Specialisterne - Die Spezialisten

AutorIn: Andreas Ehrich
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: impulse Nr. 48, 4/2008, S. 34-40 impulse (48/2008)
Copyright: © Andreas Ehrich 2008

Kommentar von bidok

Zur Firma Specialisterne gibt es auch einen Text in Leichter Sprache unter http://bidok.uibk.ac.at/library/imp-48-08-ehrich-spezialisten-l.html .

SPECIALISTERNE - Die Spezialisten

Herr Sonne hielt im September 2008 in Nürnberg einen Vortrag[1] über seinen aus der Wirtschaft stammenden Ansatz. In seiner Firma SPECIALISTERNE stehen bei Menschen mit der Diagnose Autismus nicht die Probleme im Vordergrund, sondern es werden vielmehr ihre Stärken aufgezeigt und gefördert. Sie werden erfolgreich im IT-Bereich zu marktgerechten Konditionen auf dem Arbeitsmarkt eingesetzt. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist, dass autismusgerechte Arbeitsplätze geschaffen werden, die sich deutlich von geschützten Werkstätten unterscheiden.



[1] 12. Bundestagung vom 5. bis 7. September 2008 in Nürnberg von AUTISMUS DEUTSCHLAND e.V.: "Autismus - der individuelle Weg, siehe autismus Deutschland 2008.

Der Mensch Thorkil Sonne

Der Inhalt und die Art des Vortrages fanden eine sehr positive Resonanz bei den ZuhörerInnen. Herr Sonne wendete sich schon durch den Titel seines Vortrages ganz direkt an die anwesenden Betroffenen: "Die Spezialisten - Der Job für Dich".

Mit drei Jahren wurde bei Herrn Sonnes Sohn "frühkindlicher Autismus mit normaler Intelligenz" diagnostiziert. Damals fiel Herrn Sonne zu Autismus auch nicht viel mehr ein, als RAIN MAN[2]. Das änderte sich schnell, nachdem er sich in verschiedenen dänischen Initiativen für Menschen mit Autismus engagierte und dabei immer gleich auch die Stärken dieser ganz besonderen Menschen erkannte. Herr Sonne hat dies stets als dankenswerte Chance gesehen, einen Einblick in eine ihm vorher unbekannte und ihn nun faszinierende Welt erhalten zu dürfen.

Besonders deutlich wurden Herrn Sonne die oft einzigartigen Fähigkeiten der Autisten durch seinen Sohn Lars vor Augen geführt, als er erkannte, dass die Zeichnung auf Seite 35 (Anmerkung von bidok: Seitenangabe betrifft original) auf ersten Blick nur nach verspielten (Zahlen-)Kritzeleien aussehende Kästchensammlung nichts anderes ist, als eine Europakarte aus einem Atlas, die Lars mit sieben Jahren nach nur einmaligem Betrachten nachzeichnete. Lars Zahlen stimmen absolut mit den Seitenzahlen überein.

Der Atlas

Die Zeichnung

Die Vergrößerung aus dem Atlas

Die Vergrößerung der Zeichnung



[2] Der erfolgreiche Spielfilm RAIN MAN machte 1988 ein breites Publikum auf die Besonderheiten von Autismus aufmerksam. Dustin Hoffman spielt hier den autistischen Raymond. Diese Geschichte wurde von dem Savant Kim Peek inspiriert. Das Savant-Syndrom wird auch Inselbegabung genannt und ist ein Phänomen, bei dem Menschen in einem kleinen Teilbereich außergewöhnliche Leistungen vollbringen, während sie in vielen anderen Bereichen kognitiv eingeschränkt sind. Etwa die Hälfte der Savants sind Autisten.

