GEBÄRDENSPRACHDOLMETSCHEN FRÜHER UND HEUTE AUS DER SICHT DER GEHÖRLOSEN

Themenbereiche: Schule, Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Pädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften, Bildungswissenschaftliche Fakultät der Leopold- Franzens- Universität Innsbruck. Begutachter: A.Univ.-Prof. Dr. Volker Schönwiese, Innsbruck, im Juli 2006
Copyright: © Doris Fischlechner 2006

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Mein Dank gilt:

Meinen verstorbenen Eltern, Klaus und Lisi, die sich zeitlebens für meine sprachliche und schulische Förderung einsetzten, mir eine höhere Bildung ermöglichten und mich in guten und schlechten Zeiten sehr unterstützten.

Meinem Bruder Martin, der mir mit seiner großen Geduld Mut machte und den Anstoß dazu gab, diese Diplomarbeit fertigzustellen.

Meinen Freunden Elke Papp und Andreas Reinelt, die mir beim Schreiben dieser Arbeit mit Rat und Tat zur Seite standen. Auch meiner Freundin Daniela Härting, die mich zu einer Reise nach Kalifornien animiert hat.

Ein herzliches Dankeschön gebührt auch all jenen Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen in Tirol und Kalifornien, die sich bereit erklärten, die Fragebögen für den empirischen Teil meiner Arbeit auszufüllen.

Ich danke dem Tiroler Landesverband der Gehörlosen, dem Zentrum für Hör- und Sprachpädagogik Mils, dem Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft Graz, dem Verband der Österreichischen GS-DolmetscherInnen, der Redaktion des Instituts für Deutsche Gebärdensprache und der Beratungsstelle für Gehörlose für die Ausleihe vieler Bücher und Unterlagen.

Ich danke schließlich meinen Bekannten für die Korrektur dieser Diplomarbeit.

DANKE!

Einleitung

Ich wurde hörend geboren. Mit 11 Monaten verlor ich durch eine Hirnhautentzündung (Meningitis) mein Gehör. Seitdem bin ich gehörlos. Ich erlernte die reine Gebärdensprache und die deutsche Lautsprache im Kindergarten und beherrsche sie heute gut. Meine Lautsprache ist für viele Hörende im erstmaligen Gespräch mit mir, wenn wir uns kennenlernen, oft sehr ungewohnt und neu. Es erfordert viel Konzentration, Geduld und Fantasie, damit meine hörenden Gesprächspartner meinen Worten folgen können. Hin und wieder benötigen wir Papier und Kuli, um aufzuschreiben, was wir sagen wollen. Erst nach ein paar Gesprächen mit denselben Personen fällt es ihnen leichter, mich zu verstehen. Ich pendle zwischen zwei Welten, der gehörlosen und der hörenden Welt, in denen ich mich heute wohlfühle und auch viele Erfahrungen sammle. In meinem ganzen Leben lernte ich die Kultur der Hörenden, deren Vorstellungen über Gehörlose und ihre Vorurteile kennen. Sie benötigen Erklärungen dafür, was es bedeutet, gehörlos zu sein und wie eine gegenseitige Verständigung möglich ist. Besonders ältere Leute und/ oder nichtinformierte Leute verwenden häufig den Begriff "taubstumm", der für einen Gehörlosen eher beleidigend ist. Es ist für mich nicht angenehm, immer wieder dieses Wort zufällig von ihren Lippen abzulesen. Ich habe mich schon daran gewöhnt, dass sie einfach nicht wissen, was taubstumm eigentlich bedeutet und warum dies für Gehörlose beleidigend ist. Wir sind weder "taub", als könnten wir nicht wahrnehmen, was sie uns sagen wollen, noch "stumm", als könnten wir uns nicht mitteilen.

Der Grund für die Erstellung dieser Diplomarbeit zum Thema "Gebärdensprachdolmetschen früher- heute. Aus der Sicht der Gehörlosen." liegt in erster Linie an meinem intensiven Kontakt mit den GS-DolmetscherInnen während meines Studiums an der Universität Innsbruck, deren Dolmetschleistungen im Bildungsbereich zu wichtigen Erfahrungen für mich selbst wurden. Weitere Anregungen und Informationen erhielt ich durch die Dolmetschzentrale Innsbruck, das Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft Graz, den Verband der Österreichischen GS-DolmetscherInnen, und die Redaktion des Instituts für Deutsche Gebärdensprache, wodurch das Interesse an diesem Thema noch verstärkt wurde. Kurz gesagt, mein Entschluss war gefasst, dieses Thema der Öffentlichkeit zu präsentieren. Hinzu kommt noch, dass meines Wissens im deutschen Sprachraum Hörende noch immer wenig über Gehörlosigkeit und Dolmetschsituationen wissen. Daher war es mein Wunsch, über meine persönlichen Erfahrungen im Umgang mit Hörenden zu reflektieren und in dieser Arbeit zu präsentieren. Es ist mein Anliegen, dass Hörende und Nichtinformierte über Gehörlosigkeit und dem Umgang mit Gehörlosen gut informiert werden, wenn sie meine Diplomarbeit lesen.

Im Zuge meiner Recherchen stellte ich fest, dass im Bereich der Schulbildung in Österreich gedolmetscht und verstärkt nach GS-DolmetscherInnen gefragt wird. So gibt es, zum Beispiel, nur 10 GS-DolmetscherInnen für die Gehörlosen in Tirol, was ein großes Problem für die Gehörlosen darstellt. Das Berufsbild des GS-Dolmetschers ist immer noch jung und wenig definiert. Ich möchte im Folgenden untersuchen, inwieweit dies auf heutige Situationen der Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen in Tirol und Kalifornien zutrifft. Ich habe Kalifornien als Forschungsgebiet bevorzugt, weil ich dort meinen Urlaub verbrachte und San Francisco und seine Umgebung für einen Vergleich im Rahmen meiner Diplomarbeit wählte. Meiner Ansicht nach ist die Situation der Dolmetscher in Kalifornien anders als in Tirol. Die GS-DolmetscherInnen begleiten ihre gehörlosen Klienten nicht zu den Terminen wie jene in Tirol, sondern vermitteln über eine Art Bildtelefon zwischen der hörenden Ansprechperson und dem gehörlosen Klienten. Diese Dolmetschart wird in Kalifornien stärker in Anspruch genommen als in Tirol.

Mir ist bewusst, dass in der Fachliteratur bereits viel geschrieben wurde, doch die Beschreibung mancher Dolmetschsituationen und Kommunikationsprobleme sind meiner Meinung nach notwendig, um klar zu machen, dass Dolmetschsituationen nicht immer schnell und leicht zu bewältigen sind. Allerdings gehören diese Erlebnisse zu wichtigen Erfahrungen für GS-DolmetscherInnen ebenso wie für Hörenden, denn diese Dolmetschtätigkeit in Gebärdensprache übt "auf Außenstehende" viel Faszination und Interesse aus. Die Innensicht zeigt allerdings, dass die Gebärdensprachdolmetscher während ihrer Dolmetschausbildung viel Übung und Zeit für Gebärdendolmetschen und Voicen (Übersetzung von der Gebärdensprache in die Lautsprache) in Kauf nehmen zu müssen, um die optimale Gebärdenkompetenz zu erlangen.

Als Einführung in die Arbeit werden im Kapitel 1 spezifische Gegebenheiten über Hörschäden und deren Auswirkungen näher beleuchtet. In aller Kürze wird in Kapitel 2 wird die Geschichte der Gehörlosenbildung skizziert. Im Kapitel 3 wird insbesondere auf die Integration Gehörloser näher eingegangen. Kapitel 4 vermittelt einen ausführlichen Einblick über die Gebärdensprache. Kapitel 5 beschäftigt sich mit dem Gebärdensprachdolmetschen.

Nach der theoretischen Abhandlung des Themenbereichs erfolgt in Kapitel 6 die Befragung unter den Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen in Tirol und Kalifornien, die ich durchgeführt und dann ausgewertet habe. Es wurde versucht, durch einen praxisorientierten Ansatz zu klären, wie die Dolmetschsituationen bei Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen in Tirol und Kalifornien aussehen. Ziel war es nicht, eine statistische Untersuchung durchzuführen, sondern einen Einblick in die Praxis zu gewähren und eine Grundlage für deren Beurteilung zu erhalten.

I. Nötige Begriffserklärungen

1. "Taubstumm"

Der Begriff "taubstumm" wird seit langem und zumeist von "Ahnungslosen" oder "Nichtinformierten" verwendet. Vor allem in kleinen oder weit von Städten entfernten Orten, wo gehörlose Menschen vereinzelt leben, wird dieses Wort häufig verwendet. Darin zeigt sich bereits, dass Gehörlose eine benachteiligte Stellung in unserer Gesellschaft einnehmen. Die Bezeichnung "taubstumm" kommt aus der Antike, in der man glaubte, dass gehörlose Menschen zu dumm seien, sich weiterzubilden. Heutzutage empfinden Gehörlose das Wort "taubstumm" als diskriminierend und abfällig, denn das Wort "stumm" impliziert für Gehörlose, dass ihnen Kommunikationsfähigkeit nicht zugetraut wird. Obwohl das Wort "gehörlos" schon seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Umlauf ist, hat sich der veraltete Begriff "taubstumm" bis heute hartnäckig gehalten. Gehörlose verfügen zwar über den gleichen Sprachmechanismus wie Hörende, nur sie sind nicht in der Lage, ihre Stimme zu kontrollieren oder deren Lautsstärke und Klang gezielt zu steuern. Deshalb werden sie in ihrer unmittelbaren Umgebung sehr häufig nicht verstanden oder missverstanden.

2. "Gehörlos"

Das Wort "gehörlos" wurde erstmals benutzt, als die allgemeine Schulbildung in der späten zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für gehörlose Kinder eingeführt wurde. Das Erlernen der Lautsprache und des Lippenlesens führte vor allem dazu, dass sich die "sprechenden Taubstummen" als "Gehörlose" zu bezeichnen begannen. Die meisten Hörgeschädigten definieren sich als Gehörlose, ganz unabhängig davon, wie schlecht sie hören, wenn sie sich einer eigenen Kultur, der sogenannten Gehörlosenkultur, zugehörig fühlen. Innerhalb dieser Gehörlosengemeinschaft wird die eigene Sprache, die Gebärdensprache, vermittelt. Die Wörter "gehörlos" oder "taub" werden bei Gehörlosen stärker akzeptiert als die Bezeichnung "taubstumm".

3."Schwerhörig"

Mit diesem Wort bezeichnet man Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen. Die meisten tragen ein Hörgerät, mit dem sie die Fragmente von Sprache und Geräusche wahrnehmen können. Manche kommen hörbehindert zur Welt oder erleiden dann in späteren Jahren einen Hörsturz. Es kommt auch vor, dass sich das Hörvermögen im Laufe der Zeit verschlechtert. Das Gespräch zwischen einem Hörenden und einem Schwerhörigen verläuft meist ohne Probleme. Doch es kann auch Kommunikationsprobleme bei Schwerhörigen geben, denn in der Anwesenheit mehrerer Gesprächspartner hat der Schwerhörige nur eine geringe Chance, das in der Gesprächsrunde besprochene Thema aufzuschnappen und gänzlich zu verstehen.

4. Arten von Hörschaden

Funktionsstörungen im Ohrbereich sind die Ursache für Schwerhörigkeit und Gehörlosigkeit, und häufig treten bei Schwerhörigen und Gehörlosen unterschiedliche Hörschäden auf. Um sie medizinisch und pädagogisch zu behandeln, ist es wichtig, über die verschiedenen Arten von Hörschaden Bescheid zu wissen. Man unterscheidet zwischen den folgenden Arten von Schwerhörigkeit:

  • Schalleitungsschwerhörigkeit

  • Sensorineurale Schwerhörigkeit

  • Kombinierte Schalleitungs-Schallempfindungsschwerhörigkeit

  • Gehörlosigkeit

a) Schalleitungsschwerhörigkeit

Aufgrund einer Mittelohrentzündung oder Infektionskrankheit sind die Funktionen des Gehörgangs, des Trommelfells oder des Mittelohrs gestört. Bei der Schalleitungsschwerhörigkeit ist die Knochenleitung völlig unversehrt, gleichzeitig zeigt sich in die Luftleitung ein linearer Hörverlust. Hier zeigt sich eine Differenz zwischen Knochenleitung und Luftleitung, die zu einer Störung führt, welche verhindert, dass der Schall das Innenohr erreicht. Deshalb hört der Betroffene die gesprochene Sprache nur gedämpft. Die Hörqualität bei der Schallleitungsschwerhörigkeit weist Verzerrungen, Einstellungen und lückenhaftes Hören auf. Um einem besseren Hören zu gelangen, kann das Hörvermögen durch technische (Hörgeräte) oder medizinische Hilfen (Operation) ganz oder teilweise wiederhergestellt werden. In den meisten Fällen kann die medizinische Therapie behilflich sein, so dass auch ohne Einsatz von Hörgeräten ein "soziales Gehör" (Leonhardt, 2002, S. 50) vorhanden ist. Darunter versteht man, dass der Betroffene trotz des eingeschränkten Hörvermögens in der hörenden Gesellschaft fast problemlos zurechtkommen kann. (vgl. Pelkofer, 1980 und Leonhardt, 2002).

b) Sensorineurale Schwerhörigkeit

Von dieser Form des Hörschadens, die auf pathologischen Veränderungen des Cortischen Organs oder retrocochleär der nervalen Hörbahn beruht, gibt es zwei Formen, die sich unterscheiden: sensorische (cochleäre) und neurale (retrocochleäre) Schwerhörigkeit. Beide können auch zugleich auftreten. Im Tonaudiogramm wird keine Luftleitungs-Knochenleitungsdifferenz angezeigt. Daraus kann man entnehmen, dass die Störung im Bereich des Innenohres liegt. Diese Störung ist nicht operabel und kann auch mit technischen Hilfen (Hörgeräte) nicht oder nur zum Teil behoben werden. Bei der sensorineuralen Schwerhörigkeit zeigt das Tonaudiogramm keine lineare Hörschwelle. Die höheren Frequenzen sind von der Störung stärker betroffen als bei der Schalleitungsschwerhörigkeit, da sie teilweise oder gar nicht mehr wahrgenommen werden. Da die hochfrequenten Sprachanteile, die im Normalfall für Verstehen von Sprache sehr wichtig sind, unterhalb der subjektiven Hörschwelle sind, werden die Schallereignisse und vor allem die Lautssprache stärker verzerrt im Ohr aufgenommen. Diese Störung hat andere Auswirkungen auf die auditive (das Gehör betreffende) Wahrnehmung als die Schalleitungsschwerhörigkeit. Das heißt, auf die Lautstärke bezogen kann teilweise noch relativ gut gehört werden, aber die Sprache ändert sich in ihrem Aufbau, ihrem Klangbild und ihrer Qualität.

Verknüpft mit der sensorineuralen Schwerhörigkeit sind häufig zwei Formen der überschwelligen Hörstörungen,

"die die zentrale Verarbeitung hörbarer Schallerscheinungen zusätzlich erschweren: Bei der sensorischen Schwerhörigkeit (oder cochleären) Schwerhörigkeit findet man als typisches audiometrisches Merkmal das Recruitment. Bei der neuralen (oder retrocochleären) Schwerhörigkeit tritt die pathologische Verdeckung auf" (Leonhardt, 2002, S. 52).

Das Recruitment wird durch Innenohr-Haarzellenstörungen verursacht. Es trifft auf bestimmte Frequenzbereiche zu. Hier wird die Hörschwelle herabgesetzt, die Unbehaglichkeitsschwelle erreicht. Dadurch wird die auditive Wahrnehmung erschwert. Die Signale oberhalb der Hörschwelle werden besser gehört als die unterhalb der Hörschwelle. Dadurch entstehen starke Verluste beim Hören. Auch die Sprachentwicklung des Kindes wird beeinflusst. Die Hörgeräte dieser Person anzupassen, kann schwierig sein, da sie nur leicht lückenhaft hört. Aber es ist auch möglich, dass ein gutes Gehör mit Verstärkung optimal unterstützt wird. (vgl. Leonhardt, 2002 und Pelkofer, 1980)

"Die pathologische Verdeckung ist eine abnorme auditive Ermüdung" (Leonhardt, 2002, S. 53), das bedeutet, dass durch Geräuschbelastung sich die Hörschwelle bei der hörbeeinträchtigten Person verschlechtert. Als Folge werden diese Schallerscheinungen als entweder sehr leise oder gar nicht wahrgenommen. Dann ist es für den Betroffenen sehr schwierig, den sprachlichen Schall und Nebengeräuschen zu unterscheiden. Das Verstehen von Sprache gelingt in diesem Fall schwerer.

c) Kombinierte Schalleitungs-Schallempfindungsschwerhörigkeit

Wenn die Schalleitungsschwerhörigkeitsstörung zusätzlich eine Funktionsstörung im Innenohr aufweist, wird sie kombinierte Schalleitungs-Schallempfindungsschwerhörigkeit genannt. Sie ist eine Mischform von Schalleitungs- und Schallempfindungsschwerhörigkeit. Weitere synonym verwendete Begriffe dafür sind "kombinierte Schwerhörigkeit" oder "kombinierte Mittelohr- und Innenohrschwerhörigkeit". Im Audiogramm erkennt man, dass die Knochenleitungs- und Luftleitungskurven herabgesetzt sind. Die Knochenleitung ist bei diesem Hörverlust weniger betroffen als die Luftleitung (vgl. Leonhardt, 2002).

d) Gehörlosigkeit

"Gehörlosigkeit ist eigentlich keine gesonderte Hörstörung, sondern beruht auf einem hochgradigen Schallempfindungsschaden" (Leonhardt, 2002, S. 53). Das heißt, dass die sensorische oder neurale Schwerhörigkeit im schlimmsten Fall als Taubheit oder Gehörlosigkeit gedeutet wird. Eine absolute Taubheit ist eigentlich sehr selten und tritt auf, wenn der Hörnerv oder das primäre Hörzentrum nicht vorhanden oder zerstört sind. Zwar haben circa 98 Prozent der Gehörlosen ein geringes Hörvermögen. Sie sind jedoch unfähig, die Lautsprache auf dem akustischen Kanal zu erlernen und benötigen spezielle Sprachförderung und -erziehung (vgl. Leonhardt, 2002).

5. Ursachen und Ausmaß möglicher Hörschaden

Medizinisch gesehen kann eine Hörschädigung entweder vererbt oder erworben werden. Die häufigsten Ursachen für Hörschädigungen werden in drei Kategorien unterteilt; man spricht von pränatalen, perinatalen und postnatalen Ursachen:

Die pränatale Ursache ist hereditär und kann durch Erkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft verursacht werden, wie zum Beispiel durch Masern, Röteln oder Keuchhusten. Auch der übermäßige Verzehr von Beruhigungsmitteln, Antibiotika sowie Alkohol-, Nikotin- und Drogenmissbrauch, sowie Schwangerschaftsdiabetes oder schwere Blutungen während der Schwangerschaft können eine Hörschädigung verursachen.

Von perinatalen Ursachen spricht man, wenn es während der Geburt zu einem Sauerstoffmangel des Kindes kommt oder das Kind ein zu geringes Gewicht hat. Auch Schädelverletzungen und Erkrankung des Kindes an Säuglingsgelbsucht können Hörschaden hervorrufen.

Die Ursachen für postnatale Hörschädigungen sind häufig Infektionskrankheiten im Säuglings- und Kindesalter, die nicht rechtszeitig erkannt wurden, oder aus anderen Gründen einen schweren Verlauf nehmen: durch Hirn- und Hirnhautentzündung, Diphtherie, Mumps, Scharlach oder Masern. Auch Alterschwerhörigkeit, Lärmschwerhörigkeit und Schädelverletzungen können Hörschädigungen verursachen (vgl. Leonhardt, 2002).

Im Audiogramm wird die Hörschwelle des Hörverlusts in Dezibel, als Maß für Tonwahrnehmung oder Sprachverstehen, gemessen. Bei der Hörschwelle des Normalhörenden wird die 0 dB in der Dezibel-Skala definiert.

Bei einer Hörschwelle "von 20 - 40 dB spricht man von leichter, zwischen 40 - 60 dB von mittlerer, bei 70 dB von erheblicher und zwischen 70 - 90 dB von einer extremen Schwerhörigkeit. Als Resthörigkeit (Gehörlosigkeit und Taubheit) bezeichnet man Hörschaden, bei denen der Hörverlust im Hauptsprachbereich über 90 dB liegt". (Leonhardt, 2002, S. 54)

Bei leichter Schwerhörigkeit werden in der sprachlichen Umgebung stimmlose Konsonanten und Zischlaute nicht deutlich gehört. Dies wirkt sich auf die Sprachentwicklung aus, so dass das leicht schwerhörige Kind Artikulationsstörungen aufweist und sein Spracherwerb sich verzögert. Der Betroffene mit mittlerer Schwerhörigkeit hört den größten Teil der Sprachlaute nicht mehr. Daher ist seine Sprachentwicklung gestört. Bei ihm macht sich das größere Defizit auch beim Wortschatz bemerkbar. Sein Sprechen ist nur schwer und schlecht verständlich. Bei hochgradiger Schwerhörigkeit hört das Kind nichts, und seine spontane Sprachentwicklung bleibt aus (vgl. Leonhardt, 2002, S. 77).

II. Geschichte der Gehörlosenbildung

1. Anfänge der Gehörlosenbildung

In der Antike erwähnte der Schriftsteller Herodot (490 - 425 v. Chr.) erstmals in der Weltliteratur einen gehörlosen bzw. gehörlosen Menschen, indem er berichtete, dass der König Krösus von Lydien einen taubstummen Sohn hatte, den er jedoch verleugnete. Dieses geschichtliche Beispiel ist repräsentativ für benachteiligte gesellschaftliche Stellung der Gehörlosen bis in das Mittelalter hinein. Gehörlose hatten kein Recht auf Heirat, Erbschaft und Bildung und keinen Zugang zu gesellschaftlich anerkannten Berufen. Sie wurden bevormundet. Es war ihnen auch untersagt, eigene Entscheidungen zu treffen. Ihr sprachliches Unvermögen wurde auf Dummheit zurückgeführt.

Da im antiken Griechenland noch keine Kenntnisse über die Anatomie des Ohrs vorhanden waren, war der Zusammenhang zwischen den sogenannten Hörschaden und der Stummheit noch nicht bekannt.

Der griechische Arzt Hippokrates (460 - ca. 377 vor Chr.) meinte fälschlicherweise, dass "die Stummheit auf den Fehler der Zunge" (Leonhardt, 2002, S. 201) zurück gehe.

Auch der griechische Philosoph Aristoteles (384 - 322 vor Chr.) hielt das Gehör für die wichtigste Voraussetzung, um Bildung zu erlangen. Er war der Ansicht, dass die Lernprozesse nur über das Ohr verliefen. Deshalb war er auch überzeugt, dass "im Allgemeinen taube Menschen schwerer zu erziehen als Blinde" (Leonhardt, 2002, S. 202) sind. Diese Aussage wurde später so interpretiert, dass Gehörlose nicht bildungsfähig seien und diese Ansicht hielt sich bis ins Mittelalter.

Einige Jahrhunderte später besaßen die sogenannten "Spätertaubten" im alten Israel und Rom in Bezug auf den Rechtschutz mehr Rechte als Menschen, die taub geboren waren. Diese gesellschaftliche Stellung der Gehörlosen glich der Stellung eines Kindes, und den Gehörlosen wurde die Fähigkeit zur Selbstverantwortung für ihr Leben nicht zugesprochen. Selbst der berühmte Arzt Roms Galen (129 - 201 n. Chr.) denunzierte den von Geburt an gehörlosen Menschen, insofern diese "für die Anforderungen des täglichen Lebens völlig unbrauchbar seien"(Leonhardt, 2002, S. 203).

Im Mittelalter war die Kirche durch päpstliche Anordnungen verpflichtet, den Gehörlosen die heiligen Sakramente anzubieten, obwohl man keine wissenschaftliche Erklärung für den Zusammenhang von Hörschäden und Sprachlosigkeit geben konnte. Aus diesem Grund versuchten die Mönche im Kloster, den Gehörlosen die christliche Lehre und Bildung weiterzugeben (vgl. Leonhardt, 2002).

Ein wesentlicher Fortschritt in der Gehörlosenpädagogik passierte, als der italienische Arzt und Philosoph Hieronymus Cardanus (1501 - 1576) den Aussagen von Hippokrates und Aristoteles endgültig widersprach, und behauptete, dass gehörlose Menschen bildungsfähig sind. Seine Grundsätze lauteten, dass die "Gehörlosigkeit nicht mit dem Intelligenzmangel gleichzusetzen sei sowie der Unterricht bei Gehörlosen auf der Grundlage des Schriftbildes möglich wäre". (Leonhardt, 2002, S. 205)

2. Gehörlosenbildung in der Neuzeit

a) Die spanische Methode (14. - 16. Jahrhundert)

Die "spanische Methode" entstand, als einer der ersten Gehörlosenlehrer Spaniens Ponce de León (1510 - 1584) den gehörlosen Schülern aus den adeligen und vornehmen bürgerlichen Familien im Kloster San Salvador zu Ona Unterricht erteilte, um sie mit Erb- und Lebensrechte für deren Zukunft zu wappnen. Denn in den adeligen Familien kam es oft vor, dass die Familienmitglieder durch Inzucht gehörlos wurden. Seine Lehrmethode bestand darin, die Schülern mit Hilfe von Schrift, Fingeralphabet und Lautsprache zum Sprechen zu bringen.

Der ebenfalls bekannte Gehörlosenlehrer Manuel Ramirez de Carrión (1579 - nach 1652) baute Ponces Methode aus. Er geht von der Schrift aus und kommt mit Hilfe der Lautiermethode und dem Handalphabet zum Sprechen.

Juan Pablo Bonet (1579 - 1633) befasste sich mit der Methode von Carrión und veröffentlichte das erste Lehrbuch der Hörgeschädigtenpädagogik. Darin war es zum ersten Mal die Unterrichtsverfahren der Gehörlosen zusammengefasst und somit für die Öffentlichkeit zugänglich.

Diese drei Spanier haben als Einheit in der Geschichte der spanischen Gehörlosenpädagogik gewirkt. Ponce wird als Erfinder betrachtet, Carrión als Methodiker und Bonet als Theoretiker. Sie führten die gleichen Verfahren aus und übersahen dabei die Bedeutung des Ablesens von den Lippen (vgl. Leonhardt, 2002).

b) Die französische Methode (17. und 18. Jahrhundert)

In den 17. und 18. Jahrhunderten entstand die französische Methode durch Charles Michel de l'Epée (1712 - 1789). Bevor er selbst Gehörlosenlehrer wurde, war er ein Geistlicher. Ihm waren die Unterrichtsverfahren seiner Vorgänger nicht bekannt und erst durch Zufall übernahm er die Lehrstelle bei zwei gehörlosen Mädchen. Er orientierte sich an der Pädagogik Rousseaus, wobei er sich bewusst war, dass die sogenannte Zeichensprache die natürliche Sprache der "Taubstummen" war. Er beobachtete die Gespräche seiner gehörlosen Schüler und lernte von ihnen die Gebärdensprache. Als Hilfsmittel verwendete er die Gebärdensprache und die Schriftsprache. Zum Erlernen der Buchstaben und zum Diktieren von Eigennamen benutzte er das Fingeralphabet. In seiner Praxis wurde die Lautsprache nie bevorzugt. Seine Methode zeichnet sich vor allem durch ein zusammengesetztes Zeichensystem aus: Wurzelsystem (für abstrakte Grundbegriffe gedacht) und Methodische Zeichen, später verkürzte Zeichen (zur Verwendung von lexikalischen, grammatikalischen und syntaktischen Gesetzlichkeiten der Sprache)(vgl. Leonardt, 2002, S. 212 - 213).

Das System von de l´Epée der "methodischen Gebärden" mischte die Gebärden der Gehörlosen mit einer französischen Gebärden-Grammatik, die den heutigen "lautsprachbegleitenden Gebärden" ähnelten. Diese Methode war so erfolgreich, dass gewöhnliche gehörlose Schüler zum ersten Mal Französisch lesen und schreiben und in die Erfahrung einer Erziehung kommen konnten. So konnten die bislang ausgegrenzten Gehörlosen in die Gesellschaft der Bürger aufgenommen werden. Sie waren auch fähig, ihre Bildung zu erweitern und konnten Schriftsteller, Ingenieure, Philosophen oder Intellektuelle werden; dabei war die Gebärdensprache die eigene erste Sprache und die jeweilige Landessprache eine Fremdsprache. Ein goldenes Zeitalter für Gehörlose fing an.

Immer mehr Schüler kamen zu ihm, so dass er 1770 die erste Taubstummenanstalt in Paris gründete. Aus seiner eigenen Tasche finanzierte Abbé de l'Epée die Unterhaltskosten und er schränkte seine eigenen Bedürfnisse stark ein. Gelegentlich bekam er Schenkungen und private Unterstützung. Er bildete zahlreiche Gehörlosenlehrer aus, die nach Amerika und in viele europäische Länder auswanderten, um Gehörlosen Unterricht zu geben.

Er fungierte auch als Dolmetscher im berühmten Fall Solar im Jahre 1777, indem er seinen tauben Schüler vor Gericht vertrat. Dieser Junge entstammte der adeligen Familie des Grafen Solar. Ein paar Jahre zuvor wurde er von einem Gefolgsmann seiner Mutter, Cazeaux, auf dem Pferd an einen fremden weiten Ort gebracht, wo angeblich seine Taubheit behandelt werden sollte. Doch mitten am Weg wurde er ausgesetzt. Dann kam er in eine Anstalt für verhaltengestörte und verwirrte Kinder, wo er ein paar Jahre verbrachte. Als er schwer krank wurde, kam er in ein Hospital in Paris, wo er seinen zukünftigen Lehrer Abbé l´Epée traf und ihm von seiner Lebensgeschichte erzählte. Abbé l´Epée gab ihm den Namen "Joseph" und glaubte ihm seine wahre Geschichte. Zu einem späteren Zeitpunkt wurde Joseph von seinem ehemaligen Dienstmädchen in seiner Schule wiedererkannt, die Joseph für tot geglaubt hatte. Cazeaux, der Sekretär der Gräfin Solar, wurde daraufhin verhaftet und zum Prozess nach Paris gebracht. Dadurch bekam Joseph beim Prozess seine wahre Identität und seine Rechte wieder, indem Abbé de l´Epée für ihn dolmetschte. Der Ablauf dieser Geschichte wurde in einem Theaterstück "Vater der Taubstummen" (Lane, 1990, S. 67) im Pariser Theater ein Jahrzehnt nach dem Tode von de l´Epée oftmals dargestellt und bekannt.

Doch Joseph blieb vor dem Schicksal nicht verschont: Cazeaux und Josephs Schwester legten 1791 eine Berufung gegen das Urteil ein. Abbé de l´Epée war schon tot. Der Erzbischof, der ihn dem Priesteramt enthoben hatte, gab dem Nachfolger und Schüler de l´Epées Sicard keine Erlaubnis, als Übersetzer im Fall Solar vor Gericht aufzutreten. Joseph musste seine Rechte "zurückgeben" und ging zur Armee, wo er im Krieg starb (vgl. Lane, 1990).

Erst nach dem Tod von de l´Epée wurde das Institut staatlich unterstützt. Sein ehemaliger Schüler und Nachfolger Abbé Roch - Ambroise Sicard (1742 - 1822) erweiterte seine Methode der Schriftsprache. Sein Unterrichtsstil kennzeichnete sich dadurch, dass er die Schriftsprache viel stärker als de l´Epée einbezog. Wenn ein Begriff klar in die Schriftsprache übertragen worden war, sollten die methodischen Gebärden nicht mehr benutzt werden. Diese Strategie sollte die gehörlosen Schüler dazu führen, ihre eigene Schriftsprache stärker zu verinnerlichen, um sich selbstständig ausdrücken zu können. Sicard schrieb viele Bücher über Sprachphilosophie und zur Gehörlosenpädagogik. Er veröffentlichte auch zwei Abhandlungen über die Kunst, die Taubstummen zu unterrichten und den "Unterrichtskurs für einen Taubstummen" (Berthier, Das Zeichen, 8/1989, S. 11), der große Beliebtheit auslöste und vielen Gehörlosenlehrern als Leitfaden diente.

Roch - Ambroise Auguste Bébian (1789 - 1834) war ein Patenkind von Sicard. Nach seinem Unterricht besuchte er oft den Unterricht in der Gehörlosenschule und verbrachte die meiste Zeit mit den gehörlosen Schülern, besonders mit dem gehörlosen Schüler Laurent Clerc. Von ihm lernte er die Französische Gebärdensprache. Als Erwachsener wurde Bébian Lehrer und studierte ernsthaft die Muttersprache der Gehörlosen. Schon bald schrieb er ein Buch, "Mimographie" (Lane, 1990, S. 173), das 1825 erschien. Er kritisierte die Methoden de l´Epées und Sicards und er versuchte, eine Schriftform für die Gebärdensprache zu finden, um daraus eine Unterrichtsmethode zu machen. Mit seinem Zitat "Es gibt keinen sicheren, direkteren und wirksamen Weg, die Tauben in unsere Schriftsprache einzuweihen, als durch Gebärdensprache" (Lane, 1990, S. 172) behauptete er, dass für den Unterricht bei Gehörlosen der Einsatz der Gebärdensprache unverzichtbar sei. Er hatte während seiner Jugendzeit mit den Gehörlosen die sprachliche und kulturelle Unterdrückung miterlebt. Im Jahre 1817 übernahm er die pädagogische Leitung der Pariser Gehörlosenschule und wurde aber ein paar Jahre später gekündigt, da er eines Tages einen Kollegen im Streit geschlagen hatte. Bei Gehörlosen war er sehr beliebt, aber bei den Kollegen war er sehr verhasst. Bei den Lehrern war großer Neid zu spüren. Seit seiner Kündigung verlor die Pariser Gehörlosenschule immer mehr an Bedeutung, weil Bébians starke Persönlichkeit fehlte. Er wurde nicht mehr an dieser Schule angestellt, sondern wurde Direktor an einer privaten Gehörlosenschule (vgl. Karacostas, 1993).

c) Die deutsche Methode (18. - 19. Jahrhundert)

Als Begründer der deutschen Methode gilt Samuel Heinicke (1727 -1790), der ein klarer Gegner der französischen Methode war. Er entstammte einer wohlhabenden Bauernfamilie. Sein Vater wollte, dass er das Gut seines Vaters übernehme. Jedoch kam es zu einer großen Auseinandersetzung zwischen Vater und Sohn. Daraufhin zog Samuel Heinicke im Alter von 23 Jahren von zuhause weg und wurde in Dresden Soldat. Zusätzlich widmete er sich in den nächsten Jahren dem Studium und zahlreichen Fortbildungen, die ihn dazu befähigten, in einigen Fächern (z. B. Deutsch, Rechnen und Musik) Unterricht zu geben. Während dieser Zeit gab es auch erstmalige Versuche, die Gehörlosenbildung auf privater Basis in Dresden und Jena zu verwirklichen. 1758 floh er nach Hamburg, wo er als Privatsekretär und Privatlehrer arbeitete. 1769 begann Heinicke, sich der Gehörlosenbildung zu widmen. 1778 entstand durch ihn die erste deutsche Hörgeschädigtenschule in Leipzig mit neun aus Hamburg mitgebrachten Schülern. Im Gegenteil zu der Gehörlosenschule von de l´Epée in Paris wurde dieses Institut finanziell vom Staat unterstützt und beaufsichtigt. Heinicke war ein Zeitgenosse der Aufklärung und war von der Philosophie Kants und Herders beeinflusst. Diese ursprünglich sprachphilosophischen Thesen gehen auf die Antike zurück, in dem das Denken und Sprechen beim Mensch als Einheit nicht trennbar sind. Daher sollte laut Heinicke der Mensch durch die Sprache die Existenz seines Verstandes beweisen. So sollte die Gehörlosenbildung ihren Schwerpunkt nicht auf die Gebärdensprache, sondern auf die Artikulation setzen, denn so könne ein gehörloser Mensch zum nützlichen Mitglied der Gesellschaft werden (vgl. Winkler, 15/1991, S. 7 - 17).

Seine Lehrmethoden waren:

Das Einsetzen des Geschmacksinns - Als Beispiel wurden die Vokale durch verschiedene Flüssigkeiten angebildet.

Tabelle 1: Das Einsetzen des Geschmacksinns

I = scharfer Essig

O = Zuckerwasser

U = Baumöl

E = Wermutextrakt

A = Wasser

Das Einsetzen des Tastsinns - Die Sprechbewegungsempfindungen sollten die Lautbildung bewusst machen.

Heinicke veröffentliche einige wichtige Schriften und machte sie der Öffentlichkeit zugänglich:

  • Die achtseitige Schrift "Arkanum" beinhaltet die Beschreibung des Einsatzes des Geschmacksinns bei der Lautsprachvermittlung (1772)

  • Die "Biblische Geschichte Alten Testaments, zum Unterricht taubstummer Personen" und die "Biblische Geschichte Neuen Testaments" (1775), dienten als erste Schulbücher für Gehörlose

  • Die "Beobachtungen über Stumme, und über die menschliche Sprache, in Briefen von Samuel Heinicke" (1778) (Winkler, 15/1991, S. 12)

Nach dem Tode von Heinicke wurde die von ihm gegründete Schule bis 1829 von seiner Frau Anna Catharina Elisabeth Heinicke, und später von seinem Schwiegersohn Ernst Adolf Eschke (1766 - 1811) weiter geführt. Seine Lehrmethoden wurden jedoch nicht weiterentwickelt.

d) Methoden in England und den Niederlanden (16. und 17. Jh)

Im 16. und 17. Jahrhundert gab es in anderen europäischen Ländern u. a. speziell in England und in den Niederlanden Unterrichtsversuche, die von der spanischen Methode inspiriert wurden. Der englische Staatsmann Sir Kenelm Digby (1603 - 1665) veröffentlichte ein Buch über Carrións Unterrichtsmethode, nachdem er den Unterricht eines gehörlosen Schülers während seiner Spanienreise besucht hatte.

Sein Bericht führte dazu, dass der englische Arzt John Bulwer (1614 - 1684) zu Forschungen über Gehörlosigkeit und deren Sprechunfähigkeit angeregt wurde. Er kam zur Erkenntnis, dass es möglich wäre, Gehörlosen das Sprechen beizubringen und erarbeitete auf dieser Grundlage ein Grundprinzip: das Ablesen der Sprache vom Mund. Das war in der spanischen Gehörlosenpädagogik so nicht gedacht worden. Mit diesen Resultaten hatte er die Absicht, eine Akademie für Gehörlose zu eröffnen. Sein Plan konnte aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung nicht verwirklicht werden.

Henry Baker (1698 - 1774) und Thomas Braidwood (1715 - 1806) eröffneten eine Privatschule für "gehörlose und stammelnde Kinder" (Leonhardt, 2002, S. 209), indem sie Schreiben, Zeichnen, Absehen und Sprechen als Unterrichtsmitteln verwendete, die sie bis zu ihrem Tod geheim hielten.

Der niederländische Arzt Johann Conrad Amman (1669 - 1724) beschäftigte sich intensiv mit der Physiologie des Sprechens. Er erkannte, dass Lautsprache hörbar, sichtbar und fühlbar sei. Er hat als erstes das Ablesen berücksichtigt. Die wichtigsten Hilfsmittel waren Absehspiegel, Abfühlen an der Kehle, Abtasten und Sprechatmung. Auch die Schriftsprache verwendete er für die Lautsprachentwicklung seiner Schüler. Er brachte auf diesem Weg den Gehörlosen das Sprechen bei. Auf dieser Grundlage setzte er den Tastsinn ein, um das Gesprochenes vom Mund ablesen zu können. Er beschrieb seine Lautsprache-Methode in zwei lateinischen Büchern, die viele Gehörlosenlehrer zur Nachahmung animierten: "Surdus loquens" (zitiert aus Amman, 1692) und "Dissertato de loquela" (zitiert aus Amman, 1700, siehe auch Leonhardt, 2002, S. 208 - 211).

3. Der Methodenstreit

Durch die Entstehung der Gründerschulen in Paris und Leipzig kam es zu einem großen Durchbruch der institutionellen Erziehung und Bildung der Gehörlosen. Viele weitere Schulen, die sich entweder am französischen oder am deutschen Grundprinzip orientierten, wurden in den folgenden Jahrzehnten eröffnet. Dies führte im Laufe der Zeit dazu, dass keiner der beiden Methoden bevorzugt zugestimmt wurde.

a) Oralisten

Zu den Oralisten gehörten Personen, welche die Gebärdensprache der Gehörlosen diskriminierten und die Gehörlosen auditiv-verbal, d. h. lautsprachlich, zu erziehen versuchten. Zu diesen Personen gehörten unter anderem der Arzt von der Pariser Taubstummenanstalt Jean Marc Itard (1774 - 1838) und der amerikanische Gehörlosenlehrer für Artikulation, Stimmphysiologe und Erfinder des Telefons Graham Bell (1847 - 1922).

Itard beschäftigte sich sein Leben lang mit dem Artikulationsunterricht und wurde durch die Erziehung des wilden Kindes Victor von Aveyron weltbekannt. Seine Überzeugung war, dass die Gehörlosen, welche die Gebärdensprache bevorzugten, sich schwer an die bürgerliche Gesellschaft anpassten.

"Wenn nun die Erziehung, die als Unterrichtsweise das Hör- und Artikulationstraining beinhaltet, wohl langsamer und weniger perfekt ist, so kommt man durch sie doch zu einem befriedigenderen Ergebnis, nämlich einem leichteren und angenehmeren Kommunikationsweg zwischen dem Gehörlosen und der Gesellschaft, zwischen diesem unglücklichen Kind und seinen noch unglücklicheren Eltern" (Moody, unbekannt, S. 12).

Bevor der Engländer Bell nach Amerika auswanderte, unterrichtete er selbst in der Gehörlosenschule in London eine Ablesemethode, das sogenannte "Visuelle Sprechen". In den USA trat er vehement für den reinen Oralismus auf. Vor allem hielt er daran fest, was für ihn wichtig war: Gehörlose sollten normal und fähig sein, sich an die Gesellschaft anzupassen. Er war sogar dafür, dass die Heirat zwischen Gehörlosen untersagt wurde, da er meinte: "Die Fortpflanzung einer Rasse behinderter Individuen wäre ein enormes Unglück für die Gesellschaft (Bell in Moody, unbekannt, S. 13).

b) Anhänger der Gebärdenmethodik

Es gab auch noch eine weitere Gruppe, die Anhänger der Gebärdenmethodik, die nach der Gebärdenmethodik richtete. Sie sahen das reine Ablesen nur als eine "Art Projektionskunst" (Moody, unbekannt, S. 12), bei welcher der Sinn der Silben verloren gehen könne, da deren Interpretation fehle.

Sie waren sich einig, dass die Gebärdensprache den Gehörlosen viel mehr Wissen vermitteln konnte als diese Lautsprache. Stattdessen werden Artikulation und Lippenlesen von den Gehörlosen nur auswendig gelernt. Das Ziel der Oralisten ist die Perfektion der Lautsprache, nicht die Erweiterung der Bildung bei Gehörlosen. Zu den Gegnern der Oralisten gehörten vor allem die Gehörlosen und u. a. der älteste gleichnamige Sohn von Thomas Hopkins Gallaudet (1787-1851), der einen gehörlosen Lehrer Laurent Clerc von Paris nach Amerika holte, mit dem er die Bildung der Gehörlosen in Amerika abzusichern versuchte. Auch der Amerikaner Edward Miner Gallaudet, einer der wenigen hörenden Lehrer, setzte sich für die Gebärdensprache in der Gehörlosenbildung ein.

c) Mailänder Kongress 1880

Zuerst schien das gebärdensprachlich orientierte Unterrichtssystem zu dominieren. Jedoch wurde ab ca. 1850 nach und nach der Gebrauch der Gebärdensprache in der Gehörlosenbildung in Frankreich, dann in Europa gesetzeswidrig. Auf dem 2. Internationalen Taubstummenlehrerkongress in Mailand im Jahre 1880 beschloss man, die Gebärdensprache für immer aus der Gehörlosenbildung zu verbannen. Mit Ausnahme der amerikanischen und schwedischen Teilnehmer wurde einstimmig beschlossen, dass "(...) die Anwendung der Lautsprache bei dem Unterricht und in der Erziehung der Taubstummen der Gebärdensprache vorzuziehen sei (...), da"die gleichzeitige Anwendung der Gebärdensprache und des gesprochenen Wortes" (...) zum Nachteil führt, "dass das Sprechen, das Ablesen von den Lippen und die Klarheit der Begriffe beeinträchtigt wird" (Leonhardt, 2002, S. 220). Diese Entscheidung ist weniger überraschend, wenn man beachtet, wer an dieser Konferenz teilgenommen hat, denn nur die hörenden Gehörlosenlehrer waren zu diesem Kongress zugelassen. Kein einziger gehörloser Lehrer durfte daran teilnehmen (Moody, unbekannt, S. 6 - 18, S. 14).

Als Folge dieser Entscheidung vollzog sich die Umsetzung dieses Verbots: Gehörlose Lehrer wurden entlassen oder nicht mehr eingestellt. Die Bücher, die über die Gebärdenmethodik im Unterricht berichteten, wurden verbrannt oder versteckt. Die Taubstummenanstalt in Paris hatte man mit kleinen Gucklöcher versehen, um die Gehörlosen zu beobachten, ob sie heimlich die Gebärden in der Abwesenheit des Lehrers verwendeten (vgl. Moody, unbekannt, S. 10).

Jeder Anflug von Gebärde wurde vonseiten der hörenden Lehrer strengstens verboten. Auch die für die sprachliche Entwicklung der Gehörlosen förderliche körperliche Bewegung war untersagt.

"Dem Gehörlosen wurde beim Sprechen jede körperliche Bewegung untersagt. Während des Unterrichts sollten die Kinder die Hände auf dem Rücken halten. Bei Gebärdengebrauch waren Strafen angedroht. Der Lehrer sollte die Hände in seine Rocktaschen halten" (Leonhardt, 2002, S. 221).

In den folgenden Jahrzehnten hat es immer wieder Streit über die geeignete Methodik der Gehörlosenbildung gegeben, wobei sich die Gebärdensprache ein Standbein erkämpfen konnte. Es konnte nie zu einem endgültigen Ergebnis darüber kommen, welche Methode für die Gehörlosenbildung ideal sei.

4. Bewegungen im 19. und 20. Jahrhundert

a) Verallgemeinerungs-Bewegung

Obwohl die Zahl der Gehörlosenschulen, die jedoch oft aufgrund finanziellen Geldmangels nur aus ca. 10 Schülern bestanden, anstieg, gab es noch immer eine enorme Anzahl nicht geschulter Gehörloser. Einige, die das Glück hatten eines der Institute zu besuchen, mussten ertragen, von ihren Familien oder den sonstigen Bezugspersonen isoliert aufwachsen zu müssen, da die Schulanstalten sehr weit von ihren Heimatorten entfernt lagen. Die Verallgemeinerungs-Bewegung, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand, wollte diesen Zustand ändern, indem sie forderte, die Schulung der Gehörlosen in die heimatlichen Volkschulen zu integrieren. Dafür war eine zusätzliche Ausbildung für Lehrer notwendig, um mehr Kenntnisse darüber zu erlangen, wie die Methoden des Unterrichts für gehörlose (und blinde) Schüler mit dem allgemeinen Volkschulsystem verknüpft werden könnten.

Die bekanntesten Vertreter dieser Bewegung waren Johann Baptist Graser (1766 - 1841) und Friedrich Moritz Hill (1805 - 1874). Diese Bewegung wurde staatlich finanziert, weil die Beschulung auf diese Art kostengünstiger erschien und weil keine Unterhaltskosten bezahlt werden mussten.

Zwei wesentliche Ziele wurden verfolgt:

  • "Das gehörlose Kind sollte nicht mehr von der hörenden Umwelt isoliert werden. Es sollte im Kreis seiner Familie aufwachsen und wohnortnah beschult werden."

  • "Das gehörlose Kind sollte auf natürlichem Weg über das Absehen die Lautsprache erwerben können.(...)" (Leonhardt, 2003, S. 218)

Wegen fehlender äußerer Rahmenbedingungen und methodischen Unzulänglichkeiten scheiterte die Verallgemeinerungsbewegung gegen 1850. Die großen Klassen, die aus 130 bis 150 Schülern bestanden, und fehlende technische Kommunikationshilfen machten die Beschulung gehörloser Kinder in den damaligen Volkschulen unmöglich, da auf die Bedürfnisse der Gehörlosen nicht oder nicht genügend eingegangen werden konnte.

b) Gehörlose "kämpfen" um ihre Rechte

Ab ca. 1850 begannen sich gehörlose Menschen, zu einer Gruppe zu formieren, um gemeinsam ein Selbstbewusstsein zu entwickeln, mit dem sie ihr Recht auf Gleichberechtigung und Eigenständigkeit forderten. So entstand beispielweise im Jahre 1848 der erste deutsche Taubstummenverein mit dem Namen "Allgemeiner Taubstummenunterstützungsverein von Groß-Berlin e.V. (Muhs, Das Zeichen, 30/1994, S. 422).

1853 erschien die erste Zeitschrift für Gehörlose. Eduard Fürstenberg (1827 - 1885), der gehörlose Obmann des Vereins, gab im Jahre 1872 die Zeitschrift "Taubstummenfreund" heraus, indem er die Vorsitzenden der deutschen Taubstummenvereine zu einer Versammlung, die als 1. Deutscher Taubstummenkongress galt, in Berlin einlud. Weitere Kongresse fanden dann 1874 in Wien, 1875 in Dresden, 1878 in Leipzig, 1881 in Prag und 1884 in Stockholm statt. Zu den Forderungen, die auf den Kongressen formuliert und gestellt wurden, gehörten zum Beispiel:

  • "für alle gehörlosen Kinder die gleichen Ausbildungsmöglichkeiten wie für die hörenden (Kindergarten, Gehörlosenschulen, Fortbildungsschule)",

  • "neben vollsinnigen Lehrern sollten an den Gehörlosenschulen auch gehörlose Personen (als Aufseher, Handwerksmeister, Lehrer, Erzieher) tätig sein",

  • "an den Gehörlosenschulen sollten Beiräte von Gehörlosen gebildet werden, die die Aufgabe haben sollten, die Verbindung zwischen Schule und erwachsenen Gehörlosen herzustellen",

  • "Pflege und Vereinheitlichung der Gebärdensprache" (Vgl. Schuhmann 1940, 416 u. 420 in: Annette Leonhardt, 2003, S. 223)

Bezüglich des letzten Punkts bekamen die Verfechter dieses Rechtes eine besondere Anerkennung von den Gehörlosen und ihren Pädagogen in Amerika, weil das Gebärdensystem schon weit verbreitet war. Auch in Deutschland fungierten viele Gehörlosenlehrer, zum Beispiel Johann Heidsiek (1855 - 1942), Joseph Heinrichs (1845 - 1919) und Matthias Schneider (1869 - 1949) als "Anwälte" der Gebärdensprache. Solche Aktionen stellten die stark an der Artikulation orientierte Methodik der Lautsprache in Frage, weil diese das gehörlose Kind und seine eigenen Bedürfnisse nicht genügend beachtet.

Weitere Schriften, wie jene des hörenden Gehörlosenlehrers Johann Heidsiek aus Breslau/Schlesien (heute Wroclaw/Polen) "Der Taubstumme und seine Sprache" (1889) und "Ein Notschrei der Taubstummen" (1891) erregten Diskussionen und Aufsehen bei den Gehörlosenlehrern und den Gehörlosen. In den Büchern von Heidsiek wurde die Undurchführbarkeit der rein-oralen Methode aufgezeigt und die Rückkehr zur kombinierten Methode wurde verlangt, nachdem der gehörlose Lehrer Otto Friedrich Kruse um 1870 vor den Folgen durch den rein lautsprachlichen Unterricht gewarnt hatte. Beim Mailänder Kongress 1880 verteidigte er den Gehörlosen mit seinen Worten:

"Auch der gebärdende Taubstumme ist Mensch, er ist Fleisch von unserem Fleisch und Geist von unserem Geist, er besitzt alle die Eigenschaften, welche den Menschen zum Menschen machen, und zu diesen Eigenschaften gehört auch die Gebärdensprache." (Das Zeichen, 1999, S. 12)

Heidsiek wurde auch als der Wegbereiter des Bilingualismus genannt.

