Zur Pragmatik der Vision einer Schule für alle - Teil 4d

Integrative Unterrichtsgestaltung im Spiegel von Theorie und Alltagspraxis am Beispiel der ersten Hauptschulintegrationsklassen in Vorarlberg

Themenbereiche: Schule
Textsorte: Dissertation
Releaseinfo: Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades einer Doktorin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck, eingereicht bei a.o. Univ.-Prof. Dr. Volker Schönwiese am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck, Innsbruck, März 2002. Zurück zur Indexseite
Copyright: © Claudia Niedermair 2002

Zur Pragmatik der Vision einer Schule für alle - Teil 4d

4.5 THEMENZENTRIERTES ARBEITEN IN DER SEKUNDARSTUFE VERKNÜPFUNG UNTERSCHIEDLICHER UNTERRICHTSFORMEN

Themenzentriertes Arbeiten ist keine Unterrichtsform, sondern ein Organisationsprinzip von Unterricht. Im Kern geht es darum, die Segmentierung eines komplexen Themas durch das Fachprinzip zumindest teilweise zu überwinden - und dennoch die Vorteile der Fächerung, die es ja durchaus gibt, zu erhalten. Themenzentriertes Arbeiten in einem nach Fächern gegliederten System erfordert demnach die Zusammenarbeit mehrerer Fächer unter einem Schwerpunkt- oder Leitthema, die Auswahl der Lehrinhalte orientiert sich nicht ausschließlich an der Systematik eines einzelnen Faches, sondern am gemeinsamen Thema. In der didaktischen Literatur wird dieses Organisationsprinzip mit fächerübergreifendem oder fächerverbindendem Lernen bezeichnet, wobei fächerübergreifendes Lernen eher additiven, fächerverbindendes Lernen integrativen Charakter hat. (Vgl. Peterssen 1997, 122) Für die Praxis erscheint diese Unterscheidung wenig relevant. Thematische Einheiten ziehen sich über einen längeren Zeitraum hin und können in unterschiedlichsten Lernformen (Wochenplanarbeit, lehrerzentrierte Einheiten, projektorientierte Arbeitsweisen) bearbeitet werden.

Themenzentriertes Arbeiten mit anschließenden Projekttagen oder auch umgekehrt im Ablauf wurde in allen Pionier-Integrationsklassen praktiziert, wobei diese Form der Unterrichtsorganisation im Praxisalltag meist als »Projektunterricht « bezeichnet wird. In manchen Klassen hebt sich diese Form vom Schulalltag ab, in zwei Klassen (A und C) wurde dieses Gestaltungsprinzip während des ganzen Jahres nach Möglichkeit angewendet, wobei die Anzahl der beteiligten Fächer variabel war.

Notwendige Voraussetzung dafür ist das Erstellen einer gemeinsamen Jahresplanung, damit Themenüberschneidungen und -verbindungen überhaupt sichtbar werden. In der Praxis haben die meisten Hauptschullehrer für ihre Fächer Jahresstoffverteilungen, gemeinsame, koordinierte Jahresplanungen sind offensichtlich auf der Sekundarstufe bisher eine Novität ausgesprochen engagierter Lehrergruppen.

Themenzentriertes Arbeiten in Kombination mit offenen Angeboten und Wochenplanstruktur - man könnte es auch als Anfänge von vernetztem Arbeiten bezeichnen, setzt Veränderungen in der Arbeitskultur in dem nach Fächern gegliederten System der Sekundarstufe voraus. Die Erfahrungen der Pionier-Integrationsklassen zeigen, dass es viele im Lehrplan festgelegte Fach-Inhalte gibt, die sich unter einem Schwerpunktthema zu einem sinnvollen Ganzen zusammenführen lassen - und im Wesentlichen der Intention des neuen Hauptschullehrplans (Lehrplan 99) entsprechen. Allerdings ist diese Unterrichtsorganisation sehr arbeitsintensiv, vor allem, weil gängige Schulbücher, der Lehrplan und auch die Ausbildung nach der dem jeweiligen Fach immanenten Systematik aufgebaut sind. Zusätzlich müssen Lehrer dadurch teilweise auf Schulbücher verzichten.

