Das integrative Arbeitstraining als Teil eines neuen Typs von Biographien

Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: erschienen in: Leben mit Down-Syndrom, Heft 40, Mai 2002, 12-16
Copyright: © Ines Boban, Andreas Hinz 2002

Inhaltsverzeichnis

I

Mit dem Sozialgesetzbuch IX wurden im Jahr 2000 bundesweit Integrationsfachdienste eingeführt, die die berufliche Integration von Menschen mit Behinderung unterstützen sollen. In der Praxis hat sich die Zielgruppe leider völlig verschoben - statt Menschen mit Lernschwierigkeiten werden z.B. chronisch Kranke oder Diabetiker unterstützt, und statt einer vorgesehenen Arbeitsbegleitung ist mit der vorhandenen Ausstattung in der Regel lediglich eine Vermittlung realisierbar. Damit wird das Konzept "Place and pray!" umgesetzt, nicht aber wirkliche Arbeitsassistenz im Sinne von "Supported Employment".

Was eigentlich mit dem Konzept unterstützter Beschäftigung möglich ist, haben wir anhand von zwei Rehabilitationsmaßnahmen der Hamburger Arbeitsassistenz untersucht: Durch das Ambulante Arbeitstraining und das Integrationspraktikum wird Jugendlichen mit Behinderung ein integrierter Übergang von der Schule in die Arbeitswelt ermöglicht. Auf diesen Hintergrund - publiziert in zwei ausführlichen Berichten (HAMBURGER ARBEITSASSISTENZ 2001, HINZ & BOBAN 2001) - bezieht sich dieser Text.

II

Der Lebensweg von Herrn A., heute 36 Jahre alt, führt über den Sonderkindergarten der Lebenshilfe und die Schule für Geistigbehinderte und deren Werkstufe in die Werkstatt für Behinderte (heute "Werkstatt für behinderte Menschen", WfbM). Dort kommt er damals in den Eingangs- und Trainingsbereich zum zweijährigen, vom Arbeitsamt finanzierten Arbeitstraining. Danach wechselt er in eine Gruppe der Abteilung für Montage- und Verpackung und zieht wenig später ins benachbarte Wohnheim eines anderen großen Trägers. In seiner Freizeit ist die "Jugendgruppe" des Spastikervereins ein monatliches Highlight.

Ein Weg in das Erwachsenenleben, wie ihn wohl viele Menschen mit Down-Syndrom und anderen Behinderungen, die das Lernen beeinträchtigen, gegangen sind, gehen - und gehen werden?

Der Lebensweg von Frau B, heute 24 Jahre alt, führte ebenfalls zunächst in den Kindergarten, der einer Schule für Geistigbehinderte angegliedert ist. Ihre Eltern sind eigens wegen der Nähe zu diesen Institutionen in das Viertel gezogen. Dann aber erleben sie, dass ihre Tochter im Sprechen regrediert und auch andere bereits vorhandene Kompetenzen nicht mehr zeigt - dafür aber skurrile Verhaltensweisen anderer Kinder aus dem Sonderkindergarten zu imitieren beginnt. Damit beginnt die Suche nach einem Platz in einem Kindergarten, in dem das Kind durch andere "Vorbilder" zur eigenen Weiterentwicklung angeregt wird, der schließlich in einem kirchlichen Kindergarten gefunden wird. Und damit beginnt zugleich ein ganz anderer Lebensweg als der von Herrn A.

Bestärkt durch die positive Entwicklung ihrer Tochter, machen sich die Eltern von Frau B stark für deren Aufnahme in einer Integrationsklasse einer Grundschule. Von dort wechselt sie - wiederum in eine Integrationsklasse - an eine Gesamtschule. Nach dem zehnten Schuljahr besucht sie ein sogenanntes integratives Berufsvorbereitungsjahr (BVJ-i) einer großen Berufschule, wo nach einem speziellen Konzept (vgl. KROHN 1997) für Menschen mit Lernschwierigkeiten auch ein mehrjähriger Verbleib möglich ist. Eigentlicher Schwerpunkt dort ist der Garten- und Landschaftsbau, aber für das große Praktikum im dritten Berufsschuljahr entscheidet sich Frau B für die Tätigkeit in einer Kantine eines sehr großen Betriebes. Zu dieser Zeit fädeln sich MitarbeiterInnen der Arbeitsassistenz in den Prozess ein. Ein Kompetenz- und Interessensprofil wird in mehreren Sitzungen gemeinsam erarbeitet und mündet in die Bewerbung Frau Bs für die Teilnahme am "Ambulanten Arbeitstraining" der Arbeitsassistenz sowie in dessen Rahmen in weitere betriebliche Erfahrungen (vgl. MIEHLICH 1999).

Frau B erhält gemeinsam mit 11 anderen Bewerbern die Möglichkeit, das zweijährige vom Arbeitsamt finanzierte Arbeitstraining nicht in einer WfbM machen zu müssen, sondern in Betrieben des regulären Arbeitsmarkts - und ihres Interesses - zu absolvieren. Mittel für Arbeitstrainingsplätze für eben 12 Menschen gehen also nicht wie sonst üblich in die Architektur der Werkstätten, sondern über deren Verwaltung an die Arbeitsassistenz und mit ihr in die Architektur regionaler Firmen des allgemeinen Arbeitsmarktes. Während dieser Zeit besucht Frau B einmal in der Woche eine Klasse in einer Berufschule für Hauswirtschaft und Ernährung (vgl. HAMBURGER ARBEITSASSISTENZ 2001, Kapitel 4, HINZ & BOBAN 2001, Kapitel 8).

Konsequent kann Frau B damit ihren Weg ausserhalb "besonderer" Institutionen gehen und sich in regulären Umfeldern erproben. Begleitet durch Job-Coaches erhält sie einerseits "Training on the Job", andererseits vermitteln ihre ArbeitsassistentInnen auch zwischen den betrieblichen Bedingungen und den jeweiligen Möglichkeiten, das heißt, der Tätigkeitsbereich wird auf die Bewerberin zugeschnitten.

Nach dem betrieblichen Arbeitstraining in unterschiedlichen Branchen entscheidet sich Frau B für die Tätigkeit in einer wiederum sehr großen Kantine einer Bank, die von einem der führenden Cateringunternehmen betrieben wird. Hier kümmert sie sich laut Aussage ihres Chefs um kostenrelevante Posten, da sie gemeinsam mit einer Kollegin den Kioskbereich verantwortet und zum Beispiel auch - nach detaillierter Einarbeitung durch ihre ArbeitsbegleiterInnen - den Rücklauf nichtverkaufter Zeitschriften verwaltet. Der Chef erklärt die entstandene Umsatzsteigerung im Kioskbereich mit dem sehr persönlichen Kundenbetreuungsstil von Frau B, der den Bankangestellten und der Kundschaft aus der benachbarten Börse offenbar sehr zusagt. Sie sei mit vielen per Du, ja "sie hat da schnell Freunde gefunden" (HINZ & BO-BAN 2001, 262). Allerdings stellt er eines ebenso klar: Ohne die kontinuierliche begleitende Unterstützung durch Arbeitsassistenz wäre es "mit Sicherheit nicht zum Arbeitsverhältnis gekommen. Ganz bestimmt sogar nicht" (HINZ & BOBAN 2001, 263).

Hätten die zwei Jahre im Ambulanten Arbeitstraining nicht zum Abschluß eines tariflich geregelten Arbeitsvertrags geführt, wäre es Frau B zusätzlich möglich gewesen, ein sogenanntes Integrationspraktikum von der Dauer bis zu einem Jahr anzuschliessen. Eine Zukunftskonferenz und persönliche Zukunftsplanung hat Frau B also bezüglich ihrer beruflichen Perspektiven nicht gebraucht, wohl aber hinsichtlich neuer, zu entwickelnder Wohnmöglichkeiten (vgl. BOBAN & HINZ 1999). Neben dem leidenschaftlichen Hobby des Lesens pflegt Frau B in ihrer Freizeit Beziehungen zu Freunden und bereitet sich parallel zur Arbeitstrainingszeit gemeinsam mit anderen jungen Leuten auf das Ausziehen aus den elterlichen Wohnungen und das weitgehend selbständige Wohnen vor. Auch dieser Schritt ins Erwachsenenleben ist bereits vollzogen.

Frau B hat große Pläne - im Sinne großer Reisen. Afrika bedeutet ihr viel. Seit sie in Namibia gewesen ist, brauchen einige Banker in ihrer Mittagpause noch etwas länger zum Zeitungs- und Schokoriegel- oder Minzpastillenkauf, weil das Schwätzchen um ein Thema erweitert werden muss: Was die nächsten Reiseziele sein sollen, wird von allen offenbar gern besprochen.

Wenn Herr A gefragt wird, ob er zufrieden sei mit seiner Situation, dann antwortet er - meist - mit "ja". Wenn Herr A nach Wünschen und weiteren Lebensperspektiven gefragt wird, beginnen seine Antworten signifikant oft mit dem Begriff "draussen". Aber Herr A wird nicht so oft gefragt.

III

Das Ambulante Arbeitstraining und das Integrationspraktikum der Hamburger Arbeitsassistenz wurde als Modellprojekt mit dem Titel "Integrative berufliche Orientierung und Qualifizierung von Menschen mit Behinderung im Übergang von der Schule in den Beruf" von der Arbeitsassistenz intern und von uns extern evaluiert. Beide Teile liegen als Publikationen vor (vgl. HAMBURGER ARBEITSASSISTENZ 2001, HINZ & BOBAN 2001). Im Rahmen unseres externen Teils sind wir davon ausgegangen, dass die Beteiligten als direkte ExpertInnen uns wichtige Aussagen über die Qualität der Maßnahmen ermöglichen. Deshalb haben wir zunächst alle aktuellen und ehemaligen TeilnehmerInnen selbst befragt, 56 haben zu ihrer Situation und ihrer Zufriedenheit damit Stellung genommen - sie bilden die 'Assistenz-Gruppe'. Als Vergleichsgruppe haben wir ebenfalls 56 MitarbeiterInnen in den vier Werkstätten für behinderte Menschen Hamburgs befragt - sie sind die 'Werkstatt-Gruppe'. In beiden Gruppen besteht eine recht hohe Zufriedenheit mit der vorhergehenden Situation während der Schulzeit, im Arbeitstraining und in der folgenden Beschäftigungssituation.

Bei vielen Fragen ergeben sich positivere Bewertungen der Assistenz-Gruppe gegenüber der Werkstatt-Gruppe: Arbeitstraining und nachfolgende Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt machen mehr Spaß, es werden mehr Arbeiten gern und weniger ungern gemacht und es wird viel mehr Geld verdient. Bei manchen Fragen gibt es gleiche Bewertungen: Auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gestaltet sich das Auskommen mit den KollegInnen ähnlich wie in der Werkstatt, die Breite der Erfahrungen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ist nicht geringer als in der Werkstatt - beides sind insofern bemerkenswerte Ergebnisse, als im Vorfeld bezüglich der sozialen Integration und der Qualifizierungsbreite skeptische Stimmen zu hören waren. Andererseits kommen auch negativere Bewertungen der Assistenz-Gruppe vor: Arbeitstraining und Integrationspraktikum auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt machen mehr Stress, und es ergeben sich weniger neue Freundschaften als in der Werkstatt für behinderte Menschen. Gleichzeitig wird allerdings von einigen hinterfragt, ob man denn primär bei der Arbeit Freunde finden solle und was denn überhaupt ein Freund sei.

Auffällig ist bei der Frage nach Änderungswünschen, dass in der Werkstatt-Gruppe der Wunsch nach einem individuelleren Eingehen der GruppenleiterInnen dominiert, während bei der Assistenz-Gruppe alles Mögliche gewünscht wird: mehr Arbeit, weniger Arbeit, andere Arbeit, ...

Ein höchst überraschendes Ergebnis zeigt sich schließlich bei der Auswertung von drei offenen Fragen ('Was würden Sie am liebsten an Ihrer Situation verändern?', 'In welchem Tätigkeitsbereich möchten Sie später arbeiten?' Und: 'Welche Wünsche haben Sie sonst für die Zukunft?'), nach dem 41 % aller behinderten MitarbeiterInnen der Werkstatt 'draußen' arbeiten wollen. Vor dem Hintergrund einer meist auf An- und Einpassung angelegten Erziehung bei Menschen mit Behinderung und angesichts der verbreiteten Ergebnisse mit hoher Zufriedenheit - auch bei unserer Untersuchung - ist dieser Anteil ein geradezu bestürzendes Ergebnis.

Als weiteren Untersuchungsschritt haben wir nach der Vollbefragung eine Intensivbefragung von je fünf RepräsentantInnen mit unterschiedlichen Verläufen aus beiden Gruppen durchgeführt, bei der wir sie selbst und Personen aus ihrem Umfeld wie GruppenleiterInnen der Werkstatt oder ArbeitsassistentInnen und Vorgesetzte in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes sowie von den TeilnehmerInnen ausgewählte Vertrauenspersonen, meist Eltern oder auch Ehepartner, interviewt haben.

Die behinderten WerkstattmitarbeiterInnen zeigen mit ihren Äußerungen ein sehr deutliches Bewusstsein davon, dass für sie der allgemeine Arbeitsmarkt 'das Eigentliche' und die Werkstatt das 'Uneigentliche' ist (vgl. HINZ & BOBAN 2001, 160-202). Der Wunsch nach einer Arbeit 'draußen' und das teilweise über Jahre andauernde Hadern mit der Arbeit 'drinnen' werden überdeutlich; dieses Ergebnis steht in krassem Gegensatz zu der etwa vom früheren Vorsitzenden der Bundearbeitsgemeinschaft der Werkstätten für Behinderte (BAG WfB) vertretenen These, die Werkstatt würde "als Emanzipationshilfe" zu "Selbstsicherheit, Selbstwertgefühl und Bewusstsein der eigenen Stärke bei den behinderten Beschäftigten" beitragen (AN-DERS 1996, 560). Zudem werden in der Assistenz-Gruppe z.T. erschreckende Erfahrungen in Praktika in der WfbM geschildert, die Beschäftigten dort 'tun ihnen leid' und zeigten gleichzeitig für sie unkalkulierbare Verhaltensweisen, die nicht aushaltbar gewesen seien. Vor diesem Hintergrund sehen wir nun die hohe Zufriedenheit der Werkstatt-Gruppe in einem nicht näher zu bestimmenden Anteil als 'resignative Zufriedenheit' an.

Bei den GruppenleiterInnen in den Werkstätten zeigen sich teilweise massive Schwierigkeiten, Stärken ihrer behinderten MitarbeiterInnen zu benennen, dagegen fällt es ihnen nicht schwer, über deren Schwächen zu sprechen. Im Gegensatz dazu neigen einige AssistentInnen dazu, über die Stärken ihrer TeilnehmerInnen ins Schwärmen zu geraten - was sie jedoch sogleich kritisch reflektieren. Dies dürfte Auswirkungen auf das Selbstbild der TeilnehmerInnen haben, jeweils in der einen oder anderen Richtung.

Bei der Qualifizierung fällt ein charakteristischer Unterschied im methodischen Vorgehen auf: GruppenleiterInnen arbeiten im Vorfeld kleinschrittig an einfacheren Tätigkeiten, bevor die von den behinderten MitarbeiterInnen gewünschten Tätigkeiten angegangen werden können, ArbeitsassistentInnen arbeiten dagegen - auch kleinschrittig - an den gewünschten Tätigkeiten selbst. Mehrfach besteht so bei GruppenleiterInnen die Gefahr eines Teufelskreises in Form einer 'Qualifizierungs-Motivations-Falle', die darin besteht, dass die MitarbeiterInnen keine nennenswerte Motivation für die einfachen Tätigkeiten im Vorfeld aufbringen, diese also auch nicht erfolgreich bewältigen, so dass es nie zum Schritt zu den eigentlich gewünschten Tätigkeiten kommt.

Insbesondere Menschen mit Down-Syndrom - was wir nicht systematisch erhoben, wohl aber während der Befragungen implizit wahrgenommmen haben - scheinen sich dabei mit dem ihnen jeweils Zugedachten zu arrangieren (oder - z.B. somatische - Akte der Gegenwehr zu entwickeln). Ehemalige SchülerInnen der Schule für Geistigbehinderte geben zumeist an, in der Regel ein Praktikum, höchstens zwei Praktika gemacht zu haben - und diese(s) zum weitaus größten Teil in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Uns sind nur wenige Menschen mit Down-Syndrom bekannt, die sich nach dem Sonderschulbesuch aus eigenem Antrieb aus der WfbM heraus an die Arbeitsassistenz gewandt haben, um deren Dienst in Anspruch zu nehmen. Alle anderen - zahlreichen - Menschen mit Down-Syndrom, die zur Arbeitsassistenz kommen, sind einen durchgängig integrativen Weg gegangen - so wie Frau B - und haben im Rahmen von verschiedenen Betriebspraktika, auch schon zur Schulzeit, viele Tätigkeitsfelder kennen lernen können. Die Prägungen also, was vorstellbar ist und was nicht, beginnen früh im Umfeld; ein unterstütztes innerbetrieblich-integratives Arbeitstrainig ist der logische, konsequente nächste Schritt ins Erwachsenenleben, ein Element neuer Biographien auf dem Weg zur Gleichberechtigung und zur Wahrnehmung von Bürgerrechten (vgl. BOBAN & HINZ 2000).

Allgemein lassen sich nach unseren Ergebnissen die folgenden förderlichen und hemmenden Faktoren für die berufliche Integration in folgender Weise zusammenfassen:

Fördernde und hemmende Faktoren bei beruflicher Integration (HINZ & BOBAN 2001, 411)

Für berufliche Integration ist es ...

Für berufliche Integration ist es ...

... förderlich, wenn...

... erschwerend, wenn ...

  • die Person zu Selbstakzeptanz gefunden hat bzw. ihr Wege der Entstigmatisierung zur Verfügung stehen,

  • die Person nach wie vor mit ihrer Situation hadert oder sie verleugnet bzw. keine Wege der Entstigmatisierung gefunden hat,

  • personale Integration gelingt bzw. gelungen ist,

  • personale Integration noch nicht gelungen oder gar misslungen ist,

  • das Umfeld eine sozialisatorisch akzeptierende Qualität hat,

  • das Umfeld eine sozialisatorisch infragestellende oder ablehnende Qualität hat,

  • ein stützend bejahendes familiäres Umfeld sich die Person in integrativem Kontext arbeitend vorstellen kann,

  • ein nicht mittragendes familiäres Umfeld sich die Person nicht in integrativem Kontext arbeitend vorstellen kann,

  • die Schule Praktikumsmöglichkeiten auf dem ersten Arbeitsmarkt ermöglicht,

  • die Schule Praktikumsmöglichkeiten nur in der Werkstatt für behinderte Menschen ermöglicht,

  • die Berufsberatung über die Möglichkeiten und Wege der beruflichen Integration informiert,

  • die Berufsberatung nur die Werkstatt für behinderte Menschen als geeignete Perspektive vertritt,

  • die Berufsschule reflexiv an konkreten Erfahrungen und individuellen Bedarfen auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeitet,

  • die Berufsschule Module über verschiedene inhaltliche Bereiche favorisiert und die konkrete Realität im Betrieb vernachlässigt,

  • die BewerberIn eine Vorstellung von der Arbeitswelt und einen klaren Tätigkeitswunsch hat,

  • die BewerberIn keine Vorstellung von der Arbeitswelt und keinen Tätigkeitswunsch hat,

  • sie motiviert ist und weiß, was sie will und was sie nicht will,

  • sie nicht motiviert ist und nicht weiß, was sie will und was sie nicht will,

  • sie ihre ArbeitsassistentInnen als ihre AgentInnen wahrnimmt,

  • sie ihre ArbeitsassistentInnen als Kontrolle empfindet,

  • ArbeitsassistentInnen primär die Stärken der Person und erst sekundär ihre Schwächen sehen,

  • ArbeitsassistentInnen primär die Schwächen der Person und erst sekundär ihre Stärken sehen,

  • überzeugt sind, dass diese Person und dieser Betrieb sich integrieren können,

  • selbst zweifeln, ob der Integrationsprozess mit der konkreten Person und dem Betrieb gelingen kann,

  • ihr betriebliches Umfeld die ArbeitsassistentInnen als Modelle nutzt und an und mit ihnen lernt,