Der Leipziger Gehörlosenlehrer Karl Emil Göpfert (1851 - 1906) kritisierte die rein orale Methode als den schwierigsten Weg der Aneignung der lautsprachlichen Kommunikation, weil sie der natürlichen Sprachentwicklung des Kindes nicht entspräche. Doch er befürwortete auch die stark an der Gebärdensprache orientierte Methodik nicht. Stattdessen baute er seine Methode auf die Schriftsprache auf, indem seine Schüler zuerst ganze Wörter und dann komplette Sätze schreiben, lesen und absehen lehrte. Wegen seiner Lehre wurde er anfangs von den Befürwortern der reinen lautsprachlichen Methode stark abgelehnt (vgl. Leonhardt, 2002).

Auch der Däne Georg Forchhammer (1861 - 1938) legte wie Göpfert den Schwerpunkt seiner Methode auf das sinnerfassende Lesen und nicht auf die Sprachproduktion. Seiner Einstellung nach war es wichtiger, dass bei einem gehörlosen Schüler die Sprache zuerst vermittelt wurde, bevor es das Sprechen an sich lernte. Anschließend entwickelte er das spezielle System, das sogenannte "Hand-Mund-System"(Leonhardt, 2002, S. 224), welches das Lippenlesen unterstützen sollte.

Solche Bildungsversuche zeigen, dass der Gehörlosenunterricht, der zuvor alleinig auf die Artikulation gerichtet war, zu diesem Zeitpunkt "aufgelockert" wurde, das heißt, dass die strikt lautsprachliche Methode nicht mehr so streng durchgeführt wurde. Besonders das System von Forchhammer lässt in der europäischen Gehörlosenpädagogik ein wenig spüren, dass die Gebärdensprache langsam wieder in die Gehörlosenpädagogik integriert wurde.

c) Mutterschulgemäßer Unterricht (= Mutterschulmethodik)

Der wichtigste Vertreter des mutterschulgemäßen Unterrichts war Walter Querll (1882 - 1947), und diese Bewegung forderte die erlebnisnahe und mutterschulgemäße Erziehung in der Lautsprache, die nicht erst in der Volkschule durchgeführt sollte, sondern schon bereits im Kleinkindalter. Der Ansicht von Querll nach wäre es sinnvoller, wenn die Kommunikation zwischen Lehrer und Schüler so funktioniert wie zwischen Mutter und Kind. Deshalb verlangte er, Beratungsstellen für Eltern gehörloser Kleinkinder einzurichten und Gehörlosenkindergärten zu schaffen. Durch diese Idee wurde er von den Anhängern der Pädagogik der Ganzheitlichkeit, die den Menschen als personale Einheit betrachteten und eine gleichmäßige Ausbildung aller Kräfte forderten, anerkannt und unterstützt. Folgende Grundsätze des mutterschulgemäßen Unterrichts wurden von den Vertretern der Mutterschule genau beachtet:

  • "Das Kind ist nicht zum Sprechen zu zwingen."

  • "Es ist eine möglichst normale Sprechweise zu verwenden."

  • "Die Perzeption erfolgt durch das Absehen."

  • "Die Sätze werden zur Anschauung und Schriftstreifen gegeben."

  • "Die Inhalte werden mit natürlichen Gebärden erläutert."

(Leonhardt, 2002, S. 225)

d) Sprachformenunterricht

Der Sprachunterricht bei der Gehörlosenbildung wurde erst nach dem speziellen Grammatiksystem eingeführt. In diesem Fall wurden die Gehörlosen mit den grammatikalischen Regeln, verknüpft mit den passenden Übungen, vertraut gemacht. Der engagierte Vertreter dieses Unterrichtsverfahrens war Franz Ruffieux (1889 - 1964), der viele Lehr- und Übungsbücher bekannt machte. Er war der Ansicht, dass die einfache Sprachform zum Gebrauch im Alltag für Gehörlose ausreichend sei. Damit auch die komplexere Satzbauform verstanden werden könnte, sollte die Verwendung und Vergrößerung des Wortschatzes angestrebt sein (Leonhardt, 2002, S. 227).

e) Erste Hörerziehungsbewegung

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die bisherigen Lautsprachverfahren (mit Hilfe vom Absehen und Artikulationshilfsmitteln) mit visueller Nachahmung sowie taktiler und kinästhetischer Empfindung verbunden, und die gegründete HNO-Heilkunde darauf aufmerksam, dass bei einer großen Anzahl der gehörlosen Schüler Hörreste, die vorher nicht genutzt wurden, durch die entsprechenden Hörübungen gesteigert werden könnten. Der Wiener HNO-Arzt Viktor Urbantschitsch (1847 - 1921) nahm aufgrund der Untersuchungsergebnissen an, dass nur etwa "drei von 100 Gehörlosen vollständig taub" (Leonhardt, 2002, S. 228) seien. Dass die wirklich vorhandene Resthörigkeit nicht zu erkennen ist, läge an einer "Inaktivitätslethargie der Hörfunktion" (Leonhardt, 2002, S. 228), die durch akustische Hörübungen verbessert werden könnte. Es wäre ideal, wenn die Kinder bereits vor dem Eintritt in die Schule mit der Hör- und Sprecherziehung beginnen.

Der Übungsvorgang in der Hör- und Sprecherziehung sah laut Leonhardt so aus:

  • "Einzelvokale laut und gedehnt ins Ohr rufen

  • Fand sich eine erste Hörspur nach wiederholter Übung noch nicht, sollte eine entsprechender Harmonikaton längere Zeit auf das Ohr einwirken;

  • Sobald einzelne Vokale richtig aufgefasst und wiedergegeben wurden, wurde zu leicht auffassbaren Wörtern übergegangen;

  • durch wiederholtes Einsprechen von Wörtern und kurzen Sätzen sollten Hörbilder vermittelt werden"

(Leonhardt, 2002, S. 228)

Die Durchführung dieses Verfahrens brachte zwar Erfolge, doch wenn die Übungen nicht mehr gemacht wurden, hatten gehörlose Schüler auf einmal keine Fähigkeiten mehr, zu hören. Durch diese Erfahrungen wurde die Kritik laut, dass der Kraft- und Zeitaufwand der Lehrer in keinem Verhältnis zum Erfolg stünde. Deshalb wurde diese eben erschienene Hörerziehung in den allgemeinen Gehörlosenschulen nicht in den Stundenplan aufgenommen.

Ein anderer Münchner HNO- Arzt Friedrich Bezold (1842 - 1908) hatte mit seinem Mitarbeiter durch einen Versuch den endgültigen Beweis geliefert, dass ein verloren gegangenes bzw. nie vorhandenes Gehör nicht mit Hilfe von Therapien bzw. Hörübungen einfach wiedererlangt werden könne. Hingegen sei es möglich, durch "Hörergänzungsunterricht" (Leonhardt, 2002, S. 229) verbliebene Hörreste zu nutzen. Jedoch stellte er die Behauptung auf, dass bei ca. 1/3 der Schüler Hörreste vorhanden seien, für die das Erlernen der Sprache auf dem auditiven Kanal möglich wäre. Für solche Fälle stellte er einen Anspruch auf die sogenannte Hörergänzungsunterricht in den Hörklassen bzw. "Anstalten für partiell Taube" (Leonhardt, 2002, S. 229), wo die Hörreste nachhaltig trainiert würden. Anschließend machte er den Vorschlag, die Schüler in "1. absolut Taube, 2. im späteren Kindesalter Ertaubte mit in Erinnerung gebliebenen Sprachresten und 3. Taubstumme mit partiellem Hörvermögen" (Leonhardt, 2002, S. 229 - S. 230) einzuteilen, wobei die erste Gruppe in die Artikulationsklasse und die letzten zwei Gruppen in die "Hörklassen" (Leonhardt, 2002, S. 230) gestellt werden sollten. Bezold beschrieb seine Idee in seinem Buch "Zur Methodik des Hörunterrichts", das 1903 das erste veröffentlichte Werk zum Thema der Hörerziehung Hörgeschädigter war, und begründete sie wissenschaftlich.

Ein weiterer Vertreter dieser Hörerziehungsbewegung, Gustáv Bárczi (1890 - 1964), der als Heilpädagoge und Mediziner in Ungarn arbeitete, praktizierte die Methode "des Hörerweckens und Hörerziehens" (Leonhardt, 2002, S 230) in der Gehörlosenschule in Budapest. Dieser Methode nach wurden die Schüler mit Hörresten direkt am Ohr angesprochen, um den Grenzbereich zwischen Hören und der Wahrnehmung von Vibrationen nutzen zu können. Auf diese Art wurde die Verbesserung des Sprechrhythmus, der Sprechmelodie und der Aussprache erzielt.

In einer Gehörlosenschule in Nürnberg wurde etwa im Jahre 1925 die erste Vielhöreranlage in Betrieb genommen. In den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts kam es zum eigentlichen Durchbruch in der Hörerziehungsbewegung aufgrund der fortschrittlich geschrittenen Entwicklung der Hörgeräte.

f) Differenzierte Beschulung

Von Anfang an befanden sich unter den Gehörlosen zahlreiche Schüler mit effektiv nutzbarem Hörvermögen und auch viele angebliche "gehörlose" Schulversager, deren Schwerhörigkeit unentdeckt geblieben war, so dass es als Folge zu Diskussionen über die Trennung zwischen gehörlosen und schwerhörigen Schüler kam (siehe Gruppierungen Bárczis). Zu diesem Zeitpunkt hatte es Versuche gegeben, Spezialschulen für die nicht vollständig hörgeschädigten Kinder zu eröffnen; allerdings scheiterten all diese Versuche mangels finanzieller Unterstützung. Erst durch Karl Brauckmann (1862 - 1938), dem Gründer der Anstalt für schwerhörige Kinder, wurde der wesentliche pädagogische Impuls in der erstmals gegründeten Schwerhörigenpädagogik in Bewegung gesetzt. Er gründete eine private "Lehr- und Erziehungsanstalt für Schwerhörige und Ertaubte" (zitiert aus Leonhardt, 2002, S. 234) im Jahre 1894 in Jena, für welche ein Schulgeld in der Höhe von 200 Mark pro Monat zu bezahlen war. Dadurch war der Besuch dieser Schule also nur einem Kind möglich, dessen Eltern über genug Finanzkraft verfügten. 1902 entstand die erste öffentliche Klasse für schwerhörige Kinder in Berlin, aus der sich die erste allgemeine Schwerhörigenschule 1907 entwickelte. Dann folgten die Gründungen weiterer Schwerhörigenanstalten relativ schnell. Es entwickelten sich auch Absehkurse, Sonderklassen in Volks- und Hilfsschulen und sogar Hörklassen in Gehörlosenschulen. Im Jahre 1926 wurde der erste amtliche Lehrplan für Schwerhörigenschulen festgelegt, der bestätigte, dass sich die Schwerhörigenbildung als eigenständige Disziplin durchgesetzt hatte. Bis 1933 breitete sich diese besondere Beschulung in ganz Deutschland weiter aus.

5. Gehörlosenbildung in Österreich

1779 kam es zur Gründung des Wiener Gehörloseninstituts. Der österreichische Kaiser Joseph II hatte den Plan dazu gefasst, nachdem er selbst die Pariser Gehörlosenschule besucht hatte und sich für die Lehrmethode von de l'Epée interessierte. Er schickte zwei Männer, Joseph May und Dr. Johann Friedrich Stork, nach Paris, um nach einer intensiven Ausbildung eine "Freischule zum Zwecke der Erziehung und des Unterrichtes taubstummer Kinder aus allen Teilen der Monarchie" (Schott, 1995, S. 58) in Wien zu schaffen. May wurde Lehrgehilfe, Dr. Stork der erste Direktor. Als die ersten staatlichen Lehrer führten May und Dr. Stork die Unterrichtsverfahren in Österreich ein. Am Anfang wurden nur 12 Schüler pro Klasse unterrichtet, aber schon nach kurzer Zeit stieg die Schülerzahl an. Die Wiener Methode hat sich aus den französischen Unterrichtsverfahren in Schrift und Handalphabet weiterentwickelt. Die Begriffe wurden über Gebärden erarbeitet. Der Aufbau der Sprache erfolgte nach grammatikalischen Regeln. Schon bald kam auch die Lautsprachausbildung in das Lehrprogramm. Dr. Stork präsentierte 1780 erstmals sprechende Gehörlose einem Publikum, wofür er starken Applaus erntete. Er kannte die orale Methode noch zu wenig und war dann für einige Male im Unterricht bei Heinicke. Letzten Endes, kam er zum Ergebnis, dass diese Methode nicht besonders für die Unterstützung der Sprachentwicklung der Gehörlosen geeignet war. Laut Autor Schott währte der Methodenstreit zwischen den Anhängern des Oralismus und den Befürwortern der Gebärdensprache bis 1784. Obwohl in den späteren Jahren die Lautsprache in der Weiterentwicklung der deutschen Methode als Unterrichtsprinzip allgemein in der Gehörlosenpädagogik akzeptabel wurde, war das Problem Gebärdensprache oder Lautsprache nie allgemein zufriedenstellend geklärt. Weitere Schulen wurden in Österreich gegründet: 1812 in Linz, 1817 in Warschau, 1832 in Graz und Salzburg, 1830 in Brixen (vgl. Leonhardt, 2002, S. 216).

Die wichtigsten Personen in der Tiroler Gehörlosenbildung wurden in wenigen Dokumenten erwähnt. Im Auftrag vom Fürstbischof Karl von Brixen wurde Bischof Johannes Amberg als junger Priester nach Wien geschickt. Dort legte er 1830 am Wiener Institut eine Sonderprüfung für Gehörlose mit Erfolg ab. Wieder in Brixen angekommen, kaufte er ein Haus als erste Unterkunft für eine Bildungsstätte für Gehörlose. Am 21. Dezember 1830 wurde dieses Institut feierlich eingeweiht und eröffnet. Nach vier Jahren musste der frischgebackene Gründer mit den Schülern in ein neues Haus in Solbad Hall umziehen. 1838 wurde Amberg Stadtpfarrer von Hall. Sein Nachfolger war der Priester Alois Moriggl, der 1845 Stadtpfarrer und Dekan von Innsbruck wurde. Die neuerschaffene Gehörlosenschule in Mils wurde von Bischof Amberg 1878 eingeweiht, die heute unter dem Namen "Zentrum für Sprach- und Hörpädagogik" für gehörlose, sprachgestörte und wahrnehmungsgestörte Kinder weiterbesteht (vgl. Schule und Leben, Folge 106/1980, S. 15).

Einige Jahre vor Bischof Ambergs Initiativen hatte Pater Romedius Knoll (1727 - 1796) vor allem im religiösen Bereich, große Leistungen für Tiroler Gehörlose, erbracht. Er kam mit 20 Jahren in das Franziskanerkloster. Er arbeitete in verschiedenen Ämtern als Bibliothekar, Beichtvater, Krankenpater und Vorsteher des Franziskanerordens. Von 1780 bis zu seinem Tod im Jahr 1796 war er als Krankenpater in Hall tätig. Dort begegnete er oft Gehörlosen und versuchte ihnen zu helfen. Er machte Beobachtungen und erste Versuche, Gehörlose zu unterrichten. Das Resultat seiner Studien legte er in seinem lateinischen Buch "Explicatio Catechismi catholici Surdorum Mutorum" (Schott, 1995, S. 86) dar. Später wurde dieses Werk auch auf Deutsch übersetzt. Der Titel lautete: "Katholische Normalschule für die Taubstummen, die Kinder und andere Einfältigen, zum gründlichen sowohl als leichten Unterricht in dem Christenthume, durch vierzig Kupferstiche; nebst einem dreyfachen Anhange, besonders die Anweisung zur praktischen Beicht", Augsburg 1788 (Schott, 1995, S. 334). Pater Romedius Knoll wollte mit diesem Werk nicht nur hörgeschädigte Schulkinder erfassen, sondern auch erwachsene Gehörlose. Im Unterricht musste der Lehrer laut Knoll zwei Hauptregeln befolgen:

  1. Die Materie oder den Gegenstand, von welchem die Rede ist, zeigen.

  2. Was er sagen will, durch Zeichen erklären. (entnommen aus Bodner, Folge 106/1980, S. 15)

Dieses Buch erregte mit seinen Forderungen eine große Diskussion und Ablehnung von Seiten der Wiener Schule. Knoll bekam sogar Unterrichtsverbot. Die Arbeit von Pater Romedius Knoll wird eher im Bereich der Seelsorge als im Unterrichtsbereich beachtet. Es war ihm ein größeres Anliegen, die Gehörlosen in die kirchliche Gemeinschaft einzugliedern als in die kulturelle Gehörlosengemeinschaft. Trotz der großen Entgegnungen der Wiener Schule zu seinem Werk fand er große Anerkennung für seine Bemühungen, die Randgruppen der Gesellschaft, besonders Gehörlose, in die Religionsgemeinschaft aufzunehmen (vgl. Schott, 1995, S. 86 - 89).

Die oben bereits genannten Lehrpersonen werden immer wieder in der Öffentlichkeit und in Büchern und Medien zum Thema Gehörlosigkeit erwähnt. Vielen Menschen ist allerdings nicht bewusst, dass es sich nur um hörende Lehrer handelte, die ihre eigenen Lehrmethoden in der Gehörlosenbildung verwendeten. Innerhalb der Gehörlosengemeinschaften sind meist noch einige wichtige gehörlose Persönlichkeiten bekannt, über die ich in einem späteren Kapitel (Kapitel II.7) berichten möchte.

6. Zeit des Nationalismus

Die Zeit von 1933 bis 1945 war für Gehörlose und Hörgeschädigte ein besonders tragischer Abschnitt in der Geschichte der Gehörlosengemeinschaft. Die meisten Opfer waren Juden, Menschen mit Behinderungen und Gesinnungsgegner Hitlers. Sie wurden zumeist in Konzentrationslagern hingerichtet. Besonders Menschen mit Hörschaden oder vollständiger Gehörlosigkeit fanden sich in dieser Situation wieder weit in die Antike oder das Mittelalter zurückgesetzt. Die jahrhundertlange Arbeit der Gehörlosenbildung und Integration in die Gesellschaft machte einen großen Rückschritt. In der Folge kam die Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik ins Stocken und erlitt auch enorme Rückschläge, zum Beispiel jenen, dass der Berufsverband der Taubstummenlehrer im Jahre 1933 aufgelöst wurde. Inzwischen wurde ein neues Gesetz am 14. 7. 1933 aufgestellt: "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses". (Leonhardt, 2002, S. 238). Nach diesem ersten Gesetz folgte ein zweites Gesetz am 10. 10. 1935: "Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit" (Leonhardt, 2002, S. 238). Nach diesen Gesetzen wurden Gehörlose oder Hörgeschädigte mit erblicher Taubheit zwangssterilisiert. Wie sich die Untersuchungen von Biesold im Jahre 1988 ergaben, sind 662 gehörlose Frauen zur Sterilisation gezwungen worden. In diesem Fall wurde auch dokumentiert, dass "bei knapp 9% (...) von diesen Frauen die Abtreibung (...) zum Teil während des 6. oder nach dem 6. Schwangerschaftsmonat" (Leonhardt, 2002, S. 238) durchgeführt wurde. Im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 boten einige Gehörlosenschulen keine speziellen Förderprogramme und Unterstützungen mehr für schwächere Personen an. Erst Anfang der 50er Jahre machte die Hörgeschädigtenpädagogik wieder Fortschritte.

7. Bekannte Persönlichkeiten der Gehörlosengemeinschaft

Seit vielen Jahrhunderten besteht die Gehörlosengemeinschaft aufgrund der Gehörlosigkeit, der Gebärdensprache und der gemeinsamen Gehörlosenkultur. Die meisten Gehörlosen waren als Einzelpersonen verstreut, bis die ersten Gehörlosenschulen und dann die Selbstorganisationen wie zum Beispiel eigene Vereine eingerichtet wurden. Diese Isolation der Gehörlosen verschwand ab dem Zeitalter der Aufklärung (17.und 18. Jahrhundert) langsam. Viele Bereiche z. B. Medizin, Jura, Philosophie und vor allem Pädagogik wurden in den meisten bürgerlichen Schichten modernisiert. Immer mehr wuchs das Interesse, Schulen für Gehörlose zu gründen. Durch diese Entwicklung erlangten die Gehörlosengemeinschaften auf der ganzen Welt samt ihrer eigenen Gebärdensprachen ein neues Selbstbild. Selbst das Bildungsvermögen der Gehörlosen wurde "wiederentdeckt" und durch Bildungsangebote aktiviert. Dabei hatten die Geschichten vom "alten taubstummen Mann Amiens", Etienne de Fay, und den anderen bekannten gehörlosen Persönlichkeiten lange existiert und waren lediglich in Vergessenheit geraten. Im Folgenden beziehe ich mich hauptsächlich auf die wichtigen Werke von Harlan Lane (1984 und 1993) und Renate Fischer (1993), die sich vor allem mit den Biografien der bekanntesten Gehörlosen beschäftigt hatten.

Es gibt wenige Dokumente über den alten taubstummen Mann Amiens Etienne de Fay (1669 - 1746). Im Alter von 5 Jahren wurde er wegen seiner Gehörlosigkeit in der Abtei von Saint-Jean d'Amiens aufgenommen. Dort erhielt er eine gute Allgemeinbildung. Er wurde Mönch, Architekt, Bibliothekar, Prokurator (25 Jahre lang) und Lehrer gehörloser Kinder. Er war sehr geschickt und kommunizierte in der Gebärdensprache. Er hatte nie sprechen gelernt. Sein ganzes Leben verbrachte er in dieser Abtei. Seine Kommunikation mit der Außenwelt war sehr eingeschränkt, doch er hatte einen Dolmetscher unter seinen Mitbrüdern im Kloster. Hörende Personen erkannten seine Talente und übertrugen ihm ihr Vertrauen und die Verantwortung für wichtige Bauwerke. So hatte er im 18. Jahrhundert einen Bauplan einen Teil der Abtei der Saint-Jean d'Amiens entworfen und verwirklicht. Dieses Gebäude überdauerte Jahrhunderte. Im zweiten Weltkrieg brannte es bis auf die Mauern vollständig ab, aber die Gemeinde Amiens ließ es wieder nach dem Originalplan restaurieren. Heute noch kann dieses Werk von Etienne de Fay bewundert werden. Zu seinen Lebenszeiten vermittelte er seinen gehörlosen Schüler, darunter Azy d'Etavigny, Bildung und christlichen Glauben in Gebärdensprache. Mit Azy d'Etavigny wurde der hörende französische Gehörlosenlehrer Jacob Rodrigues Pereire (1715 - 1780) bekannt, der ihn das Sprechen unterrichtete und dann den Studierenden der Akademien in Paris vorführte (vgl. Truffaut, 1993).

Der gehörlose Künstler Claude-André Deseine (1740 - 1823) stammte aus einer angesehenen Kunsthandwerkerfamilie. Erst nach dem Tode seines Vaters nahm er das Studium der Bildhauerei auf, nachdem der Richter François Angran erstmals für ihn übersetzte und 1777 über ihn den "Bann" verhängte.

Angran verfasste ein schriftliches Protokoll über die mündlichen Gespräche zwischen ihm und Deseine, in dem er schrieb, dass er Fragen stellte und Deseine seine Lippenbewegungen verfolgte. So kurz, bruchstückhaft und ungenügend diese Kommunikation gewesen sein mag, so fand doch zwischen den beiden Kontakt statt. Wir werfen einen kurzen Blick auf den Hintergrund: Zur gleichen Zeit, im Mai 1777, befand sich der österreichische Kaiser Joseph II. auf Besuch bei seinem Schwager, König Ludwig XV. Auf einer seinen Fahrten nach Paris begegnete er Abbé de l'Epée und dessen gehörlosen Schülern. Er wurde wie die anderen Besucher zu den öffentlichen Übungen gehörloser Schüler eingeladen und war überzeugt, dass sie genauso bildungsfähig wie Hörende waren. Wie ich schon im vorigen Kapitel erwähnt habe, entstand das Gehörloseninstitut in Wien nach seinem Plan. Dank ihm wurde die Schule in Paris wiederentdeckt. Zurück zur Situation von Angran und Deseine: Angran wusste von diesem Vorfall und schrieb seine Entscheidung nieder, dass auf Deseine das Recht zukam, über seinen eigenen Willen zu verfügen. Somit wurde er mit dem Bann belegt. Dieser Prozess war öffentlich und wurde durch das Wirken Abbé de l'Epée bekräftigt. Es gab mehr Raum zur Liberalität, als vorher noch möglich gewesen wäre. Deseine wurde eingestuft, unfähig zu sein, seinen Besitz zu verwalten, aber doch bevollmächtigt über sein Einkommen zu verfügen. So konnte er seine Wünsche und seinen Willen äußern. Nach seinem Studium erhielt er viele private Aufträge. Bei einem Bildhauerwettbewerb der Jakobiner-Gesellschaft gewann er im Jahre 1791 mit der Büste von Mirabeau. Er fertige auch noch andere Büsten an; unter anderem eine Büste seines ehemaligen Lehrers, des Abbé de l´Epée. Aufgrund seines ungewöhnlichen Künstlertalents wurde er berühmt. Einige seiner Werke sind heute noch in den französischen Museen zu besichtigen.

Der gehörlose Buchbinder und Schriftsteller Pierre Desloges (1747 - Todesjahr unbekannt), ebenfalls ein Franzose, war durch Pocken zwischen dem siebenten und neunten Lebensjahr ertaubt. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie und lernte vor seiner Krankheit schreiben und lesen. 1779 verfasste er als erster gehörloser Autor ein Buch. In diesem Buch berichtete er über seine Erfahrungen aus der Sicht eines Gehörlosen und beschrieb, dass Abbe de l´Epée die Gebärdensprache nicht erfunden hatte, sondern sie von den Gehörlosen erlernte hatte (vgl. Bézagu-Deluy, 1993).

Der erste gehörlose Gehörlosenlehrer Spaniens und Künstler Roberto Francisco Prádez (1772 - 1836) war von Geburt an gehörlos und wurde von seinen hörenden Eltern unterrichtet. Nach dem frühen Tod seiner Eltern schrieb er sich 16jährig an der Königlichen Akademie der schönen Künste in Valencia ein, um Maler zu werden. Danach ging er nach Madrid, um weiterzustudieren. Nach Beendigung seines Studiums und seinem Erfolg bei einem Wettbewerb begann er 1805 seine Laufbahn als Kunstlehrer an der Schule in Madrid. Er bot als Fächer Lesen, Schreiben und Zeichnen an. Er fand bei den gehörlosen Schülern gleich viel Sympathie und konnte sie durch seine Persönlichkeit für sich gewinnen und ihre körperliche Befindlichkeit verbessern. Da der König von Spanien wegen Mangel an Kapazitäten sich keine Subvention leisten konnte, gab Prádez viele Jahre Unterricht ohne festes Gehalt. Während des Spanischen Bürgerkrieges 1811 - 1814 musste er mit seinen Schülern um das nackte Überleben kämpfen. Trotz Bittschriften, um die Verpflegungen für seine Schüler zu erhalten, erreichte er nichts. Sie mussten ins Armenhaus und sogar betteln gehen. Viele seiner Schüler starben an Krankheiten und Unterernährung. Als der Bürgerkrieg 1814 aufhörte, wurde die Gehörlosenschule in Madrid wieder neu errichtet. Dort bekamen Prádez und seine Schüler wieder Unterkunft. Er überstand auch die mehrfachen Prüfungen seiner Loyalität den königlichen Angestellten gegenüber, welche sehr widersprüchlich war, weil die spanische Regierung mehrfach wechselte. Bis zu seinem Tod blieb er Lehrer an der Königlichen Schule. Über 30 Jahre unterrichtete er Gehörlose. Er war ein großes Vorbild und erntete viel Anerkennung und Dankbarkeit im eigenen Land (vgl. Plann, 1993).

In den französischen Gehörlosenschulen waren auch große Persönlichkeiten tätig, die heute sehr bekannt sind: Jean Massieu (1772 - 1846), Laurent Clerc (1785 - 1869) und Ferdinand Berthier (1803 - 1886).

Jean Massieu wurde gehörlos geboren und hatte fünf gehörlose Geschwister, von denen er Gebärdensprache lernte. Zuerst durfte er nicht in die Schule gehen, weil er "taubstumm" war. Dieses Vorurteil wurde von der hörenden Gesellschaft konstruiert. Trotz Schulverbots blieb er in der Schule, bis der Lehrer nachgab und ihm erlaubte, im Unterricht sitzen zu dürfen. Er wurde der Lieblingsschüler von Sicard und galt als Erwachsener als wichtigste Stütze seines Lehrers und der Gehörlosen. Er beteiligte sich auch an der Erziehung der gehörlosen Kinder, unter anderem Laurent Clerc. Doch im allgemeinem galt er nicht als vollwertiger Lehrer, obwohl seine Rolle als Lehrer und Erzieher bei Gehörlosen sehr bedeutend war. Als die Revolution in Frankreich 1789 ausbrach, musste er um das Leben von Sicard kämpfen, da Sicard selbst ein Pfarrer und Königsanhänger war. Sicard wurde durch Massieus Überzeugungsarbeit von der Hinrichtung freigesprochen. Massieu war ein großer Bewunderer von Sicard und diente ihm sein ganzes Leben lang. Nach dessen Ableben zog er als Lehrer nach Südfrankreich. Danach gründete er die erste Gehörlosenschule in Lille (Nordfrankreich) und wurde dort Rektor.

Laurent Clerc war ebenfalls ein Schüler von Sicard und Massieu. Er kam erst mit zwölf Jahren in die Pariser Gehörlosenbildungsstätte und wurde ebenfalls Lehrer. 1815 traf er sich mit dem amerikanischen hörenden Geistlichen Thomas Hopkins Gallaudet in London, der nach geeigneten Lehrmethoden für gehörlose Kinder suchte. Gallaudet fand die manuelle Methode bestens geeignet und bat Clerc, mit ihm nach Amerika zu gehen und ihm zu helfen, eine Gehörlosenschule zu gründen. Auf der langen Reise übers Meer lehrte Clerc Gallaudet die französische Gebärdensprache, und umgekehrt lernte Clerc von Gallaudet Englisch. 1817 gründeten sie die erste Ausbildungsstätte für Gehörlose in Hartford/Connecticut (USA). Der Sohn von Gallaudet, Edward Miner Gallaudet errichtete die erste Universität in Washington DC, die heute mit dem Namen Gallaudet noch immer als die erste Universität für Gehörlose gilt. Dort hatte sich die französische Gebärdensprache (LSF) von den Slangs der amerikanischen Schüler zur Amerikanischen Gebärdensprache (ASL) entwickelt. Die Verbreitung der Gehörlosenschulen und Rechte der Gehörlosen in ganz USA erfolgten rasch dank dem ersten Präsidenten Amerikas Abraham Lincoln, der das entsprechende Gesetz für Gehörlose festlegte und unterschrieb. Er blieb Lehrer bis zu seinem Tod in Amerika. Er war die wichtigste Schlüsselfigur in der amerikanischen und europäischen Gehörlosenpädagogik.

Ferdinand Berthier war ebenfalls ein Schüler in der Pariser Gehörlosenschule. Er galt als sehr begabt, da er schon in jungen Jahren Mentor, Schriftsteller und Professor wurde. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher über die Gehörlosen in der Welt, umfangreiche Biographien von de l´Epée und Sicard sowie Zeitungsartikel und Beiträge in Lexika. Er war ein Mitglied der Gesellschaft der Briefleute. Er kritisierte die Lehrmethode von de l´Epée, weil sie sich von der natürlichen Methode unterscheideten. Er gründete 1834 den ersten Taubstummenverein in Paris und organisierte 1834 die Taubstummenbankette in Paris das erste Mal, die seither jedes Jahr veranstaltet wurde. Er war der eifrigste Kämpfer gegen die oralistische Vorherrschaft (vgl. Lane, 1984)

Im deutschen Sprachraum hatten sich die bekannten gehörlosen Pädagogen ihre Tätigkeiten in den Schulen und auch um die Rechte für Gehörlose bemüht: Freiherr Hugo von Schütz, Otto Friedrich Kruse und Carl Heinrich Wilke.

Freiherr Hugo von Schütz (1780 - 1848) besuchte im 8. Lebensjahr das Gehörloseninstitut in Wien und war der Schüler von May und Dr. Stork. 1797 in seine Heimat Camberg zurückgekehrt, hielt er bei seinen drei ebenfalls gehörlosen Brüdern Privatunterricht. Als immer mehr Gehörlose zu ihm kamen, entschloss er sich 1818, eine private Gehörlosenschule in Camberg zu gründen. Diese Schule wurde am 15. Juni 1820 feierlich eröffnet. Schütz wurde der erste Direktor und noch im selben Jahr stieg die Schüleranzahl auf 25 an. In der Zeit, in der er lebte, war es ganz besonders, als Gehörloser den Posten eines Direktors innezuhaben. Allerdings legte er bereits im Alter von 48 Jahren wegen Krankheit sein Amt nieder. Diese Gehörlosenschule besteht heute noch und gilt als die älteste Schule für Hörgeschädigte in Hessen (Freiherr von Schütz Schule, im Internet).

Otto Friedrich Kruse (1801 - 1879) war und ist für die deutsche Gehörlosengemeinschaft als Publizist und hartnäckigster Mahner gegen die Unterdrückung der Gebärdensprache sehr bekannt. Im Alter von sechs Jahren ertaubte er durch Scharlach. Er kam dann in ein Gehörloseninstitut in Schleswig und erlernte die Gebärdensprache von seinen Schulkollegen und Lehrern. Er wurde durch die Kombination von Gebärdensprache und Lautsprache (in geschriebener und gesprochener Form) geschult. 1817 wurde er Gehörlosenlehrer in Schleswig. 55 Jahre lang war er als Lehrer in Schleswig, Altona, Bremen und zuletzt wieder in Schleswig tätig. Jahrzehntelang führte er auch Gottesdienste für Gehörlose und Auszubildende in der Gehörlosenschule ein. Er veröffentlichte 15 Bücher und zahlreiche Artikel zur Gehörlosen- und Schulpädagogik. Von 1867 bis 1870 gab es heftige Streitereien zwischen Kruse und Befürwortern der rein oralen Methode. Er trat für die Gebärdensprache und die kombinierte Methode (die zweisprachige Methode) ein und protestierte offen und vehement gegen den Oralismus. Sein Buch von 1869 hieß: "Zur Vermittlung der Extreme in der sogenannten deutschen und französischen Taubstummen-Unterrichts-Methode. Ein Versuch zur Vereinigung beider" und wurde in die englische und die französische Sprache übersetzt. Kruse bekam 1878 den Ehrendoktortitel vom "Gallaudet-College" in Washington/ USA. Auch von den Regierungen Deutschlands und Belgiens wurde er mit zwei Orden belohnt. Sein Sohn Otto trat in die Fußstapfen seines Vaters (Vogel, im Internet).

Karl Heinrich Wilke (1800 - 1876) wurde durch seine eigenartigen "Methodische(n) Bildertafeln" bekannt und galt als "Vater des Anschauungsunterrichts in der Taubstummenschule" (Vogel, im Internet). 1807 kam er in die Berliner Gehörlosenschule, die der hörende Gründer Ernst Adolf Eschke 1788 erschaffen hatte. Er stellte seinen ehemaligen Schüler Johann Karl Habermaß (1783 - 1826) als Lehrer ein. Eschke hat sich von der oralen Methode abgewandt und bevorzugte die bilinguale Methode. Habermaß war der erste gehörlose Lehrer in der deutschsprachigen Bildungsgeschichte. Wilke war sein Schüler und fiel durch seine besonderen Fähigkeiten, insbesondere im Malen und Zeichnen auf. Er studierte mehrere Jahre an der Berliner Kunstakademie und 1820 kam er als Hilfslehrer und Zeichenlehrer in die Gehörlosenschule nach Berlin. Ein paar Jahre später bekam er die Stellung als ordentlicher Lehrpädagoge und blieb bis zu seiner Pensionierung 1874. Seine Lehrmethoden dienten zur Veranschaulichung des Unterrichts. 1830 schrieb er ein Buch "Methodisches Bilderbuch. Ein Wörterbuch für Taubstumme". 1839 erschienen "Sechszehn Bildertafeln für den Anschauungsunterricht", die sich rasch weit verbreiteten, weil diese Werke für den allgemeinen Schulunterricht, vor allem den Gehörlosenunterricht sehr gut zu gebrauchen waren. Seine weiteren Bücher sind "Methodische Bildertafeln zum Gebrauch beim Anschauungsunterricht" (1837) und "Grammatische Bilderfibel zur Schreiblesemethode" (1843). Heute können mehr als dreißig Zeichnungen von Wilke im Ostfriesischen Schulmuseum in Folmhusen bei Leer besichtigen werden (Vogel, im Internet)

III. Die Integration Gehörloser

1.Geschichte der Integration in Österreich

Seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts werden behinderte Menschen in vielen normalen Schulen integriert. Die Vorstellung der Bürger war und ist, dass vermehrt Behinderte die Möglichkeit haben, am gleichen Ort zu leben und tätig zu sein wie Nichtbehinderte. Sie müssen nun nicht mehr die meiste Zeit in Sonderschulen, die weit vom Heimatort entfernt sind, verbringen. Die Eltern können in Kontakt mit ihren Kindern sein und mehr Zeit mit ihnen verbringen als früher. Ich weiß aus Erzählungen älterer Gehörlosen, dass sie früher höchstens zweimal im Jahr, in den Weihnachts- und Sommerferien, zu ihrer Familie heimfahren konnten. Ihre Kontakte zu ihren Gehörlosengemeinschaften waren intensiver als zu ihren Familien.

Der Initiator und Förderer Karl Köppel engagierte sich sehr für die Integrationsbewegung, bis er 1991 starb. Die Schulversuche wurden in der "integrativen Grundschule" (...) und der (...) "Differenzierten Sonderschule" (Rutte/ Schönwiese, 2000, S. 205) eingeführt. Für Lernbehinderte waren Förderstunden, die vor allem in Sonderklassen den Übertritt in die Regelklasse erleichtern sollten, vorgesehen. Die Resultate erwiesen sich aber als problematisch, vor allem, was die Lernstruktur betrifft. In dieser Zeit haben einige andere EU-Länder sich auch an der Integration beteiligt: Das dänische Parlament beauftragte das Bildungsministerium, das Sonderschulsystem abzuschaffen und die Integration durchzuführen. Italien ließ zuerst die Sonderschulen abschaffen und lehnte sich dann an das Integrationsgesetz an. Die deutsche Bildungskommission des Bildungsrates forderte schulische Integrationen, wenn die ersten Schulversuche gute Resultate brachten. Die erste Integrationsklasse Österreichs entstand im Herbst 1984 in Oberwart/ Burgenland. Sie konnte erst durch Unterstützung des Präsidenten des Landesschulrates beginnen und wurde erst bei der Beendigung des ersten Schuljahres beendet. An zweiter Stelle kamen im drauffolgenden Jahr die Integrationsklassen in Weisenbach bei Reutte (Tirol) und Kalsdorf (Steiermark) zustande. Letztendlich entstand 1986 eine Integrationsklasse in Wien. Durch Impulse von Eltern behinderter Kinder und Kämpfe um Errichtung und Erweiterung der Integrationsklassen wurde die österreichische Bundesregierung 1986 aufgefordert, Schulversuche auf integrativer Ebene zu ermöglichen. Solche Schulversuche ermöglichten Menschen mit den verschiedensten Behinderungen eine normale österreichische Schule zu besuchen. Dies galt auch für die Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen. Auch in Gymnasien in Bruck a. d. M. und in Wien erfolgte 1992 der Versuch, behinderte Menschen zu integrieren. Bei diesem Schultyp ist die Integration bis 2000 unterentwickelt geblieben. Wie Rutte und Schönwiese berichtet haben, hat es in ganz Österreich "nur 14 Klassen 1999/2000" (Rutte/ Schönwiese, 2000, S. 208) gegeben. Der Schultyp Gymnasium ist nicht zur Integration verpflichtet. Auf der Landesebene muss eine Integrationsklasse aus fünf behinderten SchülerInnen bestehen, damit die Integration durchgeführt werden kann (vgl. Rutte/ Schönwiese, 2000). Ich weiß aus Erzählungen ehemaliger gehörloser Schüler und aus meinen eigenen Erfahrungen, dass bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts meist nur ein Gehörloser in die hörende Klasse, egal welcher Schultyp es war, integriert wurde. Während des Unterrichts war auch kein Dolmetscher anwesend. So musste der Gehörlose den ganzen Lernstoff von einem Mitschüler abschreiben. Meist verlief der Unterricht für den integrierten Gehörlosen langweilig, und die Zeit schien für ihn ohne Ende in Sicht, weil er nichts davon verstand, was der Lehrer sagte, nur einzelne Informationen von der Schultafel oder vom Schulheft des Nachbars bekam.

2. Persönliche Erfahrungen zur Integration von Gehörlosen in Tiroler Schulen

Ich möchte nun meine Gymnasienjahre schildern, wie ich in die hörende Schule integriert wurde. Nach meinem letzten Pflichtjahr in Mils kam ich Herbst 1992 in das Private Oberstufenrealgymnasium in Volders mit einem hochgradig schwerhörigen Mitschüler und einer ehemaligen Lehrerin vom heutigen Zentrum für Hör- und Sprachpädagogik in Mils als unsere Dolmetscherin. Es war der erste Schulversuch im ganzen Land Tirol, der vom Schulrat genehmigt wurde. Unsere Dolmetscherin, die Gebärdensprache erst später gelernt hatte, übersetzte im Unterricht in der lautsprachbegleitenden Gebärdensprache (LBG) und ihre Gebärdenkompetenz war relativ gut ausgeprägt. Neue Gebärdenwörter, die sie noch nicht kannte, lehrten wir sie selbst, weil es zu dieser Zeit noch keine Dolmetschzentrale in Tirol und Gebärdensprachdolmetschausbildung in Graz gab. Dennoch gab es zu dieser Zeit eine offizielle Dolmetscherin im Tiroler Landesverband der Gehörlosen. Unsere Dolmetscherin hatte ihre Gebärdensprachdolmetschausbildung in Deutschland absolviert. Sie erledigte ihre Arbeit nur an den Vormittagen und blieb nur manchmal an den Nachmittagen, weil ihre Stunden begrenzt waren. Sie schrieb während des Unterrichts den ganzen Lernstoff ins Heft, und wir schrieben von ihrem Heft so schnell wie möglich ab. Sie konnte uns die ausführlichen Erklärungen vom Lehrer übersetzten, wenn genügend Zeit übrig dafür blieb. Zu Beginn dieses Besuchs im Gymnasium war es eine große Umstellung für uns beide Gehörlosen, weil wir in Mils nicht ausreichend unterrichtet wurden und deshalb doppelt soviel wie die Hörenden lernen mussten. In den Fremdsprachenstunden Englisch und Italienisch übersetzte uns die Dolmetscherin in der österreichischen LBG und in der englischen und italienischen Lautssprache. In meiner Freizeit erledigte ich viele Schulaufgaben und bereitete mich für die nächsten Stunden vor. Daher blieb wenig Zeit für meine gehörlosen Freunde. 1996 verließ ich diese Schule ohne Abschluss und kam in das Abendgymnasium in Innsbruck. Damals saß dort mein neuer gehörloser Mitschüler mit seiner Dolmetscherin. Nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass die meisten Dolmetscherinnen aus gehörlosen Familien stammten und reine Gebärdensprache, also keine LBG, beherrschten. An einem Unterrichtsabend wechselten sie sich nach ein bis zwei Stunden ab. Wenn eine Dolmetscherin aus privaten Gründen oder wegen Krankheit ausfiel, sprang eine andere Dolmetscherin ein. Ich gewöhnte mich schnell an diese neue Situation, und konnte meine Matura 1998 abschließen. Im März 1999 inskribierte ich als erste gehörlose Studentin an der Universität Innsbruck und bekam die ersten Dolmetscherinnen, die gerade ihre Gebärdensprachdolmetschausbildung machten und sie noch nicht abgeschlossen hatten. Sie machten ihre ersten Erfahrungen in Dolmetschsituationen und lernten neue Fachwörter, die von mir erfunden waren, weil die Gebärden für Fachwörter von Gehörlosen im Alltag nie benutzt werden oder nicht vorhanden sind. Damals war diese Situation ganz anders und neu und viele organisatorischen Fragen waren noch nicht geklärt. Wir wussten zum Beispiel nicht, wie die Dolmetschkosten letztendlich finanziert werden oder wie hoch der Zeitaufwand für die Dolmetscher sein würde. Allerdings konnten wir unsere anfänglichen Schwierigkeiten bereits nach einigen Monaten überwinden. Erst 2001 entstanden die Dolmetschzentrale und Beratungsstelle für Gehörlose in Innsbruck. Seitdem können Gehörlose Dolmetscher für ihre eigenen Bedürfnisse bestellen, und die Dolmetschkosten werden vom Bundessozialamt übernommen.

Ein anderes Beispiel möchte ich am Fall Reutte aufzeigen, in dem ein gehörloses Mädchen ihre Schuljahre außerhalb der Gehörlosenschule mit ihrer Gebärdenlehrerin verbracht hatte. 1997 berichteten die Medien über die Geschichte des gehörlosen Mädchens Anja, das die Volk- und Hauptschule in Reutte besucht hatte. In ihrer Klasse unterrichteten zwei Lehrer. Zusätzlich ist eine schwerhörige Frau eingesetzt worden. Sie gab Anja Gebärdensprachunterricht und vermittelte ihr Wissen. Während ihrer Schulzeit war sie eine hörgeschädigte Bezugsperson, die aus der kulturellen Sicht her für Anjas Identitätsentwicklung besonders wichtig war. Anja war in ihren ersten Lebensjahren nicht in den Kindergarten im heutigen Zentrum für Hör- und Sprachpädagogik in Mils gekommen, weil der Weg zu dieser Schule für ihre Mutter zu weit entfernt war. Sie blieb in ihrem Heimatort, und ihr Sprachvermögen war daher nur minimal gebildet. Sie hatte auch keine spezielle pädagogische Sprachförderung bekommen. Erst durch ihren Schulbesuch lernte sie die Gebärdensprache. Ihre hörgeschädigte Gebärdenlehrerin war nicht als Dolmetscherin für Gehörlose vorgesehen. Ihre Aufgabe war, das Wissen im Unterricht mittels Gebärdensprache zu vermitteln, aber das Wissen nicht Wort für Wort weiterzugeben. Sie musste sich ständig für jedes Fach auf den Unterrichtsstoff vorbereiten und somit erweiterte sich auch der Wortschatz von Anja dank Gebärdensprache. Herr Dr. René Müller, der Direktor der Gehörlosen- und Sprachheilschule in Riehen bei Basel, war als externer Berater für Anja zuständig. Auch Frau Sieglinde Schönauer, die Beratungslehrerin für hörgeschädigte Kinder, unterstützte Anja. Anja absolvierte ihr letztes Pflichtjahr an der Frauenfachschule und kam in eine polytechnische Schule. Sie hat schließlich ihre Lehre als Druckvorstufentechnikerin mit positivem Zeugnis beendet (vgl. Schönauer/ Müller, 2000).

3. Eine Fallstudie zum bilingualen Unterricht in Wien

Der bilinguale Unterricht als Schulmethode war in den Gehörlosenschulen Österreichs bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht weit verbreitet. In diesem Rahmen gibt es sehr wenige empirisch begleitete oder dokumentierte Erfahrungen. 1990 wurde bilingualer Unterricht in einer Gehörlosenschule erstmals im deutschen Raum in Klagenfurt durchgeführt. Vier Schüler im Alter von 14 bis 16 Jahren wurden von einer hörenden und einer gehörlosen Lehrerin gemeinsam unterrichtet. Vorher wurden sie nur mündlich oral unterrichtet. Die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) wurde als Kommunikationsmittel verwendet und die Zweitsprache Deutsch wurde als Lese- und Schriftsprache unterrichtet. Auch Lippenlesen und Sprechen gehörten zu diesem Unterrichtsverfahren. Bei diesen Schülern machten sich ungeheuere Verbesserungen im Bereich des Vokabulars, mehr Motivation zum Sprachen lernen, und besonders zum Lesen, die Freude an der Kommunikation, enorme Neugier und die Bereitschaft, mehr Leistungen zu bringen, bemerkbar. Margret Pinter, eine der beiden Lehrerinnen, stellte 1992 in einem Artikel in "Das Zeichen" (Heft 20/ 1992) fest, dass der passive Schriftbildwortschatz der Schüler im Zeitraum vom ersten Schuljahr sich um 50% gesteigert hatte. Die meisten Jugendlichen konnten einer erwachsenen gehörlosen Lehrperson, die im Unterreicht anwesend war, ohne Probleme Fragen stellen. Zum Teil war diese Gehörlose für die meisten Jugendliche die erste Kontaktperson überhaupt, die Gebärdenkompetenz besaß. 1995, nach einem Jahr Gebärdensprachförderung im Kindergarten, entstand durch eine schwerhörige Mitarbeiterin eine bilinguale Klasse in der Grazer Gehörlosenschule. Vier bis fünf Kinder bekamen sieben Unterrichtsstunden in Deutsch und ÖGS im Teamteaching in der Anwesenheit von einem hörenden und einem gehörlosen Lehrer. Diese beiden Lehrer, Erich Bortsch und Olaf Tischmann, haben aktiv an den Sprachkenntnissen gearbeitet und konnten den Kindern vorbildhaft zeigen, wie man die Sprache des Anderen beherrschen sollte. Ihre Erfahrungen zu diesem zweisprachigen Unterricht berichteten sie in der 37. Ausgabe der Zeitschrift "Das Zeichen" (Heft 37/ 1996). Die Konzepte im Rahmen des bilingualen Unterrichts wurden in beiden Klassen im Schuljahr 1999/ 2000 erfolgreich durchgeführt (vgl. ÖGLZ, März 2004, S. 8)

In der Volkschule Bilgerigasse in Wien 22 bestand aufgrund der Initiative von einigen Eltern und einer Lehrerin zwischen September 2000 und Juli 2004 die erste bilinguale Klasse Österreichs. Sie setzte sich aus zwei gehörlosen und zehn hörenden Volkschulkindern zusammen, die gemeinsam von einer hörenden und einer gehörlosen Lehrerin in deutscher Lautsprache und ÖGS unterrichtet wurden. Der Unterricht verlief nach dem österreichischen Lehrplan für die Volkschule und wurde von einer Gebärdendolmetscherin täglich begleitet, da die hörende Lehrerin keine Gebärdenkompetenz hatte. Die österreichische Sprachwissenschaftlerin Verena Krausneker hatte diese Klasse drei Jahre lang im Rahmen ihrer Dissertation begleitet und eine wichtige Dokumentation erstellt. Das Ziel dieses Projekt war die volle Kompetenz in beiden Sprachen, welches die Kinder dieser Klasse erfolgreich erreichten. Die Sprechkompetenz wurde bei dieser Unterrichtsform ausgeschlossen. Deshalb wurde die artikulatorische Kompetenz der gehörlosen Kinder nicht untersucht. Um empirische Dokumente visuell und akustisch verfassen zu können, hat Verena Krausneker den ganzen Unterricht gefilmt und 300 Stunden digitales Filmmaterial codiert, transkribiert, analysiert und geschnitten. Besonders die Entwicklung der Zweitsprachkompetenz in Deutsch wurde aufmerksam untersucht. Dabei kam heraus, dass Kinder - egal ob hörend oder gehörlos - vom bilingualen sowohl lautsprachlichen als auch visuell-gebärdeten Alltag in dieser Klasse auf ihre Weise profitierten. Die Deutschkompetenzen gehörloser Schüler wurden immer besser und dynamischer, was den Erfolg dieses Projekt demonstrieren. Diese bilinguale Klasse wurde im Dezember 2003 mit dem Europäischen Sprachensiegel des Bundesministeriums für Bildung, Unterricht und Kultur offiziell anerkannt und ausgezeichnet (vgl. Krausneker, Heft 3/2004).

