Krüppelgruppe - Isolation oder Selbsthilfe?

AutorIn: Uschi Willeke
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.
Copyright: © Dr. med. Mabuse 1987

Krüppelgruppe - Isolation oder Selbsthilfe?

Die Veranstaltung begann mit einem kleinen Eklat. Da das Thema Krüppelgruppe im Moment überall diskutiert wird, hatte sich auch ein Fernsehteam im Veranstaltungsraum mit aller Selbstverständlichkeit aufgebaut. Die Fernsch-Leute waren sichtlich überrascht, als ihnen die Teilnehmer der Diskussion bedeuteten, den Raum zu verlassen, weil sie an der Vermarktung dieses Themas als einem Stück bisher unbekannter Krüppel-Exotik nicht interessiert seien. Nachdem sich zudem noch herausstellte, daß die Film-Leute im Auftrag des ZDF-"Gesundheitsmagazin Praxis" und dessen Chef Dr. h.c. Hans Mohl (Vater der "Aktion Sorgenkind") erschienen waren, blieb ihnen nur noch der mißmutige ("9 Millionen Zuschauer werden das nicht verstehen!") Abgang. Als auch die letzten Nichtbehinderten verstanden hatten, daß das Gespräch ohne sie stattfinden sollte, begann die Diskussion um den Krüppelstandpunkt, die hier wörtlich nach einer Aufnahme auf Tonband wiedergegeben wird. (Die Namen wurden geändert; die Red.)

Diskussion um den Krüppelstandpunkt (Tonbandprotokoll)

Christa: Die Idee zu dieser Veranstaltung entstand nach der Aktion auf der REHA 81 in Düsseldorf[1]. Etwa 15 Krüppel kamen damals überein, hier in Hamburg was zu machen. Die überregionale Zusammenarbeit klappte dann nicht so gut, so daß wir in Berlin darauf angewiesen waren, es selbst zu machen. Dazu hatten wir in Berlin Schwierigkeiten mit der Koordinierung in der Gruppe (Urlaub, Kur) für die Ausarbeitung eines Konzepts. Dies ist insofern überholt, da die Gruppe nach meiner Definition noch keine Gruppe ist. So haben beispielsweise gestern zwei Mitglieder abgesagt. Und da sind wir beim Thema, das hier ansteht: Die Schwierigkeiten unter uns, warum klappt es nicht, was hindert uns, überhaupt miteinander was zu machen? Ich kann noch erklären, daß der Erich nichts hört, und es wäre schon ganz toll, wenn auch andere als Irene mal mitschreiben. (Pause) Vielleicht können wir mit der Frage beginnen: Warum gehe ich in eine Krüppelgruppe?

Günter: Ich bin noch nicht in einer Krüppelgruppe gewesen.

Maria: Das ist bei mir anders. Ich hab' mich einer Gruppe angeschlossen, um mich zu informieren - über Positionen und Standpunkte von Behinderten. Und auch um über mich zu sprechen.

Karl: Also ich hab' mich gewundert, daß hier die Leute vom Fernsehen rausgeschmissen wurden. Aber ihr werdet eure Gründe haben.

Christa: Ja, es geht eben um die Probleme von uns, unter uns, was ich vorhin erklärt habe.

Irene: Ich bin in einer Krüppelgruppe gewesen und habe da eigentlich zuerst gelernt, meinen Maßstab nicht beim Nichtbehinderten zu suchen. Mich mit meinem ganzen Scheiß - mit Scheiß meine ich jetzt mal meine Behinderung - zu akzeptieren, zu sehen. Meine Schwierigkeiten nicht als Darstellung für Nichtbehinderte zu bringen, sondern ein Gefühl der Solidarität zu haben, die Behinderung nicht als minderwertig zu sehen.

Christa: Im Gespräch mit anderen Krüppeln?

Irene: Ja, im Gespräch mit anderen Krüppeln. Und ich sehe einen Punkt, warum Krüppelgruppen Schwierigkeiten haben, länger zu bestehen, darin, weil ich doch immer wieder versucht bin, mit Nichtbehinderten was zu machen. Das muß man sicherlich, doch dahinter steht oft die Angst der Isolation, nicht mit Nichtbehinderten Kontakt zu haben. Deshalb keine Krüppelgruppe, dann mach' ich ja wieder nur was mit Behinderten. Also daß Krüppel sich selbst als minderwertig sehen und deshalb Schwierigkeiten haben, so 'ne Gruppe zu akzeptieren.

Christa: Du meinst also, wenn Krüppel unter sich sind, ist ein Selbstverständnis der Minderwertigkeit da?

Irene: Also ich sehe das nicht so. Aber im Gespräch mit anderen Krüppeln oder Nichtbehinderten kommt immer das Argument: Eigentlich wollen wir ja Integration und eigentlich wollen wir ja keine Isolation.

Christa: Ich denke, wir sollten weniger darauf achten, wie wir von außen gesehen werden, sondern mehr über unsere Schwierigkeiten in der Gruppe reden.

