Zur jüngsten Entwicklung bezüglich der Gebärdensprache in Österreich

AutorIn: Franz Dotter
Themenbereiche: Vorschulischer Bereich
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Zur jüngsten Entwicklung bezüglich der Gebärdensprache in Österreich. In: Das Zeichen 6 (1992), Heft 19, S. 22-25. Anmerkung: Das Thema ‚Integration von hörgeschädigten Kindern' und ‚Gehörlosenbildung' wird in der Fachwelt sehr gegensätzlich diskutiert. BIDOK hat Texte von Vertretern beider Seiten aufgenommen. Siehe dazu auch René J. Müller.
Copyright: © Franz Dotter 1992

Einleitung

Ein erhöhtes Problembewußtsein ist in Österreich etwa seit Mitte der 80er Jahre festzustellen; im Frühjahr 1985 veranstaltete das Bundesministerium für Unterricht und Kunst ein Arbeitsgepräch zum Thema "Die Gebärde im Unterricht der Gehörlosenschule". Das Ergebnis war:

Dabei wurde mehrheitlich ein Bekenntnis zur Lautspracherziehung abgegeben, jedoch auch die Standpunkte hinsichtlich der Verwendung von Gebärden im Unterricht bei bestimmten Schülergruppen liberalisiert. (S.1f)[1]

Obwohl in Behörden wie Schulen die Tendenz zur lautsprachlichen Erziehung Gehörloser entweder ausschließlich vorherrschte oder zumindest überwog, führten die auch von vielen GehörlosenlehrerInnen - allerdings in ganz verschiedener Weise - formulierten Probleme und Wünsche doch dazu, daß in Einzelfällen Weiterbildung bzw. Eigenqualifikation in Gebärdensprache von den zuständigen Behörden z.T. durch Dienstfreistellung, z.T. durch Karenzierungen ermöglicht wurden. Von einzelnen Lehrern wurde dies, unter Verzicht auf 'Ruhe' und Vorteile, genutzt.

Die Klagenfurter 'Einzelkämpferinnen' unter diesen, Margarete Pinter und Monika Pöllabauer, nahmen zu Beginn 1990 Kontakt zur Universität auf. Margarete Pinter führt seit Herbst 1990/91 einen Schulversuch, in dem unter Beteiligung einer gehörlosen Mitarbeiterin die Gebärdensprache als eine Grundlage des Unterrichts verwendet wird. Schon in der ersten Zeit war bei den gehörlosen Kindern der Versuchsklasse ein geradezu explosionsartiges Ansteigen des Interesses, von Fragen und Aktivität festzustellen. Die Kinder hatten offenbar sofort die Gelegenheit erkannt, ihre durch die bisherige Lautsprachorientierung verursachten Informationsdefizite zu beseitigen. Hier spielt auch der große Einsatz und die Begabung der gehörlosen 'Zweitlehrerin', Gerlinde Wrießnegger, eine Rolle.

Im Sommer 1990 wurde ein erstes Projekt "Gebärdensprache/Gehörlosenkultur" entworfen und im Herbst begonnen. Ingeborg Okorn (gehörlos) hält seit Herbst 1990 Gebärdensprachkurse an der Universität Klagenfurt ab. Nach diversen Schwierigkeiten und Rückschlägen sollte sich die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gehörlosenanliegen mit einer im Jänner 1992 von der Universität beschlossenen "gemeinsamen Einrichtung mehrerer Institute" in absehbarer Zeit konsolidieren (es bestehen etwa 6-8 Einzelvorhaben). Am Dolmetschinstitut der Universität Graz wird eine Ausbildung in Gebärdensprache entwickelt.



[1] Zitierte Belege soweit nicht anders angegeben aus: Anfragebeantwortung durch BM Scholten vom 7. 2. 1991; II-730 der Beilagen zu den Stenographischen Protokollen des Nationalrats, XVIII. Gesetzgebungsperiode.

Anfrage im Parlament

Zurück zur Politik: Am 12. 12. 1990 wurde von Frau Partik-Pable und anderen eine parlamentarische Anfrage bezüglich der Gebärdensprache Gehörloser eingebracht. Die Beantwortung durch den Bundesminister für Unterricht, Kunst und Sport, Scholten, stammt vom 7. 2. 1991.

