Aktionsforschung - Beispiele, Probleme, Möglichkeiten

AutorIn: Michael Zander
Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Der Text erschien zuerst in der Zeitschrift "arranca!" (Dez. 08) im Rahmen eines Heftschwerpunkts "Militante Untersuchungen" unter dem Titel: "Und Action! Aktionsforschung - Die große Schwester der Militanten Untersuchung"
Copyright: © Michael Zander 2008

Aktionsforschung - Beispiele, Probleme, Möglichkeiten

Aktionsforschung, auch Tat- oder Handlungsforschung genannt, heißt ein sozialwissenschaftlicher Ansatz, der üblicherweise folgende Merkmale aufweist: Erstens nehmen "Laien", also Nicht-WissenschaftlerInnen an der Forschung teil. Die Teilnahme soll die Perspektive der professionell Forschenden erweitern und ggf. korrigieren. Ihr Ausmaß ist von Projekt zu Projekt unterschiedlich. Zweitens ist das Ziel der Forschung, mittels einer intervenierenden Aktion ein bestimmtes gesellschaftliches Problem zu lösen oder zu bearbeiten, von dem die Laien und evtl. auch die professionell Forschenden selber betroffen sind. Drittens sollen mit Hilfe der Aktion neue Erkenntnisse generiert werden; diese betreffen zum einen die Wirksamkeit der Intervention selber, zum anderen aber auch Charakteristika der gesellschaftlichen Strukturen, die durch die (versuchte) Veränderung deutlich werden.

Anfänge in der Emigration

Begriff und Konzept der Aktionsforschung (action research) wurden ursprünglich in den 1940er Jahren durch den Sozialpsychologen Kurt Lewin entwickelt. Als Deutscher jüdischer Herkunft, Wissenschaftler und Sympathisant des Linkssozialismus emigrierte Lewin 1933 in die USA. Einer seiner Freunde, der Philosoph Karl Korsch, meinte später, Lewin sei in der Emigration ein "zu guter Amerikaner" geworden, da dieser sich rasch für die liberal-bürgerliche US-Demokratie begeisterte. Lewin beantragte die US-Staatsbürgerschaft, aber er war keineswegs unkritisch gegenüber der neuen Heimat: Er analysierte den verbreiteten Rassismus gegen Schwarze und Juden und entwickelte eine Theorie gesellschaftlicher Minderheiten. Seine ersten Interventionen waren antirassistische Trainings in der Gemeinde. Außerdem versuchte er, Strukturen in Industriebetrieben zu demokratisieren. Das Einverständnis der Unternehmensleitungen holte er sich mit dem Versprechen, dadurch die Produktivität der Arbeitenden zu steigern. Man erkennt hier die politische Zwiespältigkeit und eine technokratische Seite der ursprünglichen Aktionsforschung. Lewin sieht in ihr "eine vergleichende Erforschung der Bedingungen und Wirkungen verschiedener Formen des sozialen Handelns und eine zu sozialem Handeln führende Forschung." Er postuliert: "Eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervorbringt, genügt nicht." Ausgangspunkt sei ein Problem und eine Idee der Lösung, die "im Lichte der zu Verfügung stehenden Mittel" geprüft werden müsse. Die folgenden Schritte bestehen "aus einem Kreis von Planung, Handlung und Tatsachenfindung über das Ergebnis der Handlung." Dies sei nicht nur Sache von Hochschulen: "Es wird notwendig sein, tatsachenfindende Organe, soziale Augen und Ohren zu schaffen..." Allerdings komme eine "Bedrohung der Sozialwissenschaften ... von ‚Gruppen, die an der Macht sind'. Diese Menschen lassen sich ... unter Arbeiterführern, unter Politikern, manchen Zweigen der Regierung und unter Mitgliedern des Kongresses" finden. Sie fürchteten, "sie könnten nicht tun, was sie tun wollten, wenn sie und andere wirklich die Tatsachen kennen würden." Es komme darauf an, mit Aktionsforschung "etwas wirklich Demokratisches zu schaffen." Das partizipatorische Element des Ansatzes verdankte sich einer Intervention von Betroffenen. Ein antirassistisches Training sollte ausgewertet werden, indem Forschende bei einem separaten Treffen die Interaktionen in der großen Gruppe analysieren. Die Laien forderten, an diesen Treffen teilzunehmen. Dadurch konnten nicht nur die Analysen geprüft werden, vielmehr nahmen jetzt die Betroffenen am Forschungsprozess teil.

