung gut vertraut sind.

Bezüglich der Methodenwahl bleibt abschließend festzustellen, dass sich die Inhaltsanalyse für derartige Untersuchungen vorwiegend aufgrund der Fülle des Textmaterials gut eignet. Da sich die vorliegende Untersuchung auf einen eher bescheidenen Ausschnitt an Untersuchungsmaterial beschränkt hat, wären auch andere Untersuchungsmethoden wie beispielsweise die "Grounded Theory" erfolgsversprechend gewesen. Als Schwierigkeit bei der inhaltsanalytischen Vorgehensweise erwies sich die gedankliche Einschränkung, die sich durch die im Vorfeld der Untersuchung festgelegten Kategorien ergab. Um diesem Problem entgegenzuwirken, habe ich im Anschluss an die Analyse der jeweiligen Texte den Zusatz "Ergänzende Anmerkungen" angefügt.

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Ziemen, Kerstin: Integrative Pädagogik und Didaktik. Shaker Verlag, Aachen 2003.

Ziemen, Kerstin : Laufendes Forschungsprojekt "Behinderung und Gesellschaft" 2004 (Unveröffentlichte Projektunterlagen).

Untersuchte Printmedien

"Die Presse" Ausgaben vom 1.2.2005 bis 30.4.2005

"Salzburger Nachrichten" Ausgaben vom 1.2.2005 bis 30.4.2005

"Vorarlberger Nachrichten" Ausgaben vom 1.2.2005 bis 30.4.2005

10 Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Wechselwirkungen zwischen den Komponenten der ICF 43

Abbildung 2 Frequenz der Berichterstattungen zu Behinderung 77

Abbildung 3 Verteilung der Berichterstattungen zu Behinderung auf die verschiedenen Themenkategorien 77

Abbildung 4 Textumfang der Berichterstattungen zu Behinderung im Vergleich 78

11 Anhang

11.1 Daten zur Analyse der Darstellungen zu Behinderung und behinderten Menschen nach quantitativen Kriterien

Themenkategorien: Psycho-Soziales (PS), Medizin (M), Recht (R), Sport (S), Ethik (E), Verbrechen/Gewalt (V), Politik (P)

VN:

(1)

3.2.2005

"Premiere beim Opernball" geringer Textumfang (ca. 462 Anschläge) Integration (PS)

(2)

3.2.1005

Staatsskimeisterin in Ski-Alpin" (Beilage "Heimat Bludenz"), geringer Textumfang (ca. 740 Anschläge) Sport (S)

(3)

5./6.2.2005

"Würde so gern Danke sagen" großer Textumfang (ca. 2200 Anschläge), Portrait - Dankbarkeit (PS)

(4)

7.2.2005

"Ein Leben miteinander" mittlerer Textumfang (1100 Anschläge), Jubiläum - Institution (PS)

(5)

8.2.2005

"Festival für Gehörlose" geringer Textumfang (ca. 200 Anschläge), Veranstaltung - Ankündigung (PS)

(6)

10.2.1005

"Caritas ist gelebte Liebe", (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 1500 Anschläge), Jubiläum - Institution (PS)

(7)

10.2.2005

"Special-Olympics-Fackellauf" (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 1100 Anschläge), Sport - Sponsorensuche - Special-Olympics (S)

(8)

10.2.2005

"Sport erweckt die Lebensfreude in mir", (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 820 Anschläge), Portrait-Sport (S)

(9)

10.2.2005

"Gleichbehandlung fällt schwer", mittlerer Textumfang (ca. 1000 Anschläge), Behindertengleichstellungsgesetz (R)

(10)

14.2.2005

"Gebärdensprache" geringer Textumfang (ca. 200 Anschläge), Anerkennung der Gebärdensprache (PS)

(11)

17.2.2005

"Wir sind gut vorbereitet" (Beilage "Heimat Bludenz"), großer Textumfang (ca. 2400 Anschläge), Sport - Special-Olympics (S)

(12)

17.2.2005

"Größte Sportveranstaltung", (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 1600 Anschläge) + ergänzender Artikel "Unterstützung" mit geringem Textumfang, + Fact-Box "Info", + 5 Sportlerporträts, Sport - Special-Olympics (S)

(13)

24.2.2005

"Arbeitsassistenz und Clearing", (Beilage "Heimat Bludenz"),

geringer Textumfang (ca. 700 Anschläge), berufliche Integration (PS)

(14)

25.2.2005

"Sozialgeld für Türken macht Sorge" Titelblatt, mittlerer Textumfang (ca. 850 Anschläge), Recht - Pflegegeld (R)

(15)

25.2.2005

"Sozialgeld auch für Türken", großer Textumfang (ca. 2100 Anschläge), Recht - Pflegegeld (R)

(16)

26./27.2.2005

"Tor zur Welt der Sehenden", mittlerer Textumfang (ca. 1900 Anschläge), verbesserte Lebensbedingungen - Gratiszugang zur elektronischen Zeitung (PS)

(17)

7.3.2005

"Umdenken in jeder Beziehung", mittlerer Textumfang (ca. 1900 Anschläge, Umbenennung - Einrichtung (PS)

(18)

8.3.2005

"Jasmin ,ist gar nicht behindert´", großer Textumfang (ca. 2100 Anschläge), Integration - Portrait - Down-Syndrom (PS)

(19)

10.3.2005

" ,Erwartungen mehr als erfüllt´", mittlerer Textumfang (ca. 1250 Anschläge), Sport - Special-Olympics (S)

(20)

10.3.2005

"In jedem steckt ein Sieger" (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 1100 Anschläge), Sport - Special-Olympics (S)

(21)

17.3.2005

"Osteraustellung" (Beilage "Heimat Bludenz"), geringer Textumfang (ca. 250 Anschläge), Institution - Verkaufsaustellung (PS)

(22)

17.3.2005

"Facettenreiche Schule" (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 1100 Anschläge), Schule - HPZ (PS)

(23)

17.3.2005

"Osterhasen" (Beilage "Heimat Bludenz"), geringer Textumfang (ca. 300 Anschläge), Institution - Verkaufsausstand (PS)

(24)

22.3.2005

" ,Ohne meine Tochter wäre auch ich hilflos´", großer Textumfang (ca. 2000 Anschläge), Portrait einer Mutter-Tochter-Beziehung (PS)

(25)

22.3.2005

"Empfang", geringer Textumfang (ca. 400 Anschläge), Sport - Special-Olympics (S)

(26)

22.3.2005

"Terri Schiavo bleibt am Leben", mittlerer Textumfang (ca. 1500 Anschläge), Wert des Lebens - Sterbehilfe (E)

(27)

24.3.2005

"Besuch des japanischen Hofes" (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 1200 Anschläge), Special-Olympics - Promi-Treffen (S)

(28)

24.3.2005

"Special-Olympics im Wettkampf-Stress" (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 800 Anschläge), Sport (S)

(29)

24.3.2005

"Schiavo ,zum Tod verurteilt´", mittlerer Textumfang (ca. 1600Anschläge) Wert des Lebens - Sterbehilfe (E)

(30)

25.3.2005

"Den Kampf verloren", geringer Textumfang (ca. 600 Anschläge), Wert des Lebens - Sterbehilfe (E)

(31)

26./27.3.2005

"Behindertengleichstellung", geringer Textumfang (ca. 160 Anschläge), Behindertengleichstellung - Kritik (R)

(32)

26./27.3.2005

" ,Ein Stein im Brett´", geringer Textumfang (ca. 370 Anschläge), Institution - Spendenaufruf (PS)

(33)

26./27.3.2005

"Tod von Schiavo endgültig besiegelt", geringer Textumfang (ca. 750 Anschläge), Wert des Lebens - Sterbehilfe (E)

(34)

31.3.2005

"Als Leihgabe" (Beilage "Heimat Bludenz"), geringer Textumfang (ca. 370 Anschläge), Ereignis - behinderte Menschen als Künstler (PS)

(35)

31.3.2005

"Von Siegern und Zweiten" (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 1300 Anschläge), Sport (S)

(36)

1.4.2005

"Internet auch für Sehbehinderte", großer Textumfang (ca. 2260 Anschläge), verbesserte Lebensbedingungen (PS)

(37)

1.4.2005

"Terri Schiavo ist gestorben", mittlerer Textumfang (ca. 1480 Anschläge) + Fact-Box zum "Leidensweg von Terri Schiavo", Wert des Lebens - Sterbehilfe (E)

(38)

7.4.2005

"Modeschau in Nüziders" (Beilage "Heimat Bludenz"), geringer Textumfang (ca. 530 Anschläge), Projekt - Integration (PS)

(39)

9./10.4.2005

"Wahnidee und Wirklichkeit", großer Textumfang (ca. 2860 Anschläge) psychische Krankheit (M)

(40)

12.4.2005

"Behinderte Menschen reden mit", großer Textumfang (ca. 2310 Anschläge), Selbstbestimmung (PS)

(41)

14.4.2005

Berufliche Integration geglückt", mittlerer Textumfang (ca. 1380 Anschläge), berufliche Integration (PS)

(42)