In dieser Anfragebeantwortung finden sich immer noch einige der wesentlichen Argumentationsformen gegen Gebärdensprachorientierung bzw. Topoi über Gebärdensprache:

1. 'Unentscheidbarer Konflikt', analog zur Wettersituation: 'einmal Regen, einmal Sonnenschein':

Der Konflikt Lautsprache oder Gebärde im Unterricht Gehörloser ist die klassische Fragestellung der Gehörlosenpädagogik schlechthin, die von Zeit zu Zeit neu aufflammt und ein Votum in die eine oder andere Richtung bringt. (S. 1)

Die Verwendung der Gebärdensprache besonders bei der Erstsprachenbildung, aber auch beim Sprachaufbau, ist in der internationalen Sprachpädagogik methodisch stark umstritten (s. beiliegende Ablichtungen). (S. 3)

2. 'Alle sprechen Deutsch':

Die Realität der Berufsausbildung und des Berufslebens verlangt die Dominanz der Laut- bzw. Schriftsprache. (S. 3)

3. 'Gebärdensprache ist den Anforderungen unserer Hochkultur nicht gewachsen, es ist eine Sprache für die Primitiven':

Überdies ist Gebärdensprache nicht schriftkompatibel. Hörende Mitmenschen sind kaum zur Annahme dieser Sprache bereit.

Fachausdrücke haben kein eigenes Gebärdenzeichen, sondern müssen im sog. Fingeralphabet buchstabiert werden. Die Kenntnis dieser Begriffe in der Schriftsprache ist somit auch zum Verständnis in der Gebärdensprache Voraussetzung. (S. 3)

4. 'Die Realität ist die Wahrheit':

85% der Schüler in Gehörlosenschulen wachsen in einem Mileu von Vollsinnigen auf. Für diesen überwiegenden Teil der betroffenen Kinder ist daher die Gebärdensprache nicht die Muttersprache und die Eltern verfügen nicht über ausreichende Kenntnisse zur Ausbildung ihrer Kinder in der Gebärdensprache, sodaß vom überwiegenden Teil der betroffenen Elternschaft die Gebärdensprache als Unterrichtsmittel oder bevorzugtes Kommunikationsmittel abgelehnt wird (was im übrigen auch für viele gehörlose Eltern gilt!). (S. 3)

5. 'Wir bemühen uns eh um Kompromisse':

Das BM für Unterricht und Kunst ist bemüht, den unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen im größtmöglichen Ausmaß zu entsprechen und unterschiedlichen pädagogischen Vorstellungen gerecht zu werden. (S. 4)

Dazu kommen noch mehrere Stellen in der Anfragebeantwortung, die besagen: 'Gebärdensprache kommt im Umfeld der gehörlosen Schüler sowieso häufig vor'.

Stellungnahme zur Anfragebeantwortung

In einer Stellungnahme zu dieser Anfragebeantwortung, die sowohl an die Parlamentsparteien als auch an den Minister ging, habe ich u.a. wie folgt argumentiert:

Zu 1.:

Die Realität der durch Lautsprachorientierung enorm verringerten Bildungs- und Lebenschancen der Gehörlosen wird im lautsprachorientierten Bereich im klassisch Freud'schen Sinne verdrängt und auf das Ungenügen der Lehrer und Schüler projiziert.

Zu 2.:

Solche Äußerungen sind im Hinblick auf andere Minderheitensprachen längst nicht mehr Standard unserer entwickelten Gesellschaft. Integration ist nicht mehr gleichzusetzen mit dem Verbot der Muttersprache; hier gibt es inzwischen verschiedene, jedenfalls aber differenziertere und humanere Methoden.

Zu 3.:

Dies wurde lange Zeit gegenüber der Sprache der kolonialisierten Länder behauptet. Inzwischen ist etwa das Tok Pisin (ehemaliges Neu Guinea-Pidgin) Staatssprache in Papua und wird sich auch zur "Kultursprache" im Sinne der bisherigen Kritiker entwickeln. Wenn man eine Sprache sich entwickeln läßt, entstehen Zeichen für die gegebenen kommunikativen Erfordernisse; gebärdensprachorientierte Institutionen haben bereits Fachsprachen hervorgebracht bzw. entwickeln sie.

Zu 4.:

Wenn niemand die Eltern umfassend informiert, kann leicht mit ihren Reaktionen argumentiert werden. Alle Bildungsinstitutionen haben einen Bildungsauftrag, der in diesem Fall nicht wahrgenommen wird. Für umfassend informierte Eltern soll die Entscheidung offenstehen, ihr Kind lautsprachorientiert oder gebärdensprachorientiert zu erziehen und erziehen zu lassen. Daß in der Beilage ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 1962 als Beleg des Elternwiderstands angeführt wird, signalisiert den Diskussionsstand in Österreich.

Zu 5.:

Das Bemühen der staatlichen Institutionen muß endlich den Nachvollzug der internationalen Diskussionen der letzten Jahrzehnte bedeuten.

Weiters brachte ich vor, daß die lautsprachorientierten Verantwortlichen die für die gehörlosen Menschen wichtigsten Fragen weder stellen noch beantworten. Das sind Fragen wie etwa:

  • Warum haben Gehörlose derzeit in Österreich so wesentlich geringere Bildungs- und Lebenschancen als Hörende?

  • Welche Auswirkung hat es, wenn eine normale Entwicklung einer 'Muttersprache' in den ersten 4-5 Lebensjahren verhindert wird?

Abschließend schlug ich vor, ehebaldigst wieder in eine Diskussion der jüngeren Forschungsergebnisse, insbesondere der aus den Bereichen Sprache und Kommunikation sowie zum Zusammenhang von Sprache und Kognition, einzutreten.

Als Hauptgrund führte ich an: Wer als Kind kein vollfunktionsfähiges Sprachsystem entwickeln kann, dem entstehen gravierende kognitive und damit allgemeine Nachteile für sein ganzes Leben. Die Einführung einer gebärdensprachorientierten Frühförderung und einer entsprechenden Elternbildung ist daher ein dringendes Anliegen. Wer dies weiter auf die lange Bank schiebt, verursacht unnotwendigerweise die genannten Nachteile neuer Jahrgänge von Gehörlosen. Da eine grundlegende Änderung der Gehörlosenbildung ein Langfristprojekt ist, sollten die diesbezüglichen Schritte sofort eingeleitet werden.

Die Antwort des Ministers beleuchtet den derzeitigen Argumentationsstand seines Ministeriums. Man ging weder auf die von mir vorgebrachten Argumente, auf meine Analyse Ihrer Anfragebeantwortung, noch auf die Grundsatzfragen ein. Es wurden Belege aus der Literatur vorgewiesen, welche alle den Standpunkt der Lautsprachbefürworter vertreten. Insbesondere berief sich der Minister auf ein "Positionspapier" von H.L. Breiner aus einem "Zusammenfassenden Bericht von der Bundesdirektorenkonferenz der Leiter an Schulen für Gehörlose und Schwerhörige aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Luxemburg und Holland" (Münster 1991). Dabei wurde übersehen, daß über Herrn Breiner bzw. dessen Positionspapier im zusammenfassenden Bericht gesagt wird:

Dr. BREINER, FRANKENTHAL meldete sich außer Programm zu Wort (s. beiliegendes Positionspapier) und löste eine heftige Kontroverse aus, in deren Folge das Symposion schließlich abgebrochen wurde". (S. 4)

Dieses "Positionspapier" kann also nicht als Meinung der auf dem Symposium anwesenden Gehörlosenschulleiter gelten. Auch eine für Österreich verfaßte Zusammenfassung zu dieser Konferenz (von Karl Rieder) enthält keine inhaltlichen bzw. sprachwissenschaftlichen Argumente, sondern nur Bewertungen über die Art und Weise der Interaktion ("festgefahren", "radikalisiert"). Es werden politische Opportunitäten bewertet, aber keine Sachargumente.

Der Brief schließt mit der Feststellung, daß grundlegende schulpolitische Änderungen einen breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens erforderten. Schließlich meint der Minister:

Beim sogenannten "Methodenstreit" in der Gehörlosenpädagogik orientiere ich mich daher weiterhin an den in Summe überzeugenderen und auch von Eltern mehrheitlich vorgebrachten Argumenten für eine Beibehaltung der momentanen Vorgangsweise. (Brief vom 20. 6. 1991)

Es ergibt sich folgendes Paradoxon: Der Minister verwendet das Nichtbestehen von Konsens als Argument, um Änderungen in der Gehörlosenbildung abzulehnen, bemüht sich als Verantwortlicher aber nicht um die Gewinnung aller einschlägigen Informationen, um die Abwägung der vorgebrachten Argumente und der unterschiedlichen Erkenntnisse, noch weniger um die Herstellung eines Konsenses.

Zusammenfassung

Zusammenfassend ist zu den Haltungen der politisch kontrollierten Verwaltung zu sagen, daß im Wissenschaftsministerium sowohl der Minister als auch die verantwortlichen Beamten der Gehörlosenproblematik sehr offen gegenüberstehen. Im Unterrichtsministerium ist die Situation umgekehrt: obwohl es auch dort einzelne unterstützungswillige Beamte gibt, wollen die bestimmenden Kräfte Wirbel und Kosten, besonders aber Unannehmlichkeiten vermeiden.

Die Situation insgesamt ist allerdings sehr komplex: Ich kenne keine Lehrergruppe, die so direkt und stark unter der Lage an ihren Schulen leidet. Sie bekommt ja die Schuld an der Benachteiligung und am Versagen gehörloser Schüler zugeschrieben bzw. lastet sie sich z.T. selber an. Dieser enorme Druck löst verschiedene Verhaltensweisen aus: Manche entwickeln massive Ängste und gehen in eine Verteidigungsstellung zugunsten des Althergebrachten; manche streben einen Wechsel in andere Schultypen an. Schließlich ist die Gehörlosenschule durch verschiedene Integrationsvorhaben in ihrem Bestand gefährdet.

Anläßlich der Teilnahme an einer GehörlosenlehrerInnentagung Ende 1990 in Salzburg konnte ich feststellen, daß zumindest eine qualifizierte Minderheit der GehörlosenlehrerInnen einen Systemwechsel hin zur Gebärdensprache unterstützen würden, hätten sie nur keine Benachteiligungen durch manche Schulbehörden oder Vorgesetzte zu befürchten, bzw. würde man ihnen entsprechende didaktische und fachwissenschaftliche Hilfe zusagen. So ist derzeit nur die Verunsicherung groß und wenig Orientierung gegeben. Es muß nun weiter versucht werden, die Lehrer mit der Aussicht auf eine Verbesserung ihrer eigenen, nicht zuletzt psychischen Situation zu Versuchen und Veränderungen zu motivieren. Gleichzeitig kann man die Befürchtungen aller Lehrer, sie müßten sofort und perfekt Gebärdensprache beherrschen, mit dem Vorschlag ausräumen, daß man ja Modelle wählen könne, bei denen kompetente Gehörlose als Zweitlehrer eingesetzt werden. Es ist überdies anzustreben, daß Gehörlose als LehrerInnen gehörloser Kinder eingesetzt werden (dem stehen derzeit die Zulassungsbedingungen zum Lehrerberuf entgegen).

Die größte Verantwortung an der momentanen Misere in Österreich tragen meiner Ansicht nach diejenigen Verantwortlichen (SchulleiterInnen, höhere Beamte und Lehrergewerkschaftsvertreter, uninformierte Politiker), die den Lehrern die wichtigen Informationen vorenthalten und ihnen und den Eltern gehörloser Kinder vorspiegeln, niemand könne zur Lösung der Problematik wirklich beitragen. Der Österreichische Gehörlosenbund beklagt, daß die teilweise Uneinigkeit unter den Gehörlosen selbst, die von Politikern immer wieder als Grund für ihre Untätigkeit genannt wird, von den Hörenden teilweise 'gefördert' wird. Es zeichnet sich aber eine Vereinheitlichung der Linie der Gehörlosenvertretungen ab.

Diese Sicht habe ich dem Unterrichtsminister nochmals dargelegt und ihn insbesondere auf die Darstellungen in "Das Zeichen" 5 (1991), Heft 16, S. 158-172, verwiesen. Gleichzeitig ersuchte ich ihn, mir die zuständigen ReferentInnen seines Resorts zu nennen, um mit diesen eine Fachdiskussion führen zu können. Das war im Oktober 1991.

Vom 25. bis 27. Oktober 1991 fand in Klagenfurt die Jahrestagung der österreichischen Sprachwissenschaftler statt. Über die Lage der Gehörlosen in Österreich herrschte Betroffenheit, weshalb die unten abgedruckte Resolution beschlossen und an den Hauptausschuß des Nationalrats gesandt wurde. Die Behindertensprecher der vier Parlamentsparteien haben die Resolution an den Petitionsausschuß des Nationalrats weitergeleitet; eine Behandlung erfolgt voraussichtlich im Februar.

Quelle:

Franz Dotter: Zur jüngsten Entwicklung bezüglich der Gebärdensprache in Österreich

Erschienen in: Zur jüngsten Entwicklung bezüglich der Gebärdensprache in Österreich. In: Das Zeichen 6 (1992), Heft 19, S. 22-25

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Stand: 17.11.2005

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