"Fremdaggressive Verhaltensweisen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung - mögliche Ursachen und Vorgehensweisen"

Themenbereiche: Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Hausarbeit
Releaseinfo: Hausarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB)
Copyright: © Sandra Winterfeld 2006

1. Einleitung

Der Beruf Heilpädagoge/in erfordert einerseits eine intensive Auseinandersetzung mit sich selbst, dem eigenen Denken und Handeln, sowie den Bedürfnissen, Kompetenzen und Handlungsweisen der Klienten andererseits. Vorraussetzung hierfür ist ein hohes Maß an Empathie und die Fähigkeit zur Reflexion. Es gibt jedoch Situationen, die diese Fähigkeiten an ihre Grenzen stoßen lassen und professionelles Handeln im Sinne und zum Wohle des Klienten erschweren.

Solche Situationen können jene sein, in denen ein Klient fremdaggressive Verhaltensweisen aufzeigt, z.B. andere Personen schlägt, sie verbal bedroht und beschimpft oder Gegenstände zerstört und damit Grenzen des sozialen Miteinanders überschreitet.

Hier kann es unter Umständen schwer fallen sich in den Klienten hineinzuversetzen, sein Verhalten nachzuvollziehen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, die zum Einen die beteiligten Personen schützen, zum Anderen aber auch den Klienten nicht ins Abseits geraten lassen und ausgrenzen. Um Letzteres zu gewährleisten und adäquat handeln zu können ist es unumgänglich die Ursachen für dieses Verhalten zu ergründen.

Die Wahrscheinlichkeit innerhalb des Beruflebens mit fremdaggressiven Verhaltensweisen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung konfrontiert zu werden ist gegeben, weshalb ich es als sinnvoll empfinde sich theoretisch mit dieser Thematik zu befassen.

Aufgrunddessen möchte ich innerhalb dieser Arbeit folgende Fragestellung bearbeiten:

In welcher Form kann man Menschen mit einer geistigen Behinderung, die fremdaggressives Verhalten zeigen, unter Berücksichtigung entwicklungspsychologischer Aspekte dahingehend unterstützen, dieses Verhalten zu überwinden?

Fremdaggressive Verhaltensweisen können bei allen Menschen entstehen, unabhängig davon wie alt sie sind, ob sie unter der Bedingung einer Behinderung leben oder nicht.

Dennoch möchte ich mich innerhalb dieser Hausarbeit auf erwachsene Menschen, die unter der Bedingung einer geistigen Behinderung leben beschränken, weil eine Ausweitung des Themas auf weitere Behinderungsformen und Altersgruppen die Intensität der Bearbeitung einschränken würde. Ebenso verhält es sich mit den möglichen Ursachen fremdaggressiven Verhaltens. Sie sind vielfältig und reichen von Unzufriedenheit über die eigenen Lebensumstände oder traumatische Erlebnisse des Klienten bis zu akuten Auslösern wie z.B. dem Tod einer Bezugsperson. Allen möglichen Ursachen in diesem Umfang gerecht zu werden ist nicht möglich, so dass ich mich auf entwicklungspsychologische Ursachen konzentrieren werde. Fremdaggressive Verhaltensweisen verursachen Konflikte in der Gestaltung von Beziehungen oder verstärken die bereits vorhandenen. Ich denke, dass entwicklungspsychologische Kenntnisse in Bezug auf die Beziehungsentwicklung eine solide Basis für die Entwicklung adäquater Handlungsweisen darstellen und selbst bei anderen Ursachen sehr hilfreich sein können. Haltgebende und befriedigende Beziehungen zu anderen Menschen sind ein unverzichtbares Element positiver Lebensführung.

Im Folgenden erläutere ich zunächst die zentralen Begriffe " fremdaggressives Verhalten" und "Geistige Behinderung" , um daraufhin den inhaltlichen Zusammenhang zwischen diesen herzustellen. Zweck dieser Herangehensweise ist es, dem Missverständnis vorzubeugen, geistig behinderte Menschen seien grundsätzlich aggressiver als nichtbehinderte Menschen.

1.1 Zusammenhang von fremdaggressiven Verhaltensweisen und geistig behinderten Menschen

1.1.1 Definition fremdaggressiver Verhaltensweisen

An dieser Stelle soll geklärt werden, wie man " fremdaggressives Verhalten" definiert. Dieser Begriff wird jedoch in der Literatur nicht explizit aufgegriffen. Fremdaggressives Verhalten wird bspw. als Symptom für gewisse psychische Störungen genannt, ist ein Unterpunkt von Verhaltensauffälligkeiten, grenzverletzendem Verhalten oder auch herausforderndem Verhalten. Grob betrachtet erklärt er sich selbst. Es sind Verhaltensweisen gemeint, die sich in aggressiver Form gegen etwas anderes richten als sich selbst. Dies können andere Personen, aber auch Gegenstände sein. Das Verhalten kann sich von verbaler Bedrohung oder Beschimpfung von Personen über Zerstörung von Gegenständen bis hin zu tätlichen Angriffen erstrecken. Innerhalb dieser Arbeit wird davon ausgegangen, dass sich die fremdaggressiven Verhaltensweisen über einen längeren Zeitraum regelmäßig wiederholen, also manifestiert sind und den geistig behinderten Menschen in seiner selbstbestimmten und von ihm gewünschten Lebensführung einschränken, wobei auch seine nahe Lebensumgebung betroffen ist.

Fremdaggressiven Verhaltensweisen liegt das Gefühl der Aggression zugrunde, auf welches in 1.2 näher eingegangen wird.

1.1.2 Definition "Geistige Behinderung"

Medizinisch betrachtet wird geistige Behinderung als Intelligenzminderung angesehen, die als solche bei einem IQ unter 65(+/-5) deklariert wird.[1] Die Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates hingegen empfahl 1973 folgende Definition: "Geistig behindert ist, wer infolge einer organisch-genetischen oder anderweitigen Schädigung in seiner psychischen Gesamtentwicklung und seiner Lernfähigkeit so beeinträchtigt ist, dass er voraussichtlich lebenslanger sozialer und pädagogischer Hilfen bedarf. Mit den kognitiven Beeinträchtigungen gehen solche der sprachlichen, sozialen, emotionalen und der motorischen einher. Eine "untere Grenze" sollte weder durch Angabe von IQ- Werten noch durch Aussprechen einer Bildungsunfähigkeit festgelegt werden, da grundsätzlich bei allen Menschen die Bildungsfähigkeit angenommen werden muß."[2]

Eine einheitliche Begriffsbestimmung ist jedoch nicht gegeben. Sie scheitert unter Anderem an der Komplexität geistiger Behinderungen und daran, dass dieser Begriff erst durch soziale Zuschreibungen entstanden ist, anstelle objektiver Tatsachen.[3] Aufgrunddessen sei hier lediglich festgehalten, dass geistig behinderte Menschen ebenso vielfältig und individuell unterschiedlich ausgeprägt fühlen, wie nichtbehinderte Menschen. Sie jedoch aufgrund ihrer geistigen Behinderung zumeist eine Reizverarbeitungsschwäche aufzeigen, welche das Leistungsvermögen ihrer Ich-Fähigkeiten oftmals ebenso einschränkt wie ihre Strategien der Problembewältigung. [4]