Die Firma: SPECIALISTERNE

Als IT- Experten wurde Herrn Sonne sofort klar, dass sich hier eine zu fördernde Eigenschaft zeigt, die man nicht als Behinderung, sondern als Stärke bezeichnen muss. Er sah viele Einsatzmöglichkeiten für solche Begabungen im IT- Bereich. Nach kurzer Vorbereitungszeit gab er seinen sicheren Arbeitsplatz bei einer Telekommunikationsgesellschaft auf. Er gründete mit einem Kredit ein eigenes Unternehmen: SPECIALISTERNE- Die Spezialisten. Herr Sonne und seine MitarbeiterInnen achteten von Anfang an auf Arbeitsplatzbedingungen, die dem Autismus gerecht werden. Ein konkretes Beispiel sind spezielle Teppichböden, die alle Schritte dämpfen und Türen, die leise schließen und gut isolieren, weil Autisten oft extrem geräuschempfindlich sind. Sie werden oft schon durch solche "Kleinigkeiten" an der Entfaltung ihrer einzigartigen Möglichkeiten gehindert.

"SPECIALISTERNE ist mehr als eine gewöhnliche Firma. Wir verbinden Idealismus und Geschäft mit der Überzeugung, dass beide Elemente gleich wichtig sind um auf Dauer etwas zu erreichen. SPECIALISTERNE wurde ohne Förderungen von außen gegründet, mit der Überzeugung, dass das Konzept stark genug ist, dass wir es von Anfang an unter normalen Marktbedingungen allein schaffen werden. Keiner hat das je zuvor getan - daher konnten wir nirgends nachlesen, wie es zu tun ist. Das hat andererseits auch bedeutet, dass wir zu keiner Zeit an Vorgaben gebunden waren, wie so etwas üblicherweise gemacht wird. Wir waren daher völlig ungebunden auch quer zu denken." [3]



[3] zitiert aus der Interseite von SPECIALISTERNE: http://www.specialisterne.dk/ html/german/company/company.html.

Der Vortrag

Die Firma SPECIALISTERNE erhält in den Medien große Aufmerksamkeit. Herr Sonne wurde mit einigen Preisen ausgezeichnet. Er reist um die ganze Welt, um seine Arbeit vorzustellen. Die ZuhörerInnen sind sowohl Spezialisten aus der Wirtschaft als auch Autismusexperten. Die zunehmend interessierte Öffentlichkeit wird durch Spiegelonline, ZDF, Arte oder die Deutschen Welle informiert[4].

Auf der Tagung in Nürnberg wurden das Konzept der Firma präsentiert; welches hier in Kurzform wiedergegeben wird:

  • Die Mission: SPECIALISTERNE setzt die Charakteristiken des Autismus auf positive Art ein um Unternehmen wertvolle Dienstleistungen zu marktwirtschaftlichen Bedingungen anzubieten.

  • Die Vision: SPECIALISTERNE will Menschen mit Autismus eine Möglichkeit bieten, ihre speziellen Fähigkeiten zu nutzen und weiter zu entwickeln, aufbauend auf deren Qualifikationen, Stärken und Zielen.

  • SPECIALISTERNE will der Geschäftswelt neue spezielle Fähigkeiten in Nischenbereichen, die Tiefblick, Präzision und Regelmäßigkeit verlangen, anbieten.

  • SPECIALISTERNE will der Gesellschaft beweisen, dass Menschen mit Autismus gleichwertige Mitwirkende an der Entwicklung unserer Gesellschaft sein können.

  • SPECIALISTERNE will unter marktwirtschaftlichen Bedingungen antreten und Büros im Ausland gründen, damit so viele Leute wie möglich mit Autismus die Chance haben ihre beruflichen Ziele zu realisieren.

  • Gegründet Januar 2004. 38 Personen mit Autismus, 14 Personen ohne Autismus, 20 Auszubildende mit Autismus

  • Das Ziel sind mehr als 100 Angestellte in Dänemark und mehr als 1000 international.

  • 1% aller Aufgaben in jeder großen Firma seien für SPECIALISTERNE Angestellte optimal.

  • In einer 5monatigen Vorbereitungsphase wird geprüft, ob die TeilnehmerInnen zu SPECIALISTERNE passen. Das Ausbildungs- Programm beinhaltet LEGO MINDSTORMS[5] als wichtiges Test- und Arbeitsmittel.

