Unbehindert arbeiten. Wie Menschen mit Behinderung ihre Berufsziele erreichen

Rezension von Volker Schönwiese

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Rezension
Releaseinfo: Rezension (Erweiterte Version vom 1.11.2018) von Müller, Ursula (2018): Unbehindert arbeiten. Wie Menschen mit Behinderung ihre Berufsziele erreichen. Wien: Mandelbaum Verlag
Copyright: Schönwiese 2018

Unbehindert arbeiten. Wie Menschen mit Behinderung ihre Berufsziele erreichen

Das Buch der Journalistin Ursula Müller beschäftigt sich mit Menschen, die den Anforderungen des Arbeitsmarkes, den aktuellen kapitalistischen Produktionsweisen und Verwertungsinteressen nicht oder nur mit Unterstützung entsprechen. In den letzten 10 Jahren der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich ja europaweit die Situation verschärft, die Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderungen hat abgenommen, die durchschnittliche Arbeitslosenquote war und ist doppelt so hoch wie die von nicht behinderten Personen, wobei Frauen mit Behinderungen besonders betroffen sind.

Das vorliegende Buch aus Österreich schildert exemplarisch und detailreich in 18 Biografien Wege von behinderten Personen in den Arbeitsmarkt. Die biographischen Abrisse sind journalistisch gut und eindrucksvoll geschrieben, vieles an biografischen, alltäglichen und institutionellen Erfahrungen zwischen Isolation, Gewalt und dennoch Unterstützung, bis zu beruflichen Erfolgen wird geschildert. Manch Erstaunliches und Beeindruckendes begegnen wir in den Berichten, wirklich lesenswert. Ein gehörloser Apotheker z.B. erarbeitet pharmakologisches Vokabular in Gebärdensprache und berät erfolgreich KundInnen, hörende und gehörlose (S. 55ff). Der jetzige Präsident des Behindertenrates erlebte Gewalt in einer Behinderteneinrichtung, konnte den vorgesehenen Weg in die Beschäftigungstherapie verhindern und erreichte über den zweiten Bildungsweg Matura und dann ein Jus-Studium (172ff). Erfolgreiche Wege in Qualifikation und Arbeit mit unterschiedlichsten Behinderungen werden präsentiert, eine Karriere aus Werkstätten der Behindertenhilfe heraus ist allerdings nicht darunter. Auch das charakterisiert die österreichische Situation.

In der Rahmung bezieht sich das Buch auf die Rechte, die aus der UN -Behindertenrechtskonvention abzuleiten sind. Nun gibt es seit der Zwischenkriegszeit Selbsthilfeorganisationen, die „Arbeit statt Almosen“ forderten, sie waren auch nach dem 2. Weltkrieg nur bedingt erfolgreich. Sie haben immer darauf gesetzt, zu zeigen, dass viele behinderte Menschen ja doch leistungsfähig sind und als Arbeitsmarktreserve zur Verfügung stehen. Das vorliegende Buch setzt auch ganz und gar auf diesen Appell, v.a. an das Personalmanagement von Betrieben: „Beim Vielfaltsmanagement geht es um die Frage, wie sich die unterschiedlichen sozialen, kulturellen oder sprachlichen Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für das Unternehmen nutzbar machen lassen“ (S. 25). Fallen Personen mit Behinderungen bei Bewerbungen bei einem vorgegebenen Stellenprofil oft durch, wäre es richtiger und moderner für Human-Ressource-Manager zu fragen, „welche Position es für diesen Bewerber im Unternehmen geben könnte und wie die Stelle der Arbeitskraft angepasst werden könnte“ (S. 26) Das ist löblich, aber nur auf die Überzeugung und Bewusstseinsbildung in den Betrieben zu setzen, ist insgesamt sicher zu wenig. Im Buch machen ExpertInnen auch viele Vorschläge. Die Ausgleichstaxe bei Nichterfüllung der Anstellungsverpflichtung von Personen mit Behinderungen, die nur 6% aller Betriebe in Österreich trifft, wird meist als demotivierende Strafzahlung verstanden. Sie könnte abgeschafft werden und durch einen Solidarbeitrag ersetzt werden, der an die Wertschöpfung und den Umsatz der Unternehmen gebunden ist. (S. 21) Der Status „Erwerbsunfähig“, der in Werkstätten mit Taschengeld treibt, müsste abgeschafft werden, alle Formen von Persönlicher Assistenz, Job Coaching müssten massiv gestärkt werden, Wahlfreiheit müsste hergestellt werden (S.22). Modellprojekte und Vorschläge gibt es genug, nur: Die Regierung setzt auf Austerity und Umverteilung in Richtung Betriebe und die Arbeitslosigkeit von Personen mit Behinderungen steigt weiter. Da bleibt das Buch (notwendigerweise?) ratlos und setzt auf Appelle, wird nicht kritisch. Lesenswert ist das Buch für kritische Leserinnen und Leser dennoch sehr!