1.1.3 Zusammenhang

Zunächst sei gesagt, dass geistig behinderte Menschen nicht aggressiver agieren und reagieren als nichtbehinderte Menschen. Die Form in der sie ihre Aggression ausleben bewegt sich jedoch des Öfteren in einem sozial unverträglichem Rahmen, was meist darin begründet liegt, dass, wie bereits erwähnt, ihre Ich-Fähigkeiten schwach ausgebildet sind und somit auch ihr Selbstwertgefühl. Beide sind deswegen störanfällig und nicht zuletzt durch entwicklungsbedingte Störungen sowie Ausgrenzungen und Abwertungen durch die Umwelt und die Familie entstanden. Begünstigt werden fremdaggressive Verhaltensweisen zudem durch sich wiederholende Zustände der Fremdbestimmung, misslingender Kommunikation und mangelnder grundlegender Wertschätzung, denen geistig behinderte Menschen verstärkt ausgesetzt sind.[5] Physiologisch gesehen spielen auch Hirnschädigungen eine Rolle, wenn diese mit der geistigen Behinderung einhergehen, welche eine gesteigerte Erregbarkeit zur Folge haben können.[6]

Im Folgenden erläutere ich kurz den Begriff "Aggression", um die grundsätzlich negative Bewertung dieses Gefühls zu relativieren.

1.2 Aggression als Grundkraft zur Lebensbewältigung

Barbara Senckels[7] Beschreibung zufolge leitet sich der Begriff "Aggression" vom lateinischen "aggredi" her, welches "heranschreiten" und "angreifen" bedeutet. Einerseits stellt Aggression die Grundkraft dar, die Menschen dazu befähigt auf etwas zuzugehen, Aufgaben zu bewältigen, diese in Angriff zu nehmen und sich auch mit unangenehmen Dingen auseinanderzusetzen. Zusätzlich benötigt man diese Kraft, um sich selbst zu behaupten und sich Anderen gegenüber abzugrenzen. Barbara Senckel bezeichnet diese Seite der Kraft als "konstruktive Aggression", solange sie Grenzen und Rechte anderer Lebewesen achtet. Andererseits kann Aggression auch destruktiv sein, wenn sie einen Menschen zu Ausdrucksmitteln greifen lässt, die zerstörerisch wirken und rücksichtslos eingesetzt werden. Sie beschreibt Aggression als elementare Energie, in der sich der eigene Wille und die Autonomie primär gründen, womit sich Aggression als notwendig und unverzichtbar herausstellt. Fremdaggressive Verhaltensweisen, wie unter 1.1.1 beschreiben sind unter der destruktiven Aggression einzuordnen.

Als Nächstes stelle ich entwicklungspsychologische Gesichtspunkte dar, um innerhalb derer mögliche Ursachen für fremdaggressives Verhalten hervorzuheben.



[1] http://www.bilbo.de/lexikon/begriffe/geistig3.htm 22.2.2006

[2] Deutscher Bildungsrat, Sonderpädagogik 3, Studien der Bildungskommission, Bd.34, Stuttgart 1974, S.13

[3] vgl. Bundschuh ,K./ Heimlich, U./ Krawitz, R. (Hrsg.), Wörterbuch Heilpädagogik, Bad Heilbronn: Klinkhardt 1999, S.96-97

[4] vgl. Senckel, B. in: Göbel, R./Martiny, F./Strasser, G. (Hrsg.), Psychische Störungen bei Menschen mit geistiger Behinderung, Schwalmstadt-Treysa, Hephata Hessisches Diakoniezentrum e.V. 2000, S.58-59

[5] vgl. Senckel ( FN 4 )

[6] vgl. Senckel ,B. , Mit geistig Behinderten leben und arbeiten, München, Verlag C.H. Beck 2004, S. 212

[7] vgl. Senckel ,B. , (FN 6), S. 203

2. Entwicklungspsychologische Gesichtspunkte

Grundlagen für die Fähigkeit zur konstruktiven Aggression werden in den ersten Lebensjahren erworben. Dazu gehören die Ich- Fähigkeiten, womit die psychischen Fähigkeiten eines Menschen gemeint sind, sich mit seiner sozialen Umwelt kompetent auseinanderzusetzen. Hierzu zählen unter Anderem emotionale Objektkonstanz, Frustrationstoleranz und die Ich/Nicht-Ich-Unterscheidung. Da Ich- Funktionen keine statistische Größe darstellen, sind sie weiterentwickelbar. Sind sie schwach ausgebildet und störanfällig können sie auch im Nachhinein gestärkt werden und den geistig behinderten Menschen darin unterstützen seine fremdaggressiven Verhaltensweisen zu überwinden. Vorausgesetzt diese sind entwicklungspsychologisch bedingt.[8] Bedeutend ist auch die Qualität frühkindlicher positiver Beziehungserfahrungen, die die Grundlage für die Entwicklung von Urvertrauen sowie einem positiven Selbstbild sind und die Fähigkeit zur konstruktiven Aggression ermöglichen.

Aufgrunddessen werde ich im Folgenden einen Überblick über die Beziehungsentwicklung der ersten Lebensphasen eines Menschen, in Anlehnung an Margaret Mahler und Barbara Senckel[9], geben, sowie diese bezüglich möglicher Störungen und somit möglicher Ursachen für fremdaggressives Verhalten untersuchen. Wobei die Angaben der jeweiligen Lebenszeit lediglich als Orientierungswerte anzusehen sind.

2.1 Primärer Zustand bis Differenzierungsphase

Der primäre Zustand, der in etwa von Geburt an bis zur 6. Lebenswoche anhält, ist für den Säugling hauptsächlich durch innere Zustände bestimmt. Er nimmt wenig Außenreize wahr und reagiert vorwiegend auf Bauchweh, Hunger etc., d.h. auf Lust- oder Unlustempfindungen. Wenn die fürsorgende Bezugsperson (in dieser Zeit ist die Mutter noch ersetzbar, da sie noch nicht als Person wahrgenommen wird) in der Lage ist, die Signale des Säuglings richtig zu deuten und ohne relevante Verzögerungen befriedigend darauf zu reagieren, lernt der Säugling, dass die Welt und auch er selbst - da er noch keine Unterscheidung zwischen sich selbst und der Welt vornimmt - "gut" und wertvoll ist. So kann der Säugling Urvertrauen entwickeln, das Gefühl in der Welt willkommen zu sein und der Daseinsberechtigung.