Wie erziehen Linke ihre Kinder?

Durch den frühen Tod Lewins 1947 blieb die Aktionsforschung konzeptionell zunächst in den Anfängen stecken. Erst die 1968er entdeckten den Ansatz neu und verbanden damit Forschung, soziales Engagement und emanzipatorischen Anspruch. Eine marxistische Richtung, die in dieser Tradition steht, ist die Kritische Psychologie, die eine Gruppe um den Berliner FU-Professor Klaus Holzkamp entwickelte. Anfangs noch mit der historischen Fundierung psychologischer Grundbegriffe beschäftigt, wandte man sich gegen Ende der 70er Jahre verstärkt der aktuell-empirischen Forschung zu. Das erste Projekt hieß "Subjektentwicklung in der frühen Kindheit" (SUFKI). Gegenstand war die Frage, wie Kinder in Interaktion mit den Eltern zunehmend Mitverfügung über ihre soziale Umwelt erlangen; die Aufmerksamkeit galt den Konflikten in diesem Prozess. Die Eltern führten Tagebücher über ihr Zusammenleben mit den Kindern, insbesondere über Alltagsprobleme wie Konflikte ums Zubettgehen oder "Geschwisterrivalität". Die Interventionen erfolgten jeweils in vier Schritten. Zunächst wurden in der Gruppe Hypothesen über den zugrundeliegenden Konflikt und Lösungsmöglichkeiten gebildet. Falls es Einwände gegen die sich herauskristallisierende Deutung gab, wurden sie einer Analyse unterzogen. Entweder konnten die Widerstände ausgeräumt oder die Deutung musste modifiziert werden. Dann wurde der Lösungsvorschlag ausprobiert. Die Ergebnisse wurden an die Gruppe zurückgemeldet. Verschwand das Problem, konnte dies als pragmatische Bestätigung der Hypothese gewertet werden; blieb es bestehen, war die Deutung vorerst gescheitert und der Prozess konnte von vorn beginnen. Die theoretische Pointe bestand darin, dass die Vorgänge unter dem Gesichtspunkt individueller Handlungsfähigkeit betrachtet werden; Handlungsfähigkeit beruht auf der Teilhabe an der gemeinsamen Verfügung über die Lebensumstände. Im Licht dieses Konzepts tauchen Fragen nach Macht, Herrschaft und Emanzipation auf. Gleichzeitig verzichtete das SUFKI-Projekt mit seiner pragmatischen Lösungsorientierung weitgehend auf Normen, wie Eltern und Kinder zu sein oder sich zu verhalten haben; derartige Normen werden vielmehr kritisch auf ihre Herkunft befragt. Damit steht das Projekt auch im Gegensatz zu damaligen und heutigen Auffassungen, nach denen Linke ihre Kinder auf bestimmte Ziele wie Friedensliebe oder Solidarität hin zu erziehen haben. Zwar muss an diesen Zielen nichts Schlechtes sein; allerdings negiert ein derart instrumenteller Umgang die Subjektivität der Kinder und Erwachsenen und provoziert mehr Probleme als er löst.

Weitere Projekte erforschten das Verhältnis von Flüchtlingen und Angestellten in Flüchtlingswohnheimen sowie die Rolle von PraktikantInnen in der psychologischen Berufspraxis. Diese Forschungen beleuchten auch die strukturellen Zusammenhänge, d.h. der Einfluss der repressiven staatlichen Flüchtlingspolitik bzw. die fragwürdige Funktion, die der Psychologie in Praxisbereichen wie z.B. Gefängnissen oder unseriösen Formen der Psychotherapie üblicherweise zugewiesen wird.

