Prävention und Integration im Meinungsbild Hamburger Grundschulen

AutorIn: Hans Wocken
Themenbereiche: Schule
Schlagwörter: Grundschule
Textsorte: Buch
Releaseinfo: aus: Hans Wocken, Georg Antor, Andreas Hinz (Hrsg.): Integrationsklassen in Hamburger Grundschulen, Hamburg: Curio Verlag 1988, S. 61-74
Copyright: © Curio Verlag 1988

1. Einleitung

Der Deutscher Bildungsrat leitet die Empfehlungen "Zur pädagogischen Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher" mit den bekannten Sätzen ein:

"Für die neue Empfehlung mußte die Bildungskommission davon ausgehen, daß behinderte Kinder und Jugendliche bisher in eigens für sie eingerichteten Schulen unterrichtet wurden, weil die Auffassung vorherrschte, daß ihnen mit besonderen Maßnahmen in abgeschirmten Einrichtungen am besten geholfen werden könne. Die Bildungskommission folgt dieser Auffassung nicht. Sie legt in der vorliegenden Empfehlung eine neue Konzeption zur pädagogischen Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher vor, die eine weitmögliche gemeinsame Unterrichtung von Behinderten und Nichtbehinderten vorsieht und selbst für behinderte Kinder, für die eine gemeinsame Unterrichtung mit Nichtbehinderten nicht sinnvoll erscheint, soziale Kontakte mit Nichtbehinderten ermöglicht. Damit stellt sie der bisher vorherrschenden schulischen Isolation Behinderter ihre schulische Integration entgegen" (1974, 15f ).

Seither hat es in Hamburg zwei Schulversuche gegeben, die die integrationsorientierten Intentionen der Empfehlungen aufgenommen und praktisch erprobt haben.

Von 1979 bis 1982 wurde an vier Grundschulen im Stadtteil Farmsen der Modellversuch "Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder durch Sonderschullehrer an Grundschulen" durchgeführt. Die Zielsetzung des "Farmsener Modells" kommt schon in dem offiziellen Versuchstitel zum Ausdruck. Im Vordergrund stand die Aufgabe, "das Aussondern von schulschwachen Kindern in die Sonderschule durch geeignete pädagogische Maßnahmen zu verhindern" (NÖTZOLD 1985). Im Hamburger Sprachgebrauch wurde diese Zielsetzung fortan mit dem Begriff "Prävention" belegt.

Von 1983 bis 1988 wurde sodann der Modellversuch "Integration behinderter Kinder in Grundschulen" eingerichtet. Der Schulversuch begann mit 3 Integrationsklassen an 3 Grundschulen und expandierte schon während der Versuchszeit auf 38 Integrationsklassen an 12 Grundschulen. Die Zielgruppe in diesem Schulversuch sind nicht allein die schulschwachen Kinder mit Lern- und Verhaltensschwierigkeiten, sondern Kinder aller Behinderungsarten und -grade. Das pädagogische Anliegen des Modellversuchs "Integrationsklassen" ist entsprechend nicht mehr die Vermeidung oder Verminderung von "Sonderschulbedürftigkeit", sondern die gemeinsame Förderung aller Kinder mit und ohne Behinderungen.

Die Erfahrungen und Ergebnisse der Schulversuche "Prävention" und "Integration", die beide durch die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung gefördert wurden, sind anderenorts dokumentiert worden und sollen hier nicht referiert werden (s. Literatur).

Schulversuche sind nicht als pädagogische Experimente zu verstehen, die nach ihrer Beendigung schlichtweg zu den Akten gelegt werden und lediglich die Geschichte der Pädagogik um interessante Raritäten bereichern. Schulversuche sind ihrer Idee nach Vorläufer einer größeren Schulreform. Bei der Einrichtung von Schulversuchen ist die spätere Ausweitung der Versuchserfahrungen von vorneherein mitgedacht. Am Ende eines Schulversuchs stellt sich unausweichlich die Transferfrage: Können und sollen die pädagogischen Erfahrungen, die unter den besonderen Bedingungen eines Schulversuchs gesammelt wurden, auf die Schule allgemein übertragen werden?