Innerhalb der symbiotischen Phase, welche sich etwa zwischen dem 2. und 6.Lebensmonat vollzieht, ist die Mutter die wichtigste Bezugsperson des Kindes. Es findet eine gegenseitige Spiegelung statt, in der Form, dass das Kind die mütterlichen Gefühlszustände, Haltungen, Erwartungen und Reaktionstendenzen übernimmt. Auf diese Weise beginnt die Ich-Bildung zunächst mit einem "ausgeliehenen Ich". Mutter und Kind befinden sich in einer symbiotischen Beziehung zueinander, wobei die Mutter für das Kind den Träger und Garant für Harmonie und Einheit darstellt.

Die Differenzierungsphase, circa 5.-12. Lebensmonat, zeichnet sich hauptsächlich durch die beginnende Differenzierung aus. Durch die wachsende Selbständigkeit des Kindes z.B. krabbeln, sitzen, ergreifen - wegwerfen, ist es in der Lage sich allmählich aus der symbiotischen Beziehung zur Mutter zu lösen, wobei es sie aber immer noch als emotionalen Stützpunkt benötigt, sich z. B. bei eigenständigen Aktivitäten immer wieder ihrer Nähe rückversichert, um emotional "aufzutanken" . Es beginnt allmählich zwischen sich und der Mutter zu unterscheiden. Der Vater wird wichtiger und ergänzt das Ich-Bild des Kindes, da er anders auf das Kind reagiert als die Mutter. Ist der Vater nicht präsent, geschieht dies durch eine andere enge Bezugsperson bspw. die Großmutter. Zudem entwickelt das Kind ein Vorstellungsvermögen (nach Piaget: Objektpermanenz). Es begreift, dass die Existenz von Gegenständen und Personen unabhängig ist von seiner Wahrnehmung. Diese Erkenntnis erleichtert es ihm die räumliche Trennung von der Mutter zu ertragen und ein Übergangsobjekt z.B. ein Kuscheltier zu wählen, welches ihm hilft den Übergang zu meistern, bis die Mutter wieder verfügbar ist

Ein geistig behindertes Kind kann bei den Eltern ein hohes Maß an Verunsicherung hervorrufen. Es zeigt zumeist Auffälligkeiten im Wach- und Schlafzustand, reagiert möglicherweise aufgrund von Störungen der Reizverarbeitung anders als nichtbehinderte Kinder, da es Beeinträchtigungen in seiner Wahrnehmungs- und Reaktionsfähigkeit aufweist. Dies führt dazu, dass der Dialog zwischen Mutter und Kind instabil ist. Kommunikative Botschaften des Kindes sind missverständlich oder nicht als solche zu erkennen. Dies führt zu unlustvollen Erlebnissen, da die Bedürfnisse des Kindes unzureichend befriedigt werden. Es erlebt sich und die Welt als "schlecht" und nicht wertvoll, was die Entwicklung des Urvertrauens stark beeinträchtigt. Überwiegen diese Erfahrungen, kann es zu folgendem Bewusstsein kommen, wie Barbara Senckel es aus der Sicht des erwachsenen behinderten Menschen formuliert: "Mein seltenes Wohlbefinden ist ständig bedroht; ich muß immer auf der Hut sein, um es zu verteidigen [...]"[10] Dieses Bewusstsein kann zu einer latenten Aggressionsbereitschaft führen.

Zudem besteht die Möglichkeit, dass die Eltern Schuldgefühle entwickeln, ein behindertes Kind gezeugt zu haben und gegenseitige Vorwürfe die elterliche Beziehung bestimmen. Dies kann darin münden, dass die Eltern das Kind übermäßig behüten und beschützen wollen. Dadurch wird es in seinem Selbständigkeitsdrang und seiner Explorationslust eingeschränkt und gerät so in eine unangemessene Abhängigkeit. Das Kind spürt das geringe Zutrauen in seine Fähigkeiten und übernimmt dieses in sein Ich-Bild. Außerdem behindert diese Abhängigkeit die Entwicklung einer zuverlässigen Ich/nicht ich -Unterscheidung. Reagieren die Eltern in ihrer Verunsicherung abweisend und lassen so das Kind ihre Enttäuschung spüren, wird es ihm erschwert auf der Basis einer innigen, liebevollen Beziehung Urvertrauen und ein stabiles Selbstwertgefühl zu entwickeln.

2.2 Übungsphase bis Befestigungsphase

In der Übungsphase, ca. 10. bis 18. Lebensmonat, tritt die Aggression im ursprünglichen Wortsinn in den Vordergrund. Das Kind erforscht seine Umwelt, ist neugierig und erprobt seine zunehmende körperliche Selbständigkeit. Es stellt sich das Gefühl ein, allmächtig zu sein. Aufgabe der Eltern ist es, in dieser Phase das Kind weitgehend gewähren zu lassen, mögliche Gefahren zu beseitigen, um allzu negative Erfahrungen zu vermeiden, sowie präsent zu sein, wenn der Mut einmal nachlässt und zu "applaudieren". So entsteht ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, die Zuversicht etwas selbständig meistern zu können.

Die Übungsphase geht allmählich in die Wiederannäherungsphase über, 16. bis 36. Lebensmonat, in welcher erste, bewusst wahrgenommene Grenzsetzungen durch die Eltern, das Leben des Kindes bestimmen. Das Realitätsprinzip gewinnt an Bedeutung. Das Kind ist hin und hergerissen zwischen dem Wunsch seine Selbständigkeitsbestrebungen aus der Übungsphase nicht aufzugeben und der Sehnsucht nach der symbiotischen Einheit mit der Mutter. Dem Kind wird bewusst, dass beide Wünsche nicht erreichbar sind. Das Gefühl der Allmacht wird, aufgrund zunehmender elterlicher Erziehungsmaßnahmen, zeitweilig durch Gefühle der Ohnmacht ersetzt. Die Mutter setzt Grenzen, zieht Konsequenzen, so ist die Rückkehr zur symbiotischen Einheit und Harmonie nicht mehr möglich. Aber auch die uneingeschränkte Autonomieauslebung ist dadurch unerreichbar. Das Kind reagiert auf diesen Autonomie-Symbiose Konflikt mit Trotzanfällen.

Es folgt nun die Befestigungsphase. Reagierten die Eltern innerhalb der Wiederannäherungsphase mit adäquaten, konsequenten Grenzen, die das Kind auch mal durchbrechen durfte, und haltendem Trost nach durchlebten Trotzreaktionen, begreift es nun, dass liebevolle Gefühle ebenso ihre Berechtigung haben wie die aggressiven und integriert diese in angemessener Form in seinem Ich-Bild. Zusätzlich erwirbt es die emotionale Objektkonstanz, das sichere Gefühl geliebt zu werden, auch wenn die Eltern ihm Grenzen setzen, es einschränken oder auch manches Mal ungerecht sind. Es entwickelt die Fähigkeit zur Frustrationstoleranz (Fähigkeit eigene Bedürfnisse aufzuschieben) und der Realitätsprüfung, d.h. gesammelte Erfahrungen nicht zu generalisieren z.B.: "Sie hat mit mir geschimpft, weil sie mich nicht mag und ich sowieso schlecht bin.", sondern auf ihre Realität zu prüfen:" Sie hat mit mir geschimpft, weil ich frech war." Hat sich die Loslösung von der Mutter in angemessener und positiver Weise vollzogen verbleibt ein verinnerlichtes Bild der Mutter, das in zukünftigen Krisensituationen einen Rückhalt bietet und dabei unterstützt, diese im sozial verträglichen Rahmen zu bewältigen.