Nicht alle kritisch-psychologischen Untersuchungen sind partizipativ. Auch werden die Grenzen der Mitforschung diskutiert. Viele Menschen, für deren Lebenssituation sich Forschende interessieren, sind vielleicht bereit, ein Interview zu geben, wollen sich aber nicht an einem längerfristigen Forschungsprozess beteiligen. Auch der heute übliche und z.T. langwierige Weg, zeitlich begrenzte Projektmittel zu beantragen, macht es nicht leichter, Betroffene einzubeziehen und sich auf einen möglicherweise auch scheiternden gemeinsamen Prozess einzulassen. Kritische Sozialwissenschaft muss auch gesellschaftliche Strukturen erforschen, wenn sie keine Mitforschenden gewinnen kann und der Untersuchungsgegenstand kurzfristig nicht veränderbar ist (zu aktuellen Forschungen siehe www.kritische-psychologie.de).

Nichts über uns ohne uns

Als ein Beispiel für die Aneignung der Aktionsforschung durch Marginalisierte können die Disability Studies (DS) gelten. Basis der DS waren zunächst Schriften von behindertenpolitischen AktivistInnen. DS sind interdisziplinär und untersuchen Behinderung vor allem als gesellschaftliches und politisches Problem. Aktionsforschung überträgt Prinzip und Forderung der Behindertenbewegung "Nichts über uns ohne uns!" ("Nothing about us without us!") auf die Sozialwissenschaft. Neben der üblichen Beteiligung von Betroffenen als Mitforschende (co-research) sind auch die Professionellen i.d.R. selbst behindert. Ein aktuelles Projekt in Österreich führte eine Gruppe um Petra Flieger und Volker Schönwiese durch. Gegenstand war das bis dahin unerforschte Portrait eines behinderten Mannes vom Ende des 16. Jahrhunderts. Es handelt sich um eine der ersten Darstellungen eines offensichtlich behinderten Adligen oder Bürgers in der europäischen Malerei. Mitglieder der "Referenzgruppe" waren Angehörige der Behindertenbewegung, Frauen und Männer mit verschiedenen Bildungsabschlüssen, darunter Fachleute und KünstlerInnen. Sie recherchierten historische Fakten, erarbeitenden Interpretationen, analysierten den Umgang des heutigen Kunstbetriebs mit dem Gemälde und dokumentierten die eigene Rezeption. Die abschließende Intervention bestand in einer Ausstellung und der Durchsetzung eines Aufzugs für das betreffende Museum, die fortan auch Gehbehinderten das Bild zugänglich macht. In ihrem Resümee gibt Flieger einige Empfehlungen für Projekte, unter anderem: Möglichst frühe Einbeziehung der Referenzgruppe, Kriterien für deren Zusammensetzung, eine institutionelle Verankerung, das Finden einer gemeinsamen Sprache und die Zahlung einer Aufwandsentschädigung. An anderer Stelle zählt sie potenzielle Probleme auf: So kann es Interessenkonflikte zwischen Professionellen und Laien geben; die einen haben eine anerkannte Fachpublikation und evtl. eine Anschlussfinanzierung als Ziel, die anderen setzen u.U. eher auf unmittelbare Verbesserungen für ihr Leben; es bestehen wenige Möglichkeiten der Anonymisierung; wegen ungleicher materieller Voraussetzungen kann es zu Machtverhältnissen zwischen den Beteiligten kommen usw. Andere kritisieren gesellschaftstheoretische Defizite. Es besteht die Gefahr, dass die Aktionsforschung "reformistisch" wird, indem sie gesellschaftliche Probleme nur insofern wahrnimmt, als sie diese mit ihren Mitteln - d.h. Recherchen und kurzfristige Interventionen - lösen kann. Außerhalb der Linken wurde sie auch technokratisch rezipiert, z.B. im Management oder der "Entwicklungshilfe". Die Methode kann nur in Verbindung mit kritischen Theorien ihr emanzipatorisches Potenzial entfalten.