Voraussetzungen für themenzentrierten Unterricht in der Sekundarstufe:

  • Gemeinsame Planung (langfristig - Jahresplanung, Abschnittsplanung)

  • Unterordnung der Systematik des Faches unter ein gemeinsames Thema

  • Klares Bekenntnis zum exemplarischen Lernen

4.5.1 Beispiel 1: Wasser - 3. Klasse Hauptschule

Lustenau Kirchdorf

Lehrplanbezug

Im Lehrplan der 3. Klasse Hauptschule, aber auch im Lehrplan der 7. Schulstufe ASO kommt das Thema Wasser in vielen Fächern vor:

  • Hauptschule:

- Biologie

- Geographie und Wirtschaftskunde

- Physik/Chemie

  • ASO 7 (nur auszugsweise):

- Biologie: Tierleben am und im Wasser

- Geographie: Lebensbedingungen am Meer,Meeresklima

- Physik/Chemie: Auftrieb im Wasser

Das Thema Wasser kann sowohl in Deutsch als auch in Musik, Bildnerischer Erziehung und Werken mit vielen Lernzielen verknüpft werden. Für Jugendliche mit erhöhtem Förderbedarf bietet dieses Thema eine ganze Fülle von Lernmöglichkeiten auf allen Lernniveaus und in unterschiedlichsten Bereichen.

Planung

In der Vorplanung suchten alle beteiligten LehrerInnen teilweise nach möglichen Inhalten, Zielen, Lernorten, nach Materialien. Diese Sammlung wurde schriftlich festgehalten. Dabei wurde der grobe Rahmen festgelegt, dass im Fachunterricht und in der Freiarbeit über mehrere Wochen zum Thema Wasser gearbeitet werden sollte und am Schluss Projekttage stattfinden sollten.

Physik/Chemie

Was ist Wasser?

• Untersuchen von verschiedenem Wasser

• 7 lebenswichtige Eigenschaften von Wasser

(erklären,Versuche)

• Zerlegen von Wasser

Was versteht man unter Wasserqualität?

• Wasseruntersuchung: Pestizide, Phosphate,

Nitrate, Ph-Werte,Wasserhärte

• Gewässerschutz/Trinkwasseraufbereitung

Energie aus Wasser

Deutsch

• Versuchsprotokolle

• Exkursion: Berichte

• Phantasiegeschichten

(Ein Wassertropfen erzählt)

• Referate zu Themen aus den Realien

• Gedichte/Texte (Lesebücher, Bücher)

• Redensarten mit Wasser

• Wasserverben

• Wortschatzübung

Geographie und Wirtschaftskunde

Das Meer

• Grundbegriffe zum Meer (Ebbe/Flut)

• Bedrohung des Meeres

• Leben am Meer

• Meer und Klima

• Früchte aus dem Meer

• Verschmutzung des Meeres

Österreich:

• Das Wetter (Grundbegriffe)

• Wetterbeobachtung

• Typische Wettersituationen

• Sprüche zum Wetter

Erstellen eines Kalenders (z. B. Seen Österreichs,

Von der Quelle zur Mündung)

Lustenau:

• Straßennamen, die mit Wasser zu

tun haben

• Einzeichnen in eine Straßenkarte

• Brunnen in Lustenau

Wasserlexikon:

• Begriffe zum Wasser von A - Z

Fragenkatalog zum Wasser - Wasserquiz

Musikerziehung

• Wassergeräusche

• Wasserinstrumente (Flötenrohr, Flaschen,

Glasharfe,Waterdrums ...)