21.4.2005

" ,Wir lieben das Leben´" (Beilage "Heimat Bludenz"), mittlerer Textumfang (ca. 1100 Anschläge), Ereignis - Ausstellung (PS)

(43)

21.4.2005

"Erfolgreiche Olympics" (Beilage "Heimat Bludenz"), geringer Textumfang (ca. 330 Anschläge), Sport - Special-Olympics (S)

(44)

22.4.2005

" ,Sicher ein Vorzeigeprojekt´", mittlerer Textumfang (ca. 1500 Anschläge), Institution - Projekt - berufliche Integration (PS)

(45)

26.4.2005

"Vom Hals abwärts gelähmt", großer Textumfang (ca. 3300 Anschläge), Portrait (PS)

(46)

26.4.2005

" ,Ich lebe ein ganz normales Leben´", großer Textumfang (ca. 3000 Anschläge), Portrait (PS)

(47)

27.4.2005

"Behindertes Baby erstickt", geringer Textumfang (ca. 330 Anschläge), Verbrechen (V)

(48)

28.4.2005

"Nacht des Lebens", geringer Textumfang (ca. 200 Anschläge), Institution - Ereignis (PS)

(49)

28.4.2005

"Integration", Titelbild (Beilage "Heimat Bludenz), geringer Textumfang (ca. 60 Anschläge), Projekt - berufliche Integration (PS)

(50)

28.4.2005

"Nacht des Lebens", Titelblatt (Beilage "Heimat Bludenz), geringer Textumfang (ca. 500 Anschläge), Ereignis (PS)

(51)

28.4.2005

"Chance zur Integration", (Beilage "Heimat Bludenz), mittlerer Textumfang (ca. 1200 Anschläge), Projekt - berufliche Integration (PS)

(52)

29.4.2005

"Für sechs Jahre", geringer Textumfang (ca. 150 Anschläge), Verbrechen (V)

Die Presse:

(1)

1.2.2005

"Linguistik: ,Wendy Mark küsst", großer Textumfang (ca. 4100 Anschläge), Besonderheit - Gebärdensprache der Al-Sayyd-Beduinen (PS)

(2)

2.2.2005

"Arbeitsmarkt: Verzweifelte Suche nach loyalen Mitarbeitern verhilft Behinderten zu Jobs", großer Textumfang (ca. 2900 Anschläge), berufliche Integration (PS)

(3)

3.2.2005

"Meinung: Geheime Daten", mittlerer Textumfang (ca. 1950 Anschläge), psychiatrische Patienten - Datenschutz (R)

(4)

5.2.2005

"Interview: Vorstoß gegen Sozialmissbrauch", großer Textumfang (ca. 3000 Anschläge), Politik - Pflegegeld - Behinderten-Gleichstellung (P)

(5)

10.2.2005

"Interview: ,Jetzt sind wir völlig rechtlos´", großer Textumfang (ca.2300 Anschläge), Ein Betroffener nimmt Stellung zum Behinderten-Gleichstellungsgesetz (PS)

(6)

10.2.2005

"Zu wenig Jobangebote", großer Textumfang (ca. 3300 Anschläge), berufliche Integration (PS)

(7)

10.2.2005

"Neustart für Blindenwerkstatt: Die Angst des Blinden vorm sehenden Kollegen", großer Textumfang (ca. 3100 Anschläge),berufliche Integration (PS)

(8)

11.2.2005

"Interview:,Behinderte sind normale Menschen´", mittlerer Textumfang (ca. 1750 Anschläge), berufliche Integration (PS)

(9)

18.2.2005

"Seltene Krankheit: Ein Schlaganfall im Bauch der Mutter", großer Textumfang (ca. 4400 Anschläge), Medizin - seltene Krankheit (M)

(10)

21.2.2005

"Kriminalität: Bubenmord erschüttert Bayern", großer Textumfang (ca. 2400 Anschläge), Verbrechen - psychische Krankheit (V)

(11)

21.2.2005

"Fremdenführer: Gerüstet für das Mozartjahr", großer Textumfang (ca. 3100 Anschläge), Imagewerbung - Gratisführungen für behinderte Menschen (PS)

(12)

24.2.2005

"Gleichstellung: Durchbruch für Behinderte?", geringer Textumfang (ca. 650 Anschläge), Behinderten-Gleichstellungsgesetz (R)

(13)

24.2.2005

" Zweifel an Studie: Pisa-Forscher wehrt sich gegen Kritiker", mittlerer Textumfang (ca. 1700 Anschläge), Schule - Pisa (PS)

(14)

5.3.2005

"Behindertengleichstellung: Zehnjährige Frist für Barrierefreiheit", großer Textumfang (ca. Anschläge), Behinderten-Gleichstellungsgesetz (R)

(15)

7.3.2005

"Menschen mit Behinderung: Club gegen die Psycho-Barriere", großer Textumfang (ca. 2600 Anschläge), Projekt - soziale Integration - Freizeit (PS)

(16)

7.3.2005

"EU-Recht: OGH: Land muss Pflegegeld auch an Türken zahlen", großer Textumfang (ca. 2900 Anschläge), Recht - Pflegegeld (R)

(17)

7.3.2005

"Molekularbiologie: Vorsicht beim Chromosomenschneiden!", großer Textumfang (ca. 3400 Anschläge), Molekularbiologie (M)

(18)

9.3.2005

"Ministerratsbeschluss: Behinderte mit neuem Gesetz unzufrieden", großer Textumfang (ca. 2600 Anschläge), Behinderten-Gleichstellungsgesetz (R)

(19)

9.3.2005

"Meinung: Lebendiger Zeuge", mittlerer Textumfang (ca. 1400 Anschläge), Portrait - Sport (S)

(20)

12.3.2005

"Euthanasie: Ein Film löst Debatten aus", großer Textumfang (ca. 4000 Anschläge), Euthanasie (E)

(21)

25.3.2005

"Wenn Gesunde über Kranke entscheiden", großer Textumfang (ca.10.000 Anschläge), Wert des Lebens - Sterbehilfe (E)

(22)

26.3.2005

"Der genetische Tod", großer Textumfang (ca. 4700 Anschläge), pränatale Diagnostik (E)

(23)

31.3.2005

"US-Koma-Patientin Terri Schiavo gestorben", mittlerer Textumfang (ca. 1200 Anschläge), Wert des Lebens - Sterbehilfe (E)

(24)

4.4.2005

"Verletzlich wie ein Schmetterling", großer Textumfang (ca. 4800 Anschläge), unheilbare Hautkrankheit (M)

(25)

4.4.2005

"Debra-Austria: Errichtung eines Spezialzentrums", mittlerer Textumfang (ca. 1350 Anschläge), unheilbare Hautkrankheit - Selbsthilfegruppe (PS)

(26)

6.4.2005

"Wollen wir Kinder nach Gen-Maß?", großer Textumfang (ca. 2250 Anschläge), pränatale Diagnostik (E)

(27)

23.4.2005

"Gugging: Schnee von morgen", großer Textumfang (ca. 20.000 Anschläge), Kunst - Psychiatrie (PS)

(28)

23.4.2005

"Psychiatrie-Leicht: Leben am Bauernhof", großer Textumfang (ca. 2000 Anschläge), psychiatrische Familienpflege (PS)

(29)

26.4.2005

"Atomkatastrophe: ,Plötzlich wurde der Himmel dunkel´", großer Textumfang (ca. 4800 Anschläge), Tschernobyl - Menschen mit körperlichen Folgen (PS)

(30)

28.4.2005

"Wiener Linien: Behinderter misshandelt", großer Textumfang (ca. 3200 Anschläge), Verbrechen (V)

Salzburger Nachrichten

(1)

1.2.2005

"Spenden für das Augenlicht", mittlerer Textumfang (ca. 900 Anschläge), Spende für Augenklinik (PS)

(2)

3.2.2005

"Aus für ,optimale´ Schule", mittlerer Textumfang (ca. 1900 Anschläge), schulische Integration (PS)

(3)

3.2.2005

"Langlaufen im Zentrum", großer Textumfang (ca. 2300 Anschläge), Sport (S)

(4)

3.2.2005

"Schlag", geringer Textumfang (ca. 700 Anschläge), Sport (S)

(5)

3.2.2005

"Sampl ist in Form", mittlerer Textumfang (ca. 1900 Anschläge), Sport - Portrait (S)

(6)

3.2.2005

"Spende von Skischule für Lebenshilfe", geringer Textumfang (ca. 600 Anschläge), Spende (PS)

(7)

3.2.2005

"Unkener hilft in Sri Lanka", mittlerer Textumfang (ca. 1700 Anschläge), Hilfsaktion - Spendenaufruf (PS)

(8)

5.2.2005

"460.000 leben in Armut", großer Textumfang (ca. 2500 Anschläge), Lebensqualität (PS)

(9)

5.2.2005

"Kirchen gegen Schließung", geringer Textumfang (ca. 500 Anschläge), schulische Integration (PS)

(10)

7.2.2005

"Tagesspiegel -Gleichstellung", geringer Textumfang (ca. 800 Anschläge), Behindertengleichstellungs-Gesetz (R)