Josef: ... es ist einfach, wenn sich intellektuelle Krüppel treffen und sagen, wir wollen Auseinandersetzung, über unsere Ängste reden. In einer Kleinstadt, wo 's wenig gibt, stellt sich die Frage erstmal nicht ...

Karl: Warum gehe ich überhaupt in eine Gruppe? Weil ich das Bedürfnis habe, das Bedürfnis zum Menschen habe. Wie er sich nennt - ob er sich Krüppel oder Behinderter oder Generaldirektor nennt - ist doch die zweite Sache dabei.

Anneli: Was erwartest du denn, wenn du in eine Behindertengruppe gehst?

Karl: Das erste ist der menschliche Kontakt. Das zweite ist: Welche Interessen habe ich in der Gesellschaft, in der ich im Moment lebe? Wie erleichtert man mir das Leben? Ich bin auch dafür, daß ich die Medizin benutze, um mein Leben zu verbessern. Aber es müssen Forderungen gestellt werden, sei es an den Nachbarn oder an den Staat. Und ich kann sie mit einer Gruppe, sei sie klein oder groß, doch viel besser durchsetzen. Genau wie ich als Arbeiter in die Gewerkschaft gehe.

Anneli: Ich bin nicht in einer Krüppelgruppe. Jetzt soll doch mal einer von denen, die in der Krüppelgruppe aktiv sind, etwas zu dem eben Gesagten äußern. Um den Unterschied klarzukriegen. Was ist Zielsetzung der Krüppelgruppen?

Erich: Na, es gibt schon Kontakte zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Und ich meine, um selbst seine Interessen zu erkennen und zu artikulieren, muß man sich organisieren. Ja, und das ist der Grund, warum ich in der Krüppelgruppe bin.

Karl: Das habe ich nicht ganz verstanden ... entweder dein Dialekt oder meine Ohren ... Ich hab' das gar nicht mitgekriegt.

Christa: Er auch nicht. (Hinweis auf Erichs Taubheit)

Erich: Er hat mich nicht verstanden? Tja, ich hab' so 'n bißchen Schwierigkeiten mit der Akustik aufgrund meiner Taubheit ... Also der Grund, warum ich zur Krüppelgruppe gekommen bin, war - ich will das doch mal ausführlicher formulieren: Ich bin damals viel in Gruppen gewesen, die so Integration gemacht haben, so nach dem Motto "Behinderte heim in die Gesellschaft". Und ich bin zu dem Ergebnis gekommen, daß das halt nicht läuft, weil - das passiert nicht! Das ist halt nur eine Verein-Integration. Und daß man es als Krüppel irgendwie immer versucht, sich an Sachen zu orientieren und an Normen zu orientieren, die man letztlich und unendlich doch nie erfüllen kann. Wenn man sie versucht zu erreichen, tja, das Ziel erreicht man eben nie, da macht man sich selbst was vor... Selbst wenn man das versucht und ziemlich nahe kommt, ist das keine Integration. Du wirst doch nicht akzeptiert.

Anneli: Also ich habe den Erich jetzt so verstanden, daß man es als Behinderter sehr oft in der Gruppe erleben kann, daß die Leute so tun, als würden sie einen mit der Behinderung akzeptieren und annehmen, so wie man ist. In Wirklichkeit geht es doch bloß bis zu einem bestimmten Grad, und zwar so innerhalb der Gruppe. Aber daß sie ganz automatisch, weil die Nichtbehinderten einfach gelernt haben, daß sie, weil sie nichtbehindert sind und mehr arbeiten können, viel mehr Wert sind als so 'n armer Krüppel, denken, daß man die nun bemitleiden muß und ihnen was Gutes tun muß. Und daß das einigen Krüppeln unheimlich stinkt und sie keine Lust mehr darauf haben, sich ihre Wertvorstellungen beim Nichtbehinderten zu holen, wie Menschen zu sein haben. Sondern daß sich Krüppel einfach mal zusammensetzen und dabei nicht gucken, wie der Nichtbehinderte uns gerne hätte, stattdessen: Wie wollen wir uns benehmen, was wollen wir erreichen, was sind wirklich unsere Interessen? Und das lange und ausführlich unter sich zu machen wie die Frauen das in der Frauenbewegung gemacht haben.

Erich: Ja, kann man so sagen.