Die Übertragbarkeit von Schulversuchen hängt nun auch davon ab, ob denn jene Schulen, die dafür in Betracht kommen, überhaupt innovationswillig sind und sich selbst eine Übertragung der Versuchskonzepts wünschen. Mit dieser Frage beschäftigt sich die nachstehende Untersuchung. Mittels einer empirischen Befragung wird zu klären versucht, welche Resonanz und Akzeptanz "Prävention" und "Integration" derzeit in Hamburger Grundschulen finden. Zweck der Untersuchung ist, ein Bild über die Reformbereitschaft der Grundschule für integrationsorientierte Maßnahmen zu vermitteln.

Zugleich können die Untersuchungsergebnisse über die Außenwirkungen der Schulversuche Prävention und Integration informieren: Mit welchem Interesse werden die Schulversuche von der Grundschulöffentlichkeit begleitet, wie ist der einschlägige Informationsstand und wie steht es um die eigene Bereitschaft, es den Schulversuchen nachzutun und sie im eigenen Hause zu realisieren?

Die Ergebnisse der Untersuchung "Prävention und Integration im Meinungsbild Hamburger Grundschulen" haben fraglos bildungspolitische Bedeutung. Bildungsreformen, die schlichtweg von oben verordnet und unvorbereitet umgesetzt werden, bringen sich nicht selten selbst um ihren Erfolg, weil sie vor Ort nur mit Widerwillen angenommen und halbherzig verwirklicht werden. Die negativen Nebeneffekte, die Unzahl von Reibungsverlusten und heimlichen Umwandlungen, beginnen die positiven Intentionen der Reform zu überwuchern. Die Reform verläuft im Sande. In den zurückbleibenden Reformruinen ist die ursprüngliche Reformidee bis zur völligen Unkenntlichkeit entstellt. So manche gute Reformidee ist an einer ungenügenden Implementationsstrategie gescheitert. Das jüngste Beispiel für eine konzeptionell gute, aber strategisch mißliche Bildungsreform liefert Hamburg selbst. Der Plan einer flächendeckenden Integration aller behinderten Kinder im Elementarbereich bei gleichzeitiger Auflösung der Sonderkindertagesstätten ist vorerst von einer Umsetzung noch ein gutes Stück entfernt.

2. Methode

Um die Aufgeschlossenheit für integrationsorientierte Schulreformen im Primarbereich in Erfahrung zu bringen, sind unterschiedliche Zielgruppen vorstellbar: Die Eltern von Grundschulkindern als potentielle "Kunden", die Lehrer und Schulleiter als "Anbieter" oder auch Politiker, die die legislativen und fiskalischen Voraussetzungen schaffen müssen. Eine repräsentative Befragung der Primarschuleltern und -lehrer schien nicht sinnvoll, weil der beträchtliche Untersuchungsaufwand in keinem vertretbaren Verhältnis zum Untersuchungszweck und Informationsgewinn stünde. Um zulängliche Vorstellungen über das Meinungsbild Hamburger Grundschulen zu Prävention und Integration zu erlangen, können die Schulleiter als geeignete Adressaten der Befragung angesehen werden. Die Schulleiter haben einen guten Einblick in die Bildungsinteressen und -ambitionen der Elternschaft ihres Schulbezirks und sie kennen genauestens die Meinungslage innerhalb des eigenen Kollegiums. Kraft ihres Amtes als "head-master" kommt ihnen auch ein gestaltender Einfluß auf Willensbildung und Konzeption der eigenen Schule zu. Da die Einrichtung von Integrationsklassen immer auch die förmliche Zustimmung der Schulkonferenz voraussetzt, ist den Meinungen und Auffassungen der Schulleiter besonderes Gewicht beizumessen. Alles in allem können die Schulleiter als gute Repräsentanten des bildungspolitischen Willens der Grundschulen gelten.

Es wurde eine Vollbefragung aller staatlichen Grundschulen in Hamburg durchgeführt; von der Befragung ausgenommen wurden die Grundschulen mit Integrationsklassen. Um eine möglichst hohe Beteiligung an der Befragung zu sichern, wurde die Befragung anonymisiert. Darüber hinaus erschien es ratsam, den Befragungsbogen nicht allzu umfänglich zu gestalten, um die zeitliche Beanspruchung in Grenzen zu halten.