(11)

8.2.2005

"Blind durch Genmutation", großer Textumfang (ca. 3600 Anschläge), Medizin (M)

(12)

10.2.2005

"Zivildienst: Blaulicht in Not", großer Textumfang (ca. 3200 Anschläge), Lebensqualität - Betreuungsqualität (PS)

(13)

10.2.2005

"Schlagabtausch um Schüler-Integration", geringer Textumfang (ca. 750 Anschläge), schulische Integration (PS)

(14)

17.2.2005

"Halbe-Halbe bei Sozialkosten", großer Textumfang (ca. 2100 Anschläge), Politik - Sozialkosten (P)

(15)

17.2.2005

"Nachlässige Pflege einer Patientin: Geldstrafe", geringer Textumfang (ca. 400 Anschläge), Recht (R)

(16)

17.2.2005

"Exekution droht", großer Textumfang (ca. 2000 Anschläge), Recht - Todesstrafe (R)

(17)

17.2.2005

"Integration in den Salzburger Schulen", mittlerer Textumfang (ca. 1400 Anschläge), schulische Integration (PS)

(18)

17.2.2005

"Grüne: ,Das Land spart bei den Schwächsten´", mittlerer Textumfang (ca. 1700 Anschläge), schulische Integration (PS)

(19)

18.2.2005

"Zurück in die Sonderschulen", mittlerer Textumfang (ca. 1100 Anschläge), schulische Integration (PS)

(20)

18.2.2005

"Bedauerlicherweise", mittlerer Textumfang (ca. 950 Anschläge), Politik - Anzahl behinderter Menschen (P)

(21)

18.2.2005

"Wundergarten der Sinne", großer Textumfang (ca. 3200 Anschläge), soziale Integration (PS)

(22)

19.2.2005

"Die Ursachen der Armut", großer Textumfang (ca. 2800 Anschläge), Lebensqualität - Armut (PS)

(23)

23.2.2005

"Psychisch krank in Haft: Alarmierender Bericht", geringer Textumfang (ca. 700 Anschläge), psychische Krankheit- Lebensqualität

(24)

24.2.2005

"Neues SPZ für Radstadt", großer Textumfang (ca. 2400 Anschläge), Schule - SPZ

(25)

25.2.2005

"Integration kippt", mittlerer Textumfang (ca. 1700 Anschläge), schulische Integration

(26)

26.2.2005

"Geistig behinderte Frauen missbraucht", mittlerer Textumfang (ca. 1400 Anschläge), Recht - sexueller Missbrauch

(27)

26.2.2005

"Der Standpunkt: Justitias Elend zwischen Mittelalter und Hochtechnologie", großer Textumfang (ca. 3300 Anschläge), psychische Krankheit - Lebensqualität (PS)

(28)

26..2.2005

" ,Lasse mich nicht bremsen´", großer Textumfang (ca. 4000 Anschläge), Sport - Portrait (S)

(29)

3.3.2005

" ,TOM´ für SPZ Radstadt", mittlerer Textumfang (ca. 1600 Anschläge), Spende für SPZ (PS)

(30)

4.3.2005

"Ansturm auf die Invaliditätspension", großer Textumfang (ca. 3200 Anschläge), Politik - Invaliditätspension (P)

(31)

5.3.2005

"Angehörige mehr unterstützen", großer Textumfang (ca. 2800 Anschläge), Angehörige psychisch kranker Menschen (PS)

(32)

5.3.2005

"Lebensnahe Forschung" , großer Textumfang(ca. 2400 Anschläge), wissenschaftliche Forschung (PS)

(33)

9.3.2005

"Neues Gesetz für Behinderte", geringer Textumfang (ca. 600 Anschläge), Behinderten-Gleichstellungsgesetz (R)

(34)

10.3.2005

"Maiers Wille als Vorbild", mittlerer Textumfang (ca. 1900 Anschläge), Sport - Portrait (S)

(35)

11.3.2005

"Mit Pauken und Trompeten",mittlerer Textumfang (ca. 1600Anschläge), Sport - Special-Olympics (S)

(36)

11.3.2005

"Zahlen für Bilder ohne Ton", großer Textumfang (ca. 3200 Anschläge), verbesserte Lebensbedingungen - Recht (R)

(37)

12.3.2005

"Geierspichler beginnt mit Halbmarathon", mittlerer Textumfang(ca. 1100 Anschläge), Sport (S)

(38)

16.3.2005

"Fatale Spätabtreibung", mittlerer Textumfang ca1000 Anschläge), pränatale Diagnostik (E)

(39)

17.3.2005

"Auftakt nach Maß", mittlerer Textumfang (ca. 1000 Anschläge), Sport (S)

(40)

17.3.2005

" ,Rettet das Kind´ bis 2008 abgesichert", mittlerer Textumfang(ca. 1000 Anschläge), berufliche Integration (PS)

(41)

17.3.2005

" ,Das war ein toller Bewerb´", mittlerer Textumfang (ca. 1600 Anschläge), Sport (S)

(42)

19.3.2005

"Barrierefreies Wohnen", großer Textumfang(ca. 2500 Anschläge), verbesserte Lebensbedingungen (PS)

(43)

21.3.2005

"Sozialleistungen in Salzburg neu geregelt", großer Textumfang(ca. 3200 Anschläge), Sozialleistungen (P)

(44)

24.3.2005

"Rasterfahndung im Mutterleib, doch auch Behinderte leben gern", großer Textumfang (ca. 9600 Anschläge), Behinderung - pränatale Diagnostik - Euthanasie (E)

(45)

24.3.2005

" ,Blaue Hunde Kuchen´", geringer Textumfang (ca. 500 Anschläge), Ereignis (PS)

(46)

24.3.2005

"Reagieren wie bei Gesunden", großer Textumfang (ca. 5800 Anschläge), psychisch kranke Menschen (PS)

(47)

25.3.2005

" Wie Kohlkopf zu Kohl wird", großer Textumfang (ca.3200 Anschläge), verbesserte Lebensbedingungen -Gebärdensprache (PS)

(48)

25.3.2005

"Ich bin wieder in das Leben zurückgekehrt", großer Textumfang(ca. 4000 Anschläge), Wachkoma - Portrait (E)

(49)

7.4.2005

"Tränen beim letzten Treffen", großer Textumfang (ca. 3200 Anschläge), besonderes Ereignis (PS)

(50)

8.4.2005

"Geierspichler will in Varese nachlegen", geringer Textumfang (ca. 600 Anschläge), Sport (S)

(51)

14.4.2005

"Parkplätze für Behinderte verstellt", großer Textumfang (ca. 3200 Anschläge), Alltagsbewältigung (PS)

(52)

14.4.2005

"Zweiter Saisonsieg", mittlerer Textumfang(ca. 1600 Anschläge), Sport (S)

(53)

15.4.2005

"Psychisch krank und ausgegrenzt", großer Textumfang (ca. 2600 Anschläge), psychisch kranke Menschen - Stigmatisierung (PS)

(54)

16.4.2005

"Musik", mittlerer Textumfang (ca. 1600 Anschläge), Kultur - Projekt (PS)

(55)

18.4.2005

"Gelähmter kämpft um Geld", großer Textumfang (ca. 3300 Anschläge), Einzelschicksal - Lebensqualität - Recht (R)

(56)

19.4.2005

"Prozess um Misshandlung", mittlerer Textumfang, (ca. 1300 Anschläge), Recht (R)

(57)

21.4.2005

"Reini auf Podest", mittlerer Textumfang (ca. 1400 Anschläge), Sport (S)

(58)

22.4.2005

" ,Die unsichtbare Galerie´", mittlerer Textumfang (ca. 1800 Anschläge), Kultur - Projekt (PS)

(59)

28.4.2005

"Malen mit Behinderten statt Vorstrafe", großer Textumfang (ca. 3600 Anschläge), Recht - Sozialarbeit (R)

(60)

28.4.2005

"Akzeptierter Gemeindebürger", mittlerer Textumfang (ca.1900 Anschläge), Institution - Jubiläum (PS)

(61)

28.4.2005

"gleich anders : anders gleich", mittlerer Textumfang (ca. 1600 Anschläge), Kultur - Projekt (PS)

(62)

28.4.2005

"Behinderter gedemütigt", geringer Textumfang (ca. 550 Anschläge), Gewalt (V)

11.2 Untersuchungsmaterial - Presseberichte zu behinderungsspezifischen Themen aus den Tageszeitungen "Vorarlberger Nachrichten", "Salzburger Nachrichten" und "Die Presse" im Zeitraum 1. April 2005 bis 15. April 2005

Zeitung: Vorarlberger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 1.4.2005 (1)

Internet auch für Sehbehinderte

Behörden und Ämter müssen ihre Websites behindertenfreundlich gestalten.

Bregenz (VN-gt) "Alle User sollen den gleichen Zugang zum Netz haben", schreibt eine EU-Richtlinie vor. Und "niemand darf auf Grund seiner Behinderung benachteiligt werden", steht im Artikel 7 der österreichischen Bundesverfassung. Deshalb müssen alle Behörden und Ämter bis spätestens 2008 ihre Websites neu gestalten.