Sven: Ich kann mal erzählen, wie wir in der Kölner Redaktion der "Luftpumpe" mit dem Problem umgehen. Wir haben die Krüppel-Debatte hitzig debattiert. Um es zusammenzufassen: Wir arbeiten und erstellen die Zeitung als Behinderte und Nichtbehinderte. Aber wir sprechen über unsere Motivationen, warum wir Behindertenarbeit machen, getrennt. Und ich hab' die paar Mal, wo wir bisher zusammengesessen haben, als sehr positiv erlebt, obwohl ich am Anfang sehr skeptisch war. Wir unterhalten uns mehr und mehr darüber, was wir schreiben. Denn theoretisch sind wir uns sehr bewußt über die Ursachen, die uns aussondern (die Norm, das Ideal usw.), haben wir schon ein paar Mal geschrieben. Aber wir haben gemerkt, daß es unheimlich schwer ist, die Ideale aus dem Kopf zu kriegen, sie loszuwerden und neue Ideale sich aufzubauen. Das benötigt eine Arbeit mit uns selber, ganz extreme Arbeit mit uns selber. Da hat sich schon positiv gezeigt, daß wir das in der Redaktion gemacht haben. Auch die Nichtbehinderten erzählen von ihrer Gruppe eigentlich Gutes, obwohl sie anfangs vorsichtig waren. Sie haben gemerkt, daß sie nicht ausgeschlossen sind. Die politische Arbeit machen wir zusammen, die Frage der Motivationen klären wir in getrennten Gruppen. Ich finde es gut, wenn ich zum Beispiel über den Wert Sport rede, daß alle in der Gruppe das Problem damit haben, nicht einer dabeisitzt und sagt "Ja, ich fühle mich solidarisch mit Euch" oder so.

Heidrun: Wo ist der Unterschied zur Krüppelgruppe in Köln?

Sven: Wir machen die Zeitung, können uns nur einmal im Monat unter uns Krüppel treffen. Die Krüppelgruppe hat mehr Zeit und hat ein anderes Selbstziel. Die sagen: Wir sind eine Krüppelgruppe und machen ohne Nichtbehinderte unsere Arbeit.

Josef: Für mich ist das eine zu starke Zweigliederung. Einmal das Politische und dann das Private.

Sven: Das finde ich sehr richtig. Ich erwarte auch von diesen Gruppen noch mehr tagespolitische Arbeit. Ich meine, wenn wir selbstbestimmte Projekte entwerfen wollen - das wäre eine Forderung -, dann müssen wir erstmal selbstbestimmt sein. Und diese Selbstbestimmung kommt nicht von alleine, sie kommt auch nicht durch die Arbeit am Projekt. Ich kann im Projekt soviel theoretisch machen, daß ich an meiner Selbstbestimmung vorbeilaufe. Also nochmal: Um selbstbestimmte Projekte machen zu können, muß ich selbstbestimmend sein, und dazu muß ich mich mit mir auseinandersetzen, mit dem, was ich im Kopf habe. Ich glaube, daß nach einer gewissen Zeit der Selbstfindung bei Behinderten und vielleicht auch bei Nichtbehinderten wir zu neuen Projekten kommen werden. Wir kriegen z.B. bei unserer Zeitung immer den Vorwurf: "Ihr schreibt ja immer nur Negatives, ihr schreibt nie Positives." Da sagen wir: "Es gibt auch nichts Positives zu schreiben." Wir müssen erstmal abwarten, bis wir aus unseren eigenen Kräften heraus Positives aufbauen können. Bei der Frauenbewegung hat man ähnliche Prozesse. Da gab es auch 'ne Zeit des Rückzugs, die Zeit der Auseinandersetzung mit sich selbst. Danach kamen die Projekte, z.B. die Idee, Frauenhäuser zu machen.

Josef: ... Es ist für mich jedenfalls vorstellbar: Wenn ich schon über eine Stufe stolper' mit meiner Krücke, daß ich dann auch möchte, daß die beseitigt wird. Das würde ich zunächst als Selbstbestimmung in dem Sinne begreifen. Das sind Aspekte, die sich in jahrelanger Erfahrung ergeben haben, ohne sie bis ins Kleinste ausgelotet zu haben. Und ich will das nicht so sehen, daß wir die Arbeit laufen lassen zugunsten einzelner Diskussionen ...

Angelika: Nein, also das mit den Gehsteigen und so ... da geh' ich zur Behörde und mach' da was. Aber einfache Beziehungen zu Nichtbehinderten, die Abhängigkeit und das Bewußtsein der Abhängigkeit, das kannst du nicht so leicht abbauen. Ich bin als Behinderte erzogen worden mit Normen der Nichtbehinderten. Mir wurde eingekauft und wo ich arbeiten mußte ... Nun muß ich meine Normen finden, die ich richtig, die ich gerecht finde.

Josef: Es ist für mich eine eigene Qualität, sich über Ängste, über Normen zu streiten. Andererseits aber das, was ins Auge springt, nicht zu beseitigen. Es ist einfach nicht so: Ich geh' zur Behindertenbehörde und sage, macht mal. Die Barrieren müssen einfach abgebaut sein, um überhaupt Reden zu führen oder Freizeit machen zu können. Natürlich sind auf der anderen Seite die Ängste und die Schwierigkeit, daß man sich diesen Normen unterwirft. - Worauf ich insgesamt hinaus wollte: Wenn ich die Krüppelgruppe sehe, sind es so Sachen wie Bordsteinkanten, die da für mich mit hineingehören. Ich höre hier aber bisher immer nur den privaten Aspekt.

Irene: Ich wollte sagen, daß man äußerliche Bedürfnisse, also die Absenkung der Bordsteige, anders vertreten kann, wenn man seine Bedürfnisse und auch seine Abhängigkeit besser kennt. Sie mit mehr Power vertreten kann, sich einfach viel sicherer ist. Deshalb denke ich, ist es zunächst auch für die politische Arbeit notwendig, sich erstmal seine Bedürfnisse bewußt zu machen. Ich glaube, daß gerade dies Behinderte sehr wenig gelernt haben - die Legitimität ihrer Bedürfnisse.