LEGO Roboter

Herrn Sonne fragte die ZuhörerInnen in Nürnberg, ob das SPECIALISTERNE Konzept in Deutschland relevant sei, was eindeutig bejaht wurde. Diskutiert wurde, ob man eine Stellenausschreibung "nur für Autisten" veröffentlichen dürfe. Dies ist eines von vielen Details, die noch zu klären sind, bevor dieser Ansatz in Deutschland eine praktische Umsetzung finden könne. Vor allem brauche man engagierte Menschen, die diesen Weg mitgehen, ArbeitgeberInnen, einen Standort und geeignete autistische MitarbeiterInnen[6]. Herr Sonne benannte ganz konkrete Orte und Kooperationspartner in Deutschland, wo ein ähnliches Modell wie seine Firma aufgebaut werden könnte. Zu klären wäre vor allem die Finanzierung einer mehrmonatigen Trainingsphase.



[4] Auf der Interseite von Specialisterne http://www.specialisterne.dk findet man sehr viele Informationen auch auf Deutsch zu der Firma, den Berichten, den Auszeichnungen und Anderem. Im Internet gibt es auch viele Informationen über die Arbeit von SPECIALISTERNE, siehe Gamillscheg 2006, Barsch 2008, Ott 2008, Piazza 2008, Wareham 2008.

[5] LEGO MINDSTORMS http://mindstorms.lego.com ist eine Erweiterung des Spielzeuges LEGO, um sowohl Roboter wie auch weitere autonome und interaktive Systeme zu konstruieren und zu programmieren. Informationen zu LEGO MINDSTORMS findet man hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Lego_Mindstorms.

[6] In der Literatur und im Internet gibt es Informationen zu dem Thema Asperger in der Arbeitswelt: ASPERGIA http://www.aspergia.de ist eine Webseite für Menschen mit Asperger Syndrom, ihre Angehörigen und für Fachleute; Bei AUTSIDER http://www.autsider.de soll es der Sinn und Zweck dieser Gemeinschaft sein, Menschen mit autistischer Diagnose die Chance zu geben, sich beruflich weiterzuentwickeln, siehe auch Bosch 2008. Literatur zu dem Thema: Attwood 2007, Baumgartner 2008, Dalferth 2007.

Das Interview

Danke, dass Sie die meisten meiner Fragen schon in Ihrem Vortrag beantwortet haben.

Ich habe meinen Vortrag nicht in Noten. Wenn ich vortrage, dann improvisiere ich immer.

Müssen Ihre MitarbeiterInnen eine Diagnose haben?

Bisher müssen sie bei uns in Dänemark eine Diagnose haben. Das ist meistens das Asperger- Syndrom, aber es kann auch etwas anderes sein. Aber sie müssen hochfunktionierend[7] sein. Wir würden gerne eine eigene Screening Methode finden, womit wir uns selber überzeugen können, dass das Profil der Person zu uns passt. Es gibt so viele Personen, die zwar nicht die Diagnose Autismus haben, aber eindeutige autistische Merkmale. Wir würden gerne diese Leute ohne Diagnose in die Trainingsgruppen aufnehmen können. Es gibt oft Barrieren, um die Diagnose zu bekommen. Wir sollen nur selber überzeugt sein, dass es eine Person ist, die in unser Programm passt.

Wie werden die MitarbeiterInnen ausgesucht?

Im Trainingsprogramm haben die Teilnehmer Zeit, um herauszufinden, ob die Arbeit in unserem Büro das Richtige für sie ist. Es gibt zwei zu klärende Kriterien: Passt der Kandidat zu dem Arbeitsmarkt und passt der Arbeitsmarkt für die Person. Wir beginnen immer mit einem ersten Treffen mit den Kandidaten. Da reden wir etwa eine Stunde mit ihnen. Das ist der erste Filter, wo wir herausfinden, ob sie in unser Programm passen. Nach der 5-monatigen Trainingsperiode finden wir heraus, ob die Geschäftswelt der richtige Weg für den Kandidaten ist. Das ist der zweite Filter.

