Die Menschliche Bewegungsentwicklung

Tagesbericht zum 11. Österreichischen Symposium für die Integration behinderter Menschen in Innsbruck, 7. Juni 1996

Themenbereiche: Therapie
Textsorte: Referat
Releaseinfo: Referat am 11. Österreichischen Symposium für die Integration behinderter Menschen "Es ist normal, verschieden zu sein". Veranstaltungszeitraum: 6. - 8. Juni 1996 in Innsbruck. Veranstalter: "Tafie - Tiroler Arbeitskreis für integrative Erziehung" in Zusammenarbeit mit der "Tiroler Vereinigung zugunsten behinderter Kinder" und dem "Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck". Einleitungsreferat
Copyright: © Ch Katie Krassnig 1996

Das menschliche Nervensystem:

Dieses ist Teil des Organismus und trägt in jedem Augenblick zur Aufrechterhaltung des Lebens bei. Die Arbeitsweise ist Ausdruck der Vernetzungsstruktur der Neuronen (Nervenzellen) und das Verhalten des Organismus entsteht entsprechend den internen Aktivitätsrelationen im Nervensystem. Das menschliche Nervensystem besitzt eine strukturelle Plastizität- das heißt die Geschichte der Interaktionen eines Menschen mit der Umwelt ist auch eine Geschichte der Strukturveränderungen seines Nervensystems- dieses weitet den Bereich der möglichen Zustände aus.

Bewegung ist immer mit dem Vorhandensein des sensomotorischen Systems innerhalb des Nervensystems verknüpft. Durch die Aufrechterhaltung und Erweiterung der sensomotorischen Korrelationen wird der Verhaltensbereich geschützt ( Homöostase) und erweitert ( Anpassung an die Veränderungen in der Umwelt). Aufgrund der ungeheuren Komplexizität der möglichen synaptischen Verschaltungen des Nervensystems ist die Vielfalt individuellen charakteristischen Bewegungsverhaltens zu erklären.

Gedankliche Ansätze zur Bewegungsentwicklung von M. Feldenkrais und zur Entwicklung des Selbst von D. Stern

M. Feldenkrais unterscheidet in seiner Untersuchung des menschlichen Bewegungsverhaltens zwei Komponenten : Erstens das angeborene, genetisch fixierte Verhalten ( Einfache und komplexe Reflexe sowie deren sequentiellen instinkthaften Ablauf ), welches weder durch die Umwelt noch durch Erfahrung beeinflußt werden kann, und zweitens das erworbene erlernte Verhalten, das den überwiegenden Teil des menschlichen Verhaltens ausmacht,

welches sich verändern kann im Sinne einer Neuanpassung an Umweltveränderungen und im Sinne eines Neulernens durch neue Erfahrungen.

Die menschliche Bewegungsentwicklung in den ersten 18 Lebensmonaten erfolgt nach einem bestimmten genetisch fixiertem Plan vom Kopf nach unten (craniocaudal), in Richtung zunehmender Differenzierung und Vielfalt, in Richtung zunehmender Bewegungskontrolle und Autonomie. Der Aufbau der typisch menschlichen Fähigkeiten in körperlicher, emotionaler, kognitiver und sozialer Hinsicht ist immer mit Bewegung verknüpft. In den ersten 18 Lebensmonaten gewinnt ein kleiner Mensch zunehmend Anschluß an seine evolutionär angelegten Ressourcen und Kompetenzen. Im Inneren zeigt sich in dieser Zeit ein aktiver Auswahl- und Strukturierungsprozeß im Nervensystem. Dieser Prozeß führt zur Bildung der verschiedenen Schichten des Selbst. Daniel Stern beschreibt in seinem Buch "Die Lebenserfahrung des Säuglings" die Herausbildung des Empfindens des "Auftauchenden Selbst", des "Kernselbst", des "Emotionalen Selbst", des "Verbalen Selbst" als innere Organisationstrukturen auf deren Basis jedes weitere Lernen erfolgt.

M. Feldenkrais spricht in seiner Arbeit über das "Ich-Bild", das sich zusammensetzt aus Denken, Emotion, Sinneswahrnehmung und Bewegung.

Der Begriff der Reife

Die Reifung der Funktionen des Denkens ,Fühlens, der Wahrnehmung, der Bewegung und des Selbstempfindens wird entsprechend den Entwicklungsperioden in der Lebenszeit gesehen. Die "Reife" ist ein Prozeß und kein endgültiger Zustand. Die Reifung erfolgt im ständigen Lernprozeß mit und in der Umwelt, wobei die eigene Erfahrung, "wie" etwas gelernt wird von großer Bedeutung ist.

