Primäre, sekundäre und soziogene Behinderung

Eine Definition als Grundlage pädagogischer Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung(en)

AutorIn: Christian Grill
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Dieser Text wurde in der Festschrift "25 Jahre Schule für Sozialbetreuungsberufe" der Caritas für Menschen mit Behinderung Linz Salesianumweg veröffentlicht (S. 27-29).
Copyright: © Christian Grill 2011

Primäre, sekundäre und soziogene Behinderung

Eine diagnostizierte Behinderung wird, vor allem auch im institutionellen Bereich, oft noch immer als Defizit gesehen, das für alle Widrigkeiten im Leben einer betroffenen Person, und oft auch ihrer Reaktion darauf, verantwortlich gemacht werden kann. Dies resultiert zum einen aus der in diesem Bereich veralteten Sichtweise des medizinischen Modells[1], wonach Behinderung nur als Schädigung im Sinne einer ICD-Diagnose gesehen wird, und zum anderen, aus einem systemimmanenten und zutiefst menschlichen Hang zur Komplexitätsreduktion, also zur Vereinfachung (vgl. Grill, 2007, S.28). Wird aber jedes Verhalten, jede Reaktion auf die jeweiligen Lebensumstände, jeder Gemütszustand, jedes gesetzte Ziel, jeder Wunsch usw. ständig mit der primären Diagnose einer Schädigung (und des damit vermeintlich festgelegten Potentials) abgeglichen oder auf diese zurück geführt, so ist dies nicht nur die Quelle systematischer Stigmatisierung der davon betroffenen Person, es wird damit auch ihre Individualität negiert.

Als "Gegenbewegung gegen eine medizinisch geprägte (...) Betrachtungsweise von Behinderung" (Frommelt et al, 2005) hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits 1980 zusätzlich die Internationale Klassifikation der Schädigungen, Fähigkeitsstörungen und Beeinträchtigungen (ICIDH) entwickelt, die 2001 von der Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) abgelöst wurde. "Das wesentlich neue an der ICF ist der Versuch, zum pathologischen Aspekt eines Gesundheitsproblems weitere fördernde und/oder hemmende Faktoren zu benennen, insbesondere die Aktivitäten und die Möglichkeiten der Partizipation, also der Teilhabe am sozialen Leben, einer Person. Hinzu kommen Umwelt- und personenbezogene Faktoren." (Grill, 2007, S.19)

Wechselwirkungen zwischen den Komponenten der ICF (Quelle: DIMDI 2005,S. 23, URL: http://www.dimdi.de, [ICF])

Das Gesundheitsproblem, beschrieben durch die primäre ICD-Diagnose, kann Auswirkungen auf die Körperfunktionen und -strukturen des betroffenen Menschen haben und auf die Möglichkeiten, gewünschte Aktivitäten zu setzen und/oder am (für die Mehrheit normalen) gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Fördernde Maßnahmen können zur Normalisierung der Lebensumstände beitragen, sind aber nicht nur abhängig vom primären Gesundheitsproblem zu sehen. So kann zum Beispiel eine (pädagogische) Maßnahme, die sich für einen Klienten mit einer bestimmten primären Diagnose als hilfreich erwiesen hat, für einen anderen Klienten mit der gleichen Diagnose nicht hilfreich sein, dafür aber möglicherweise für einen Klienten mit einer völlig anderen diagnostizierten Grundstörung.

Es ist wichtig festzustellen, dass Behinderung kein absoluter Zustand, sondern auch abhängig von der Bewertung des jeweiligen Beobachters oder einer Gesellschaft und den Folgen dieser Bewertung für den einzelnen davon betroffenen Menschen zu sehen ist. Cloerkes definiert Behinderung als "eine dauerhafte und sichtbare Abweichung im körperlichen, geistigen oder seelischen Bereich, der allgemein ein entscheidend negativer Wert zugeschrieben wird. Dauerhaftigkeit unterscheidet Behinderung von Krankheit, Sichtbarkeit ist im weitesten Sinne das Wissen anderer Menschen um die Abweichung." (1997, S.6) Oft reicht auch schon der Glaube daran aus, um eine Störung zu "sehen". (vgl. Rosenhan 2004, S.111ff) "Behinderung ist (...) erst als soziale Kategorie begreifbar. Nicht der Defekt, die Schädigung, ist ausschlaggebend, sondern die Folgen für das einzelne Individuum." (Cloerkes 1997, S.8)

Dies deckt sich mit den Ergebnissen von Interviews mit Menschen mit Behinderung(en), die sich zu folgender Hypothese zusammenfassen lassen: "Die primäre Behinderung spielt, wiewohl sie eine erschwerte Ausgangslage definieren kann, für die betroffenen Personen im Alltag, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle, da sie als eigenes So-Sein letztlich zur persönlichen Normalität gerechnet wird. Deutlich problematischer werden aber sekundäre Behinderungen gesehen, zumeist Barrieren und/oder Verhaltensweisen nicht-behinderter Menschen, die es den betroffenen Menschen erschweren oder verunmöglichen, an bestimmten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens teilzunehmen." (Grill, 2007, S. 54)

Dazu folgende Definition:

  • Eine primäre Behinderung wird durch die medizinisch-pathologische Diagnose beschrieben, die körperliche und/oder psychische Abweichungen von der Norm und deren Symptomatik, hervorgerufen durch definierte Schädigungen, feststellt.