Befragungsinhalte waren

- die Informationsquellen, aus denen die Schulleiter ihre Kenntnisse über die Schulversuche - - beziehen;

- die Innovationsbereitschaft der Schulleiter, der Lehrer und der Eltern;

- die Präferenz für präventive oder integrative Reformen.

Die Untersuchung ist als Erkundungsstudie angelegt und daher in ihrem wissenschaftlichen Geltungsanspruch bescheiden. Es geht um einen ersten Einblick, welche Resonanz und Akzeptanz integrationsorientierte Schulreformen in den Grundschulen finden; um einen Einblick, der über die Stufe bloßer Mutmaßungen hinausgeht und brauchbare Einschätzungen erlaubt.

3. Ergebnisse

3.1 Beteiligung

Von den 266 angeschriebenen Grundschulen haben 136 die Fragebögen ausgefüllt und zurückgeschickt. Die Rücklaufquote von 51,1 Prozent ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht befriedigend, da ein Repräsentationsschluß nicht möglich ist. Die Befragungsergebnisse gelten streng genommen nicht für die Hamburger Grundschule insgesamt, sondern nur für jene 51 Prozent, die an der Befragung teilgenommen haben. Die Untersuchung wurde mit behördlicher Genehmigung, aber ohne behördliche Anordnung durchgeführt. Da die Beteiligung den Schulleitern mithin freigestellt war, kann der Rücklauf durchaus zufriedenstellen und als verbreitetes Interesse an der Thematik gewertet werden.

3.2 Informationsquellen

Die klar dominierende Informationsquelle sind formelle Informationssysteme, also offiziöse Verlautbarungen der Behörde und Tagesordnungspunkte von Schulleiterbesprechungen. Alle anderen Informationsquellen dürften mehr oder minder eine ergänzende Funktion haben. Die informellen Informationskanäle können einerseits im Vorwege eine erhöhte Aufmerksamkeit für behördliche Verlautbarungen wecken, andererseits werden sie im nachhinein als ergänzende Informationsbörse genutzt.

Tabelle 1: Informationsquellen (Angaben in Prozent)

Auf welche Weise haben Sie bisher

von Integrationsklassen etwas erfahren (Frage 1)?

von Präventionslehrern etwas erfahren (Frage 6)?

   

Informationsquelle

I

P

     

Informationen der Behörde für Schule

86

74

Informationen durch andere Schulleiter

74

68

Berichte in der Hamburger Lehrerzeitung

39

26

Berichte in der Tagespresse

50

13

Berichte im Rundfunk und im Fernsehen

22

3

Inform. d. Instituts f. Lehrerfortbildung

15

10

Informationen durch Lehrerorganisationen

20

13

Öffentliche Veranstaltungen

11

4

Arbeitsgemeinschaft "Eltern f. Integration"

22

5

Wissenschaftliche Veröffentlichungen

19

10

sonstige Informationsquellen

25

37

Aus der Verteilung der Informationsquellen kann gefolgert werden, daß der behördlichen Informationspolitik ein sehr hoher Stellenwert im Rahmen einer Implementation von integrationsorientierten Reformen zukommt. Bildungspolitische Informationen, die von offizieller Seite kommen und gleichsam mit dem Dienstsiegel versehen sind, werden eher als wichtig eingeschätzt und mit größerer Aufmerksamkeit bedacht.

Die vergleichende Gegenüberstellung läßt ferner erkennen, daß Integration bei weitem "eine bessere Presse" hat als Prävention. Dies findet seinen Niederschlag in dem persönlich empfundenen Informationsgrad. Die Schulleiter fühlen sich mehrheitlich zufriedenstellend oder noch besser im Bilde. Uninformierte Schulleiter gibt es eigentlich nicht. Im Vergleich schneidet wiederum der ältere Schulversuch Prävention gegenüber dem jüngeren Schulversuch Integration schlechter ab (Tabelle 2)

Tabelle 2: Informationsstand (Angaben in Prozent)

Wie fühlen Sie sich über das Konzept

der Integrationsklassen informiert (Frage 2)?

der Präventionslehrer informiert (Frage 7)?