Ich möchte mich den Erkenntnissen von Verena Krausneker anschließen und bin der Meinung, dass der bilinguale Unterricht die beste Förderung und Unterrichtsform für Gehörlose ist. Meiner Ansicht nach können gehörlose Kinder schon im Kleinkinderalter Gebärdensprache und Deutsch gleichzeitig lernen. Eine der wichtigsten Vorraussetzung ist, dass wichtige Bezugspersonen wie Eltern, Familien oder Erzieher Gebärdensprache als Kommunikationshilfe und Förderungsmittel annehmen und sie in Gesprächen mit gehörlosen Kindern alltäglich verwenden. Damit vergrößert sich ihr Wortschatz enorm, und sie können in der hörenden Welt ihre Kommunikationsbarrieren abbauen. Auch Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen von Gehörlosen werden gestärkt. Die Lautsprachausbildung soll vor allem durchgeführt werden, wenn gehörlose Kinder genug motiviert sind, sie zu lernen. Oft genug sehen sie es als lästigen Zwang, wenn sie die Bedingungen der Sprachpädagogen nicht ausreichend erfüllen können. Für Gehörlose ist es unbedingt wichtig, ihr Wissen in Gebärdensprache zu vermitteln und nicht Lautsprache perfekt zu beherrschen. Der ständige Kontakt zu den hörenden Bezugspersonen oder Freunden ist auch wichtig, denn dies kann viele Vorurteilen und Missverständnissen vermeiden und zur problemlosen Verständigung führen. Allerdings ist die Lautsprache auch sehr wichtig für junge Gehörlose, weil sie damit die oft schwierigen Herausforderungen des späteren Berufslebens besser meistern können. Meiner eigenen Erfahrung nach ist es unbedingt notwendig, den gehörlosen Kindern schon im Vorschulkindergarten bilinguale Förderung zu bieten. So können sie in späteren Ausbildungsstätten bei hörenden Kollegen ihre Sprachniveaus, die bislang in üblichen Gehörlosenschulen sehr niedrig waren, ständig verbessern und besser "mithalten".

IV. Die Gebärdensprache - Sprache und Kultur der Gehörlosen

Die Gebärdensprache ist ein eigenständiges, visuelles Sprachsystem, das sich im Laufe einiger Jahrhunderte zwischen Gehörlosen entwickelt hat. Viele hörende Menschen, die zuvor noch nie mit einem Gehörlosen in Kontakt gekommen sind, glauben, dass Gebärdensprache eine internationale Sprache und leicht zu erlernen sei. Das ist ein Irrtum. Die "richtige" Gebärdensprache hat eine eigene, vollständige Grammatik, die im dreidimensionalen Raum arbeitet. So gibt es beispielsweise drei Zeitachsen: eine Horizontale, eine Vertikale und eine Lineare, die jeweils eine andere Zeitfolge ausdrücken. Die Gebärdensprache ist in nationale Gebärdensprachen unterteilt, also zum Beispiel die Österreichische Gebärdensprache in Wiener, Tiroler und Steirer Dialekte.

1. Stigmatisierung

a) Typische Kommunikationssituationen zwischen Gehörlosen und Hörenden

Ein Tagebuch

Im Alltag begegnen sich Gehörlose und Hörende aus Zufall oder aus bestimmten Gründen. Die Gehörlosigkeit ist unauffällig, also eine unsichtbare Behinderung, und daher ist vielen Menschen nicht bewusst, wie der Umgang mit Gehörlosen funktioniert. Auf den ersten Blick macht der Gehörlose auf die Gesellschaft nicht den Eindruck, dass er behindert ist. Im Gegensatz zu anderen Behinderungen wie Gelähmtheit, Bewegungsstörung oder Down-Syndrom ist Gehörlosigkeit nicht sichtbar für die Umwelt. Die Gehörlosen fallen nur durch ihre eigenartigen Sprachlaute auf, und versuchen dann meist mit der Erklärung, dass sie gehörlos sind, den Hörenden aufzufordern, mit ihnen langsam, aber deutlich zu sprechen. Die meisten hörenden Leute werden dadurch verunsichert und versuchen mit irgendwelchen Ausreden zu "flüchten", weil sie nicht wissen, wie sie sich gegenüber einem Gehörlosen verhalten sollen. Die Gehörlosen müssen sich oft mit solchen Kommunikationssituationen auseinandersetzen. Nun möchte ich meine persönlichen Erfahrungen aus meinem Tagebuch über den Zeitraum von zwei Wochen berichten, damit die LeserInnen sich besser vorstellen, was es bedeutet, gehörlos zu sein.

1. Tag:

Auf der Autobahn brach der Auspuff meines Autos ab. Ich landete auf dem Pannenstreifen und stand da mit meiner schwerhörigen Freundin. Wir überlegten, wie ich den Pannendienst erreiche. Weit und breit kam keine Hilfe auf uns zu, weil es schon dunkel war und viel Verkehr herrschte. Ich hatte keine SMS-Nummern von ÖAMTC und ARBÖ. Nun entschloss ich mich, zur nächsten Ausfahrt zu fahren. Nach der "laut vibrierenden" Fahrt kam ich zur Autobahntankstelle. Nun bat ich einen Tankwart um Hilfe, der sie sofort ablehnte. Meine Freundin Elisabeth bat ihn höflichst mehrmals, doch mein Auto anzuschauen. Er tat es nun doch. Der Tankwart sagte uns, wir sollen ÖAMTC oder ARBÖ anrufen. Wir konnten doch nicht. Er bemerkte uns nicht. Nun bat ich ihn mit meiner eigenartigen Stimme: "Ich kann nicht hören. Bitte rufen Sie den ARBÖ an. Bitte!" Er schaute mich und Elisabeth an und begriff jetzt, warum wir nicht konnten und dass nur er als Hörender das machen konnte. Elisabeth betonte dann stärker: "Wir hören nichts. Bitte tun Sie das für uns." Er sah das nun ein und erledigte das Telefonat für uns. Wir bedankten uns dann bei ihm für seine Hilfe.

2. Tag:

Auf einer Strasse in Innsbruck wurde ich von einem unbekannten altem Mann angesprochen, der sich nach einem irgendwelchem Gebäude erkundigen oder was fragen wollte. Entschuldigend sagte ich ihm, dass ich gehörlos sei. Er begriff, dass ich nicht höre. Daraufhin ließ er mich prompt links stehen und entschuldigte sich nicht einmal. Er bemühte sich auch nicht, langsam und deutlich mit mir zu sprechen. Ich schloss daraus, dass er davon ausging, dass ich nichts verstehe und auch nicht normal sprechen könne. Ich fühlte mich von ihm als "geistig Behinderte" stigmatisiert.

3. Tag:

Meine Studienkollegin und ich gingen zu zweit auf einer Straße und unterhielten uns in der Gebärdensprache. Wir bemerkten nicht, dass eine ältere Frau hinter uns war und uns ausweichen wollte. Sie schrie uns sogar an und schimpfte mit uns, weil wir sie ignoriert hatten. Meine Studienkollegin erklärte ihr sofort, dass es nicht unsere Absicht war, ihr den freien Weg zu versperren, sondern sie schwerhörig und ich gehörlos sei. Verlegen entschuldigte sich die Passantin für ihr schlechtes Verhalten.

4. Tag:

Ich traf zufällig eine ehemalige Partyfreundin in einem Supermarkt und plauderte eine Weile mit ihr. Meine hörende Freundin ging mit mir und hörte unser Gespräch an. Nach einer halben Stunde Gespräch verabschiedete ich mich von meiner Partyfreundin. Meine Freundin teilte mir mit, dass sie sehr laut mit mir gesprochen hatte und die Leute zu uns herschauten. Ich hatte dies nicht bemerkt und mich nur gewundert, warum sie so ein großes Mundbild machte und mich fast anschrie. Erst dann begriff ich, dass meine ehemalige Ausgehfreundin nicht sehr gut mit dem Umgang mit Gehörlosen vertraut war. Sie hätte eine ausführlichere Erklärung benötigt, warum es nicht notwendig ist, laut mit mir zu sprechen.

5. Tag:

Am Hauptbahnhof in Innsbruck wurde ich von hinten von einem jungen Mann angesprochen. Ich habe ihn nicht bemerkt und war sehr mit mir beschäftigt. Als ich merkte, dass er mich ansprach, hatte er sich schon von mir abgewandt. Er hatte mich nicht berührt, sondern mich nur laut angesprochen. Er hatte anscheinend gemerkt, dass lautes Ansprechen nichts nützte und mich deshalb in Ruhe gelassen.

6. Tag:

Ich sollte meine Freundin in einem Nagelstudio aufsuchen. Als ich kam, war sie nicht zu finden. Dann fragte ich den Kosmetiker, der seine Arbeit abbrach und zu mir mit seinem Mundschutz ging. Er sprach zu mir, ohne seinen Mundschutz abzunehmen. Ich konnte nicht verstehen, worüber er sprach, weil ich sein Mundbild nicht sah. Entschuldigend bat ich ihn, seinen Mundschutz abzunehmen. Er machte das und fragte mich: "Sind Sie angemeldet mit Ihrer Freundin Daniela H. ?". Ich konnte seine Frage beantworten. Ich hatte einen Eindruck, dass er sich nicht bewusst war, dass ich sein Mundbild zum Ablesen brauche, obwohl er wusste, dass ich gehörlos bin. Er war mit dem Umgang mit Gehörlosen nicht vertraut.

7. Tag:

Ich kam zu einem Wirt eines Gasthauses und wollte mich erkundigen, ob ein Zimmer für mich frei wäre. Er sprach mich an und ich verstand ihn nicht, weil er einen langen Bart hatte, der sein Mundbild vollständig bedeckte. Auf diese Weise bat ich ihn, mir etwas aufzuschreiben. Doch er redete und wollte nichts aufschreiben. Ich forderte ihn durch mehrmalige Bitten auf, das Gesagte aufzuschreiben, weil die Kommunikation zwischen uns einfach nicht funktionierte. Er blieb stur, und ich musste die Initiative ergreifen, hartnäckig sein. Dann erst sah er, dass ich keine andere Wahl hatte, darauf zu bestehen, dass er schriftlich mit mir kommunizierte. Widerwillig schrieb er mir auf, und ich war erleichtert, dass er doch nachgab. Anschließend gab er mir die Schlüssel für mein Zimmer, und ich bedankte mich bei ihm.

8. Tag:

Auf dem Weg zu meiner Praktikumstelle traf ich zufällig meine alte gehörlose Bekannte auf der Straße. Wir unterhielten uns in der Gebärdensprache. Wir bemerkten das vorbeifahrende Auto aus der Sackgasse nicht, da wir in unser Gespräch vertieft waren. Der Fahrer, der unseren Gehweg überqueren wollte, beschimpfte uns als Idioten, weil wir sein Hupsignal nicht "beachtet" hatten. Dann fuhr er weg. Wir wollten ihm erklären, konnten dies aber nicht tun, weil er anscheinend keine Zeit für ein Gespräch hatte. Dieser Fahrer wusste nicht, dass er zwei gehörlosen Menschen auf seinem Weg begegnet war.

9. Tag:

Auf dem Fußweg zu einem kleineren Ort begegnete ich einem deutschen Urlauber mit seiner Familie. Er sprach mich an und wollte mich irgendwas fragen. Ich erklärte mit meiner Entschuldigung, dass ich nicht höre. Daraufhin erschrak er ein wenig und schaute mich mit fragendem Blick an. Dann streichelte er mich an meinem Unterarm und zeigte mir, dass er Mitleid mit mir hatte, weil ich angeblich unfähig bin, zu sprechen. In dieser Situation überkam mich Wut und Peinlichkeit, die ich aber vor ihm versteckte. Ich wollte ihn nicht noch mehr verunsichern, da er nicht dafür konnte, weil ihm der Umgang mit Gehörlosen noch fremd war. Ich lächelte ihm an und erklärte ihm, doch mit mir langsam und deutlich zu sprechen. Ich forderte ihn auf, es mit mir auf diese Art zu versuchen. Doch er tat dies nicht, weil er nicht verstand, was ich meinte. Er wandte sich dann mit einem verlegenen Lächeln von mir ab. Ich weiß aus den Erzählungen meiner hörenden Freundin, dass solche Menschen behaupten, dass Gehörlose arm seien, weil sie unfähig seien, nicht hören oder sprechen zu können. Sie können sich nicht oder nur schwer vorstellen, wie es möglich ist, überhaupt nichts zu hören und wie Gehörlose trotz Behinderung ihr Leben meistern. Deshalb rate ich jedem Mensch, der solche Situationen mit Gehörlosen erlebt: Geben Sie nicht auf, wenn die Kommunikation mit Gehörlosen nichts klappt. Schreiben Sie bitte auf. Es hilft mehr, als man glaubt. Bitte setzen Sie eine freundliche Miene auf; mit ernster Mimik oder Grimassen können sie Gehörlosen verunsichern. Denn Gehörlose können die Mimik sehr gut auffassen. Es geschieht genauso wie bei den Hörenden, die wissen, wie die Stimmen der Gesprächspartner klingeln. Bitte erklären Sie Gehörlosen möglichst alles, wenn sie fragen, was es bedeutet und was Sie meinen. Bitte denken Sie daran, dass es Gehörlose gibt, die unterschiedliche Bildungsniveaus aufweisen. Ein Bildungsunterschied zwischen Hörenden und Gehörlosen ist dass Gehörlose keine Möglichkeit haben, die Informationen aus dem akustischen Kanal aufzunehmen, wie zum Beispiel Radio. Sonst verstehen sie genauso viel wie die anderen Menschen.

10. Tag:

Nun möchte ich eine besondere Person genauer beschreiben, um den LeserInnen eine bessere Vorstellung darüber zu geben, wovon ich berichte. Die genauen Daten gebe ich nicht bekannt, um den Datenschutz dieser Person zu gewährleisten. Diese Frau C. ist in einer großen Bergbauernfamilie aufgewachsen und hat ihr ganzes Leben nicht einmal die Gehörlosenschule besucht. Sie kann weder schreiben noch lesen. C. ist über 50 Jahre alt und lebt im Haushalt mit ihren drei Brüdern. Sie verwendete "Hausgebärden" als ihre eigene minimale Sprache. Diese Sprachform stammt aber nicht von der Gebärdensprache der Gehörlosen. Sie wird meistens von den Hörenden im privaten und familiären Kreis erfunden, wo entweder die Gehörlosengemeinschaft unbekannt ist oder bevor die gehörlosen Kinder in die Gehörlosenschule oder Gehörlosengemeinschaft kommen. Auch ich als ehemalige Schülerin verwendete Hausgebärden über zwei Jahre lang, bevor ich im Alter von vier Jahren in den Kindergarten im heutigen Zentrum für Hör- und Sprachpädagogik kam und sprechen und gleichzeitig Gebärdensprache von anderen gehörlosen Schülern lernte. C. kann zwar ihre Laute hervorbringen, aber nicht sprechen, weil sie nicht zum Sprechen ausgebildet wurde. Sie wird von den meisten Hörenden als geistig behindert eingestuft. Bei meinen zahlreichen Besuchen habe ich bei ihr entdeckt, dass sie weder geistig behindert noch dumm ist, sondern einen guten Hausverstand hat. Sie kann denken und Spaß verstehen. Sie hat viel Humor und Mut, sich der Öffentlichkeit zu stellen und mit Menschen auf ihre eigene Art zu sprechen. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, isoliert von der Außenwelt und der Gehörlosengemeinschaft. Sie kennt mich als ihre "hörende" Betreuerin, weil sie sah, dass ich Lautssprache und Gebärdensprache beherrsche und mit ihrer Familie "normal" gesprochen habe. Seitdem glaubt sie nicht, dass ich in Wirklichkeit gehörlos bin. Sie weiß nicht, dass es entweder Gehörlosenschulen oder Gehörlosenorganisationen gibt.

Eines Tages sollte ich als Assistentin vom Verein Selbstbestimmtes Leben Innsbruck im Bereich Freizeitbegleitung eine gehörlose Frau C. zu einer Wohngemeinschaft von der Lebenshilfe bringen, die sie besuchen sollte. Nach kurzer Suche fand ich einen Parkplatz, direkt bei der Wohngemeinschaft. Dort kam eine hörende Frau zu uns. Sie sprach mich an und ich fragte, ob sie eine Betreuerin von der Wohngemeinschaft bei Lebenshilfe sei. Sie bejahte. Ich erklärte ihr, dass ich gehörlos und Betreuerin von C. sei. Sie sah mich mit fragendem, aber erstauntem Blick an und fragte, ob ich mit dem Auto gefahren sei. Für sie war es ganz neu, dass ich als "Gehörlose" tatsächlich Auto fahren kann. Für mich aber war und ist es längst selbstverständlich. Ihr war der Umgang mit Gehörlosen nicht ganz vertraut, aber mit der Zeit konnte sie normal mit uns umgehen. Die unterschiedlichen Sprachniveaus und Herkünfte von C. und mir verwirrten die Betreuerin jedoch, weil sie die Gehörlosenkultur nicht kannte. Sie war nicht gewohnt, mit mir in normaler Sprache wie mit Hörenden zu sprechen. Sie hatte mich nicht als "gehörlose", sondern als "hörende Betreuerin" von C. erwartet. Für sie war diese Situation außergewöhnlich.

11. Tag

Eines Abends war ich mit meiner Mutter zu einer Hochzeit einer türkischen Freundin eingeladen. Dort wurde viel gefeiert und zu lauter Musik getanzt. Als meine Mutter zur Tanzfläche ging, blieb ich am Tisch zurück, um mich auszuruhen. Zur gleichen Zeit saßen zwei Mädchen im Alter von etwa 9 Jahren in meiner Nähe. Sie sahen mich schweigend aber mit neugierigen Augen an. Sie wunderten sich, warum ich mich nicht ausgiebig mit den Leuten vergnügte. Eines von den beiden Mädchen fasste den Mut und fragte mich, ob ich nicht tanzte. Ich antwortete, dass ich etwas zu müde zum Tanzen sei. Mit meiner Antwort schien sie nicht ganz zufrieden, aber fragte so nicht mehr weiter. Ihr erschien es eigenartig, warum ich so anders spreche. Sie grübelte mit ihrer Freundin, was mit mir los sei und warum ich nicht laut spreche. Nach kurzer Zeit kam meine Mutter zu uns zurück. Die Mädchen bombardierten sie mit Fragen über mich. Meine Mutter, die schon an solche Fragen gewöhnt war, erklärte ihnen mit Geduld und Freundlichkeit die Gründe für meine Gehörlosigkeit. Die Mädchen schauten mich dann an und wollten meine Intelligenz "testen". Sie fragten mich im Einmaleins aus. Ich bestand ihre "Prüfung" locker. Sie konnten sich nicht zufrieden geben. Sie versuchten mich dann auf eine "grausame" Art zu prüfen: ich musste korrekt und laut sprechen! Ich versuchte laut zu sprechen, doch die Musik auf der Tanzfläche war noch lauter als meine Stimme. Es war unmöglich für mich. Die Mädchen verstanden mich nicht und forderten mich mehrmals auf, das wiederzuholen. Nach ein paar Versuchen gab ich schließlich auf, weil meine Stimme schon heiser geworden war. Die Mädchen hörten auf, waren aber glücklich und zufrieden, ihre eigenen Erfahrungen mit mir gemacht zu haben. Sie schienen sehr stolz darauf zu sein. Ich weiß aus meinen eigenen Erfahrungen, dass Kinder andere Vorstellungen über Gehörlosigkeit haben als Erwachsene. Ihre Gedanken spielen sich mit viel Fantasie ab. Sie forschen auf ihre eigene Faust aus und kommen zum Resultat, dass es nicht so ist, wie sie sich vorgestellt haben. Mit fremden Kleinkindern und Kindern normal zu sprechen oder spielen ist für Gehörlose eher eine Herausforderung. Am Anfang wissen sie nicht, wie sie mit gehörlosen Erwachsenen oder Kindern umgehen sollen. Aber mit der Zeit gewöhnen sie sich daran und passen sich an dieser Kommunikationssituation schneller an als Erwachsene. Kinder gehörloser Eltern dagegen sind flexibler und nehmen die Situationen gelassener.

12. Tag

Ich kam in die Bücherei, um die ausgeliehenen Bücher zurückzugeben. Die Leiterin dieser Bücherei kannte mich nur vom Sehen her. Im ersten Gespräch mit ihr redete ich in der Lautssprache. Wir verstanden uns auf Anhieb, weil sie ein gutes Mundbild zum Lippenlesen hatte. Nur hatte sie übertrieben laut mit mir gesprochen. Ich merkte davon überhaupt nichts. Nach mehreren Gesprächen gestand sie mir, dass sie erst in Anwesenheit meiner Bekannten, die mit mir leise gesprochen hatte, draufgekommen war, dass es nicht notwendig war, mit mir mit lauter Stimme zu sprechen, weil ich sowieso nichts höre. Seitdem gebraucht sie nur eine leise Stimme im Gespräch mit mir. Die meisten Leute stellen ihre Stimme in Anwesenheit der Gehörlosen laut ein, ohne zu wissen, dass die Gehörlose dies nicht nötig haben. Erst wenn sie aufgeklärt werden, warum es nicht notwendig ist, wissen sie, wie sie mit den Hörgeschädigten reden.

13. Tag

Ich ging eines Abends in der Stadt spazieren. Auf einmal kam ein Radfahrer von hinten am Gehweg zu nah an mich vorbei, so dass ich fast umfiel. Sein Rad war nicht beleuchtet, deshalb habe ich nichts bemerkt, dass er an mir vorbeifahren wollte. Als er mich einholte, schrie er mich an und schimpfte mit mir, dass ich mehr aufpassen solle. Ich erschrak und begriff aber dann sofort, was er eigentlich meinte. Ich wollte ihn rufen, aber er war schon zu weit entfernt von mir, um ihn zu erreichen. Dieser Radfahrer wusste nicht, dass er eine gehörlose Frau angeschrieen hatte. Entweder interessierte ihn nicht, wieso ich ihn nicht hörte oder er beschäftige sich zu sehr mit sich selber, um das eigenartige Verhalten der Gehörlosen zu bemerken.

14. Tag

Eines Nachmittags war ich mit meinem Auto auf einem Parkplatz mit blauen Linien. Bevor ich losfuhr, wollte ich noch eine kurze Mitteilung am Handy schreiben. Zur gleichen Zeit kam eine junge Parkwächterin an mir vorbei und sah, dass ich im Auto blieb. Sie klopfte am Fenster, um mich etwas zu fragen oder sagen. Ich machte das Fenster auf und schaute sie an. Sie hat mich schnell angesprochen und ich verstand sie nicht. Ich bat sie, langsamer aber deutlich mit mir zu sprechen. Sie hat mich nicht genau verstanden und war auch ungeduldig. Sie deutete mir an, dass ich auf dem Parkplatz nichts zu suchen habe und ich sofort wegfahren solle. Ich erklärte ihr, dass ich erst wegfahre, sobald ich eine Mitteilung von meinem Handy gesendet habe. Diese junge Frau begriff, dass ich ihre Anweisung nicht erfüllen wollte, und ließ mich dann ohne Entschuldigung zur Seite. Mir kam es vor, dass sie mich nicht genau verstand, warum ich das tat. Sie hatte auch keine Ahnung, wie man mit Gehörlosen umgeht. Sie hat sich auch nicht getraut, mich zu fragen, warum ich sie nicht verstand. Mir ist im Alltag schon oft aufgefallen, dass die Menschen, die mir begegnen, sich nicht für das Missverständnis entschuldigen, sondern mich einfach in Ruhe lassen, um sich nicht länger zu blamieren. Leider sind die meisten Leute nicht oder zu wenig informiert über die Gehörlosigkeit und deren Kommunikationssituationen.

b) Stigmatisierungstheorie laut Goffman

Nachdem ich meine persönlichen Erlebnisse geschildert habe, möchte ich sie mit der Theorie von einem amerikanischen Soziologe Erving Goffman verknüpfen. Er hat das Phänomen des Stigmas aufgearbeitet und bezeichnet die Stigmatisierungen als einen sozialen Prozess, der meist mit Beschreibungen von negativ bewerteten Eigenschaften verbunden sind. Nach Goffman werden drei Formen der Stigmatisierungen unterschieden (vgl. Goffman, 1963):

  • Körperliche Merkmale (verschiedene physische Missbildungen)

  • Charakterliche Merkmale (unehrenhafte Eigenschaften: arbeitslos, homosexuell, selbstmordgefährdet, alkohol- und drogensüchtig etc.)

  • Stammesgebundene Merkmale (Rasse, Nation und Religion)

Eines der vier Sozialisationsmuster, die Goffman erörtert hat, bezeichnet das Leben eines stigmatisierten Individuums in der geschützten Umgebung wie dem Familienkreis. Es "wird nach sozialer Klasse, Wohnort und Art des Stigma variieren, wird aber, wenn (...) eine moralische Erfahrung" (Goffman, 1963, S. 46) plötzlich ins Leben eines stigmatisierten Kindes kommt, verstärkt festgesetzt. Das geschieht wie zum Beispiel bei einem Eintritt eines gehörlosen Menschen in die hörende Gesellschaft.

Ich bin ähnlicher Meinung wie Goffman, dass Gehörlose auf den ersten Blick in der gesellschaftlichen Umgebung oft von Hörenden stigmatisiert werden. Sogar die Diagnose von Gehörlosigkeit wird als sehr schlimm bezeichnet, weil sie als "unheilbar" gilt, und wirft meist viele Fragen der uninformierten Eltern oder Bezugspersonen über die Zukunftsvorstellungen eines gehörlosen Kindes auf. Im Laufe der Zeit sind sie im Umgang mit den Gehörlosen geübter, wenn sie bereit sind, die Hörbehinderung zu akzeptieren. Wie ich denke, kann dieses Vorurteil gegenüber der Gehörlosigkeit vermindert werden, wenn der hörende Mensch die Gehörlosenkultur als sprachliche und kulturelle Minderheitengruppe anerkennt.

Der amerikanische Psychologe Harlan Lane (1994) führt in diesem Zusammenhang weiter aus, dass alle drei Typen von Stigmata auf Gehörlose zutreffen. Aus der Sicht der Hörenden werden Gehörlose körperlich gesehen als Behinderte betrachtet. Unerwünschte Charaktereigenschaften dieser körperlichen Behinderung sind "mangelnde Abstraktionsfähigkeit und impulsives Verhalten" (Lane, 1994, S. 24) sowie Argwohn und Unaufrichtigkeit. Gehörlose werden als "soziale Außenseiter" (Lane, 1994, S. 24) gesehen, die sich zusammenschließen und keinen Kontakt mehr mit den Hörenden wollen. Aber auch innerhalb der Gehörlosengemeinschaften sind Vorurteile gegenwärtig. Besonders Gehörlose, welche die Lautsprache beherrschen, geraten in die Schusslinie, weil sie "unkritisch fremde Wertvorstellungen übernommen haben, die Sprechen an erste Stelle setze(n)." (Lane, 1994, S. 24). Sie distanzieren sich von den Gehörlosengemeinschaften und haben die Vorstellung, dass ein paar Worte in Lautsprache für Gehörlose besser seien als die vollkommene Gebärdensprache. Auch ist es eine Tatsache, dass sich die Hörbehinderten innerhalb der Gehörlosengemeinschaften sich nicht einig sind, welche Kommunikationsform - Gebärdensprache oder Lautsprache - besser geeignet ist. Schließlich ist die gehörlose Person der Stigmatisierung als Gruppe ausgesetzt - selbst wenn die Gehörlosengemeinschaft als sprachliche und kulturelle Minderheit anerkannt wäre (vgl. Lane, 1994). Diese Stigmatisierungen von Gehörlosen werden nach Ansicht von Lane darauf zurückgeführt, dass "Gehörlosigkeit ein Übel" (Lane, 1994, S. 23) in der gesellschaftlichen Stellung ist. Das stereotype Denken Gehörlosen gegenüber ist unter den Hörenden sehr verbreitet. Darin wird Gehörlosigkeit mit einem Defizit verbunden, da den Gehörlosen etwas fehlt. Schweigen ist gleichbedeutend mit Leere. Bei vielen Hörenden dominiert oft die Meinung, dass Gehörlose nicht kommunizieren könnten, da sie nicht begreifen können. Weil der Zusammenhang von Sprache und Intelligenz in den Vorstellungen der Hörenden besteht, wird Gehörlosigkeit immer noch als geistige Schwäche dargestellt (vgl. Lane, 1994, S. 24).

In obigen Beschreibungen klingt durch, dass Gehörlosigkeit generell als Behinderung angesehen wird, und dass es ein Ziel sein muss, diese zu beseitigen, damit Gehörlose sich an die Normen der hörenden Welt anpassen können.

2. Interaktions- und Kommunikationsformen bei Gehörlosen

In den letzten Jahren hat sich das Gebärdensprachdolmetschen sehr stark geändert. In vielen verschiedenen Bereichen werden Ansichten und Auffassungen über Berufsbild, Rollenverhältnisse, Status und Ausbildungsmöglichkeiten mit neuen Formen veranschaulicht und weiter entwickelt. Um einen gewissem Grad an Professionalisierung zu gelangen, muss der Entwicklungsprozess vielschichtig sein und ständig in Bewegung bleiben. Ehe ich die genaueren Ausprägungen im Bereich Gebärdensprachdolmetsch beschreibe, möchte ich auf die zentralen Begriffe näher eingehen.

a) Gehörlose und Gebärdensprache

In Österreich leben etwa 9000 gehörlose Menschen und 450 000 Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen. Ihre Sprache ist die Österreichische Gebärdensprache (ÖGS), eine Kommunikationsform, die im Gegensatz zur Lautssprache auf dem visuellen Kommunikationskanal verläuft; genauer gesagt, eine Verständigung, bei der man mit den Händen gebärdet und mit den Augen sieht. Viele Jahrzehnte lang wurde die Gebärdensprache gehörloser Menschen als primitives Hilfsmittel oder unstrukturiertes Gestikulieren unterschätzt. Jedoch brachten Forschungen aus verschiedenen Ländern der Welt die Ergebnisse, dass die Gebärdensprachen vollwertige Sprachsysteme sind (vgl. Boyes Braem, 1995).

Neben den natürlichen Gebärdensprachen gibt es künstliche Manualsysteme, die meist von den Hörenden für pädagogische Zwecke (Erklären der Struktur der Lautsprache) erfunden wurden, jedoch nicht die Muttersprache der Gehörlosen sind. Die Gehörlosen benutzen solche Systeme in der Regel nicht, da sie diese nicht als Kulturgut der Gehörlosengemeinschaft betrachten. In Österreich ist das System als LBG (Lautsprachbegleitendes Gebärden) bekannt. In dieser Form werden die einzelnen Wörter der ÖGS entlehnt und in die Grammatik der deutschen Sprache eingegliedert. Diese Sprache ist eine Mischform, die nicht nur schlechter verstanden wird, sondern die auch mehr Zeit braucht, da viele überflüssige Gesten mitgebärdet werden, zum Beispiel Fürwörter, Artikel usw. und es im Gegensatz zur Gebärdensprache Satzgefüge und Satzverbindungen gibt. Viele Gehörlose lehnen diese Kommunikationshilfe ab, doch es gibt solche, die in oral orientierten Schulen ausgebildet worden sind oder Spätertaubte, die in bestimmten Situationen LBG vorziehen. An dieser Stelle möchte ich vor allem betonen, dass diese Tatsache für DolmetscherInnen nicht zu unterschätzen ist, denn:

"Um eine reibungslose und für alle TeilnehmerInnen akzeptable Form der Kommunikation zu gewährleisten, müssen professionelle DolmetscherInnen den Code wählen, der von einer gehörlosen Person in einer bestimmten Situation und zu einem bestimmten Zeitpunkt als der passende erachtet wird" (Grbić, 2002, S.181-182)

Die Gebärdensprache stellt bezüglich der kulturellen und persönlichen Individualität der gehörlosen Menschen den relevantesten und ausgeprägtesten Teil der Gehörlosenkultur dar. Heute wird die Gehörlosengemeinschaft eines Landes häufig mit einer Minderheitengruppe verglichen, die nach einer Reihe von gehörlosen Generationen ihre eigene Sprache und Kultur entwickelt hat. Wie bereits oben angedeutet, ist das Hauptidentifikationsmerkmal der Gehörlosenkultur vor allem die gemeinsame Sprache, nicht der Grad der Hörbehinderung. Diese Gemeinschaft wird durch gemeinsame Erfahrungen, Verhaltensnormen, Werte und Traditionen definiert (vgl. Padden und Humphries, 1991). Das soziale Leben der Gehörlosengemeinschaften beruht auf der Struktur von lokalen, regionalen, nationalen und internationalen Vereinigungen, Institutionen und Organisationen. Die Unterdrückung und Diskriminierung der Gehörlosenkultur und Gebärdensprache in der Vergangenheit sind bekannt (vgl. Lane, 1994). Diese weit verbreitete Intoleranz gegenüber der Gebärdensprache verhinderte jahrezehntenlang die Erforschung auf linguistischer Ebene und auf wissenschaftlichem Niveau. Erst seit den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts wird vermehrt in fachspezifischen Publikationen und Studien auf die Gebärdensprache aufmerksam gemacht und diese als eigenständige Sprache anerkannt.

b) Das soziokulturelle Leben von Gehörlosen

Das soziokulturelle Leben der Gehörlosen unterscheidet sich stark vom soziokulturellen Leben der Hörenden. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz, Christian Stalzer, der selbst gehörlos ist, hat soziokulturelle Aspekte im Leben gehörloser Menschen mittels langjähriger Beobachtungen genau analysiert und geschildert. Ich möchte diese Beobachtungen im Folgenden weitergeben:

  • "Gehörlose berühren einander mehr als Hörende. Der Einstieg in die Unterhaltung oder das Erlangen von Aufmerksamkeit geschieht oft durch Berührung. Meistens am Oberarm, am Unterarm oder auch an der Schulter. Ein sehr guter Bekannter darf auch am Oberschenkel berührt werden. Die Berührung des mittleren Rückens kommt selten vor, denn in diesem Fall wissen Gehörlose nicht in welche Richtung sie sich umdrehen sollen und fühlen sich verunsichert.

  • Grundsätzlich schauen sich Gehörlose immer in die Augen, wenn sie sich unterhalten. Ein abruptes Wegsehen wird als unhöflich betrachtet. Wenn der Gebärdende während einer Unterhaltung kurz vom Kommunikationspartner wegsieht, ist das in Ordnung, solange er den Blickkontakt bald wieder aufnimmt.

  • Das Unterbrechen einer laufenden Unterhaltung ist ebenfalls regelgebunden. Wenn zwei Leute gebärden und eine dritte Person betritt die Szene und möchte unterbrechen um der 1. Person eine dringende Frage zu stellen, dann ist folgendes Schema üblich: die hinzutretende Person berührt die erste Person am Oberarm oder Schulter, während zur zweiten Person Blickkontakt hergestellt wird. Das Gebärden ist dann an die zweite Person gerichtet: "Sorry - unterbrechen - wichtige Frage", dann stellt man der ersten Person die Frage. Bevor man geht, wendet man sich nochmals zur zweiten Person zurück und entschuldigt sich nochmals.

  • Sich Abwenden gilt im allgemeinen als Beleidigung. Wenn die Aufmerksamkeit abgelenkt wird, muss der Gebärdende eine bestimmte Konvention anwenden, um den Gesprächspartner nicht zu verletzen.

  • Der Einsatz von Licht, um Aufmerksamkeit zu erregen, ist ebenfalls von Gehörlosenkonventionen geregelt. Die kurzen "Blitze" ähneln einem sanften Türklopfen. Längere Blinkintervalle wirken wie für einen Hörenden wie ein Hämmern an der Tür und sind höchst irritierend.

  • Verabschiedungen sind (...) ein äußerst langwieriger Prozess.

  • Oder zum Beispiel eine Situation am Flughafen: Wenn hörende Personen zu einem Vortrag oder Seminar eingeladen werden und am Flughafen eines fremden Landes von jemandem empfangen werden, so werden sie entweder nach ihren Namen gefragt oder durch eine Tafel aufmerksam gemacht. Anders die Situation bei den Gehörlosen. Sie werden nicht sofort nach den Namen gefragt, die erste Frage nach einem Augenkontakt lautet: "Bist du gehörlos?" Erst nach Bejahung dieser Frage stellt man sich vor" (Stalzer, im Internet).

Stalzer betonte, dass das überragende Merkmal der Gehörlosigkeit im Vordergrund steht, und alle Unterschiede in Bezug auf Alter, Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und ethnische Abstammung im Hintergrund stehen. Diese Unterschiede haben in der hörenden Gesellschaft größere Bedeutungen als bei Gehörlosen. Es ist auch entscheidend, wie sehr sich Gehörlose zu welcher Gruppe zugehörig fühlen. Für Gehörlose sind gegenseitige Hilfe und wechselseitige Beziehungen, auf die Gehörlose großen Wert darauf legen, an erster Stelle. Stalzer bezeichnet Gehörlose als "Familie", die als Metapher in dieser Kultur festgesetzt ist. Wenn Hörende aus eigener Sicht Gehörlose beim Wiedersehen oder beim Abschied beobachten, fällt ihnen oft auf, dass Gehörlose sich immer wieder umarmen. Diese Umarmungen kommen bei engen Freunden und guten Bekannten sehr häufig vor. Wenn Gehörlose zu einer offiziellen Veranstaltung kommen, grüßen sie sich gegenseitig meist mit Händeschütteln. Sollte die Person vergessen, begrüßt zu werden, fühlt sie sich dadurch entweder ausgeschlossen oder nicht beachtet. Die Abschiedsszenen dauern oft sehr lang und können sich stufenweise vollziehen. Ein plötzlicher Abgang oder ein vorläufig unkommentierter Abgang wird in der Regel nicht akzeptiert. Es gibt aber auch Ausnahmen, wenn Gehörlose beim Abschied die Hand hochheben und den noch anwesenden Gehörlosen zuwinken (Stalzer, im Internet).

In diesem Zusammenhang führt der deutsche Gebärdensprach-Linguist und Dozent an der Fachhochschule Magdeburg mit Studienrichtung Gebärdensprachdolmetschen, Prof. Dr. Jens Hessmann, aus, dass das soziokulturelle Leben der Gehörlosen sich in den Vereinen und Verbänden entfalten wird, und diese Stellen sind sie meist Anlaufstelle und Kontaktstelle für einheimische und auswärtige Gehörlose. Die meisten Sportverbände und Sportvereine, die ihre langen Traditionen bewährt haben und regelmäßige Treffen der sportaktiven und passiven Gehörlosen organisieren, geben den gehörlosen Jugendlichen oft die Gelegenheit, am Sport teilzunehmen und ermöglichen den Zugang zu den Gehörlosengemeinschaften. Es gibt auch Gehörlosenvereine, die kulturelle und soziale Angebote anbieten. Hessmann stellt fest, dass 90 Prozent der Gehörlosen untereinander heiraten. Freundschaften und intensivere Bekanntschaften entstehen dadurch, dass Gehörlose sich in der Schule, in Vereinen und auf Reisen kennen lernen. Gehörlose reisen sehr oft herum und sind besonders reiselustig. So knüpfen sie schnell viele neue Freundschaften zu Gehörlosen verschiedener Ländern. Diese Gehörlosengemeinschaften sind vor allem durch die Stärke der kommunikativen Beziehungen der Beteiligten gekennzeichnet (Hessmann, im Internet).

c) Wie Hörende unsere Gehörlosenkultur kennenlernen. Erlebte Beispiele

1.Situation

Eines Abends fand die monatliche Veranstaltung im Innsbrucker Gehörlosenzentrum statt. Meine Studienkollegin, die bereits österreichische Gebärdensprache gelernt hatte und sie gut beherrschte, nahm ihre hörende Nachbarin mit. Inzwischen hatten wir der Ansprache des Obmannes des Gehörlosenvereins Innsbruck zugeschaut. Nach der Beendigung dieser Rede gab es Applaus auf eine eigene Art: Die Hände wurden hochgehoben und geschüttelt, was wie Winken wirkte. Die hörende Begleiterin meiner Studienkollegin applaudierte zuerst mit Klatschen der Hände. Dann schaute sie sich um und bemerkte, dass Gehörlose nicht mit Händen klatschen, sondern mit den Händen "winken". Sie änderte die Applausform und winkte auch mit. Inzwischen hatte sie begriffen, dass Gehörlose das Klatschen der Hände nicht hören, aber das Winken der Hände sehen können.

2.Situation

Im Warteraum beim Arzt war ich in einer interessanten Fachzeitschrift sehr vertieft, als die Sekretärin mich aufrief. Sie sagte mehrmals meinen Namen und näherte sich mir und bückte sich etwas näher zu mir, ohne mich am Oberarm oder an der Schulter zu berühren. Als ich sie in meinem Blickfeld bemerkte, schaute ich erst auf. Dann wusste ich sofort, dass sie nicht wusste, dass ich auf Berührungsform angewiesen bin und erklärte ihr, dass sie mich ruhig am Oberarm oder an der Schulter berühren sollte und das für mich kein Problem war. Sie hatte dazu gelernt, wie sie mich auf sich aufmerksam machen kann.

3. Situation

Meine hörende Nachbarin wohnt ca. 50 m gegenüber von meinem Haus entfernt. Sie kann von ihrem Küchenfenster zu meinem Wohnzimmer im ersten Stock sehen. Wir haben ein gutes Verhältnis zueinander und winken uns oft einander. Eines Tages entdeckte sie zufällig Blitze von der Lichtanlage in meinem Wohnzimmer. Sie wunderte sich und fragte sich, ob ich nur aus Langweile einfach meinen Fotoapparat verwendete und Fotos knipste. Diese Frage stellte sie mir bei meinem Besuch bei ihr. Ich musste darüber lachen und erklärte ihr, dass es nicht ein Fotoapparat, sondern eine spezielle Lichtanlage für Gehörlose war. Dann lachten wir.

4. Situation

In meinem Nachbarort sind viele türkische Gastarbeiter mit ihren Familien sesshaft. Die meisten Kinder der Gastarbeiter sind in der österreichischen Kultur sehr integriert und besuchten mit einheimischen Kindern die Schule. Sie sprechen Deutsch vor allem in Schulen und im Berufsleben und Türkisch meist in den Familienkreisen und in der Freizeit. Als Jugendliche kannte ich diese Person vom Sehen. Sie sprach deutlich in normaler deutscher Lautssprache, deshalb verstand ich sie gut. Ab und zu verwendete sie auch Gesten. Im Laufe der Zeit verstanden wir uns besser. Aber diese Person wusste nicht, dass ich in Wirklichkeit gehörlos bin und auf Lippenlesen angewiesen bin, bis es tatsächlich passierte: Eines Tages war ich auf der Skipiste unterwegs, als ich diese Person wieder traf. Wir saßen zusammen auf einem Sessellift. Diese Person wollte mir etwas in mein Ohr flüstern. Ich wies sie darauf hin, dass ich nicht hören konnte und von den Lippen lesen muss. Von meiner Erklärung war sie etwas überrascht und irritiert. Ich erklärte ihr dann, dass ich seit meiner Krankheit als Kleinkind ertaubt bin. Durch diese Situation hat diese Person mich besser als zuvor kennen gelernt.

Wenn ich diese Situationen, die ich mit Hörenden erlebt habe, interpretiere, fällt mir auf, dass die hörende Gesellschaft die Gehörlosenkultur zuerst mit großer Neugier und aufmerksamem Interesse betrachtet, und viele sich wundern, warum sich Gehörlose anders verhalten. Erst nach der Erklärung von einer Person, die sich mit der Gehörlosenkultur auskennt, wissen sie besser Bescheid und ahmen den Gehörlosen oft nach, wie zum Beispiel Händeschütteln als Applausform. Ich persönlich gebe den Hörenden oft Hinweise, wie man mit Gehörlosen richtig umgeht. Nach gründlicheren Erklärungen lernen sie die Gehörlosenkultur besser kennen. Meines Erachtens ist es wichtig, dass Hörende über die Gehörlosenkultur besser informiert werden, ehe sie in Kontakt mit den Gehörlosen kommen. So können sie ihren hörenden Mitmenschen auch besser erklären, nachdem sie selbst ihre eigenen Situationen mit Gehörlosen erlebt haben, worin sich die Verhaltensweisen von Hörenden und Gehörlosen unterscheiden und warum diese unterschiedlich sind. Die Charakteristika der Kommunikation zwischen Gehörlosen, die Stalzer beobachtet und beschrieben hat, kann ich mit folgenden Punkten selber nur bestätigen:

Ich berühre den Gehörlosen jedes Mal, wenn ich sie ansprechen will und wenn man sich mit den Gehörlosen unterhält, ist es wichtig, mit ihnen Augenkontakt zu halten. Hörende kennen diese Berührungsart bei Gehörlosen nicht. Sie sind oft irritiert, wenn sie mich berühren, weil es ihnen meinem Eindruck nach oft peinlich ist, mich zu berühren. Sie sind nicht gewöhnt oder nicht damit vertraut, fremden Menschen mit der Hand zu berühren, wenn die angesprochenen Menschen sie nicht bemerken oder hören. Gehörlose sind auf visuelle Wahrnehmung, also Beobachten, Schauen und Sehen angewiesen. Die Berührungen am Oberarm oder an der Schulter sind für Gehörlose selbstverständlich. Es reicht für sie aus, wenn Hörende sie mit einer Entschuldigung in deutlicher langsamer Lautsprache berühren.

Für Gehörlose ist das ein großer Vorteil, den Inhalt des Gesprächstoffes besser zu verstehen, wenn Gehörlose mit einer Person aus einer fremden Kultur, die aber wenig Deutsch kann, aber oft Gesten benutzt, kommunizieren. Mir ist sehr oft aufgefallen, dass Menschen aus fremden Kulturen weniger Probleme mit dem Umgang mit Gehörlosen haben, weil sie häufig Gesten verwenden und weil sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrung auch Sympathien für eine Randgruppenzugehörigkeit haben.

Die Behinderung Gehörlosigkeit ist oft unsichtbar. Viele Gehörlose fallen durch eine merkwürdige Stimme auf. Hörende bemerken oft nicht, dass sie Gehörlosen gegenüber stehen. Jedes Mal, wenn ich eine fremde Person anspreche, muss ich erklären, dass ich nicht höre und daher auf Lippenlesen angewiesen bin. Hörende wissen dann Bescheid und probieren oft aus, mit mir langsam und deutlich zu sprechen. Falls ich sie nicht verstehe, dann bitte ich sie, mir was aufzuschreiben.

Hörende, die zum ersten Mal mit der Lichtanlage der Gehörlösen konfrontiert sind, sind sehr oft irritiert oder verdutzt sind und denken sofort, dass irgendwo ein Fotoapparat versteckt ist. Hörende werden oft von Gehörlosen aufgeklärt, wenn sie auf Besuch bei ihnen sind.

d) Eigenheiten der interkulturellen Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen

In der 61. Ausgabe der österreichischen Zeitschrift "Das Zeichen: Zeitschrift für Sprache und Kultur Gehörloser" findet sich ein Abdruck eines Vortrages von Isa Werth und Horst Sieprath zum Thema "Interkulturelle Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen." In ihrem Vortrag an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen zeigten die beiden Referenten Kulturunterschiede zwischen der Hörenden- und Gehörlosenkultur anhand von vier Bereichen dar: Entscheidungsfindung, Kommunikationsformen, Informationsfluss und Argumentationen und Rhetorik (vgl. Isa Werth und Horst Sieprath, 61/ 2002).

i) Wie Entscheidungen getroffen werden

In diesem Bereich macht sich der Unterschied zwischen Hörenden und Gehörlosen insofern bemerkbar, dass Gehörlose meist den anderen Gehörlosen nach dessen Meinungen fragen und dann gemeinsame Entscheidungen treffen. Natürlich können Gehörlose eigene Entscheidungen treffen, aber die Solidarität unter den Gehörlosen ist oft sehr stark ausgeprägt. Die Hörenden dagegen legen viel Wert darauf, dass jeder Mensch seine eigene Meinung sagt und eigene Entscheidung trifft, ohne von anderen Menschen abhängig zu sein. Wenn Hörende und Gehörlose sich in einer Sitzung, wie zum Beispiel Teamsitzung oder im Privatgespräch befinden, werden die unbewusste Erwartungen von Hörenden und Gehörlosen anders gestellt. Wie Werth und Sieprath betonten, erwarten einerseits Hörende von Gehörlosen unbewusst, dass jeder Gehörlose seine eigene Entscheidung trifft. Andererseits denken Gehörlose, dass Hörende ihre Meinung mit den Meinungen der anderen Hörenden entwickeln. Als Folge kommt es zu Missverständnissen zwischen den beiden Parteien, indem die Hörenden den Gehörlosen als "unselbständig" und umgekehrt die Gehörlosen den Hörenden als "Egoisten" einschätzen. Als Folge wird die Kommunikation zwischen den beiden Parteien schwieriger.

ii) Kommunikationsformen: Verhältnisse zu Nähe und Distanz

Laut Werth und Sieprath ist es in der Gehörlosengemeinschaft normal, dass Gehörlose beim Kommunizieren mit fremden Gehörlosen offener und direkter sind, als die meisten Hörenden. Zum Beispiel würde ein Gehörloser einen Bekannten ohne langes Umschweifen um den Preis eines neu erworbenen Autos fragen, während Hörende viel vorsichtiger beim Erfragen solcher Informationen sind. Hörende gelangen schneller an eine Grenze, wo sie nicht gerne offen über gewisse Angelegenheiten sprechen wollen. Falls ein Gehörloser im Gespräch mit einem Hörenden zu offen und direkt ist, wird er von diesem leicht als unverschämt beurteilt. In diesem Fall fühlt sich der Hörende verletzt oder verärgert. Gehörlose bekommen das Gefühl, dass Hörende etwas zu verbergen haben und bewerten sie als misstrauisch. Dabei ist bei Hörenden eher mehr wert, Dinge zu umschreiben und nicht offen zu sagen, was sie denken.

iii) Informationsfluss: Von Tratschtanten und Geheimniskrämern

Gehörlose sind nicht nur in der Kommunikation, sondern auch im Umgang mit Informationen an sich sehr offen und erzählen einander oft, was sie gelesen oder erfahren haben. Dies liegt daran, dass Gehörlose einen hohen Bedarf an vielen Informationen haben, denn sie haben einen eingeschränkteren Zugang zu Medien als Hörende. Im Gegensatz zu den Gehörlosen nehmen Hörende nur bestimmte Informationen auf, die sie an andere Personen weiterleiten. Oft werden diese Informationen auch unter vier Augen oder in kleinem Personenkreis ausgetauscht. Es kommt auch häufig zu Missverständnissen, wenn der Hörende erfährt, dass seine Informationen, die er eigentlich an einen bestimmten Gehörlosen weitergegeben hat, gegen seinen Willen weitergeleitet werden. Daher können Gehörlose von den hörenden Gesellschaft als Tratschtanten beurteilt werden. Umgekehrt werden Hörende von Gehörlosen als Geheimnisbewahrer angesehen.

iv) Argumentationen und Rhetorik

Die Argumentation und Rhetorik ist zwischen Hörenden und Gehörlosen sehr unterschiedlich: Beim Aufbau eines Vortrages haben Hörende vorwiegend genaue Strukturen. In diesem Vortrag sind meist viel Text und wenige Bilder und Grafiken zu finden. Hörende erzählen zuerst den allgemeinen Inhalt und gehen dann zum speziellen Inhalt über. Bei Gehörlosen ist es umgekehrt. Sie bevorzugen viele Beschreibungen und Details und legen viel Wert darauf, dass die Grafiken und Beschreibungen veranschaulicht werden, damit die gehörlosen Besucher beim Vortrag die Zusammenhänge dieses Inhalts verstehen können. Gehörlose gehen zuerst vom speziellen Inhalt aus und leiten erst dann zum allgemeinen Inhalt über.