Barrierefrei Websites

Die Internet-Auftritte müssen barrierefrei sein, das heißt, die Homepage muss so gestaltet sein, dass auch Personen, die zum Beispiel sehschwach oder blind sind, motorische Probleme oder auch nur einen älteren Browser haben, die Informationen problemlos beziehen können.

"Eine gute Sache", sagt Manfred Schuler, Obmann des Vorarlberger Blindenbundes. "Immer noch gibt es viele Seiten, die blinde Menschen trotz bester technischer Ausrüstung nur sehr schwer oder gar nicht bedienen können", sagt seine Mitarbeiterin Silvia Habisch. "Sehr ärgerlich ist etwa das elektronische Telefonbuch. Anfangs gab es keine Probleme damit. Seit es aber umgestellt wurde, ist es äußerst beschwerlich, sich eine Nummer herauszusuchen."

Die elektronische Ausgabe der "VN" gehört zu jenen Websites, die auch für Blinde gut bedienbar sind. S

Auf ältere User, Sehbehinderte oder Leute, die sich nicht immer das neueste Betriebssystem kaufen wollen, nehmen Webdesigner meist keine Rücksicht. Dabei könnte man die größten Probleme mit ein paar Handgriffen lösen.

Vorbildlich

Vorbildlich handelten in dieser Beziehung die Webdesigner des Landes Vorarlberg. "Im Vorjahr war das Jahr der Behinderten", erklärt Uwe Leissing, "unser Beitrag dazu war, die Website des Landes schon jetzt barrierefrei zu gestalten." Ende 2003 haben Leissing und seine Kollegen von der Informatik-Abteilung um gerüstet. Leissing: "Von einem blinden Mitarbeiter holten wir uns noch Anregungen." Mit Screenreadern, die Texte in Blindenschrift umwandeln, können Blinde nun bequem Formulare herunterladen und ausfüllen. Der Normal-User merkt keinen Unterschied.

Der Zeit voraus ist auch das Jugend-Info-Zentrum "aha".

Die Website www.aha.or.at erfüllt sogar die höchste von drei möglichen Konformitätsstufe.

Weitere Informationen zum Thema "barrierefreie Websites" gibt es im Internet unter http://www.web-barrierefrei.at

http://vntipps.vol.at

Leitlinien zur Gestaltung von barrierefreien Websites. Was Computertechniker tun können, um Websites benutzerfreundlicher zu gestalten. Info-Broschüre (16 Seiten) zum Download im pdf-Format 1288 KB).

Barrierefrei

  • Informationen, die im Internet bereitgestellt werden, sollten für alle Nutzer zugänglich sein. Das schließt Menschen mit Behinderungen genauso ein wie Internetnutzer, die ältere Browser, Plattformen oder Betriebssysteme haben.

  • Internetseiten, die den unter schiedlichen Anforderungen aller Nutzergruppen gerecht werden, bezeichnet man deshalb als barrierefrei.

Zeitung: Vorarlberger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 1.4.2005 (2)

Terri Schiavo ist gestorben

  • Schicksal der 41-Jährigen hatte weltweit Anteilnahme ausgelöst.

Terri Schiavo vor der Herzattacke, die 1990 ihr Leben und das ihrer Familie grundlegend verändern sollte.

Pinellas Park (AP) Nach 15 Jahren im Wachkoma und 13 Tagen ohne Nahrung ist die Amerikanerin Terri Schiavogestern gestorben.

Der Streit über die Einstellung der künstlichen Ernährung der 41-Jährigen setzte sich über ihren Tod hinaus fort: Vertreter ihrer Eltern und der Vatikan warfen Schiavos Ehemann Michael, der die Entfernung der Magensonde erwirkt hatte, Mord vor. Ein Bruder von Michael Schiavo erklärte dagegen, seine Schwägerin sei nun bei Gott, "und sie geht mit Anmut".

Für den Vatikan erklärte Kardinal Renato Martino:"Wenn man jemandem Nahrung und Wasser vorenthält, was ist das? Nichts anderes als Mord." Er spreche für Papst Johannes Paul II., der den Fall verfolgt habe. Zugleich verwies Martino darauf, dass auch der Papst derzeit mit einer Sonde in seiner Nase ernährt werde. Der Vergleich liege nahe: "Alle werden ihr Bestes tun, ihn am Leben zu halten und ihn so zu ernähren, wie es möglich ist."

Auch US-Präsident George W Bush, der sich Anfang vergangener Woche bereits mit der Unterzeichnung eines Sondergesetzes in den Fall eingeschaltet hatte, kritisierte den Abbruch der künstlichen Ernährung.

Obduktion angeordnet

Schiavos Leiche soll obduziert werden, um endgültige Gewissheit über das Ausmaß des Hirnschadens zu erlangen, den sie 1990 bei einem Herzstillstand erlitten hatte.Nach der Obduktion plant Michael Schiavo eine Feuerbestattung. Schiavos Schicksal hatte in den USA eine emotionale Debatte über den Wert des Lebens und das Recht auf Sterbehilfe ausgelöst.

Große Trauer herrschte bei den Demonstranten. (Foto: EPA)

Der Leidensweg von Terri Schiavo

25.2.1990

Terri Schiavo (26) erleidet auf Grund einer Stoffwechselstörung einen Herzstillstand und fällt ins Wachkoma

11. 2. 2000

Bezirksrichter Greer erlaubt die Einstellung der künstlichen Ernährung

24. 4. 2001

Die künstliche Ernährung wird eingestellt, aber per Gerichtsbeschluss zwei Tage später wieder aufgenommen

22. 11.2002

Nach einem Urteil von Richter Greer darf der Nahrungsschlauch erneut entfernt werden.

15.10.2003

Terris künstliche Ernährung wird zum zweiten Mal eingestellt

21.10.2003

Der Kongress in Florida erlässt das Gesetz "Lex Terri". Damit kann Gouverneur Jeb Bush die Wiederaufnahme der Nahrungszufuhr anordnen. Nach sechseinhalb Tagen wird die Ernährung wieder aufgenommen.

23.9.2004

Der Oberste Gerichtshof erklärt " Terri" für verfassungswidrig

25.2.2005

Richter Greer erlaubt erneut den Stopp der künstlichen Ernahrung.

18.3.2005

Der Nahrungsschlauch der inzwischen 41-Jährigen wird entfernt.

21.3.2005

Im Eilverfahren verabschiedet der Kongress ein Gesetz, das den Eltern das Recht einräumt, auch Bundesgerichte einzuschalten. Präsident George W. Bush kommt eigens aus Texas nach Washington zurück, um das Gesetz zu unterschreiben

22.3. 2005

Ein Bundesrichter lehnt die Wiederaufnahme von Schiavos künstlicher Ernährung ab. Die Eltern gehen in Berufung

23.3. 2005

Das Bundesberufungsgericht in Atlanta (Georgia) bestätigt die Entscheidung des niedrigeren Gerichts. Die Behörden beantragen das Sorgerecht für Terri Schiavo.

24. 3. 2005

Der Oberste Gerichtshof weigert sich, die Ernährung wieder anzuordnen. Bezirksrichter Greer lehnt es ab, Schiavo in staatliche Obhut zu geben.

25. 3. 2005

Die Eltern Schiavos ziehen erneut vor den Bundesrichter in Florida. Der weist ihren Eilantrag auf Wiederaufnahme der Ernährung wieder ab. Die Eltern ziehen vor das Bundesberufungsgericht in Atlanta

26. 3. 2005

Das Bundesberufungsgericht weist den Widerspruch der Eltern eben falls ab. Auch das oberste Gericht von Florida lehnt einen neuen Dringlichkeitsantrag ab.

Zeitung: Vorarlberger Nachrichten (Beilage "Heimat Bludenz")

Erscheinungsdatum: 7.4.2005 (3)

Mit Begeisterung und Elan auf dem Laufsteg.(Foto: em)

Modenschau in Nüziders

Nüziders (em) Im Rampenlicht standen bei einer ganz besonderen Modenschau im Sonnenbergsaal in Nüziders nicht nur die Profis, sondern auch geistig behinderte Models, die die neuesten Frühjahrs- und Sommertrends präsentierten. Sie waren mit enormem Spaß bei der Sache und meisterten ihre Aufgabe souverän. Einzig schade, dass bei der von Dorit Wilhelm moderierten Schau der große "Run" der Zuschauer ausblieb, rund 150 Besucher konnten dennoch begrüßt werden. Das Hauptziel, einen Beitrag zur Integration zu leisten, wurde aber auf alle Fälle erreicht.

http://bludenz.com

Mehr Bilder zur Modenschau.

Moderatorin Dorit Wilhelm, Günter Lampert mit Gattin Juliane (r.).

Zeitung: Vorarlberger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 9./10.4.2005 (4)

Wahnidee und Wirklichkeit

  • Schizophrenie ist so häufig wie Diabetes: etwa jeder Hundertste erkrankt daran.