   

Informationsstand

Integration

Prävention

     

Gut

37

28

Zufriedenstellend

49

31

Unzureichend

10

25

Nicht ausreichend

3

10

     
 

2

6

3.3 Innovationsbereitschaft

Die Innovationsbereitschaft der Grundschulen wurde in drei Teilfragen erkundet. Die Schulleiter wurden um eine eigene Stellungnahme gebeten und weiterhin ersucht, die mutmaßliche Innovationsbereitschaft des Kollegiums und der Eltern einzuschätzen. Bezüglich der Prävention erschien es nicht sinnvoll, hierfür das Reforminteresse der Eltern zu erfragen.

Tabelle 3: Innovationsbereitschaft der Schulleiter und des Kollegiums für Integration (I) und Prävention (P). (Angaben in Prozent)

Wären Sie persönlich bereit und interessiert, an Ihrer Schule

Integrationsklassen einzurichten (Frage 3)?

Präventionslehrer aufzunehmen (Frage 8)?

Wie schätzen Sie die Bereitschaft bei den Kolleginnen und Kollegen Ihrer Schule

in Integrationsklassen zu unterrichten, ein (Frage 4)?

zu einer Zusammenarbeit mit Präventionslehrern ein (Frage 9)?

       

Innovationsbereitschaft

Schulleiter

Schulleiter

Kollegium

Kollegium

 

I

P

I

P

         

Volle Zustimmung

20

50

4

41

Zurückhaltende Zustimmung

41

31

41

37

Weder Zustimmung noch Ablehnung

15

7

14

7

Eher skeptische Zurückhaltung

17

2

30

5

Überwiegend Ablehnung

5

-

10

2

         

Fehlende Angaben

2

10

2

9

Die Schulleiter äußern ein beachtliches persönliches Interesse an integrationsorientierten Reformen. Immerhin 61 Prozent der befragten Schulleiter sind bereit, an ihrer eigenen Schule Integrationsklassen einzurichten, und sogar 81 Prozent würden Präventionslehrer an der eigenen Schule aufnehmen. Die deutlich bessere Informiertheit über den Schulversuch Integrationsklassen schlägt sich also nicht nieder in einem höheren Interesse an dieser Maßnahme. Etwa ein Fünftel der Schulleiter verhält sich gegenüber Integrationsklassen reserviert und hat Bedenken. Die Vorbehalte gegenüber Präventionslehrern äußern sich eher in einer indifferenten Haltung; ein Zehntel der Schulleiter macht hierzu keine Angaben.

Die Innovationsbereitschaft der Lehrerkollegien ist nach

Tabelle 4: Innovationsbereitschaft für Integrationsklassen der Schulleiter (L), der Kollegien (K) und der Eltern (E); (vgl. Tabelle 3). (Angaben in Prozent)

Wie schätzen Sie die Bereitschaft der Eltern Ihrer Schule ein, die eigenen Kinder in Integrationsklassen zu geben?

     

Innovationsbereitschaft

L

K

E

       

volle Zustimmung

20

4

8

zurückhaltende Zustimmung

41

41

34

weder Zustimmung noch Ablehnung

15

14

16

eher skeptische Zurückhaltung

17

30

34

überwiegend Ablehnung

5

10

4

       

keine Angaben

2

2

3

Einschätzung der Schulleiter in der qualitativen Tendenz nicht grundsätzlich anders gelagert, sondern lediglich in der quantitativen Ausprägung schwächer. Fast die Hälfte aller Grundschullehrer würde auch selbst in einer Integrationsklasse unterrichten. Rund drei Viertel der Lehrerschaft an Grundschulen ist für eine Zusammenarbeit mit Präventionslehrern aufgeschlossen. Insgesamt ist in den Lehrerkollegien von Grundschulen die Zurückhaltung gegenüber Prävention geringer als gegenüber Integration. Für Prävention ist auch hier eine erwähnenswerte Unentschiedenheit anzumerken.