Ich bemerke oft beim Interpretieren, wie wichtig es ist, die Kulturunterschiede zwischen den beiden, der hörenden und der gehörlosen, Kulturen zu kennen. In allen vier besprochenen Bereichen haben Gehörlose stärkere Bedürfnisse als Hörende. Meiner Erfahrung nach sind sie in Anwesenheit von Gebärdensprachdolmetschern und Menschen mit Gebärdenkenntnissen besonders fleißig im Fragen, um die Antworten durch Gebärdenübersetzung schnell zu bekommen. Die Weitergabe von Informationen in Gebärdensprache gibt Gehörlosen mehr Möglichkeiten und Flexibilität und ermöglicht das Stellen von genaueren Fragen. Für Gehörlose ist es nämlich sehr langwierig, die Antworten von Personen, die nur in Lautsprache sprechen, übersetzt zu bekommen und da sich Hörende bei ihren Antworten oft nur sehr allgemein halten, sind die Gehörlose dann dazu gezwungen, immer wieder nach Details zu fragen. Häufig müssen hörende Personen das Gespräch erst gut anhören und dann den zusammengefassten Inhalt dieses Gesprächs dem Gehörlosen mitteilen. Das reicht für Gehörlose nicht, da sie genauso wie Hörende informiert werden möchten. Oft genug muss der Gehörlose lange warten, bis der hörende Gesprächspartner mit den Kollegen fertig ist und sich dann ihm zuwendet. Im Gespräch mit nur einer hörenden Person hat der Gehörlose einen großen Vorteil, sich mehr Informationen einzuholen, da diese sich mehr auf den Gehörlosen konzentriert und auch mehr Zeit für ihn aufwendet. Deshalb verläuft ein solches Gespräch zwischen zwei Personen viel angenehmer und schneller als das Gespräch unter vielen Hörenden. Dasselbe gilt auch für Hörende, wenn sie alleine unter Gehörlosen sind.

e) Die Gehörlosenkultur in Kalifornien. Eindrücke einer Forschungsreise

Vom 11. August bis 7. September 2005 war ich auf Forschungsreise in Kalifornien. Ich hielt mich häufig an verschiedenen Orten auf: San Francisco, Fremont und San Leandro. Im Folgenden schildere ich meine Erlebnisse mit Gehörlosen, DolmetscherInnen und der amerikanischen Gesellschaft im Allgemeinen.

In San Francisco besuchte ich eine öffentliche Bibliothek, die sich "San Francisco Public Library" nennt. In dieser Bibliothek befindet sich eine Fachabteilung, speziell für Gehörlose. Diese - man nennt sie "Deaf Services Center" - bietet gehörlosen und hörenden Interessenten viele Möglichkeiten, sowohl was wissenschaftliches Arbeiten als auch persönliche Anliegen betrifft. Eine zuständige gehörlose Bibliothekarin informierte mich ausführlich über Gehörlose in Kalifornien und deren Lebenssituation. Sie gab mir des weitere wichtige Homepage-Adressen von amerikanischen Gehörlosen. Sie bot mir an, die amerikanische Gebärdensprache (ASL) durch die Benutzung eines Videos zu erlernen und ich habe diese Gelegenheit genutzt und einige Tage die ASL gelernt. Gleichzeitig lernte ich Gehörlose kennen und nutzte die Zeit, mit ihnen zu plaudern und mehr von deren Leben zu erfahren. Dabei wurde mir erzählt, dass die meisten Gehörlosen von überall her nach San Francisco ziehen und dort sesshaft werden. Ich schildere nun beispielsweise das Leben einer in San Francisco lebenden Taiwanesin:

Diese Taiwanesin hatte in ihrem ganzen Leben keine Schule besucht und war zuhause von ihren Eltern eingesperrt worden. Sie hatte weder sprechen, schreiben noch lesen gelernt und auch nie die Gelegenheit gehabt, ihre eigene Gebärdensprache zu erlernen. Nach ihrer Immigration nach Kalifornien fand sie zu ihrer Freiheit und lernte die ASL. Heute kommuniziert sie voll Freude mit ihren Freunden. Ich schätzte ihr Alter auf 45 Jahren. Sie ist seit 10 Jahren in San Francisco. Dort hat sie mehr Rechte und Möglichkeiten als in ihrer eigenen Heimat Taiwan.

Immer wieder betonten Gehörlose, wie sehr sie ihr Leben in Kalifornien genießen würden. Die gehörlosen Auswanderer lernen ASL meist über Video oder auf einem College, wie zum Beispiel am Ohlone College in Fremont. Immer wieder wurde ich von ihnen gefragt, ob ich hörend sei. Als Antwort verneinte ich und erklärte ihnen, dass ich gehörlos bin und meine Sprache durch orale Erziehungsmethoden beeinflusst ist. Viele Gehörlose kommen zum "Deaf Services Center", um Informationen einzuholen, oder ASL zu erlernen sowie einfach zum Plaudern.

Auf Anweisung der gehörlosen Bibliothekarin hin, nahm ich per Mail Kontakt mit dem gehörlosen Professor Thomas Holcomb auf. Er selbst stammt aus einer Familie, die in der dritten Generationen, gehörlos ist. Er unterrichtet gehörlose Studenten im Fach Gehörlosenkultur am Ohlone College in Fremont. Er publiziert auch, wie zum Beispiel:

"Deaf Culture - Our Way" mit Roy K. Holcomb, Samuel K. Holcomb und Thomas K. Holcomb und "Reading between the Signs" mit Anna Mindess, Thomas K. Holcomb, Daniel Langholtz und Priscilla Poynor Moyers.[1]

Bei meinem Besuch im Ohlone College erzählte mir Professor Holcomb, dass heute 200 gehörlose Studenten dort studieren. Sie machen dort ihre Basisausbildung und kommen danach auf die Universität Gallaudet in Washington. Auch hörende Studenten sind dort anwesend, um ASL zu studieren und spezielle Studien über Gehörlosenkultur zu betreiben. Professor Holcomb erklärte mir, dass viele Gehörlose die englische Sprache nicht gut beherrschten, sondern nur mehr ASL konnten. Es ist sogar Pflicht für die neuen Studenten, ASL als Studienfach zu belegen. Laut Holcomb ist diese Ausbildung auf dem Ohlone College billiger als der Besuch auf der Universität Gallaudet. Die gehörlosen Studenten kommen meist aus den USA, aus Latein- und Südamerika, aber auch aus asiatischen sowie europäischen Ländern. In den persönlichen Gesprächen mit den Gehörlosen, die dort das College besuchten, fiel mir auf, dass die meisten Gehörlosen vor Jahren mit ihren eigenen Familien nach Kalifornien ausgewandert sind, um ein besseres Leben aufzubauen. Sie bevorzugten den amerikanischen Lifestyle, weil sie aufgrund ihrer Hörbehinderungen auch bessere Chancen auf Ausbildung haben.

Durch Zufall erfuhr ich von Professor Holcomb, dass seine 72-jährige Schwiegermutter eine Emigrantin aus Österreich ist. Dann wurde ein Treffen mit ihr durch Holcomb vereinbart. Wir trafen uns eines Tages auf dem Ohlone College und wir führten unser Gespräch zwei Stunden lang. Wir erzählten uns gegenseitig von unseren unterschiedlichen Leben. Ich erfuhr, dass sie acht Jahre alt war, als sie 1941 mit ihrer kleinen Familie nach New York vor den Nazis geflüchtet war. Sie selbst ist Jüdin. Bevor sie nach New York kam, lebte sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester in Wien. Mit ihrer Mutter kommunizierte sie schon sehr früh in der österreichischen Gebärdensprache und in unserem Gespräch konnten wir unsere Gebärdensprache miteinander vergleichen. Es stellte sich heraus, dass unsere Gebärden aus meiner jetzigen und ihrer früheren Zeit kaum Unterschiede aufwiesen. Uns war aufgefallen, dass die österreichische Gebärdensprache sich im Laufe der Zeit nur langsam verändert hatte. Natürlich bevorzugt sie mehr ASL als ÖGS, weil sie seit über 60 Jahre in den USA lebt.

Auf der Busfahrt zum Ohlone College und zur U-Bahnstation traf ich immer wieder Gehörlose und plauderte mit ihnen. Oft fragten sie mich, ob ich auch als Studentin für ein Jahr auf dem Ohlone College sei. Ich erklärte ihnen, dass ich auf Besuch bin, um die Fragebögen für meine Diplomarbeit an Gehörlose und Dolmetscher zu verteilen. In den meisten Gesprächen fiel mir auf, dass die Gehörlosen im Unterschied zu den Gehörlosen in Europa verstärkt Gebärden und weniger Aussprache benutzen.

Auch die Dolmetschzentrale befindet sich im Gebäude des Ohlone Colleges in Fremont. In dieser Zentrale befinden sich 15 Dolmetscherinnen. Die Studenten, die später ASL- DolmetscherInnen werden wollen, machen dort ihre Ausbildung für etwa 2 Jahre.

In einer der Schulpausen kam ich zufällig mit einer ASL-Dolmetschstudentin ins Gespräch. Wir erzählten uns gegenseitig von den Dolmetschsituationen in Kalifornien und Österreich. Sie forderte mich auf, mit ihr zu ihrer Dolmetsch-Trainerin zu gehen. Diese lud mich gleich ein, in ihrer Unterrichtsstunde von Gehörlosen und DolmetscherInnen in Österreich zu erzählen. Ich nahm ihr Angebot an und kam in die Klasse, die aus sieben Frauen und einem Mann bestand. Sie stellten mir viele Fragen und ich beantwortete sie in ASL. Sie baten mich eine Geschichte in ÖGS zu erzählen. Ich erfüllte ihren Wunsch und erzählte ihnen von meiner Lebensgeschichte.

Eines Tages war ich in der Klasse von Professor Holcomb, um ihn beim Unterrichten zu beobachten. Dabei bemerkte ich, dass zwei DolmetscherInnen direkt neben einer Studentin saßen. Eine Dolmetscherin saß hinter der Studentin und übersetzte in die englische Lautssprache. Gleichzeitig saß ein gehörloser Dolmetscher ihr gegenüber und übersetzte in ASL. Es kam mir ganz neu und komisch zugleich vor, und diese Studentin erklärte mir, dass sie selbst schlecht hört und sieht und deshalb 2 DolmetscherInnen benötigt. Bei uns in Österreich gibt es solche Dolmetschsituationen bei einer Person mit besonderen Bedürfnissen nicht. Auch ÖGS-Dolmetscher, die selbst gehörlos sind, gibt es in Österreich momentan nicht. Wie ich beim Gespräch mit dem gehörlosen ASL- Dolmetscher erfuhr, kann er in dieser Ausbildungsstätte selbst durch seinem Einsatz recht gut verdienen. Er arbeitet nebenbei an der Rezeption, an der gehörlose Studenten wichtige Informationen einholen.

In seinem Büro zeigte mir Professor Holcomb, wie man Videotelephonie mit Hilfe eines kleinen Fernsehers mit einer zuständigen ASL- Dolmetscherin durchführt. Die Dolmetscherin nimmt Kontakt mit der hörenden Ansprechperson auf und teilt ihr das Vorhaben des Gehörlosen mit. Diese hörende Person antwortet der Dolmetscherin, die gleichzeitig in ASL dem Gehörlosen über Fernseher übersetzt. Diese Technik ermöglicht den Gehörlosen schnelle Erledigungen in kurzer Zeit. Diese Art der Kommunikationsform ist bei uns in Österreich auch vorhanden, wird jedoch nur wenig verwendet. Nicht der Fernseher, sondern auch das sogenannte Bildtelefon bietet den gehörlosen Benutzern ähnliche Vorteile wie das amerikanische Videotelefon (Weitere Informationen zum Thema Videotelefonie können unter www.csdvrs.com gefunden werden). Wie der Professor Holcomb mir mitteilte, sind die meisten ASL-DolmetscherInnen bei der Zentrale, die für Videotelephonie- Übersetzung zuständig ist, angestellt und haben dort ein gutes Einkommen. Deshalb kommt es in Amerika nicht vor, dass die GS-DolmetscherInnen die Gehörlosen zum Termin begleiten und ihnen das Gespräch übersetzen wie bei uns in Österreich. In Amerika ist es oft schwierig, eine finanzielle Lösung zu finden, wie zum Beispiel im Falle eines Termins beim Arzt, da oft nicht klar ist, wie der Einsatz des Gebärdensprachdolmetschers bezahlt wird und sich die beteiligten Parteien oft nicht darüber einig sind, wer die Kosten des Dolmetscheinsatzes übernimmt. Deshalb ergreifen Gehörlose oft selbst die Initiative und verständigen sich mit hörenden Personen durch Schreiben auf Papier.

Eines Tages war ich auf Besuch in einem Gehörlosenclub in San Leandro, denn ich wollte mir ein paar englischsprachige Bücher kaufen und möglicherweise ein paar Gehörlose kennenlernen. Am Gang entdeckte ich zwei alte gehörlose Leute, die es sich auf einem Sofa gemütlich gemacht hatten und ein Gespräch mit einer gehörlosen Frau führten. Ich beobachtete kurz das Gespräch zwischen einem alten Mann und einer alten Frau. Ich bemerkte, dass dieser Mann während seines Gesprächs seine Hände zum Gebärden und Buchstabieren verwendete und kein Mundbild machte. Er sprach kein Wort mithilfe der Lippen aus, sodass ich ein wenig verwirrt war und mich verstärkt auf seine Gebärden konzentrieren musste. Ich war nicht gewöhnt, mich ohne Mundbild mit einem Gehörlosen zu verständigen. In diesem Moment verstand ich, warum amerikanische Gehörlose mich auf den ersten Blick immer wieder als hörende Person bezeichneten, weil ich ständig das Mundbild verwende, während ich gebärde. Auf Anweisung einer zuständigen Mitarbeiterin hin ging ich zu einer gehörlosen Sozialarbeiterin, die sich gleich im Nebenraum dieses Clubs befand. Bevor ich zu einem Gespräch aufgerufen wurde, führte ich Gespräche mit einigen Gehörlosen. Von ihnen erfuhr ich, wie sie ihr Leben in Kalifornien führen. Danach wurde ich in das Büro der Sozialarbeiterin geführt. Sie nahm sich eine halbe Stunde Zeit für unser Gespräch. Sie erzählte mir von ihrem Leben und ihrer Arbeit als Sozialarbeiterin. Viele Gehörlose von ganz Kalifornien kommen mit ihren Bedürfnissen und Anliegen zu ihr. Ihre Arbeit macht ihr Freude und, wie sie sagt, bringt ihr viele Erfahrungen und neue Perspektiven.

Wie in Österreich, war ich in San Francisco und in Los Angeles täglich auch von Hörenden umgeben. Wenn ich mit hörenden Personen sprach, wies ich sie auf meine Gehörlosigkeit mit den Worten: "I am deaf." hin. Sie reagierten sofort mit einem schnellen "Ok" und waren schnell bereit, sich mit mir über eine andere Kommunikationsform zu verständigen. Sie griffen zu Stift und Papier oder sprachen langsam mit mir. Manchmal wurde auch gebärdet. Am Flughafen und an den Bahnstationen traf ich manchmal Personen, die einen repräsentativen Posten besetzten, zum Beispiel Polizisten oder Flugbegleiter, und deshalb die Gebärdensprache beherrschten, was in Österreich noch nicht der Fall ist.

Nun möchte ich über die amerikanische Gehörlosenkultur, wie sie im Buch "Reading between the signs" von Anna Mindess beschrieben ist, erzählen. Laut Mindess werden folgende Punkte oft als Kern der Gehörlosenkultur gesehen: Beherrschung der Amerikanischen Gebärdensprache (ASL), gehörlose Eltern, Internat und Schulbildung. Gehörlose Kinder von hörenden Eltern lernen ASL kaum in frühester Kindheit und werden heute vielfach in normalen Schulen unterrichtet. Obwohl sie nicht so sehr in der Gehörlosenkultur verwurzelt sind, nehmen sie die kulturellen Werte der gehörlosen Welt mehr oder weniger an. Davon hängt dann ihr Platz in der Gehörlosenwelt ab. Carol Padden, die sich viel mit der Gehörlosenforschung beschäftigt, weist auf die kulturelle Werte der Gehörlosenkultur hin: "Respekt für und Gebrauch der ASL, "Heiligkeit" der Hände, Loslösung von der Lautsprache, Weitergabe der kulturellen Werte durch Geschichten und die Wichtigkeit von sozialen Aktivitäten"(übersetzt aus Anna Mindess, 1999, S. 82). Barbara Kannapell gibt die Gründe an, warum Gehörlose sich in ihrer Gemeinschaft so wohlfühlen: "100% Kommunikationsmöglichkeit, eine gemeinsame Sprache, eine starke Bindung, die sich aus gemeinsamen Erfahrungen ergibt und ein Gefühl von Gleichheit" (auf Deutsch übersetzt aus Anna Mindess, 1999, S. 82). Auch die neue Definition der Gehörlosenkultur von Theresa B. Smith wird aufgezeigt: "Audiologische Taubheit, Identifizierung mit, Zugehörigkeit zu und Teilnahme an der Gehörlosengemeinschaft, ASL als 1. Sprache und Festhalten an den kulturellen Grundwerten" (übersetzt aus Mindess, 1999, S. 82). Wenn es um Themen wie etwa Kommunikationen und Teilhaben an Informationen geht, meinte Theresa B. Smith:

"Deaf people do not wish to be Hearing. Rather than mourning the "loss" of hearing, or wishing they were like the Majority, they are frustrated at the lack of access and opportunity. The Deaf fantasy is not that they could hear, but that the world would be Deaf."

(Smith, 1996, 80 in: Mindess, 1999, 87)

Es zeigt sich, dass Gehörlose nur dann Probleme mit der Kommunikation haben, wenn sie mit den hörenden Leuten zusammen sind. Im schlimmsten Fall führt dies zu Isolation und Einsamkeit. Wie auch in der österreichischen Gehörlosenkultur sind auch in der amerikanischen oft die einzigen möglichen Kommunikationshilfen, das Lippenlesen, Aufschreiben, Gebärden und Gebärdensprachdolmetscher. Für viele gehörlose Menschen ist es oft schwierig komplexe Gedanken in Worte zu fassen. Ihre Gebärden sind oft in der Auswahl bildhafter Zeichen begrenzt. Die Gebärdensprachdolmetscher sind nicht immer verfügbar und zudem nicht immer gut.

Wie ich dies interpretiere, gleicht die österreichische Gehörlosengemeinschaft der amerikanischen Gehörlosengemeinschaft sehr. Diese beiden Gemeinschaften bestehen aus der gleichen Minderheit, die großen Bedarf an Informationen hat und sich dort wohlfühlen, weil sie gleiche Gebärdenkompetenz haben.

Das Monterey Institut für Internationale Studien in Kalifornien ist eines der bekanntesten Institute zur Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern. Um an diesem Institut aufgenommen zu werden, muss die Person einen Magistertitel haben und Englisch plus eine weitere Sprache gut bis sehr gut beherrschen. Die Voraussetzung dafür ist ein Sprachaufenthalt in einem Land, der von der Dauer von 6 Monaten ist, um die Sprache zu studieren. Im Vergleich dazu sind die Anforderungen an Anwärter für Gebärdensprachdolmetschen verblüffend niedrig: Manchmal wird nicht einmal ein Test gefordert, um die Kompetenz des Studenten in ASL zu überprüfen, und andererseits werden hingegen vier bis fünf Kurse in ASL verlangt. Die Abgänger von Monterey haben gute Jobchancen bei den Vereinten Nationen (UNO), im Staatsdienst und bei internationalen Handelsorganisationen. Gebärdensprachdolmetscher hingegen haben kaum eine Chance, international zu arbeiten. Meist sind sie bei Gericht, im medizinischen, schulischen und sozialen Bereich tätig. Hochqualifizierte hörende Dolmetscher sehen ihre Aufgaben und Verantwortungen in der Wiedergabe auf sprachlicher Ebene. Seit einiger Zeit gibt es einige Richter und Rechtsanwälte, die selbst gehörlos sind. Davor war dieser Bereich nur von Hörenden besetzt. Deshalb gab es zum Teil keine ASL im juristischen Bereich. Diese werden nun nach und nach entwickelt und in Verhandlungen eingebaut. Auch im Computerbereich werden immer mehr neue Gebärden entwickelt. Da es keine Gebärde statt Wort-Wörterbücher gibt, sind die Gebärdensprachdolmetscher bei Gericht gezwungen, gewisse Ausdrücke mit Fingeralphabet zu buchstabieren oder in der Erklärung weit auszuholen.

Es gibt einen relativ neuen Bereich, in dem der Dolmetscher für die Gemeinschaft übersetzt. Seit 1991 bildet die Universität von Minnesota zweisprachige Mitglieder zu Dolmetschern aus. Sie geben Einführungskurse und weiterführende Kurse im Bereich Medizin und Sozialwesen. Die Teilnehmer kommen aus den verschiedensten Sprachgebieten. Der Dolmetscher selbst ist immer ein Mitglied der Sprachgemeinschaft, für die er dolmetscht. Es kommt aber leicht zu Konflikten, mit dem, was seine Gemeinschaft für "gut befindet" - erwartet - und dem, was er/ sie als Dolmetsch zur Aufgabe hat, z. B. ein hörender Doktor und ein russischer Patient: Der amerikanische Doktor stellt vier Behandlungsmöglichkeiten zur Wahl. Der Russe, der nicht gewöhnt ist, wählen zu können, zweifelt an den Fähigkeiten des Doktors (vgl. auf Deutsch übersetzt aus Mindess, 1999, 156 - 163).

Diese Reise hat meinen Horizont durch neue Erfahrungen mit der Begegnung mit der kalifornischen Gehörlosenkultur erweitert. Es fällt mir auf, dass Gehörlose und ASL- Dolmetscher auch dort ähnliche Bedingungen wie in Tirol haben. Vor allem aber gefällt es mir, dass gehörlose ASL-Dolmetscher ebenfalls den Job aufgrund der speziellen Bedürfnisse der Gehörlosen ausüben dürfen. Solches Arbeitsangebot ist in Tirol nicht vorstellbar, da es aus finanziellen Gründen nicht möglich ist. Auch ist es auffallend, dass in Amerika kaum ein ASL- Dolmetscher den gehörlosen Klient zu den wichtigen Terminen begleitet. Es war sehr interessant und erfahrungsreich für mich, diese Reise unternommen zu haben.

3. Die Lautsprache - eine Fremdsprache für Gehörlose?

a) Erlernen der Lautsprache - aus meiner Sicht als Betroffene

Aus meiner eigenen Erfahrung bedeutet diese Erziehungsmethode ("German Method") für die Gehörlosen selbst, dass sie bereits im Kleinkinderalter lernen müssen, von den Lippen der Kindergärtner und Lehrer abzulesen. Da es für sie nicht möglich ist, ihre Stimme über den akustischen Kanal zu kontrollieren, sind sie gezwungen, auf andere Hilfsmittel zurückzugreifen. So werden die einzelnen Buchstaben und Wörter über Vibration, Zungenstab und ähnlich grotesken Methoden nachgeahmt und geübt. Dass diese Übungsverfahren nur selten zu Erfolg führen, stört die Pädagogen anscheinend nicht. Kommunikation unter den Gehörlosen in der Lautsprache (Lippenlesen) ist nahezu unmöglich. Die Perfektionierung der Aussprache steht bei vielen Pädagogen als Lernziel an erster Stelle, und nicht die Fähigkeit, eigene Gedanken zu formulieren und auszudrücken. Durch diese Erziehungsmethode wird den Gehörlosen der Zugang zur eigentlichen Muttersprache, die sogenannte Gebärdensprache, verwehrt.

b) Schwierigkeiten beim Erlernen der Lautsprache

Die Gebärdensprache, die visuell funktioniert, bietet den Gehörlosen eine weitaus bessere Möglichkeit, Wissen zu erwerben und die Lautssprache besser zu erlernen. Gehörlose und hörgeschädigte Menschen können sich untereinander nur mittels Gebärdensprache ohne Beschränkungen mitteilen und verständigen. Durch Lippenlesen kann ein Gehörloser jedoch nur höchstens 30 % des Inhalts der gesprochenen Sprache verstehen. Bei jedem Mensch bewegt sich das Mundbild ganz anders. Eine Erschwernis ist auch der Umstand, dass die Mundbilder bei typischen Wörtern wie z. B. Mama - Papa, Bein - Pein, Mutter - Butter, gleich aussehen. Um sich an ein Mundbild zu gewöhnen, braucht ein Gehörloser viel Fantasie. Er muss beim Ablesen das Thema der Unterhaltung kennen und wenn das Thema plötzlich gewechselt wird, hat ein Gehörloser keine Chance mehr, das Gesprochene aufzufassen und zu verstehen. Meinen eigenen Erfahrungen nach weiß ich auch, dass meine physische und psychische Befindlichkeit einen großen Einfluss auf meine Leistung beim Lippenlesen haben (Übermüdung, Krankheit, seelisches Befinden).

Mit Frühförderung im Kleinkinderalter in Gebärden und Lautsprache, Intelligenz und einer guten visuellen Auffassung ist der Erwerb eines umfassenden Wortschatzes in der Lautsprache möglich. Bildung und Sprachkompetenz können meiner Meinung nach nur so erworben werden. Bei Missverständnissen im Gespräch sind einfache Gesten, Notizblock und Schreibgerät oft hilfreich. Nur wenige Hörende beherrschen die Gebärdensprache. Aus diesem Grund sind die Gehörlosen im Alltagsleben auf die Lautsprache und auf Lippenlesen angewiesen. Doch hinter dem Wort "Lippenlesen" verbirgt sich mehr nur als nur auf den Mund des Gesprächspartners zu blicken und zu verstehen, was er sagt. Dieser Vorgang erfordert die ganze Konzentration und ist sehr ermüdend. Viele Buchstaben und Wörter können visuell nicht unterschieden werden und müssen aus dem Zusammenhang erraten werden, was nicht immer gelingt, denn viele Buchstaben haben das gleiche Mundbild, z. B. b und m.

Häufig ist es auch so, dass das Licht die Lippen des Sprechers nicht optimal beleuchtet, was bedeutet, dass Lippenlesen beinahe unmöglich ist (in dunklen Räumen, z. B. im Kino oder gar in schlecht beleuchteten Bars). Um die feinen Unterschiede der Bewegungsmuster zu erkennen, müssen die Lippen voll ausgeleuchtet sein, und die Person, die von den Lippen ablesen will, darf nicht vom Licht geblendet werden. Auch Personen, die schnell oder gar im Dialekt sprechen, werden nicht verstanden, da die Wörter wie gestautes Wasser ineinander fließen und nicht mehr als einzelne Einheiten erkannt werden können. Daher ist es wichtig, dass mit Gehörlosen hochdeutsch gesprochen wird was schwierig ist, weil es sehr viele Dialekte gibt, wo sogar Hörende Probleme haben. Derartige Kommunikationssituationen erfordern sowohl von einem gehörlosen als auch von einem hörenden Sprechpartner viel Geduld und Verständnis. Gott sei Dank sind Gespräche mit hörenden Menschen nicht so selten und nichts so Besonderes, wie man denken könnte. Sie finden täglich mit Verwandten oder Bekannten und mit fremden Personen statt, und sind für die Sprachentwicklung des Gehörlosen wichtig.

Auch andere optische Beeinträchtigungen in der Wahrnehmung der Lautsprache sind zum Beispiel, wenn ein Mann einen Bart hat, der die Lippen vollständig bedeckt. Auch das Sprechen hinter vorgehaltener Hand oder ohne deutliche Bewegung der Lippen behindern das Ablesen vom Mund vollständig. Verständigung ist dann nur durch schriftliche Kommunikation möglich. Diese Art der Unterhaltung stößt bald auf Grenzen; ein längeres Gespräch ist nicht zumutbar. Gespräche mit mehreren hörenden Leuten gleichzeitig können Gehörlose nur führen, wenn nicht alle gleichzeitig sprechen. Es ist sehr umständlich und zeitraubend, wenn hörende Personen sich zuerst untereinander unterhalten und danach dem Gehörlosen erklären, worum es geht. Bei Veranstaltungen, bei denen ein Vortragender mehrere Meter entfernt steht, ist Lippenlesen unmöglich. Das Mundbild ist zu klein, schnell, undeutlich und oft nicht mehr sichtbar (Mikrofon, Bart, Person zur Seite gedreht, usw.). Die einzige geeignete Möglichkeit ist der Einsatz von Gebärdensprachdolmetsch, um viele Informationen für Gehörlose und Schwerhörige zu ermöglichen. Der Dolmetscher/ die Dolmetscherin kann dem Gehörlose die gesprochene Sprache in die Gebärdensprache übersetzen.

c) Erlernen der Lautsprache mit Unterstützung der lautsprachbegleitenden Gebärdensprache

Warum die Gebärdensprache das Erlernen der Lautsprache erleichtert, möchte ich im folgenden dadurch deutlich machen, dass ich mich auf meine eigene Lernerfahrungen mit der Lautsprache beziehe, die ich in Logopädie und zu Hause gleichzeitig gemacht habe:

Bei der Logopädin war ich schon im Alter von vier Jahren nicht nur mit der Artikulation, sondern auch mit der Beherrschung der deutschen Grammatik vertraut. Wie ich mich erinnere, verwendete meine Logopädin keine Gebärdensprache. Sie machte viele Grammatikübungen in Drei-Wort-Sätzen. Diese Übungen bestanden hauptsächlich aus festem, beschriftetem Papier in verschiedenen Formen und Farben. Ich erlernte Artikel in drei Farben in der Form eines Quadrats, eines blau (maskulin), das zweite rot (feminin) und das dritte grün (neutral) war. Das Hauptwort erschien in einer Farbe, die in Bezug zum Artikel-Quadrat stand, in der Form eines Rechtecks. Das Zeitwort kam in grauer Farbe in einer Dreiecksform zum Vorschein. In dieser Methode machte ich viele Übungen. Doch ich stieß wieder auf Grenzen, mich sprachlich und grammatikalisch weiterzuentwickeln, weil ich viele artikulierten Wörter im Lippenlesen auf Dauer nicht vollständig verstand. Meine ehemalige Schule in Mils akzeptierte die Gebärdensprache nicht ganz, weil sie sich stark nach der Lautsprache orientierte. Meine Eltern hatten selbst einen Gebärdensprachkurs besucht und beherrschten vor allem die Lautsprachbegeleitende Gebärdensprache (LBG). Diese Kommunikationsform gab mir große Unterstützung, mich mit der Grammatik in deutscher Sprache besser zu befassen. Ich machte enorme Fortschritte, wobei meine Eltern viel Zeit für diese Kommunikation investierten. Ich wurde also bilingual im Alltag gefördert. Dies war wichtig und unentbehrlich für meine Sprachentwicklung. Auch Wisch (1986) erläuterte, dass die LBG von großem Vorteil ist, dass das gehörlose Kind sich mit seinen Eltern früher und besser vor allem in Gebärden verständigt. Es wurde auch untersucht, dass gehörlose Kinder im Alter von über zwei Jahren schon "3-Wort-Gebärden-Sätze" (Wisch, 1986, S. 51) beherrschten. Ich bin der Meinung, dass die Gebärdensprache die Primärsprache auf visueller Ebene bei Gehörlosen bleibt. Daher ist es wichtig, den gehörlosen Kindern gleichzeitig bilingual zu fördern, damit sie schulisch weiterkommen können und auch gleiche Chancen in gesellschaftlichen und kommunikativen Stellungen wie Hörende bekommen.

4. Die Notwendigkeit der Gebärdensprache

a) Erlernen der Gebärdensprache

Der österreichische Sprachwissenschaftler Dr. Franz Dotter, der am Institut für Sprachwissenschaften der Universität Klagenfurt das Projekt "Linguistische Analyse der österreichischen Gebärdensprache" leitete, gab 1992 im Artikel "Zur jüngsten Entwicklung bezüglich der Gebärdensprache in Österreich" folgende Stellungnahme zu einer Anfrage im Parlament vom 12.12.1990 ab:

"Wer als Kind kein vollfunktionsfähiges Sprachsystem entwickeln kann, dem entstehen gravierende kognitive und damit allgemeine Nachteile für sein ganzes Leben. Die Einführung einer gebärdensprachorientierten Frühförderung und einer entsprechenden Elternbildung ist daher ein dringendes Anliegen. Wer dies weiter auf die lange Bank schiebt, verursacht unnotwendigerweise die genannten Nachteile neuer Jahrgänge von Gehörlosen. Da eine grundlegende Änderung der Gehörlosenbildung ein Langfristprojekt ist, sollten die diesbezüglichen Schritte sofort eingeleitet werden" (Dotter, im Internet).

Ich teile die Meinung Dr. Franz Dotters, da ich selbst Mitglied der Gehörlosengemeinschaft bin und mich glücklich dafür schätzen kann, dass meine hörenden Eltern mir eine spezielle Sprachförderung zuteil machen konnten.

Daher möchte ich meine persönlichen Erfahrungen im Bereich Sprachförderung im genaueren Detail beschreiben:

In meinen ersten Lebensjahren bis zum Eintritt in den Kindergarten kommunizierte ich mich mit meiner Familie in "Hausgebärden" - die sogenannten Gebärden, die von den Hörenden erfunden werden - weil ich nicht sprechen und hören lernen konnte. Diese einfachen Gebärden sind den meisten hörenden Menschen bekannt: essen, trinken, schlafen, schimpfen, lachen, weinen, bezahlen, das Haus, zusperren, usw. Mit drei Jahren bekam ich zwei Hörgeräte, um hören zu lernen. Doch diese Hilfsmittel halfen mir nichts, und ich lief hinaus in die Freie und versteckte sie öfter überall, wo ich konnte: unter dem Teppich, im Garten, in der Garage, sogar im Garten von Nachbarn, usw. Meine Eltern mussten sie suchen und fanden sie immer wieder, weil meine Hörgeräte nicht abgeschaltet waren und deshalb ununterbrochen pfiffen, weil ich sie ja nicht hörte. Immer wieder steckte meine Mutter diese Hörgeräte in meinen Ohren und ich wehrte mich so sehr und so lange, bis meine Mutter resigniert aufgab und meinen HNO-Arzt verzweifelt davon berichtete. Dieser rät ihr, diese Hörgeräte nicht mehr zu verwenden. Dann blieb ich immer und gerne zu Hause bei meiner Familie, weil ich endlich Ruhe hatte. Erst im Kindergarten sah ich gehörlose Kinder mit den Hörgeräten und schließlich willigte ich mich ein, meine Hörgeräte wiederaufzusetzen. Doch es war und ist heute für mich nicht möglich, mit Hilfe der Hörgeräte meine Hörschaden auszugleichen.

Im Kindergarten lernte ich sprechen. Ich brauchte ein Jahr lang, um alle Vokale und Konstanten richtig zu artikulieren. Danach lernte ich auch Lippenlesen. Beim Ablesetraining saß meine Kindergärtnerin mir gegenüber vor einer großen Tafel auf der viele Bilder und Wörter angeheftet waren. Sie sagte ein Wort und ich musste versuchen, das richtige Wort von ihren Lippen abzulesen und ihr das entsprechende Bild von der Tafel geben. So konnte sie überprüfen, ob ich sie verstanden hatte oder nicht. Zur gleichen Zeit hatte ich auch eine Logopädin, die mir die deutsche Grammatik lehrte und zugleich auch viel sprechen übte. Bis zu meinem Abgang von meiner Hauptschule hatte ich zweimal in der Woche Logopädie, um meine Artikulation zur Perfektion zu erlangen.

Aber ich konnte in meiner Kindheit auch 2 Formen von Gebärdensprache erlernen. Von meinen gehörlosen Freunden im Kindergarten und in der Schule verwendete ich automatisch die richtige Gebärdensprache. Meinen Eltern wurden schon immer von dem HNO-Arzt abgeraten, Gebärdensprache zu lernen und zu verwenden. Sie redeten mit mir nur in der Lautsprache und verwendeten ganz einfache Hausgebärden, weswegen ich nicht immer alles verstehen konnte, was meine Eltern sagen wollten. Als ich sieben Jahre alt wurde, begriffen meine Eltern, dass die Kommunikation in Lautsprache mit mir nichts nützte. Sie beschlossen, den Gebärdensprachkurs zu besuchen. Sie lernten die lautsprachbegleitende Gebärdensprache (LBG), weil sie selbst hörend waren und die Grammatik der ÖGS nicht beherrschten. Als meine Mutter erstmals mit mir in LBG sprach, stellte ich auf einmal viele Fragen an ihr, um alles zu wissen und weil ich auch verstanden hatte.

Mit vier Jahren begann ich Pferde-Comics zu lesen, weil ich ein Pferdenarr war. Damals kannte ich nur wenige Wörter. Ich strich immer die Wörter, die ich nicht kannte. Meine Mutter, die Hausfrau war, konnte mir jederzeit erklären, was die Wörter bedeuteten. Ich las immer wieder die dieselben Comics, bis ich die Inhalte genau wusste. In den folgenden Jahren las ich immer dickere Bücher. Meine deutsche Grammatik wurde durch Kommunikation in LBG mit meinen Eltern immer besser. Mein Wortschatz vergrößerte sich enorm. Ich unternahm mit meinen Eltern auch sehr viel, zum Beispiel betrieben wir gemeinsam Sport, besuchten Kulturveranstaltungen oder Spaziergänge in der Natur. Durch diese Aktivitäten lernte ich viel Neues kennen. Sie ließen mich auch in verschiedenen Situationen alleine ausprobieren: alleine unterwegs zu sein, sich mit den Fremden oder Bekannten verständigen, die auch oft zu Missverständen führten, sich bewusst mit den Situationen konfrontiert zu sein, die mich heute zu meiner Selbständigkeit prägen.

b) Einschränkung der Gebärdensprache und Lösungen

Heutzutage beherrschen die meisten Gehörlosen, vor allem die jüngeren Generationen, das Fingeralphabet. Bei dieser Kommunikationsform entsprechen einzelne Handformen den einzelnen Buchstaben des Alphabets. In verschiedenen Ländern sind die Fingeralphabete im Gebrauch sehr unterschiedlich; zum Beispiel in Großbritannien verwendet man ein zweihändiges Fingeralphabet und in Thailand werden die Töne der gesprochenen Sprache gezeigt.

Das Fingeralphabet dient zum Buchstabieren eines Wortes. Man kann aber auch ganze Sätze mittels Fingeralphabet buchstabieren, was aber für den Zuschauer über längere Zeit sehr anstrengend und zeitaufwendig ist. Dazu sind Konzentration und Geduld beim Buchstabieren bzw. Anschauen erforderlich. Das Fingeralphabet wird nur verwendet, wenn Begriffe, für die es keine Gebärde gibt, wie Eigenamen von Personen, Städten, Organisationen und Fachausdrücke vorkommen. Vor allem die älteren Gehörlosen sind zu spät mit dem Einfingeralphabet konfrontiert worden und bevorzugen deshalb das noch bekannte zweihändige "Stummerlalphabet" (vgl. Boyes Braem, 1995).

c) Die Bedeutung der Gebärdensprache für die Gehörlosen aus Sicht der internationalen Gebärdensprachforschung

Bis in die 60er Jahren des 20. Jahrhunderts wusste man sehr wenig über die Gebärdensprache. Sogar die Sprachforscher und Linguisten waren fest der Meinung, dass die Gebärdensprache keine eigentliche Sprache und eine lose Ansammlung von einfachen Gesten sei. Erst dem amerikanischen Sprachwissenschaftler William C. Stokoe gelang es 1965 erstmals, einige Vorurteile über die Gebärdensprache abzubauen und sie als vollwertige Sprache anzusehen, indem er bei seinen Studien die Gebärdensprache mit modernen linguistischen Kategorien beschrieb und dafür große Anerkennung bekam. Gleichzeitig wurden die Gehörlosen als soziale und kulturelle Gruppe anerkannt. Der Holländer Bernhardt T. Tervoort gilt als der Pionier der europäischen Gebärdenforschung, der Anfang der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts die Kommunikation in Gebärdensprache zwischen gehörlosen Kindern in einer Schulklasse analysierte und diese in seiner Dissertation beschrieb. In den frühen 70er Jahren beschäftige sich die amerikanische Psycholinguistin Ursula Bellugi vor allem mit der Grammatik und dem Erwerb der Gebärdensprache. Ihre Arbeiten gaben der Gebärdensprachforschung wichtige Impulse. Im deutschsprachigen Raum werden Penny Boyes-Braem, die eine erste Einführung in dieser Sprache schrieb und Dr. Siegmund Prillwitz, der als Leiter des Zentrums für deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser in Hamburg tätig ist, als bedeutende Forscher angesehen.

Viele Forschungszentren wurden gegründet und viele internationale und nationale Kongresse haben stattgefunden, auf denen die Forschungsergebnisse über Gebärdensprache veröffentlicht und präsentiert wurden. Aufgrund der erfolgreichen Forschungsergebnisse ergab sich 1990 ein völlig anderes aber relevantes Bild der Gebärdensprache als vor 40 Jahren. Heute haben die Linguistiker andere Ansichten über die Gebärdensprachforschung, was sich schon darin zeigt, dass sie nicht mehr, wie in den Anfängen, beweisen müssen, dass die Gebärdensprache eine vollwertige Sprache ist. Sie interessieren sich vielmehr für besondere Kennzeichen dieser Sprache und auch unterschiedliche und gemeinsame Gebärdensprachwörter (vgl. Grbić, 2004).

Im folgendem wird die Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse über die Gebärdensprache der Gehörlosen aus dem Jahre 1990 präsentiert (Boyes - Braem, 1995, S.14):

  • "Gebärdensprache ist eine natürliche Sprache. Sie wurde nicht erfunden (wie beispielsweise Esperanto).

  • Da sie eine natürliche Sprache darstellt, ist Gebärdensprache mit der Kultur der Gehörlosen, der sie entspringt, aufs engste verbunden. Folglich sind für ihr Verständnis Kenntnisse über die Kultur notwendig, deren Ausdruck sie darstellt.

  • Gebärdensprache ist nicht überall auf der Welt gleich. Es gibt mehrere nationale Varianten von Gebärdensprachen sowie regionale Dialekte innerhalb einer nationalen Variante.

  • Gebärdensprache ist nicht wie die Pantomime an konkrete oder bildhaft darstellbare (ikonische) Inhalte gebunden.

  • Gebärdensprachen sind nicht unvollständige oder ´gebrochene´ Formen der gesprochenen Sprache, sondern haben eine ihnen eigene linguistische Struktur, die von der Struktur der gesprochenen Sprachen ihrer Umgebung unabhängig ist." (Boyes - Braem, 1995, S. 14)

d) Zur Forschungsstand der Gebärdensprache in Österreich

Im Vergleich zu anderen Ländern, insbesondere zu den Vereinigten Staaten Amerikas, hat die Gebärdensprachforschung erst in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts begonnen. Dennoch gibt es ältere Literaturen über die Anfänge der österreichischen Gehörlosenbildung, in der man auch über die Gebärdensprache berichtete und sie auch als geeignete Lehrmethode betrachtete, bevor die reine orale Methode (Lautsprache) in Österreich verstärkt bevorzugt wurde (vgl. Grbić, 2004, S. 79).

Seit 1992 ist das Zentrum für Gebärdensprache und Hörgeschädigtenkommunikation der Universität Klagenfurt für Gebärdensprachforschung und Gehörlosenkultur und -bildung zuständig. Im Zeitraum von 1993 bis 1995 wurden die Projekte "Linguistische Analyse der Österreichischen Gebärdensprache" (Grbic, 2004, S. 79) und von 1995 bis 1998 "Sprachwissenschaftliche Arbeiten zur Österreichischen Gebärdensprache" (Grbic, 2004, S. 80) verwirklicht. Zu den intensiveren Forschungsgebieten gehören vor allem "Forschungen zu Grammatik und Wortschatz der ÖGS, der typologische Vergleich von Gebärden- und Lautsprachen und die Ausarbeitung von Gebärdensprachkursen. Die Grammatik der Österreichischen Gebärdensprache" (Grbić, 2004, S. 80) erschien 2002.

1990 hat das Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft der Karl-Franzens-Universität in Graz als erste universitäre Einrichtung Österreichs mit dem Pilotprojekt begonnen, Lehrveranstaltungen zum Thema Gebärdensprache und Gehörlosenkultur anzubieten. Dieses Projekt wurde aus ausbildungsorientierten, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen gestaltet. Kooperationen mit den Gehörloseneinrichtungen in Österreich waren und sind selbstverständlich. Auch Gehörlose waren und sind in der Lehre und Forschung natürlich nicht aus dem Konzept wegzudenken.

Erstmals im Jahr 2000 wurde die Sektion Gebärdensprache bei der gesamtösterreichischen Linguistiktagung in Graz eingerichtet, um der Gebärdenforschung in ganz Österreich einen größeren Rahmen anzubieten und die ÖGS- Linguistiker in einem Forum zusammenzubringen. In dieser Tagung haben hörende und gehörlose Linguistiker und Translationswissenschaftler in sechs Beiträgen ihre Forschungsarbeiten vorgestellt. Zwei Jahre später bei der nächsten Tagung in Innsbruck wurden die acht Vorträge innerhalb der Sektion Gebärdensprache präsentiert. Die beiden Tagungen waren so erfolgreich, indem die Sektion Gebärdensprache nicht nur wegen unterschiedlicher Forschungsergebnisse interessiert war, sondern auch auf der sprachpolitischen Ebene tatsächlich aktiv wurde (vgl. Grbić, 2004).

e) Zur Anerkennung der Gebärdensprache in Österreich

Österreich war eines der letzten europäischen Länder, in denen die österreichische Gebärdensprache bis 2005 noch nicht anerkannt war. Das Europäische Parlament empfahl schon am 17. Juni 1988 die Anerkennung der Gebärdensprache und forderte die EU-Mitglieder und Österreich auf, alle Barrieren für die Verwendung der Gebärdensprache zu vermeiden. Im österreichischen Nationalrat wurde über diese Anerkennung gesprochen, wurde jedoch trotz mehrerer Anläufe noch nicht endgültig beschlossen. In der Strafprozess- und Zivilprozessordnung haben Gehörlose seit Jänner 1999 beim gerichtlichen Prozess Anspruch auf Gebärdensprachdolmetsch, dessen Kosten der Bund übernimmt. Der liberale Abgeordnete Dr. Volker erläuterte: "Solange nicht bei der Früherziehung, in den Schulen und bei der Berufsausbildung alle möglichen Integrationsmaßnahmen für Gehörlose selbstverständlicher Standard sind, bleiben diese Menschen vielfach ausgeschlossen" (Ladstätter, im Internet). Mit den Worten "Die Leute interessiert nicht, was Sie hier sagen, sondern die Leute interessiert in erster Linie, was Sie TUN" (Ladstätter, im Internet) zeigte sich auch die grüne Abgeordnete Terezija Stoisits enttäuscht. Der Österreichische Gehörlosenbund begann 2002 mit der Unterschriftsliste "Petition für Chancengleichheit gehörloser Menschen im österreichischen Bildungssystem", die Anerkennung der ÖGS zu fordern. Diese Petition wurde im Juli 2003 wieder eingebracht. Inzwischen hatten die meisten europäischen Länder ihre nationale Gebärdensprache anerkannt:

In Dänemark ist seit 1991 die bilinguale Erziehung mit Dänischer Gebärdensprache als Unterrichtsfach und Mittel zur Verständigung im Unterricht gesetzlich vorgeschrieben.

In Finnland ist seit 1995 die Finnische Gebärdensprache in der Verfassung verankert.

In Frankreich ersetzte die Nationalversammlung 1990 die neue Gesetzänderung mit ihrem Entschluss, dass die Französische Gebärdensprache in der Bildung und Ausbildung Gehörloser ihren festen Platz haben soll.

In Griechenland gilt seit dem Frühling 2000 das Gesetz, dass die Griechische Gebärdensprache besonders im Schulbereich verwendet werden soll.

Auch in Norwegen hat die Norwegische Gebärdensprache seit 1991 gesetzlich ihren festen Platz vor allem im Schulbereich.

In Portugal ist seit 1997 die Portugiesische Gebärdensprache in der Verfassung verankert.

In Schweden ist schon seit 1980 die Schwedische Gebärdensprache anerkannt. Gehörlose Kinder haben ein Recht auf einen Unterricht, in dem sie in Gebärdensprache oder bilingual unterrichtet werden.

Auch in der Tschechischen (1998) und der Slowakischen Republik (1995) sind die Gebärdensprachen gesetzlich anerkannt.

In Österreich dagegen gab es seit der 90er Jahren mehrere Anläufe, ÖGS gesetzlich anzuerkennen, die jedoch abgelehnt wurden. Die Begründung für die Ablehnung dieser Sprache war, dass österreichische Gehörlose nicht als "Volksgruppe" angesehen werden (Krausneker, im Internet).

Erst am 17. November 2004 hat der ÖVP- Behindertensprecher Abg. Dr. Franz-Joseph Huaning im Parlament in Wien zusammen mit FPÖ-Behindertensprecherin Abg. Dr. Helene Partik-Pable einen Entschließungsantrag, zwecks der Anerkennung der ÖGS, eingebracht. Auch der ÖVP-Abgeordnete Dr. Alfred Brader hat den Entschließungsantrag, in dem der bilinguale Unterricht für gehörlose Kinder gefordert wird, eingebracht. Jetzt können wir hoffentlich bald ein positives Signal zur Anerkennung der ÖGS erwarten. Kürzlich hat der Österreichische Gehörlosenbund den türkisen Ribbon präsentiert, der als Symbol für die Unterdrückung der ÖGS ausdrückt und damit die Anerkennung dieser Sprache fordert. Die Öffentlichkeit soll damit auch sensibilisiert werden.

Am 8. März 2005 begannen die Dinge sich wieder zu Gunsten der Gehörlosen zu entwickeln:

"Auf Antrag von Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel wurde am 8. März 2005 im Ministerrat eine Gesetzesvorlage zur Anerkennung der Gebärdensprache beschlossen und dem Parlament zur Beratung und Beschlussfassung übergeben" (Bizeps, im Internet).

Die Rahmenbedingungen für Gehörlose müssen noch verbessert werden, wie zum Beispiel in Schulen, bei Lehrstellen und im Umgang mit gehörlosen Menschen in den Medien. Gehörlose können aber nun auf ein positives Signal vom Parlament hoffen.

Vor kurzem hat sich die Situation geändert: Seit dem 6. Juli 2005 wissen wir, dass die Gebärdensprache auch in Österreich anerkannt ist. Somit sind österreichische Gehörlose als Sprachminderheit offiziell bekannt und anerkannt (ÖGLB, im Internet).

5. Dolmetschstrategien und Arbeitsbereiche der GS-DolmetscherInnen

Unter dem Wort "Gebärdensprachdolmetschen" versteht man Dolmetschen aus oder in eine Gebärdensprache. Das ist die Aufgabe der GS-DolmetscherInnen, die als Vermittler zwischen der Gehörlosengemeinschaft und der hörenden Mehrheit fungieren. So einfach das klingen mag, so klar wird nach aufmerksamer Betrachtung, wie komplex dieser Prozess ist (Cookley, 1995, S. 118). Es soll sich im Laufe meiner Arbeit zeigen, dass der Aufgabenbereich der GS-DolmetscherInnen neben den verschiedenen Lautsprachen noch viel mehr beinhaltet.

In ihrem Artikel über die Professionalisierung des Gebärdensprachdolmetschens in Österreich stellt Nadja Grbić fest, dass das Gebärdensprachdolmetschen nicht nur das Vermitteln zwischen zwei Sprachen und Kulturen umfasst. Der GS-Dolmetscher befindet sich auch sehr oft in einem Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Hierarchiegruppen (Grbić, 1998, S. 612). Das heißt, dass die GS-DolmetscherInnen einerseits auf der Seite der "starken Kultur", die als Mehrheit ein höheres Ansehen genießt, dolmetschen. Andererseits sind sie auf der Seite der Minderheitengruppe, die von den Vermittlern abhängig ist. Die Situation von Immigranten und Flüchtlingen ist in Bezug auf dieses Abhängigkeitsverhältnis mit der Situation der Gehörlosen vergleichbar. Angesichts der beschriebenen Machtgefüge wird der Arbeitsplatz der GS-DolmetscherInnen als "ein Ort komplexer diskursiver Spannungen, die ein hohes Maß an kultureller Sensibilität und sozialer Kompetenz erfordern" (Grbic, 2002a, S. 184), dargestellt.

