Disability Pride und Identität

Themenbereiche: Geschlechterdifferenz
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: AEP Informationen 4/2015: „Nebensache Frau-Sein“. Schwerpunkt zu Mädchen und Frauen mit Behinderung, S. 34-36. ISSN AEP Informationen (4/2015)
Copyright: © Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft 2015

Identität und Anerkennung

„Der Schaffensdrang scheint der beste Schutz vor Mitleid, einer teils subtilen, teils klebrigen Form der Herablassung.“ (Kissler, 2010)

Diese Definition von „Mitleid“ findet sich ich in einer Rezension zum Buch „Erfundene Behinderungen“ und ich finde sie treffend formuliert. Der Satz spricht mich aber auch aus einem anderen Grund an: Er erinnert mich an eine Zeit in meinem Leben, in der ich sehr danach strebte, meine körperliche Behinderung als „ein verinnerlichtes Defizit” zu kompensieren, und zwar durch ein an meine Umwelt und deren Vorstellungen von Behinderung und Normalität angepasstes und strebsames Verhalten.

Dieses ständige Ringen um das Gerechtwerden einer gesellschaftlichen Norm – und damit um Akzeptanz und gesellschaftliche Anerkennung – habe ich nun schon lange hinter mir gelassen. Ich betreibe jetzt Identitätspolitik, ebenfalls eine Form des Strebens nach Anerkennung – „nach Anerkennung einer gesellschaftlich abgewerteten Differenz“ (Maskos, 2004).

Das selbstbewusste Darlegen der eigenen Sicht der Dinge ist eine von mir gewählte Möglichkeit, mit der ich der gesellschaftlichen Nicht-Anerkennung begegne. Mein Selbstbild hat sich gewandelt, ich habe als Rollstuhlfahrerin einen Emanzipationsprozess durchlaufen, nicht nur, aber vor allem auch durch die Identifikation mit Mitgliedern der Behindertenbewegung und durch ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer von einer gesellschaftlichen Mehrheit diskriminierten Minderheit.

Behindert und verrückt feiern

„Liebe Freunde und Freundinnen, liebe Freaks, liebe Krüppel und Verrückte, liebe Lahme, liebe Eigensinnige, Blinde, Kranke und Normalgestörte …“ (Degener, 2013)

So begann Theresia Degener ihre bemerkenswerte Rede bei der ersten Disability and Mad Pride Parade in Berlin im Juli 2013. Eine Parade, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, Anderssein zu zelebrieren und die Vielfalt unterschiedlicher Körperlichkeiten und Lebensstile zu feiern: „Wir sind heute auch auf der Straße, weil wir viel zu bieten haben: wir sind behindert und verrückt, wir sind aber auch lesbisch, bi oder straight, wir sind alt und jung, wir sind weiß oder people of color, wir sind MigrantInnen und NichteinwanderInnen, wir sind Frauen, Männer und Intersexuelle und Transgender, wir sind vor allem hier und heute bunt und frech…“ (ebd.)

Im Sommer 2014 war ich selbst mitten unter den über 2000 Teilnehmenden an der zweiten Berliner Disability and Mad Pride Parade. Ich bin eingetaucht in dieses Wir-Gefühl, habe mitgetanzt und mitgefeiert. Im Alltag ist der Kampf gegen das Behindertwerden ein meist einsames, zeit- und kraftaufwändiges Unterfangen. Das gemeinsame und laute Sich-Abgrenzen von einer Kultur, die ein Fühlen, Denken und Leben außerhalb ihrer Norm unterdrückt, hat mir gut getan. Ich habe diese Parade mit einem besonderen Gefühl erlebt, das ich im Nachhinein als „macht- und lustvoll“ beschreiben würde. Für mich hat sich das bestätigt, was in theoretischen Abhandlungen zum Thema Identitätsfindung behinderter Menschen und in deren Erfahrungsberichten immer wieder zu lesen ist: Auf dem Weg hin zu einer selbstbewussten Identität braucht es die Identifikation mit der eigenen marginalisierten Gruppe und die bewusste Distanzierung von einer Gesellschaft, die Gleichheit und Anpassung propagiert.

In diesem Sinne möchte ich nochmals auf die Rede von Theresia Degener zurückkommen: „… Behinderung als Lebensstil wertschätzen, den Respekt vor unserer Würde einfordern. Das sind unsere Bedingungen für Inklusion, denn wir sind nicht mehr bereit, uns dem Terror der Normalität zu beugen …“ (ebd.).

Dieser „Terror der Normalität“ ist auf unterschiedliche Art wirksam und für mich häufig auf sehr subtile, unterschwellige Weise spürbar, weshalb ich Jahre gebraucht habe, ihn offen abzuwehren. Er zeigt sich in mitleidigen Blicken, die mir begegnen, oder im unsicheren, manchmal auch ablehnenden Verhalten meines Gegenübers. Er zeigt sich in ausgrenzenden Sonderbehandlungen, wie auch im schlichtweg Ignoriert- oder Übersehen-Werden. Diese abwertenden Blicke, Verhaltensweisen und Sonderbehandlungen beschämen und mindern – einmal internalisiert – das eigene Selbst.

Die offene, selbstbewusste Identifikation mit und die bekennende Zugehörigkeit zur marginalisierten Gruppe ermöglicht, „nicht mehr im Konflikt mit dem beschämenden Teil des Selbst zu stehen“ (Maskos, 2004).

Yes, we dance

„Mitleid mit Behinderten ist keine Tugend, sondern Dominanzverhalten.“ (Degener, 2013).