Ute: Es ist wichtig, auf die objektiven Seiten, die kannst du auch politisch nennen, zu achten. Sachen, die wir konkret als Behinderte fordern, wie z.B. "Raus aus den Heimen". Ich würde das umdrehen. Das mit der Krüppelgruppe muß nebenher laufen, wie Sven beschrieben hat. Nicht das andere. Ich bin der Meinung, für bessere Bedingungen - wie etwa über die VIF-Einrichtung[2], wo Behinderte erstmal aus Heimen 'rauskommen und draußen wohnen, auch wenn es wieder über Pflege der Nichtbehinderten läuft - für diese minimalsten Bedingungen zu kämpfen. Es nützt überhaupt nichts, wenn wir eine Elite herausbilden, die sich mit ihrem Selbstverständnis auseinandersetzt und ihre Bedürfnisse entwickelt, wenn da nicht die Basis hinterkommt. - Eine andere Sache finde ich noch unheimlich wichtig. Ich finde nämlich nicht, daß es meine Leistung ist, daß ich nicht im Heim bin, sondern das liegt an den Bedingungen. Meine Eltern sind Ärzte und ich hab' Glück gehabt. Und ich denk' auch, daß ich den Leuten, die im Heim sitzen, verpflichtet bin, einen Kampf für sie zu führen - ich sage das jetzt mal sehr verbalradikal -, daß sie da 'rauskommen. - Ich wollte nochmal auf Dortmund[3] zu sprechen kommen. Da haben sie ja gesagt "Die kleine radikale Minderheit". Und da können wir nur die Frage stellen. Ja, wie hätten denn die Leute in Heimen, die da eingepfercht sind, in Psychiatrien stecken, mit uns auf der Bühne sein können? So 'rum müssen wir das natürlich auch sehen. Was ich sicherlich wichtig finde, ist das Problem, Behinderten-Manager herauszubilden. Das haben wir ja auch bei den ZDF-Leuten angesprochen, daß die uns vermarkten, Musterkrüppel als Marktlücke entdecken. Dem müssen wir unheimlich entgegenwirken. Aber das muß nebenher laufen und nicht die politische Arbeit. Damit gehen wir eher in eine Sackgasse als andersherum.

Sven: Woher kommt denn das, daß in unseren Kreisen im Moment so wenig politische Arbeit passiert? Gut, wir haben zwar in diesem Jahr Dortmund gehabt, wir haben Düsseldorf gehabt und wir werden das Krüppel-Tribunal haben. An Institutionen haben wir die VIF. Und sonst nichts! Die ganzen CeBeeF's, die ich kenne, liegen am Boden. Und wenn wir uns dann fragen. Ja, warum passiert denn eigentlich so wenig? - dann kommen wir irgendwie dahin, daß eigentlich die Zeit dieser aktiven Partnerschaft, wie die CeBeeF's[4] das in ihrer Blütezeit erlebt haben, eigentlich vorbei ist. Jetzt stehen ganz neue Probleme da. Wir haben jetzt erkannt, wo die Ursachen sind - die Normen und Werte, die uns anerzogen werden -, das hat lange genug gedauert. Jetzt müssen wir aber weitergehen und uns fragen: Wie gehen wir um mit diesem Wissen? Wie werden wir die Ideale denn los? Und es geht nicht anders, als daß wir uns mit uns selbst auseinandersetzen. Dann werden auch politische Projekte, Alternativen und Initiativen entstehen.

Kurt: Es ist doch sicher viel schwieriger, seine persönlichen Ängste in die Gruppe am Anfang einzugeben als zunächst einmal objektiv bestehende Mißstände zu bekämpfen. Es ist schwer, praktisch aus dem Nichts 'ne Krüppelgruppe ins Leben zu rufen. Denn bis zu diesem Punkt - Krüppel zu sein - ist ein längerer Weg als zu sagen, ich gehe in eine Behinderteninitiative und am Anfang steht die Zusammenarbeit Behinderte und Nichtbehinderte.

Petra: Ich hab' noch nie in einer Gruppe mitgearbeitet. Aber ich finde, wenn ich anfange, politisch zu arbeiten, hilft mir das auch bei der Selbstfindung; oder wenn ich politische Arbeit mache, daß ich direkt auf praktische Arbeit komme, daß sich das nicht vermeiden läßt, daß man die drei Teile verbinden kann. Muß diese Trennung sein?