In den letzten Jahren hat sich das Anforderungsprofil für GS-DolmetscherInnen sehr verändert. Eine Zeit lang hat sich das GS-Dolmetschen in erster Linie auf das Dolmetschen bei Gericht, Ämtern, Behörden und bei Arztbesuchen beschränkt. Heute sind die Aufgabenbereiche bzw. Arbeitsbereiche der GS-DolmetscherInnen erweitert: Community interpreting, Bildungsdolmetschen, Gerichtsdolmetschen, Dolmetschen in Freizeit und Kultur, Konferenzdolmetschen, Mediendolmetschen und spezielle Dolmetschsituationen.

a) Community interpreting

Gehörlose können sich aufgrund der Hörschädigung den Zugang zu allen Informationen aus dem alltäglichen Leben nicht automatisch verschaffen. Sie sind meist die "Bittsteller" (Grbić, 2002a, S. 188) und für klare Verständigung auf den Einsatz von GS-DolmetscherInnen angewiesen. Um ihnen in allen Lebensbereichen einen barrierefreien Informationszugang zu ermöglichen, werden GS-DolmetscherInnen sehr oft in "alltäglichen" Situationen eingesetzt und für typische Umgebungen des Communitiy interpreting angefordert: Ämter, Behörden, Banken, Versicherungen, Sozialberatungsstellen, Schulen, sowie für Einsätze in der Kirche, in der Politik, oder an der Arbeitsstelle. Solche Aufzählungen beinhalten noch mehr als vermutet, denn das Community interpreting gehört zu einer der vielseitigsten Dolmetschdomänen und ist gleichzeitig sehr schwer von anderen Arbeitsgebieten abzugrenzen.

Die Dolmetschtätigkeit findet auch im Gesundheitswesen statt, wobei die Palette von Routineuntersuchungen bis hin zu Einsätzen bei Unfällen reicht. Nicht nur fachspezifisches Vokabular ist erforderlich, sondern auch professionelle Distanz zum Patienten oder medizinischem Personal, Umgang mit psychischem bzw. emotionalem Stress und Behaglichkeit im medizinischen Bereich (Krankenhaus, Therapiezentrum, Behandlungsraum etc.). Die präzise Aufarbeitung des Themas "Gebärdensprachdolmetschen im medizinischen Bereich" bietet die Diplomarbeit von Seeber (1998), in der die Situation in Österreich sehr stark berücksichtigt wird.

Einige Dolmetschbereiche, die bislang zum Community interpreting gehörten, spalteten sich mit fortschreitender Spezialisierung ab und wurden zu selbständigen Dolmetschdomänen (vgl. Situation in den Vereinigten Staaten oder Skandinavien). Ich schildere nun ein Beispiel aus Österreich, das zeigt, was beispielsweise aus dem traditionellen Bildungsdolmetschen geworden ist.

b) Bildungsdolmetschen

Als rasant anwachsender Arbeitsbereich fungiert das Gebärdensprachdolmetschen in allen Bildungseinrichtungen (Pflichtschulen, Höhere Schulen, Berufs- und Fachschulen, Akademien und Universitäten). Der Grund dafür ist, dass die Gehörlosengemeinschaften in den letzten Jahrzehnten verstärkt durchgesetzt haben, sich den gleichberechtigten und barrierefreien Zugang zu Bildung zu verschaffen. Auch die rasante Entwicklung von Informations- u. Kommunikationstechnologien im Berufs- und Privatleben bedingt, dass Gehörlose mehr Wissen erwerben müssen bzw. auch wollen und somit vermehrt auf den Einsatz von DolmetscherInnen angewiesen sind. Gehörlose geben sich nicht mehr mit den traditionellen Berufen (Schneider, Tischler) zufrieden, sondern wollen mit Hörenden gleichgestellt werden und höhere Bildung oder Fachausbildung erreichen (vgl. Grbic, 2002a, S. 184 -185).

Für GS-DolmetscherInnen in diesem Bereich ist neben Kompetenz und technischem Verständnis vor allem das jeweilige Einarbeiten in die Materie, die vermittelt und von den Dolmetschern angemessen in die Zielsprache zu übertragen werden soll, besonders notwendig. Die Fachausdrücke, die im Unterricht vorkommen, verlangen nach den entsprechenden Pendants in der Gebärdenssprache, was wegen fehlender Fachgebärdenlexika Schwierigkeiten bereitet.

c) Gerichtsdolmetschen

Früher mussten die GS-DolmetscherInnen im Bereich von Justiz oder Exekutive nur eingesetzt werden, wenn hörende Personen sich für die Aussagen eines Gehörlosen interessierten. Seit 1. Jänner 1999 ist die Österreichische Gebärdensprache als Gerichtssprache anerkannt, obwohl die allgemeine gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache als Hauptforderung der Gehörlosengemeinschaft bis heute noch nicht vollgezogen worden ist. Seitdem müssen in Österreich GS-DolmetscherInnen für Gehörlose vor Gericht eingesetzt werden.

Gehörlose in Österreich haben das Recht, beim Gerichtsprozess in Gebärdensprache auszusagen. Die anfallenden Dolmetschkosten werden vom Bund übernommen. Auf seine Art stellt das Gerichtsdolmetschen auch eine große sprachliche Herausforderung dar, " die sich aus der visuellen Encodierung und räumlichen Grammatikalisierung von Gebärdensprachen ergibt" (Grbić, 2002a, S. 185). Es stellt sich ein heikles Problem in diesem Bereich dar, jenes, dass mögliche Dolmetschfehler im schlechtesten Fall für die gehörlose beteiligte Person eine Gefahr sein und schwere Konsequenzen haben können.

Ein weiterer wichtiger Aspekt, vor allem beim Gerichtsdolmetschen für Gehörlose, ist die Rollenproblematik. Ein Blick in die Vergangenheit bestätigt, dass sich bei der jahrzehntenlang praktizierten "Helferrolle" der Dolmetscher auch die Meinung verankerte, GS-DolmetscherInnen seien zugleich auch die Verteidiger und Anwälte der Gehörlosen (vgl. Grbić, 2002a, S. 185). Um solche Missverständnisse zu vermeiden, ist es auch hier wichtig, über die Tätigkeit von ÖGS-GerichtsdolmetscherInnen verstärkt aufzuklären.

d) Kultur und Freizeit

Heute wird die Dolmetschtätigkeit in Freizeit und Kultur nicht mehr "als rein persönlicher Luxus empfunden" (Grbić, 2002a, S. 185). Immer mehr Gehörlose nehmen an kulturellen Veranstaltungen teil und möchten auch verschiedene Freizeitangebote annehmen, bei denen GebärdenprachdolmetscherInnen engagiert werden. Daher werden bei allen Veranstaltungen (Museumsführungen, Ausstellungseröffnungen, Lesungen, Theateraufführungen, Eröffnungen von Festivals etc.) öfters GS-DolmetscherInnen zur Verfügung gestellt, weil Gehörlose von den Veranstaltern "als Publikum und (...) Kunden" (Grbić, 2002a, S. 185) angesehen werden. Die vermehrte Gegenwart der GS-DolmetscherInnen in der Öffentlichkeit und in den Medien führte auch dazu, dass deren Tätigkeit zu größerer Bedeutung, bis hin zu Selbstverständlichkeit, gelangte. Im Freizeitbereich, in dem Gehörlose verkehren, werden auch Vorträge, Stadtführungen oder Sportveranstaltungen gedolmetscht.

Ein großer Bereich, den ich an dieser Stelle nennen möchte, ist die Dolmetschtätigkeit in Gehörlosenvereinen bzw. -verbänden, die selbst einzelne GS-DolmetscherInnen anstellen. Ihre Aufträge ergeben sich unter anderem aus den Vorträgen und Aktivitäten, die der Verein oder der Verband organisiert. Die verschiedenen feierlichen Anlässe, Subventionsverhandlungen oder Informationsgespräche werden gedolmetscht. Andreas Schodterer, selbst als Gebärdensprachdolmetscher und Diplom-Sozialarbeiter in Salzburg tätig, schätzte, dass es derzeit 9-10 fixe Arbeitsplätze (40 Stunden pro Woche) für GS-DolmetscherInnen in ganz Österreich gibt und erörterte:

"In vielen dieser Anstellungsverhältnisse wird aber von den DolmetscherInnen eine Menge an Sozialarbeit verlangt, was bedeutet, dass es sich durchwegs nicht um reine Dolmetschtätigkeit handelt. GS-DolmetscherInnen sind gleichzeitig BeraterInnen in allen Lebenslagen, was uns alle natürlich überfordert. Eine Ausbildung als Sozialarbeiter ist aber trotzdem eine Seltenheit" (Schodterer, 2002, S. 193).

e) Konferenzdolmetschen

Auf nationalen und internationalen Kongressen der Gehörlosen befinden sich zunehmend auch gehörlose Interessierte und Vertreter von Gehörlosenverbänden, weshalb auch häufig GS-DolmetscherInnen zu Verfügung gestellt werden. In erster Linie werden bei diesen Veranstaltungen Themen wie Gebärdenforschung, Gehörlosenkultur, Geschichte der Gehörlosengemeinschaft, Gehörlosenpädagogik oder gesundheitliches Wohlbefinden angesprochen. Neben den jeweiligen Landessprachen werden oft Englisch und internationale Gebärdensprache als Kongresssprachen verwendet. Eines der vielen Beispiele dafür war der Europakongress ESMHD (European Society for Mental Health and Deafness), der im Mai 2003 in Bad Ischl, Oberösterreich, stattfand. Wie ich selber erlebt habe, wurden im Rahmen des Kongresses die Kongresssprachen Englisch, Deutsch, die Österreichische Gebärdensprache und internationale Gebärdensprachen eingesetzt. Dieses Beispiel zeigt auch, dass GS-DolmetscherInnen, die in einem solchen Setting arbeiten möchten, eine ausgezeichnete Englischkompetenz haben sollten, um aus der englischen Sprache direkt in die nationale Gebärdensprache dolmetschen zu können.

Beim Einsatz auf Konferenzen und Kongressen spielt vor allem auch die Erfahrung im Teamdolmetschen eine wichtige Rolle. Für gewöhnlich wechseln GS-DolmetscherInnen sich im halbstündigen Rhythmus ab, um die Qualität der Arbeit über eine längere Zeitspanne nicht zu verlieren. Nur als ein Beispiel sei der 12. Internationale Kongress der World Federation of the Deaf (Juli 1995 in Wien) genannt, bei dem 120 DolmetscherInnen für 60 verschiedene Gebärdensprachen im Einsatz waren (vgl. Grbić, 2002a, S. 186).

f) Mediendolmetschen

In vielen europäischen Ländern und in den Vereinigten Staaten Amerikas ist die Gebärdensprachdolmetschtätigkeit "von Nachrichtensendungen im Fernsehen an der Tagesordnung" (Grbić, 2002a, S. 186). In Österreich hat sich die Dolmetschsituation in den Medien in den letzten Jahren erweitert. Seit 1996 wird die "Wochenschau" als "einzige terrestrische und damit für alle Apparate empfangbare ORF-Sendung" (Huber, ÖGLZ 3/9 2004, S. 3) ausgestrahlt, die durch Dolmetscheinblendung in ÖGS ergänzt wird. Die wichtigsten Nachrichtensendungen wie die Zeit im Bild und das Wetter im ORF 1 werden seit 5. Juli 2004 täglich um 19: 30 Uhr mit Dolmetscheinsatz in ÖGS ausgestrahlt. Die Nachrichtenübertragungen, die durchgehend gedolmetscht werden, sind nur über einen Digital-Receiver für Satellit oder Kabel (ORF 2 E) möglich. In diesem digitalen Medienbereich wechseln vier GS-DolmetscherInnen einander täglich ab. Claudia Glechner hat für die Österreichische Gehörlosenzeitung mit ihnen Interviews durchgeführt und deren eigene Sichtweise zu der hohen Bedeutung des Mediendolmetschens und der österreichischen Gebärdensprache aufgezeichnet. Die Frage, die mich für meine Diplomarbeit besonders interessierte lautete: "Was bringen die Dolmetschereinblendungen im ORF den Gehörlosen? Welche Bedeutung haben Sie aus Ihrer Sicht?" Ich möchte nun die Antworten der vier Dolmetscherinnen zitieren:

Barbara Gerstbach

"Gebärdensprache im österreichischen Fernsehen ist ein Menschenrecht auf Information! Darüber hinaus bedeutet es Öffentlichkeitsarbeit für die Hörenden, Stärkung des Selbstbewusstseins der GebärdensprachbenutzerInnen und langfristig ist es hoffentlich ein kleiner Mosaikstein am Weg zur vollen Anerkennung der Gebärdensprache und der Kulturgemeinschaft der Gehörlosen in Österreich." (Interview, ÖGLZ 4/2004, S. 7)

Brigitta Mikulasek

"Für Gehörlose bedeutet dies Chancengleichheit. Die Möglichkeit, Informationen in der Muttersprache erhalten zu können. Identitätsstärkung und Stärkung des Selbstbildnisses. Aus meiner Sicht ist es eine gesellschaftliche Verantwortung bzw. Pflicht, die der ORF dadurch wahrnimmt. Außerdem kann dadurch der Wortschatz der gebärdenden Gemeinschaft erweitert werden." (Interview, ÖGLZ 4/2004, S. 8)

Mag. Anna Zepitsch

"Endlich haben die Gehörlosen die Möglichkeit erhalten, die Nachrichten in der ÖGS zu sehen! Die Gehörlosen bekommen einen besseren Einblick in das österreichische und internationale Tagesgeschehen, weil sie die Nachrichten in ihrer Muttersprache verfolgen können. Die Dolmetscheinblendung ist auch für das hörende Publikum sehr wichtig, weil sie sehen können, dass auch schwierige Themenbereiche, die eben in der ZIB vorkommen, sehr gut übersetzbar sind, und dass die Gebärdensprache der Lautsprache ebenbürtig ist. Das ist also auch ein Stück Öffentlichkeitsarbeit." (Interview, ÖGLZ 4/2004, S. 9 - 10)

Sabine Zeller

"Ich sehe da zwei wichtige Punkte:

1. Gehörlose können endlich täglich aktuell Informationen aus dem Weltgeschehen in ihrer Muttersprache, der Österreichischen Gebärdensprache, erhalten!

2. Hörende Seherinnen und Seher werden mit ÖGS konfrontiert und erleben die ÖGS als eigenständige Sprache. Vielleicht ist dies ein Beitrag, dass ÖGS in Österreich selbstverständlich wird und damit könnte es ein Beitrag zur Anerkennung der ÖGS sein." (Interview, ÖGLZ 4/2004, S. 10)

Wie man aus diesen Antworten erkennen kann, ist die Einführung von GS-Einblendung im öffentlichen Fernsehen aus zwei Perspektiven wichtig: Einerseits aus der Perspektive der Gehörlosen, die nun einen weniger beschränkten Zugang zu Informationen erhalten, andererseits aus der Perspektive der Öffentlichkeit, die somit auf die Wertigkeit der Gebärdensprache aufmerksam gemacht wird.

Wie bereits erwähnt, galt die Anerkennung der österreichischen Gebärdensprache lange Zeit als wichtigstes Ziel in der Sprachpolitik und dieses Ziel wurde am 1. Juli 2005 auch letztendlich erreicht (Vgl. Kapitel IV.4. e).

g) Spezielle Dolmetschsituationen

Es gibt jene seltenen Kommunikationssituationen, in denen für Gehörlose mit minimaler Sprachkompetenz und Taubblinde, die besondere Bedürfnisse haben und für welche der Einsatz als GebärdensprachdolmetscherIn besonders anspruchsvoll ist, gedolmetscht werden muss. Personen mit minimaler Sprachkompetenz beherrschen, aufgrund der Isolation von der hörenden Welt und der Gehörlosengemeinschaft, weder Schreiben noch Lesen und können kaum sprechen. Meist werden sie von den eigenen Eltern als Schande angesehen und deshalb von ihnen "versteckt". Es gibt welche, die in Heime für geistig Behinderte abgeschoben wurden. Aufgrund der fehlenden Förderung und Integration unterscheidet sich ihre eigene Sprache auch von der reinen Gebärdensprache der Gehörlosen, und sie können nur mit Schwierigkeiten kommunizieren. Bei taubblind Geborenen oder im Laufe der Kindheit erblindeten Menschen müssen verschiedene Dolmetschtechniken angewendet werden, die sich je nach Sprachkompetenz stark ändern. Das taktile Fingeralphabet, dessen Zeichen auch Lormen genannt werden, wird als Hilfsmittel für Taubblinde benutzt. Dabei wird auf der Hand des Taubblinden jeder einzelne Buchstabe geschrieben (vgl. Grbić, 2002a).



[1] "Gehörlose wollen nicht hören. Sie bedauern nicht ihr Unvermögen zu hören, sie wünschen nicht wie die Mehrheit zu sein, sie sind nur frustriert, dass ihnen nicht dieselben Möglichkeiten geboten werden. Ihre Fantasie ist nicht hören zu können, sondern dass die Welt eine Gehörlosenwelt sei."

V. Gebärdensprachdolmetschen - ein neuer Beruf entsteht

Heute ist die Position des Gebärdensprachdolmetschers in der gesellschaftlichen Stellung anders als früher. In der sogenannten "vorprofessionellen Phase" betätigten sich nur Hörende, vor allem Kinder gehörloser Eltern, die heute im allgemeinen CODA (Children of Deaf Adults) genannt werden, Sozialarbeiter, Gehörlosenlehrer, Geistliche, die sehr nahe mit der Gehörlosenkultur verbunden waren und vor allem im Gehörlosenbereich arbeiteten, als Gebärdensprachdolmetscher. Die meisten von ihnen hatten keine Dolmetschausbildung absolviert und kein klares Berufsbild. Ihre Hilfestellungen, die der Rolle des persönlichen Beraters bis hin zum Fürsprecher entsprachen, sind nicht mit professionellem Dolmetschen vergleichbar. Das Recht der Gehörlosen auf Vertraulichkeit und Unparteilichkeit wurde oft nicht beachtet. Jene Menschen, die den Gehörlosen in scheinbar guter Absicht helfen wollten, fügten ihnen oft mehr Schaden zu, in dem sie auf diese Weise den Gehörlosen bevormundeten. Die Kommunikation mit Gehörlosen über die Vermittlung durch einen Dolmetscher vermittelte den anwesenden Gesprächspartnern oft den Eindruck, dass Gehörlose ohne helfenden Fürsprecher nicht selbstständig seien und selbst unfähig wären, persönliche Verantwortung in sozialen und beruflichen Bereichen für sich zu übernehmen und Entscheidungen selber zu treffen. Dies war über viele Jahre hinweg ein zusätzlicher Faktor, der zu negativen sozialpolitischen Folgen für die Gehörlosengemeinschaften geführt hat (vgl. Grbić, 2002a).

1. Professionalisierung des Gebärdensprachdolmetschens

Gehörlose können sehr wohl die Qualität ihrer DolmetscherInnen einschätzen. DolmetscherInnen mit geringen Gebärdenkenntnissen und fehlenden Dolmetschtechniken werden von ihnen schwer oder unvollständig verstanden.

Auch die schlechte Qualität des Dolmetschens, unausreichende Rollenspiele und zu geringe Kompetenzen im Dolmetschbereich waren nicht zu übersehen. Dies führte zu Unzufriedenheit auf Seite der Gehörlosen und sogar auf Seite der ÖGS-Dolmetscher. Selbst der österreichische Gebärdensprachdolmetscher Schodterer machte in seiner Praxis von sich zu reden:

"Als DolmetscherInnen waren wir auf das eigene Talent und die Zugangschancen zur Sprache angewiesen, was sich natürlich auf Sprach- und Dolmetschniveau auswirkt. Ich traf in meiner Arbeit vor allem auf zwei schockierende Fakten: erstens das mancherorts sehr niedrige Dolmetschniveau und zweitens die Tatsache, dass sich gehörlose und hörende Gesprächsteilnehmer mit einem derart niedrigen Dolmetschniveau zufrieden geben." (Schodterer, 1997, S. 192)

Das Gebärdensprachdolmetschen begann sich Mitte der 90er Jahre in Österreich zu professionalisieren. Der Anstoß zur engen Kooperationen zwischen DolmetscherInnen aus den Bundesländern Österreichs war die große und wichtige Vorbereitung auf den Weltkongress der Gehörlosen, der 1995 in Wien stattfand. Die ehemals isoliert arbeitenden DolmetscherInnen aus den verschiedenen Bundesländern wurden zu einer Gruppe, die sich um Vernetzung bemühten. Sie organisierten Treffen in unregelmäßigen Abständen. Dort wurde gemeinsam über diverse Themen, wie zum Beispiel Verhaltensnormen, Berufsbild, Qualität oder angemessene Honorare, diskutiert. Doch durch die Verstreuung der DolmetscherInnen auf jedes einzelne Bundesland erwies sich die Kooperation durch gelegentliche Zusammentreffen als schwierig und wenig erfolgreich (vgl. Keckeis, Pauser und Gerstbach, 1998).

Ungefähr zur gleichen Zeit wurden an der Universität Graz zwei einjährige Weiterbildungslehrgänge für bereits praktizierende GS-DolmetscherInnen gemeinsam mit europäischen Instituten (Bristol, Hamburg, Kopenhagen) konzipiert und im Rahmen von EU-Projekt EMPLOYMENT HORIZON am Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft angeboten. Das Ziel war, den interessierten und engagierten DolmetscherInnen systematische Weiterbildung anzubieten. Durch die regelmäßigen Treffen in Graz wurde die Vernetzung intensiver und die oben erwähnten Themen wurden wieder aufgegriffen. Außerdem wurde der Wunsch, einen Verband zu gründen, immer stärker (vgl. Grbić, 2002 und Keckeis, Pauser und Gerstbach, 1998). Wie sich der Professionalisierungsprozess mit Unterstützung von Weiterbildungsmaßnahmen entwickelt hat, hat Grbić in ihrem Aufsatz "Professionalisierung. Ein soziologisches Modell und ein Beispiel aus der Praxis der Gebärdensprachdolmetschens in Österreich" (Grbić, 1998, S. 612) sehr ausführlich dargestellt.

2. Österreichischer Gebärdensprach- DolmetscherInnen- Verband (ÖGSDV)

Nachdem das erste Weiterbildungsprojekt für GS-DolmetscherInnen im März 1998 mit Erfolg beendet worden war, gründeten die AbsolventInnen noch im gleichen Monat den Österreichischen Gebärdensprach-DolmetscherInnen-Verband (ÖGSDV), der im folgenden Herbst bei einer Pressekonferenz für die Medien und bei Veranstaltungen in Gehörlosenvereinen vorgestellt wurde. Auch das Logo dieses Verbandes entstand und zeigt sich als Symbol: "Das verbindende Element zweier Sprachen, Kulturen und Welten. Diese Verbindung und Art ´Brücke´ zwischen der hörenden und gehörlosen Welt erscheint uns als unsere vorrangige Aufgabe und definiert auch unsere Ziele" (Keckeis, Pauser und Gerstbach, 1998, S. 453).

Abb 1: Das Logo des ÖGSDV (Keckeis, Pauser und Gerstbach, 1998, S. 452)

a) Ziele und Aufgaben des ÖGSDVs

Der Österreichische Gebärdensprach- DolmetscherInnen- Verband ist eine Non-Profit Organisation und strebt das Erreichen einer Professionalisierung des Berufstandes als oberstes Ziel an. Er hat sich dabei folgende Schwerpunkte gesetzt:

  • "Entwicklung und Erweiterung hoher, bundesweit gültiger Standards im Bereich des Gebärdensprachdolmetschens

  • Autorisierte Vertretungsfunktionen für den Berufstand der GS-DolmetscherInnen

  • Kontrollinstanz für die Berufs- und Ehrenordnung der GS-DolmetscherInnen

  • Organisation und Angebot von Weiterbildungsseminaren

  • Organisation und Durchführung von kommissionellen Prüfungen zum/r GebärdensprachdolmetscherIn

  • Zusammenarbeit mit Gehörlosenorganisationen und DolmetscherInnenverbänden auf nationaler und internationaler Ebene

  • Öffentlichkeitsarbeit" (ÖGSDV: Unser Verband, im Internet)

Grbić hat in ihrem Aufsatz "Kein Fall für Notfälle. Gebärdensprachdolmetsch" (2002a, S. 183) ähnliche Punkte beschrieben. Auch im Artikel "Der steinige Weg vom ‚Gehörlosenübersetzer' zur Gebärdensprachdolmetscherin in Österreich" (Keckeis, Pauser und Gerstbach, 1998, S. 454) sind ähnliche Überlegungen zu finden.

Dieser neu gegründete Verband wird von einem Vorstand vertreten, an dessen Spitze die derzeitige Obfrau Barbara Gerstbach steht. Alle Vorstandsmitglieder übernehmen ihre Aufgaben ehrenamtlich. Jährlich findet eine Generalversammlung auf bundesweite Ebene statt, in der alle zwei Jahre der Vorstand gewählt wird. Dieser Verband besteht heute aus 60 ordentlichen Mitgliedern (Stand März 2005), welche die Berufseignungsprüfung positiv bestanden haben (ÖGSDV: Mitgliederliste, im Internet).

Im folgenden möchte ich drei wichtige Punkte aus dem oben erwähnten Zielkonzept vom ÖGSDV im Detail beschreiben.

b) Kommissionelle Prüfungen

Seit 01.01.2000 gilt die Pflicht für Gebärdensprachdolmetsch-Prüfkandidaten, ihre Prüfungen positiv zu bestehen, um die Honorierung einer Gebärdensprachdolmetschleistung durch Finanzierung von Bundessozialämtern zu erlauben. Die kommissionellen Prüfungen finden zwei Mal im Jahr am Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft der Karl-Franzens-Universität in Graz statt. Die Aufgabe der Kommission zu kontrollieren, ob die Kandidaten die Vorraussetzungen für den Beruf als GS-DolmetscherInnen erfüllen. Die Prüfungskommission besteht aus zwei Vertretern der Gehörlosengemeinschaft, zwei Vertretern des Österreichischen Gebärdensprach- DolmetscherInnen- Verbandes und einer Person des Grazer Instituts. Diese Prüfungen bestehen aus einem theoretischen und einem praktischen Teil. Im theoretischen Bereich werden Fragen aus den Themen Gebärdensprachgrammatik, Gehörlosenkultur, Dolmetschtechnik und Berufskunde beantwortet. Im Praxisteil werden simultanes Dolmetschen in die ÖGS (5 Minuten), simultanes Dolmetschen ins Deutsche (5 Minuten) und ein Rollenspiel mit einer Situation aus dem Bereich des "community interpreting" (Amt, Arztbesuch, Bank) überprüft. Die Anmeldung erfolgt über den Verband (vgl. Grbić, 2002).

c) Qualitätssicherung

Beim Eintritt in den ÖGSDV bekommen die ordentlichen Mitglieder einen Ausweis dieses Verbandes. Dieser Ausweis ist eine Bestätigung für die GS-DolmetscherInnen, dass sie den bestimmten Vorraussetzungen entsprechen. Gleichzeitig verpflichten sich die GS-DolmetscherInnen, die Berufs- und Ehrenordnung des Österreichischen GS-DolmetscherInnen (ÖGSDV: Berufs- und Ehrenordnung, im Internet) einzuhalten und sich an den regelmäßigen Weiterbildungsseminaren zu beteiligen.

d) Weiterbildung

Für die Mitglieder des ÖGSDVs ist es Pflicht, ihre beruflichen Qualifikationen ständig zu verbessern und Weiterbildungsseminare zu besuchen. Diese werden von den österreichischen und ausländischen ExpertInnen gehalten, um ein breites Weiterbildungsangebot garantieren zu können. Diese Bedingungen gehören zum Teil ihres Berufes als GS-DolmetscherInnen.

3. Ausbildung zum/r Gebärdensprachdolmetscher/in

Seit dem Wintersemester 2002/03 bietet das Institut für Theoretische und Angewandte Translationswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz ein Dolmetschstudium für Österreichische Gebärdensprache. Das Diplomstudium "Übersetzen und Dolmetschen" dauert 5 Jahre und besteht aus 10 Semestern. Es ist in drei Studienabschnitte gegliedert. Im ersten Studienabschnitt sind zwei Semester vorgesehen, im zweiten und im dritten jeweils vier Semester. Der dritte Studienabschnitt setzt sich aus zwei Studienzweigen (Studienzweig Übersetzen und Studienzweig Dolmetschen) zusammen. Am Ende jedes Studienabschnitts wird eine Diplomprüfung abgelegt und am Ende des Studiums wird eine Diplomarbeit geschrieben. Die intensive Ausbildung erfolgt im Rahmen von zwei Studienabschnitten in einer ersten und einer zweiten Fremdsprache, die aus dem folgenden Angebot gewählt werden können: Arabisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Deutsch als Fremdsprache, Englisch, Französisch, Italienisch, Österreichische Gebärdensprache, Russisch, Slowenisch, Spanisch, Türkisch, Ungarisch. Der dritte Studienabschnitt bietet eine Reihe von berufsvorbereitenden Wahlfächern, die dem eigenen Interesse entsprechend gewählt werden können. Gleichzeitig werden im Rahmen von Seminaren und durch Verfassen einer Diplomarbeit in Übersetzungs- bzw. Dolmetschwissenschaft wissenschaftliche Kenntnisse und Methoden sowie praktische Fertigkeiten spezialisiert, die für zukünftige berufliche Tätigkeiten in den transkulturellen Kommunikationsfeldern notwendig sind (Karl-Franzens-Universität Graz: Studienfach Dolmetsch, im Internet).

Im Vergleich zu anderen Ländern bietet das Studium in Graz die Möglichkeit, die Österreichische Gebärdensprache und die Lautssprache parallel zu studieren. Die meisten akademischen Ausbildungen für GS-DolmetscherInnen werden häufig an den Instituten von Soziologie/Sozialwesen, Linguistik oder Gesundheitswesen angeboten. Das Grazer Modell ermöglicht den Studenten, im Rahmen von Lehrveranstaltungen aller Sprachen Kontakt, Austausch und Synergien mit Gleichgesinnten aufzubauen. Im praktischen Feld bekommen sie ein breites Spektrum an Wissen und Kompetenzen für die verschiedenen Berufsbereiche von Übersetzern geboten. Dieses Modell bietet den Vorteil, dass die Studierenden über wichtige Kenntnisse über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen dem Gebärdensprach- und Lautsprachdolmetschen verfügen (vgl. Grbić, Andree und Grünbichler, 2004).

4. Dolmetschstrategien

Dolmetschen wird als komplexes Handeln bezeichnet, das mit verschiedenen Modellen erklärt und analysiert werden kann. Eines dieser Modelle, das sogenannte Effort-Modell von Daniel Gile (1995 und 1997), wird sowohl in der Lehre als auch in der Praxis als die geeignetste Strategie angesehen. Gile geht davon aus, dass der Dolmetschprozess in drei nicht automatisierten Operationen, den Efforts, abläuft. Es handelt sich um den sogenannten "Effort d' écoute et d' analyse" (Hören/Analyse), den "Effort de mémoire" (Kurzgedächtnis) und den "Effort de production" (Textproduktion). Die DolmetscherInnen müssen in der Dolmetschtätigkeit beachten, dass diese drei Operationen in Relation zu der maximalen zur Ausführung der Dolmetschung verfügbaren Kapazität im Gleichgewicht zu halten sind, um Krisensituationen und Informationsverluste zu vermeiden (vgl. Bélanger, 1999a).

Diese Strategie lässt sich mit der Dolmetschpraxis vergleichen, wie ich sie bei der Tätigkeit der GS-DolmetscherInnen oft beobachten kann: Die Gebärdensprachdolmetscherin hört den gesprochenen Äußerungen aufmerksam zu, bis sie entschlüsselt sind. Inzwischen wird der Redetext im Gedächtnis gespeichert, bis die Dolmetscherin anfängt, ihn zu übersetzen. Der Übersetzplan, der vorhin im Gedächtnis zusammengestellt wurde, wird dann in Gebärdensprache ausgeführt. So wiederholt sich dieser Vorgang, bis der Redner zu Ende gesprochen hat. Dieser Dolmetschprozess funktioniert nicht immer einwandfrei und reibungslos, da beim Dolmetschen eine hohe Qualität der Informationen, höchste Aufmerksamkeit der Dolmetscher sowie eine fließende Informationswiedergabe in Gebärdensprache und Lautsprache nötig werden. Wenn die Gebärdensprachdolmetscherin nicht imstande ist, den ganzen Redetext fließend zu übersetzen, wird er vom Gehörlosen als unverständlich wahrgenommen. Das kann zu einem großen Informationsverlust bei Gehörlosen führen. Nun möchte ich auf die drei "Efforts" genauer eingehen.

Gile (1985) erklärt, dass die Anstrengung des Hörens/ Analysierens je nach Redefluss, Aussprache des Redners, Fachlichkeit der Botschaft, Hintergrundgeräuschen, Darstellung von Aufzählungen, Zahlen und Eigennamen zunimmt. Auch die Fremdwörter, die im Redefluss oder vom Gesprächspartner bei Zwischenmeldungen unerwartet hinzukommen, sind ebenfalls Schwierigkeitsfaktoren. Die Gedächtnisleistung wird der Steigerung entsprechend je nach "Time lag" (Zeitverschiebung), mangelnden Sprachkenntnissen der Arbeitssprachen (L1-L2), syntaktischen Strukturunterschieden (L1-L2) und aktivem Wissen der DolmetscherInnen gefordert. In Konferenzsituationen ist es wichtig, dass die Zwischenbemerkungen der TeilnehmerInnen, die sich oftmals überschneiden, hinzugefügt werden. Die Anforderung an die Textproduktion wird wiederum je nach Time lag, Informationsdichte der Botschaft und Fachlichkeit der Botschaft erhöht. Auch Berichtigungen und Autokorrekturen (Versprecher, falscher Satzbeginn, Selbstverbesserung etc.) während der Textproduktion werden übersetzt (vgl. Bélanger, 1999a).

Die DolmetscherInnen müssen alle drei "Efforts" im Gleichgewicht und unter Kontrolle halten, da die "Efforts" sich ständig verschieben. Sie müssen es schaffen, die Verteilung der Aufmerksamkeit zwischen den "Efforts" zu kontrollieren. Wenn das Dolmetschgleichgewicht durch ein unerwartetes Geräusch, beispielsweise, instabil wird, kann es zu Dolmetschfehlern kommen. In dem Moment, in dem ein Dolmetschfehler passiert, kann die Gedächtnisleistung beeinträchtigt werden und ein Teil der bereits im Gedächtnis gespeicherten Informationen in Vergessenheit geraten. Des weiteren können das Analysieren und der Versuch, die Botschaft wiederherzustellen, aufgrund der Zeitverschiebung zu einer Intensivierung der Ansprüche von Gedächtnisleistung und Textproduktion führen, was sich wiederum auf die Qualität des Hörens auswirkt. Es ist für die GS-DolmetscherInnen unbedingt notwendig, die Verschiebungen so gut wie möglich vorherzusehen und jene Elemente des Efforts herauszufiltern, die Schwierigkeiten machen und hohe Anforderungen an die GS-DolmetscherInnen stellen (vgl. Bélanger, 1999).

Gile hat sich in seinem Aufsatz hauptsächlich auf das Simultandolmetschen bezogen, das in fast allen Situationen bevorzugt wird. Eine Besonderheit ist dabei, dass diese Art des Dolmetschens in eine Richtung abläuft, das bedeutet, von der Lautsprache in die Gebärdensprache. Es kommen aber auch andere Besonderheiten, die Gile erwähnte, zum Vorschein, wenn von der Gebärdensprache in die Lautssprache gedolmetscht wird. Diese Besonderheiten beschreibe ich im Folgenden genauer.

a) Syntaktische Struktur

Beim Dolmetschen von der Lautsprache in die Gebärdensprache sind die GS-DolmetscherInnen von Anfang an gezwungen, einen langen "Time lag" zu überbrücken, da die Syntax der Lautsprache und die Syntax der Gebärdensprache sehr unterschiedlich sind. Sie müssen bis zum Ende des Satzes warten, bis sie die Botschaft dolmetschen können. Ein Beispiel soll nun diese Syntaxunterschiede veranschaulichen: In der Lautsprache heißt es: "Es ist wichtig, der Worte Platons zu gedenken, die vor mehreren Jahrhunderten gesagt wurden." In der Gebärdensprache wird daraus: "Vor einigen Jahrhunderten, Platon, das, was er sagte, ist wichtig, sich zu merken" (aus den französischen Sätzen in Bélanger, 1999, S. 105).

b) Fachterminologie

Gile (1985) geht davon aus, dass jährlich ungefähr 10 000 neue Fremdwörter alleine in den wissenschaftlichen und technischen Bereichen dem französischen Wortschatz hinzugefügt werden. In der französischer Gebärdensprache werden Fachwörter vor allem im Bereich der Buchhaltung, der Verwaltung oder der Informatik benutzt, aber in eher weniger verbreiteten Bereichen wie Luftfahrt oder Völkerrecht sind die Gehörlosen und ihre Dolmetscher sehr auf sich selbst gestellt. Wenn die Gebärde für ein bestimmtes Fachwort nicht bekannt ist, ist es für GS-DolmetscherInnen nur möglich, den bestimmten Begriff mit dem Fingeralphabet zu buchstabieren, sich auf eine bestimmte Gebärde aufgrund einer einmalige Abmachung zu einigen, oder den Begriff zu umschreiben. Diese Dolmetschtechniken erschweren die Textproduktion zum Teil sehr und können in der Folge die ausgleichende Aufmerksamkeit zwischen den Efforts beeinträchtigen. Die GS-DolmetscherInnen müssen sich beim Vermitteln sehr anstrengen und es ist möglich, dass sie die zur gleichen Zeit gesprochenen Wörter oder die eben aufgesagten Informationen vergessen. Meiner eigenen Erfahrung mit meinen GS-DolmetscherInnen auf der Universität Innsbruck nach kommt es häufig vor, dass die Gebärden für die entsprechenden Fachwörter provisorisch benutzt werden, weil sie im Gehörlosenalltag so gut wie nie oder gar nicht angewendet werden. Daher will ich auf die Problematik der Fachterminologie in drei speziellen Bereichen genauer eingehen:

i) Fingern

Darunter versteht man, das entsprechende Wort mit Hilfe des Fingeralphabets zu buchstabieren. Diese Technik findet vor allem beim Dolmetschen statt, wenn die GS-DolmetscherInnen keine anerkannte Gebärde für ein bestimmtes Fachwort wissen. Auf diese Weise dauert das Buchstabieren eines Wortes länger als eine Gebärde. Diese Strategie wird bei der Dolmetschtätigkeit von der Lautsprache in die Gebärdensprache und bei Eigennamen fast planmäßig verwendet. Allerdings kann es problematisch werden, wenn die GS-DolmetscherInnen ein Wort falsch buchstabieren, da beim Zuhören die Betonung der Konsonanten schwer zu unterscheiden ist. Dies wirkt sich stark auf das Gleichgewicht zwischen den Efforts aus. Das Hören/ Analysieren, die Gedächtnisleistung und die Textproduktion werden vehement in Anspruch genommen. Für GS-DolmetscherInnen ist es auch möglich, den Anfangsbuchstaben eines Wortes im Gebärdensprachraum zu initialisieren. Gleichzeitig wird das Mundbild eingesetzt, damit die gehörlose Person es durch Lippenlesen erfährt. Diese Dolmetschtechnik erspart den GS-DolmetscherInnen bei der Textproduktion viel Zeit. Es ist sehr nützlich, diese Strategie anzuwenden, wenn das Wort schon vorher buchstabiert und verstanden wurde.

ii) Lexikalische Konventionen

Laut Gile liegt manchmal auch das Problem vor, dass die GS-DolmetscherInnen eine Fachgebärde verwenden, die den gehörlosen Personen unbekannt ist oder für die, die gehörlosen Personen lieber eine andere Gebärde bevorzugen. In diesem Fall müssen die GS-DolmetscherInnen während ihrer Tätigkeit den Fachausdruck zuerst buchstabieren und dann eine Fachgebärde produzieren. In dieser Situation ist die Textproduktion viel länger. Oft geschieht dann, dass sich die GS-DolmetscherInnen und die gehörlose Person während des Dolmetschens für einige Sekunden miteinander besprechen müssen, um auszumachen, welche Gebärde benutzt werden soll. Während dieser ganzen Zeit muss die ganze Nachricht vom eigentlichen Vortragenden im Gedächtnis der GS-DolmetscherInnen gespeichert werden. Manchmal kann es sogar vorkommen, dass die gehörlosen Klienten die GS-DolmetscherInnen direkt ansprechen und ihr fehlerhaftes Dolmetschen korrigieren. An dieser Stelle spielt der vierte Effort eine Rolle, der im allgemeinen beim Lautsprachdolmetschen gar nicht vorkommt: Erfassen und Entschlüsselung der ausgesandten Nachricht einer gehörlosen Person, den man "Effort der visuellen Wahrnehmung" (Bélanger, 1999, S. 107) nennt.

iii) Umschreibungen

Wenn ein Begriff nicht in der Gebärdensprache vorhanden ist oder nicht verstanden wird, greifen die GS-DolmetscherInnen auf eine Alternative, nämlich die Umschreibung, zurück. Dabei wird der bestimmte Begriff buchstabiert und dann die anfänglich produzierte Gebärde wiederholt. Dabei laufen die GS-DolmetscherInnen Gefahr, beim Dolmetschen in eine Krisensituation zu geraten, da die Produktion eines gefingerten Wortes und die Umschreibung viel Zeit beanspruchen.

c) Soziokulturelle Unterschiede

Im Vergleich zu Hörenden haben Gehörlose unterschiedliche kulturelle Verhaltensweisen und der Zugang zu den elektronischen Medien ist sehr beschränkt. Gehörlose müssen sich auf das Lesen von Zeitungen und Untertiteln im Fernsehen beschränken. Daher hängt ihr Vorwissen zu den verschiedensten Themen davon ab, wie viel Aufmerksamkeit Gehörlose beim Nachrichtenlesen aufwenden und an wie viel Diskussionen zum jeweiligen Thema sie sich beteiligt haben. Zwar können sie sich nicht an die Namen der beteiligten Personen erinnern, doch sehr wohl über die Ereignisse Bescheid wissen. Dies ist die Situation, in der GS-DolmetscherInnen auf Umschreibungen zurückgreifen müssen, wenn von Ereignissen unter den Schlagzeilen erzählt wird. GS-DolmetscherInnen müssen immer über die aktuellen Tagesnachrichten informiert sein und die wichtigen Elemente der Situation darstellen, damit sie in den folgenden Schritten die Namen der beteiligten Personen erklären können. Somit werden der Effort des Hörens, Analysierens und der Textproduktion verstärkt beansprucht.

Dolmetschen ist zudem neben den oben genannten Herausforderungen natürlich immer mit Zeitmangel verbunden. Um das Dolmetschgleichgewicht zu bewahren, müssen alle Strategien vorher in Bezug auf Zeitgewinnung und Zeitoptimierung geprüft werden. GS-DolmetscherInnen müssen nach der Ordnung der Berufsethik den gehörlosen Klienten respektieren und nach bestem Wissen und Gewissen ihre Dienstleistung mit den obigen Strategien vollbringen. Unter diesen zwei Bedingungen können sie ihre Dolmetschtätigkeit unterbrechen, da es mehr darum geht, ein Dolmetschungleichgewicht zu vermeiden und gleichzeitig eine möglichst gute Dolmetschleistung zu bringen. Bélanger (1999) hat in diesem Bereich die Strategien zur Wahrung des Dolmetschgleichgewichts in zwei Kategorien - Präventivstrategien und Schutzstrategien - unterteilt. Von diesen Kategorien will ich die wichtigsten Bereiche im Folgenden beschreiben: Vorbereitung der GS-DolmetscherInnen, Teamarbeit und Dolmetschen bei Tagungen und Konferenzen.

5. Vorbereitung der GS-DolmetscherInnen

Das Vorbereiten auf einen Einsatz als eine der Präventivstrategien gehört zum Arbeitsalltag von GS-DolmetscherInnen. Mitglieder im ÖGSDV sind laut Berufs- und Ehrenordnung verpflichtet, ihre Wissenslücken durch Recherchen zu beseitigen. Um eine Dolmetschleistung von höchster Qualität bieten zu können, ist eine gewissenhafte Vorbereitung auf jeden Dolmetscheinsatz unentbehrlich. Immer wieder sind GS-DolmetscherInnen mit neuen Situationen, Themen und Fachbereichen konfrontiert, die fordern, bestehendes Wissen zu prüfen und zu vergrößern oder sich in ganz neue Gebiete einzuarbeiten. "Die Vorbereitungszeit zielt darauf ab, den Dolmetscheinsatz so gut wie möglich vorhersehbar zu machen" (Bélanger, 1999, S. 282).

Wie Bélanger betont, ist die Vorbereitung für das gesamte Setting sehr wichtig: Durch intensive und ausreichende Vorbereitungsarbeit können Ereignisse, Vorgänge und Ablauf des Settings antizipiert werden. Dies trägt dazu bei, die Anstrengung des Hörens/ Analysierens während der Dolmetschtätigkeit zu minimieren und somit die Energie auf Textproduktion und Gedächtnisleistung zu konzentrieren. Jedoch reicht es für GS-DolmetscherInnen nicht aus, nur die für den bevorstehenden Dolmetscheinsatz nötigen Texte und Unterlagen zu lesen. Daher möchte ich aufgrund meiner eigenen Erfahrungen darauf hinweisen, dass es bei vielen Dolmetscheinsätzen erforderlich ist, sich genug Zeit vor Beginn des Dolmetschtermins zu nehmen, um die Situation vor Ort abzuklären (Platzierung des Dolmetschers, technische Ausstattung, Mikrofon, etc.), etwaige Änderungen zu erfahren oder verschiedene offene Fragen zu klären. Um viele ergänzende Informationen und Fachwissen zu erlangen, können Enzyklopädien, Fachliteratur, Wörterbücher, Medien und Internet behilflich sein. Aber im Fall der Gebärdensprache gibt es noch unzureichend wenig Materialen, die DolmetscherInnen bei der Vorbereitung auf die Umsetzung des Fachwissens unterstützen könnten. Das gilt vor allem für die österreichische Gebärdensprache; somit sind der Austausch von Fachgebärden unter Kollegen oder Befragung von gehörlosen ExpertInnen absolut notwendig.

a) Teamarbeit

Unter Teamarbeit, versteht man die Zusammenarbeit zweier oder mehreren DolmetscherInnen in einem Setting. Die DolmetscherInnen werden während des Dolmetschens von den sogenannten "SchattendolmetscherInnen" (Bélanger, 1999, S. 287) unterstützt. Nicht nur, dass sie nach gewisser Zeit den aktiven Part übernehmen, sondern sie bieten den aktiven DolmetscherInnen in ihrer scheinbaren passiven Rolle viele Möglichkeiten, sie zu unterstützen und somit zur Qualitätssteigerung beizutragen. Das Wort Teamarbeit verbirgt mehr als nur das bloße Abwechseln beim Dolmetschen. Um den aktiven DolmetscherInnen ausreichend Unterstützung zu geben, müssen sie sich einerseits auf Hören und Enkodierung der zu übersetzenden Informationen und andererseits auf das Dolmetschen ihrer KollegInnen konzentrieren. Nur so ist es möglich, mit einem Wort oder mit Wendungen auszuhelfen, die von aktiven DolmetscherInnen nicht verstanden werden oder um ein Wort zuzuflüstern, das die aktiven DolmetscherInnen vergessen oder überhört haben (vgl. Bélanger, 1999).

Für passive sowie aktive DolmetscherInnen ist diese Aufgabe nicht leicht, denn es ist oft schwierig, abzuschätzen, wann die Unterstützung der SchattendolmetscherInnen gebraucht wird. Daher ist es sehr wichtig, dass KollegInnen ein gutes Arbeitsklima schaffen, sich gegenseitig gut verstehen und einander vertrauen und sich für ihre KollegInnen persönlich einsetzen können. Die Absprachen in Bezug auf den Zeittakt, in dem die DolmetscherInnen sich abwechseln, Sitzordnungen oder Positionierungen, gewünschte Hilfestellungen und individuelle Probleme (häufige Schwierigkeiten bei Eigennamen, Zahlen oder Fremdwörtern) gehören zu den gemeinsamen Vorbereitungen bei einem Dolmetscheinsatz. DolmetscherInnen müssen Kritik von ihren KollegInnen hinnehmen, ohne Angst zu haben, einer "Kontrolle" ausgesetzt zu sein. Korrekturen während dem Dolmetschen verlangen von beiden Parteien viel Toleranz. Teamdolmetschen wird dann angewendet, wenn der Auftrag länger als eine Stunde dauert.

b) Dolmetschen bei Tagungen und Konferenzen

Wie Bélanger (1999) in seinem Artikel erläutert, kommen im Vergleich zu den face-to-face-Situationen andere Elemente hinzu, welche die herkömmlichen Parameter von Dolmetschsituationen verändern. Häufig sind die GS-DolmetscherInnen bei Podiumsgesprächen, Lesungen, Banketten oder größeren Veranstaltungen wie z. B. Konferenzen zu sehen. Da ich bei vielen derartigen Veranstaltungen anwesend bin, weiß ich, dass oft viel Publikum anwesend ist und die Entfernung zwischen GS-DolmetscherInnen und gehörlosen Besuchern relativ groß sein kann. Deshalb müssen DolmetscherInnen beachten, dass sie für alle gut sichtbar sind und den Anforderungen des gehörlosen Publikums gerecht werden:

Einer der GS-DolmetscherInnen stellt sich meist neben den Redner, der auf dem Podium ist. Manchmal sitzt er auch im Publikum und gebärdet nur für eine kleinere Gruppe. Es ist sehr wichtig, dass Gehörlose den Dolmetscher gut sehen können.

Wenn der Sprecher selbst gebärdet, stellt sich der Dolmetscher mit einem Mikrofon vor ihn, behält ihn im Auge und beginnt mit dem Dolmetschen. Wenn der Dolmetscher die Rede des Sprechers gebärdet, muss er dabei beachten, dass es für gehörlose Zuschauer viel schwieriger ist, die Gebärden aus größerer Entfernung abzulesen. Er muss daher langsamer gebärden und auch das Fingeralphabet langsam und deutlich in der Luft buchstabieren.

Damit Gehörlose von den Lippen lesen und die Mimik des Dolmetschers sehen können, muss er darauf achten, dass er sein Gesicht etwas nach unten neigt und, dass er die Gebärden etwas tiefer ansetzt, weil sich die Besucher weiter weg als üblich befinden. Beim Dolmetschen vor Publikum ist auch die Beleuchtung sehr wichtig und der Dolmetscher muss beachten, dass vor allem sein Gesicht und seine Hände ausreichend beleuchtet werden.

Für DolmetscherInnen im aktiven Einsatz ist es sehr wichtig, immer den Augenkontakt zu den Gehörlosen zu halten, denn es ist immer hilfreich, die gehörlosen Zuseher sofort zu sehen, wenn ihnen ihre Art zu gebärden missfällt oder ihnen der Sinn einer Gebärde nicht ganz klar erscheint. Der verwirrte oder kritische Gesichtsausdruck der gehörlosen Zuseher signalisiert, dass die unpassende Gebärde geändert bzw. zusätzliche Erklärungen gegeben werden muss.

Bei größeren Veranstaltungen werden die Gebärden von Dolmetschern größer ausgeführt. Um Ermüdungserscheinungen bei Dolmetschern, die oft schnell auftreten, zu vermindern, wechseln sich oft mehrere Dolmetscher ab. Jeder Dolmetscher ist dann von einer Viertelstunde bis zu einer halben Stunde im Einsatz. Je schwieriger die Rede ist, desto öfter wechseln sie sich ab. Damit Gehörlose den Ablauf einer Veranstaltung fließend und ohne Unterbrechung mitbekommen, ist es besser, dass sich GS-DolmetscherInnen erst nach der Beendigung eines Satzes oder der Rede eines Sprechers ablösen.

Wenn der Gebärdensprachdolmetscher bei einer Veranstaltung seine Dienste zur Verfügung stellt, muss er über die Form und das Thema der Veranstaltung, als auch über die Sprecheranzahl, deren Vortragsthemen und Vortragslängen Bescheid wissen. Es ist auch wichtig für ihn zu wissen, ob der Redner seine Redetexte schriftlich vorbereitet hat und ob er die Kopie zur Vorbereitung bekommen kann. Sollte dies nicht möglich sein, kann er versuchen, kurz vor dem Dolmetscheinsatz das Manuskript schnell zu lesen, um ein wenig Ahnung davon zu bekommen, was ihn erwartet.