Wie wird die Trainingsperiode finanziert?

In Dänemark zahlt das die Kommune. Es gibt einen festen Preis für die Periode von fünf Monaten. Wir haben einen Preis pro Kandidat. Wir machen einen Vertrag mit der Kommune für jeden einzelnen Teilnehmer. Beim ersten Treffen ist auch ein Vertreter der Kommune dabei. Dann finden wir gemeinsam heraus, ob das Programm für den Kandidaten geeignet sein kann. Die Kommune als Bezahler soll auch mitbestimmen.

Standen diese Konditionen schon bei den ersten Kandidaten fest?

Es war wirklich so, als ich beschlossen hatte, diese Firma zu etablieren, kamen schon alle diese Förderungen. Meine Konkurrenz wählt ihre Mitarbeiter nach Zeugnissen aus, aber ich erwarte "nichts". Ich frage mich, wie kann ich sicher sein, dass meine Mitarbeiter die Aufgaben in einer hohen Qualität schaffen können. Ich habe herausgefunden, dass ich genügend Zeit dafür brauche. Ich weiß nicht, warum wir gerade fünf Monate gewählt haben, aber es war dann auch die Zeit, die wir brauchen. Wir haben es auch mal mit kürzeren Zeiten versucht, aber wir haben festgestellt, dass diese fünf Monate ein sehr guter Zeitrahmen ist, damit sich die Teilnehmer an die Geschäftswelt gewöhnen können. Viele von unseren Teilnehmern haben auch noch nie vorher andere Asperger kennengelernt und haben auch gleich RAIN MAN gedacht. Es ist ein gutes Erlebnis für sie herauszufinden:"Die sind ja wie ich!"

Wo ist nach der Trainingsphase der konkrete Arbeitsplatz für Ihre MitarbeiterInnen?

Sie haben einen Arbeitsplatz in meinem Büro. Wir schaffen eine spezielle virtuelle Umgebung. Wir sichern ab, dass alle Aufgaben deutlich beschrieben werden. Die Kontaktpersonen in den Unternehmen bekommen von uns eine Aufklärung über die Besonderheiten der autistischen Mitarbeiter, die für die Zusammenarbeit wichtig sind. Wir evaluieren dies ständig.

Wer arbeitet neben Ihnen noch in der Leitung der Firma?

Seit Anfang dieses Jahres gibt es einen Geschäftsführer. Nun bin ich das nicht mehr selber und das ist sehr gut! Dadurch kann ich herumreisen, um meine Vision zu erzählen. Ich entscheide nicht mehr, wer in das Programm kommt und wer unser Kunde wird. Dafür haben wir jetzt einen pädagogischen Berater, der sich gut mit Autismus auskennt. Und wir haben Business Menschen[8]. Sie garantieren das Interface[9] zu den Kunden. Wir versuchen auch immer, so wenig wie möglich von Autismus zu sprechen, weil unsere Mitarbeiter mehr Spezialisten als Autisten sind. Jedes Mal wenn das Wort Autismus fällt, dann denken die Kunden RAIN MAN und das ist so falsch. Wir wollen, dass unsere Kunden bei unseren Mitarbeitern an Menschen mit ganz speziellen Fähigkeiten und einer ganz speziellen Geschäftskultur denken, die eben anders arbeiten als die Generalisten.

Gibt es eine Zusammenarbeit mit ähnlichen Projekten im Ausland?