Ute: Die Flaute in der Behinderten-Arbeit hat verschiedene Ursachen. Es ist nicht nur, daß wir ausgelaufen sind in der politischen Arbeit. Was nicht gelaufen ist, daß ein paar Leute, die unheimlich viel gemacht haben in der Behindertenarbeit, es nicht geschafft haben, diejenigen soweit zu berücksichtigen, die erstmal Mitläufer waren, daß sie danach selbständig arbeiten konnten. Ich glaube, daß dadurch, was alles in diesem Jahr abgelaufen ist, durch die Diskussionen in der überregionalen "Aktionsgruppe gegen das UNO-Jahr" sich unwahrscheinlich viele Leute mit solch' ansatzweise radikalem Standpunkt wie "Weg von den Sondereinrichtungen" auseinandergesetzt haben. Diese Ansätze müssen wir auffangen und in dem Rahmen weiterarbeiten, den Sprung zwischen Elitekrüppeln und den Leuten im Heim oder denjenigen, die gerade angefangen haben, nachzudenken, nicht noch größer zu machen. Selbstfindung sollten wir nicht abbrechen oder boykottieren, sie endet aber in der Sackgasse. Der Ansatzpunkt Betroffenheit reicht nicht ganz, um politische Arbeit zu leisten.

Sven: Ich möchte dazu sagen, daß ich die Trennung gar nicht sehe zwischen praktischer und politischer Arbeit. Praktische Arbeit öffentlich gemacht ist immer politisch. Aber ich glaube nicht, daß politische Arbeit zur Selbstfindung führt. Politisch ist mir das ja alles klar, jedenfalls meinen wir das: daß Normen und Werte Scheiße sind, das wir die überwinden müssen - alles klar. Aber es nützt nichts zu wissen: Das sind die Leute, die an den Normen und Werten interessiert sind, die uns unterdrücken. Da müssen wir doch sagen: Diese Leute angehen und uns selbst angehen. - Ganz kurz: Der Vergleich mit der Frauenbewegung hinkt beim Aspekt der physischen Abhängigkeit.

Christa: Ich würde mir wünschen, daß so Privatheit und politische Arbeit, wobei man über die Begriffe streiten kann, zusammenkommt. Ich denke auch, daß eines ohne das andere nicht sinnvoll ist. Da liegt die Schwierigkeit, die ich erlebt habe in einer Gruppe, wo gesagt wurde, wir wollen an der Sache arbeiten. Es wurde Behindertenarbeit gemacht zusammen mit Nichtbehinderten, wo ein Aktionismus entstand. Nur um etwas vorzeigen zu können, wurde Aktion gemacht. Die Leute selber wurden dabei 'rausgelassen. Man hat seine Termine gehabt, man ist da hingegangen, es wurde gesagt, macht mal schnell, ich habe keine Zeit. Und das in 'ner Gruppe, die den Anspruch hat, Behindertenarbeit zu machen. Was bin ich denn da? Was suche ich da mit meiner eigenen Betroffenheit? In der Konsequenz daraus haben wir in Berlin die Krüppelgruppe gemacht. Natürlich haben wir da auch Probleme, und im Moment machen wir das, was man Privatheit nennt. Also wir reden miteinander oder auch nicht - das ist ein ganz großes Problem, nicht zu sagen, was man wirklich voneinander hält oder was man will. - Ich war bisher so mit mir beschäftigt, daß ich keine Energie für politische Arbeit hatte. Jetzt habe ich immerhin schon Energien für 'ne Krüppelgruppe und denke, da meine Erfahrungen weitergeben und weitertmachen zu können mit anderen zusammen. Das ist ein Fortschritt.

Dann wollte ich noch auf die technische Abhängigkeit eingehen. Das ist, glaube ich, ein Irrtum, wenn wir uns sagen, wir sind angewiesen auf Nichtbehinderte aus technischen Gründen. Damit vergibt man sich eine ganz große Chance von vornherein, sich selber was zuzutrauen. Ich hab' das jetzt konkret erlebt. Wir waren in Urlaub, hatten 'ne Panne und konnten nicht weiter. Da war ich mit einem Krüppel im Rollstuhl zusammen, Auto war voll, wir hatten Gepäck. Wir sind dann mit dem Zug zurückgefahren, etwas, was der noch nie gemacht hat. Und ich mit Gepäck und kann nichts tragen. Das war ein Abenteuer für uns. Aber wir haben es uns zugetraut. Wir sind als Krüppelgruppe losgefahren, wo man auch hätte sagen können, ihr braucht einen zum Helfen. Aber wir haben es geschafft alleine. Man muß also schon ein gewisses Risiko zulassen.

Sven: Ich denke, daß wir uns mit diesem Thema noch mehr auseinandersetzen müssen. Daß viele von uns eben als Krüppel von Nichtbehinderten ganz extrem abhängig sind. Für die ist das schwerer, Krüppel zu sein.

Anneli: Daß Krüppel das alles alleine packen, ist, glaube ich, wirklich ein Irrtum. Es gibt kaum Krüppel, die in der Lage sind, unsere Mitkrüppel zu heben, zu pflegen, zu machen und zu tun.