Folgende Aspekte des Gebärdensprachdolmetschens sollten unbedingt bei größeren Veranstaltungen bedacht werden:

  • Kleidung (möglichst unauffällig und dem Anlass entsprechend; die Farbe sollte in Kontrast zur Hauttönung sein, um die Gebärden deutlich sichtbar zu machen)

  • Hintergrund (Sprecher und Dolmetscher, die die Gebärdensprache verwenden, sollten die Farbe des Bühnenhintergrundes berücksichtigen und ihre Kleidung dementsprechend auswählen um für die Gehörlosen klar erkennbar zu sein).

  • Erscheinungsbild (gepflegt und der Tätigkeit angepasst; Accessoires wie Armreifen, Uhren oder große Ringe können hinderlich sein. Andererseits können kräftige Lippenstifte das Dolmetschen für ein großes Publikum unterstützen.)

6. GS-DolmetscherInnen und Gehörlose - eine nicht immer einfache Beziehung

Graham Turner erläutert in seinen zwei Artikeln über die Beziehung zwischen Gehörlosen und Dolmetschern (1999), dass die Beziehungen zwischen GS-DolmetscherInnen und Gehörlosen mit Rechten, Pflichten, Kontrolle und Verantwortung ausgestattet sind. Turner stellt fest, dass GS-DolmetscherInnen besonders am Anfang ihrer Karriere als Dolmetscher an Burnout leiden. Er macht dafür nicht einzelne Faktoren, sondern die Summe vieler Frustrationen und Probleme verantwortlich. Dabei betont er aber besonders, dass es vor allem unrealistische Erwartungen von Seiten der Gehörlosen den Dolmetschern gegenüber sind, welche diese wiederum stark unter Druck setzen. Man muss nämlich berücksichtigen, dass in der heutigen Zeit viele GS-DolmetscherInnen aus hörenden Familien kommen, in denen sie keinen Kontakt mit Gehörlosen haben. Um die Muttersprache der Gehörlosen allerdings vollständig zu beherrschen, ist ein ständiger Kontakt mit Gehörlosen unbedingt notwendig. Die Belastung besteht für die GS-DolmetscherInnen nun darin, dass sie untertags ständig in Kontakt mit Gehörlosen sind und zudem ständig andere Rollen in Dolmetschsituationen übernehmen müssen (Turner, 1996a, S. 393). Dabei kommt laut Turner die Bewahrung ihrer eigenen Identität und Individualität ins Schwanken. Turner beschreibt die Beziehung zwischen Dolmetschern und Gehörlosen als ein Verhältnis, das von gegenseitigen Rechten und Pflichten geprägt ist.

Turner weist des weiterem auf die Problematik hin, dass seiner Ansicht nach viele Situationen zwischen Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen Rechts- und Pflichtkonflikte aufweisen. Oft werden Gehörlose laut Angaben von Turner verärgert, wenn GS-DolmetscherInnen darauf bestehen, die Lautsprache zu benutzen und diese durch eine unbeteiligte Person dolmetschen zu lassen. Andererseits sind GS-DolmetscherInnen ebenso erbost, wenn Gehörlose von ihnen verlangen, statt ihrer Muttersprache die Gebärdensprache zu verwenden. Daher ist Turner fest der Meinung, dass GS-DolmetscherInnen deswegen unter Burnout leiden, da die Pflicht der Gehörlosen, nämlich die Rechte der GS-DolmetscherInnen anzuerkennen, nicht immer berücksichtigt wird: "Viele Gehörlose wissen von ihrem Recht auf Zugang zur Kommunikation, sehen aber nicht, daß es genauso eine Pflicht gibt, das parallele Recht der Dolmetscher auf ungehinderten Ausdruck aufrechtzuerhalten." (Turner, 1996a, S. 394).

Wie ich persönlich denke, ist es für die Beziehung zwischen Dolmetschern und Gehörlosen wichtig, dass sie sich miteinander absprechen und ihre Bedürfnisse mitteilen und zugleich die Wünsche des anderen respektieren. Gehörlose haben immerhin das Recht auf uneingeschränkte Information in Anwesenheit von GS-DolmetscherInnen, aber ebenso sind GS-DolmetscherInnen berechtigt, ihre Privatsphäre von ihrem Berufsleben getrennt zu halten. Es kann also vorkommen, dass GS-Dolmetscher bei einem langen Arbeitstag auch kurz private Gespräche mit Dritten haben wollen. Dabei muss es aber klar sein, dass beide Parteien damit einverstanden sind, beziehungsweise, dass auch Rückzugsmöglichkeiten für den Dolmetscher geschaffen werden können, ohne dass sich die gehörlosen Kunden ausgeschlossen fühlen. Letzten Endes gilt diese Form von gegenseitigem Respekt natürlich auch in die andere Richtung, um die Privatsphäre und Identität der Gehörlosen zu wahren.

Der Berufsstand des Gebärdensprachdolmetschers unterscheidet zwischen professionellen und unprofessionellen GS-DolmetscherInnen, die in bestimmten Dolmetschsituationen gute Arbeit leisten können. Vor allem in öffentlichen Einrichtungen wird erwartet, dass die Dolmetscharbeit effektiv und human geleistet wird. So sollen fatale Auswirkungen durch falsche Übersetzungen verhindert werden. Turner deutet in seiner Theorie an, dass Gehörlose "die Verantwortung für die Förderung des Einsatzes von angemessenen ausgebildeten und kontrollierten Dolmetschern teilen, die für ihre Arbeit als Interaktionsmittler professionell zur Rechenschaft gezogen werden können" (Turner, 1996a, S. 391).

Meiner Erfahrung nach sind professionelle GS-DolmetscherInnen meist auf offiziellen Vorträgen und Anlässen wie Konferenzen, Tagungen etc. auf hohem Niveau tätig. Die unprofessionellen GS-DolmetscherInnen erledigen ihre Arbeit meist im Community Interpreting Bereich. Diese unprofessionellen Arbeitstunden werden meist zur Absolvierung der Praktika für die bevorstehende Prüfung auf der Universität Graz angerechnet. Die unprofessionellen GS-DolmetscherInnen begleiten am Anfang des Praktikums oft die professionellen KollegInnen zum Dolmetscheinsatz, beobachten sie und lernen so viel dazu. Weiteres ist bei Turner die Rede davon, dass die Professionalität im Gebärdensprachdolmetschbereich mit Kontrolle und Verantwortung verbunden ist. GS-DolmetscherInnen nehmen den Berufskodex sehr ernst und befolgen ihn, was ihnen professionellen Status verleiht und ihren Berufstand als Gebärdensprachdolmetscher sichert. Die institutionalisierte Verantwortung, wie Turner sie nennt, spielt auch eine wichtige Rolle, das sie weitere Verantwortungsbereiche abdecke:

  1. "Verantwortung gegenüber gehörlosen wie hörenden Konsumenten der Dienstleistung;

  2. Verantwortung gegenüber dem Berufstand, d.h. gegenwärtigen und zukünftigen Kollegen;

  3. Verantwortung gegenüber dem Beruf, d.h. der Integrität der Aufgabe;

  4. Verantwortung gegenüber sich selbst;

  5. Verantwortung gegenüber den Bürgern der breiteren Gesellschaft" (Turner, 1996a, S.558).

Um zu demonstrieren, wie wichtig diese Verantwortung der GS-DolmetscherInnen gegenüber Gehörlosen und hörenden Parteien ist, zitiere ich nochmals Turner: "Man sagt, professionell zu sein bedeute, sich in eine Berufskultur ‚einzukaufen', die auf ethische Kontrolle im Interesse der Allgemeinheit dringt" (Turner, 1996a, S. 558). Die Einhaltung der obigen Bedingungen können den Berufsstand des Gebärdensprachdolmetscher festigen, indem dadurch das Wechselspiel zwischen GS-DolmetscherInnen, Gehörlosen und Hörenden besser funktionieren kann.

7. CODA - hörende Kinder gehörloser Erwachsene

Die Abkürzung "CODA" ist ursprünglich eine amerikanische Bezeichnung und bedeutet (hearing) Child of Deaf Adult. Sie steht für die erwachsenen hörenden Nachkommen gehörloser Eltern. In Österreich und in anderen deutschsprachigen Ländern ist dieser Begriff verbreitet. Auch eine Gebärde für CODA wird im deutschsprachigen Raum verwendet. Viele englische Publikationen zu dieser Gruppe wurden veröffentlicht. Ungefähr 90 % der Kinder mit gehörlosen Eltern oder zumindest einem gehörlosen Elternteil kommen hörend zur Welt. Die meisten von ihnen wachsen bikulturell auf, mit der Hörenden- und der Gehörlosenkultur, die auch mit der Laut- und der Gebärdensprache verbunden sind. Untersuchungen auf internationaler Ebene haben indes ergeben, dass, anders als in Amerika, die meisten hörenden Kinder gehörloser Eltern als Kinder von Behinderten stigmatisiert werden. Sie werden ebenso wie ihre gehörlosen Eltern diskriminiert und oft als abnormal betrachtet. CODAs hingegen definieren sich als "Brückenmenschen, die zwischen den Kulturen zu Hause sind" (CODA in Österreich, im Internet). Aufgrund der Tatsache, dass ein betroffener CODA beide Kulturen verinnerlicht hat und beide Welten in Einklang bringt, entsteht die Identität eines CODAs.

Ruth Sidransky, die selbst zu der CODA- Gruppe gehört, hat in ihrem Buch ihre persönlichen Eindrücke aufgeschrieben:

"Ich trat zwischen die Gehörlosenwelt und die Welt der Hörenden, passte weder ganz in die eine noch in die andere und wusste nie ganz, wer ich war. Ich war ich, wenn ich in meiner Muttersprache redete, der Sprache der Hände. Unter den Gehörlosen war ich wohltuend ich. Der Klang ihrer Stimmen war für mich natürlich. Der Klang natürlicher Sprache war fremd. Ich saß stundenlang am Radio, hingerissen von der Entdeckung, wie ein Wort, das ich als ‚gehörlosen' Laut kannte, wirklich klang. Ich war ich, als ich normal sprechen lernte, aber ich blieb abgesondert. Unter den Gehörlosen fühlte ich mich sicherer. Und die anderen Kinder - die hörenden Kinder der Gehörlosen - waren wieder eine andere Gesellschaft. Wir machten einander heimlich Zeichen, täuschten Taubheit vor und brachen über unser Geheimnis in schallendes Gelächter aus. Wir konnten ja hören. Wir waren die Kinder der Gehörlosen" (Sidransky, 1990, S. 84).

In der Seminararbeit zum Thema CODA, die A. Willmann und D. Schinkinger am 18. 11. 2003 im von Frau Professor Dr. Annette Leonhardt geleiteten Seminar "Gehörlosenpädagogik" präsentierten, wurde erwähnt, dass ein CODA die Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Kulturen kennt. Die Umgangsformen der Gehörlosen (z. B. Aufmerksamkeit durch Stampfen erregen) werden von den Kindern gehörloser Eltern hin und wieder in Kontakt mit Hörenden übernommen, was fremden Personen teilweise etwas befremdlich erscheint. Auch das Benutzen von Witzen aus der hörenden Welt in der Gehörlosenwelt wird von Gehörlosen entweder als "fremd oder nicht unbedingt lustig" (Willmann und Schinkinger, 2003, S. 7) empfunden. Dies geschieht auch umgekehrt bei Hörenden (vgl. Willmann und Schinkinger, 2003).

a) CODAs in Österreich

In Österreich wird über die Gruppe der CODAs nicht viel geforscht, doch seit 2002 findet alle drei Monate ein CODA-Treffen in Wien statt. Das erste Treffen wurde von Ferdinand Leszecz, Lydia Sammer und Isabella Rausch initiiert. Beim Zusammentreffen dieser Gruppe werden eigene Erfahrungen und Erlebnisse ausgetauscht und viele Diskussionen durchgeführt. Es werden auch viele offene Fragen zur Zukunft der CODA-Kinder aufgeworfen. CODAs von Österreich orientiert sich am Vorbild der amerikanischern CODA-Bewegung und versucht deren Bemühungen auch in Österreich kultursensibel umzusetzen (CODA in Österreich, im Internet).

So sind in Zukunft die folgenden Schritte geplant: Weitere Treffen und Infoabende in ganz Österreich, die Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Gehörlosenbund, der MA 11 (Jugendamt), den Landesverbänden und Gehörlosenvereinen zu vertiefen und auszubauen, sowie Info-Broschüren an Kindergärten und Schulen zu verteilen. Auch für CODA-Kinder, die bis 14 Jahre als KODAs (Kids of Deaf Adults) bezeichnet werden, sind KODA-Veranstaltungen geplant, bei denen es auch für die Eltern möglich ist, teilzunehmen und ihre Erfahrungen auszutauschen. Heutzutage werden auch viele weitere Organisationen, wie zum Beispiel eine Organisation CODA-d-a-ch, die in einer Art Zusammenarbeit zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz besteht und schon 70 Mitglieder hat, gegründet. Es haben bereits zahlreiche CODA - Treffen in mehreren europäischen Ländern stattgefunden: Großbritannien, Irland, Schweden, Deutschland, Griechenland, Italien und Österreich. Die erste internationale CODA Conference ist 2007 in Madrid geplant. (vgl. ÖGLZ, 3/2004).

b) CODAs in den Vereinigten Staaten Amerikas

In den USA wurden CODAs zuerst "HCDPs" ("hearing children of deaf parents") genannt. 1983 wurde der Begriff "CODA" von Millie Brother, die als Gründerin von "CODA International Inc." bekannt wurde, verbreitet. Diese Organisation existiert schon seit 1983 und das jährliche internationale Treffen wird von ihr veranstaltet. Ihre Ziele sind jenen der Weltorganisation der Gehörlosen sehr ähnlich. In erster Linie geht es um CODAs und ihre gehörlosen Eltern. Im Gegensatz zu Österreich werden Kinder unter 18 Jahren KODAs oder K-CODAs genannt Für sie gibt es Sommerlager "Camps", die jährlich veranstaltet werden (CODA in Österreich, im Internet).

VI. Die Befragung

Ich habe im Rahmen meines Kalifornien-Aufenthaltes und in Tirol Befragungen bei Gehörlosen und bei DolmetscherInnen durchgeführt. Die Ergebnisse können nicht quantitativ-statistisch ausgewertet werden, da die Anzahl der befragten Gehörlosen und DolmetscherInnen sehr gering ausfiel und deshalb bei keiner der beiden Gruppen von repräsentativen Ergebnissen ausgegangen werden kann. Zusätzlich hat sich bei den Fragebögen, die in Kalifornien ausgeteilt wurden, gezeigt, dass es sehr schwer sein kann, die Antworten richtig zu verstehen. Dies lag zum Teil sicher daran, dass die Teilnehmer nur sehr wenig Zeit zum Ausfüllen des Fragebogens zur Verfügung hatten und dass manche meiner Fragen von einigen wenigen Teilnehmern nicht vollständig verstanden wurden. Aus diesen Gründen sind meine Ergebnisse eher als Fallbeispiele anzusehen.

1. Ziel der Erhebungen

Das Ziel der beiden Befragungen bestand darin, subjektive Meinungsbilder über die Situation der Gebärdensprachdolmetscher von früher aufzuzeigen und sie den heutigen gegenüber zu stellen. Erst das Erkennen dieser Rahmenbedingungen, die sich im Vergleich zu früher verändert haben, kann es erlauben, Schlüsse in Bezug auf die Situation von GS-DolmetscherInnen in Tirol und Kalifornien zu ziehen und Vorschläge zur Verbesserung von deren Situation zu wagen.

2. Durchführung der Untersuchung

Als Untersuchungsmethode wählte ich die schriftliche Befragung, d. h. ich trat an die Gruppe der Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen mit der Bitte heran, einen Fragebogen auszufüllen. Die befragten Personen wurden darüber informiert, dass ihre Antworten vertraulich und anonym behandelt werden würden.

a) Die Erhebung bei den Gehörlosen

Die Kontaktaufnahme zu den meisten Gehörlosen in Tirol wurde bei der Monatsversammlung im Innsbrucker Gehörlosenhaus hergestellt. Ich trat persönlich an die gehörlosen Personen heran und fragte sie, ob sie Zeit hätten, einen Fragebogen auszufüllen. Die meisten willigten schnell ein. Die Suche nach Befragten dauerte von Juli 2005 bis November 2005. Während meiner Reise in Kalifornien kam ich zweimal in der Woche zum College Ohlone in Fremont. Dort trat ich auch persönlich an jeden Gehörlosen heran. Professor Holcomb half mir bei dieser Suche. Die Suche nach InformantInnen dauerte von Mitte August bis Mitte September 2005. Insgesamt haben 22 Gehörlose einen Fragebogen ausgefüllt. Nur 7 von 22 Fragebögen wurden von den Gehörlosen eigenhändig entweder zuhause oder in meiner Anwesenheit ausgefüllt. 15 Fragebögen sind von mir persönlich in Anwesenheit der gehörlosen Personen ausgefüllt worden.

b) Die Erhebung bei den DolmetscherInnen

In der Dolmetschzentrale in Innsbruck und in Fremont trat ich mit meinem Anliegen an jede Dolmetscherin heran. Die Suche nach InformantInnen in Tirol und in Fremont fand gleichzeitig mit meinen Erhebungen zu den Gehörlosen, also in Tirol vom Juli 2005 bis Jänner 2006 und in Kalifornien von Mitte August bis September 2005, statt.

3. Erfassung der persönlichen Daten (Gehörlose) Vergangenheit

Dieser Teil des Fragenbogens umfasst Angaben über Geschlecht, Alter, Berufe, Hörbehinderungen und Häufigkeit des Bedarfs an GS-DolmetscherInnen. Die Befragung wurde anonym durchgeführt.

ANGABEN ZUR PERSON

Frage 1: Geschlecht

An dieser Befragung nahmen 11 gehörlose Frauen und 11 gehörlose Männer teil.

Frage 2: Alter

Tabelle 2: Der jüngste Befragte war 20, und der älteste Teilnehmer 82 Jahre alt.

20

30

38 x 2

46 x 2

51

62

82

24

35

44

47

     

27

37 x 3

45 x 2

50

55

67

 

Der jüngste Befragte war 20, und der älteste Teilnehmer 82 Jahre alt.

Frage 3: Berufsstände

Die Beteiligten üben überwiegend Handwerksberufe aus. Ich möchte sie in der unterliegenden Tabelle auflisten.

Tabelle 3: Berufsstände (überwiegend Handwerksberufe)

Sachbearbeiterin

Bauhof-Mitarbeiter

Kursbegleiter für Equalizent (Erwachsenenbildung für Gehörlose)

Edv-Trainer+ technischer Zeichner (derzeit arbeitslos)

Ehemalige Schneiderin, jetzt Bäuerin

Druckergehilfe

ÖBB- Bediensteter

2 Angestellte

Ehemalige Schneiderin, jetzt Hausfrau

Chemielaborantin+ EDV-Trainerin + PC-Technikerin

2 Tischler

2 Pensionisten

Restaurant-Bedienerin

 

Gemeindearbeiter + Bauer

3 Reinigungskräfte

Ehemaliger Schriftsetzer + Student

Arbeitslos

Ehemaliger Goldschmied jetzt Pensionist

 

Frage 4: Hörbehinderung gehörloser Befragten

11 von 22 gehörlosen Befragten waren gehörlos, und der Rest schwerhörig. In der Gruppe befindet sich keine Person, die ein Cochlear Implantat verwendet.

Frage 5: Häufigkeit der Inanspruchnahme der GS-DolmetscherInnen:

Die Auswertung zeigt, dass sich die Häufigkeit der in Anspruch genommenen GS-DolmetscherInnen nach dem individuellen Bedarf richtet. Wie man in Abbildung 1 erkennen kann, gibt es in Bezug auf die Inanspruchnahme von GS-Dolmetschern zwei Gruppen von Gehörlosen:

  1. Über 50% der Befragten nehmen einen GS-Dolmetscher häufig oder sehr häufig in Anspruch.

  2. Eine zweite Fraktion, nämlich 30%, benötigen selten oder gar nie einen GS-Dolmetscher.

Es ist interessant, dass nur 5% zwischen diesen beiden Gruppen stehen, welche manchmal, also nicht jeden Monat, einen GS-Dolmetscher benötigen.

Abbildung 2: Diagramm. Wie häufig nehmen Gehörlose und Schwerhörige die Dienste eines GS-Dolmetschers in Anspruch.

Tabelle 4 . Erläuterung zu Häufigkeitsangaben

Nie

selten

Manchmal

häufig

sehr häufig

wirklich nie

<4 Mal/ Jahr

4 - 11 Mal/ Jahr

jeden Monat

jede Woche

Man kann dies sehr einfach durch den Betätigungsbereich der Gehörlosen erklären. Tendenziell benötigen Gehörlose und Schwerhörige die Dienste eines GS-Dolmetschers häufiger, wenn sie sich in Ausbildung befinden, oder einen Beruf mit höherem Ausbildungsprofil ausüben. Allerdings zeigte die Auswertung, dass Gehörlose, die als Arbeitskraft eingestellt wurden, zu einem großen Anteil ebenfalls GS-Dolmetscher häufig in Anspruch nehmen. Man kann also die Häufigkeit der Inanspruchnahme eines Dolmetschers nur sehr grob auf den Betätigungsbereich eines gehörlosen Kunden zurückführen. Ausschlaggebend für die Dolmetschbedürfnisse ist letztlich auch die Lebenssituation des jeweiligen Gehörlosen.

ZUR HEUTIGEN SITUATION DER GS-DOLMETSCHER

Frage 1: Was für ein Vorteil hat heute im Vergleich vor 5/ 10/ 15 und 20 Jahren der Dolmetscheinsatz für Sie? Bitte erzählen Sie die Situationen von früher und heute...

Frühere Situation der GS-Dolmetscher:

Die Aussagen betreffen auch die Rahmenbedingungen der Betroffenen. In der damaligen Zeit war das Berufsbild des Gebärdensprachdolmetscher in Österreich noch unbekannt. Daher war es für Gehörlose fast unmöglich, einen GS-Dolmetscher zu bekommen. Es gab auch keine Ausbildungsmöglichkeiten für GS-DolmetscherInnen. Im Vergleich zu heute hatten die GS-DolmetscherInnen auch nicht viele Möglichkeiten, ihre Dolmetschtätigkeit auszuüben. Die GS-DolmetscherInnen sind heute eine der Vorraussetzungen für die Gleichstellung, die in der damaligen Zeit nicht vorstellbar war.

8 der Beteiligten gaben an, dass es früher nicht möglich war, unbeschränkteDolmetscheinsätze bzw. genügend Dolmetscher zu bekommen.

3 der beteiligten Gehörlosen sagten aus, dass es vor über 10 Jahren nur 1 - 2 offizielle Dolmetscher gab, die für ganz Tirol zur Verfügung gestellt wurden.

2 der gehörlosen Befragten betonten, dass Gehörlose einige Erledigungen ganz alleine mit Hörenden machten.

Laut den Aussagen von 3 Befragten waren es vor allem die Verwandten oder CODA - Kinder, die für ihre gehörlosen Verwandten bzw. gehörlosen Eltern bei Besprechungen oder bei wichtigen Erledigungen ein wenig übersetzten.

6 der gehörlosen Personen meinten, dass früher die gesellschaftliche Teilnahme nur sehr beschränkt möglich war: So gab es keine GS-Dolmetscher für das Studium oder die Berufschule. Es war auch nicht immer möglich, im Notfall einen Dolmetscher innerhalb weniger Stunden zu holen. Oft mussten Gehörlose deswegen verzweifelte Situationen erleben.

3 Befragte sagten, dass es nach den Kriegsjahren eine Dolmetscherin gab, die zugleichFürsorgemutter oder Seelsorgerin tätig war. Damals wurde diese verbindende Berufstätigkeit als selbstverständlich angesehen, was nicht mehr dem heutigen Berufsprofil entspricht.

1 Befragte sagte aus, dass damals nur bei Gericht eine Dolmetscherin automatisch zur Verfügung stand.

1 gehörlose Beteiligte war der Meinung, dass die Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden ohne Anwesenheit von GS-DolmetscherInnen mit viel Energieaufwand verbunden war, und Hörende oft Hemmungen hatten.

1 beteiligter Teilnehmer behauptete, dass Gebärdendolmetsch zu dieser Zeit nicht notwendig war.

1 Befragte sagte aus, dass er wenig Ahnung über die frühere Dolmetschsituation in Tirol hat.

1 gehörlose Beteiligte betonte, dass Gehörlose in dieser Zeit oft ihre Sachen lieber ruhen ließen und dass es in der Kommunikation zwischen Gehörlosen und Hörenden, die fast immer ohne GS-Dolmetscher stattfand, zu vielen Missverständnissen gekommen ist.

Diese Ergebnisse zeigen, dass die heutige Dolmetschsituation für Gehörlose mehr Vorteile als früher bringt. Sofern die Angaben der befragten Gehörlosen korrekt sind, waren nur 1 bis 2 offizielle GS-DolmetscherInnen für Tiroler Gehörlose anwesend, bevor die Dolmetschzentrale 2001 gegründet wurde. Ältere Gehörlose sahen in der Dolmetscherin Valerie Mikesch die wichtigste Person, was die Betreuung von Gehörlosen betraf. Sie wird von den alten Gehörlosen noch heute wie eine Heilige geehrt. Laut Erzählungen der alten Gehörlosen war sie rund um die Uhr für die Gehörlosen da und von früh bis spät in ihrem Büro erreichbar. Sie setzte sich unermüdlich für alle Wünsche und alle Bedürfnisse der Gehörlosen ein und wurde für ihr soziales Engagement von der Stadt Innsbruck geehrt. Auch die heutigen gesellschaftlichen, beruflichen und schulischen Bedingungen geben den Gehörlosen mehr Chancen und Vorteile, und fordern den Gebärdendolmetsch. Auch durch die Anerkennung der Gebärdensprache (vgl. Kapitel IV.4.e) in Österreich können Gehörlose ihre juristischen, sozialen und schulischen Rechte einfordern.

Frage 2: Welche Pflichten müssen GS-DolmetscherInnen erfüllen?

In den Antworten auf diese Frage sind am häufigsten folgende Punkte zu finden:

Alle befragten Gehörlosen gaben an, dass die Schweigepflicht bei GS-DolmetscherInnen strengstens eingehalten werden muss.

16 von 22 gehörlosen Beteiligten betonten Pünktlichkeit als weitere Pflicht für GS-DolmetscherInnen.

10 der gehörlosen Befragten legen großen Wert auf ordentliche und passende Kleidung der DolmetscherInnen. Die Kleidung soll nicht zu bunt sondern eher schwarz sein, um den Gehörlosen eine gute Sicht zu ermöglichen.

Weiters wird gepflegtes Aussehen der DolmetscherInnen laut Angaben von 11 gehörlosen Befragten als Pflicht angesehen.

4 der Befragten gaben an, dass die Neutralität bzw. Toleranz bei den DolmetscherInnen als Pflicht vorgeschrieben sei.

Laut Angaben von 4 gehörlosen Beteiligten ist die Weiterbildung für DolmetscherInnen verpflichtend.

3 der Befragten gaben an, dass die ordentliche Übersetzung von gesprochenen Worten in die Gebärdensprache als Pflicht für DolmetscherInnen durchgeführt werden sollte.

Nach den Aussagen von 2 Befragten sollen DolmetscherInnen verpflichtet sein, Gebärdenkompetenz zu haben.

2 gehörlose Beteiligte sind sich einig, dass DolmetscherInnen nicht zu auffälligen Schmuck wie Piercings oder Schmuck an den Händen tragen sollen.

Laut den Angaben von 2 befragten Personen sollen DolmetscherInnen unbedingt zuverlässig sein.

Für eine befragte Person sind Vertraulichkeit, Professionalität, Hilfsbereitschaft, Vernunft und Flexibilität oberste Pflichten für DolmetscherInnen.

1 von 22 Befragten gab an, dass es die Pflicht der DolmetscherInnen ist, dass sie keine Grimassen, sondern normale Mimik zeigen.

1 befragte Person war der Meinung, dass DolmetscherInnen anpassungsfähig sein sollen, zum Beispiel dass ihr Fachwissen im Bildungsbereich vorhanden sein soll und DolmetscherInnen eine Matura haben.

1 von 22 Befragten gab an, dass sich DolmetscherInnen dem jeweiligen Niveau bzw. dem Sprachniveau der Personen, für die sie dolmetschen, anpassen sollen.

Wenn ich diese Pflichten ansehe, erscheint es mir verständlich, dass Gehörlose die Schweigepflicht für GS-DolmetscherInnen als oberstes Gebot ansehen, um ihre eigene Privatsphäre geschützt zu sehen. Diese Pflicht gilt auch bei anderen Berufen, die in der Öffentlichkeit stehen, wie zum Beispiel: Arzt, Jurist oder Banker. Vom Berufstand des Gebärdendolmetschers wird also von gehörlosen und hörenden Klienten mehr Fairness und Loyalität gegenüber der Schweigepflicht verlangt. Auf Kleidung und ordentliche Übersetzung werden von den Gehörlosen und Hörenden Wert gelegt. Dies ist auch eine Vorschrift in der Öffentlichkeit, wenn die Person als GS-Dolmetscher im offiziellen Bereich auftritt.

Frage 3: Welche Rechte haben GS-DolmetscherInnen?

13 von 22 Befragten gaben an, dass GS-DolmetscherInnen berechtigt sind, einen Dolmetschauftrag mit Begründung oder aufgrund mangelnder Kenntnisse eines bestimmten Bereichs abzulehnen.

2 beteiligte Befragte waren der Ansicht, dass GS-DolmetscherInnen ein Recht auf Privatsphäre hätten, um ihre Identität zu bewahren.

9 Teilnehmer waren der Meinung, dass GS-DolmetscherInnen das Recht haben, während der Dolmetschung abzubrechen, wenn die Anredeperson nicht bereit ist, den Gebärdendolmetsch zu berücksichtigen oder wenn die Situation unzumutbar ist.

4 der 22 Befragten gaben an, dass GS-DolmetscherInnen das Recht haben, Grenzen zu zeigen, wenn die Situation unmöglich ist, das heißt, wenn zum Beispiel, jemand zu schnell oder zu kompliziert redet.

2 der Befragten meinten, dass geprüfte GS-DolmetscherInnen das Recht haben, bei Gerichtsverhandlungen zu übersetzen.

4 von den 22 Befragten haben zu dieser Frage keine Angaben gemacht.

Wie ich die Antworten zu den Rechten der GS-DolmetscherInnen interpretiere, beinhalten diese, dass auch GS-DolmetscherInnen eigene Rechte haben, einen Dolmetschauftrag ablehnen können und die Dolmetschung in Gebärdensprache abbrechen dürfen. Gerade wenn GS-DolmetscherInnen plötzlich ihnen unbekannten Inhalte übersetzen müssen, wirken sie oft unsicher beim Dolmetscheinsatz. Es ist eine Tatsache, dass GS-DolmetscherInnen einen zu schnell sprechenden Redner über ihre Dilemma aufklären. Für GS-DolmetscherInnen ist es gleichzeitig die Pflicht, den gehörlosen Zuseher oder Klienten die Informationen gleichmäßig aber korrekt weiterzugeben.

Frage 4: Was machen Sie, wenn kein GS-Dolmetsch für Sie zur Verfügung ist?

12 von 22 Befragten gaben an, dass sie den Termin verschieben, falls kein Dolmetsch möglich ist.

8 der Befragten gehen alleine zum Termin, wenn kein Dolmetsch da ist und sie die Situation eher für bewältigbar einschätzen.

Laut Angaben von 3 Befragten wird der vereinbarte Termin abgesagt, um Missverständnisse zu vermeiden.

9 der beteiligten Befragten gaben an, dass im Notfall eigene hörende Kinder oder Kollegen als DolmetscherInnen einspringen.

Nach den Angaben von 4 Befragten, verständigen sich Gehörlose und Hörende notfalls schriftlich. Dann nehmen sie Block und Kuli und schreiben einander auf.

1 Befragte hat keine Angaben zu dieser Frage gegeben.

Wie ich mir denke, müssen die Gehörlosen selbst entscheiden, ob sie einen Termin absagen oder verschieben, falls ihnen kein Gebärdendolmetsch zur Verfügung gestellt wird.

Frage 5: Suchen Sie sich eine GS-DolmetscherIn aus oder bekommen Sie eine GS-DolmetscherIn von der Zentrale zugewiesen?

5 der 22 Befragten bevorzugen eine Dolmetscherin, die von der Dolmetschzentrale zugewiesen wird.

8 Teilnehmer dieser Befragung suchen sich einen Dolmetscher bzw. eine Dolmetscherin aus, den sie für ihren nächsten Dolmetschtermin wollen. Bei dieser Frage erwähnte eine weitere Befragte, dass sie selbst ganz selten eine Dolmetscherin braucht, aber wenn sie eine braucht, dann sucht sie eine beliebige Dolmetscherin aus.

Bevorzugte DolmetscherInnen werden von 3 Beteiligten genannt, die für dessen Termin dolmetschen sollen. Falls es aus Zeitgründen für bevorzugte DolmetscherInnen nicht möglich ist, den Dolmetschauftrag anzunehmen, überlassen gehörlose Befragten der Dolmetschzentrale die Wahl einer Dolmetscherin. Für sie zählt allein, dass ein GS-Dolmetscher anwesend ist.

2 weitere Gehörlose gaben an, dass die Organisation von der Dolmetschzentrale unterschiedlich verläuft und vom Einsatz- und Themenbereich abhängig gemacht wird.

2 der an dieser Befragung beteiligten Gehörlosen gaben an, dass sie die beiden Möglichkeiten auswählen, entweder eine Dolmetscherin selber aussuchen oder eine von der Dolmetschzentrale beauftragter Dolmetscherin bekommen.

Eine beteiligte Person sagte aus, dass sie die beiden Möglichkeiten je nach Situation nutzt. So wird, zum Beispiel, für den Notartermin eine Dolmetscherin mit strikter Schweigepflicht bevorzugt. Beim Doktor wird im Laufe der ständigen Terminvereinbarungen die Dolmetschperson bevorzugt, die die Krankheitsbilder eines gehörlosen Patienten gut kennt. Abwechselnde DolmetscherInnen bei Arztterminen sind fast unmöglich, weil der Gehörlose immer wieder erklären muss, wie seine Krankheit verläuft.

Ich bin wiederum der Ansicht, dass Gehörlose für sich selbst entscheiden sollen, ob sie sich eine GS-Dolmetscherin selber aussuchen, oder von der Zentrale zuteilen lassen möchten. Es gibt einige Gehörlose, die immer dieselbe GS- Dolmetscherin bevorzugen, weil diese sie gut versteht Eine gute Verständigung zwischen den gehörlosen Klienten und den GS-DolmetscherInnen, die reibungslos und ohne Probleme in den verschiedensten Umfeldern verläuft, ist für alle Parteien anstrebenswert.

Frage 6: Gibt es typische Probleme mit GS-DolmetscherInnen? Können Sie ein Beispiel aufschreiben?

Die Befragten wurden bei dieser Frage gebeten, eigene Erfahrungen und persönlich wahrgenommene Probleme in Zusammenhang mit GS-Dolmetschen kurz zu erörtern:

1 gehörlose Beteiligte sagte aus, dass es zu kleinen Schwierigkeiten und Missverständnissen kommen kann, wenn er die Gebärdensprachdolmetscherin nicht gut kennt.

1 gehörlose Person meinte, dass Gehörlose mit einfachen Gebärdenkenntnissen nicht alles verstehen können.

1 weitere Beteiligte behauptete, dass GS-DolmetscherInnen immer zu zweit arbeiten müssen. Sie betonte, dass die Kosten sehr hoch sind und meist von der Landesregierung übernommen werden. Aber die Vereine müssen selber für die Kosten aufkommen, was gerechtfertigt, aber teuer ist. Die Gehörlosen möchten viele Vorträge oder Museen besuchen, die der Verein nur 2 - 3 x im Jahr organisieren kann.

1 beteiligte Gehörlose war der Ansicht, dass der Dolmetscher beim Dolmetschen ein anderes Wort als Gebärde wählt, obwohl der hörende Redner nicht das gleiche Wort erwähnt hat.

1 beteiligte Person erwähnte, dass es zu Terminkollisionen zwischen der Dolmetschzentrale und den hörenden Personen kommen kann. Ist die Terminvereinbarung nicht möglich, muss der bevorstehende Termin bei der hörenden Ansprechperson neu vereinbart werden, damit der gehörlose Klient eine Dolmetscherin bekommt.

1 beteiligte Person behauptete, dass es von der Dolmetscherin abhängt wie sie gebärdet, wie ihre Mimik gedeutet wird, wie ihre Kleidung ist und, dass man bei dunkler Kleidung die Gebärden (Hände) besser sieht.

1 Befragte sagte aus, dass man manche DolmetscherInnen leichter versteht als andere, weil ihre Art der Mimik und der Gebärde verschieden ist.

Laut der Aussage einer Befragten kann es problematisch sein, wenn ein Redner schnell spricht und der Dolmetscher auch schnell dolmetschen muss. Das Problem dabei ist, dass zuwenig Zeit zum Klären des gesprochenen Inhalts übrig bleibt und das Aufholen des Inhalts nach einer gewissen Zeit ist unmöglich wird.

Eine Befragte meinte, dass die Dolmetscherin den roten Faden verlieren kann, wenn sie die Rede des Sprechers nicht schnell versteht. In diesem Fall muss sie sich anstrengen und genauer hinhören und auffassen, was gesprochen wird.

1 gehörlose Befragte machte die Aussage, dass die GS-Dolmetscherin sie oft nicht versteht, wie zum Beispiel, bei der Bank: Die Fachberatung ist bei der Dolmetschübersetzung sehr kompliziert und die Fachwörter müssen oft in Gebärden erklärt werden.

Laut der Aussage einer Beteiligten kann es vorkommen, dass die GS-Dolmetscherin beim Dolmetscheinsatz ein Wort gebärdet, das dann ein gehörloser Zuschauer erfragen möchte. Dies ist allerdings unmöglich, weil die Dolmetscherin die Rede durchgehend übersetzen muss. Wenn ein Wort für die Dolmetscherin zu unbekannt zum Übersetzen ist, dann muss sie dieses Wort erst buchstabieren, was auch kostbare Zeit in Anspruch nehmen kann.

6 beteiligte Personen gaben an, dass GS-DolmetscherInnen zu wenig professionell wären. Weiteres sei zu wenig Gebärdenkenntnisse im Fachwissen vorhanden.

2 weitere Befragte meinten, dass ihnen keine typischen Probleme mit GS-DolmetscherInnen aufgefallen sind.

1 an der Befragung beteiligte Person fand die typischen Probleme mit GS-DolmetscherInnen normal.

1 Befragte erwähnte bei dieser Umfrage die Finanzsituation als typisches Problem mit GS-DolmetscherInnen.

1 befragte Person gab bei dieser Frage keine Antwort.

Man erkennt, dass die eigenen Beispielsituationen der Gehörlosen vielfältig sind. Oft genug brauchen Gehörlose immer wieder Erklärungen von Wortbedeutungen, wenn sie ein gesprochenes Wort nicht kennen. Auch die Gebärden zu diesen unbekannten Worten sind oft nicht vorhanden. Gehörlose mit einfacheren Gebärdenkenntnissen, wie zum Beispiel aus den Bergbauerdörfern, haben mehr Schwierigkeiten mit den Wortbedeutungen als die besser ausgebildeten Gehörlosen. Daher sollten die GS- DolmetscherInnen sich beim Dolmetschen an das Sprachniveau der jeweiligen Kunden anpassen können. Viele Hörende glauben oft, dass Gebärdensprachübersetzung für Gehörlose einfach und leicht zu machen sei. Es fällt ihnen oft auf den ersten Blick nicht auf, aber beim genaueren Hinschauen können Schwierigkeiten zwischen den beiden Parteien auffällig werden. Ich denke, jeder GS-Dolmetscher hat seinen eigenen Stil in der Gebärdenübersetzung und beim Voicen. Aus diesen Gründen ist es besonders wichtig, dass die GS- DolmetscherInnen in ihrer Dolmetschausbildung lernen, dass es wichtig ist von den Lippen der Gehörlosen abzulesen und von ihnen Gebärdendialekten zu erlernen. Da viele Anfänger auch Schwierigkeiten haben, ein Gespräch zwischen Gehörlosen zu verfolgen, weil es zu schnell für sie ist, brauchen sie viel Praxis im Umgang mit Gehörlosen.

Frage 7: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was würden Sie sich bezüglich DolmetscherInnen wünschen?

1 beteiligte Person wünschte sich, dass alle Dolmetscher mit den persönlichen Belangen ihrer Kunden - zum Beispiel für welchen Einsatz die Dolmetscher gearbeitet haben oder ob es eventuell Probleme gegeben hat - vertraulicher umgehen könnten, und dass es auch mehr Einsatzbereitschaft (von sich selbst aus dolmetschen) und mehr warme Zusammenarbeit mit den Vereinen (mit den Preise hinunter gehen) gäbe.

5 der befragten Beteiligten gaben an, dass es mehr DolmetscherInnen geben sollte, da in Tirol Mangel an DolmetscherInnen herrscht.

2 der Befragten sagten aus, dass sie dafür wären, wenn mehr Männer als Dolmetscher arbeiten könnten.

1 Beteiligte meinte, dass Ansprechpersonen im öffentlichen Dienst, wie zum Beispiel Ärzte oder Polizisten) Gebärden können sollten, denn sehr oft ist die dritte Person im Gespräch unerwünscht.

2 Befragte waren der Meinung, dass in Notfällen (z. B. Krankenhaus) schnell eine Dolmetscherin da sein sollte und das es vormittags oft sehr schwierig ist, einen Dolmetscher zu bekommen.

2 gehörlose Personen gaben an, dass es mehr DolmetscherInnen und prinzipiell auch männliche Dolmetscher geben sollte, weil es bis jetzt in Tirol nur einen einzigen männlichen (ungeprüften) Dolmetscher gibt.

Laut der Angabe einer weiteren Befragten wären Erklärungen von GS-Dolmetscherinnen nach einem Vortrag oder einer Rede wünschenswert und Rollenwechsel sollten in bestimmten Situationen möglich sein.

2 beteiligte Gehörlose gaben an, dass es toll wäre, wenn DolmetscherInnen in allen öffentlichen Einrichtung, wie zum Beispiel Krankenhäuser, Schulen und ähnliche, vorhanden wären, was eigentlich viel selbstverständlicher sein sollte, aber leider nicht der Fall ist. Familien, die mit Gehörlosen zusammen sind, sollten auch Gebärden beherrschen. Sie wünschen sich, dass nicht nur DolmetscherInnen, sondern jeder gebärden könnte.

Laut den Angaben von 8 Befragten ist es auffallend, dass die GS-DolmetscherInnen sich mehr weiterbilden lassen und über mehr Fachkenntnisse für Gebärden verfügen sollten. So sollen die "perfekte DolmetscherInnen" für Gehörlose möglich sein.

5 andere Beteiligte gaben keine Angaben zu dieser Frage.

Ich glaube, dass die meisten Gehörlosen sich oft wünschen, dass öffentliche Ansprechpersonen wie zum Beispiel Ärzte, Juristen oder Polizisten, Gebärden beherrschen, denn Gehörlose möchten auch mit ihnen einen persönlichen Kontakt aufbauen, und nicht über einen GS-Dolmetscher als dritte Person kommunizieren. Auch männliche GS-Dolmetscher wären bei Gehörlosen erwünscht, da Gehörlose meiner Ansicht nach sich auch mal mit solchen austauschen möchten und sich vom männlichen GS-Dolmetscher besser verstanden fühlen könnten als von Frauen.

Frage 8: Was wollen Sie mir noch etwas Interessantes oder Wichtiges sagen?

1 gehörlose Befragte meinte, dass vor 20 Jahren GS-Dolmetscheinsatz in Berufschulen nicht möglich war und Gehörlose mit dem Lernstoff selber durchkommen mussten. Jetzt sei die Bildungssituation für Gehörlose ihrer Meinung nach viel besser.

1 Beteiligte betonte, dass GS-DolmetscherInnen bei jedem Vortrag oder jeder Veranstaltung immer anwesend sind, wenn die Veranstalter dementsprechende Schritte gesetzt haben, z. B. Lesung in der Buchhandlung Tyrolia. Für sie ist es eine tolle Sache und sie meinte, dass noch mehr DolmetscherInnen zur Verfügung gestellt werden sollten.

1 gehörlose Beteiligte gab an, dass es noch immer zu wenige Dolmetscher in Österreich gibt.

Laut der Aussage einer Befragten sind GS-Dolmetscher nur Übersetzer, aber keine Sozialarbeiter. Gehörlose haben ein Recht darauf, ihre eigene Meinung zu sagen, ohne die Einmischung durch den Dolmetscher.

1 gehörlose Beteiligte meinte, dass es einige GS-Dolmetscher gibt, die ein Helfersyndrom haben und auch einige, die alles selbst erledigen, ohne Anwesenheit der gehörlosen Klienten. So werden Gehörlose bevormundet.

1 Beteiligte ist der Meinung, dass GS-Dolmetscher nicht Sozialarbeiter, sondern nur Übersetzer für Gehörlose sein sollten. Gehörlose sollen nicht bevormundet werden, was aber leider oft, und besonders bei älteren Leuten passiert.

1 Befragte sagte aus, dass beispielweise bei privaten Veranstaltungen wie z. B. Tupperwarepartys, eine Dolmetscherin fein wäre, für die dann alle anwesenden gehörlosen Besucher die Dolmetschkosten übernehmen.

1 gehörlose Befragte behauptete, dass GS-Dolmetscher oft unter Gehörlosen sein sollten, damit sie immer wieder neue Wörter erlernen.

3 Beteiligte gaben an, dass es heute immer noch Dolmetschmangel in Tirol gibt, so wie sie sagten, dass Gehörlose der Dolmetschzentrale einen Termin meist 1 - 2 Wochen früher bekannt geben müssen, um ihn fixieren zu können. Auch im Notfall ist es unmöglich, schnell eine Dolmetscherin zu organisieren.

1 gehörlose Befragte meinte, dass bei den GS-DolmetscherInnen mehr Schweigepflicht, bessere Mitarbeit und Einführung strengerer Regeln erforderlich ist.

10 weitere beteiligte Personen haben diese Frage nicht beantwortet.

Wie ich dies sehe, ergänzten Gehörlose zu dieser Frage, dass es noch andere Perspektiven bei den GS-Dolmetschern und Gehörlosen im Unterschied zu früher gibt. Damals, als es noch keine GS-DolmetscherInnen in Berufschulen gab, gab es noch kaum Rechte für Gehörlose und die finanzielle Fragen war meist ungeklärt. In dieser Zeit mussten Gehörlose einfach mitschreiben und schriftliche Prüfungen ablegen. In dieser Form war es natürlich langweilig, dem Unterricht zu folgen und meist verstanden Gehörlose den Inhalt nicht, was teils auch an mangelnder Förderung im Elternhaus lag. In der heutigen Zeit haben es Gehörlose viel leichter als damals, da sie sich auch durch die Anerkennung der Gebärdensprache mehr Rechte einfordern können. Andererseits haben Hörende jetzt mehr Akzeptanz der Gebärdensprache gegenüber entwickelt und nehmen mehr Rücksicht auf ihre Sprache und ihre Kultur in der Gehörlosengemeinschaft. Das fördert mehr Selbstbewusstsein bei Gehörlosen und Hörenden zugleich.

Frage 9: Welche Vorteile hätten wir, wenn Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) endgültig anerkannt würde? (Diese Frage wurde noch vor der Bekanntgabe der Anerkennung der ÖGS gestellt.)

16 der beteiligten Gehörlosen gaben an, dass es durch eine Anerkennung der ÖGS bessere Ausbildungsmöglichkeiten für Gehörlose gibt.

14 von 22 Befragten meinten, dass es dadurch mehr Dolmetscheinsätze gäbe.

7 der teilnehmenden Befragte waren der Ansicht, dass Gehörlose dadurch gleichberechtigt bzw. gleichgestellt wie Hörende werden.

5 weitere Befragte sind der Ansicht, dass Gehörlose mehr Rechte erhalten als bisher.

1 befragte Beteiligte behauptete, dass Hörende durch Anerkennung der ÖGS motiviert werden, ÖGS zu erlernen wie bei anderen Fremdsprachen im Bildungsbereich.

5 Personen sagten aus, dass es dadurch mehr Möglichkeiten für Gehörlose gibt, wie z. B. in den technischen und alltäglichen Bereichen und bei Notfällen.

1 Beteiligte meinte, dass dadurch mehr Unterstützungen vom Staat, Land und Stadt bei Dolmetschkosten, Schulen, Arbeit, Ausbildung, Weiterbildung, usw. gibt.

1 Befragte behauptete, dass Gehörlose dadurch gleich viel Informationen wie Hörende erhalten.

Wie ich diese Antworten der gehörlosen Befragten verstehe, legen sie den höchsten Wert darauf, dass Gehörlose unbeschränkten Zugang zu allen Bildungsmöglichkeiten haben. Sie wollen auch im Berufsleben nützlich sein und trotz ihrer Hörbehinderung ihre Leistungen erbringen können. Durch die Anerkennung der Gebärdensprache in Österreich können nicht nur Gehörlose, sondern auch GS-Dolmetscher mehr für ihre Rechte eintreten und ihre eigene Initiativen setzen.

Frage 10: Fällt Ihnen auf, dass Gehörlose und GS-DolmetscherInnen unterschiedliche Gebärdendialekte im eigenen Land beherrschen?

17 der 22 Befragten meinten, dass ihnen unterschiedliche Gebärdendialekte im eigenen Land aufgefallen sind. Es geschieht es auch wie bei Hörenden, die ihre Dialekte in eigenen Dörfern im eigenen Land zu pflegen schätzen. Dies geschieht nicht nur in Tirol, sondern in ganz Österreich. Manche Tiroler und Wiener Gebärden sind jedoch ähnlich.

2 Beteiligte gaben an, dass es in jedem Land auch verschiedene Dialekte gibt, so wie bei Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen, aber eine Bedingung ist, dass GS-DolmetscherInnen sich an die offizielle Gebärdensprache und die entsprechenden Gebärdendialekte im eigenen Land halten.

3 beteiligte Befragte meinten, dass wiederum unterschiedliche Gebärdendialekte zwischen den jüngeren und älteren Generationen zu erkennen sind.

1 befragte Gehörlose sagte aus, dass unter den Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen kaum Einheitsgebärden verwendet werden. Allerdings wäre es sehr wichtig, dass diese Einheitsgebärden bereits in der Schule unterrichtet werden. Die Basisgebärden, die von allen gehörlosen Kursleitern aus ganz Österreich ausgesucht wurden, werden in den Fachbüchern wie zum Beispiel Medizin dargestellt. Für Hörende ist es ein großer Vorteil, diese Gebärden aus Fachbüchern lernen zu können.

1 gehörlose Person betonte, dass Gehörlose meistens in Dialekten gebärden, einfache Ausdrücke verwenden und ihre Grammatik nicht so gut ist, während die GS- DolmetscherInnen meistens hochdeutsch gebärden.

1 Befragter behauptete, dass es ihm nicht aufgefallen ist, dass Gebärdendialekte im eigenen Land zwischen Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen unterschiedlich sind.

Meiner eigenen Interpretationen nach ist es eine Tatsache, dass Gehörlose und GS-DolmetscherInnen eigene Gebärdendialekte benutzen. Es ist dies auf die verschiedenen Laufbahnen der Gehörlosen und GS- DolmetscherInnen zurückzuführen. Man kann sehen, wie sich Gehörlose und GS- DolmetscherInnen im Gebrauch ihrer Muttersprache bzw. Fremdsprache entwickeln und ihre eigenen Gebärdendialekte durch ständige Kommunikation stärken, welche wiederum leicht zu erkennen geben, woher sie kommen und auf welchen Niveau sie stehen. Ich gehe davon aus, dass es für Gehörlose und GS- DolmetscherInnen wichtig ist, sich mit den Gebärdendialekten irgendwo in der Mitte zu treffen. Das gilt auch für hörende Gebärdensprachkursteilnehmer, die vielleicht später eine Dolmetschausbildung in Gebärdensprache absolvieren wollen.

