Aus Grolls Skizzenbuch: Im sonnigen Israel

AutorIn: Erwin Riess
Themenbereiche: Kultur
Schlagwörter: Geschichte
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/99; Thema: Zumutungen im pädagogischen Feld Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft (3/1999)
Copyright: © Erwin Riess 1999

Aus Grolls Skizzenbuch: Im sonnigen Israel

An einem strahlenden Jännertag beschloß Groll die Tatsache zu feiern, daß in Eilat jeder Tag im Jänner ein strahlender ist. Zu diesem Zweck plante er, am Abend statt einer Flasche des mittelmäßigen Hotelweins, den es jeden Tag zum Essen gab, zwei Flaschen Chianti zu erwerben und am Hafen zu trinken. Vorher aber, die Sonne stand noch hoch, wollte er eine größere Ausfahrt unternehmen. Er stopfte eine Flasche Bier in das Rollstuhlnetz, legte die neueste Ausgabe des "Professional Mariner" dazu, setzte der Sonne halber Kappe und Brille auf und fuhr los. Kurz nach dem Ortsende von Eilat, dort wo die Straße sich teilt und zum Flughafen oder aber in den Sinai führt, fiel ihm ein Läufer auf, der barhäuptig, ohne Leibchen, nur mit einer winzigen Badehose und Laufschuhen bekleidet, nähertrabte. Groll glaubte sich einer Fata Morgana ausgesetzt, aber bald war klar, um wen es sich handelte. Nur ein Mensch hüpfte während des Laufs in unregelmäßigen Abständen, und daß der Mann, der sich ihm näherte, hüpfte, war nicht zu übersehen. Groll überlegte, mit welchen Worten er den Dozenten begrüßen würde. Offensichtlich hatte auch der Dozent sich geistig für die Begegnung gewappnet, und die Idee, die ihm dabei eingefallen war, erschien Groll im Nachhinein verstörend einfach. Der Dozent lief, hin und wieder hüpfend, ohne seinen Rhythmus zu verlangsamen, an Groll vorbei und rief beiläufig, als würden sie sich in Wien auf der Donauinsel begegnen, ein Grußwort auf die andere Straßenseite. Nun hatte Groll den Dozenten schon lange nicht mehr gesehen, er fand dieses Verhalten ungehörig. Er rief dem Dozenten nach, er solle sofort umkehren und sich zu einer ordentlichen Begrüßung bequemen, sonst werde er, Groll, für alle Zeiten mit ihm brechen.

Nachdem sie einander die Hände geschüttelt hatten, wollte Groll vom Dozenten wissen, was er halbnackt unter der Sonne des Roten Meers treibe. Er sei Teilnehmer einer Gruppe österreichischer Soziologen, die vorhabe, unter der Führung heimischer Bergsteiger die höchsten Gipfel des Sinai zu erklimmen, erwiderte der Dozent. Um sich vor seinen Kollegen nicht zu blamieren, schinde er am Ruhetag Kondition. Man müsse den Körper an die Kandare nehmen, wenn man Ansprüche an den Geist stelle, fügte er hinzu und fragte seinerseits, was Groll nach Eilat geführt habe.

Ein Tauchkurs, sagte Groll und ersuchte den Dozenten nicht zu lachen. Er sehe keinen Grund dazu, erwiderte dieser. Wenn Sie hören, wie es mir dabei erging, werden Sie versucht sein zu lachen, beharrte Groll. Er werde standhaft bleiben, versicherte der Dozent und bat um die Geschichte.

Für das Scheitern meines Tauchurlaubes gibt es einen dreifachen Grund, erklärte Groll. Zum einen erwiesen sich die Tauchgurte für Rollstuhlfahrer als zu eng. Er könne das nicht glauben, sagte der Dozent. Groll habe zwar an Gewicht zugelegt, aber für einen Tauchgurt müsse es immer noch reichen. Nicht, wenn man mit dem Rollstuhl tauchen will, entgegnete Groll und führte den zweiten Grund an: die Fische. Sie seien ihm zu bunt gewesen und hätten ihn an einen LSD-Horrortrip erinnert, der ihm vor Jahrzehnten widerfahren sei. Der Hauptgrund sei aber der dritte gewesen.

Er solle reden, sagte der Dozent. Ohne kühlenden Laufwind wäre ihm die Straße zu heiß. Er hätte den Besitzer des Tauchboots mit dem Korkenzieher seines Schweizer Armeemessers gezwungen, nicht zu den Korallen, sondern ins Rote Meer, in die Schiffahrtrinne zu fahren, dorthin, wo die Schiffe aus dem Suezkanal der jordanischen Küste nahekommen, sagte Groll. Der Dozent lachte und schüttelte den Kopf. Er lachte auch noch, als er, fröhlich hüpfend, seinen Lauf fortsetzte. Er möge sich bei Einbruch der Dunkelheit am Hafen einfinden, rief Groll ihm nach, er werde dort die Situation anhand einer Seekarte erläutern.

Quelle:

Erwin Riess: Aus Grolls Skizzenbuch: Im sonnigen Israel

Erschienen in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 3/99

Reha Druck Graz

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 27.04.2006

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