  • ihr betriebliches Umfeld die ArbeitsassistentInnen als Auf- und Anpasser oder BehindertenbetreuerInnen missdeutet,

  • Betriebe sich mit (auch skeptischer) Neugier auf den gemeinsamen Integrationsprozess einlassen,

  • in Betrieben lediglich moralische Motive bestehen und keine Schwierigkeiten gesehen werden, jemanden zu integrieren,

  • Betriebe ihre Abläufe an die Fähigkeiten der Person adaptieren und so einen Arbeitsplatz erfinden,

  • Betriebe die Einpassung der Person in bestehende Abläufe erwarten und nicht zu Veränderungen bereit sind,

  • die Person auf ein betriebliches Umfeld trifft, das Gleichberechtigung bei individuellen Unterschieden anerkennt,

  • die Person auf ein betriebliches Umfeld trifft, das Anpassung fordert oder latent mit Aussonderung droht,

  • die Person einen Status als MitarbeiterIn des jeweiligen Betriebes hat und sich in einem ortsüblich tarifentlohnten, sozial-versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis befindet

  • die Person lediglich als externer Gast im Betrieb anwesend ist und keinen üblichen Vertrag mit üblicher Entlohnung hat.

IV

Nach der Ära der Sonderbiographien zeigt Frau B mit ihren Erfahrungen im Übergang von der integrativen Schule zum integrierten Arbeiten, wieviel 'normaler' neue Biographien von Menschen mit Lernschwierigkeiten aussehen können, wenn sie entsprechend unterstützt werden. Jedoch könnte auch Herr A mit seinem Umfeld zu klären beginnen, in welchem Maß seine Zufriedenheit eine resignative ist und welche Bedeutung das Wort 'draußen' für ihn hat, um gegebenenfalls seinen Lebensweg dorthin weiterzuentwickeln - mit Hilfe eines arbeitsbegleitenden Integrationsfachdienstes.

Literatur

ANDERS, Dietrich (1996): Die Werkstatt für Behinderte - der andere Weg ins Arbeitsleben. In: ZWIERLEIN, Eduard (Hrsg.): Handbuch Integration und Ausgrenzung. Behinderte Mitmenschen in der Gesellschaft. Neuwied: Luchterhand, 547-562

BOBAN, Ines & HINZ, Andreas (1999): Persönliche Zukunftskonferenzen. Unterstützung für individuelle Lebenswege. Behinderte 22, H.4-5, 13-23 (auch im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/beh4-99-konferenz.html). (Stand: 24.07.2006, Link aktualisiert durch bidok)

BOBAN, Ines & HINZ, Andreas (2000): Emanzipation der Menschen mit Down-Syndrom. Leben mit Down-Syndrom, H.33, 20-27

HAMBURGER ARBEITSASSISTENZ (Hrsg.) (2001): Übergang von der Schule in den Beruf für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Hamburg: Selbstverlag (Bezug über: Hamburger Arbeitsassistenz, Schulterblatt 36, 20357 Hamburg; Tel. 040/431339-0, Fax 040/431339-22, E-Mail: Hamburger_Arbeitsassistenz@t-online.de)

HINZ, Andreas & BOBAN, Ines (2001): Integrative Berufsvorbereitung. Unterstütztes Arbeitstraining für Menschen mit Behinderung. Neuwied/Berlin: Luchterhand

KROHN, Johanna (1997): Integratives Berufsvorbereitungjahr. In: SCHULZE, Hartmut u.a. (Hrsg.): Schule, Betriebe und Integration: Menschen mit geistiger Behinderung auf dem Weg in die Arbeitswelt. Hamburg: Eigenverlag, 190-194 (auch im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/texte/integ2000-Integrat-2.html)

MIEHLICH, Anna (1999): Meine Arbeit in der Spülküche im Krankenhaus Boberg. Impulse Nr. 11 (auch im Internet: http://bidok.uibk.ac.at/library/imp11-99-kueche.html) (Stand: 24.07.2006, Link aktualisiert durch bidok)

Quelle:

Ines Boban, Andreas Hinz: Das integrative Arbeitstraining als Teil eines neuen Typs von Biographien

Erschienen in: Leben mit Down-Syndrom, Heft 40, Mai 2002, 12-16

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 25.07.2006

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