Charakterisiert sich die Beziehung zwischen Eltern und dem geistig behinderten Kind auch weiterhin durch Überbehütung und Abhängigkeit, so werden bei dem Kind die Selbständigkeitsbestrebungen entweder verspätet, sehr abgeschwächt oder mit einer rebellierenden Vehemenz einsetzen.

Die Loslösung verzögert sich oder setzt verfrüht ein, so dass die Ich-Fähigkeiten in beiden Fällen instabil oder sogar desintegriert sein werden. Eltern eines geistig behinderten Kindes kompensieren möglicherweise ihre Enttäuschung über die Behinderung, in dem sie dem Kind harte und starre Grenzen setzen, um das Kind anpassungsfähig zu erziehen und damit zu "normalisieren". Dies hat zur Folge, dass der Wille des Kindes durch direkte und indirekte Strafen, z.B. Liebesentzug, stets gebrochen wird. Es fügt sich zumeist, weil es speziell den Liebesentzug nicht ertragen kann und erlebt seine aggressiven Kräfte, die der Selbstbehauptung dienen, als beziehungsbedrohend. Es erlernt nicht Auseinandersetzungen im sozialverträglichen Rahmen zu führen, da sein Durchsetzungswille, seine Autonomiebestrebung stetig unterdrückt wird. Diese Kinder zeigen zumeist ein hohes Maß an Frustrationstoleranz, da sie eine starke Selbstkontrolle entwickelt haben. Es entsteht das Gefühl nur geliebt und akzeptiert zu werden wenn man folgsam und anpassend agiert. So bleibt die Entwicklung emotionaler Objektkonstanz auf der Strecke. Das kindliche Ich speichert unterbewusst die unbewältigten Verletzungen und Demütigungen, die mit dem gebrochenen Willen einhergehen. Diese können später durch ein unwillkürliches Ereignis wieder wachgerufen werden, woraufhin die bisherige Selbstkontrolle versagt und unterdrückte Aggressionen ungezügelt hervorbrechen.

Werden dem Kind kaum Grenzen gesetzt, vielleicht aus Desinteresse an ihm oder aus dem Gefühl heraus es hätte es schon schwer genug, weil es behindert ist, wird das Kind sein unrealistisches Größenselbst nicht überwinden können. Somit fehlt ihm der Bezug zur Realität, die ihm früher oder später Grenzen auferlegen wird, sei es in der Schule oder auf der Wohngruppe für geistig behinderte Menschen. Seine Frustrationstoleranz wird sehr eingeschränkt sein und zwangsweise zu Konflikten innerhalb seiner sozialen, außerfamiliären Beziehungen führen. Es wird die Notwendigkeit zur Impulskontrolle nicht verspüren können, da diese in seiner Kindheit nicht gegeben war. Vorrausichtlich wird es auch im Erwachsenenalter dazu neigen seine Aggressionen ohne Rücksicht auf Andere auszuleben und kaum Formen konstruktiver Aggression und Konfliktbewältigung entwickeln. Konnte das Kind darüber hinaus in den vorigen Entwicklungsphasen kein zugewandtes, sicherheitsspendendes Mutterbild verinnerlichen, fehlt ihm zudem eine liebevolle Bindung an die Bezugsperson, welche Verzichte erleichtert. Das Gefühl unwert zu sein stellt sich ein und wird von dem Allmachtsgefühl lediglich überdeckt.

Im folgenden Gliederungspunkt setze ich mich damit auseinander, wie man, unter Berücksichtigung dieser ausgeführten entwicklungspsychologischen Kenntnisse, einen erwachsenen geistig behinderten Menschen dahingehend unterstützen kann, seine fremdaggressiven Verhaltensweisen, d.h. destruktive Aggressionen, zu überwinden.



[8] vgl. Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte (Hrsg.), Wenn Verhalten auffällt..., Marburg, Lebenshilfe-Verlag 1996, S.27

[9] vgl. Senckel (FN6), Kapitel 11

[10] vgl. Senckel (FN6), S.206

3. Unterstützende Vorgehensweisen

Unter diesem Punkt soll es nicht darum gehen den geistig behinderten Menschen , welcher fremdaggressive Verhaltensweisen zeigt, zu einem sich anpassenden, regelhörigem Menschen werden zu lassen, um den Professionellen und anderen beteiligten Personen einen ruhigen Alltag zu ermöglichen. Steht ausschließlich dieses Ziel im Vordergrund ist weder dem sozialen Umfeld, geschweige denn dem Klienten längerfristig geholfen. Es sollten beide Seiten intensiv betrachtet werden, die des destruktiv Handelnden ebenso wie die der direkt und indirekt beteiligten Personen. Denn der behinderte Mensch erschwert mit seinem Verhalten nicht nur Anderen, sondern auch sich selbst das Leben. Sein Verhalten nimmt ihm die Chance vertrauensvolle, haltgebende Beziehungen zu entwickeln, die sein Leben bereichern und erleichtern. Ein geistig behinderter Mensch ist sich möglicherweise dessen nicht bewusst, er erlebt nur die Konsequenzen seines Verhaltens bspw. Ausgrenzung und die Abnahme positiver Zuwendung, welche ihn wiederum frustrieren und meist erneute Aggression hervorrufen. Diesen Teufelskreis gilt es gemeinsam mit dem Klienten zu durchbrechen. Hierfür gibt es unterschiedliche Handlungs- und Therapieansätze. Ich werde mich jedoch auf den Beziehungsaufbau und die damit zusammenhängende Stärkung des Ich- Bildes beschränken.

Um dies zu ermöglichen bedarf es, seitens der Professionellen zunächst einer intensiven Auseinandersetzung mit der eigenen Einstellung und den Emotionen, welche eine Grundvorraussetzung für eine kompetente Handlungsfähigkeit darstellt, die die Bedürfnisse und Grenzen des Klienten ebenso berücksichtigt wie die eigenen.

Im Folgenden schildere ich die Grundvorraussetzungen .

3.1 Grundvorraussetzungen

3.1.1 Reflexion eigener Emotionen und Handlungen

"Warum soll ich mich mit mir selbst beschäftigen, wenn doch der geistig behinderte Mensch das Problem hat? Das ist doch vergeudete Zeit!"

So könnte man denken, jedoch ist es gerade die Fähigkeit zur Selbstreflexion, die einen elementaren Bestandteil heilpädagogischer Kompetenz darstellt und insbesondere in krisenhaften Situationen unabdingbar ist. Diese Tatsache werde ich im weiteren Verlauf argumentativ bekräftigen.

Um positive Beziehungserfahrungen mit erwachsenen geistig behinderten Menschen nachholen zu können, sind, nach Barbara Senckel[11], vorrangig drei Haltungen und Methoden von Bedeutung, die Rogers für seine klientenzentrierte Therapie formulierte:

1. Wertschätzung

Die Person soll, unabhängig von ihren Eigenarten und schwierigen Verhaltensweisen wertgeschätzt und grundsätzlich, bedingungslos angenommen werden.

2. Empathie

Durch Einfühlungsvermögen kann man sich in die Lage des Gegenübers hineinversetzen, seinen Erlebnishorizont und die Bedeutungszusammenhänge nachvollziehen und ihm somit das neu gewonnene Verständnis widerspiegeln.

3. Authentizität

Das Angebot einer positiven Beziehung muss durch Echtheit gekennzeichnet sein. Hierfür sollte der Professionelle in der Lage sein, sich die eigenen Gefühle bewusst zu machen, um sie dahingehend abschätzen zu können, in welcher Form er sie in seinen Interventionen ausdrücken darf, damit sie seinem Gegenüber nützen.

Diese drei Grundpfeiler eines positiven Beziehungaufbaus sind längerfristig nur durch die Reflexion eigener Emotionen und der daraus resultierenden Handlungen zu gewährleisten, da gewisse Emotionen die Einhaltung von Wertschätzung, Empathie und Authentizität verhindern.

Fremdaggressive Verhaltensweisen eines Klienten können die Mitarbeiter an die Grenzen ihrer aktuellen Handlungsmöglichkeiten stoßen lassen, wodurch Hilflosigkeit entstehen kann, welche oftmals mit Unsicherheit und Ängsten verbunden ist.[12] Diese Gefühle verursachen, dass man möglicherweise Schuldgefühle entwickelt, seiner Verpflichtung nicht nachzukommen und/oder sich vom Klienten distanziert.[13]Diese, aus den Gefühlen resultierende Distanzierung verhindert eine wertschätzende Begegnung, da der Fokus des professionell Handelnden auf den negativen Auslöser der Angst und Hilflosigkeit gerichtet ist. Sie führt zu einer Reduzierung des behinderten Menschen auf seine fremdaggressiven Verhaltensweisen, was ein positives Beziehungsangebot unmöglich werden lässt. Empathie und Authentizität werden eingeschränkt oder sogar ebenfalls nicht umsetzbar.

Der Klient spürt diese Gefühle und sie verunsichern ihn ebenfalls. Das Verhalten der Bezugsperson kann seine fremdaggressiven Verhaltensweisen noch verstärken. Carlos Escalera schreibt hierzu: "Meine Wut und Verunsicherung machen mich unberechenbar. Dies erzeugt wiederum bei meinem Gegenüber vermehrte Angst, aus demselben Grund wie bei mir."[14] Der Klient nimmt Verzweiflung, Ratlosigkeit und Handlungsunsicherheit wahr, und übernimmt diese. Er benötigt jedoch Zeit, Sicherheit, Klarheit und Halt, um seine fremdaggressiven Verhaltensweisen zu überwinden. Dies kann ihm jedoch nur der Betreuer durch eine klare Haltung und deutliche Aussagen geben.[15] Den Mitarbeiter kann diese Situation so sehr belasten, dass er sich seiner Unfähigkeit ergeben fühlt, anfälliger für Krankheiten wird oder sogar die Arbeitsstelle wechselt. Diese ausweichenden Verhaltensweisen können sich aber auch, abhängig von der Persönlichkeit des Betreuers, in eine aggressive Vorgehensweise umwandeln. Die fremdaggressiven Verhaltensweisen stellen eine Bedrohung für ihn dar, welche in ihm ebenfalls Aggressionen auslösen können. Laut Barbara Senckel[16] ist die Entstehung von Aggression seitens des Betreuers einerseits abhängig von dessen Selbstwertgefühl, je geringer es ist desto eher fühlt er sich bedroht, andererseits von den emotionalen Verletzungen, die er innerhalb seiner Sozialisation erlitten hat und die Qualität des erlernten Umgangs mit Aggressionen. Somit spielt seine eigene entwicklungspsychologische Entwicklung eine ebenso große Rolle, wie die des Klienten. Seine Aggression kann sich von unangemessenen Strafmaßnahmen und Schimpfen, Abwertung des Klienten, bewusst abnehmender Zuwendung bis ungerechtfertigtem Erwartungsdruck gegenüber dem Klienten erstrecken.

Aufgrund seiner Machtposition, die er gegenüber den Klienten inne hat, ist er ihm gegenüber verpflichtet, sich mit seinen aggressiven Gefühlen auseinanderzusetzen, sie anzuerkennen, sich selbst zu reflektieren und an seinem Verhalten zu arbeiten und Unterstützung zu suchen.

Es ist sinnvoll, dass der Betreuer sich bewusst wird, welche Form der Bedrohung, die vom Klienten ausgeht seine eigenen aggressiven Verhaltensweisen primär auslöst. Es kann zum Einen die direkte Gefahr sein, die vom Klienten ausgeht, wenn dieser unkontrolliert agiert und dabei um sich schlägt, besonders dann, wenn er körperlich überlegen ist. Die Angst die hier ausgelöst wird, kann, als Mittel zur unbewussten Kompensation, in Aggression umschlagen. Hier könnte es helfen einen Selbstverteidigungskurs zu machen, um die innere Anspannung und Angst in Gelassenheit umzuwandeln, die einen handlungsfähig werden lässt. Die konkrete Anwendung ist oftmals gar nicht nötig, weil allein die gewonnene Sicherheit und Zuversicht, die der Klient spürt, ausreicht, die Situation unter Kontrolle zu bringen.[17] Die fremdaggressiven Verhaltensweisen können auch als Infragestellung der fachlichen Kompetenz und wirkungsvollen Handlungsfähigkeit und somit als persönlicher Angriff gewertet werden. Hier können Weiterbildungen und gemeinsames erarbeiten von Handlungstrategien mit dem Team helfen. Ebenso, wenn das Verhalten des Klienten als Bedrohung der eigenen Werte und Idealvorstellungen empfunden wird. Diese sollten der Realität angepasst werden. Nach dem systemisch- verhaltenstherapeutischen Ansatz von Johannes Heinrich[18] ist es wichtig, dass die Betreuer sich eigene Kraftquellen erschließen. Zum Einen sollten sie sich in ihrer Freizeit einen entspannenden und ablenkenden Ausgleich, z.B. Sport, schaffen, zum Anderen Unterstützung im Team suchen. Aber auch festgelegte Pausen während der Arbeitszeit sind bedeutend. Erving Goffman[19] bezeichnet solche als Hinterbühne. Hier besteht die Möglichkeit die Maske der Professionalität fallen zu lassen und neue Kraft zu tanken, um auf der Vorderbühne, in diesem Fall der Umgang mit den geistig behinderten Menschen, bestehen zu können.

Unabhängig davon in welcher Form einzelne Mitarbeiter von der schwierigen Situation beeinflusst werden, ist es unumgänglich, dass sie ihre ausgelösten Gefühle zulassen und reflektieren. Alle sind emotional beteiligt und sollten dies im Sinne und zum Wohle des Klienten, aber auch für sich selbst tun, um handlungsfähig zu bleiben oder zu werden.

Hierfür ist die Stimmung innerhalb des Teams und seine Fähigkeit als solches zu fungieren bedeutend. Im Folgenden werde ich näher darauf eingehen.

3.1.2 Teamsituation

Wird ein Team mit fremdaggressiven Verhaltensweisen eines Klienten konfrontiert ist es einer besonderen Belastung ausgesetzt und ist mehr denn je gefordert. Es können durch unterschiedliche Sichtweisen und gegenläufige Umgangsstile Konflikte, Schuldzuweisungen und Vorwürfe entstehen, die kontraproduktiv sind.[20] Umgehendes Ansprechen von Konflikten unter Anwendung professioneller Kommunikation (z.B. Vermeidung von Du-Sätzen, impliziten Botschaften und inkongruenten Nachrichten)[21], oder eine systemische Beratung durch unabhängige Dritte, in Form einer Supervision bspw., können das Team bei der Bewältigung unterstützen.[22] Eine positive Atmosphäre und Kollegialität innerhalb eines Teams, welche Heijkoop[23] speziell hervorhebt, wirkt für jedes einzelne Mitglied unterstützend, da sich keiner mit den Problemen, die sich ihm auf der Arbeit stellen allein gelassen fühlt. Gegenseitiges angemessenes Feedback hilft bei der Reflexion der eigenen Emotionen und Handlungen und somit auch dem ganzen Team, da Handlungen auf diese Weise optimiert werden können.

Zudem sind eine gute Planung und Dokumentation eine wesentliche Voraussetzung pädagogischen Handelns.[24] Dies gestaltet sich jedoch schwierig, wenn das Team zerrissen ist und mehr gegeneinander statt miteinander arbeitet.

Um dem fremdaggressiv handelnden Klienten Stabilität und Sicherheit, sowie ein positives Beziehungsangebot bieten zu können, ist es unabdingbar sich innerhalb des Teams über eine einheitliche, unterstützende Vorgehensweise einig zu sein. Das gesamte Mitarbeiterteam muss, laut Barbara Senckel,[25] die abgesprochene Beziehungshaltung übernehmen. Nur dann sind Rückfälle seitens des Klienten vermeidbar. Geistig behinderte Menschen sind mehr als nicht behinderte Menschen verschiedenen Beziehungsangeboten und schmerzhaften Beziehungsabbrüchen (z.B. Wechsel der Arbeitstelle einer Bezugsperson, Praktikanten, Zivildienstleistende) ausgesetzt. Sie schreibt hierzu:" Umso wichtiger ist die Konstanz der wohlwollend einfühlenden, echten und das Entwicklungsniveau berücksichtigenden Beziehungshaltung."[26] Unterschiedliche Herangehensweisen der Betreuer verunsichern die Klienten und machen ihre soziale Umwelt weniger berechenbar. Zudem ermöglichen Unstimmigkeiten im Team, laut Jacques Heijkoop[27], dem Klienten, die Betreuer gegeneinander auszuspielen und Absprachen zu verdrehen. Um dies zu vermeiden sind regelmäßige intensive Besprechungen und auf einer Wohngruppe z.B. ein WG- Buch von Nöten, in welches Vorkommnisse und Absprachen mit den Klienten eingetragen werden. So ist gewährleistet, dass bei Schichtwechseln, bei denen keine persönliche Rücksprache möglich ist, der Informationsfluss nicht gestört wird. Von der Suche des Klienten nach Schwachstellen im Team sind besonders die Mitglieder betroffen, die noch keine feste Position innerhalb des Teams haben. Jedes Team ist so stark wie sein schwächstes Glied.

Wenn die hier beschriebenen Grundvorraussetzungen gegeben sind bzw. kontinuierlich an ihnen gearbeitet wird ist die Basis für konkrete unterstützende Vorgehensweisen geschaffen, die ich im Folgenden beschreibe.

3.2 Beziehungsgestaltung

3.2.1 Grundsätze

Neben den drei, bereits unter 3.1.1 genannten, erforderlichen Grundhaltungen, benennt Barbara Senckel[28] fünf weitere Punkte, die an dieser Stelle erwähnt werden sollten. Demnach sollte zunächst eine Überprüfung des emotionalen und kognitiven Entwicklungsstandes stattfinden, da eine entwicklungspsychologische Zuordnung dabei hilft die schwierigen Verhaltensweisen besser zu verstehen und die vermutlichen Beziehungsbedürfnisse zu erkennen. Zudem ist man in der Lage, Zeiten emotionalen Wohlbefindens des Klienten festzustellen, in denen eine konkrete kognitive Interaktion am besten möglich ist.

Darauf folgt die Übernahme der Rolle als ergänzende Bezugsperson, welche sich auf dem Niveau des ermittelten emotionalen Entwicklungsstandes vollzieht, um eine emotionale Nachreifung zu ermöglichen.

Das Spiegeln stellt dabei die grundlegende Form des Interaktionsverhaltens dar. Das bedeutet, dass die Bezugsperson die Empfindungen, Wahrnehmungen und Einsichten des Klienten demselbigen wohlwollend widerspiegelt. Dadurch wird die Beziehung gefestigt und dem Klienten das Gefühl vermittelt angenommen und ernstgenommen zu werden. Er wird in seiner Aktivität bestätigt und zu deren Fortsetzung angeregt. Außerdem unterstützt es ihn dabei seine Empfindungen und Emotionen zu verarbeiten und zu differenzieren, sowie seine Kognitionen zu strukturieren.

Konkrete Anforderungen müssen unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes gestaltet werden und sollen sich an den Interessen und Kompetenzen des Klienten orientieren. Dabei ist zu beachten, dass ein emotionaler Rückhalt gewährleistet sein muss.

Es ergeben sich zwangsläufig Gegensätze innerhalb der Notwendigkeiten, deren Balance zu wahren jeweils individuell zu gestalten ist. Diese Gegensätze sind:

  • " Selbstbestimmung fördern und Anpassung fordern

  • Freiraum gewähren und Grenzen setzen

  • Schonräume schaffen und Forderungen stellen"[29]

Zu dem ersten Punkt, der Zuordnung eines Entwicklungsstandes sei hinzuzufügen[30], dass ein behinderter Mensch sich oftmals nicht ausschließlich auf einer Entwicklungsstufe befindet, sondern häufig Fähigkeiten verschiedener Phasen ausgebildet hat, denen auch die Beziehungsbedürfnisse dieser Phasen entsprechen. Das jeweils vorherrschende Bedürfnis wird dann von der augenblicklichen Verfassung bestimmt. Barbara Senckel schreibt hierzu: " Generell gilt: Der behinderte Mensch zeigt mit seinem Verhalten, was er braucht, und der Betreuer versucht flexibel akzeptierend zu reagieren."[31]

Da nun die die grundlegenden Kenntnisse vermittelt wurden, werde ich im Folgenden die phasenspezifischen Beziehungsbedürfnisse, in weiterer Anlehnung an Barbara Senckel[32], erläutern, deren Inhalte helfen, geistig behinderte Menschen bei der Überwindung ihrer fremdaggressiven Verhaltensweisen zu unterstützen

3.2.2 Phasenspezifische Beziehungsbedürfnisse

Primärer Zustand

Verhaltensweisen dieser Phase werden dauerhaft zumeist nur von schwerst geistig behinderten Menschen gezeigt. Leichter geistig behinderte Menschen können jedoch in Krisensituationen, z.B. überfordernden Anforderungen seitens der Betreuer, wenn sie fremdaggressive Verhaltensweisen aufzeigen, ebenfalls auf diese Stufe zurückfallen. Der geistig behinderte Mensch zieht sich in sich selbst zurück und wirkt in emotionaler Hinsicht kaum oder gar nicht erreichbar. Seine Lust- und Unlustreaktionen scheinen als Folge innerer Zustände zu entstehen, da äußere Auslöser oftmals nicht zu finden sind. Bei Menschen, die zeitweilig in derartige Zustände verfallen kann ein Beziehungsangebot helfen, welches akzeptierende Präsenz zeigt, Entlastung bei Unlustreaktionen bietet und in aufmerksamen Augenblicken Interaktionsangebote ausprobiert. Reizkonstellationen, die innere Spannungen erzeugen sind nach Möglichkeit zu vermeiden und Situationen, die emotionale Einheit bieten zu schaffen.

Symbiotische Phase

Für einen symbiotisch erlebenden Menschen, dessen Ich-Grenzen sehr durchlässig sind, ist es typisch, die Stimmung der Bezugspersonen oder des Umfeldes unmittelbar zu übernehmen. Kritik, die eine andere Person betrifft bezieht er bspw. auf sich selbst und gerät dadurch in Spannung. Seine Möglichkeiten eigene Bedürfnisse zu befriedigen sind meist gering, wobei seine Frustrationstoleranz unverhältnismäßig hoch erscheint oder im Gegenteil und er reagiert unmittelbar affekt- oder bedürfnisgesteuert. Viele neigen zur Distanzlosigkeit gegenüber ihren Bezugspersonen und beanspruchen sie ständig für sich selbst. Andere lassen sich kaum auf ihr Gegenüber ein und ziehen sich zurück. Beiden fehlt die emotionale Objektkonstanz. Für das emotionale Wohlbefinden eines symbiotisch bedürftigen Menschen sind eine emotional verfügbare, liebevolle Bezugsperson und eine harmonische Grundatmosphäre elementar. Das Beziehungsangebot sollte, nach Möglichkeit, durch eine ständige physische Präsenz der Bezugsperson und eine schnellstmögliche Befriedigung der Bedürfnisse gekennzeichnet sein. Körperkontakt spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Er ermöglicht dem Klienten Verschmelzungserlebnisse. Dennoch sollte dies nur in einem solchen Rahmen vollzogen werden, in dem die Beteiligten sich dabei wohl fühlen. Gemeinsame Aktivitäten, bei denen die Bezugsperson einfühlsam der Initiative seines Gegenübers folgt wirken unterstützend. Das Spiegeln des Spielverhaltens, ergänzt durch behutsames Anbieten differenzierter Spiel- und Handlungsmuster, ermöglicht dem Klienten differenziertere Wahrnehmungen. Die Kommunikation sollte vorwiegend durch mimisches, verbales, stimmliches und gestisches Spiegeln gestaltet sein. An dieser Stelle füge ich ein Beispiel aus meiner eigenen Praxis ein, um die Wirkung des Spiegelns zu verdeutlichen und führe es ein wenig aus, um Parallelen zu den Grundvorraussetzungen hervorzuheben.

Auf einer dreiwöchigen Ferienfreizeit für behinderte Kinder und Jugendliche fuhr ich als Betreuerin mit. Unser Team bestand aus sechs Betreuern und zehn unterschiedlich schwer behinderten Klienten zwischen 8 und 24 Jahren. Janine, 20 Jahre alt, lebte unter der Bedingung einer geistigen Behinderung und einem Herzfehler. Sie mied den Kontakt zu den anderen Kindern/Jugendlichen, ebenso wie zu uns und zeigte Unwillen, an gemeinsamen Aktivitäten teilzunehmen. Ihre verbale Kommunikation bestand hauptsächlich aus Ein-Wort Sätzen, welche sich ausschließlich um Essen drehten. Janine reagierte bei Verweigerung des von ihr gewünschten Essens mit fremdaggressiven Verhaltensweisen. Sie warf mit Gegenständen nach Einem und schubste kräftig. Lediglich Monika, eine der Betreuerinnen, fand einen liebevollen Bezug zu ihr, so dass Janine auf ihre Anforderungen zumeist positiv reagierte. Wir anderen Teammitglieder fühlten uns aufgrundessen unserer Verantwortung entzogen. Uns fehlte die wohlwollende, einfühlende Akzeptanz. Janines Äußeres war zudem wenig ansprechend. Sie roch unangenehm, war körperlich korpulent und überlegen sowie von missmutiger Ausstrahlung. Ich denke, dass dies zusätzlich zu ihrer Unberechenbarkeit, die Unsicherheit auslöste, keine unerhebliche Rolle spielte. Hier hätte eine Reflexion der eigenen Emotionen, der aus den Gefühlen resultierende Ablehnung entgegenwirken können. Ich machte es mir definitiv zu einfach mit dem Denken, Monika würde sich schon kümmern. Doch zu dem Zeitpunkt, als Monika für drei Tage im Urlaub war, war die Auseinandersetzung mit Janine unausweichlich.

Sie saß bereits stundenlang auf ihrem Sofa, wiegte sich, mit ihrem Kassettenrecorder auf dem Schoß, vor und zurück, wobei sie ihre langen Haare fortwährend vor ihr Gesicht strich. Ich wollte ihr anbieten mit in den Garten zu kommen, verweilte aber beobachtend im Hintergrund und setzte mich dann ein Stück von ihr entfernt neben sie. Sie hielt kurz inne, schaute mich an und versank wieder in sich selbst. Ich begann im gleichen Takt wie sie an zu schaukeln, rückte ein wenig näher und sang den Text des Liedes mit, welches sie hörte. Sie schaute mich an, lächelte und ich lächelte, das Singen unterbrechend, zurück. Daraufhin nahm sie mich in den Arm. Sehr lang und innig.

