Die Fotografin Dorothea Lange (1895-1965)

AutorIn: Anneliese Mayer
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: WeiberZeit, Zeitschrift des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V., Ausgabe 5/November 2004, S.13-14 WeiberZeit (05/2004)
Copyright: © Verein Weibernetz e.V. 2004

Die Fotografin Dorothea Lange (1895-1965)

"Keiner, der nicht als halber Krüppel durchs Leben gegangen ist, weiß, was das bedeutet. Ich glaube, das war das Wichtigste, was mir geschehen ist. [Es] prägte mich, leitete mich, lehrte mich, half mir und demütigte mich. Alles auf einmal. Ich bin niemals darüber hinweggekommen und bin mir diesen ungeheuren Drucks bewußt."

Diese harten, aber aufrichtigen Worte kamen aus dem Munde einer der bedeutendsten amerikanischen Fotografinnen. Anfang der sechziger Jahre nahm die damals 65-jährige Künstlerin in einem ausführlichen Interview Stellung zu ihrer Arbeit und zu ihrer Behinderung. Ihr Name: Dorothea Lange.

Am 26. Mai 1895 wird Dorothea Lange als erstes Kind von Joan und Henry Nutzhorn in Hoboken, New Jersey - einem Vorort von New York - geboren. Die Vorfahren der Mutter waren deutscher Herkunft. Dorothea erkrankt mit sieben Jahren an Kinderlähmung. Als Folge davon bleibt das rechte Bein vom Knie abwärts gelähmt. Fortan hinkt Dorothea, und die anderen Kinder spotten über sie und rufen ihr "Hinkebein" nach. Doch sie lässt sich nicht entmutigen: "Von Kindheit an und während ihres ganzen Lebens bemühte sich Dorothea sichtlich, sich selbst und anderen zu erklären, daß ein hinkender Gang auf keinen Fall mit einem benachteiligten, eingeschränkten Leben gleichbedeutend sei."

Ein weiteres einschneidendes Erlebnis ihrer Kindheit ist für Dorothea das Verschwinden des Vaters. Henry Nutzhorn - von Beruf Rechtsanwalt - verlässt seine Familie 1907. Nach der Scheidung nimmt die Mutter wieder ihren Mädchennamen Lange an und arbeitet als Bibliothekarin. Sie wohnen bei der Großmutter - einer streitsüchtigen und hartherzigen Frau. Auf dem täglichen Weg zu ihrer Schule in Manhattan durchstreift Dorothea die belebten Straßen und bekommt einen Eindruck von dem lärmenden und pulsierenden Leben der Großstadt. Ihr Interesse für die Menschen und die Vielfalt der Kulturen ist sehr groß, der Unterricht hingegen langweilt sie zunehmend.

Mit 18 Jahren möchte Dorothea Fotografin werden. Die Familie ist dagegen, und sie fängt eine Ausbildung als Lehrerin an. Ihre Freizeit verbringt sie jedoch in den Fotostudios. Bald bekommt sie bei einem Fotografen eine Stelle angeboten und damit Gelegenheit, um sich das Handwerk anzueignen. Ihre Ausbildung beendet sie 1917 bei dem berühmten Fotografen C.H. White an der Columbia University. Gemeinsam mit einer Freundin und 140 $ in der Tasche plant sie eine Reise nach China. Unterwegs wird sie ausgeraubt, und die Reise endet in San Francisco. Sie hat Glück und kann hier bald ein Atelier eröffnen. Einflussreiche und reiche Familien lassen sich von ihr fotografieren. Sie ist finanziell unabhängig. 1920 heiratet sie den um 20 Jahre älteren Maler Maynard Dixon. Unter dessen Einfluss lernt sie die Lebensbedingungen der Indianer in den Reservaten kennen. So entsteht ihr erstes aussagekräftiges Dokumentarfoto, das eines Hopi-Indianers.

Nach der Geburt ihrer Söhne - 1925 kommt Daniel und 1928 John auf die Welt - beginnt die Ehe zu kriseln. Dixon hat häufig Affären und äußert sich abfällig über die Art des Gelderwerbs seiner Frau - reiche Leute zu porträtieren. Infolge des Börsenkrachs reduzieren sich beider Aufträge.

Dorothea bekommt unmittelbar die Auswirkungen der großen Depression mit, als sich in der Straße vor ihren Studio die arbeitslosen und hungrigen Menschen versammeln, die zur Armenspeisung kommen. Sie hängt sich die Kamera um den Hals und verlässt das Atelier, um Aufnahmen von bedrückten Menschen zu machen, die mit ihrem Blechnapf in der Hand Schlange stehen. In rascher Folge macht sie ihre "Bilder von Menschen", die 1934 im Oakland Studio der Gruppe f/64 ausgestellt werden. Bei ihrer Arbeit ist ihr der Grundsatz aller guten FotografInnen zu eigen, der lautet: "Du darfst niemanden etwas wegnehmen: weder die Persönlichkeit oder die Würde noch die Integrität."

Durch die Ausstellung wird der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Paul S. Taylor auf Dorothea aufmerksam und gewinnt sie für die Mitarbeit an seinem Institut des State Emercency Relief Administration (kurz: SERA). Gemeinsam reisen sie durch Kalifornien und dokumentieren die Lage der WanderarbeiterInnen.

Ende 1935 heiraten Dorothea Lange und Paul Taylor und führen eine intensive Arbeits- und Privatbeziehung. Sie mieten ein Haus in Berkeley. Jedoch ist Dorothea mit ihrem Mann meistens unterwegs, um an verschiedenen Programmen der Farm Security Administration (FSA) mitzuarbeiten, die Präsident Roosevelt im Zusammenhang des New Deal eingerichtet hat, um die angeschlagene Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

1936 entsteht ihr bekanntestes Foto "Migrant Mother"- die Aufnahme einer heimatlosen Mutter mit ihren drei Kindern, die sich eng an sie schmiegen. Das Bild erscheint in San Francisco News und bewirkt, dass 9000 Kilo Lebensmittel für die WanderarbeiterInnen zur Verfügung gestellt werden. Ihre Bilder zeigen zunehmend die Schattenseiten Amerikas und sind erfüllt von Menschenliebe.

Da Dorothea unermüdlich ihrem Beruf nachgeht, kann sie den Bedürfnissen ihrer Familie nicht genügend nachkommen. Die drei Kinder, die Taylor mit in die Ehe gebracht hat und ihre beiden Söhne werden oft bei Pflegefamilien untergebracht. Sie weiß, dass sie eine miserable Mutter ist, aber sie fühlt "sich ans Haus gefesselt - nicht als befreite Frau". Ihre starke Zerrissenheit zwischen Familie und Beruf führt dazu, dass sie Geschwüre bekommt. Mittlerweile ist sie Mitte 40 und hat öfters Schmerzanfälle: Ihre Magengeschwüre werden nicht richtig behandelt. Von ihrer Arbeit lässt sie sich jedoch nicht abhalten: Sie ist "eine einnehmende Frau, beharrlich und ungewöhnlich stark an anderen interessiert".

1945 ist sie doch gezwungen, wegen ihrer schlechten Gesundheit eine fünfjährige Pause einzulegen. Kaum geht es ihr etwas besser, beginnt sie in den fünfziger Jahren ihre Arbeit wieder und arbeitet für Magazine wie "Life". Sie reist durch Europa und Asien.

Während eines Aufenthalts im Iran muss sie ins Krankenhaus gebracht werden. Da die medizinische Behandlung nicht ausreichend ist, wird sie in die Schweiz transportiert. Im dortigen Krankenhaus wird bei ihr Malaria diagnostiziert. Im August 1964 stellen die Ärzte fest, dass sie Speiseröhrenkrebs hat. Sie unterzieht sich einer Strahlentherapie, aber es werden weitere Krebszellen gefunden. Am 11. Oktober 1965 stirbt Dorothea Lange in San Francisco - zwei Monate vor der großen Retrospektive ihrer sozialdokumentarischen Fotografien im Museum of Modern Art in Oakland.

Quelle:

Dorothea Lange: Ein Leben für die Fotografie. Verlag Könnemann. Köln 1998

Leicht Lesen

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Quelle:

Anneliese Mayer: Die Fotografin Dorothea Lange (1895-1965)

Erschienen in: WeiberZeit, Zeitschrift des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V., Ausgabe 5/November 2004, S.13-14

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Stand: 20.04.2009

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