  • Sekundäre Behinderungen sind im sozialwissenschaftlichen Sinn die (negativen) Folgen, die sich durch das tatsächliche oder vermutete Vorhandensein einer primären Behinderung bzw. der Reaktion darauf zusätzlich für die betroffene Person ergeben.

  • Resultieren diese Folgen aus einer (gesamt-) gesellschaftlichen Problematik und/oder ist die primäre Diagnose selbst nur im Zusammenhang mit den jeweilig geltenden Normvorstellungen einer Gesellschaft als Zeichen der Zeit, in der sie gestellt wurde, zu sehen, kann man von soziogenen Behinderungen sprechen.

Menschen mit einer diagnostizierten primären Behinderung sind meist von mannigfaltigen sekundären bzw. soziogenen Behinderungen / Beeinträchtigungen betroffen. Diese können zum Beispiel von unzureichender Entwicklungsförderung aufgrund schlechter Bewertung des vermeintlich erreichbaren Potentials[2], über die Verleugnung des Erwachsenwerdens bis zu schwer überwindbaren Alltagsbarrieren, die gedankenlos oder absichtlich errichtet wurden oder deren Beseitigung nicht der Mühe wert erscheint, reichen. In jedem Fall wird damit bewusst oder unbewusst eine wertende Haltung gegenüber dem Menschen mit einer primären Behinderung transportiert.

Als Reaktion auf sekundäre Behinderungen / Beeinträchtigungen können betroffene Menschen psychische Störungen bzw. Störungsmerkmale (z.B. Depressionen, Verhaltensauffälligkeiten,...) entwickeln. Diese dürfen nicht ursächlich der primären Diagnose zugerechnet werden.

Für in der Betreuung von Menschen mit Behinderung(en) / Beeinträchtigung(en) tätige Personen sollte als Folge des sozialwissenschaftlichen Behinderungsbegriffes nicht die diagnostizierte primäre Behinderung im Vordergrund stehen, sondern das Hauptaugenmerk auf der Stärkung der individuell vorhandenen und/oder zu entdeckenden Ressourcen und der Minimierung der sekundären (und, wenn möglich, auch der soziogenen) Behinderungen und ihrer Folgeerscheinungen liegen. Dazu sind zuerst auch eigene Vorstellungen und Handlungsmuster zu hinterfragen, damit die Helfer nicht selbst zur Ursache weiterer Beeinträchtigungen für ihre Klientel werden. Erst wenn dies zur Grundhaltung geworden ist, kann pädagogische Arbeit wirklich und nachhaltig Positives für Menschen mit Beeinträchtigungen bewirken.

Quellen:

Cloerkes, G.(1997): Soziologie der Behinderten. Eine Einführung. Edition Schindele

Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Hrsg.) (2005): Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. ICF Stand Oktober 2005. http://www.dimdi.de/dynamic/de/klassi/downloadcenter/icf/endfassung/icf_endfassung-2005-10-01.pdf ( 04.03.2007)

Frommelt, P., Grötzbach, H. (2005):Einführung in die ICF in der Neurorehabilitation (Version von 16. August 2005) Asklepios Klinik Schaufling

Grill, Christian (2007):Soziogene Behinderung. Die Diagnose "Geistige Behinderung" bei Erwachsenen und die diesbezüglichen Sichtweisen unterschiedlicher Systeme. Diplomarbeit. Volltext auch: http://bidok.uibk.ac.at/library/grill-soziogene-dipl.html (25.01.2010)

Rosenhan, D.: Gesund in kranker Umgebung. in: Watzlawick, P. (2004):Die erfundene Wirklichkeit. 17. Auflage, Piper Verlag

Quelle:

Christian Grill: Primäre, sekundäre und soziogene Behinderung

Festschrift "25 Jahre Schule für Sozialbetreuungsberufe" der Caritas für Menschen mit Behinderung Linz Salesianumweg (S. 27-29)

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 17.11.11



[1] Die Defizitorientierung von Medizin und Pflege ist nicht per se negativ zu sehen, schließlich wollen Menschen, die sich in ein Krankenhaus begeben, vor allem eines: von ihrem Defizit befreit, also von einer Erkrankung oder zumindest den (schmerzhaften) Symptomen der Erkrankung geheilt werden. Problematisch wird dieses Modell durch unreflektierte Übertragung auf andere (extramurale) Bereiche.

[2] oder dem Gegenteil, einer anhaltenden Überforderung

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