Zur Gestaltung des Buches: Was den Verlag veranlasst hat, einen zusammengeklappten Flughafen-Rollstuhl als Symbol für Inklusive Arbeit am Titelbild zu verwenden, muss ein Rätsel bleiben, da will der Autor dieser Zeilen an dieser Stelle lieber nicht nachdenken …

Film: Zum Buch ist ein Film auf youtube zur Verfügung. In ihm werden drei der Interviewten Personen vorgestellt: https://www.youtube.com/watch?v=XCEVTRaoBn8

Anhang:

Inhaltsverzeichnis

Zur behindertenpolitischen Einordnung des Buches soll auf Fragen von Selbstbestimmt Leben Österreich (SLIÖ, www.slioe.at) an die politischen Parteien zur Nationalratswahl 2017 und auf die Antworten der Parteien verweisen (SPÖ, ÖVP, FPÖ, GRÜNEN und NEOS werden.

Die Frage 7 der zehn Fragen zur Behindertenpolitik behandelte das Thema Arbeit:

7 - Arbeit

In Österreich gibt es über 17.000 einstellungspflichtige Betriebe, über 13.000 davon halten sich nicht oder nur zum Teil an die Beschäftigungspflicht von Menschen mit Behinderung. Die Arbeitslosigkeit von behinderten Personen steigt, besonders betroffen davon sind behinderte Frauen. Die Zahl der Beschäftigungstherapien (mit Taschengeld, ohne vollständige Sozialversicherung, ohne Rechte als ArbeitnehmerInnen) ist seit 2002 dramatisch angestiegen. Im Nationalen Aktionsplan Behinderung wird die Entwicklung eines Gesamtkonzeptes "Unterstützungsstrukturen" angekündigt (s. Nationaler Aktionsplan Behinderung 2012-2020, Seite 65).

Persönliche Zukunftsplanung und Unterstützte Beschäftigung, die auch in Österreich aus Modellprojekten bekannt sind, (vgl.: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh-5-08-koenig-zukunftsplanung.html) müssten in Österreich dringend flächendeckend und einheitlich aufgebaut werden.

Fragen zu 7:

  • Was werden Sie dafür tun, dass die Einstellungspflicht eingehalten wird? Sind Sie z.B. für eine Erhöhung der Ausgleichstaxe auf die Höhe von Kollektiv-Mindestlöhnen?

  • Wie wollen Sie sicherstellen, dass in Österreich flächendeckend und einheitlich Unterstützte Beschäftigung umgesetzt wird?

Antwort für die SPÖ – Sozialdemokratische Partei Österreichs - von Ulrike Königsberger-Ludwig

Nach dem aktuellen Konzept der Einstellungspflicht sind lediglich ca. 3% der Unternehmen in Österreich beschäftigungspflichtig. Die letzte Novelle, die eine Lockerung des Kündigungsschutzes und eine Anhebung der Ausgleichstaxe beinhaltet, hat nicht den gewünschten Effekt gebracht. Im Hinblick auf die technologischen Umwälzung in der Arbeitswelt bin ich der Meinung, dass es auch innovative Ansätze braucht, um ein solidarisches System der Ausgleichstaxe zukunftsfit zu gestalten. So gibt es vielfach Unternehmen und Branchen, die gar nicht unter die Einstellungspflicht fallen, dafür aber beachtliche Gewinne erwirtschaften (der Finanzsektor kommt beispielsweise ohne großen Personaleinsatz aus, erwirtschaftet aber hohe Umsätze und Gewinne). Deshalb ist für mich auch ein umsatz- oder lohnsummenbasiertes System vorstellbar. In jedem Fall müssen aber die Mittel daraus ausreichend hoch sein, um die wichtigen Unterstützungsleistungen aufrecht zu erhalten, die derzeit aus dem Ausgleichstaxsystem kommen.