Christa: Da ist ein Unterschied, ich würd' da differenzieren insoweit: Was kann ich machen und was mache ich nicht, weil ich mich unsicher fühle und es mir nicht zutraue. Das eine ist z.B., wenn ich 'ne unsichere Situation nicht ertragen kann, wenn ich nicht weiß, wie ich nach Hause komme, einfach nicht wegzugehen. Das sind Sachen, wo ich sicher Möglichkeiten hab', was zu tun. Das andere ist eben, Dinge zu tun, die ich einfach nicht machen kann. Da würde ich aber auf den Begriff Handlanger zurückkommen. Das sehe ich nicht als Handlanger. Warum sollen wir nicht in Anspruch nehmen, das, was wir nicht, aber andere für uns machen können? Aber die haben deshalb kein Recht, mit uns oder über uns zu bestimmen! Das ist der Haken an der Geschichte.

Anneli: ... Ich denke, daß in der Krüppelbewegung jetzt nur passiert, was in den ganzen anderen politischen Bewegungen auch passiert. Die Frauenbewegung hat auch Krisen, die Schwulenbewegung erlebt auch Krisen. Außerdem ist der Rückzug ins Private im Moment unheimlich in und da machen wir eigentlich nur das, was andere Gruppen auch machen. Ich kann mit dem Wort Selbstfindung absolut nichts anfangen, das ist so hohl wie nur irgendetwas. Weil ich denke, der Mensch ist aus dem Gesellschaftssystem, in dem er nun mal lebt, nicht herauszulösen. Es wird immer irgendwelche Wechselwirkungen geben. Daher kann keine Frau, kein Schwuler und kein Krüppel sagen. Das ist mein unabhängiges Bedürfnis. Das ist in anderen Gruppen schon politisch diskutiert worden. Aber Krüppel scheuen sich, ihre politische Meinung ohne ihre Behinderung zu diskutieren.

Ute: Ich wollte noch was zum Handlanger sagen. Es ist natürlich richtig, daß wir fordern, daß mich niemand, der mir auf's Klo hilft, unter Druck setzen kann. Aber ich find's ein bißchen zynisch zu sagen, warum sollen wir nicht das in Anspruch nehmen, was andere können. Das geht vielleicht, wenn ich jemanden frage: "Machst mir mal den Knopf an der Hose zu" oder sowas. Aber wenn du dir mal überlegst, da sind Leute, die brauchen wirklich 24 Stunden Pflege. Und hier kann ich nicht sagen: "Weißt du, du bist nichtbehindert. Deshalb werde ich dich in Anspruch nehmen." Das heißt doch für den anderen, daß er einen unwahrscheinlichen Bereich seines Lebens - aufopfert ist ein blödes Wort - abgibt für jemand anderen. Du kannst sagen, okay, das ist sein Beruf und er kriegt Geld dafür. - Aber was mich aufgerüttelt hat im Krüppelstandpunkt war, daß Tetraplegiker[5] oder andere Schwerstbehinderte gesagt haben. Ich kann und will nicht auf die Auseinandersetzung mit den Nichtbehinderten, von denen ich gepflegt werde, verzichten. Sie aus der privaten und politischen Behindertenarbeit herauszuziehen, nur noch alleine zu arbeiten, mich von ihnen hinbringen, verpflegen zu lassen. Dadurch entsteht ein Dienstleistungsprinzip, das ich nicht will. Es ist wichtig, daß wir das auch mal überdenken. Ich kann von niemandem verlangen, mir grundsätzlich zu helfen, egal, was für'n Arschloch ich bin, verstehste?

Christa: Aber das ist doch gerade das Problem. Daß ich umgekehrt permanent ein schlechtes Gewissen habe, weil ich bestimmte Sachen nicht alleine schaffe und dann sage: Komm mach' mal, hilf' mir mal. Ich sage nicht, daß man das mit so einer schnorrigen Selbstverständlichkeit verlangen muß. Aber warum soll ich ein schlechtes Gewissen haben, weil andere mir helfen? Das Problem ist, daß ich mir deshalb auch sehr viel verbiete!

Karl: Woher hast du denn dein schlechtes Gewissen? Ich verstehe das nicht. Wenn mir jemand hilft, dann sage ich danke schön, das ist aber eine Höflichkeit. Und ich laß mir auch gerne helfen, das bedeutet noch keine Unterdrückung. Das kann dazu werden, wenn ich den falschen Standpunkt habe: Ich bin abhängig von dir ...

Christa: Was ist daran der falsche Standpunkt? Ist es keine Abhängigkeit?

Karl: ... wenn ich eine Pflegekraft habe, die bezahlt wird, kann sich die Pflegekraft mit mir solidarisieren. Ich kann sagen: Wir sind eins, du bist der Teil, ich bin der Teil, und wir gehören einfach zusammen; du brauchst meine Hilfe und ich geb' sie dir, das ist aber noch keine Abhängigkeit. Die Abhängigkeit ist die, die vom Staat kommt: Daß ich zu wenig Hilfe kriege, daß er sich nicht um dich kümmert und daß du deshalb "bitte, bitte" machen mußt. Das ist dann die Abhängigkeit.