Frage 11: Sind GS-Dolmetschsituationen für Hörenden oft neu? Wie reagieren Hörende in diesen Situationen? Können Sie ein Beispiel aufschreiben?

9 von 22 Befragten gaben an, dass Hörende, die zum ersten Mal die GS-Dolmetschsituationen sehen, positiv reagieren und viele Fragen zur Gehörlosenkultur, Dolmetschausbildung. Gebärdenkurse und ähnliches stellen. Die häufigsten Fragen sind meist, ob die Gebärden je für einen Buchstaben stehen und ob sie schwer zu Erlernen sind. Ihr Interesse an der Gebärdensprache ist groß und sie sind von der Schnelligkeit der Gebärdenabfolgen fasziniert. Sie finden die Kommunikation in Gebärden unter Gehörlosen sehr praktisch.

8 der befragten Gehörlosen waren der Meinung, dass Hörende, die zum ersten Mal in GS-Dolmetschsituationen sind, ein wenig verwirrt sind. Sie können sich nicht vorstellen, wie schnell und lautlos sich Gehörlose in Gebärdensprache verständigen. Sie sind der Meinung, dass die Sprache der Gehörlosen schwierig ist. Sie wissen oft nur sehr wenig über Gehörlosenkultur und dem Umgang mit Gehörlosen. Für sie ist es sehr oft ungewohnt, wenn eine GS-Dolmetscherin in ihrer Anwesenheit dolmetscht. Hörende schauen meistens die GS-DolmetscherInnen statt die Gehörlosen an und sie warten mit dem Reden bis die DolmetscherInnen fertig übersetzt haben. Sie fragen auch, ob sie häufiger Pausen machen sollen oder wie sie reden sollen.

1 Befragte sagte aus, dass einige Hörende meinen, dass GS-DolmetscherInnen Begleitpersonen sind, oder dass die Gehörlosen nicht lesen, schreiben oder sprechen können und die GS- DolmetscherInnen das alles selbst erledigen würden.

1 gehörlose Beteiligte betonte, dass Ihr Arzt sie gut kennt, weil sie oft mit ihm alleine zu reden pflegte. Nur wenn sie etwas nicht verstand und Klarheit brauchte, ließ sie sich von ihrer GS- Dolmetscherin zum Arzttermin begleiten. Der Arzt blieb beim Reden stehen und wusste nicht, wie er seine Rede fortsetzen sollte. Er wurde von der Dolmetscherin aufgefordert, weiter zu sprechen. Für ihren Arzt war es eine interessante Erfahrung, dass die Übersetzung in Gebärdensprache kürzer war als in normaler deutscher Sprache.

Laut Aussage einer Beteiligten hat sie nicht genau überlegt, wie Hörende auf GS-Dolmetschsituationen reagieren. Sie weiß nicht, was Hörende über Dolmetschsituationen sagen.

1 weitere gehörlose Person betonte, dass Hörende oft von Gehörlosen wissen, und aber keine Ahnung von Gehörlosenkultur haben und mehr darüber informiert werden sollten.

1 gehörlose Befragte war der Ansicht, dass Hörende auf GS-Dolmetschsituationen reagieren, indem sie GS-DolmetscherInnen beim Voicen und Redewendungen in Gebärdensprache sehen.

Wie die Dolmetschsituationen mit Hörenden beschrieben werden, hängt davon ab, wie die hörenden Teilnehmer den Gebärdendolmetscher und den gehörlosen Klient ansehen und ob sie sich vorstellen können, was es heißt, gehörlos zu sein. Es ist für Hörende oft unvorstellbar, dass es möglich ist, nichts zu hören und doch ein normales Leben zu führen. Die Kommunikationsform zwischen GS-DolmetscherInnen und Gehörlosen ist leise und wirkt auf die Beobachter oft faszinierend und geheimnisvoll. Sie glauben immer wieder, dass die Gebärdensprache leicht zu lernen und international sei. Hörende sind nicht gewohnt, sich ausschließlich visuell auf die Sprache des Gegenüber zu konzentrieren. Es ist natürlich schwer für Hörende, diese Sprache in kurzer Zeit zu lernen, ebenso wie es für Gehörlose schwer ist, während des ganzen Gesprächs von den Lippen zu lesen. Daher ist die Gebärdensprache der Mittelweg im Gespräch für die beiden, für hörende und gehörlose Partner.

Zusammenfassung:

Aus der Sicht der befragten Gehörlosen ist es bekannt, dass der Berufstand des GS-Dolmetschers noch sehr jung ist und die Österreichische Gebärdensprache in Österreich erst seit 2005 anerkannt ist. Für sie selbst ist es immer wichtig, dass GS-DolmetscherInnen professioneller sein müssen und ihren Bedürfnissen entsprechend angefordert werden können. Zu den wichtigsten Punkten gehören Pflichten und Rechte der GS-DolmetscherInnen, die Bewältigungen der Situationen, optimale Gebärdenkenntnisse, Flexibilität und Neutralität gegenüber Gehörlosen. Sie müssen immer wieder beachtet bzw. gefördert werden, damit der Berufstand der GS-DolmetscherInnen nicht gefährdet wird. Bei Gehörlosen ist es von großer Bedeutung, dass sie nicht bevormundet oder überredet, werden und ihre Entscheidungen selbst treffen können. Überaschenderweise wollen die Befragten männliche GS-DolmetscherInnen zur Verfügung haben, da meist nur Frauen in diesem Bereich tätig sind. Auch es ist ein Wunsch der Gehörlosen, dass mehr GS-DolmetscherInnen in Tirol in Einsatz sein sollen.

4. Erfassung der persönlichen Daten der Befragten (GS-DolmetscherInnen)

Dieser Teil des Fragenbogens gibt Auskunft über die GS-DolmetscherInnen. Hier wurden Fragen zusammengestellt, die Geschlecht, Alter, Beruf, Hörbehinderung und Häufigkeit des Bedarfs an GS-DolmetscherInnen betreffen.

ANGABEN ZUR PERSON

Frage 1: Geschlecht

Die Befragung wurde anonym durchgeführt. Bei dieser Befragung nahmen 7 Frauen, allesamt geprüfte Dolmetscherinnen, und 1 Mann (ungeprüfter Dolmetscher) teil.

Frage 2: Alter

Die Beteiligten wurden gebeten, ihr Alter anzugeben. In der nachfolgenden Tabelle sind die Angaben zum Alter der GS-DolmetscherInnen aufgelistet.

Alter von 8 beteiligten DolmetscherInnen:

Tabelle 5: Alter von 31 - 49

31

37

2 x 33

2 x 47

34

49

In Bezug auf das Alter - der Durchschnittswert liegt bei 38,9 Jahren - bilden die Beteiligten eine recht homogene Gruppe. Anhand des Alters lassen sich allerdings keine Besonderheiten feststellen.

Frage 3: Berufsstände

Auch die Berufsstände der beteiligten ÖGS-DolmetscherInnen wurden erhoben. Als ÖGS-DolmetscherInnen sind die Beteiligten entweder hauptberuflich oder nebenberuflich beschäftigt.

Tabelle 6: 1 Verteilung von haupt- und nebenberuflichen GS-DolmetscherInnen

Hauptberuflich GS- DolmetscherIn:

Nebenberuflich GS- DolmetscherIn:

5 Beteiligte

1 Sozialpädagogin

1 Arbeitsassistentin 1Gehörlosenseelsorger (ungeprüft)

Bei der Interpretation fällt auf, dass nebenberufliche DolmetscherInnen meist im Sozialbereich arbeiten und nur auf Auftrag für einen gehörlosen Klienten dolmetschen.

Frage 4: Wie oft sind GS-DolmetscherInnen pro Woche im Dolmetscheinsatz für Gehörlose?

Es fällt bei dieser Auswertung auf, dass die beteiligten GS-DolmetscherInnen zum Dolmetschen den Bedürfnissen der Gehörlosen entsprechend beauftragt werden.

Die Auswertungen weisen starke Unterschiede bei der Häufigkeit der Dolmetscheinsätze auf.

Abb.3: Die meisten befragten GS-DolmetscherInnen arbeiten bis etwa 5 Mal pro Woche als DolmetscherIn.

ZUR FRÜHEREN SITUATION DER GS-DLMETSCHERINNEN:

Frage 1: Wie viele GS-DolmetscherInnen gab es vor 5/ 10/ 15/ 20 und 30 Jahren in Tirol und in Österreich? Bitte Jahre und Anzahl angeben! Warum?

Bei dieser Frage stellte sich heraus, dass die beteiligten DolmetscherInnen nur vage Vorstellungen von der früheren Dolmetschsituation in Tirol und Österreich hatten. 2 Befragte haben diese Frage nicht beantwortet.

Von 1975 bis 1995 gab es keine geprüften DolmetscherInnen in ganz Österreich. Eine Schätzung über die Anzahl der GS-DolmetscherInnen abzugeben erweist sich als recht schwierig. Deshalb können keine Details zu diesen Situationen in Österreich angeführt werden. Im Jahr 2000 gab es 25 DolmetscherInnen in Österreich und die erste Weiterbildungsmöglichkeit wurde an der Universität Graz eingerichtet.

Von 1975 - 1985 sind die Details zu der früheren Dolmetschsituation in Tirol nicht bekannt. 1985 hat es in Tirol zwei hauptberufliche GS-DolmetscherInnen gegeben, die voll im Einsatz zu Gunsten der Gehörlosen tätig waren. Von 1990 bis 1995 standen nur eine hauptberufliche Dolmetscherin und 2 - 3 nebenberufliche GS-DolmetscherInnen in Tirol zur Verfügung. Im Jahr 2000 gibt es in Tirol etwa 5 geprüfte GS-DolmetscherInnen, die nach der Gründung des ÖGSDVs Dolmetschprüfungen offiziell ablegen konnten. 2001 wurde die Dolmetschzentrale in Innsbruck gegründet. Seit damals gibt es dank Gebärdenkurse, sonstigen Weiterbildungen und offiziellen Dolmetschprüfungen immer mehr GS- DolmetscherInnen.

Wie ich diese frühere Situation sehe, hing diese von den politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in Österreich ab, da, unter anderem, die Gebärdensprache noch nicht anerkannt war. Gehörlose wurden oft bevormundet und konnten ihren Willen für ihren beruflichen Werdegang nicht durchsetzen. Damals waren viele Hörende über die Gehörlosigkeit kaum oder wenig informiert. Damals wurden GS-Dolmetscher auch oft nur als Sozialarbeiter oder Helfer angesehen, weil es damals noch keine Rechte oder Ehren- und Berufsordnung für GS-DolmetscherInnen gab. Erst in den letzten Jahrzehnten wurden die Forderungen nach einer Gerechtigkeit für Gehörlose immer lauter und die Anerkennung der Gebärdensprache erreicht.

Frage 2: Wo (im welchen Bereich) dolmetschten GS-DolmetscherInnen vor 5/ 10/ 15/ 20 und 30 Jahren hauptsächlich?

Bei dieser Untersuchung ergaben sich teilweise auch unklare Aussagen von 7 GS-DolmetscherInnen. Nur eine Beteiligte sagte, dass sie damals nicht involviert war. Aufgrund der mangelnden Interviewergebnisse möchte ich versuchen, einen selbsterstellten Überblick über die Arbeitsbereiche der GS- DolmetscherInnen darzustellen.

Von 1975 bis 1990 dolmetschten die meisten GS-DolmetscherInnen eher weniger im Privatbereich, sondern wenn Sozialdienste für den Besuch bzw. die Inanspruchnahme von einer der folgenden Instanzen notwendig war: Arzt, Klinik, Gericht, Behörden, Polizei, Ämter, Eltern/ Schulen, religiöse Anlässe und Feiern. Ab 1995 wurden die GS-DolmetscherInnen im Bildungsbereich und im beruflichen Bereich, wie zum Beispiel Berufssitzungen, mehr in Anspruch genommen. Die Einsätze im oben erwähnten Sozialbereich nahmen ebenfalls zu. Im Jahr 2000 wurden hohe Stundenanzahl für DolmetscherInnen vor allem im Ausbildungsbereich und in fast allen Bereichen angerechnet. Dies geschah beispielweise in allen Berufschulen, Gymnasien, Abendschulen, Universitäten, Arbeitsbesprechungen und Veranstaltungen.

Um einen Einblick in den Umfang der Dolmetscheinsätze, die von dem Gehörlosenzentrum Innsbruck vermittelt werden, zu bekommen, möchte ich nun einen Auszug aus dem Tätigkeitsbericht 2006 vorstellen. Im Vergleich zum letzten Jahr (2005) hat sich die Anzahl der Aufträge von 831 auf 1192 um 30 Prozent gesteigert. Auch die Anzahl der Klienten hat sich von 119 (2004) auf 151 (2005) gesteigert. Bei diesen Zunahmen ist es allerdings interessant zu beobachten, dass die Summe der Dolmetschstunden sogar abgenommen hat. Während im Jahr 2004 noch 2188,5 Dolmetschstunden vermittelt wurden, ist dies im Jahr 2005 auf 2156 leicht zurückgegangen. Das heißt, dass mehr Einsätze für mehr Kunden vermittelt wurden, aber dass diese Einsätze im Schnitt weniger lang gedauert haben. Es scheint, als ob mit den vorhandenen Mitteln von Gehörlosenzentrum sehr sorgsam umgegangen wird (Tätigkeitsbericht, 2006, S. 24).

Frage 3: Seit wann müssen GS-DolmetscherInnen geprüft sein?

Zu dieser Frage brachten alle beteiligten Befragten ihre eigenen Ansichten:

3 der GS-DolmetscherInnen sagten aus, dass die GS-DolmetscherInnen seit 1998 geprüft sein müssen.

3 weitere betonten, dass GS-DolmetscherInnen im Zeitraum von 1998 - 2000 geprüft sein müssen.

1 Befragte war der Meinung, dass es geprüfte und ungeprüfte GS-DolmetscherInnen gibt. Ihrer ungefähren Vorstellung nach gibt es die Dolmetschprüfung des ÖGSDV seit 1995. Ihrer Aussage nach hat Deutschland schon länger regionale Prüfungen.

1 weitere Beteiligte betonte, dass GS-DolmetscherInnen überhaupt nicht geprüft sein müssen. Nur geprüfte GS-DolmetscherInnen bekommen einen höheren Stundensatz und das Bundessozialamt zahlt nur Geprüften GS-DolmetscherInnen das Dolmetschgehalt. Der Rest kann ohne weiteres von ungeprüften GS-DolmetscherInnen übernommen werden. Die Prüfung gibt es seit circa 1992.

Wie bereits erwähnt (Vgl. Kapitel V. Abschnitt 2.b), "Kommisionelle Prüfungen"), hingen die jeweiligen Prüfungsverfahren und das jeweilige Prüfungsniveau sehr stark von den GS-DolmetscherInnen und den jeweiligen institutionellen Gegebenheiten ab. Viele welche die Gebärdensprache auch nur annährend beherrschten, konnten solche Prüfungen bestehen und ohne professionelle Kompetenzen zu einem GS-DolmetscherInnen Ausweis gelangen. In dieser Hinsicht hat sich aufgrund der zunehmenden Professionalisierung des Berufes und der Ausbildung viel verbessert.

Frage 4: Welche Prüfungen konnten vorher abgelegt werden?

5 der Befragten gaben an, dass es vorher keine Prüfungen in Österreich gab.

1 beteiligte Person betonte, dass es früher keine bzw. nur die "Gerichtsprüfung" gegeben hat, die jedoch von Prüfern bewertet wurde, welche selber nicht gebärdenkompetent waren.

2 der Befragten behaupteten, dass der Erfahrungen nach DolmetscherInnen von Tirol ihre Prüfungen in München abgelegt haben.

1 beteiligte Person sagte aus, dass man Gebärdensprachkenntnis- Prüfungen am Berufsförderungsinstitut, der Volkhochschule und privaten Gebärdensprachkursen ablegen konnte.

Wie ich dies interpretiere, war es üblich, dass Gebärdensprache in damaliger Zeit in Österreich noch nicht erforscht war. Daher denke ich mir, dass die früheren GS-DolmetscherInnen oft CODAs, Erzieher, Lehrer oder Bezugspersonen von Gehörlosen waren und somit Vorteile hatten, diese Prüfungen zu bestehen. Mit der bestandenen Prüfung können sie bestätigt werden, dass sie den Dolmetscheinsatz leisten dürfen.

Frage 5: Waren die GS-DolmetscherInnen früher CODAS?

Wenn ja, warum?

Alle Beteiligten sagten aus, dass GS-DolmetscherInnen früher CODAS waren. Alle Beteiligten gaben dafür unterschiedliche Gründe:

  • dass Gebärdensprache auch ihre Muttersprache ist und viele Gehörlose Vertrauen zu CODAS haben. Heute sind 5 CODAS in Tirol.

  • dass Codas zweisprachig aufwachsen und schon als Kind die Feinheiten der Gebärden lernen.

  • dass GS-DolmetscherInnen teils CODAS sind und Gebärdensprache von ihren gehörlosen Eltern gelernt haben.

  • dass GS-DolmetscherInnen meistens CODAS sind und ihre Muttersprache Gebärdensprache ist.

  • dass früher keine geprüften GS-DolmetscherInnen vorhanden waren.

  • dass es einfacher und billiger war und sonst niemand da war.

  • dass es keine gute Dolmetschausbildung gab

  • dass im Laufe des Familienlebens oft hörende Kinder oder Partner der gehörlosen Familienmitglieder die Dolmetschtätigkeit übernahmen

Wenn nein, wer?

3 beteiligten Befragten gaben an, dass hörende Personen die vor allem im Sozialbereich arbeiteten oft die Dolmetschtätigkeit übernahmen: Gehörlosenlehrer, Pfarrer, Erzieher, Logopädinnen. Die meisten von ihnen beherrschen nur wenig Gebärdensprache.

1 Person sagte aus, dass es auch interessierte Hörende gab, die Gebärdensprache gelernt und gedolmetscht haben und das vor allem, wenn sie im religiösen Bereich und Sozialbereich tätig waren.

1 beteiligte Befragte betonte, dass Frau Mikesch (vgl. S. 142) keine CODA war.

3 weitere Beteiligte gaben keine Antworten zu dieser Frage.

Ich kann feststellen, dass damals GS-DolmetscherInnen zum Teil zur Gruppe der CODAs und zum Teil zur Gruppe der Hörenden gehörten. Oft genug mussten CODAs bereits früh für ihre gehörlosen Eltern oder Verwandten übersetzten; sogar bei wichtigen Erledigungen in öffentlichen Einrichtungen. Wie ich mir denke, hatten Gehörlose meist mehr Vertrauen zu den Hörenden, die praktisch in der Gehörlosenwelt aufgewachsen und mit der Gehörlosenkultur sehr vertraut waren. GS-DolmetscherInnen, die nicht CODAs waren, erlernten die Gebärdensprache oft, weil sie im schulischen oder sozialen Bereich hauptsächlich mit Gehörlosen arbeiteten und für sie übersetzten.

Frage 6: Wie wurde der GS-Dolmetscher beauftragt/ bestellt?

1 Beteiligte behauptete, dass der GS-Dolmetscher schriftlich oder persönlich beauftragt wurde.

2 Befragten betonten, dass der bestimmte GS-Dolmetscher von einem Gehörlosen persönlich beauftragt wurde.

Laut einer Befragten war eine GS-Dolmetscherin damals hauptsächlich als Vereinsekretärin für Gehörlose tätig.

1 Person gab an, dass ein GS-Dolmetscheinsatz privat vereinbart wurde.

1 Beteiligte betonte, dass, wenn kein Kind zum Dolmetschen da war, der GS-Dolmetscher über den Landesverband oder über andere Gehörlose organisiert wurde.

1 beteiligte Befragte sagte aus, dass man als CODA nicht gefragt wurde, sondern zum vereinbarten Termin mit einem Gehörlosen hingegangen war. Wie es beauftragt/ bestellt wurde, ist ihr unbekannt.

Wie ich dies sehe, hängt es vor allem von der Situation ab, wie Gehörlose die GS-DolmetscherInnen wählen, die sie haben möchten.

ZUR HEUTIGEN SITUATION DER GS-DOLMETSCHERINNEN

Frage 7: Wie ist die heutige Situation der GS-DolmetscherInnen in Tirol und Österreich? Bitte erzählen Sie...

6 der 8 Befragten sagten aus, dass es in Tirol und in Österreich heute mehr Dolmetscher gibt, aber Dolmetschmangel herrscht.

3 beteiligte Personen gaben an, dass es heute eine bessere Organisation durch die Dolmetschzentrale gibt bzw. dass eine gute Kooperation zwischen Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen durch die Dolmetschzentrale besteht.

1 Person betonte, dass die meisten GS-DolmetscherInnen ihre Prüfungen in Graz ablegen und es oft Streit darüber gibt, wer die Dolmetschleistung bezahlen soll.

1 Befragte gab an, dass es in Wien noch keine Dolmetschzentrale gibt und jeder Gehörlose selber eine GS-Dolmetscherin organisiert. Sie betonte, dass der GS-DolmetscherIn immer noch ein junger Beruf ist (7 Jahre).

1 Beteiligte behauptete, dass Weiterbildungen für GS-DolmetscherInnen angeboten werden und leider noch immer einige Gehörlose und Hörende gibt, die glauben, dass GS-DolmetscherInnen auch Sozialarbeiter sind und helfen sollen. Laut dieser Befragten sind einige Gehörlose und Hörende der Meinung, dass GS-DolmetscherInnen überbezahlt sind und oft Vorbereitungsunterlagen bekommen.

1 weitere Person sagte aus, dass GS-DolmetscherInnen geprüft sind und meist Mitglieder des Österreichischen Gebärdensprachdolmetscherverbands (ÖGSDV) sind. Sie unterliegen einer Berufs- und Ehrenordnung, welche zu Weiterbildung verpflichtet.

1 Beteiligte sagte aus, dass die heutige Situation in Bewegung ist und es einen Uni- Lehrgang gibt, der sehr hoch geschätzt wird, aber bis jetzt nur wenige Absolventen hervorgebracht hat. Die ÖGSDV-Prüfung ist der zweite Standard mit vielen AbsolventInnen. Laut dieser Beteiligten gibt es viel Teamarbeit, aber auch viele Konflikte. Mit der Zeit werden GS-DolmetscherInnen durch selbstorganisierte Fortbildung und stabiler regionaler Teams professioneller, wobei auch Netzwerke immer wichtiger werden.

Die Aussagen der befragten GS-DolmetscherInnen zeigen, dass in Tirol noch immer Dolmetschmangel herrscht, weil Gehörlose auch mehr Anspruch auf GS-DolmetscherInnen haben, was früher nicht möglich war. Daher müssen GS-DolmetscherInnen immer professioneller werden, weil sie neue Erkenntnisse sammeln müssen und neue Situationen und neue Gebärden lernen sollten. In der heutigen Zeit ist es undenkbar geworden, dass GS-DolmetscherInnen lediglich mit einer einmaligen Prüfung Arbeitsaufträge erhalten.

Frage 8: Wie werden GS-DolmetscherInnen heute beauftragt?

Alle 8 Befragten sagten aus, dass GS-DolmetscherInnen heute über die Dolmetschzentrale beauftragt werden.

2 beteiligte Personen gaben an, dass GS-DolmetscherInnen über gehörlose Klienten per Fax,SMS, Email oder durch persönliche Absprache beauftragt werden.

4 Befragten betonten, dass GS-DolmetscherInnen privat bzw. persönlich bestellt werden.

1 beteiligte Person behauptete, dass GS-DolmetscherInnen selten von Gehörlosen beauftragt werden.

Laut der Angaben einer Befragte werden GS-DolmetscherInnen über den Tiroler Landesverband der Gehörlosen beauftragt.

1 befragte Person sagte aus, dass GS-DolmetscherInnen auch von Hörenden bestellt werden.

1 Person betonte, dass der Dolmetscheinsatz vom Bundessozialamt, vom Land Tirol, von Firmen oder privat bezahlt wird.

Ich bin der Ansicht, dass moderne technische Mittel wie zum Beispiel Fax, SMS oder Email für Gehörlose enorm wichtig geworden sind. Es ist ein großer Vorteil für sie, die Dolmetschzentrale schneller zu erreichen und leichter einen Termin auszumachen.

Frage 9: Welche Pflichten müssen GS-DolmetscherInnen erfüllen?

Alle 8 Befragten haben ähnliche Punkte bezüglich dieser Frage angeführt. 3 von 8 haben angedeutet, dass die Pflichten der GS-DolmetscherInnen laut der Berufs- und Ehrenordnung festgelegt sind. Die restlichen Befragten haben die folgenden Punkte aufgelistet: Verschwiegenheit bzw. Schweigepflicht, richtige und sinngemäße Dolmetschung bzw. genaue Übersetzung durch gesprochene Sprache, Neutralität, Pünktlichkeit, Gepflegtheit bzw. ordentliche Kleidung, gute Vorbereitung nach Möglichkeit, Anpassung an Situation (Setting), Kollegialität unter GS-DolmetscherInnen und ständige Weiterbildung.

Ich bin der Ansicht, dass die Pflichten in der Berufsordnung der GS-DolmetscherInnen verankert sind. Es ist auch für die Öffentlichkeitsarbeit sehr wichtig, die Pflichten einzuhalten, um den guten Ruf der GS-Dolmetscher zu bewahren. Dies gilt in allen geschäftlichen, beruflichen und privaten Bereichen, ebenso für Hörende Gehörlose und GS-DolmetscherInnen, die im "Dreieck" zusammenarbeiten.

Frage 10: Welche Rechte haben GS-DolmetscherInnen?

Alle 8 Befragten haben wieder wie in der vorherigen Frage ähnliche Punkte angeführt.

3 von 8 haben angedeutet, dass die Rechte der GS-DolmetscherInnen laut der Berufs- und Ehrenordnung festgelegt sind.

5 Befragte sagten aus, dass GS-DolmetscherInnen das Recht haben, den Dolmetschauftrag anzunehmen oder, wegen Voreingenommenheit, Unkenntnisse oder aus persönlichen Gründen abzulehnen.

2 Beteiligte betonten, dass sie das Recht auf Bezahlung haben und auch das Recht haben, als Profis anerkannt zu werden. 1 beteiligte Person gab an, dass ein GS-Dolmetscher im Dolmetscheinsatz die Dolmetschung abbrechen darf, wenn er merkt, dass er nicht mehr kann.

Bei der Interpretation fällt es mir auf, dass GS-Dolmetscher auch Rechte wie Gehörlose haben, vor allem wenn sie ihre Dolmetschtätigkeit ausüben. Dies liegt an den Herausforderungen, denen GS-DolmetscherInnen ausgesetzt sind. Den Dolmetscheinsatz abzubrechen oder den Dolmetschauftrag abzulehnen ist auch für GS-DolmetscherInnen ein Recht, da sie selbst in der Lage sein müssen, in heiklen Situationen sachlich und professionell zu bleiben. Diese Neutralität gegenüber der jeweiligen Situation gibt den GS-DolmetscherInnen die Chancen, Professionalität zu entwickeln.

Frage 11: Was macht der Gehörlose, wenn kein GS-Dolmetsch für ihn zur Verfügung ist?

Jede Person gab ähnliche Antworten zu dieser Frage:

2 der 8 Befragten gaben an, dass der Gehörlose entweder ohne Dolmetscher hingeht und sich mit der hörenden Person schriftlich oder mündlich verständigen muss oder einen neuen Termin ausmacht.

1 beteiligte Person betonte, dass der Gehörlose die Tätigkeit alleine ohne Dolmetscher erledigen muss.

1 weitere Beteiligte behauptete, dass der Gehörlose "gezwungen" ist, von den Lippen der Gesprächspartner abzulesen und CODAs für gehörlose Eltern im Notfall zum Dolmetschen einspringen.

1 Befragte sagte aus, dass der Gehörlose im Notfall eine gute Bekannte holt, die ein bisschen Gebärdensprache kann.

1 weitere Person betonte, dass der Gehörlose den Termin verschieben oder ohne Dolmetscher den Termin wahrnehmen muss.

1 weitere Befragte sagte aus, dass eine gehörlose Person sich organisieren und rechtszeitig (ca. 1 - 2 Wochen vor dem Termin) bei der Dolmetschzentrale einen Dolmetschdienst beantragen sollte und es leider oft der Fall ist, dass kein Dolmetscher den Termin übernehmen kann. Wenn die gehörlose Person keinen Dolmetscher bekommt, muss sie den Termin verschieben oder es ohne Dolmetscher versuchen.

1 weitere Beteiligte beantwortete diese Frage nicht.

Wie ich dies interpretiere, hängt es von der Dringlichkeit des Einsatzes ab, ob ein Gehörloser sich im Notfall einen Ersatzdolmetscher sucht. Es ist offensichtlich, dass es noch immer zu wenige GS-DolmetscherInnen in Tirol gibt, um auf die Bedürfnisse der Gehörlosen einzugehen. Daher müssen Gehörlose und GS-DolmetscherInnen sehr flexibel sein, damit sie gemeinsame Termine festlegen können.

Frage 12: Was machen Sie, wenn der Gehörlose kein GS-Dolmetsch bekommt?

Es werden verschiedene Antworten von jeder Befragten aufgezeichnet, wie folgt:

2 der befragten Personen gaben an, dass sie versuchen, den Termin zu verschieben oder einen Einsatz zu bekommen.

1 Befragte sagte aus, dass solche Situationen schwierig seien, weil diese Situationen recht unangenehm sind. Falls es notwendig ist, werden allerdings auch Settings zugelassen, die dann von Zeit und Inhalt her unpassend sind ("Konflikt mit unserer Ehrenkodex!").

1 beteiligte Person betonte, dass es situationsabhängig ist, ob sie den Dolmetschauftrag übernimmt oder nicht.

1 beteiligte Befragte sagte, dass sie auch bereit ist, auch zu dolmetschen, wenn sie keine Bezahlung dafür bekommt.

1 weitere befragte Person behauptete, dass sie, wenn sie Zeit hat, im Notfall einspringt.

2 Befragte haben keine Antworten zu dieser Frage gegeben.

Frage 13: Gibt es typische Probleme mit Gehörlosen? Können Sie ein Beispiel aufschreiben?

Die folgenden Problemsituationen wurden angeführt:

  • dass es oft Probleme mit der Autonomie gibt, z. B. viele Gehörlose kennen den Unterschied zwischen Sozialarbeit und Dolmetschen nicht und erwarten Unterstützung außerhalb der sprachlichen Belange

  • dass es die Gebärdendialekte gibt, die der GS-Dolmetscher nicht kennt

  • dass es sehr unterschiedliche Ausbildungsniveaus gibt. Wenn ein GS-Dolmetscher für eine Gruppe von Hörenden dolmetscht, muss er darauf achten, dass die Gebärden für alle verständlich sind.

  • dass bis heute das Berufsbild des GS- Dolmetschers nicht klar definiert ist, z. B. beim Arzt: ein Gehörloser erzählt vor dem Besuch beim Arzt von seinen Beschwerden. In Anwesenheit vom Arzt schweigt der gehörlose Patient. Für GS- DolmetscherInnen ist es schwierig, den Gehörlosen zur Aussprache zu "locken".

  • dass Gehörlose eine eigene Kultur haben und es deswegen oft Kulturmissverständnisse gibt

  • dass Gehörlose die Grenze zwischen GS- DolmetscherInnen und Sozialarbeiter nicht genau oder zu wenig kennen

Weitere Problembeschreibungen waren:

Beim Dolmetscheinsatz fragt der GS-Dolmetscher den gehörlosen Klienten ob alles klar ist, was es übersetzt hat. Der Gehörlose sagt ja, aber der GS-Dolmetscher merkt, dass dieser Gehörlose nicht verstanden hat und weiter schweigt.

GS-Dolmetscher müssen immer zur Verfügung stehen, wenn nicht, dann heißt es: "Ohne uns Gehörlose seid ihr GS-Dolmetscher arbeitslos." Wenn Beratungsgespräche gedolmetscht werden, passiert es oft, dass der Gehörlose den GS-Dolmetscher um Rat fragt. Wenn man dann wieder einmal erklärt, dass man keine Beratung macht, sondern nur dolmetscht, sind Gehörlose oft verärgert.

Mir fällt auf, dass Gehörlose den Unterschied zwischen GS-DolmetscherInnen und SozialarbeiterInnen nicht kennen. Ich denke, Gehörlose sehen in DolmetscherInnen als "Vertrauenspersonen", weil sie Gebärdenkompetenz haben und mit Gehörlosen umzugehen wissen. Dies hängt auch mit der Gehörlosenkultur zusammen, da Gehörlose offener und direkter fragen und auch um Meinungen bitten, wie ich schon im Kapitel "Eigenheiten der interkulturellen Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen" (Vgl. Kapitel IV, Abschnitt 2.d) beschrieben habe.

Frage 14: Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was würden Sie sich bezüglich Dolmetschsituationen und der Situation von Gehörlosen wünschen?

Jede Befragte gab ähnliche Wünsche wie ihre Mitgenossen. Es werden genaue Wunschvorstellungen von GS-DolmetscherInnen betont: Mehr geprüfte DolmetscherInnen, mehr Dolmetschausbildungsmöglichkeiten, mehr eigene Motivation und Selbstbewusstsein von Gehörlosen, mehr Wortschatz in Gebärden und Tauschbörse für Gebärden, in Westösterreich eigene Dolmetschausbildung gründen, besserer Umgang mit GS-DolmetscherInnen, genaue Klarstellung des Berufsbildes bei Hörenden und Gehörlosen und bei Finanzierung des Dolmetscheinsatzes, mehr Offenheit zwischen Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen, mehr Akzeptanz zwischen Hörenden und Gehörlosen.

Von meiner Interpretation her ist es ganz klar, dass GS-DolmetscherInnen ganz andere Wünsche als Gehörlose haben. Alles, was ein perfekter GS-Dolmetscher kann, braucht mehr Herausforderung, mehr Motivation oder mehr Weiterbildung.

Frage 15: Wollen Sie mir noch etwas Interessantes/ Wichtiges sagen?

Nur eine von 8 Befragten gab an, dass ihrem Gefühl nach mehr Frauen GS-DolmetscherInnen beauftragen als Männer. Männer wollen zeigen: "Ich kann alleine [!] und ich brauche keine Unterstützung."

Wie ich dies interpretiere, ist es nach dieser Aussage interessant, dass Männer keine GS-DolmetscherInnen zur Unterstützung wollen. Vielleicht wollen sie lieber männliche GS-Dolmetscher haben, wenn es um persönliche Probleme geht.

Frage 16: Aus welchem Grund können Sie den Dolmetschauftrag ablehnen? In welchem Bereich sind Sie nicht imstande, zu dolmetschen?

Bei jedem Dolmetscheinsatz in jedem diversem Bereich wird von jedem GS-Dolmetscher ausreichende Fachkenntnisse und Wissen zu jedem Thema als Vorraussetzung gesehen.

Zu dieser Frage haben die befragten GS-DolmetscherInnen die folgenden Antworten gegeben:

Eine Befragte sagte aus, dass die deutsche Sprache nicht ihre Muttersprache ist und nicht sehr kompetent in einem "Voicing"- Setting ist. Sie ist nicht imstande, bei Gericht, großen politischen Debatten (da Hintergrund fehlt), auf einer Bühne und bei Kulturveranstaltungen, wie zum Beispiel Musik oder Deutsche Literatur, zu dolmetschen. Für sie ist die Ausbildungssituation (Schule, Universitäten, Kurse) annehmbar.

Zwei beteiligte Personen behaupteten, dass sie nicht imstande sind zu dolmetschen, wenn sie über einen bestimmten Bereich kein Wissen verfügen, wie zum Beispiel an der Universität/Berufschule bzw. bei Gerichten.

Eine weitere Befragte sagte aus, dass sie den Dolmetschauftrag ablehnt, wenn der gehörlose Klient die Übersetzung in der lautsprachbegleitenden Gebärdensprache (LBG) ablehnt und wenn sie zum Beispiel über einen bestimmten Bereich nicht Bescheid weiß, beispielsweise Mathematik.

Laut einer Befragten, lehnt sie einen Auftrag vor Gericht ab, wenn man weiß, dass man bei dieser Person nicht neutral bleiben kann. Wenn sie von einem speziellen Bereich keine Ahnung hat oder wenn sie keine Zeit hat.

Wie die Antworten der Befragten zeigen, sind mangelnde Sympathie oder gravierende Verständigungsprobleme zwischen Dolmetscher und Gehörlosen mögliche Ablehnungsgründe für einen Dolmetscheinsatz sind. Wenn man sich mit den Rahmenbedingungen unwohl fühlt bzw. keine Ahnung von einem speziellen Bereich hat, wie z. B. Technik, oder das Thema für den Dolmetscher unangenehm ist. Manche sehen sich auch selbst nicht imstande, auf der Bühne wie zum Beispiel bei großen Veranstaltungen bzw. bei Gerichten oder auf internationalen Kongressen zu dolmetschen.

Eine weitere Befragte sagte aus, dass wenn sie nicht dolmetschen will, sie den Auftrag ablehnt. Sie ist nicht imstande, in der Klinik zu dolmetschen.

Ich bin der Ansicht, dass GS-DolmetscherInnen auch das Recht haben, einen Dolmetschauftrag abzulehnen, wenn sie sich in bestimmten Bereichen nicht auskennen oder nicht kompetent fühlen. Es gibt auch Situationen, in denen sie unfähig sind, zu dolmetschen und es ihnen peinlich sein kann. Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass GS-DolmetscherInnen aus ihren Fehlern lernen und so ihre Fähigkeiten zum Gebärdendolmetschen besser ausbauen und in bestimmten Bereichen fördern. Dieser Professionalisierungsprozess gehört zur Pflicht der GS-DolmetscherInnen.

Frage 17: Welche Vorteile hätten wir, wenn Österreichische Gebärdensprache endgültig anerkannt würde? (Diese Frage wurde nach der Bekanntgabe der Anerkennung der ÖGS gestellt.)

Die Gebärdensprache in Österreich ist schon seit einem Jahr anerkannt. Laut aller Befragten ist bis jetzt unklar, was die Anerkennung für die österreichische Gebärdensprache bedeutet. Viele hofften zum Zeitpunkt der Befragung, dass dadurch einige Barrieren überwunden werden können, beziehungsweise, dass sich die Rechtslage für Gehörlose verbessert. Vor allem ist es sehr wichtig, dass die bilinguale Schulbildung und die Erziehung für Gehörlose eingeführt werden und dass die ÖGS endlich zu einem fixen Bestandteil der Bildung von Gehörlosen gemacht wird. Dann wäre es möglich, dass mehr Sendungen im ORF gedolmetscht werden und es weniger Debatten (oft bei Ärzten usw.) darüber gibt, warum der GS-Dolmetscher dabei ist.

Es ist von großer Bedeutung, dass Gebärdensprache jetzt schon anerkannt ist und alle Barrieren für Gehörlose und GS-DolmetscherInnen immer kleiner werden.

Frage 18: Welche Herausforderung birgt das Berufsbild als GS-Dolmetscher für Sie? Können Sie Ihre Meinung aufschreiben?

Das Berufsbild des GS-Dolmetscher birgt viele Herausforderungen, die alle Befragten auf ähnliche Art umrissen:

GS-Dolmetscher müssen flexibel sein, in den verschiedensten Bereichen zu dolmetschen und dabei den Sprachniveaus von Gehörlosen und Hörenden entsprechen. Wenn es viel Arbeit für GS-DolmetscherInnen gibt, dann verdienen sie gut, wenn wenig Arbeit vorhanden ist, dann verdienen sie auch wenig. Sie müssen sich immer neu auf die Mitmenschen einstellen und neue Erkenntnisse sammeln. Es ist auch erforderlich, dass sie regelmäßigen Kontakt mit Gehörlosen haben und ständig an Weiterbildungsangeboten teilnehmen. Auch die Reflexion über sprachliche Ausdrücken (z. B. Redewendungen in der deutschen Sprache, z. B. "Mir fällt ein Stein von Herzen." übersetzt in Gebärdensprache: Ich bin erleichtert.") und ein hohes Konzentrationsvermögen während des Dolmetschens müssen mühevoll erarbeitet werden. Viele neue Erfahrungen bzw. Wissen werden gesammelt, und es gibt immer wieder neue Situationen und immer wieder ist Aufklärung darüber nötig, was Gebärdendolmetschen bedeutet.

Meiner Meinung nach ist es erforderlich, dass Gehörlose und GS-DolmetscherInnen immer wieder neuen Situationen ausgesetzt sind und damit umzugehen lernen. Es ist ganz wichtig, offen für alles zu sein und Informationen genau zu übersetzen. Das bringt bei GS-DolmetscherInnen immer wieder neue Perspektiven, die sie später zu schätzen lernen.

Frage 19: Fällt in Ihrer Praxis auf, dass Gehörlose und GS-DolmetscherInnen unterschiedliche Gebärdendialekten im eigenen Land beherrschen?

Alle 8 Befragten sagten aus, dass es unterschiedliche Gebärdendialekte im eigenen Land vorhanden sind. Laut den Angaben weisen Gehörlose oft eine starke Mischung zwischen wienerischen und deutschen Gebärden auf. Es ist auffällig, dass es auch zwischen älteren und jüngeren Generationen unterschiedliche Gebärdendialekte gibt. Gehörlose, die keinen Kontakt zur Gehörlosengemeinschaft haben, verwenden Hausgebärden. Auch Gebärden in Nordtirol und Osttirol bzw. Unterland und Oberland sind anders und werden von den Gehörlosen als solche erkannt.

Eine Befragte gab an, dass sie selbst ständig auf ihren anderen Dialekt angesprochen wird.

Eine andere beteiligte Person behauptete, dass Dialekte nicht wirklich ein Problem seien, da Gehörlose für ein Wort oft mehrere Gebärden haben und die DolmetscherInnen sich da an und für sich schnell anpassen.

Eine weitere Befragte gab an, dass GS-DolmetscherInnen zuerst von ein paar Gehörlosen lernen und sich danach selber verschiedene Dialekte aneignen oder zu mindest verstehen lernen. Sie wies darauf hin, dass Hörende schließlich auch immer wieder Kommunikationsschwierigkeiten in der Lautsprache hätten.

Meiner Ansicht nach ist es ganz natürlich, dass es Gebärdendialekte gibt. Wenn ich Personen im Gespräch beobachte, erkenne ich schnell, woher sie kommen. Wenn die Einheit der österreichischen Gebärdensprache bevorzugt würde, würde ich nicht wissen, woher mein Gesprächpartner kommt und es wäre dann langweilig, weil man nicht mehr über Dialekte diskutieren könnte.

Frage 20: Sind GS-Dolmetschsituationen für Hörende oft neu? Wie reagieren Hörende in diesen Situationen? Können Sie ein Beispiel aufschreiben?

Jede Befragte gab unterschiedliche Antworten zu dieser Frage:

Eine beteiligte Person sagte aus, dass es entweder positive oder negative Reaktionen bei Hörenden gegenüber dem Dolmetschen mit Gehörlosen gibt. Oft passiert es, dass der Hörende den Faden verliert, weil er ganz interessiert den GS-Dolmetscher zusieht. Es gibt auch das Gegenteil, dass man als GS-Dolmetscher, wenn ein Gehörloser noch einmal eine Frage wiederholt, verärgert aufgefordert wird, es ihnen selber noch einmal zu erklären. Dies zeigt, dass die Hörenden in diesem Fall nicht klar erkennen, dass der Dolmetscher nur zur direkten Übersetzung anwesend ist.

Den Angaben einer Befragte zufolge kommunizieren Hörende meist mit den GS-DolmetscherInnen statt mit den Gehörlosen. GS-DolmetscherInnen müssen immer wieder erklären und aufklären, was Gebärdendolmetschen bedeutet.

Laut 3 Befragten haben die meisten Hörenden keine Ahnung, was GS-Dolmetschen bedeutet. Sie können entweder "abwehren" bzw. fühlen manche sich "kontrolliert" und es entsteht bei ihnen Verwirrung wegen dem Dolmetscher. Teilweise sind sie aber auch erstaunt und begeistert oder zeigen großes Interesse.

Laut der Aussagen einer weiteren beteiligten Person sind GS-Dolmetschsituationen für Hörende oft neu und ungewohnt. Gerade diese Tatsache ist für GS-DolmetscherInnen eine besondere Herausforderung. Falls ein Hörender Fragen zur Gebärdensprache hat, dann wundert er sich meist darüber, wie man Gebärdensprache erlernt hat. Hörende wenden sich oft den GS-DolmetscherInnen statt ihren eigenlichten Gesprächspartnern, den Gehörlosen, zu. Gehörlose sind noch nicht selbstbewusst genug, um die Situation zu lenken: "Jetzt ist es ein Termin! Sie können Fragen später stellen".

Laut einer weiteren Befragten sind GS-Dolmetschsituationen oft neu für Hörende und es kommt vor, dass sie sich unsicher fühlen oder misstrauisch sind oder dass sie sich mehr für die Sprache als für das Setting selbst interessieren. Manchmal sprechen sie sehr langsam, um hilfreich zu sein oder sind irritiert und wollen nur mit dem GS-Dolmetscher sprechen. Diese Befragte stellte fest, dass Hörende oft sehr viel Interesse, Faszination und Respekt für die Gebärdensprache zeigen.

Laut einer weiteren beteiligten Person, die als Gehörlosenseelsorger tätig ist, verhalten sich Hörende bei der Kirchenmesse entweder erstaunt oder selten ablehnend. Im Sinne der Kirche soll die Messe, wie zum Beispiel eine Andacht, sehr ruhig zelebriert werden, stattdessen gilt der GS-Dolmetscher als störend. Dann sei es unmöglich, sich auf die Messe zu konzentrieren. Bei der Berufsausbildung stellte der Lehrer einem gehörlosen Schüler Fragen. Andere Schüler glaubten meist, dass der GS-Dolmetscher nicht nur Fragen dolmetscht, sondern auch schnell heimlich die Antworten aufsagt, noch bevor der gehörlose Schüler antwortet. Dieses weckte in anderen Schülern Misstrauen.

Es ist offensichtlich, dass Hörende noch immer zu wenig über die Dolmetschsituationen bei Gehörlosen informiert sind. Aber im Laufe der Zeit gewöhnen sich Hörende an Gehörlosendolmetsch. Es gibt interessierte Leute, die immer zusehen wie lebendig die Gebärdensprache ist. Die meistern können sich nicht vorstellen, wie es möglich ist, in der Stille zu leben und sich auf visuelle Kommunikation einzulassen.

Zusammenfassung:

Es wird offen gelegt, dass GS-DolmetscherInnen wie Gehörlose ähnliche Forderungen für den Berufstand als GS-Dolmetscher haben: Professionalisierung des Gebärdendolmetschens, mehr Wortschatz in Gebärden und Tauschbörsen für Gebärden, genaue Definition des Berufsbildes und die Finanzierung des geleisteten Dolmetscheinsatzes. Auch mehr Akzeptanz, mehr Offenheit und ein besserer Umgang zwischen Hörenden und Gehörlosen sind wünschenswert. Zu meiner Überraschung wurde gesagt, dass es in Wien noch keine Dolmetschzentrale gibt, sondern Gehörlose selbst GS-Dolmetscher für den eigenen Termin organisieren müssen. Wie mir gesagt wurde, ist es wahrscheinlich, dass in Wien weniger Dolmetschaufträge, vor allem im Bildungsbereich, gestellt werden als in Tirol. Auch von den Gehörlosen wünschen sich GS-DolmetscherInnen mehr Motivation und Selbstbewusstsein.

5. Erfassung der persönlichen Daten der Befragten (Gehörlose) in Kalifornien

Dieser Teil des Fragenbogens gibt Auskunft über die gehörlosen Beteiligten. Er umfasst Angaben über Geschlecht, Alter, Berufe, Hörbehinderungen und Häufigkeit des Bedarfs an GS-DolmetscherInnen.

ANGABEN ZUR PERSON

Frage 1: Geschlecht

Die Befragung wurde anonym durchgeführt. Bei dieser Befragung der gehörlosen Beteiligten nahmen 9 Frauen und 6 Männer teil.

Frage 2: Alter

Die Beteiligten wurden gebeten, ihr Alter einzutragen. Nur eine beteiligte Person hat keine Angaben zu ihrem Alter gegeben.

Alter der 15 beteiligten Gehörlosen:

Tabelle 7: Alter von 17 - 72:

17

22

25

51

19

23 x 2

34

53

21

24

45 x 2

72

Die Gruppe der Befragten weist unterschiedliche Altersklassen auf. Die jüngste Frau ist 20, und die älteste Frau ist 72 Jahre alt.

Frage 3: Berufsstände

Auch die Berufsstände der beteiligten gehörlosen Befragten wurden aufgelistet. Die ausgeübten Berufe sind sehr verschieden. Es sind überwiegend Handwerksberufe. Nur eine beteiligte Person hat keine Angaben zu ihrem Beruf gegeben.

Tabelle 8: sieben Berufsstände

1 Professor

8 Studenten

1 Angestellte des Ohlone College (Computerlabor)

1 Direktorin eines Gehörlosen- Zentrums

1Arbeitslose

1 stellvertretender Direktor (Kundenservice)

1 Pensionist

 

Frage 4: Häufigkeit der Inanspruchnahme der GS-DolmetscherInnen:

Die Auswertung zeigt, dass sich die Häufigkeit der in Anspruch genommenen GS-DolmetscherInnen nach dem individuellen Bedarf richtet:

Abbildung 4: Diagramm. Wie häufig nehmen Gehörlose die Dienste eines GS-Dolmetschers in Anspruch.

4 der beteiligten Gehörlosen machten keine Angaben zu dieser Frage.

Tabelle 9: Wie häufig nehmen Gehörlose die Dienste eines GS-Dolmetschers in Anspruch.

Nie

Selten

Manchmal

häufig

sehr häufig

wirklich nie

< 4 Mal/ Jahr

4 - 11 Mal/ Jahr

jeden Monat

jede Woche

ZUR HEUTIGEN SITUATION DER GS-DOLMETSCHER

Frage 1: Was für ein Vorteil hat heute im Vergleich zu früher (5 - 30 Jahren) der Dolmetscheinsatz für Sie?

Bitte erzählen Sie die Situationen von früher und heute....

Bei dieser Untersuchung ergaben sich verschiedenen Aussagen, die sich auf die oben erwähnten Frage beziehen. Jede beteiligte Person gab eine Einschätzung darüber ab, ob und wie sich die Situation verändert hat.

1 befragte Person sagte, dass sie unter der amerikanischen Gesetzverfassung ADA aufgewachsen ist und keine Unterschiede bemerken kann. Sie selbst hat verschiedene Situationen mit GS-Dolmetscher erlebt. Es wäre ein Vorteil, dass GS-Dolmetscher bei Sportspielen oder Konzerten übersetzen könnten. Andererseits ist die Übersetzung in die Gebärdensprache gut für sie selbst.

1 Beteiligter erzählte, dass er das Gymnasium ohne GS-Dolmetsch absolviert hat. Er war der erste in allen Klassen, und ihm war nicht bewusst gewesen, welche großartigen Vorteile ein GS-Dolmetscher für einen Gehörlosen haben kann. Jetzt versteht er, dass GS-Dolmetsch Vorteile für Gehörlose bringt. Gehörlose finden die GS-DolmetscherInnen in vielen Schulen in anderen amerikanischen Staaten, in Krankenhäusern, juristischen Einrichtungen und in Kirchen. Früher sind Gehörlose unterdrückt worden, weil sie selbst nicht sprechen konnten.

1 Befragter sagte, dass heute mehr GS-Dolmetscher besser ausgebildet sind und bei beim Bildtelephonie-Service tätig sind als früher.

1 befragte Person betonte, dass GS-DolmetscherInnen in einigen Situationen dringend gebraucht werden, weil einige Gehörlose nicht wissen, wie man auf Englisch schreibt. Zum Beispiel, wenn ein Autounfall passiert ist, dann ist es zu schwierig für Gehörlose, mit den Polizisten zu sprechen.