Daneben ist es notwendig die überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen an mehreren Fronten zu bekämpfen. Dazu gehören unter anderem eine eigene Zielgruppe beim AMS und eine verstärkte Bewusstseinsbildung bei Unternehmen inkl. Information über schon bestehende Förder- und Unterstützungsangebote.

Antwort von Team Kurz/ ÖVP – Österreichische Volkspartei

Arbeit gibt dem Menschen einen Platz in der Gesellschaft und Sinn im Leben. Daher setzen wir uns dafür ein, dass besonders auch Menschen mit Behinderung bestmöglich in die Arbeitswelt integriert werden.

Wir sind der Meinung, dass Fördern statt Strafen der bessere Ansatz zur Erhöhung der Beschäftigungsquote ist. Dazu müssen alle Ideen ehrlich und ergebnisoffen diskutiert werden. Zur Erhöhung der Beschäftigungszahlen bei Menschen mit Behinderungen braucht es ein Maßnahmenbündel. Das beginnt bei der Bewusstseinsbildung beispielsweise dafür, dass neue Berufsfelder für Menschen mit Behinderung geöffnet werden. Es braucht aber auch die Bereitschaft, dass Menschen mit Behinderung auf allen Ebenen tätig sein können – auch in Führungspositionen.

Antwort der FPÖ - Freiheitliche Partei Österreichs - von Norbert Hofer

Ich trete für das Modell einer so genannten progressiven Ausgleichstaxe ein. Das bedeutet, dass für jeden Arbeitnehmer mit Behinderung, der nicht eingestellt wird, die Ausgleichstaxe ansteigt. Das würde größere Betriebe stärker in die Pflicht nehmen. Denn je größer die Zahl der Mitarbeiter ist, um so leichter können die Einstellungsziele umgesetzt werden. Der öffentliche Bereich muss auch hier Vorbildwirkung zeigen, was bedeutet, dass die Ausgleichstaxe für die öffentliche Hand ersatzlos zu streichen ist und die Stellen unbesetzt bleiben, bis die öffentliche Hand ihrer Verpflichtung nachkommt.

Antwort für die GRÜNEN Österreichs von Helene Jarmer

Ich bin dafür, dass sich der öffentliche Bereich nicht von der Behinderteneinstellungspflicht freikaufen kann. Die Ausgleichstaxe sollte auf das jeweilige branchenübliche Durchschnittsgehalt angehoben werden. Wie in Deutschland sollte bereits ab 20 Angestellten eine Person mit Behinderung angestellt werden müssen.

Die Einbeziehung in das Sozialsystem und eine gerechte Entlohnung für jene Menschen, die derzeit in den „geschützten Werkstätten“ arbeiten, ist ein wichtiges politisches Ziel der Grünen. Unterstützte Beschäftigung flächendeckend umzusetzen sollte mit diesen Änderungen Hand in Hand gehen.

Antwort für die NEOS - Das Neue Österreich und Liberales Forum – von Gerald Loacker

Wir stehen prinzipiell dazu, den Unternehmern echte Anreize zu bieten, um Menschen mit Behinderung anzustellen. Hier mit Zwang vorzugehen macht aus meiner Sicht wenig Sinn. Echte Steuerbegünstigungen wären hier wohl ein besserer Hebel. Auch eine eigene Abteilung AMS Arbeitsmarktservice für „Menschen mit Behinderung“ wäre eine denkmögliche Variante.

Quelle

Volker Schönwiese: Rezension (Erweiterte Version vom 1.11.2018) von Müller, Ursula (2018): Unbehindert arbeiten. Wie Menschen mit Behinderung ihre Berufsziele erreichen. Wien: Mandelbaum Verlag.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 15.11.2018

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