Christa: Einerseits stimmt das, andererseits stimmt es auch nicht. Denn die psychische Abhängigkeit fängt viel früher an. Die fängt eben da an, wo ich das schlechte Gewissen habe, weil ich was brauche und nicht gelernt habe, dies als selbstverständlich zu sehen. Nochmal konkrete Beispiele: Im Urlaub hatten wir einen Ausflug vor, da mußte man einen Schotterweg und einen richtigen Berg hoch, um zum Konzert in eine Kirche zu kommen. Da hat der J. gesagt: Nee, wenn ich mich tragen lassen muß, dann gehe ich da nicht hin. Das ist die Angst, etwas zuzulassen, wo man nicht weiß, was dann passiert. Die Angst sitzt so tief, daß ich lieber darauf verzichte, etwas zu tun, was ich gern möchte. Das ist das eine. - Dann kann ich von mir ein Beispiel nennen. Ich hab' 'ne Sehbehinderung, die dazu führte, daß ich in der Schule immer fragen mußte: Was steht denn da an der Tafel? Ich hatte das Pech, eine Zwillingsschwester zu haben, die dann dafür verantwortlich war. Ich habe nie gelernt, selbstverständlich zu fragen: Lies mir mal vor oder sage mir mal. Das sind Mechanismen, die gehen unheimlich tief.

Karl: Die hast du doch verloren, du sitzt doch hier. Wenn du so sein würdest, wie du sagst, dann würdest du doch nicht hier sitzen.

Christa: Das ist 'ne Entwicklung, klar. Und da spielt eben eine Rolle, wie und wo und mit wem ich darüber reden kann; mir meine Ängste und Probleme einzugestehen, zuzugeben, was ich sonst nicht zugeben würde. Und da kommen wir wieder auf den Ausgangspunkt zurück: Wo kann ich das? Wo finde ich soviel Solidarität?

Karl: Ich habe viel politische Arbeit gemacht und habe in den Gruppen oft Solidarität erlebt. Ich bin betroffen, daß dies bei euch nicht so ist.

Maria: Vorhin wurde erwähnt, daß Selbstfindung unheimlich in ist. Ich finde aber keine Gruppe - und die sogenannte Krüppelgruppe schon mal gar nicht -, wo ich meine Ängste, meine Schwierigkeiten oder den Wunsch, Unterstützung zu haben, besprechen kann. Wenn ich da stehe und Flugblätter verteile, ist das für mich erstmal etwas Neues. Das möchte ich auch besprechen können, die Ängste, die ich dabei habe. Ich kann aber weder das eine noch das andere in der sogenannten Krüppelgruppe machen. Ich sehe eigentlich nur 'ne Spaltung. Ich muß mich immer entscheiden, wo ich hingehe. Und ich kann mich nicht entscheiden, weil ich noch nicht so weit bin! Was ich unter der sogenannten Krüppelgruppe verstehe, ist herauszufinden, wo ich eigentlich hin will. Will ich in 'ne radikale Gruppe nur unter Krüppeln oder will ich in die gemischte Gruppe? Aber solange ich nicht die Möglichkeit sehe, mit Krüppeln zusammen dies offen durchzudiskutieren, sehe ich für mich keine Chance, da mitzuwirken. Also die Energie ist weg, ich weiß nicht, wo ich hingehen soll. Ich würde unheimlich gerne, weil ich es brauch', aber ich brauch' auch Leute, die bereit sind, ein Stück zurückzugehen, obwohl sie schon weiter vorne sind als ich. Und das sehe ich nicht, daß ich mit den sogenannten sehr Aktiven über meine Schwierigkeiten reden kann.

Johannes: Der Bewußtseinsstand hängt natürlich auch damit zusammen, daß eine andere Form der Behinderung ganz andere Schwierigkeiten bringt. Und genau das ist eine Aufgabe dieser Krüppelgruppen, daß die Leute, die bisher immer als Einzelkämpfer auftraten, sich solidarisch machen und dann in dieser Einigkeit stark sind. Das ist auch ein Prozeß der Selbstfindung.

Maria: Wenn ich vor der Behinderung in einer ganz anderen Welt gelebt hab' als jetzt, da kann ich nicht nur mit Nichtbehinderten darüber reden, weil die den Sprung nicht gemacht haben. Ich möchte aber mit Leuten darüber reden, denen es ähnlich geht. Aber wenn die Auseinandersetzung gar nicht mehr da ist, wenn ich nur auf der Krüppelseite bin, das kann ich auch nicht machen. Also stehe ich praktisch dazwischen.

Sven: Selbstfindung mag zum Schlagwort werden, es ist aber absolut nicht hohl. Für mich heißt das, die theoretischen Erkenntnisse auf mich anzuwenden. Und zu Karl will ich sagen: Ich hab' Zeiten gehabt, da fühlte ich mich wesentlich selbstbewußter. Aber ich weiß heute, daß das die Zeiten waren, wo ich geflüchtet bin. Wo ich meine eigenen Verluste gar nicht mehr als Verluste anerkannt habe und als solche habe stehen lassen. Ich habe mir damals gesagt: Einem emanzipierten Behinderten - der ich sein wollte - macht so etwas nichts aus, wenn ich dem nicht nachlaufen konnte. Aber das war Flucht.

Karl: Du hast dir eigene Grenzen gesetzt!?