Sich diesem gesellschaftlichen Dominanzverhalten entgegenzustellen, war und ist für mich persönlich die Herausforderung auf meinem Weg zur Identitätsfindung und Selbstverwirklichung. Dabei habe ich das Tanzen als eine Möglichkeit entdeckt, diesen Weg zu beschreiten - Tanzen als Ausdrucksform eines inklusiven Gesellschaftsbildes. Als Dance Ability - Tänzerin eröffnet sich mir ein Raum für Begegnungen mit Unterschiedlichkeit, mit Anderssein, mit Vielfalt. Dance Ability ist eine Form des kreativen Ausdruckstanzes, basierend auf Improvisation und Kontaktimprovisation. Dies erlaubt ein Tanzen in der eigenen Zeit, mit den eigenen Bewegungen und Vorstellungen. Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Körper und ihrer Möglichkeiten sich auszudrücken wird zelebriert und wertgeschätzt. Dance Ability ist Tanz für alle und schafft den TänzerInnen Raum, ihre individuelle körperliche Ausdrucksform, ihre Bewegungssprache zu entwickeln und zu zeigen.

Wenn ich tanze, präsentiere ich mich in meiner Körperlichkeit und zeige meine persönliche Sicht auf (meine) Behinderung. Ich bringe meine Erfahrungen ein und inszeniere mich und meinen Körper, liefere ihn bewusst den Blicken der Umgebung aus. Dabei geht es auch darum, binäre Identitäten, wie behindert – nichtbehindert oder alt – jung, aufzubrechen. Binäre Identitäten beruhen auf der Bewertung von Körpern nach ihren Unterschieden. Die Abkehr von defektorientierten Körperbewertungen ist Voraussetzung, um neue Körperbilder entstehen zu lassen. Alito Alessi, US-amerikanischer Tänzer und Begründer von Dance Ability, drückt dies folgendermaßen aus: „Dance Ability ermöglicht eine Kultur des Miteinanders, in der wir Barrieren und Sichtweisen, die uns einengen und uns voneinander trennen, beseitigen. Wir erschaffen uns diese Kultur in den wenigen Stunden oder Tagen des miteinander Tanzens.“[1]

Für uns Dance Ability-TänzerInnen zählen die zwischenmenschliche Begegnung und der eigene Ausdruck, die eigene Individualität, so sein zu dürfen, wie man/frau ist. Es geht darum, den eigenen Körper bewusst zu erleben und ihn ohne Worte sprechen zu lassen.

Daher verstehe ich Dance Ability sowohl als eine Form künstlerischen Ausdrucks, als auch als eine wichtige kunst- und gesellschaftspolitische Haltung. „Yes, we dance“ ist eine der Antworten, die ich einer normativen, leistungsorientierten und Minderheiten gegenüber intoleranten Mehrheitsgesellschaft entgegen stelle.



[1] Alito Alessi (2006). Zitat im Rahmen der Dance Ability Teacher – Ausbildung in Wien: „„In Dance Ability we create a new culture in microcosm for a few hours or a few days, where we remove the common barriers and perspectives that limit our potential and segregate us from one another.“ (Übersetzung ins Deutsche von der Autorin)

Behinderung als Teil der Identität

Den Anderen in seiner Individualität anzuerkennen bedeutet, „den normzentrierten Wertmaßstab gegen eine Haltung auszutauschen, die sich durch eine Bereitschaft des ständigen Dazulernens und einer Offenheit für den Anderen auszeichnet. Auf Behinderung bezogen heißt dies, den anderen Körper als Teil der menschlichen Verfasstheit anzuerkennen” (Maskos, 2004).

Ich erfahre und empfinde meine Behinderung als Teil meiner Persönlichkeit, meiner Identität. Die Person, die ich jetzt bin, bin ich auf Grund meiner Erfahrungen, Erlebnisse, auf Grund meiner bisherigen Lebensgeschichte. Meine Behinderung ist Teil dieser Geschichte. Mir ein Leben ohne Behinderung zu wünschen, würde bedeuten, mich meiner Identität berauben zu wollen. In mir als Person wird Behinderung als sogenannter Zustand in seiner Wertigkeit aufgehoben. Ich vereine diesen und andere wertbesetzten Begriffe in mir und forme damit meine Identität.

Quellen:

Degener, Theresia (2013). Rede anlässlich der ersten Disability and Mad Pride Parade in Berlin. https://www.youtube.com/watch?v=12NeKUEfUX0&spfreload=10

Kissler, Alexander (2010). Süddeutsche Zeitung, 06.09.2010. Rezension des Buchs von Christian Mürner: Erfundene Behinderungen. Bibliothek behinderter Figuren. Verlag AG SPAK, Neu-Ulm, 2010.

Maskos, Rebecca (2004). Leben mit dem Stigma: Identitätsbildung körperbehinderter Menschen als Verarbeitung von idealisierenden und entwertenden Stereotypen. Im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/maskos-stigma-dipl.html

Riegler, Christine (2011). Identität und Anerkennung. In: Christian Mürner, Udo Sierck (Hrsg.): Behinderte Identität? Neu-Ulm: AG SPAK.

Quelle

Christine Riegler: Disability Pride und Identität. Erschienen in: AEP Informationen 4/2015: „Nebensache Frau-Sein“. Schwerpunkt zu Mädchen und Frauen mit Behinderung, S. 34-36. http://aep.at/aep-informationen/ ISSN 2072-781X

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 19.01.2016

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation