Die Künstlerin Alison Lapper

AutorIn: Anneliese Mayer
Themenbereiche: Kultur
Schlagwörter: Biografie, Kunst, Frauen
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: WeiberZEIT, Zeitung des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V. Ausgabe Nr. 09, Dezember 2005, Seite 8 - 9 WeiberZeit (09/2005)
Copyright: © Verein Weibernetz e.V. 2005

Die Künstlerin Alison Lapper

Am 15. September diesen Jahres wurde an einem zentralen Platz in London - dem Trafalgar Square - ein ungewöhnliches Denkmal enthüllt.[1] Auf einer der vier Säulen, die den Platz begrenzen, sitzt aus weißem Marmor gehauen eine nackte, schwangere Frau. Die 3,6 m hohe Statue von Marc Quinn, einem bedeutenden Künstler des Brit-Art, trägt den Titel "Alison Lapper Pregnant".[2] Sie ist das Abbild einer behinderten Frau, die sich selbst seit vielen Jahren künstlerisch mit ihrem Körper auseinandersetzt: Bis zu ihrer Schwangerschaft war Alison Lapper in der Öffentlichkeit unbekannt. Während sie ein Kind erwartete, drehte das dänische Fernsehen einen Film über sie, und Marc Quinn begann mit den Vorarbeiten zu der Skulptur. Und nun ist sie schlagartig in aller Munde.

Gerade ist auch Alison Lappers Buch "Autobiografie einer Optimistin" [3] in deutscher Sprache. erschienen. Hier beschreibt sie ihre Lebensgeschichte, die sich teilweise liest wie eine Erzählung von Charles Dickens:

Alison Lapper wurde am 7. April 1965 in einem Krankenhaus in Burton-upon-Trent geboren. Ihre Mutter, eine Fabrikarbeiterin, bekommt den Säugling die ersten Tage nicht zu sehen. Sie erfährt, dass sie ein Mädchen mit "schweren Mißbildungen" auf die Welt gebracht habe. Es hat keine Arme, und Beine ohne Knie und Unterschenkel. Der medizinische Ausdruck für diese Behinderung ist Phokomelie (sog. Robbengliedrigkeit). Alisons Mutter lehnt ihr Kind von Anfang an ab und hat keine Einwände, als die zuständigen Ärzte eine Unterbringung in einer staatlichen Einrichtung für die beste Lösung ansehen. Nach einer kurzen Zwischenstation in einem Altenheim kommt die sechs Wochen alte Alison nach Chailey Heritage in Sussex, wo etwa 250 behinderte Kinder unterschiedlichen Alters leben.

In diesem Behindertenheim wird für die Grundbedürfnisse der kleinen Alison gesorgt. Sie bekommt zu essen, sie wird gewaschen und medizinisch versorgt. Die medizinische Versorgung sieht so aus, dass spezielle Prothesen für sie angefertigt werden: "Man dachte, man müsste den Kindern Gliedmaßen geben, damit sie irgendwann normal funktionierten und in der Gesellschaft verkehren können - damit sie normal aussehen, was auch immer das bedeutet. Schon als kleines Kind musste ich Arm- und Beinprothesen tragen. Ich hasste sie, aber ich musste sie anbehalten, bis man mich wieder davon befreite."[4]

Alison mit ihrem Sohn Pary

Alison ist fünf Jahre alt als eine junge Familie, bei der sie einige Male die Feiertage verbracht hat, sie adoptieren möchte. Dazu braucht es das Einverständnis ihrer Mutter. Diese verweigert ihre Zustimmung und nimmt zum ersten Mal Kontakt zu ihrer Tochter auf. Die Beziehung zwischen den beiden wird zeitlebens schwierig sein.

Alison beschreibt ihre Mutter als eine Frau, die sehr viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legt. Sie hat ein kühles Verhältnis zu ihrer jüngsten Tochter, wenn diese während der Ferien bei ihr wohnt. Es kommen oft Äußerungen der Mutter, die Alison nur als Ablehnung empfinden kann. Das einzige Mitglied ihrer Familie, das mit Alison klar kommt, ist ihre acht Jahre ältere Schwester Vanessa.