Schizophrenie ist eine Krankheit, die heutzutage gut behandelt werden kann. (Foto: PGV)

Schwarzach (VN)

Für viele ist die Krankheit eine unverstandene seelische Störung aus diesem Unwissen heraus entstehen Angst und Vorurteile. Dabei kann sie gut behandelt werden, bei rund einem Drittel

ist sogar eine fast vollkommene Heilung möglich.

Die Erscheinungsformen sind vielfältig: Schizophrenie kann leicht sein oder schwer, sie kann akut auftreten, traumatisch oder schleichend und für Außenstehende lange kaum wahrnehmbar sein. So wie bei Peter M.: Er war 18 Jahre alt, als er aus dem "Leben" fiel. Schwierige Leidensphasen sind dem Begreifen der Krankheit vorausgegangen. Konflikte mit seinen Eltern und am Arbeitsplatz, Abbruch von Freundschaften, Miss trauen seiner gesamten Umgebung gegenüber. "Ich wollte mit niemandem mehr zu tun haben. Irgendwann fühlte ich mich verfolgt, ich glaubte, je der in meinem Umfeld war an einem Komplott gegen mich beteiligt", blickt er zurück.

"Man sollte psychisch kranke Menschen nicht stigmatisieren." DR. INGRID KÜNZ FEND, PGD BREGENZ

Nicht "ein" Auslöser

Er war überzeugt, dass sei ne Umwelt seine intimsten Gedanken nicht nur lesen sondern auch beeinflussen konnte. Es kam der totale Zusammenbruch. Seine Eltern kontaktierten den Hausarzt, der die Familie schon lange kannte. Mit seiner Hilfe war es möglich, Peter M. von einem Facharztbesuch zu überzeugen. Dort bekamen seine Symptome einen Namen: Schizophrenie.

In Vorarlberg erkranken rund 3000 Menschen mindestens einmal im Leben an Schizophrenie, das ist rund ein Prozent der Bevölkerung. Meist kommt es zu einem ersten Ausbruch zwischen dem 18. und 35. Lebensjahr. "Welche Faktoren die Krankheit auslösen, ist noch nicht ganz klar", so Dr. Ingrid Künz-Fend von den Psychosozialen Gesundheitsdiensten Bregenz. "Auf jeden Fall", erklärt sie, "gibt es nicht den ‚einen' Auslöser. Es müssen mehrere Faktoren zusammenkommen." Die Hauptursache könnten Stoffwechselstörungen im Gehirn sein. Aber auch seelische Belastungen wie Prüfungen, berufliche Probleme, Trennung oder Tod eines nahe stehenden Menschen können mit auslösend sein - ebenso aber auch genetische Veranlagungen.

Zwei Drittel behandelbar

Schizophrenie lässt sich mit einer Kombination spezieller Medikamente und therapeutischer Begleitung gut behandeln. Nach Abklingen der Ersterkrankung ist der weitere Verlauf nicht einheitlich. "Bei rund einem Drittel der Erkrankten kommt es zu einer nahezu vollständigen Heilung", erklärt Künz-Fend.

Auch bei Peter M. sind die Chancen auf Genesung groß. Rund zwei Jahre nahm er Medikamente. 2001 hat er damit - unter ärztlicher Begleitung - die Einnahme abgesetzt. "Bisher hatte ich keinen einzigen Schub", freut er sich. Sein Leben hat sich im Innen und im Außen wieder geordnet. Bei einem weiteren Drittel können nach Jahren zwar wie der Schübe auftreten, die aber gut behandelbar sind Nur bei etwa 30 Prozent nimmt die Krankheit einen chronischen Verlauf - eine Dauereinnahme von Medikamenten ist dann unbedingt notwendig. Die Krankheit transparent zu machen, um mit Vorurteilen, Gerüchten und Tabuisierung aufzuräumen, das hält Künz-Fend für sehr wichtig.

Schizophrenie

Symptome: Verändertes Denken mit Wahnideen, Störung der Wahrnehmung (Halluzinationen), Angst und Unruhe, Rückzug aus sozialen Beziehungen.

Handlungsbedarf: Bei verwirrtem, merkwürdigem Denken, Sprechen und Benehmen mit zunehmender Leistungsverminderung in alltäglichen Bereichen.

Tipps für Angehörige und Freunde: Versuchen Sie möglichst gelassen und geduldig zuzuhören, die eigenen Ansichten klar zu äußern, dabei aber wenig Druck auf die/den Erkrankte(n) ausüben.

Die Notwendigkeit von fachärztlicher Behandlung und entsprechender Medikation immer wieder aufgreifen. Kontakt und Kommunikation aufrechterhalten, auch in schwierigen Phasen.

Zeitung: Vorarlberger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 12.4. 2005 (5)

Behinderte Menschen reden mit

  • Bei der Vorarlberger Lebenshilfe gibt es jetzt auch Werkstattsprecher.

MARLIES MOHR

mailto:marlies.mohr@vn.vol.at

Feldkirch (VN) Erkan Basar ist schonungslos offen. "Es gibt Betreuer, die können mit uns nicht umgehen", sagt er. Früher nahm Erkan Basar das hin. Jetzt hat der junge Rank weiler die Möglichkeit, solche Unzulänglichkeiten aufzuzeigen. Er ist einer von 18 Werkstattsprechern, die mit offiziellem Auftrag ausgestattet die Anliegen von Menschen mit Behinderungen gegenüber der Geschäftsführung der Lebenshilfe vertreten.

Probleme aufgezeigt

Seit gut einem Jahr gibt es diese Funktion. Und schon jetzt liegt eine Reihe von konkreten Verbesserungsvorschlägen auf dem Tisch. So möchten die Behinderten einen Lohnzettel, der statt dem Taschengeld einen Zahltag ausweise und auf dem auch die Urlaubstage stehen, besser ausgebildete Betreuer, "damit sie uns wirklich unterstützen können und nicht mit uns streiten", und Maßnahmen die helfen, Aggressionen bei Betreuten abzubauen. "Das kostet mit der Zeit nämlich viel Nerven", erzählt Erkan Basar, der sechs Jahre in der Fachwerkstätte in Tosters arbeitete und jetzt im Geschäft "Lebensart" in Feldkirch tätig ist.

In der Chefetage der Lebenshilfe wurden bereits entsprechende Schritte gesetzt. Menschen mit Behinderung bekommen in Zukunft monatlich ein Informationsschreiben, auf welchem die Berechnung ihres Zahltages sowie ihr Urlaubsanspruch leicht verständlich dargestellt sind. Das Anforderungsprofil für Betreuer wird bei Neubesetzungen und Stellenbeschreibungen berücksichtigt und spezielle Fortbildungsangebote für Mitarbeiter und Menschen mit Behinderung sollen eine bessere Konfliktregelung sichern.

Selbstbewusstsein

Erkan Basar ist zufrieden. "Man wird als Mitarbeiter ernst genommen", freut er sich. Aber auch persönlich hat ihm die Funktion des Werkstattsprechers viel gebracht. "Ich bin selbständiger geworden", sagt der 27Jährige. Jetzt getraut er sich sogar, mit dem Zug von Feldkirch nach Bregenz zu fahren und unbefangen vor Leuten zu reden. Erkan lächelt und spricht von einem "großen Schritt".

Gut vorbereitet

Die Wahl der Werkstattbetreuer erfolgte mit allem Drum und Dran. Wahllisten und Wahlkommission inklusive. "Auch diese Arbeit ist ein bisschen wie Politik", schmunzelt Erkan Basar. In Schulungen wurden die Werkstattsprecher auf ihre Aufgabe vorbereitet. Neuwahlen gibt es alle zwei Jahre. Vorher wird die Geschäftsführung aber noch über die Umsetzung der Vorschläge bei einer Werkstattsprechersitzung berichten. Erkan Basar ist schon gespannt auf das Ergebnis.

Zeitung: Vorarlberger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 14.4.2005 (6)

Berufliche Integration geglückt

  • Landeszentrum für Hörgeschädigte sucht und findet Kontakt zur Wirtschaft.

Dornbirn (VN-ha) Christine Sieber ist sei einer Erkrankung in frühester Kindheit gehörlos. Keine guten Voraussetzungen also für einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Frau hat es mit Unterstützung des Landeszentrums für Hörgeschädigte und der Kooperationsbereitschaft der Firma Hirschmann doch geschafft. Und sie ist glücklich.

Seit gut einem Jahr montiert Christine Sieber auf einem eigens für sie geschaffenen Arbeitsplatz Stecker und Steckverbindungen. Damit sie sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen auch verständigen kann, haben diese im Rahmen eines speziellen Programms das Lippenlesen und Teile der Gebärdensprache erlernt. Ein Segen für die taubstumme Mitarbeiterin, denn die Kommunikationsbereitschaft war für sie die Voraussetzung für den Eintritt in die Welt der Hörenden. Für Hirschmann - Personalreferent Bertram Bohle brachte die Anstellung positive Erfahrungen. "Die Arbeit mit Behinderten macht grundsätzlich viel Freude und bringt Abwechslung. Es ist schön, die Freundlichkeit, den guten Humor und die Motivation dieser Menschen zu spüren."

30 Jahre Vermittlung

Seit 30 Jahren vermittelt die Beratungsstelle des Landeszentrums für Hörgeschädigte gehörlosen Menschen Jobs. Viel Geduld und Überzeugungsarbeit sind dabei erforderlich, weiß LZH-Mitarbeiterin Helga Rottensteiner: "Ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Integration ist die individuelle Beratung des Unternehmens"

Erfolgsbilanz

Vermittelte Personen

mit Hörschädigung:

2002 17

2003 31

2004 38

Christine Sieber an ihrem Arbeitsplatz bei Hirschmann.

Zeitung: Die Presse

Erscheinungsdatum: 4.4.2005 (7)

04.04.2005 - Tech&Science / Gesundheit

Verletzlich wie ein Schmetterling

VON CLAUDIA RICHTER

Unheilbare Hautkrankheit. Bei Epidermolysis bullosa reicht oft ein leichtes Anstoßen und schon gibt es eine Wunde - weil die Haut Betroffener enorm verletzbar ist.

Tägliches Morgenritual für die 12-jährige Nina aus Oberösterreich: Die offenen Wunden werden versorgt, neue Blasen aufgestochen. Später putzt ihr die Mutter die Zähne, sehr, sehr vorsichtig, denn sonst ist Ninas Zahnfleisch verletzt.

Die elfjährige Lena aus Wien kann fast nie ohne Verband schlafen. Ansonsten würde die Haut aufreißen, nur durch das Umdrehen im Bett. Sport kann das Mädchen kaum betreiben, da sie immer wieder Wunden und Schmerzen an den Füßen hat. Manchmal so stark, dass sie sogar der Schule fernbleiben muss, weil ihr das Gehen zu weh tut.

Nina ist gern witzig und möchte Blumenverkäuferin werden, Lena reitet gerne, sie will Volksschullehrerin werden.

Beide Mädchen leiden an der unheilbaren Hautkrankheit Epidermolysis bullosa, kurz eb. Bereits bei kleinster Belastung kommt es zu Blasen und Wunden am ganzen Körper, mitunter auch in den Augen, im Mund, im Verdauungstrakt. Die Haut Betroffener ist verletzlich wie der Flügel eines Schmetterlings, deswegen werden kleine Patienten auch Schmetterlingskinder genannt.

Die genetisch bedingte Erkrankung gibt es in verschiedenen Ausprägungen - von kaum merkbar bis extrem. Bei mittelschweren Formen etwa reicht es aus, wenn sich ein Kranker leicht am Tisch anstößt - schon ist er verletzt. Bei schwereren Erkrankungsgraden genügt oft das Wetzen einer Kleidernaht, schon entstehen Wunden.

Oder: Es gibt Patienten, die können nicht mit normaler Füllfeder schreiben - sonst würden sie ständig Blasen an den Fingern bekommen - das Schreibgerät muss mit einer speziellen Gummi-Vorrichtung versehen werden.

Mitunter sitzen Betroffene im Rollstuhl, weil sie nicht weit genug gehen können - ihre Fußsohlen halten den Druck nicht aus, die Haut würde ständig aufreißen. Immer wieder kommt es auch zu Verwachsungen von Fingern oder Zehen. Andere Leidensgenossen können weder Brot noch Äpfel oder Steaks essen - sie würden sofort Blasen im Mund bekommen. "Sie können nur breiige Nahrung zu sich nehmen oder über einen künstlichen Mageneingang ernährt werden", erklärt Univ.-Doz. Dr. Johann Bauer, Oberarzt an den Salzburger Landeskliniken und Leiter der eb-Forschung in Österreich. "Bei einigen Patienten ist das Hautkrebsrisiko erhöht und etwa zehnmal so hoch wie bei einem Gesunden." An der Krankheit leiden etwa 30.000 Europäer, darunter 500 Österreicher, die Höhe der Dunkelziffer ist unbekannt. Unbekannt ist auch die Krankheit, selbst bei vielen Ärzten. Von zahlreichen Vorkommnissen kann da die Selbsthilfegruppe debra-austria berichten. Nur ein trauriges Beispiel aus der Praxis, das sich im LKH Innsbruck ereignete: Eine Mutter brachte ihren Sohn zu einer Untersuchung und bat, man möge ihm nichts auf die Haut kleben. "Wieder so eine Spinnerte" mögen die behandelnden Ärzte gedacht haben und klebten - die Elektroden für eine EKG-Untersuchung. Als sie diese wieder entfernten, gingen riesige Hautfetzen mit.

"Das ist sehr schmerzhaft", weiß Bauer, der Epidermolysis bullosa seit Jahren erforscht. Ursache des Leidens ist das Fehlen eines Eiweißstoffes zwischen Ober- und Unterhaut. "Es gibt da zehn verschiedene Eiweißstoffe, die Ausprägung von eb hängt davon ab, welcher Stoff fehlt." Ist es Laminin, sterben die Kinder meist mit zwei, drei Jahren. "Denn da sind die Schleimhäute, besonders der Lunge, betroffen. Schon bei einer ganz geringen Entzündung löst sich die Schleimhaut ab, verstopft die Atemwege, die Kinder ersticken." Mit dieser schwersten Form kommen in Österreich pro Jahr ein bis zwei Babys auf die Welt.

Epidermolysis bullosa ist derzeit noch unheilbar, behandelt werden nur die Symptome. Was oft täglichen Verbandswechsel, tägliche Wundreinigung, künstliche Ernährung bedeutet.

Die Schwierigkeit bei einer Gentherapie: Es handelt sich bei den fehlenden Eiweißen um sehr große Moleküle, daher "ist es kaum möglich, den kompletten fehlenden Eiweißstoff in die Zelle zu bringen", sagt Bauer. Ihm und seinem Team ist dennoch ein Fortschritt gelungen: "Wir ersetzen gezielt kleine Stücke des betroffenen Moleküls, die RNA wird sozusagen direkt in der Zelle repariert." Im Labor funktioniere diese Methode bereits und zwar beim Plektin-Gen. Das Problem jedoch: Die Gefahr von Hautkrebs kann so erhöht werden. "Diese Gefahr ist letztendlich theoretisch, aber sie ist praktisch möglich."

Rückt damit die Chance auf eine Heilung in unendliche Ferne? "Nein", sagt Bauer, er glaubt daran, dass man die schwer wiegende Hautkrankheit in den Griff kriegen wird.

www. schmetterlingskinder.at

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Zeitung: Die Presse

Erscheinungsdatum: 4.4.2005 (8)

04.04.2005 - Tech&Science / Gesundheit

Debra-Austria: Errichtung eines Spezialzentrums

Im Spezial-Zentrum für Epidermolysis bullosa-Paienten soll behandelt, geforscht und ausgebildet werden. Was ist Epidermolysis bullosa? Bei Epidermolysis bullosa, kurz eb, handelt es sich um eine genetisch bedingte Hauterkrankung, bei der die Haut bei geringer mechanischer Belastung Blasen bildet oder reißt. Die Haut ist verletzlich wie der Flügel eines Schmetterlings.

Die Selbsthilfegruppe

Die Selbsthilfegruppe debra-austria wurde 1995 von Patienten, Eltern betroffener Kinder und Ärzten gegründet. Die Ziele neben Unterstützung, Information und Beratung: medizinische Versorgung, Vorantreiben der Forschungen hinsichtlich einer Heilungsmöglichkeit, Finanzierung (vor allem durch Spenden) und Errichtung des eb-Hauses. Es ist ein Spezialzentrum neben den Salzburger Landeskliniken, in dem behandelt, geforscht und ausgebildet wird. Der Spatenstich erfolgte im Oktober letzten Jahres, die Eröffnung soll im November 2005 erfolgen. Benefizabend Am 8. April findet im Hotel de France in Wien der Benefizabend "Die Operette und das Wiener Lied" statt (unter anderem mit Kammersängerin Renate Holm, Prof. Ivan Parik, Prof. Marika Sobotka, Tymur Melnik). Infos: [*] 0676/701 47 47. Informationen debra-austria, Interessensgemeinschaft Epidermolysis bullosa, Trazerberggasse 76, 1130 Wien, Obmann Dr. Rainer Riedl, [*] 01/876 4030, rainer.riedl@debra-austria.org.

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Zeitung: Die Presse

Erscheinungsdatum: 6.4.2005 (9)

06.04.2005 - Meinung / Gastkommentare

Replik: Wollen wir Kinder nach Gen-Maß?

Gastkommentar zu Markus Hengstschläger "Der genetische Tod" vom 26. März 2005.

Worüber sehr viele Menschen sehr lange diskutieren, scheint plötzlich ganz einfach: Die Präimplantationsdiagnose (PID) lasse nach einer künstlichen Befruchtung Chromosomenschäden erkennen, deshalb sei es das Beste, sie einzuführen - und damit basta.