Die Schulleiter vermuten bei 42 Prozent der Elternschaft ihrer Schulen ein positives Interesse an Integrationsklassen. Dieser aufgeschlossenen Elternschaft steht aber nach Meinung der Schulleiter mit 38 Prozent ein beträchtliches Potential von Eltern gegenüber, die Integrationsklassen mit Zurückhaltung, Skepsis oder Ablehnung begegnen.

3.4 Präferenz für Prävention oder Integration

Tabelle 5: Präferenz für Prävention oder Integration (Angaben in Prozent)

Welche Maßnahme sehen Sie persönlich für Ihre Schule als wünschenswert und wichtig an?

 

Integrationsklassen

10

Präventionslehrer

48

Kombination von Prävention und Integration

17

keine eindeutige Präferenz

14

   

keine Angaben

11

Das Urteil der Schulleiter über die wünschenswerte und vordringliche Reformmaßnahme fällt unmißverständlich deutlich aus; es liegt ganz auf der Linie der bisherigen Befragungsergebnisse. Die Schulleiter präferieren zur Hälfte die Einstellung von Präventionslehrern an Grundschulen, nur ein Zehntel bevorzugt die Einrichtung von Integrationsklassen. Ein Viertel der Schulleiter läßt keinerlei Präferenz erkennen oder macht keine Angaben zu dieser Frage.

3.5 Unterschiede zwischen Schulen

Die Innovationsbereitschaft der Schulleiter, Lehrer und Eltern wurde zu verschiedenen Merkmalen der Grundschule in Beziehung gesetzt:

  • Größe bzw. Gliederung der Schule;

  • Anteil ausländischer Schüler;

  • soziologische Struktur des Schulbezirks;

  • pädagogische Orientierung der Schule.

Die plausible Annahme eines bedeutsamen Zusammenhangs zwischen dem Meinungsbild der Schulen und den angeführten strukturellen, soziologischen und pädagogischen Merkmalen hat sich rundweg nicht bestätigt. Eine genaue Durchsicht des Datenmaterials ergab kaum statistisch signifikante Unterschiede im Meinungsbild der verschiedenen Grundschulen. Es verlohnt daher nicht, die Ergebnisse en detail anzuführen. Große und kleine Grundschulen, Schulen mit hohem oder geringem Anteil an ausländischen Schülern, Schulen in sozialen Brennpunkten und in bürgerlichen Wohngegenden, fortschrittliche und traditionelle Grundschulen haben zu Prävention und Integration in etwa die gleiche Meinung. Die wenigen differentiellen Befunde können mit einigen Sätzen beschrieben werden:

  • Größere, mehrgliedrige Grundschulen sind gegenüber Integrationsklassen etwas zurückhaltender und bevorzugen Präventionsmaßnahmen.

  • In bürgerlichen Schulbezirken ist das Meinungsbild zu Integrationsklassen breiter gestreut und gespalten. Die befragten Schulleiter vermuten hier bei Eltern und Lehrern jeweils größere Teilgruppen, bei denen entweder eine höhere Akzeptanz oder eine stärkere Ablehnung als allgemein üblich vorhanden ist.

  • Schulen in sozialen Brennpunkten sind stärker an Prävention interessiert als Schulen in gemischten oder bürgerlichen Wohngegenden. Das Interesse an Prävention nimmt mit der sozialen Problembelastung der Elternschaft zu.

Die dargestellten differentiellen Befunde sind allenfalls als modifizierende Trends zu beobachten; sie dürfen keineswegs über Gebühr akzentuiert werden. Im ermittelten Meinungsbild dominieren die generellen Antworttendenzen in einem solchen Maße, daß die wenigen schulspezifischen Abweichungen vernachlässigt werden können.

4. Interpretation

Die Interpretation der Grundschulleiterbefragung zu Prävention und Integration soll die einleitende Erinnerung an die Empfehlung der Bildungskommission wieder aufnehmen. Zehn Jahre nach Erscheinen der Empfehlungen veranstaltete der Arbeitkreis Grundschule eine Fachtagung mit dem Thema: "Schulschwache Kinder in der Grundschule". MÖCKEL diagnostizierte als Ursache für die ausgebliebene Umsetzung und Verwirklichung der Empfehlungen, der Deutsche Bildungsrat habe "die Rechnung ohne den Wirt gemacht" (1983, 22), die Grundschule sei auf Integration noch nicht vorbereitet und eingestellt.

Kann die Hamburger Grundschule als "Wirt der Integration" gelten? Die vorliegenden Ergebnisse erlauben, diese Frage mit einem deutlichen Ja zu beantworten. Gewiß, für integrationsorientierte Reformen wird kein euphorischer Enthusiamus aufgebracht, hier und da wird auch Skepsis laut und Ablehnung zu Protokoll gegeben. Unter dem Strich ist jedoch ein mehrheitliches Votum der Hamburger Grundschule für Prävention und Integration festzustellen. Die Schulleiter, die sich selbst im Vergleich mit Eltern und Kollegen als progressive Vorhut beschreiben, sprechen sich mit 61 Prozent für die Einrichtung von Integrationsklassen aus und mit 81 Prozent für die Einstellung von Präventionslehrern. Wer wollte ernsthaft mehr erwarten?

Die Präferenz zugunsten von Prävention sollte nicht als grundsätzlich unterschiedliche Wertschätzung und Gewichtung von Prävention und Integration interpretiert werden; sie geht auf einleuchtende Motive zurück. Prävention wird eher als eine wünschenswerte Entlastung für eine bereits gegebene Aufgabe, Kinder mit Lern- und Verhaltensproblemen zu helfen, empfunden; hier drückt der Schuh und hier verspricht Prävention Abhilfe. Integration ist dagegen eine weitere, zusätzliche Aufgabe, darüber hinausgehend sich auch der Kinder mit Behinderungen anzunehmen. Das Hemd ist allemal näher als der Rock.

Die gegebene Interpretation beinhaltet auch einen Hinweis für eine wirksame Implementationsstrategie. Sofern den Grundschulen für die Bewältigung alter Aufgaben ("schulschwache Kinder") und neuer Herausforderungen ("behinderte Kinder") auch die erforderlichen Mittel zur Verfügung gestellt werden, darf man davon ausgehen, daß diese Aufgaben auch bereitwillig übernommen werden. Im Bilde gesprochen: Die Hamburger Grundschule ist ein aufgeschlossener Wirt für mehr Integration, sofern auch ihr Wirtshaus dafür eingerichtet wird. An den Wirten jedenfalls soll es nicht liegen, die neuen Gäste sind willkommen.

Literatur

DEUTSCHER BILDUNGSRAT, Empfehlungen der Bildungskommission: Zur pädagogischen Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder und Jugendlicher. Stuttgart: Klett 1984

MALCHAU, I., NÖTZOLD, M., SCHIRMACHER, A. & TEPP, K.: Das Hamburger Projekt: Förderung Behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder durch Sonderpädagogen an Grundschulen. In: MUTZEK, W. & PALLASCH, W.: Integration verhaltensgestörter Schüler. Weinheim: Beltz 1984, Seite 65-79

MALCHAU, I.: Aussonderung verhindern. Hamburger Lehrerzeitung 1985, Heft 9, Seite 21-22

MÖCKEL, A.: Integration in der Grundschule - eine Rechnung ohne den Wirt? Die Grundschule 1983, Heft 10, 19-22

SCHIRMACHER, A., TEPP, K., MALCHAU, I. & NÖTZOLD, M.: Förderung behinderter und von Behinderung bedrohter Kinder durch Sonderpädagogen in Grundschulen. Zeitschrift für Heilpädagogik 1981, Seite 17-41

WOCKEN, H. & ANTOR, G. (Hrsg.): Integrationsklassen in Hamburg. Solms-Oberbiel: Jarick 1987

Quelle:

Hans Wocken: Prävention und Integration im Meinungsbild Hamburger Grundschulen

In: Hans Wocken, Georg Antor, Andreas Hinz (Hrsg.): Integrationsklassen in Hamburger Grundschulen, Hamburg: Curio Verlag 1988; S. 61-74

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 24.11.2005

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