• Regengeschichte mit Bewegung

• Walgesänge

Klassische Musik mit Wasser:

• Händel:Wassermusik

• Debussy: La Mer

• Saint Sains: Karneval der Tiere/Aquarium

• 6. Sinfonie Beethoven: Gewitter

• Smetana: Die Moldau

• Schubert: Fischermädchen

• Strauß: Donauwalzer

Biologie

Fließgewässer

• Flusszonen

• Güteklassen

• Kleinstlebewesen

• Gewässerreinigung

• Versuch Selbstreinigung

Stehende Gewässer (See, Tümpel)

• Uferzonen

• Lebewesen

• Schulbiotop

Meer:

• Ökologie des Meeres

• Nahrungsketten

• Kreislauf im Meer

• Bedeutung des Meeres für das Weltklima

Bildnerische Erziehung

• Diaserie:Wasser in der Kunst

• Wassertropfen pusten

• Marmorieren

• Aquarelle

• Action Painting zu Wassermusik

mit eigenen Instrumenten

• Fischernetz in der Klasse aufhängen -

Fische aus Styropor

• Nass in Nass (dann mit Tusche

ausarbeiten)

• Collage:Wasserbild/Blautöne

Sonstiges

• Exkursionen

• Kläranlage

• Wasserwerk

• Wasserkraftwerk

• Meeresfrüchte Buffet (Hauswirtschaft)

Projekttage Rhein

• ›Rheinschauen‹ - lokale Ausstellung

zum Thema »Der Rhein«

• Uferreinigung

• Rheinfälle - Stein am Rhein

• Rheindelta - Vogelexkursion

• Werken/BE: Verschiedene Angebote, z. B.

Brückenpfeiler bemalen, Abfallkübel für

den Alten Rhein (Erholungsgebiet)

herstellen

• Fischen

Die SchülerInnen wurden rechtzeitig über das Vorhaben informiert, Lehrervorschläge aus obiger Sammlung ausgehängt und zur Diskussion gestellt. Die SchülerInnen ergänzten die Ideensammlung auf einer Wandzeitung. Dabei gab es selbstverständlich verbindliche Inhalte, die von den Lehrern vorgegeben wurden, andere konnten ausgehandelt werden.

Als gemeinsamer Einstieg in das Thema bot sich eine Multivision-Show von Greenpeace: »Im Zeichen des Wassers - vom Element des 21. Jahrhunderts« an, die von der ganzen Schule besucht wurde.

Im Anschluss daran wurden aus dem Ideenkatalog in jedem Fach Inhalte, Ziele und Aufgabenstellungen gemeinsam konkretisiert. Das Lernen erfolgte nun in einem Wechsel von offenen und gebundenen Phasen, wobei die Schüler vielfältige Wahlmöglichkeiten hatten. Um einen Einblick in diese Arbeitsweise zu ermöglichen, werde ich einige Beispiele skizzieren:

Zum Beispiel Physik:

In einer gemeinsamen lehrerzentrierten Stunde wurde in das Thema Wasserqualität- Wasserverschmutzung eingeführt. In der Freiarbeitsphase konntendie Schüler verschiedenste Tests durchführen, um den Gehalt bestimmter, fürdas Auge unsichtbarer Substanzen (Nitrit, Ammonium, Nitrat, Aluminiumspuren,Eisen) nachzuweisen. Im Physik-Labor (Physik-Ecke) waren Versuchsanweisungen,die dazu benötigten Materialien, Sachinformation und vorstrukturierteProtokollblätter vorbereitet. Auch wenn solche Versuche für Jugendlichemit erhöhtem Förderbedarf zu abstrakt sind, um verstanden zu werden, schautensie mit großem Interesse zu, wie sich die Teststreifchen beim Eintauchen indie Wasserproben verfärbten. Gemeinsam mit dem Sonderpädagogen verdampftenund kondensierten sie Wasser. Im Physik-Labor konnten sie selbständigbzw. mit einem Partner herausfinden, welche Gegenstände schwimmen, welche sinken. Einfache Wasserversuche - Erfahrungen mit Wasser - werden für die Kinder mit erhöhtem SPF (wie bereits im Werkstattunterricht) über einen bedeutend längeren Zeitraum fortgeführt und öfters wiederholt als mit den Hauptschülern, sowohl als Angebot im Wochenplan als auch im Rahmen der individuellen Förderung.

Versuchsprotokoll

Auszug aus Versuchsprotokoll

Zum Beispiel Geographie

Das Meer

In einer gemeinsamen Einführung wurden Ziele, Inhalte, Arbeitsweise und die Form der Präsentation zum Thema Meer vom Fachlehrer konkretisiert und festgelegt, wobei Ideen und Wünsche der Schüler mitberücksichtigt wurden. Die Schüler sollten zu folgenden Themen im Rahmen der Wochenplanarbeit arbeitsteilig Sachinformation sammeln und Plakate gestalten: Erklären von Grundbegriffen, Bedeutung des Meeres für die Menschen, Bedrohung durch das Meer, das Meer als Nahrungsquelle, Meer und Klima, Verschmutzung usw. Die Schüler bildeten Gruppen und jeder konnte sich in einem vorgegebenen Rahmen in ein Thema seiner Wahl vertiefen. Zur Unterstützung für die eigenständige Arbeit erhielt jede Gruppe Leitfragen, deren Antworten das Fundamentum der Plakate bildete und nach der Präsentation von allen Schülern als Basiswissen mit abschließender Lernzielkontrolle gelernt werden musste.[1]

Plakate zur Geographie

Einbindung von Jugendlichen mit erhöhtem SPF

Im Zusammenhang mit der Plakatarbeit (Meer als Nahrungsquelle) bereitete eine Gruppe von SchülerInnen ein Buffet aus Meeresfrüchten vor - was wiederum im Vorfeld ein reichhaltiges Aufgabenfeld für die Schüler mit erhöhtem Förderbedarf bedeutete: (Einkauf in Dornbirn: Einkaufszettel schreiben, Einkaufsgespräch; Busfahrt nach Dornbirn - Lernbereich Mobilität; Buffet mit der Schülergruppe vorbereiten und aufbauen: Servietten im Vorfeld falten, Tisch decken: Lernfeld Selbstversorgung ...)

Meeresfrüchte-Buffet

Meeresfrüchte-Buffet

Straßen in der Heimatgemeinde, die ihre Namen vom Wasser haben

Als Zusatzaufgabe suchte eine Gruppe von HauptschülerInnen aus einem Heimat- Büchlein alle Straßennamen, die mit Wasser zu tun haben, und deren Bedeutungen heraus. Daran knüpften die Lehrer langfristige individuelle Fördermaßnahmen für die Schüler mit erhöhtem Förderbedarf im Bereich ‹Heimat‹ und ›Mobilität‹ (Strukturgitter 3a, Lehrplan für schwerstbehinderte Kinder) an. In lehrerzentrierten Geographie-Stunden, in denen auf für sie zu hohem kognitivem Niveau gearbeitet wurde, lernten sie mit dem Sonderpädagogen ihre Heimatgemeinde kennen, und zwar auf der Suche nach den ›Wasser‹-Straßen, die sie fotografierten. Daraus entstand ein gemeinsames Produkt: Die Hauptschüler hatten die Namen und Bedeutungen herausgeschrieben, die ASO-Kinder suchten die Straßen auf dem Plan und malten sie an, um den Umgang mit Plänen zu üben, die Schüler mit erhöhtem Förderbedarf lieferten die Fotos dazu. Die Fotos wurden zum Medium, das Lernziel war Vertraut-Werden mit der Gemeinde, sich orientieren können, nach einem Weg fragen können.

Aus dem Album mit Wasser-Straßen-Namen

Zum Beispiel Deutsch

Im Rahmen von Deutsch bot es sich an, das Thema Berichte mit dieser Unterrichtseinheit zu verknüpfen, da mehrere Exkursionen auf dem Programm standen. In mehreren lehrerzentrierten Einheiten wurden die Textmerkmale eines Berichts erarbeitet, wurden Berichte mit anderen Textsorten verglichen und nach Unterscheidungsmerkmalen analysiert. Ein Übungsbericht entstand nach der Exkursion in ein Wasserkraftwerk, ein anderer nach dem Besuch des Wasserwerks (Trinkwasseraufbereitung); ein weiterer nach einer Exkursion zur Kläranlage - diese waren gleichzeitig Lehrstoff in Physik/Chemie, d. h. sie wurden diesem Fach zugeordnet.

Ein anderer Schwerpunkt waren Referate zu selbstgewählten Themen im Zusammenhang mit Wasser. Manche SchülerInnen verknüpften diese Aufgabenstellung mit Aufträgen aus den Realien, andere fanden völlig eigenständige Themen, die ihre Interessen widerspiegelten, z. B. Piranhas und Sägesalmler, Angeln, Tropfsteinhöhlen, Das U-Boot u.v.m.

Differenzierungen sowohl beim Erstellen von Berichten - im Falle von Kindern mit SPF können es auch nur logisch aufgebaute, freie, eher erlebnishaft gestaltete Texte sein - als auch beim Erarbeiten von Referaten ergeben sich von selbst. Aufgabe der Lehrer ist es jedoch, Kindern mit Schwierigkeiten Unterstützung zu geben.[2]

Hilfestellungen könnten sein:

  • Die Schüler erzählen das Erlebte zuerst in einer Kleingruppe;

  • Der Lehrer schreibt Stichworte (Wortgruppen) auf;

  • Gemeinsames Erstellen einer Gliederung (sowohl beim Text als auch beim Referat)

  • Hilfe bei der Auswahl von Unterlagen

Zum Beispiel Musik/Bildnerische Erziehung

In beiden Fächern wählten die SchülerInnen die Themen aus dem großen Angebot aus. Zwei davon eigneten sich wieder ausgezeichnet als Anknüpfungspunkte für Kinder mit erhöhtem SPF: Eine Schülergruppe stellt ein Quiz mit Wassergeräuschen her, denen Bilder zugeordnet werden mussten. In Bildnerischer Erziehung wählten die Kinder die Klassendekoration mit Styropor-Wassertieren (und Steckbriefen = BU/Deutsch), die an einem Netz befestigt die Klasse schmücken sollten. Eine Ergänzung dieser Dekoration während der Dauer der Unterrichtseinheit war jederzeit möglich und deshalb ein sehr passendes Angebot für die Kreativ-Ecke (Figur des Aufeinander-bezogen-Seins).

Projekttage »Rhein« - Übersicht

Zum Abschluss der themenzentrierten Unterrichtseinheit(en) zum Thema Wasser gab es Projekttage unter dem Motto »Der Rhein«, der die Heimatgemeinde der Schüler zur Schweiz hin abgrenzt. Gemeinsam hatten SchülerInnen und Lehrer das folgende Programm festgelegt:

Projekttag 1

Die Klasse hatte sich entschlossen, neue Müllkübel für das Naherholungsgebiet »Alter Rhein« herzustellen. Als einheitliches Motiv wählten sie die Figur von Mariscal, die bei den olympischen Sommerspielen in Barcelona verwendet wurde: Sportler, die den Müll in den Abfallkübel werfen, rollen, schießen usw. Alte Ölfässer wurden vom Bauhof der Gemeinde zur Verfügung gestellt, der auch die Aufstellung im Naherholungsgebiet besorgte. Mit dieser Aktion gelangte die Klasse auf die Titelseite der lokalen Zeitung der Gemeinde, was für Schüler immer eine besondere Form der Wertschätzung bedeutet.

Bemalte Mülltonnen

Aus einem Bach fischten die Schüler Kleinstlebewesen heraus, anschließend bestimmten sie die Tierchen unter dem Mikroskop und konnten aus der Häufigkeit des Auftretens auf die Wassergütequalität schließen (Anwendung und Überprüfung des Gelernten).

Projekttag 2

Am zweiten Tag stand schon sehr früh am Morgen eine Vogelexkursion am »Alten Rhein« mit Mitgliedern des örtlichen ornithologischen Vereins auf dem Programm. In der Freiarbeit hatten sich die Schülerinnen schon zuvor mit einer Vogelkartei und einer dazugehörigen Kassette mit Vogelstimmen darauf vorbereitet. Daneben beachteten die Schüler auch die Vegetation und suchten und bestimmten Besonderheiten. Nach einer ausführlichen Grillpause absolvierten die SchülerInnen den ›Freiund Fahrtenschwimmerausweis‹ (LÜ), den sie auch für die bevorstehende Schullandwoche benötigten.

Projekttag 3

Besuch der Kläranlage

Reflexion/Präsentation/Lernzielkontrolle

Die Reflexion ergab eine große Zufriedenheit bei SchülerInnen und LehrerInnen. Alle hatten viel Neues dazugelernt, gestaunt, vor allem aber ein anderes Verhältnis zum Element Wasser gewonnen. Die SchülerInnen gestalteten abschließend eine Mappe mit den Fotos, schrieben Kommentare und Berichte, und besonderer Stolz erfüllte sie, als die Müllkübel neu und farbig am Alten Rhein vom Bauhof aufgestellt wurden. Auf eine zusätzliche Präsentation mit Eltern oder anderen Schülern verzichtete die Klasse diesmal.

Die Leistungskontrolle (Deutschschularbeit - Bericht vom Besuch des Wasserwerks, Bewertung der Referate zu den selbstgewählten Themen, Physik: Bewertung der Versuchsprotokolle usw.) ergab sehr gute Ergebnisse.

Immer wieder zeigt sich, dass diese Form der fächerübergreifenden/-verbindenden Unterrichtsorganisation mit erlebnishaften Zugängen die emotionale Beteiligung der SchülerInnen und LehrerInnen wesentlich erhöht (siehe Vester - Bedeutung der emotionalen Beteiligung). Aus dem Beispiel wird auch ersichtlich, wie unterschiedliche Lernniveaus miteinander und nebeneinander im Aufeinander-bezogen-Sein gestaltet und die verschiedenen Lehr- und Lernformen in einen sinnvollen Verbund gebracht werden können.

4.5.2 Praxisbeispiel: Bauen und Wohnen

(vgl. Niedermair 1998) 3. Klasse, HS Bürs

Die Form des themenzentrierten Arbeitens mit projektorientierten Einheiten kennzeichnet die Unterrichtsorganisation dieses Teams. Eingebettet in den Themenschwerpunkt Bauen und Wohnen wurde in Biologie die Frage gestellt, wie Tiere wohnen. Im Folgenden wird der Gesamtrahmen dieser Unterrichtsvorhabens und exemplarisch die Biologie-Einheit daraus näher beschrieben, die den SchülerInnen sehr viel Freiraum beim Verfolgen ihrer Interessen lässt.

Beteiligte Fächer - Inhalte

  • Deutsch:

- Beschreibung des eigenen Zimmers

- Texte zum Thema:Wohnen früher und heute

- Gedicht

  • Mathematik:

- Flächenberechnungen

- Preise beim Hausbau - Textaufgaben

- Statistische Vergleiche

  • Geschichte:

- Leben auf einer Burg

  • Geometrisches Zeichnen:

- Room design (Computer-Programm)

- Pläne zeichnen - Modelle erstellen

  • Technisches Werken:

- Modelle erstellen: Haus, Dorf, Zimmer

  • Bildnerische Erziehung:

- Querschnitt durch ein Haus: Einzelarbeit mit Bleistift, Gruppenarbeit

- mein Traumzimmer

- Phantasiezimmer (Zimmer einer Laus, Höhle ...)

  • Geographie und Wirtschaftskunde:

- Wie leben Menschen?

  • Biologie:

- Wie wohnen Tiere?

  • Physik:

- Wärmedämmung

Biologie:Wie Tiere wohnen

  • Dauer:

- 1 Unterrichtsstunde Vorbereitung

- 3 bis 4 Stunden Arbeitsphase

- 1 Stunde Präsentation

  • Vorbereitung

- Zur Vorstellung der Arbeit werden große Blätter mit folgenden Überschriften

vorbereitet: Tiere wohnen

- im Wasser

- am Wasser

- auf dem Baum

- im Baum

- in Höhlen usw.

Bei einem Brainstorming schreiben die SchülerInnen ihnen bekannte Tiernamen auf das Blatt. Die Blätter werden nach kurzer Zeit im Kreis weitergegeben, bis die Runde fertig ist. Die Sammlung wird dann vorgelesen.

Entscheidung für ein Thema

Jede/r SchülerIn entscheidet sich dann für zwei Tiere aus unterschiedlichen Bereichen und sucht nach Information (zu Hause, AK-Bibliothek, Filme, Videos, Klassenbücherei, Biologiebücher, fragt nach)

Konkretisierung der Aufgabenstellung

Die gesammelten Informationen werden in der nächsten Stunde kurz vorgestellt. Die LehrerInnen erarbeiten gemeinsam mit den SchülerInnen die Schwerpunktthemen der Unterrichtseinheit. Diese Punkte werden auf Karten geschrieben und aufgehängt:

  • Wie sieht der Bau, das Nest aus? - Zeichnung, Bild

  • Lebt das Tier alleine, in Rudeln, in Familien?

  • Kurze Beschreibung des Tieres

  • Verbreitungsgebiete

  • Besonderheiten

Besprechung der Präsentationsform

Gemeinsam mit den SchülerInnen wird die Form der Präsentation besprochen. Das jeweilige Tier wird noch einmal extra gezeichnet und ausgeschnitten. Die Klasse entscheidet sich dafür, die Tiere groß auf Karton zu zeichnen und auf der Rückseite die erarbeiteten Informationen weiterzugeben.

Arbeitsphase

Während der Arbeitsphase beraten die LehrerInnen bei Fragen, helfen bei der Suche nach Zusatzinformationen, korrigieren die Konzepte.

Präsentation

Es werden gemischte Gruppen aus SchülerInnen der 3a und 3b gebildet, dabei wird darauf geachtet, dass die I-Kinder einen Begleiter aus der eigenen Klasse haben. Die Kinder sollen sich gegenseitig die Ergebnisse präsentieren. Anschließend wird im Sesselkreis (2 Gruppen) diskutiert, nachgefragt und bewertet.

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Quelle

Claudia Niedermair: Zur Pragmatik der Vision einer Schule für alle. Integrative Unterrichtsgestaltung im Spiegel von Theorie und Alltagspraxis am Beispiel der ersten Hauptschulintegrationsklassen in Vorarlberg. Teil 4d

Dissertation am Institut für Erziehungswissenschften der Universität Innsbruck, Innsbruck, März 2002.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.08.2006



[1] Diese Struktur wird in vielen Integrationsklassen verwendet und hat sich sehr gut bewährt: Ein Thema wird arbeitsteilig von Gruppen erarbeitet, präsentiert und bildet dann die Grundlage zum Erwerb des Basiswissens (z. B: Kontinente - 1. Klasse GW; Haustiere ....)

[2] siehe Pt. 4.1.4.4 Konkrete Aufgaben des Lehrers in der Freiarbeit

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