Ja, ich kenne ein Projekt in den Niederlanden Autest[10] und eines in Schweden LEFT IST RIGHT[11], die ganz ähnlich arbeiten und beide von SPECIALISTERNE inspiriert wurden. In beiden Ländern sind sie durch Zeitschriftenartikel auf unsere Arbeit aufmerksam geworden, haben sich bei uns gemeldet und eigene Projekte aufgebaut. Ich freue mich, dass andere Projekte von SPECIALISTERNE inspiriert werden. Ich sehe sie nicht als Konkurrenz, weil es so viele Aufgaben und auch Kandidaten gibt und wir dafür viele verschiedene Organisationen brauchen. Als im Februar 2008 unser neues Büro in Kopenhagen eröffnet wurde, kamen auch Vertreter von diesen neuen Organisationen zu Besuch. Insgesamt waren es Initiativen aus zehn Ländern. Das war ein tolles Erlebnis, so viele Initiativen gleichzeitig zu erleben, die alle so wie die Spezialisten arbeiten oder arbeiten wollen. Wir müssen unsere Erfahrungen austauschen und zusammenarbeiten. Wir haben sie zwar inspiriert, aber nun arbeiten sie völlig selbstständig. Es gibt kein Copyright oder so was. Vielleicht kommt unsere Firma SPECIALISTERNE auch mal in die Niederlande, aber wir werden dann keine Konkurrenten sein.

Gibt es in ihrer Firma auch "ältere" MitarbeiterInnen, da die in den Filmbeiträgen vorgestellten Menschen relativ jung aussehen?

Ja, wir haben 8 Mitarbeiter, die älter als 40 Jahre sind. Wir hatten einen Kandidaten, der 58 war.

Gibt es auch weibliche Teilnehmerinnen?

Ja, aber von den 38 sind nur 2 Frauen. Wir würden gerne mehr haben.

Wie weit sind die konkreten Planungen für Deutschland?

Wir haben eine feasibility study[12] für Großbritannien gemacht. Das Programm kann man auf andere Länder übertragen. Das Büro, das die Studie für Großbritannien erstellt hat, hat auch schon eine Kontaktperson in Deutschland. Zu Zweit sollen sie nun eine Studie für Deutschland erstellen. Erste Aufgabe ist es, Geld für diese Planung zu finden. Dann machen sie die Planung und es endet mit einem Businessplan und einer Evaluierung, ob wir überhaupt in Deutschland etwas aufbauen sollen. Wenn der Plan sagt, dass es nicht geht, machen wir nichts. Wir müssen Geld für die Etablierungsphase finden, weil ich einen "Vertrag" mit meiner Frau habe, dass wir unser Haus nicht weiter belasten. Wenn es dann läuft, schaffen wir es unter Marktbedingungen und brauchen kein externes Geld. Ich habe eine gute Zusammenarbeit mit dem Verein AUTISMUS DEUTSCHLAND. Sie haben eine Arbeitsgruppe etabliert, um mir zu helfen. Es ist eine sehr positive Zusammenarbeit. Gemeinsames Ziel ist vor allem ein positives Bild von Autismus zu erzeugen. In Deutschland gibt es gute Chancen.

Wird Ihr Sohn später in Ihrer Firma arbeiten?

Ich weiß das nicht. Aber letzte Woche hat er mir das erste Mal gesagt, dass

er sich auf seinen 18. Geburtstag freut, denn dann will er gern in meinem Büro

arbeiten. Ich habe aber nicht ein Geschäft genau passend für meinen Sohn

gemacht. Er könnte dort gut seine reichhaltigen Kompetenzen ausbauen. Aber

ich hoffe, wenn er 18 ist, dann ist die Umgebung positiver für Menschen wie

meinen Sohn.

Was war die Ursprungsidee für ihre Firma, bei der Sie sicher waren, dass man es versuchen sollte?