Der Hengstschläger-Kommentar lässt viele Aspekte der PID ausgeklammert. Er schreibt nicht von den Erfahrungen in jenen Ländern, in denen die PID praktiziert wird: Dort hat sie nämlich keinesfalls zur Erfolgssteigerung der künstlichen Befruchtung geführt. Denn die PID ist ein problematisches Verfahren. Dabei werden Embryonen in großer Zahl zerstört. Es bleiben oft schlicht nicht genügend Embryonen über, die eingepflanzt werden können. Und die Ergebnisse selbst sind so unsicher, dass immer auch eine nachfolgende vorgeburtliche Untersuchung empfohlen wird.

Es geht aber auch um die Zukunft des Kinderkriegens: Wollen wir ein Verfahren etablieren, nach dem Kinder erst genetisch gecheckt werden, bevor sie auf die Welt kommen dürfen? Längst sind Vorstellungen geboren, nach denen die "genetisch besten" Embryonen gewählt werden. Die Auswahl nach dem Geschlecht ist nur einer dieser der Wünsche. Das Büro für Technikfolgenabschätzung, das für den deutschen Bundestag die PID untersuchte, empfiehlt deshalb, sie erst gar nicht zuzulassen.

Geht es also wirklich darum, nur nicht lebensfähige Embryonen auszusortieren? Die derzeit üblichen Tests erfassen immer auch Chromosomenstörungen, die sehr wohl mit dem Leben vereinbar sind. Die deutsche Genetikerin Sigrid Graumann warnt: "Bei allen Tests, die Chromosomen mit dem Ziel der Erfolgsratenverbesserung untersuchen, werden auch lebensfähige Embryonen miterfasst, die ebenfalls aussortiert werden." Wollen wir etwa ein Down-Syndrom-Screening etablieren? Die PID zwingt uns zu überlegen, wie wir mit menschlichem Leben umgehen wollen. Ist der Mensch mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle bereits so weit Mensch, dass er mit allen Mitteln geschützt werden soll? Wenn nicht: Was bedeutet das für die Idee der Annahme jedes Menschen, unabhängig von seinem Alter, von Behinderung oder anderen Kriterien?

Mag. Helene Polaczek ist

Pressesprecherin der "Aktion Leben" und

beschäftigt sich vorwiegend mit dem Thema Bioethik.

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Zeitung: Salzburger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 7.4.2005 (10)

Salzburger Nachrichten am 7. April 2005 - Bereich chronikSalzburger Nachrichten am 7. April 2005 - Bereich: chronik

Tränen beim letzten Treffen

Die Vorarlbergerin Margit Ellensohn sah den Papst am Mittwoch im Petersdom ein letztes Mal. Mehr als vierzig Mal war die Rollstuhlfahrerin Johannes Paul II. begegnet. Maria zimmermann berichtet aus Rom Margit Ellensohn hat keine Mühen gescheut, um Johannes Paul II. ein letztes Mal zu sehen. Mittwoch früh kam die Rollstuhlfahrerin aus Götzis (Vorarlberg) in Rom an. Am Abend desselben Tages sollte es wieder zurück nach Hause gehen. "Das bin ich ihm schuldig", sagt die 48-Jährige den SN im deutschsprachigen Pilgerzentrum nahe dem Petersdom. 21 Mal war Ellensohn in Rom - kein einziges Mal ist sie abgefahren, ohne Johannes Paul II. nicht mindestens ein Mal gesehen zu haben. "Insgesamt bin ich ihm sicher mehr als vierzig Mal begegnet", erzählt sie, während sie darauf wartet, dass sie mit ihrem Rollstuhl zu einem letzten Gruß in den Petersdom gebracht wird. Langsam rollt sie nun in die Nähe des aufgebahrten Papstes. Ihre Hände zittern, in ihren Augen stehen Tränen. Fest drückt sie die Hand von Don Antonio, ihrem Begleiter. Kurz darf sie sogar stehen bleiben und den Leichnam betrachten. Weiß und kalt spannt sich die Haut des toten Pontifex. In der riesigen Peterskirche wirkt sein Leichnam verschwindend klein. Ellensohn beginnt zu weinen. Der Moment der Andacht ist bald vorbei, die nächsten Pilger drängen nach. Der Papst bot ihrdas Du-Wort an Draußen in der Sonne trocknet Ellensohn ihre Tränen. "Addio, Addio, Giovanni Paolo", sagt sie. Für sie lebe er weiter. Da drinnen im Dom liege nichts als seine Hülle. "Er ist jetzt dort, wo er immer sein wollte."

Die Geschichte der ungewöhnlichen Verbindung begann im Jahr 1984. Damals begegnete Ellensohn dem Papst in der Schweiz - ein Jahr, nachdem sie durch einen Kunstfehler querschnittgelähmt worden war. Sie empfing die heilige Kommunion aus seinen Händen. "Es war irgendwie sofort eine Verbindung da", erzählt sie. Dann fuhr sie immer wieder nach Rom zu Audienzen oder Papstmessen, bei denen sie meist ganz vorne saß. "Der Papst hat mich wieder erkannt, und Schritt für Schritt hat sich diese Freundschaft entwickelt", sagt die Frau im Rollstuhl. Sie war über den polnischen Sekretär des Pontifex, Stanislaw Dziwisz, über all die Jahre in Kontakt mit dem Kirchenoberhaupt. Auch Don Antonio Tedesco vom Pilgerzentrum hat Ellensohn immer wieder in ihren Anliegen unterstützt. Mehrere Male habe sie am Rande von Veranstaltungen mit Johannes Paul II. sprechen können. "Jedes Treffen war einmalig. Er hat mich so bestärkt. Wenn er mich gesehen hat, hat er immer geschmunzelt." Schon vor vielen Jahren habe er ihr das Du-Wort angetragen, sagt Ellensohn. Fortan durfte sie ihn mit "Du, Heiliger Vater" anreden. Als sie 1991 beim Überbringen eines Vorarlberger Christbaums durch die Diözese nicht in den Vatikan mitfahren durfte - Ellensohn: "Der Rollstuhl wurde als Zumutung empfunden" - machte sie sich auf eigene Faust nach Rom auf. Bei der Privataudienz der Vorarlberger habe sie dann die ganze Solidarität von Johannes Paul II. gespürt: "Er hat mich demonstrativ zur Seite und in die Arme genommen", erinnert sie sich. Vor etwa einem Jahr stellte der Vatikan sogar eine Einladung für ihren Begleithund Jeanny aus. Jeanny ist damit der erste Hund, der in einer Audienz teilnehmen durfte. "Johannes Paul II. hat viel für Behinderte getan, auch durch seine eigenen Leidensgeschichte", betont Ellensohn, die im Berufsleben Partnerhunde für Behinderte ausbildet. Umso schwerer fiel ihr jetzt der Weg zum Petersdom, auch wenn sie nicht so wie die anderen Pilger stundenlang anstehen muss. Mitarbeiter der Hilfsorganisation UNITALSI führten Menschen mit Behinderung nämlich direkt über einen Hintereingang in den Dom. "In der ganzen Vorbereitung hat man zuletzt doch auch an die Behinderten gedacht. Jetzt aber funktioniert es gut", sagt Don Antonio Tedesco, der Ellensohn begleitete. Der engagierte Pater zeigte sich glücklich, dass dank UNITALSI Tausende Behinderte noch den verstorbenen Papst sehen konnten. Draußen auf dem Petersplatz strömen gerade die Kardinäle aus einem Sitzungssaal. Einer dieser Männer wird der nächste Papst sein. Dass ihr auch der neue Pontifex so nahe stehen wird wie Johannes Paul II., ist für Ellensohn schwer vorstellbar. "Aber sehen werde ich ihn sicher einmal."

Zeitung: Salzburger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 8.4.2005 (11)

Salzburger Nachrichten am 8. April 2005 - Bereich lokalSalzburger Nachrichten am 8. April 2005 - Bereich: lokal

Geierspichler will in Varese nachlegen

Salzburg (SN). Rennrollstuhl-Fahrer Thomas Geierspichler ist Mitte März mit einem Sieg beim Halbmarathon in Lissabon (Por) erfolgreich in die Saison gestartet. Die Zeit beim Zieleinlauf war trotz seiner langen Wettkampfpause beachtlich (53:45 Min.). Nun will der 29-jährige Salzburger, der im Vorjahr bei den Paralympics fünf Medaillen erobert hatte und sich über 1500 m zum Olympiasieger krönte, nachlegen. Geierspichler startet am Sonntag bei einem Halbmarathon in Varese (I) und hat freilich wieder einen Erfolg eingeplant. Ende April steht ein Marathon in Padua (I) auf dem Programm.