Reifestörungen der sensomotorischen Funktionen des "Aufrechten Standes und Ganges" sind bei fast allen Menschen der westlichen Zivilisation zu beobachten. Mangelnde Balance in der Haltung, Seitenasymmetrie, gebeugte oder starre Haltung, mangelnde Koordinationsfähigkeit in der zeitlichen Abstimmung bei der Durchführung von Bewegung sind bei allen Bewegungsstörungen zu finden und führen im Laufe der Zeit zu Schmerzen oder Schäden am Bewegungsapparat. Solche Störungen sind immer auch als Lösungen der Person für bestimmte Lebenssituationen zu sehen.

Sensomotorisches Lernen nach der Methode von M. Feldenkrais

Wir müssen also die Umwelt und die individuelle Erfahrung der Umwelt, welche sich sowohl im Selbstempfinden, im Körperbild und in der Reife der körperlichen, emotionalen und sozialen Funktionen ausdrückt als wesentlich für die Entwicklung eines Menschen betrachten. Die Lebensgeschichte eines Menschen ist in seinem Körper und seinem Gehirn eingeschrieben - und schreibt sich um entsprechend den Erfahrungen, die einer macht.

Beim Lernen mittels bewußter Bewegung wird der Körper und damit das Nervensystem so beeinflußt, daß die vorgestellte Handlung spielerisch erprobt und angemessen durchgeführt werden kann. Das Lernen erfordert Schmerzlosigkeit, Langsamkeit und Bewußtheit. Im Prozeß des Lernens wird abwechselnd die Aufmerksamkeit auf die Handlungen und die mentalen Prozesse gerichtet.

Wenn wir uns an der menschlichen Bewegungsentwicklung für die Entwicklungsförderung orientieren, sollten wir verstehen was unsere natürliche Bewegung auszeichnet. Diese ist mit dem effektivsten sensomotorischen Bewegungsbild verknüpft. Dies bedeutet: "Keine überflüssigen parasitären Bewegungen beim Durchführen einer Bewegung". Sensomotorisches Lernen besteht in der Ausbildung der Fähigkeit, störende, parasitäre Handlungen zu hemmen und der Fähigkeit aufgrund von Selbsterkenntnis, klare Motivationen zu bilden, die das Verhalten lenken. Dieses Lernen besteht im Abbau von innerem Zwang und der daraus resultierenden Angst ( " Ich muß das oder das tun, um sicher oder anerkannt zu sein..") Dieses Lernen besteht im Fallenlassen von gewohnheitsmäßigen Mustern, die in einer Periode der Abhängigkeit erlernt wurden.

Das Ziel der Methode des organischen oder sensomotorischen Lernens nach Feldenkrais ist es, jeder/m dazu zu verhelfen sich als entwickelndes Wesen zu verstehen, unnotwendige innere Abhängigkeiten zu lösen oder notwendige Abhängigkeiten als weniger schmerzhaft zu empfinden.

Die Fehlanpassung zeigt sich nicht in der Handlung sondern in der inneren Einstellung aus der die Störung kommt. Solange nicht Gleichmut als innere Einstellung erreicht ist, muß der Reifungsprozeß in Gang gebracht und unterstützt werden.

Erst durch das Begreifen am eigenen Leib, daß Veränderungen grundlegender Art möglich sind, daß es keine Persönlichkeit ohne Umgebung und ohne Wechselwirkung zwischen diesen beiden kein Verhalten gibt, legt den Weg zur Reife offen.

Literaturangaben:

Gerald L. Edelmann : Unser Gehirn- ein dynamisches System.( Verlag Piper 1993) Richard F. Thompson: Das Gehirn- von der Nervenzelle zur Verhaltenssteuerung ( Verlag Spektrum der Wissenschaft 1990)

Daniel N. Stern : Die Lebenserfahrung des Säuglings ( Klett-Cotta, 2. Aufl.1992) M. Feldenkrais: Der Weg zum reifen Selbst. Phänomene menschlichen Verhaltens (Jungfermann Verlag Paderborn, 1994)

M. Feldenkrais: Bewußtheit durch Bewegung, der aufrechte Gang ( Suhrkamp Taschenbuch 1968)

Humberto Maturana, Francisco J. Varela: Der Baum der Erkenntnis, die biologischen Wurzeln menschlichen Erkennens (Goldmann Verlag 1984)

Quelle:

Ch. Katie Krassnig: Die Menschliche Bewegungsentwicklung. Referat am: 11. Österreichischen Symposium für die Integration behinderter Menschen "Es ist normal, verschieden zu sein", Innsbruck, 6.-8. Juni 1996

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.08.2006

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