In den 15 Jahren in meiner Arbeit im IT- Bereich fehlten mir oft wirklich gute Leute, um Software zu testen. Das ist nicht einfach, viele können oder wollen es nicht. Bei den Leuten mit Autismus, die ich kennenlernte, sah ich oft, dass sie wahrscheinlich gute Tester wären. Ich war in Dänemark auch drei Jahre lang Vorsitzender eines regionalen Autismusvereins. Ich konnte sehen, dass es im dänischen Wohlfahrtssystem zwar viel Geld gibt, aber man bezahlt oft Leute, um nichts zu tun, statt zu gucken, wo man sie in die Geschäftswelt integrieren kann. Ich glaubte, dass mein Sohn glücklicher wäre, wenn er der Umgebung durch seine Arbeit zeigen kann, wie gut er ist, statt vom Staat Geld zu bekommen, um nichts zu tun. Ich erwarte nicht vom dänischen Wohlfahrtssystem, dass sie etwas für meinen Sohn tun. Es braucht wohl einen "wilden Vater" wie mich, um etwas anders zu machen. Ich wusste, wenn ich nichts mache, dann passiert auch nichts.

Was haben Sie konkret im dänischen Autismusverband gemacht?

Als ich im Autismusverein aktiv war, habe ich viele Initiativen und Projekte begleitet. Ich war Nebenvorsitzender in einem Wohnheim für Autisten. Durch den Kontakt bekam ich einen tiefen Einblick in das Leben der Autisten, aber auch in das dänische Wohlfahrtssystem.

Ist Ihre Firma ein Teilzeit- und Zeitarbeitsmodell?

Die meisten Teilnehmer arbeiten 20 bis 25 Stunden. Die Meisten schaffen es nicht, Vollzeit zu arbeiten. Es wird individuell herausgefunden, wie viele Stunden sie arbeiten können und wollen. Meist sind es nur Teilzeitstellen. Das bestimme aber nicht ich. Sie sind fest angestellt, erhalten einen marktüblichen Lohn mit allen Absicherungen mit Pension und alles. Autisten brauchen Sicherheit und keinen Zeitvertrag. Ich möchte gerne, dass sie ihr ganzes Arbeitsleben bei den Spezialisten bleiben, aber auch wenn sie etwas anderes wollen, dann helfe ich ihnen gerne. Ich wünsche mir, dass sie eine echte Wahlmöglichkeit bekommen. Das ist, was ich mir für meinen Sohn wünsche und das wünsche ich mir für meine Mitarbeiter. Ich glaube Integrationsfirma wäre ein passender Begriff.

Was eine unbedingte Voraussetzung für die Mitarbeit bei Ihnen ist, haben Sie gestern schon in ihrem Vortrag gesagt: Motivation und Autismus. Gibt es noch mehr Voraussetzungen?

Nein. Sie sollen schon sehr motiviert sein. Sie sollen auch die Arbeitszeiten verlässlich einhalten. Aber Motivation muss unbedingt vorhanden sein. Die müssen wir mit unseren Pädagogen und dem Businessmanager herausfinden. Bei uns ist die Priorität, erstmal die richtigen Mitarbeiter zu finden und dann die richtigen Arbeitsplätze und Aufgaben für sie herauszuarbeiten. Wir können nicht alle Teilnehmer übernehmen. Aber auch für diese Teilnehmer ist die Trainingsphase ein wichtiges Erlebnis, was Ihnen später noch weiterhilft. Einige finden dadurch später alleine einen Arbeitsplatz und sind nicht in unserer Firma. Da ist alles möglich.

Kann man Ihre Firma besuchen kommen?

Wir wollen nicht so gerne, dass man uns im Büro besucht, weil die Autisten eine ruhige Arbeitsatmosphäre brauchen. Es gibt schon viele unvermeidbar störende Elemente und wir wollen nicht mehr als nötig. Wir freuen uns aber, wenn uns Zeitungs-, Radio- oder Fernsehleute besuchen, da sie dann vielen Menschen unsere Arbeit zeigen können.

Logo von SPECIALISTERNE

Ihr Logo wird immer sehr liebevoll von Ihnen beschrieben....

Ja, in Dänemark kennt man Löwenzahn nur als ein lästiges Unkraut. Aber ein paar Leute mit besonderem Wissen - die Spezialisten - sehen es als eine wertvolle Pflanze. Genauso ist es mit dem Autismus. Für die meisten ist es ein Problem, für uns eine wertvolle Ressource. Man wählt selber, wie man es sehen will. Beide Möglichkeiten sind da.