Eine weitere Befragte gab an, dass es vor 30 Jahren nicht viel Gebärdenübersetzung gab und es heute GS-DolmetscherInnen gibt, die auch andere Sprachen beherrschen.

6 beteiligte Personen sagten, dass die Situation bezüglich GS-Dolmetsch besser ist als früher. Die GS-Dolmetscher sind besser ausgebildet. Gehörlose bekommen schneller Informationen mittels Gebärdendolmetsch als früher. Es gibt aufgrund des ADA mehr Zugang zu öffentlichen und geschäftlichen Möglichkeiten, in denen dann auch gedolmetscht wird.

1 weitere Befragte betonte, dass sie Bildtelephonie nutzt und keinen GS-Dolmetscher benötigt.

1 beteiligte Person gab an, dass sie gerne die amerikanische Gebärdensprache nutzt. Wenn sie im Englisch-Unterricht ist, verwendete sie früher die englische Gebärdensprache, aber seit 1995 beschränkt sie sich auf ASL.

1 gehörloser Befragter sagte, dass er diese Frage nicht beantworten kann, da er erst seit 2 Jahren in Amerika ist.

Wie ich dies interpretiere, fällt mir auf, dass die ehemalige Situation in Kalifornien ähnlich wie die ehemalige Situation in Tirol beschrieben wird. Ich kann auch nur sagen, dass die allgemeine Dolmetschsituation für Gehörlosen heutzutage besser ist als früher.

2. Welche Pflichten müssen GS-DolmetscherInnen erfüllen?

In den Antworten auf diese Frage sind am häufigsten folgende Punkte zu finden, die sehr an die Situation in Tirol erinnern:

11 von 15 befragten Personen gaben an, dass häufige Dolmetscheinsätze in den verschiedensten Bereichen wie zum Beispiel bei Treffen, Arztbesuchen, Bürobesprechungen, Geschäftstreffen und Schulen erfolgen.

2 der Beteiligten betonten dass GS-DolmetscherInnen keine eigene Entscheidungen oder Meinungen treffen sollen, sondern bei Entscheidungen der Gehörlosen neutral bleiben müssen.

2 weitere befragte Personen sagten aus, dass es die Pflicht der GS-DolmetscherInnen ist, neben Professoren oder Rednern im Unterricht zu sitzen, damit die Gehörlosen den GS-Dolmetscher und die Schultafel sehen können

11 von 15 befragten Personen gaben an, dass im Dolmetscheinsatz zwischen Gehörlosen und hörenden Gesprächspartnern in verschiedenen Bereichen wie zum Beispiel beim Treffen, Doktor, Büro, Geschäftstreffen und Schulen erfolgen.

3 weitere Beteiligte legten großen Wert darauf, dass GS-DolmetscherInnern im Dolmetscheinsatz die Informationen streng vertraulich behandeln.

Weiters werden Verantwortlichkeit und Pünktlichkeit laut Angaben von 3 Befragten als Pflicht gesehen.

Laut Angaben von 2 gehörlosen Beteiligten ist ihnen die Kontrolle über Gefühle bei GS-DolmetscherInnen wichtig. Sie sollen ihre Gefühle nicht offen zeigen oder Beleidigungen offen äußern, sondern bei ernsten Angelegenheiten sachlich bleiben.

1 beteiligte Befragte behauptete, dass GS-DolmetscherInnen auch wissen müssen wie man mit fremden Gehörlosen oder gehörlosen Immigranten in der Körpersprache gebärdet, denn viele gehörlose Emigranten beherrschen kein Englisch und keine amerikanische Gebärdensprache.

Laut der Angabe von einer gehörlosen Befragten gelten Respekt gegenüber der Gehörlosenkultur, Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit als Pflicht für die GS-DolmetscherInnen und es sollten Beleidigungen und Streitsituationen zwischen Dolmetschern und Gehörlosen vermieden werden.

Mir ist aufgefallen, dass die genaue Übersetzung in ASL vor allem das oberste Gebot für kalifornische Gehörlose darstellt. Auch Neutralität, Schweigepflicht, Pünktlichkeit und Verantwortungsbewusstsein werden von den Gehörlosen bei den GS-DolmetscherInnen erwartet. Solche Erwartungen sind in Tirol ähnlich.

3. Welche Rechte haben GS-DolmetscherInnen?

5 der Befragten sagten aus, dass GS-DolmetscherInnen das Recht haben, zwischen den Hörenden und Gehörlosen zu dolmetschen.

3 gehörlose Beteiligte betonten, dass GS-DolmetscherInnen gleichberechtigt sind und mit Respekt behandelt werden müssen.

3 befragte Personen gaben an, dass GS-DolmetscherInnen das Recht haben, neben dem Lehrer oder dem Redner zu stehen, damit Gehörlose sie besser sehen können.

3 weitere Befragte sagten, dass GS-Dolmetscher kein Recht dazu haben, ihre eigene Meinungen zu sagen und in ASL dolmetschen müssen, was Gehörlose sagen.

2 der Befragten meinten, dass GS-DolmetscherInnen das Recht dazu haben, ihre Dolmetschtätigkeit nach 30 Minuten oder nach einer Stunde abzubrechen.

1 weitere Befragte behauptete, dass GS-DolmetscherInnen die übersetzten Inhalte der gehörlosen Klienten für sich behalten müssen. Sie dürfen nichts weitererzählen oder ihre eigenen Meinungen darüber sagen.

1 Beteiligte sagte, dass sie nicht weiß, aber glaubt, dass GS-DolmetscherInnen keine Rechte haben.

2 der Befragten haben keine Antwort zu dieser Frage gegeben.

Wie ich dies interpretiere, sind die Forderungen von kalifornischen Gehörlosen ähnlich wie die der tirolerischen Gehörlosen. Wie ich mir denke, haben Gehörlose in Kalifornien auch ähnliche Erfahrungen mit GS-DolmetscherInnen gemacht.

4. Was machen Sie, wenn kein GS-Dolmetsch für Sie zur Verfügung ist?

Ebenso wurden die Beteiligten in der Umfrage gebeten, eigene Maßnahmen zu beschreiben, falls sie keinen Dolmetsch bekommen:

5 von 15 Befragten sagten aus, dass sie sich mit Hörenden schriftlich verständigen. Daher nehmen sie Block und Kuli mit und schreiben einander auf.

2 beteiligte Personen gaben an, dass sie den Chef der Dolmetschzentrale darüber informieren bzw. zur Dolmetschzentrale gehen und nach einem Ersatz-Dolmetscher fragen.

Laut Angaben von 2 beteiligten Personen wird manchmal eine hörende Person gebeten, für Gehörlose aufzuschreiben, was der Lehrer sagt bzw. die Unterlagen vom Professor oder von Mitkollegen kopiert.

3 der Befragten betonten, dass sie probieren, vorübergehend einen Dolmetscher zu finden. Falls dies nicht möglich ist, versuchen sie irgendwie Informationen ohne Dolmetscher einzuholen, solange sie können.

Eine beteiligte Person behauptete, dass sie in der Klasse geduldig ist, falls kein Dolmetscheinsatz möglich ist.

Eine Befragte sagte aus, dass es von der Situation abhängt, wenn kein Dolmetsch zur Verfügung ist: entweder auf einen Block schreiben oder den Termin auf später verschieben.

1 Befragte hat keine Angaben zu dieser Frage gegeben.

Mir fällt es auf, dass kalifornische Gehörlose auch ähnliche Situationen wie die Gehörlosen in Tirol erleben, wenn kein Dolmetscher zur Verfügung steht. Die Entscheidungen werden von den Gehörlosen selbst getroffen, ob sie den Termin verschieben oder die Informationen ohne Dolmetscher einholen.

5. Suchen Sie sich eine GS-Dolmetscherin aus oder bekommen Sie eine Dolmetscherin von der Zentrale zugewiesen?

Diese Frage wurde im Rahmen der Untersuchung wie folgt beantwortet:

6 der 15 Befragten bevorzugen einen Dolmetscher, der von der Dolmetschzentrale zugewiesen wird.

2 der beteiligten Gehörlosen gaben an, dass sie zwischen zwei Möglichkeiten auswählten, entweder eine Dolmetscherin selber aussuchen oder eine von der Dolmetschzentrale beauftragte Dolmetscherin bekommen. Es hängt von der Situation ab, welchen weiblichen Dolmetscher sie bevorzugen, ob es sich um Treffen oder Verabredungen handelt.

2 der Beteiligten sagten aus, dass sie der Dolmetschzentrale die Wahl der GS-DolmetscherInnen überlassen, wenn sie einen Dolmetscher brauchen.

2 weitere Befragte betonten, dass sie bevorzugte DolmetscherInnen wählen, die für einen Termin dolmetschen sollen.

2 weitere Beteiligte sagten aus, dass es ihnen egal ist, welchen Dolmetscher sie bekommen bzw. dass die meisten DolmetscherInnen ausgebildet sind und Qualifikation haben.

1 befragte Person hat keine Angaben zu dieser Frage gegeben.

Auch solche Situationen sind in Kalifornien ähnlich wie die Situationen in Tirol.

6. Gibt es typische Probleme mit GS-DolmetscherInnen? Können Sie ein Beispiel aufschreiben?

Gehörlose als Teilnehmer bei der Umfrage werden gebeten, Beispiele von typischen Problemen mit Dolmetschern aus ihrem eigenen Erfahrungsbereich zu nennen:

3 Befragte sagten aus, dass die GS-DolmetscherInnen nicht gut genug ausgebildet sind, um perfekte Gebärdenkompetenz zu erlangen.

3 Beteiligte meinten, dass bei manchen GS-DolmetscherInnen eine gute Arbeitseinstellung bzw. gutes Benehmen fehlt.

5 weitere gehörlose Befragte behaupteten, dass GS-DolmetscherInnen schlechte Eigenschaften hätten, da sie manchmal faul, nicht ehrlich und unpünktlich wären. Manchmal würden sie Übersetzungen aufgrund von Inkompetenz auslassen oder teilweise ihre eigene Meinung hinzufügen.

4 gehörlose Befragte betonten, dass ihnen nichts auffällig erscheint bzw. sie dazu schwer etwas sagen können, da sie selten den Gebärdensprachdolmetscher in Anspruch nehmen.

3 Befragte gaben an, dass GS-DolmetscherInnen oft nicht gut genug sind, um von der ASL in die Lautsprache zu übersetzten. Des weiteren den Gehörlosen zu verstehen oder eine brauchbare Interpretation vom Englischen in die ASL zu bringen.

Laut der Aussagen von 3 Befragten ist das Fingern des Fingeralphabets bei den GS-DolmetscherInnen für Gehörlose beim Zusehen oft zu schnell oder nicht deutlich genug.

5 gehörlose Beteiligte machten die Aussage, dass die ASL von den GS-DolmetscherInnen nicht klar gezeigt wird und einige Informationen beim Dolmetschprozess verloren gehen, was gerade für gehörlose Studenten unangenehm sein kann. Auch die Qualität der ASL wird bei den GS-DolmetscherInnen als schlecht bewertet.

1 Befragter meinte, dass zuwenig Dolmetscher zur Verfügung gestellt werden. Das ist für den befragten gehörlosen Sozialarbeiter auch ein berufliches Problem.

1 Beteiligter war der Ansicht, dass er manchmal dieses Problem hat, aber wenn der GS-Dolmetscher ein Anfänger ist, würde er seine Übersetzung auf ASL weniger verstehen als bei einem fortgeschrittenen Dolmetscher.

Man erkennt bei diesen Aussagen, dass das zu schnelle Buchstabieren des Fingeralphabets meistens Probleme macht, da die meisten Gehörlosen des Colleges Ohlone nicht einheimisch sind. Es ist auch auffallend, dass es auch Dolmetschmangel und unausreichend ausgebildete ASL-DolmetscherInnen in Kalifornien gibt, obwohl ASL schon seit über 30 Jahren als Sprache anerkannt wird. Auch in Notfällen ist es nicht immer möglich, schnell genug einen ASL-Dolmtscher zu beanspruchen. Dort gilt die Professionalisierung bei ASL-DolmetscherInnen auch als oberstes Gebot wie bei Mitkollegen in Tirol.

7. Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was würden Sie sich bezüglich DolmetscherInnen wünschen?

3 befragte Personen wünschten sich, dass es mehr qualifizierte GS-DolmetscherInnen oder "perfekte GS-DolmetscherInnen" gäbe, die perfekt und fließend dolmetschen und sich sensibel der Situation anpassen können.

Laut der Aussage eines Beteiligten wäre es sein Wunsch, dass er den Gebärdensprachdolmetscher nicht mitnehmen brauchte, weil er die englische Lautsprache und englische Grammatik beherrscht. Das ist der Grund warum er einen Englischkurs für Fortgeschrittene besucht.

1 Befragte sagte aus, dass sie sich wünschte, dass der ADA (Americans with Disabilities Act) in allen öffentlichen, privaten und politischen Bereichen verstärkt verankert ist und dass mehr GS-DolmetscherInnen zur Verfügung gestellt werden.

1 gehörlose Beteiligte wünschte sich, dass GS-DolmetscherInnen frei zur Verfügung gestellt würden, da der Gebärdendolmetsch beim Doktor zu teuer für sie ist.

2 gehörlose Befragte sagten aus, dass GS-DolmetscherInnen schnell und unbedingt zur Verfügung gestellt werden können, so oft sie wollen.

1 weitere beteiligte Person behauptete, dass die Videotelephonie die beste Lösung überhaupt für Gehörlose ist.

1 gehörlose Beteiligte wünschte sich einerseits, dass GS-DolmetscherInnen das Recht hätten, eine Beziehungen zu den gehörlosen Studenten aufzubauen. Andererseits ist es ihr Wunsch, dass GS-DolmetscherInnen besser qualifiziert sind.

5 Befragte gaben keine Antworten zu dieser Frage.

Es zeigt sich also, dass auch kalifornischen Gehörlose sich wünschten, perfekte ASL-DolmetscherInnen zu bekommen. Ich denke mir, dass Gehörlose meist nur über Videotelephonie den ASL-DolmetscherInnen zu Gesicht bekommen und die eigenen Termine alleine erledigen. Die Kostenfrage steht in Kalifornien genau so im Raum wie in Tirol. Es ist üblich, dass mehrere ASL-DolmetscherInnen bei dem Videotelephonie-Service angestellt sind, da sie fixe Arbeitszeiten haben und auch besseren Verdienst bekommen, als andere ASL-DolmetscherInnen, die gehörlose Klienten zu Terminen begleiten. Der Arbeitsplatz im Telefonie-Service bietet ihnen auch mehr Sicherheit und bessere Kontrolle.

8. Wollen Sie mir noch etwas Interessantes /Wichtiges sagen?

1 Befragte sagte aus, dass sie einmal im Krankenhaus war, als ihr Freund zu ihr kam, der selbst ASL-Dolmetscher war. Sie fühlte sich sicher bei ihm und der Freund übersetzte ihr alles was der Doktor gesagt hat.

1 andere Befragte betonte, dass ASL nicht nur das Kommunikationsmittel für Gehörlose und Schwerhörige sein kann, sondern auch andere Leute vom Erlernen dieser Sprache profitieren können.

1 gehörlose Beteiligte sagte aus, dass es nicht genügend DolmetscherInnen gibt, seit das Video-Dolmetsch Service eingeführt wurde.

11 Teilnehmer gaben keine Antwort zu dieser Frage bzw. die Antwort einer Befragten konnte nicht eindeutig interpretiert werden.

9. Seit wann ist die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) anerkannt?

2 der Befragten betonten, dass ASL seit 1965 durch Forschungen von Stokoe anerkannt ist.

3 beteiligte Personen behaupteten, dass ASL seit 1980 anerkannt sei.

Laut den Aussagen von 2 befragten Gehörlosen, wissen sie nicht, seit wann ASL anerkannt ist, da sie selbst erst vor 4 Jahren ASL gelernt haben. Ein anderer Gehörloser ist ein internationaler Student. Obwohl er gehörlos ist, weiß er nichts über die Geschichte der ASL.

1 beteiligte Person sagte, dass ASL in Louisiana seit 15 Jahren anerkannt ist.

1 weiterer Befragter meinte, dass ASL seit 1995 anerkannt ist, aber er selbst kann sich nicht mehr genau an die Umstellung erinnern.

1 gehörloser Beteiligter gab an, dass er zugab, dass er erst seit 1995 weiß, dass die ASL anerkannt ist, weil er selbst aus Hongkong eingewandert ist.

4 weitere Befragte gaben an, dass sie selbst in der Pflichtschule ASL lernten als sie noch sehr jung waren, aber nicht wissen, seit wann ASL anerkannt wird.

1 weitere Befragte wünschte sich, dass alle Leute ASL könnten und die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen leichter würde.

Bei der Interpretation fällt mir auf, dass die meisten Befragten keine richtigen Antworten zu dieser Frage geben konnten. Ich denke mir, dass sie zwar wissen, dass es ASL gibt, aber nicht wissen, wann ASL auf politischer und sprachlicher Ebene anerkannt wurde. Ein Grund dafür ist sicher auch die Tatsache, dass viele der Gehörlosen aus anderen Ländern nach Kalifornien eingewandert sind.

10. Fällt Ihnen auf, dass Gehörlose und GS-DolmetscherInnen unterschiedliche Gebärdendialekte im eigenen Land beherrschen?

9 der Befragten sagten, dass ihnen unterschiedliche Gebärdendialekte in den Vereinigten Staaten Amerikas aufgefallen sind. Dies zeigt, dass wahrscheinlich viele Gebärdendialekte in den anderen amerikanischen Ländern und unter den verschiedenen Kulturkreisen verwendet werden.

3 weitere Beteiligte meinten, dass sie diese kleinen Unterschiede der Gebärdendialekte nicht bemerkten, da sie erst seit kurzem hier sind und gerade dabei sind, ASL zu lernen.

Laut der Aussage einer gehörloser Beteiligten gibt es nicht so viele Unterschiede zwischen den Gebärdendialekten im eigenen Land.

Eine Befragte erzählte, dass sie in ihrer Schule bemerkte, dass die GS-DolmetscherInnen für schwerhörige Personen manchmal die orale Lautsprache und die Gebärdensprache gleichzeitig verwendeten, und diese sie auch verstanden.

1 weitere Befragte gab keine Antwort zu dieser Frage.

Ähnliche Ergebnisse zu dieser Frage sind auch bei Gehörlosen in Tirol aufgetreten, die ich schon beschrieben habe. Für die Beantwortung dieser Frage ist auch entscheidend, dass Gehörlose heutzutage in den anderen US-Ländern herumreisen und Gebärdendialekte sehen und verwenden. Wie ich mir denke, ist es für Gehörlose kein Problem, die unterschiedlichen Gebärdendialekte zu kennen. Für ASL-DolmetscherInnen ist das hingegen anders, da sie etwas mehr Zeit und Übung brauchen, bis sie andere Gebärdendialekte beherrschen oder erkennen können.

11. GS-Dolmetschsituationen sind für Hörende oft neu: Wie reagieren Hörende in diesen Situationen? Können Sie ein Beispiel aufschreiben?

1 Beteiligte sagte aus, dass, wenn das Gespräch über einen Telefondolmetschdienst läuft, die Hörenden oft nicht sofort verstehen, womit sie es genau zu tun haben und daher ein wenig Zeit benötigen um die Kommunikationssituation zu verstehen .

1 Befragte gab an, dass Gehörlose die Hörenden ständig über die Wichtigkeit von GS-Dolmetsch für Treffen und öffentliche Termine aufklären müssen..

1 gehörloser Beteiligter betonte, dass Hörende, wenn sie die GS-DolmetscherInnen in Anwesenheit von Gehörlosen im Dolmetscheinsatz zum ersten Mal sehen, beim Beobachten der Übersetzung auch ein wenig verstehen.

1 weitere Beteiligte behauptete, dass einige hörende Lehrer zuvor noch nie einen GS-Dolmetscher gesehen haben. Sie sollten über gehörlose Studenten informiert werden und Vorträge mit GS-Dolmetsch zur Verfügung stellen.

Laut der Aussagen einer befragten Person haben die meisten Leute über ASL- Dolmetschen nie gehört. Sie missverstehen es und denken, dass sie selbst eine Übersetzung ins Spanische brauchte.

Nach den Aussagen eines weiteren Befragten ist es nicht mehr neu. Die Hörenden seien schon daran gewöhnt, mit den GS-DolmetscherInnen zu arbeiten, seitdem die ADA in Kraft getreten ist.

1 weitere Befragte sagte aus, dass Hörende GS-DolmetscherInnen als Ansprechpartner ansehen und die Gehörlosen als dritte Person betrachten. Diese GS-DolmetscherInnnen sollten dabei eigentlich die dritte Person sein.

1 befragter Gehörloser meinte, dass Hörende, die zum ersten Mal den GS-Dolmetsch sehen, sich dafür interessieren, ASL zu lernen. Das ist der Grund, warum viele Hörende ihn fragen, ob er ihnen ASL erklären und ASL Übersetzung zeigen kann.

1 beteiligter Gehörloser betonte, dass Hörende versuchen, geduldig zu sein, sich manchmal entschuldigen und den Gehörlosen fragen, ob er sie verstanden hat. Einige GS-Dolmetscher werden beschuldigt, nicht genug ausgebildet zu sein und einige werden dazu ermuntert, ihren Job fallen zu lassen und ihren Arbeitsplatz zu wechseln.

Laut Aussagen einer weiteren Befragten würden die meisten GS-DolmetscherInnen den Hörenden bei Treffen, am Telefon oder beim Arzt ihre Funktion und Aufgabe kurz erklären.

Betreffend der Aussage von einem weiteren Beteiligten, hat er keinen Hörenden gesehen, dem diese Situation ganz neu gewesen wäre. Er selbst trifft sich mit Hörenden und zeigt ihnen einige ASL-Wörter. Er denkt, dass Hörende Interesse haben, ASL zu lernen, weil die Übersetzung in ASL neu für sie ist.

4 gehörlose Beteiligte gaben keine Antwort zu dieser Frage.

Aus diesen Aussagen erkennt man, dass es auch in Kalifornien noch Hörende gibt, denen Dolmetschsituationen mit Gehörlosen neu sind, obwohl die Gleichstellung von ASL als offizielle Sprache in Kalifornien bekannt und gesetzlich verankert ist. Ich glaube eher, dass es ASL-DolmetscherInnen auch etwas überfordert, wenn sie den Ansprüchen der Gehörlosen nicht immer entsprechen können, solange sie noch keine gute Gebärdenkenntnisse haben. Es muss ihnen ganz klar sein, dass es sein kann, dass es für sie unmöglich ist, als gute ASL-DolmetscherInnen zu fungieren. Interessanterweise ist davon die Rede, dass hörende Lehrer über ASL-Dolmetsch fast keine Informationen verfügen und dass Vorträge ohne Gebärdendolmetsch stattfinden. Ich glaube eher, dass es viele spezielle Einrichtungen für Gehörlose gibt, wie zum Beispiel das Ohlone College oder die University of Gallaudet, und Gehörlose dort meist von gehörlosen Professoren oder hörenden Professoren mit ausreichender Gebärdenkompetenz unterrichtet werden. Daher wissen hörende Lehrer davon nur sehr wenig, da sie selbst nicht mit Gehörlosen in Kontakt gekommen sind. Bei uns in Tirol arbeiten GS-DolmetscherInnen meist in der Öffentlichkeit und sind in die hörende Welt integriert.

Zusammenfassung:

Ich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die Situationen für GS-DolmetscherInnen und Gehörlose in Kalifornien denen in Tirol im Grunde sehr ähnlich sind. Die Hörenden wissen genauso wenig Bescheid über den Zustand der Gehörlosen, obwohl die ASL schon längst anerkannt ist. Bei den Wünschen oder Bemerkungen der kalifornischen Gehörlosen zeigt sich, dass ASL-DolmetscherInnen besser und professioneller ausgebildet werden sollen und die Vorträge, die von den Hörenden gehalten werden, auch mit Gebärdendolmetsch möglich sein sollen. Wie ich dies sehe, möchten Gehörlose auch, dass der Zugang zu allen Bereichen, in denen Hörende tätig sind, unbeschränkt ist. Wie ich schon erwähnt habe, ist es auch für Gehörlose wichtig, dass ASL-DolmetscherInnen in der Öffentlichkeit arbeiten. Bei den wichtigsten Punkten Pflichten und Rechte setzen kalifornische Gehörlose ähnliche Prioritäten wie ihre Tiroler Kollegen.

6. Erfassung der persönlichen Daten der Befragten (GS-DolmetscherInnen) in Kalifornien

Dieser Teil des Fragenbogens gibt Auskunft über die ASL-DolmetscherInnen in Kalifornien. Hier wurden Fragen zusammengestellt, die Geschlecht, Alter, Berufe, Hörbehinderungen und Häufigkeit des Bedarfs an GS-DolmetscherInnen betreffen.

ANGABEN ZUR PERSON

Frage 1: Geschlecht

Die Befragung wurde anonym durchgeführt. Bei dieser Befragung der GS-DolmetscherInnen wurden 4 weibliche Personen und 2 männliche Personen befragt.

Frage 2: Alter

Die Beteiligten wurden gebeten, ihr Alter einzutragen. In der nachfolgenden Tabelle sind die Angaben zum Alter der GS-DolmetscherInnen aufgelistet.

Tabelle 10: Alter der GS-DolmetscherInnen.

2 x 25

50

54

34

52

 

Die jüngsten GS-DolmetscherInnen sind 25 Jahre alt und die Älteste ist 54.

Frage : Berufstände

5 Beteiligte sind GS-DolmetscherInnen (alle hörend) und 1 Beteiligter, der selbst gehörlos, ist ASL-Dolmetscher.

Frage 4: Wie oft sind GS-DolmetscherInnen pro Woche im Dolmetscheinsatz für Gehörlose?

Es fällt bei dieser Auswertung auf, dass die beteiligten GS-DolmetscherInnen zum Dolmetschen je nach Bedürfnissen von Gehörlosen beauftragt werden.

Die Auswertungen weisen kleine Unterschiede in der Häufigkeit von Dolmetscheinsätzen auf:

Pro Woche:

35 Stunden

32 Stunden

30 Stunden

täglich

täglich von Montag bis Freitag und eine Stunde am Samstag

Es ist auffallend unterschiedlich in Kalifornien, dass die GS-DolmetscherInnen deutlich mehr Stunden pro Woche arbeiten als ihre KollegInnen in Tirol.

ZUR FRÜHEREN SITUATION DER GS-DOLMETSCHERINNEN:

1. Wie viele GS-DolmetscherInnen gibt es heute in Kalifornien und in den übrigen USA? Wissen Sie, wie sich die Zahlen in den letzten Jahren entwickelt haben?

1 Beteiligter vermutete, dass es einige Hunderte GS-DolmetscherInnen in Kalifornien gibt.

1 Befragte gab an, dass sie nicht weiß wie sich die Zahlen der GS-DolmetscherInnen entwickelt haben, aber sie meinte, dass es definitiv immer mehr werden.

1 Beteiligte sagte, dass sie die genaue Anzahl der GS-DolmetscherInnen nicht kennt, aber dass sie weiß, dass die Berufsgruppe sich vermehrt hat, weil ASL in allen Bereichen anerkannt ist und das Bewusstsein der Gehörlosen wächst.

3 Beteiligten gaben keine Antwort zu dieser Frage.

Wie ich dies interpretiere, ist es wahrscheinlich, dass es weit über hundert ASL-DolmetscherInnen in Kalifornien gibt. Leider gibt es keine verbindlichen Aufstellungen und man kann ihre Anzahl nur schätzen.

2. Wo (im welchen Bereich) dolmetschten GS-DolmetscherInnen hauptsächlich?

2 Beteiligte sagten, dass die GS-DolmetscherInnen meist in Schulen und im medizinischen Bereich arbeiten.

1 Beteiligter behauptete, dass er fast exklusiv in Gemeinde-

Colleges und an Universitäten dolmetscht.

2 Beteiligte meinten, dass die GS-DolmetscherInnen in allen Bereichen "helfen" und Gehörlose dadurch mehr Zugang zu Kommunikation, sowie zu ihren Rechten haben würden.

1 beteiligte Person betonte, dass in allen Bereichen in ASL übersetzt wird. Die Interaktion zwischen Gehörlosen und Hörenden verläuft glatt, wenn ein Hörender mit einem GS-Dolmetscher arbeitet.

Es ist klar, dass Gehörlose und ASL-DolmetscherInnen in allen Bereichen mit Hörenden in Kontakt kommen, wo Kommunikation ohne Gebärdendolmetsch nur erschwert möglich ist. Es geht den Gehörlosen in Kalifornien also ähnlich wie den Gehörlosen in Tirol.

3. Seit wann müssen GS-DolmetscherInnen geprüft sein?

3 der Befragten sagten aus, dass ASL-DolmetscherInnen in juristischen oder manchmal in medizinischen Bereichen spezielle Zertifikationen brauchten.

1 Beteiligte meinte, dass Zertifikationen von ASL-DolmetscherInnen in vielen Bereichen verlangt werden. Eine Aufnahme bei RID, die Organisation für ASL-DolmetscherInnen, würde zum Beispiel einen Bachelor of Arts brauchen.

Laut der Aussagen von 2 Befragten müssen ASL-Dolmetscher seit 200 Jahren geprüft sein.

Keiner der Beteiligten konnte die Frage genau beantworten, aber es geht aus den Aussagen hervor, dass spezielle Zertifikationen im medizinischen und juristischen Bereich von Nöten sind. Darüber hinaus ist ein Beitritt zur RID nur über einen Bacherlor möglich.

4. Welche Prüfungen konnten vorher abgelegt werden?

2 beteiligte ASL-DolmetscherInnen meinten, dass nur eine grundlegende Prüfung über die ASL abgelegt werden konnte.

2 der Befragten sagten, dass eigene Erfahrungen als ASL-DolmetscherInnen genügten, aber Zertifikationen empfohlen wurden.

1 Beteiligte betonte, dass jetzt nur schriftliche Prüfungen und Darstellungstests für RID genügen, um ein Zertifikat zu bekommen.

Diese Ergebnisse ähneln jenen, die in Tirol erhoben wurden sehr.

5. Waren die GS-DolmetscherInnen früher CODAS?

Wenn ja, warum?

2 Beteiligte sagten, dass CODAS ASL kennen und am Anfang die meisten ASL-DolmetscherInnen CODAS waren.

1 Beteiligte betonte, dass dies sehr wahrscheinlich der Fall war. Sie selbst dolmetschte für ihre Eltern, seit sie 4 Jahre alt ist.

1 Befragte meinte, dass CODAS ASL-DolmetscherInnen waren, aber dass jetzt auch andere zu professionellen ASL-Dolmetschern ausgebildet werden, wenn sie keine CODAS sind.

1 befragte Person sagte, dass die ASL-DolmetscherInnen zweckgemäß ASL und auch oft Gehörlose schon kannten.

Wenn nein, wer?

1 Beteiligte sagte aus, dass es früher die ASL-Dolmetscher nicht immer CODAS waren, denn sie waren Freunde, Geschwister oder Eltern während einige in die Schule gingen und in den Klassen ein wenig dolmetschten.

Auch in Hinsicht auf die Stellung von CODAS gibt es Entsprechungen zwischen den Ergebnissen in Tirol.

6. Wie wurde der GS-Dolmetscher beauftragt/ bestellt?

Laut den Aussagen von 3 Beteiligten stehen den ASL-DolmetscherInnen die Organisationen RID und NAD, die professionellen Organisationen für ASL-DolmetscherInnen, zur Seite, in denen DolmetscherInnen ihre Arbeit nehmen können.

1 Befragter sagte, dass es von den gehörlosen Erwachsenen und gehörlosen Pädagogen organisiert wurde.

1 beteiligter ASL-Dolmetscher meinte, dass Dolmetschereinsätze von den CODAs selbst organisiert wurden.

1 Beteiligte gab keine Antwort zu dieser Frage.

Wie ich dies sehe, erfolgten die Aufträge auf ähnlicher Weise wie in Tirol.

ZUR HEUTIGEN SITUATION DER GS-DOLMETSCHERINNEN:

7. Wie ist die heutige Situation der GS-DolmetscherInnen in Kalifornien und den USA? Bitte erzählen Sie...

3 Befragten sagten, dass noch immer Dolmetschmangel herrscht, und die ASL- DolmetscherInnen schlecht bezahlt werden.

1 beteiligte Dolmetscherin betonte, dass es mehr berufliche Entwicklung und Gesetze, um die Zertifikationen zu verlangen, gibt.

Laut der Aussage eines Beteiligten wird in San Francisco mit einem Dolmetschteam gedolmetscht, wenn der Auftrag länger als eine Stunde dauert.

1 Beteiligte meinte, dass sie selbst seit 16 Jahren als ASL-Dolmetscherin im Unterricht arbeitet. Vorher gab es nur ein paar qualifizierte ASL-DolmetscherInnen und das Gehalt dafür war minimal. Das Lehrpersonal verstand dabei die Rolle der ASL-DolmetscherInnen nicht. Sie selbst hat außerhalb von Kalifornien nie gedolmetscht und gibt deshalb an, nichts über die Situation außerhalb zu wissen.

Wie ich dies interpretiere, ist es noch immer eine Tatsache, dass es zu wenig ASL-DolmetscherInnen gibt, die ihren Job gewissenhaft wahrnehmen und ihren Aufgaben nachgehen. Immer noch ist es wichtig für sie, dass sie sich immer wieder Zeit für ihre Weiterbildung nehmen und sich professionell weiterentwickeln.

8. Wie werden GS-DolmetscherInnen heute beauftragt?

2 beteiligte ASL-DolmetscherInnen sagten, dass ein ASL-Dolmetscher extreme Flexibilität, Fähigkeiten in verschiedenen Situationen zurechtzukommen, Professionalität und vertiefte Gebärdenkenntnisse braucht, um beauftragt zu werden.

1 Befragte meinte, dass ein ASL-Dolmetscher fähig sein muss, die gegenwärtige Situation zu verstehen, damit er die Botschaft vermitteln kann.

Laut der Aussagen von 4 Befragten werden ASL-DolmetscherInnen von den Vereinen, von Bundesstaaten, von den Dolmetschzentralen oder dem RID beauftragt.

Wie ich dies sehe, werden die Aufträge auf ähnlicher Weise wie in Tirol vermittelt, da die modernen technische Kommunikationsmittel besser entwickelt sind als in früheren Zeiten.

9. Welche Pflichten müssen GS-DolmetscherInnen erfüllen?

3 Befragten sagten aus, dass es Pflicht ist, die Kommunikationen zu erleichtern bzw. zu dolmetschen und sich für die Rechte der Gehörlosen einzusetzen.

1 Beteiligte meinte, dass es Pflicht ist, Ton und Inhalt des Gesprächs originalgetreu weiterzugeben.

Laut der Aussagen eines Beteiligten ist es die Pflicht des ASL-Dolmetschers, die Nachrichten oder Aussagen so knapp wie möglich in die ASL zu übersetzen.

Zu dieser Frage hat 1 Befragte keine Antworten gegeben.

10. Welche Rechte haben GS-DolmetscherInnen?

2 der befragten ASL-DolmetscherInnen meinten, dass es ein Recht des ASL-Dolmetschers ist, einen Dolmetschauftrag abzulehnen oder zu verweigern.

1 Beteiligte sagte, dass ASL-DolmetscherInnen das Recht auf Privatsphäre und diese zu bewahren hätten.

1 beteiligte Person betonte, dass es ein Recht ist, die gebärdenden Personen zu sehen und von den GebärdenbenutzerInnen gesehen zu werden. Sie haben auch das Recht, 40 Stunden pro Woche zu dolmetschen. Außerdem haben sie das Recht dazu, sich selber nicht an der Konversation, für die sie dolmetschen, zu beteiligen.

Laut der Aussagen einer Befragten hat der ASL-Dolmetscher ein Recht auf positives Arbeitsumfeld. ASL-DolmetscherInnen können die verantwortlichen Gebühren für Dolmetschservice ändern und müssen schlechtes Benehmen oder Kommentare nicht hinnehmen.

1 weitere Beteiligte gab keine Antwort zu dieser Frage.

Man erkennt, dass die Meinungen zu den Pflichten und Rechten ähnlich ausfallen wie bei GS-DolmetscherInnen in Tirol.

11. Was macht der/ die Gehörlose, wenn kein GS-Dolmetsch für ihn/ sie zur Verfügung ist?

5 Befragte meinten, dass gehörlose Klienten verantwortlich sind, während der Kommunikation Block und Stift zu nehmen, Gesten zu zeigen oder von den Lippen zu lesen.

1 Beteiligte gab keine Antwort zu dieser Frage.

Ein Befragter verwies bei dieser Frage auf DCARA (Organisation für Dolmetschausbildung) wo eine gewisse Christine Samper ertaubte Erwachsene unterrichtet. Sie zeigt ihnen, wie man sich durch die Verwendung eines Notizblocks und das Deuten auf Gegenstände am besten verständlich machen kann.

12. Was machen Sie, wenn der Gehörlose kein GS-Dolmetsch bekommt?

1 befragte Person meinte, wenn die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen sehr schlecht ausgeht und dies ein großes Problem ist, fragte sie selbst die Gehörlosen, ob sie den Dolmetscheinsatz übernehmen sollte.

Laut der Aussagen von 2 Befragten ist es die Aufgabe der Dolmetschzentrale, einen Termin zu vereinbaren.

2 Beteiligten sagten, dass es nichts zu machen ist.

1 befragte Person gab keine Antwort zu dieser Frage.

Zu den beiden vorherigen Antworten beim Thema "Auftrag" gehe ich bei dieser Interpretation aus, dass diese solchen Situationen oft nicht vermeidbar sind und die nur unter gewissen Umständen passieren.

13. Gibt es typische Probleme beim Dolmetschen mit Gehörlosen? Können Sie ein Beispiel aufschreiben?

2 Beteiligte meinten, dass schwerhörige Personen entweder ASL nicht kennen oder zu geringe Gebärdenkenntnisse haben. Sie sprechen immer selber, obwohl ihre Sprache nicht verständlich ist.

1 Befragte sagte, dass unpassende Zusammenhänge der Kommunikation beim Dolmetschen auftreten können.

Laut der Aussagen einer Beteiligten ist es ein Problem für ASL-DolmetscherInnen, die Gebärdendialekte nicht zu verstehen, kein Feedback und keine Fragen von gehörlosen Klienten zu bekommen. 2 der befragten ASL-DolmetscherInnen gaben keine Antworten zu dieser Frage.

Beim Interpretieren kam es zum Ergebnis, dass schwerhörige Personen oft die ASL nicht kennen oder nur wenige Gebärdenkenntnisse besitzen, weil sie selbst vorher nicht mit der Gehörlosenkultur aufgewachsen sind und sie nicht gründlich kennen. Oft kommt es zu Kommunikationsproblemen, wenn ein Schwerhöriger selbst schlechter hört als vorher und mit den hörenden Personen nicht auf normaler Weise kommunizieren kann. Auch bei unklaren Zusammenhängen beim Dolmetschen kann es zu Missverständnissen bei Gehörlosen und ASL-DolmetscherInnen kommen, die nicht nur in Kalifornien geschehen, sondern überall.

14. Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was würden Sie sich bezüglich Dolmetschsituationen und der Situation von Gehörlosen wünschen?

1 Befragter sagte, dass er sich wünscht, ein höheres Gehalt mit Sozialleistungen und fixer Stundenanzahl zu bekommen.

Laut einem Beteiligten sind die Wünsche, mehr Gehalt und mehr Dolmetschjobs mit Sozialleistungen zu bekommen. Außerdem sollten mehr Kurse für Gebärdensprache, Lautsprache und grundlegende Kommunikationsfähigkeiten zur Verfügung gestellt werden.

4 Befragte gaben keine Antworten zu dieser Frage.

15. Wollen Sie mir noch etwas Interessantes /Wichtiges sagen?

1 Beteiligter sagte, dass ASL-Übersetzung der beste Job sei, den er hat. Als ausgebildeter ASL-Dolmetscher auf Colleges hat er auch die Gelegenheit nebenbei zu lernen.

5 Beteiligte gaben keine Antworten zu dieser Frage.

16. Aus welchem Grund können Sie den Dolmetschauftrag ablehnen? In welchen Bereichen, glauben Sie, sind Sie nicht imstande, zu dolmetschen?

1 Befragte sagte aus, dass ASL-DolmetscherInnen den Job nicht annehmen, wenn sie nicht qualifiziert genug sind. Natürlich sollen ASL-DolmetscherInnen aufgrund der Gebärdenkenntnisse entscheiden, ob sie dolmetschen oder nicht. Sie selbst würde nicht imstande sein, in den juristischen, medizinischen Bereichen oder in den Hochschulen zu dolmetschen.

2 Beteiligte meinten, sie sind nicht imstande, in den juristischen Bereichen zu dolmetschen oder wenn sie Fachgebärden für bestimmte Bereiche nicht kennen.

Laut 2 Befragten sind die unausreichende Qualifikation, eine ungelöste Gehaltsfrage, ethische Konflikte und persönliche Probleme Gründe, nicht zu dolmetschen.

1 beteiligte Person gab keine Antwort zu dieser Frage.

17. Seit wann ist die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) anerkannt? Wie haben sich die Dolmetschsituation und die Situation von Gehörlosen verändert?

1 Befragter meinte, dass es seit der Anerkennung der ASL mehr Gehalt und jetzt geregelte Stunden für ASL gibt.

2 befragte ASL- DolmetscherInnen sagten, dass ASL seit 1960 anerkannt ist. Seitdem wird der Situation der Gehörloser mehr Aufmerksamkeit geschenkt und die ASL-DolmetscherInnen als professionelle Berufsgruppe wahrgenommen.

1 weitere Beteiligte gab an, dass ASL seit über 10 Jahren auf Universitäten akzeptiert wird Sie wurde gelehrt, aber nicht ernsthaft als vollwertige Sprache akzeptiert. Aufgrund Stokoe´s Forschungen im Jahr 1960 ist ASL als Sprache anerkannt.

Laut einem Befragten wird ASL noch nicht lange als Sprache anerkannt, weil viele Linguisten lange dem Konzept verfallen waren, dass vollwertige Sprachen auch Schriftsprachen seien.

1 Beteiligte gab keine Antwort zu dieser Frage.

18. Welche Herausforderung birgt das Berufsbild als GS-Dolmetscher für Sie? Können Sie Ihre Meinung aufschreiben?

2 Beteiligte sagten, dass sie diese Herausforderung, neue Vokabeln und neue Konzepte zu lernen, genießen.

1 Befragter meinte, dass neue Fächer oft eine Herausforderung darstellen, und dass es manchmal im Fach Physik Probleme beim Dolmetschen gibt.

1 weitere beteiligte ASL-Dolmetscherin betonte, dass viel Denken und mentales Training mit Spaß am Lernen verbunden sind.

2 Befragte beantworteten diese Frage nicht.

19. Fällt Ihnen in Ihrer Praxis auf, dass Gehörlose und GS-DolmetscherInnen unterschiedliche Gebärdendialekte im eigenen Land beherrschen?

4 Befragte bejahten, dass die Gebärdendialekte im eigenen Land unterschiedlich sind und es auch viel Diskussionen unter den ASL-DolmetscherInnen darüber gibt.

2 Beteiligte gaben keine Antworten zu dieser Frage.

20. GS-Dolmetschsituationen für Hörende sind oft neu: Wie reagieren Hörende in diesen Situationen? Können Sie ein Beispiel aufschreiben?

1 beteiligte Person sagte, dass Hörende die ASL-DolmetscherInnen während der Übersetzung anstarren.

1 Befragte meinte, dass der Hörende oft nicht weiß, wie er mit dem ASL-Dolmetscher arbeitet und beispielsweise zum ASL-Dolmetscher sagt: "Können Sie ihm/ ihr sagen..." oder "was möchte er/ sie?". Manchmal schaut und spricht er mehr zum ASL-Dolmetscher, anstatt zum Gehörlosen.

1 weitere Beteiligte betonte, dass hörende Personen ignorant sind und nicht wissen, wie der ASL-Dolmetsch zwischen Hörenden und Gehörlosen funktioniert.

1 befragter ASL-Dolmetscher gab an, dass Hörende meistens offene Fragen haben und er ihnen die Rolle des ASL-Dolmetschers erklärt. Immer wenn er einen neuen Dolmetschauftrag hat, versucht er früher zu kommen, um die Rolle des ASL-Dolmetschers zu erklären und wenn möglich, das räumliche Setting so gut wie möglich auf die Dolmetschsituation vorzubereiten. 2 weitere Beteiligte gaben keine Antworten zu dieser Frage.

VII. Schlussbemerkungen

Ich habe diese Arbeit so geschrieben, weil ich den Eindruck hatte, dass Hörende im Allgemeinen zwar über Gehörlose Bescheid wissen, aber noch keine konkrete Vorstellung über den Umgang mit Gehörlosen und der Gehörlosenkultur haben. Es ist heutzutage bekannt, dass die Systeme für Gehörlose vor allem in Skandinavien und Amerika sich schon 20 Jahre früher entwickelt haben, als das System in Österreich; beispielsweise das Schulsystem, das Sozialsystem und in sprachlichen und juristischen Bereichen. Es ist auch mein persönliches Anliegen, dass meine Arbeit in der Öffentlichkeit präsent wird und somit allen Lesern den Zugang dazu ermöglicht wird.

In meiner Arbeit sind die Geschichte der Gehörlosenbildung, die Vergleiche zwischen Lautsprache und Gebärdensprache, Berufsbild und Berufsgeschichte der GS-DolmetscherInnen und ein empirischer Teil mit Fragebogenauswertungen zur Situation der Gehörlosen und GS-DolmetscherInnen in Tirol und Kalifornien ausführlich dargestellt:.

Während meiner Arbeit tauchten allerdings auch Fragen auf, welche nicht beantwortet wurden:

  • Wie hoch sollen die Dolmetschkosten sein?

  • Warum gibt es keine GS-DolmetscherInnen in Österreich, die selbst gehörlos sind?

  • Warum machen GS-DolmetscherInnen kein Praktikum in Amerika oder außerhalb von Tirol bzw. Europa?

  • Warum genügt es den ASL-DolmetscherInnen nicht mit dem Gehalt und der Art des Gehaltes, zufrieden zu sein?

Meiner Meinung nach sollte es möglich sein, dass GS-DolmetscherInnen, Hörende und Gehörlose im Dreieck-System zusammenzuarbeiten. Vor allem im Bildungsbereich und in den anderen wichtigen Bereichen, wie zum Beispiel Kulturveranstaltungen oder Festen sollten Dolmetscher öfter anwesend sein und von Seiten der Veranstalter auch ein Angebot dieser Bevölkerungsgruppe gegenüber gemacht werden. Es ist schwierig, wenn GS-DolmetscherInnen mit gehörlosen Klienten und Psychotherapeuten, Psychologen oder Ärzten zusammenarbeiten, da ein direkter Kontakt zwischen den zuständigen Personen und Gehörlosen fehlt, gerade in heiklen oder schwierigen Situationen. Dabei wäre es meiner Ansicht nach ideal, wenn auch Psychotherapeuten, Psychologen oder Ärzten selbst gebärdenkompetent sind und so mit den gehörlosen Klienten besser umgehen könnten. In Linz, Salzburg und Wien gibt es Gehörlosenambulanzen, in denen Ärzte Gebärden beherrschen. In Innsbruck gibt es leider noch keine Gehörlosenambulanz. Es wäre eine ideale Lösung, wenn die zuständigen Personen selbst Gebärden lernen und mit den gehörlosen Klienten zusammenarbeiten können.

VIII. Anhang

1. Fragebogen für Gehörlose in Kalifornien

2. Fragebogen Dolmetscher in Kalifornien

3. Fragebogen Gehörlose in Tirol

Den Anhang können sie unter folgender Url herunterladen:

http://bidok.uibk.ac.at/download/fischlechner-dolmetschen-dipl-anhang.pdf

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X. Eidesstattliche Erklärung

Ich erkläre hiermit an Eides statt, dass ich diese Diplomarbeit selbstständig verfasst und angefertigt habe.

13. Juli 2006

XI. Lebenslauf

Persönliche Daten

 

Name:

Doris Fischlechner

Geburtsdatum:

03. Mai 1977

Geburtsort:

Innsbruck

Staatsangehörigkeit:

Österreich

Schulbildung

 

1982 - 1992

Volkschule und Hauptschule im heutigen Sprach- und Hörpädagogikzentrum Mils

1992 - 1996

Privates Oberstufenrealgymnasium in Volders

1996 - 1998

Abendgymnasium in Innsbruck

Universitätsausbildung

 

Seit März 1999

Diplomstudium: Pädagogik an der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Weiterbildungen

 

09/1996 - 01/1998

Gebärdensprachkursleiterin an Universität Klagenfurt

Beruflicher Werdegang

 

01/1997 - 12/2001

Gebärdensprachtrainerin bei Lebenshilfe Innsbruck: 2x wöchentliches Gebärdentraining mit einer gehörlosen und lernbehinderten Frau

10/1998 - 05/1999

Nachhilfelehrerin für gehörlose Berufsschüler: Nachhilfe für einen gehörlosen Kochlehrling in der Tiroler Fachberufschule für Tourismus in Absam. Nachhilfe für einen gehörlosen Schüler in der Glasfachschule in Kramsach

04/1999 - 04/2004

Assistentin bei SLI (Selbstbestimmtes Leben Initiative in Innsbruck) für Gehörlose: Ich machte viele Freizeitbegleitungen mit den Gehörlosen und Hörenden mit vielen Beeinträchtigungen, um Kommunikation in Gebärdensprache zu fördern. Bestimmte Personen, mit denen ich gearbeitet habe: 1 gehörloser Türke mit Schizophrenie, der nur Deutsch und ÖGS beherrscht und Konflikte mit seiner eigenen Kultur erlebt. 1 gehörlose Frau, die Analphabetin ist, auf dem Bauernhof mit ihren Brüdern lebt und nur "Hausgebärden" beherrscht. 1 gehörlose Frau mit Lernschwäche 1 hörender Mann mit Parkinson und 1 hörende Frau mit Muskelatrophie, die ihre Gebärdenkenntnisse verbessern wollen.

08/ 2003

3 Wochen Praktikum in der Sozialberatungsstelle der Gehörlosenambulanz Linz

12/2003

Mitarbeit im Redaktionsteam im Rahmen des Projektes "Weißbuch ungehindert behindert": Ich verfasste Kommentare zu meinen eigenen Lebenserfahrungen als Gehörlose.

06/2004 und 05/2005

Vortrag in der Krankenpflegeschule im Bezirkskrankenhaus in Kufstein: Meine schwerhörige Kollegin und ich erklärten den hörenden Schülern den Umgang mit den gehörlosen Patienten. Diese Schüler machten mit mir Kommunikationsübungen in der Lautsprache.

12/2004 - 06/2006

Behindertenbetreuerin bei TAFIE, im Bereich BOAT (Berufsorientierung- Ambulantes Training für Jugendliche): Ich bringe einer schwerhörigen Türkin (mit CI- Implantat) Deutsch und Gebärdensprache bei.

seit April 2006

Trainerin bei der Firma EQUALIZENT für gehörlose Jugendliche und Erwachsene, dich sich weiterbilden wollen (Deutsch und Gebärdensprache)

Auslandsaufenthalte:

 

02/2000

3 Wochen Studienreise mit Universität Innsbruck nach Nicaragua/ Lateinamerika: Besuche verschiedener Projekten, darunter auch Besuch der Gehörlosenschule und des Gehörlosenzentrums in der Hauptstadt Managua.

08/2005 - 09/2005

5 Wochen Reise nach San Francisco/ Kalifornien im Rahmen der Diplomarbeit: Besuch der Universität Ohlone für Gehörlose in Fremont.

Quelle:

Doris Fischlechner: Gebärdensprachdolmetschen früher und heute aus der Sicht der Gehörlosen

Diplomarbeit zur Erlangung des akademischen Grades einer Magistra der Pädagogik am Institut für Erziehungswissenschaften, Bildungswissenschaftliche Fakultät der Leopold- Franzens- Universität Innsbruck. Begutachter: A.Univ.-Prof. Dr. Volker Schönwiese, Innsbruck, im Juli 2006

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 24.01.2007

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