Sven: Nein, ich habe gewisse Grenzen überhaupt nicht sehen wollen. Ich habe gesagt: Alle diese Einschränkungen, meinetwegen z.B. daß ich meinen Körper nicht ganz spüre, machen einem emanzipierten Behinderten nichts aus. Das ist abgelaufen, das hat so funktioniert in meinem Kopf, ohne daß ich das wußte, ja? Heute weiß ich durch Rückschlüsse auf mich selber, daß das nur Flucht ist, daß ich wieder lernen muß, zu trauern über das, was ich verloren habe. Wenn ich nur sage: das macht mir nichts aus, dann ist das Verdrängung, dann ist das Anpassung an ein neues emanzipiertes Behinderten-Ideal, das mich genauso unter Druck setzt, wie der Anpassungsdruck, der von der Gesellschaft ausgeht.

Günter: Wo ist da das Krüppel-Problem? Was du sagst, kann jeder Mensch sagen. Es ist grundsätzlich das gleiche Problem, die Grenzen jedes Individuums ...

Maria: Also ich seh' in diesen Krüppelgruppen das Problem, daß du da schon als emanzipierter Krüppel hingehen mußt. Aber die Schritte dahin mußt du alleine machen, das fehlt. Deshalb ist es zu weit weg.

Günter: Nun gut, das mag ja sein, daß in den Krüppelgruppen so Elitekrüppel sind - um das mal provokativ zu sagen; soweit ich das kenne, habe ich den Eindruck, daß es auch so stimmt. Aber was du sagst, erlebe ich im täglichen Umgang mit Menschen, die rational wissen, wovor sie Angst haben und flüchten und sagen: Aha, ich will aber das nicht. Was ich nicht verstehe ist, warum du das mit Behinderung in Verbindung bringst. Das ist für mich kein Krüppelproblem.

Sven: Da würde ich dir vollkommen zustimmen. Um das zu bereinigen, brauche ich keine Krüppelgruppe. In eine Krüppelgruppe gehe ich, weil mir z.B. immer Dinge als Ideal nahegebracht werden, die ich nicht erfüllen kann.

Günter: Für mich hat die eigene Behinderung auch den Vorteil, eine Auseinandersetzung mit mir zu führen, weil ich merke, daß ich Nachteile habe.

Sven: Ja, aber bei mir ist das soweit gegangen, daß ich nur noch die positiven Aspekte gesehen habe und fast gesagt hätte: Behindert-sein ist schön. Und dann wird's zur Farce.

Günter: Meine Behinderung ist für mich auch schön.

Christa: Ich würde das so auseinanderhalten, daß ich nicht sagen kann: Es ist schön, behindert zu sein. Aber ich will lernen, mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Das ist aber etwas anderes, als wenn ich es als Zielvorstellung schön finde. Das bestimmt nicht.

Ursel: Es kann auch eine Behinderung sein, als Behinderte unter Behinderten zu sein. Weil mich keiner fordert. In der anderen politischen Arbeit dann auch Aufgaben wegschiebe: Ich bin ja behindert.

Christa: Man muß, glaube ich, noch unterscheiden, wo ich mit meiner Behinderung im Rahmen der Normalität stehe. Mit 'ner Epilepsie stehe ich da ziemlich dicht dran; wenn du nicht gerade auf der Straße zusammenklappst, dann fällst du nicht aus dem Rahmen. Ich bin da an der Grenze, weil ich ästhetisch nicht auffalle. Und so geht das weiter. Je weiter ich von diesem Normalbegriff wegkomme, desto mehr Schwierigkeiten habe ich auch von vornherein, desto mehr komme ich in das Muster, von dem andere sagen: Das ist ein Krüppel. Um auf den Krüppel-Begriff zu kommen: Der ist ja nicht zufällig gewählt, sondern wir drehen das um als Provokation. Da sollen andere ruhig drüber stolpern. Natürlich geht es nicht automatisch, daß ich auf das Knöpfchen drücke und sage: Ich sag' jetzt Krüppel und damit bin ich selbstbewußt. So geht's auch nicht. Aber ich will dahin kommen, daß ich das lerne.

Quelle:

Uschi Willeke: Krüppelgruppe - Isolation oder Selbsthilfe?

Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 24.02.2005



[1] Von Zeit zu Zeit stattfindender "Kongreß der Rehabilitation" mit Ausstellung der neuesten Errungenschaften der technischen Hilfsmittel für Behinderte; zuletzt im Juni 1981 in Düsseldorf.

[2] Vereinigung Integrationsförderung e.V., Herzog-Wilhelm-Straße 16, 8000 München 2. (Organisiert u.a. die "Ambulanten Hilfsdienste für Behinderte")

[3] In Dortmund hat die offizielle Eröffnung des UNO-Jahres der Behinderten 1981 der BRD stattgefunden.

[4] Club Behinderter und ihrer Freunde; siehe auch Udo Sierck: Entwicklung der Krüppelgruppen in diesem Buch.

[5] Querschnittgelähmter mit Lähmung von Armen und Beinen

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