Zur Situation der schulischen Integration in Österreich

AutorIn: Helene Pumm
Themenbereiche: Kultur
Textsorte: Referat
Releaseinfo: Referat am: 11. Österreichischen Symposium für die Integration behinderter Menschen "Es ist normal, verschieden zu sein", Innsbruck, 6.-8. Juni 1996 Veranstalter: "Tafie - Tiroler Arbeitskreis für integrative Erziehung" in Zusammenarbeit mit der "Tiroler Vereinigung zugunsten behinderter Kinder" und dem "Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck".
Copyright: © Helene Pumm 1996

Zur Situation der schulischen Integration in Österreich

Ich werde versuchen, die momentane Stimmung zu beschreiben:

politisch

persönlich

bezugnehmend auf Erlebnisse anderer Eltern

jetzt - früher

Für mich läßt sich die Situation von heute nicht beschreiben, ohne darüber zu reflektieren, wie es zu dieser Situation gekommen ist. Ebenfalls in politischer, persönlicher und bezugnehmend auf Erlebnisse anderer Eltern.

Ich bin Mutter einer hörbehinderten und einer sogenannten nicht behinderten Tochter.

Meine hörbehinderte Tochter ist jetzt 20 Jahre alt.

Jeder von Ihnen hat seinen ganz persönlichen Zugang zur Integration. Die erste Auseinandersetzung mit Integration passiert bei der Diagnose der Behinderung.

Das ist nämlich der Augenblick, in dem wir Eltern uns das 1. Mal selbst ausgesondert fühlen.

"Ihr Kind wird nie normal sprechen können, es wird nie in einen normalen Kindergarten, nie in eine normale Schule gehen können."

Das habe ich vor 18 Jahren zu hören bekommen.

"Ihr Kind hat das Down-Syndrom!"

"Was ist das?"

"Früher hat man Dorftrottel dazu gesagt"

Das haben andere Eltern zu hören bekommen.

Freunde wenden sich ab, weil sie mit der neuen Situation nicht umgehen können. Familienmitglieder haben ständig gute Ratschläge. Therapeuten wissen ganz genau, daß das Kind keine Chance hat; wenn sich die Mütter nicht als Co-Therapeuten bewähren.

Und so sucht man einen Weg.

Einen Weg zurück in die Gesellschaft. Zurück in ein gemeinsames

Leben, in ein gemeinsames Lernen.

Wir integrieren

11. Symposium f.d. Integration behinderter Menschen

Das heißt für mich:

  • 11 Jahre Kampf und massiver, persönlicher Einsatz von Eltern für die Rechte ihrer Kinder

  • 11 Jahre Kampf vieler Lehrer für einen erfüllteren und besseren Unterricht

  • 11 Jahre Kampf vieler Therapeuten für eine kind- und familiengerechtere Therapie

  • 11 Jahre Kampf vieler Ärzte für einen menschlicheren und ganzheitlichen Umgang mit ihren Patienten

  • 11 Jahre Kampf mancher Politiker und Beamter für eine besssere Gesellschaft

Warum sage ich Kampf?

Weil mir kein besseres Wort dafür einfällt, wenn man sich an die Wand gedrängt fühlt, sich ausgesondert fühlt, sich unverstanden fühlt, . . . . - und sich wehren muß.

Kampf macht müde und mürbe. Damit das aber nicht passiert, damit wir Kräfte und Energien sammeln können - deshalb gibt es unsere Symposien. Weil wir hier spüren, sehen und " riechen", daß wir nicht alleine sind.

Alleine mit unseren Wünschen, Träümen und Visionen.

Sehr viel wurde erreicht in diesen 11 Jahren und doch stehen wir wieder ganz am Antang.

Wir kämpfen wieder um Recht statt Gnade, wieder um eine engagiertere Politik der Schulbehörde, wieder um mehr Verständnis der Beamten - um das Recht der Nichtaussonderung in der Sekundarstufe.

Vor 10 Jahren hatte ich den ersten Kontakt, mit den sogenannten Pionieren der Integration.

Meine Tochter war im normalen Kindergarten und besuchte gerade die 3. Klasse einer normalen Volksschule.

Ich lernte Integration unter dem Motto "Wenn sie dies und jenes kann, dann kann Ihre Tochter integriert werden". Auf uns lastete ein enormer Druck, der so begehrten normalen Gesellschaft zu entsprechen.

Als ich also wieder einmal auf Herbergsuche für meine Tochter war, diesmal ging es um die Sekundarstufe, lernte ich am Tag der offenen Tür in der AHS Anton Krieger Gasse, Renate Jung kennen. (Die Gründerin der Elterninitiative Wien)

Sie lud mich zu einem Treffen ein. Im Laufe der Zeit lernte ich Integration von einer anderen Seite kennen.

Nicht das Kind muß entsprechen, sondern das System.

Ich habe gelernt, daß es Aufgabe der Gesellschaft ist, sich den Menschen mit Handicaps zu widmen. Der einzelne Behinderte hat das Recht auf entsprechende Strukturen und die Gesellschaft die Pflicht, Strukturen zu schaffen.

Es gibt bereits Gesellschaften, die sich dieser Aufgabe gewidmet haben, wie z.B. die Amerikaner mit ihrem Gesetz: "Americans with disabilities-act".

Den vorhin genannten Pionieren möchte ich bei dieser Gelegenheit danken. Für ihren Mut, für ihr Vertrauen, das sie in uns Betroffene hatten und mit dem sie uns gestärkt haben:

Durch Gertraud Schleichert, Brigitte Leimstetter und Gabriele Hutterer wurde im Burgenland 1984 die 1. österreichische Integrationsklasse gegründet.

Dicht gefolgt von der Steiermark, wo durch Helga Tomann, Helga Vukan und Bertl Nobis die 1. I-Klasse 1985 in Kalsdorf eröffnet wurde. Die Initiative ISI, sehr unterstützt durch Volker Rutte und Gitti Petritsch.

1986 beschließt der Bundesrat einstimmig auf Antrag von Maria Rauch-Kallat, die Aufforderung an die Bundesregierung, integrative Schulversuche zu ermöglichen.

1986 wird auf Initiative von Renate Jung und Karl Köppel der Wiener Verein "Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen" gegründet.

In Wien werden nach vielen fruchtbaren "Gefechten" die ersten Integrationsklassen unter Stadtschulratspräsident Matzenauer gegründet .

Heinz Forcher verschafft sich 1986 als Sprecher der Elterninitiativen auf besonders unvergeßliche Art bei Unterrichtsminister Moriz Gehör. --- Die Arbeitsgruppe "Behinderte Kinder im Regelschulwesen" , in der Eltern, Pädagogen und Beamte gemeinsam beraten, wird gegründet.

Peter Gstettner, Univ. Prof. in Klagenfurt steht uns jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Gibt uns Eltern enorm viel Rückendeckung, indem er uns das Gefühl gibt, auch von uns lernen zu können.

Was die UNESCO im 94er Jahr empfiehlt, daß behinderte Kinder das Recht haben sollten, mit den Nachbarskindern die Schule besuchen zu dürfen - das wird von uns allen bereits seit 1986 gefordert.

Im Herbst 1986 wurde meine Tochter in der Anton Krieger Gasse im Schulversuch Neue Mittelschule aufgenommen. Als einziges behindertes Kind in einer Schule mit ca. 1000 Schülern.

Sie blühte förmlich auf, als nach und nach Integrationsklassen an dieser Schule entstanden. Verschieden behinderte Kinder in der Schulgemeinschaft aufgenommen wurden.

Als im Schuljahr 90/91 in insgesamt 133 I-Klassen 504 behinderte Kinder und ca. 96U behinderte Kinder in normalen Klassen mit Stützlehrern unterrichtet wurden, starteten die Elterninitiativen eine Petition an den Nationalrat: "Integration als Recht, nicht als Gnade". Wir wollten ein Gesetz, keine Bittgänge und Almosen mehr. Diese Petition wurde von Unterrichtsminister Scholten anerkannt.

Er war ein Minister, der sich betroffen machen ließ! Er arbeitete Seite an Seite mit den Elterninitiativen, akzeptierte uns als das war wir in diesen Jahren auch würden - kompetente Partner. Nicht nur als Experten unserer behinderten Kinder, sondern auch als jene, die sich international umgeschaut haben und pädagogisch sachkundig wurden.

Dieses Klima hat sich leider verändert. Wir dürfen Wünsche deponieren und erfahren dann irgendwie "hintenherum", ob unsere Wünsche Aussicht auf Erfolg haben.

Seit 1993 gibt es die 15. SCHOG-Novelle. Sie bringt in der Volksschule das Recht auf Integration.

In der Verwirklichung dieses Rechtes gibt es allerdings dramatische Unterschiede, von Land zu Land - und von Schule zu Schule.

Noch dazu wo SPZ (sprich Sonderschulen) als Beratungsstellen für Integration eingesetzt werden. ...Aussage einer SPZ-Leiterin zu einer betroffenen Mutter: "Die Sonderschule ist für ihr Kind viel besser geeignet.....und wissen Sie, was Sie ihrem Kind damit (damit ist die Regelschule gemeint) antun?".

Es gibt Direktoren, die behinderte Kinder abweisen, weil sie an ihrer Schule keine Möglichkeit haben. - Hier spreche ich nicht von baulichen Möglichkeiten.

Es gibt Hauptschulen, die aus nichtbehinderten Kindern, Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf machen, damit die Lehrer ihre Stelle nicht. verlieren.

Es gibt Abstimmungen.

Es gibt Elternabende, wo man "vergißt", die Eltern der behinderten Kinder einzuladen.

Es gibt aber auch Schulen, wo Eltern und Kinder wie Gäste aufgenommen und behandelt werden. Wo Lehrer, Schüler und Eltern gestalten und miteinander arbeiten.

Es gibt Beamte, die sich 100%ig für unsere Sache einsetzen.

Integration hat viele Gesichter!

Sie kann sehr, sehr anstrengend sein - aber auch sehr erfüllend und sehr glücklich machen. Sie kann unsere Schulen und unsere Gesellschaft "menschlicher" werden lassen. Engagement und Flexibilität erwecken sie zum Leben. Sturheit, Wurschtigkeit und Ablehnung gefährdet sie.

Meine Tochter hat in ihrem Schulalltag alle diese Gesichter kennengelernt. Sie hat im Mai 1994 die Anton Krieger Gasse als stolze, selbstbewußte und glückliche Maturantin verlassen. Gewappnet für ihre Berufsausbildung und das manchmal sehr rauhe Leben da draußen. So rauh, wie im Moment der politische Wind bläst.

Wir stehen für das Recht auf Integration in der Sekundarstufe. Dafür werden wir uns einsetzen.

Lassen Sie mich mit einem Zitat von Fr. Minister Gehrer schließen:

"Derzeit ist die Integration behinderter Kinder nur in der Volksschule möglich. Das geltende Regierungsabkommen sieht jedoch vor, daß der gemeinsame Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kinder auch nach der Grundschule fortgeführt werden soll. Ich versichere Ihnen, daß ich mich dafür einsetzen werde, dieses Vorhaben Realität werden zu lassen."

(Nachzulesen in der Broschüre "Voneinander Lernen" BMUK 01/96)

Frau Minister, wir nehmen Sie beim Wort! Vergessen Sie, daß Sie Lehrerin waren und es Ihrer Lehrervertretung recht machen müssen. Unterstützen Sie mich mit Ablehnung, sondern mit besseren Rahmenbedingungen.

Man wirft uns Elterninitiativen vor, zu wenig sachlich, zu emotional zu sein. Und ich sage, ohne Emotionen hätten wir das alles nicht erreicht. Daß wir heute über schulische Integration sprechen, haben wir den Elterninitiativen zu verdanken. Wir freuen uns sehr, daß es bereits in allen Bundesländern Österreichs welche gibt.

Erstmalig in der Geschichte der 2. Republik wurde das "Flaggschiff" Schule von der Basis aus verändert. Sehr viel zum Positiven, sehr viel noch unausgegoren, sehr viel ist noch zu lernen und zu tun.

Danke an alle, Eltern, Lehrer, Therapeuten, Beamte und Politiker, die dazu beigetragen haben, Schule Gesellschaft, Therapie - Leben zu verändern.

Danke, daß Euch das trotz enormer Belastungen gelungen ist.

Bitte gebt nicht auf.

Quelle:

Helene Pumm: Zur Situation der schulischen Integration in Österreich

Referat am: 11. Österreichischen Symposium für die Integration behinderter Menschen "Es ist normal, verschieden zu sein", Innsbruck, 6.-8. Juni 1996

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 20.04.2006

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