Aktionsforschung ist sehr produktiv, wenn bestimmte Betriebsbedingungen bestehen, und es kommt darauf an, aufmerksam für gute Gelegenheiten zu sein. Die Methode bietet die Möglichkeit, Wissenschaft radikal zu demokratisieren und Gruppen zugänglich zu machen, die bisher davon ausgeschlossen waren. Im besten Fall ist Wissenschaft nicht Verdinglichung gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern Kehrseite von egalitärer Teilhabe: Objektivierung und Transparenz der Untersuchung helfen sicherzustellen, dass ihre Ergebnisse nicht nach Herrschaftsinteressen interpretierbar sind und dass die festgestellten Tatsachen mehr Gewicht und Überzeugungskraft haben als hergebrachte Autoritäten.

Die "Militante Untersuchung" ist die jüngere proletarische Schwester der Aktionsforschung. Sie wurde in den 60er Jahren zunächst in den italienischen FIAT-Werken durch Basis-AktivistInnen entwickelt und zu Beginn der 80er auch bei Ford in der BRD angewandt. Sie verwandte Methoden aus dem Arsenal der Aktionsforschung, wie "Mituntersuchung" und "aktivierende Befragung". Ihr besonderes Merkmal dürfte sein, dass zwar auch WissenschaftlerInnen an ihr beteiligt waren, im Mittelpunkt aber betriebliche und gewerkschaftliche Fragen standen, z.B. Arbeitsbedingungen, Gesundheitsbelastungen und Organisationsformen. Der Begriff der Militanz verspricht zudem auch eine konfrontative Konfliktorientierung. Auf jeden Fall ist es empfehlenswert, auch die herrschenden Gruppen in den Blick zu nehmen. Gelungen ist dies z.B. einer Gruppe um den Politikwissenschaftler Peter Grottian. Die "Initiative Bankenskandal" recherchierte und veröffentlichte Namen von Fondsanlegern, denen die Berliner Bankgesellschaft in sittenwidriger Weise langfristige Gewinne garantiert. Unter den Anlegern findet sich Parteienprominenz von CDU und SPD sowie Banker, Unternehmer und Journalisten. Die Veröffentlichung beförderte die kritische Debatte um den Bankenskandal, der den Berliner Haushalt auf Jahrzehnte milliardenschwer belastet.

Zum Weiterlesen:

Barnes, C. (2008): "Emanzipatorisches Paradigma" (Interview). junge Welt, Beilage "behindertenpolitik", 9.7.08

Ders. & G. Mercer, Hg. (1997): Doing Disability Research. Leeds

Flieger, P. (2003): Partizipative Forschungsmethoden und ihre konkrete Umsetzung. In G. Hermes & S. Köbsell, Hg., Disability Studies in Deutschland - Behinderung neu denken! (200-204) Kassel

Dies. & V. Schönwiese, Hg. (2007): Das Bildnis eines behinderten Mannes. Neu Ulm

Lewin, K. (1953): Die Lösung sozialer Konflikte. Bad Nauheim

Markard, M. (1985): Konzepte der methodischen Entwicklung des Projekts Subjektentwicklung in der frühen Kindheit. Forum Kritische Psychologie 17, 101-120

Ders. & ASB (2000): Kritische Psychologie und studentische Praxisforschung. Hamburg

Osterkamp, U. (1996): Rassismus als Selbstentmächtigung. Hamburg

Projekt »Subjektentwicklung in der frühen Kindheit« (1984): Theoretische Grundlage und methodische Entwicklung der Projektarbeit. Forum Kritische Psychologie 14, 56-81

Riegel, Chr. (2002): Zwischen Anpassung und Widerstand. Jugendliche EinwanderInnen und ihr Umgang mit Fremdzuschreibung und Diskriminierung. Forum Kritische Psychologie 44

Unger, H., M. Block & M. T. Wright (2007): Aktionsforschung im deutschsprachigen Raum. http://skylla.wzb.eu/pdf/2007/i07-303.pdf

Quelle

Michael Zander: Aktionsforschung - Beispiele, Probleme, Möglichkeiten

Der Text erschien zuerst in der Zeitschrift "arranca!" (Dez. 08) im Rahmen eines Heftschwerpunkts "Militante Untersuchungen" unter dem Titel: "Und Action! Aktionsforschung - Die große Schwester der Militanten Untersuchung"

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Stand: 16.03.2009

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