Welchen Stellenwert haben Therapien in ihrer Arbeit?

Wir brauchen keine spezielle Methode. Wir versuchen individuell herauszufinden, was die einzelne Person braucht. Es gibt so viele "Religionen" und Streit über die "richtige" Methode. Wir wollen nicht in diesem "Krieg" einsteigen.

In Ihrem Vortrag haben Sie auch über Mobbing gesprochen. Ist das ein häufiges Problem bei Aspergern?

Ja! Meine Mitarbeiter sind so einfach, ohne Filter, sie wollen nicht jemand anders etwas zerstören. Es sind so "schöne" Mitarbeiter. Somit gibt es bei uns kein Mobbing. Die Meisten haben aber schon selber Mobbing[13] erlebt. Sehr viel und oft.

In den Bildern und Berichten tauchen immer wieder LEGO-Roboter auf. Warum?

LEGO-Roboter werden schon in 40.000 Schulen der Welt erfolgreich benutzt. LEGO MINDSTORM7 ist ein großartiges praktisches Werkzeug, gerade auch für Autisten. Und das ist neu.

Wann können sich die deutschen Aspies [14] bei Ihnen bewerben?

Das ist noch zu früh. Aber es gibt die Arbeitsgruppe oder Kontaktmöglichkeiten über das Internet, etwa mit FACEBOOK[15], wo wir uns austauschen können. Ich würde gerne eine Gruppe von Geschäftsleuten, Experten und Autisten etablieren. Daraus kann sich was entwickeln.

Denken Sie auch an eine Übertragung auf "schwächere" MitarbeiterInnen?

Ja, aber ich musste erstmal etwas für meine Teilnehmer entwickeln. Alle Menschen brauchen eine richtige Arbeit und wenn es erst mal nur eine Woche pro Jahr ist, ist das gut. Wir wollen gerne die Mischung finden, wo jeder Mensch mit Autismus in einer kleinen Nische seine Arbeit findet. Es gibt auch ganz einfache Tätigkeiten bei uns im Unternehmen.

Vielen Dank für das Interview. Ich wünsche Ihnen weiter viel Erfolg mit ihrer Firma.



[7] Zu den Unterscheidungen siehe Attwood 2008.

[8] Auf Deutsch etwa Manager, Betriebswirt.

[9] Auf Deutsch etwa Kontakt.

[10] AUTEST http://www.autest.nl ist eine niederländische Firma, die ähnlich wie SPECIALISTERNE arbeitet.

[11] LEFT IS RIGHT http://www.leftisright. se ist eine schwedische Firma, die ebenfalls ähnlich wie SPECIALISTERNE arbeitet.

[12] Auf Deutsch etwa: Projektstudie oder Machbarkeitsstudie.

[13] Zum Thema Mobbing bei Autisten siehe Attwood 2007 und Dalferth 2007

[14] Mehr über "Aspies" findet man im Internet http://www.aspies.de, einer Selbsthilfegruppe, http://www.heisede/tp/r4/artikel/11/11997/1.html, die "Die Geek-Autismus-Connection" oder Gray 2001 (siehe Literaturangaben).

[15] FACEBOOK http://www.facebook.de ist ein Internetforum sozialer Netzwerke, zu deren Benutzung man sich anmelden muss, siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Facebook.

Literatur- und Quellenangaben

Inhaltsverzeichnis

(Alle Internetquellen wurden am 16.12.2008 abgerufen. Falls ein Link bei Ihnennicht mehr funktioniert, würde ich mich über ein Info freuen. Auf www.azuw.de/sonne.htm finden Sie dann immer eine aktualisierte Literatur- und Linkliste. Von dort können Sie auch bequem ohne Abtippen zu den Quellen surfen.)