Zeitung: Salzburger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 14.4.2005 (12)

Salzburger Nachrichten am 14. April 2005 - Bereich lokalSalzburger Nachrichten am 14. April 2005 - Bereich: lokal

Parkplätze für Behinderte verstellt

Die Behindertenparkplätze sind dauernd verparkt, außerdem gibt es viel zu wenige: Ein Jurist klagt über diese Misere in der Salzburger Altstadt. SalzburG-STADT (SN-pab). Der Salzburger Universitätsprofessor Michael Gruber ist verärgert. Er hat zwar eine Parkberechtigung für Behinderte, der Behindertenparkplatz vor seinem Arbeitsplatz in der Sigmund-Haffner-Gasse ist aber meistens von Nichtberechtigten zugeparkt. Zuletzt ist sein Wagen abgeschleppt worden, weil er sich neben den Behindertenparkplatz ins Halteverbot für die Feuerwehrzufahrt gestellt hat. Gruber ist nach einer Erkrankung auf Krücken angewiesen. "Für meine derzeitigen Gehverhältnisse sind die nächsten Behindertenparkplätze auf dem Mozartplatz und in der Hofstallgasse zu weit weg." Seine Forderung: "Die Behindertenparkplätze müssen besser überwacht werden, außerdem gibt es viel zu wenige." "Die Behindertenparkplätze werden von der Polizei beinahe täglich überwacht. Im Regelfall werden Nichtberechtigte abgeschleppt und Anzeige erstattet", sagt Michael Zobernig von der motorisierten Verkehrsgruppe. In den Abschleppzonen müsse aus Sicherheitsgründen abge-schleppt werden. "Zum konkreten Fall aber kann ich nichts sagen, weil ich den Akt nicht kenne", betont Zobernig. "Die Behindertenparkplätze sind in der ganzen Stadt verstellt, ob in der Fußgängerzone, bei der Kieselpassage oder vor der Gebietskrankenkasse in der Faberstraße", sagt hingegen Franz Zemann vom Österreichischen Wachdienst (ÖWD). Seiner Meinung nach schleppt die Polizei zu wenig ab. Zwei Stunden pro Tag kontrolliert der ÖWD im Auftrag der Stadt in der Altstadt. Seinen Angaben nach bekommen Falschparker einen Strafzettel mit 21 Euro. Zemann: "Das schreckt viele aber nicht ab." 50 Parkplätze für Behinderte Die Parkplatz-Misere ist bekannt. Bewirtschaftete Parkplätze inklusive Garagen gibt es in der Innenstadt nach Angaben des Magistrats um die 8600. 50 Behindertenparkplätze stehen angeblich zur Verfügung. Die Parkberechtigungen übersteigen die Anzahl der Parkplätze um ein Vielfaches. Beispielsweise gibt es im Kaiviertel für 137 Parkplätze 423 Berechtigte. "Das Problem ist meinem Gefühl nach nicht, dass es zu wenig Parkplätze für Behinderte gibt, sondern dass andere auf den Behindertenparkplätzen stehen", sagt Stadtrat Martin Panosch (SPÖ). Gesetzlich sei es nicht Aufgabe der Stadt, die Parkplätze zu überwachen, betont Panosch. "Wir springen dafür ein, dass die Polizei personell immer mehr ausgedünnt ist." Am vernünftigsten wäre, wenn sich Polizei und Stadt an einen Tisch setzen, um Lösungen zu finden. Er hofft, dass sich die Situation durch den neuen Altstadt-Ombudsmann Franz Ramsauer verbessert. ÖVP-Klubchefin Claudia Schmidt hatte zuletzt ein modernes Parkmanagement gefordert.

Zeitung: Salzburger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 14.4.2005 (13)

Salzburger Nachrichten am 14. April 2005 - Bereich fnSalzburger Nachrichten am 14. April 2005 - Bereich: fn

Zweiter Saisonsieg

Der Rennrollstuhlfahrer Thomas Geierspichler aus Anif gewann vergangenen Sonntag den Halbmarathon rund um den Lago di Varese. Varese, Anif. Der Halbmarathon im italienischen Varese, der alle zwei Jahre stattfindet, wurde am vergangenen Sonntag wieder zu einem tollen Erfolg für Thomas Geierspichler. Bereits 2003 hatte der Anifer den Wettbewerb der Rennrollstuhlfahrer gewonnen. Für Thomas Geierspichler war es der zweite Sieg im zweiten Rennen nach den Paralympics in Athen. "Die Bedingungen waren für das Teilnehmerfeld sehr schwierig. Eine hügelige Strecke, Temperaturen um zehn Grad und ein ständiger Wind haben den Halbmarathon geprägt." Geierspichler kam mit einer Zeit von 55,43 Minuten ins Ziel. "Heute ist keiner nur annähernd an seine Bestzeit über diese Distanz gekommen, weil die äußeren Umstände einfach zu schwierig waren. Ich bin mit dem Rennen trotzdem absolut zufrieden. Natürlich freut mich jeder Sieg, und das motiviert mich auch für das Training. Es war für mich eigentlich ein Trainingslauf, da die Vorbereitungen ganz auf die American Series und die Europameisterschaft abgestimmt sind", so der Anifer Ausnahmesportler. Derzeit absolviert Geierspichler ein Belastungstraining. Er versuchte deshalb, das Rennen ebenfalls mit einem hohen Puls und starker Belastung zu bestreiten. "Fast über die gesamte Distanz ist es mir gelungen, mich in einem hohen Belastungbereich zu bewegen." Diese Woche ist für Thomas Geierspichler wieder intensives Training angesagt. "Wir werden die Trainingsintensität langsam steigern."

Zeitung: Salzburger Nachrichten

Erscheinungsdatum: 15.4.2005 (14)

Salzburger Nachrichten am 15. April 2005 - Bereich wissenschaftSalzburger Nachrichten am 15. April 2005 - Bereich: wissenschaft

Psychisch krank und ausgegrenzt

Wie geht die Gesellschaft mitpsychisch kranken Menschen um, wie mit deren Angehörigen? Eine Tagung in Salzburg soll Licht darauf werfen. ursula kastlersalzburg (SN). "Es ist ein Skandal, wie unsere Gesellschaft mit psychischen Erkrankungen, mit Betroffenen und deren Angehörigen umgeht." Klaus Firlei, Professor für Arbeits-, Wirtschafts- und Europarecht an der Universität Salzburg nimmt am Donnerstag im Bildungshaus St. Virgil kein Blatt vor den Mund. 30.000 Menschen in Salzburg sind schwer psychisch krank. Sie haben nicht nur mit ihrer Erkrankung zu kämpfen, sondern werden dazu noch immer stigmatisiert. "Zahlenmaterial zeigt uns, dass die psychischen Erkrankungen weltweit zunehmen. Die Entwicklung ist zu einem Großteil gesellschaftlich bedingt", sagt Firlei. Ein Bündel von Faktoren wirke zusammen: Höchste Ansprüche und ständige Überforderungen in der Arbeitswelt, ein brüchiges Familiennetz, Einsamkeit, Lebenswünsche, die sich nicht mehr erfüllen können und "eine zunehmend brutaler agierende Gesellschaft". Menschen brauchen laut Firlei auch Weichheit, Stabilität und gute Beziehungen. Immer weniger oft bekommen sie das. "Psychische Erkrankungen treffen Menschen, die vielleicht empfindlicher reagieren, nicht brutal genug und weniger resistent sind. Im Grunde reagieren sie mit Ausklinken normal." Die Gesellschaft sei in hohem Ausmaß verantwortlich. Auch finanziell. In Salzburg kümmern sich seit 20 Jahren engagierte Menschen nicht nur um Kranke, sondern auch um deren Angehörige. Sie haben sich im Verein AHA (Angehörige helfen Angehörigen) zusammengeschlossen. Heute, Freitag, soll die von AHA und HPE (Verein Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter) organisierte Fachtagung im Bildungshaus St. Virgil ein Baustein sein. Für "selbstbewussten Umgang mit psychischen Erkrankungen", sagen Sigrid Steffen, Vorsitzende von AHA und Erwin Ladinser, Geschäftsführer HPE. Wer psychisch krank ist, wird nicht nur ausgegrenzt, er hat oft genug einen Leidensweg vor oder hinter sich, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Der Sohn von Rudolf Niedersüß, stellv. Vorsitzender von AHA, war 13 Jahre alt, als "er merkte, das er Dinge nicht mehr tun kann, die gern tun möchte und Stimmen hört". Bis zur Matura habe sich der Bub durch Kliniken und Therapien geschleppt, unterstützt von schweren Medikamenten. Das Studium schaffte er nicht mehr. Im Februar dieses Jahres nahm der Bursch sich mit 23 Jahren das Leben. Nach der Tagung findet Samstag, 16. 4., 9 Uhr, in St. Virgil eine Podiumsdiskussion über "Psychische Erkrankungen. Mythos und Realität im Spiegel der Gesellschaft" statt. Informationen zum Thema auch unter http://www.aha-salzburg.at und www. hpe.at

Eidesstattliche Erklärung

"Ich erkläre hiermit an Eides statt, dass ich die vorliegende Diplomarbeit selbständig angefertigt habe. Die aus fremden Quellen direkt oder indirekt übernommenen Gedanken sind als solche kenntlich gemacht.

Die Arbeit wurde bisher weder in gleicher noch in ähnlicher Form einer anderen Prüfungsbehörde vorgelegt und auch noch nicht veröffentlicht".

Quelle:

Christiane Galehr: "Darstellungen von Behinderung in der Tagespresse"

Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades Magistra der Philosophie an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck;

eingereicht bei:Gast.-Prof. Dr. Kerstin Ziemen, September 2005

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 07.03.2006

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