Alison wird 17 Jahre in dem Behindertenheim verbringen. Sie besucht dort die Schule für Lernbehinderte. Dass sie eine Lese-Rechtschreib-Schwäche hat, wird erst festgestellt, als sie die Schule schon längst verlassen hat. Unverkennbar liegt ihre Begabung im künstlerischen Bereich.

Als sie 1982 Chailey Heritage, das für sie eine Heimat war und wo sie ihre Freunde gefunden hatte, verlassen soll, ist sie voller Angst und Unsicherheit. Sie kommt für zwei Jahre in das Diagnosezentrum Banstead, um auf ein eigenständiges Leben vorbereitet zu werden. Dieses Leben beginnt mit einem möblierten Zimmer in einem Wohnheim in London, das ein befreundeter Architekt mit ihr so gestaltet hat, dass sie problemlos zurechtkommt. Sie hat inzwischen den Führerschein gemacht und besitzt ein auf ihre Bedürfnisse angepasstes Auto.

Die "extrovertierte, unkonventionelle und lebenslustige" Alison genießt die bislang unbekannte Freiheit und stürzt sich in das abenteuerliche Leben in der Metropole. Sie besucht verschiedene Kunstkurse. Seit ihrer Jugend fertigt sie für die Vereinigung Mund-und Fußmalender Künstler (VDMFK) Bilder, deren Motive hauptsächlich für Weihnachtskarten verwendet werden. In dieser Zeit lernt sie auch einen Mann namens Francis kennen. Die beiden heiraten, aber die Ehe ist nur von kurzer Dauer, da Alison bald merkt, dass ihr Mann ihre Hilfeabhängigkeit ausnutzt.

Durch die VDMFK erhält die mittlerweile 24-jährige ein Stipendium und kann ein Kunststudium in Brighton beginnen. Während ihrer Ausbildung konzentriert sie sich ganz auf die Auseinandersetzung mit ihrem Körper. Sie lässt sich nackt fotografieren und gestaltet aus den Bildern Collagen und Serien. Sie möchte die Schönheit ihres Körpers betonen und dadurch auch ihr Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen. Als Idealfigur weiblicher Schönheit gilt seit ewigen Zeiten die "Venus von Milo". Diese Skulptur aus der Antike - der ein Arm vollständig fehlt, während der andere noch als Stumpf vorhanden ist - nimmt Alison Lapper als Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit.

1999 wird Alison Lapper schwanger. Obgleich der Kindsvater ihr eine Abtreibung nahe bringen will und ihre Beziehung auflöst, möchte sie auf jeden Fall das Kind bekommen Die letzten Wochen der Schwangerschaft sind schwierig. Ihr Sohn Parys kommt im Januar 2000 verfrüht auf die Welt. Mit Hilfe wechselnder Kindermädchen versorgt sie ihr Kind im eigenen Haus, das sie in Shoreham, West Sussex, besitzt.

Die Marmorstatue "Alison Lapper Pregnant", die für 18 Monate auf dem Trafalgar Square zu sehen sein wird, sorgt inzwischen schon für heftige Debatten. Die Meinungen über den künstlerischen und politi-schen Aussagewert des Werks, sind sehr kontrovers.5 Für viele stellt die Skulptur eine Provokation dar. Eine Auseinandersetzung über behinderte Weiblichkeit in dieser Breitenwirkung war jedoch längst fällig.



[1] http://de.wikinews.org/wiki/ am 18. September 2005 "Behinderte, nackt und hochschwanger: Marmorstatue der Künstlerin Alison Lapper auf dem Trafalgar Square enthüllt

[2] deutsch: "Alison Lapper, schwanger"

[3] Alison Lapper: Autobiografie einer Optimistin. München 2005 Verlag Blanvalet.

[4] www.zdf.de 37 Grad Alisons Baby. Sendung vom 29.4. 2003

Leicht Lesen

Diesen Text gibt es auch in leichter Sprache: http://bidok.uibk.ac.at/library/wzl-9-05-mayer-lapper.html

Quelle:

Anneliese Mayer: Die Künstlerin Alison Lapper

erschienen in: WeiberZEIT, Zeitung des Projektes "Politische Interessenvertretung behinderter Frauen" des Weibernetz e.V. Ausgabe Nr. 09, Dezember 2005, Seite 8 - 9

http://www.weibernetz.de/weiberzeit.html

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Stand: 22.04.2009

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