Attwood, Tony: Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom - Alle Fragen - alle Antworten, Stuttgart 2007

Attwood, Tony: Gibt es einen Unterschied zwischen Asperger Syndrom und Hochfunktionierendem Autismus?, übersetzt von Heike Frank, im Internet als 5seitigesPDF: http://www.aspergia.net/uploads/files/attwood-as-hfa.PDF, 2008

autismus Deutschland: Autismus - der individuelle Weg - 12. Bundestagung vom 5. bis 7. September 2008 in Nürnberg. Das Programm ist im Internet veröffentlicht: http://www.autismus.de/pages/12.-bundestagung.php, 2008

Barsch, Sebastian: Interview mit Thorkil Sonne, Gründer der dänischen Firma SPECIALISTERNE, einer Arbeitsvermittlung für Autisten", auf Englisch veröffentlicht im Internet: http://sonderpaedagoge.de/serie/sonne, 2008

Baumgartner, Frank: Berufliche Qualifizierung von Menschen mit Autismus im Berufsbildungswerk St. Franziskus Abensberg" in Impulse, Nr. 45; Hamburg 2008

Bosch, Karin van den: "Chancen auf dem Arbeitsmarkt", übersetzt von Heike Frank, im Internet als 3seitiges PDF: http://www.aspergia.net/uploads/files/arbeitsmarktchancen.pdf, 2008

Dalferth, Matthias: Ausbildung im BBW - und was danach?, im Internet als PDF: http://www.bbw-abensberg.de/files/downloads/Elterntreffen.pdf, 2008

Dalferth, Matthias: Mobbing bei jungen Menschen mit Autismus/Aspergersyndrom,im Internet als PDF: http://www.bbw-abensberg.de/files/downloads/Mobbing.pdf, 2008

Gray, Carol; Attwood, Tony: Die Entdeckung von "Aspie", übersetzt von Diane Leineweber, veröffentlich als PDF im Internet: http://www.aspiana.de/neben/Aspie.pdf, 2001

Gamillscheg, Hannes: Die Meister der Zahlen im Kölner Stadtanzeiger online am 29.12.2006: http://www.ksta.de/html/artikel/1162473212457.shtml, 2006

Ott, Friederike: Unternehmen - Erfolgreich mit Autisten, 2008, veröffentlicht am 25.8.2008 in Spiegel Online: http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,570496,00.html, 2008

Piazza, Katrin: Behinderung als Chance - eine dänische Firma machts vor, veröffentlicht im Internet: io new management Nr.3, 2008, S. 24 - 27: http://www.daidai.ch/specialisterne.pdf, 2008

Sonne, Thorkil: Die Spezialisten - Der Job für Dich! - Präsentation am Nürnberg am 5. September 2008 als PDF, unveröffentlicht, Nürnberg 2008

Wareham, Jonathan; Sonne, Thorkil: Harnessing the Power of Autism Spectrum Disorder in: Innovations: Technology, Governance, Globalization - Volume 3, issue 1, 2008 S. 11-27, als PDF in Englisch im Internet abrufbar: http://econpapers.repec.org/article/tprinntgg/v_3A3_3Ay_3A2008_3Ai_3A1_3Ap_3A11-27.htm (Hier öffnet sich das PDF, wenn man auf Download geht), 2008

Bildquellen

Alle Photos, "Photoscan" und die Ampelmann-Grafik: Andreas Ehrich.

Der Ampelmann ist eine eingetragene Marke der AMPELMANN GmbH: www.ampelmann.de. Vielen Dank für die Nutzungsrechte an dieser Stelle.

Die Grafik "Leichte Sprache" darin ist von People First http://www.people1.de übernommen Logo von SPECIALISTERNE von Sonne 2008

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Internet: www.specialisterne.com

FACEBOOK Thorkil Sonne

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Fon: 0421 / 5978401

E-Mail: bremensch@gmx.de

Internet: www.bremensch.de

Internet: www.azuw.de

Quelle:

Andreas Ehrich: Specialisterne - Die Spezialisten

Erschienen in: impulse Nr. 48, 4/2008, S. 34-40

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 07.02.2011

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