Nach der Umarmung, blieb ich noch ein wenig und spiegelte ihre Handlung, unterließ es aber ihr vorzuschlagen mit in den Garten zu kommen, da ich das Gefühl hatte ich würde damit die zarte Annäherung vielleicht zerstören. Das gemeinsame Schaukeln führte ich mit ihr als Ritual am Abend ein. Die darauf folgende Umarmung entwickelte sich meist aus ihrer Initiative heraus. Geschah dies nicht und ich umarmte sie, war die Freude ihrerseits darüber zu spüren. Diese positive Erfahrung mit Janine ermöglichte mir eine gelassenere und stabilere Haltung ihr gegenüber während Konfliktsituationen. Als Monika wiederkam führten wir das Ritual weiter und Monika und ich kümmerten uns fast ausschließlich um Janine (Duschen, Sitzbäder, Grenzen setzen etc.). Im Nachhinein betrachtet hätten wir innerhalb des Teams die Situation mit Janine besprechen und die Anderen für ihre Bedürfnisse sensibilisieren müssen, um Janine eine breitere Front der Akzeptanz spüren zu lassen, die ihre Spannungen abbaut. Das, durch das Spiegeln suggerierte, liebevolle, einfühlende Beziehungsangebot machte es möglich ihr bei schwierigen Verhaltensweisen in angemessener, ruhiger Form konsequente Grenzen zu setzen. Die Lage entspannte sich ein wenig und die anderen Kinder verloren ein wenig von ihrer Angst vor Janine. Die Zeit war jedoch zu kurz, um das Beziehungsangebot so weit zu führen, dass eine entspannte Beziehung zu den anderen Kindern möglich gewesen wäre. Wäre dies möglich gewesen hätten die entstehenden Beziehungen ihr Selbstbewusstsein stärken und ihre stundenlangen Rückzüge vermindern und durch Interaktion mit Anderen ersetzen können.

Theoretisches Vorwissen hätte zum Zeitpunkt dieser Reise sicherlich eine unterstützende Vorgehensweise für Janine beschleunigen können. Hier wird mir jedoch bewusst, dass die Fähigkeit, aber vorallem der Wille zu empathischen Handeln, meiner Meinung nach, elementarster Bestandteil eines unterstützenden Beziehungsaufbaus ist.

Differenzierungsphase

Hat der behinderte Mensche diese Phase nicht ausreichend positiv durchlebt, zeigt er zwar Eigeninitiative und äußerte eigene Wünsche und Meinungen, benötigt aber zur Entwicklung von Explorationsverhalten die räumliche Nähe der Bezugsperson. Das für diese Phase typische emotionale "auftanken"(vgl.2.1, S.6) behält er somit auch im Erwachsenenalter bei. Ansätze zur Frustrationstoleranz sind meist gegeben, bei stärkeren Frustrationen hingegen, reagiert er unter Umständen mit verzweifelter Wut und meist damit einhergehendem Kontrollverlust. In solchen Situationen ist er emotional nicht erreichbar und seine Ich-Fähigkeiten scheinen ihre Funktionsfähigkeit eingebüßt zu haben. Die emotionale Objektkonstanz ist noch nicht entwickelt und er neigt zu schnell wechselnden Idealisierungen und Entwertungen ein und derselben Bezugsperson, je nach dem, ob diese seine Erwartungen gerecht wird oder nicht. Folgende Aspekte sollten innerhalb des Beziehungsangebots, zur Unterstützung der emotionalen Weiterentwicklung, berücksichtigt werden:

  • Unterstützung der Selbständigkeitsbestrebungen

  • Nach Möglichkeit umgehende Bedürfnisbefriedigung

  • Funktion des "emotionalen Kraftspenders" erfüllen und physische Präsenz bieten

  • Entdeckung der unmittelbaren Umgebung anregen und begleiten

  • Einführung von Interaktionsformen, die das Bewusstsein der eigenständigen Existenz (= Getrenntheit) vorbereiten, z.B. Verstecken spielen

  • Haltgebender Trost nach Wutanfällen

  • Sensibler Umgang mit zumutbaren Anforderungen und Vermeidung stärkerer Frustrationen

  • Ein vom Klienten gewähltes Übergangsobjekt ist zu akzeptieren oder bei nicht Existenz anzubieten. Versuch, dieses, als Symbol der Beziehung in Trennungszeiten, gezielt einzusetzen

Übungsphase

Der geistig behinderte Mensch, dessen emotionales Empfinden der Übungsphase ähnelt, zeichnet sich durch große Experimentierlust und relativ ausdauerndes "Üben" aus, empfindet Stolz über seine Erfolge und will bewundert werden. Er ist zumeist guter Stimmung, solange keine besonderen Belastungen auftreten und kontaktfreudig. Dies ist meist nur solange gegeben, wie die Bezugsperson währenddessen erreichbar ist. Frustrationen kann mit kurzfristiger Selbstkontrolle begegnet werden. Allerdings ist dabei ein Verlust der Aktivität festzustellen. Ist zudem die Bezugsperson nicht erreichbar dämpft sich die Stimmung und bei deren Rückkehr bricht manches Mal die Selbstkontrolle zusammen, was sich durch Weinen oder Aggressionen äußert. Die emotionale Objektkonstanz ist nicht gegeben. Neue Aktivitäten werden abgelehnt, das Experimentieren ist oft stereotyp und misserfolgsorientiert.

Es sollte ein sicheres Umfeld mit Entdeckungsmöglichkeiten und vielen Handlungsfreiräumen geschaffen werden, um dem Klienten die selbständige Ausübung seines Experimentierverhaltens zu ermöglichen. Auch in dieser Phase sind die physische Präsenz und die emotionale Verfügbarkeit, seitens des Betreuers erforderlich. Bewunderung aller Aktivitäten des Klienten, besonders aller Neuen, ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil. Kurze Trennungsphasen sind notwendig und sollten bewusst herbeigeführt werden. Hierbei ist es sinnvoll das Übergangsobjekt in seiner Bedeutung zu stärken und gezielt einzusetzen. Das Spiegeln emotionaler Zustände ist sensibel und vorsichtig umzusetzen.

Wiederannäherungs- und Befestigungsphase

Im Zentrum dieser Phase steht die Bewältigung des Autonomie-Symbiose Konflikt und die Entwicklung emotionaler Objektkonstanz. ( vgl. 2.2, S.7-9). Das Verhalten des Menschen, der innerhalb dieser Phase emotional verhaftet ist, zeigt, aufgrund des Konfliktes, eine Vielzahl von Ambivalenzen auf (vgl.2.2, S.7). Sie zeigen sich Anforderungen gegenüber abwehrend, womit sie einerseits der eigenen Abgrenzung Nachdruck verleihen, andererseits, um die ebenfalls oft "Nein" sagende Bezugsperson nachzuahmen. Frustrationen sind derart schwer zu ertragen, dass sie vom Klienten oftmals ignoriert werden, somit stabilisieren sie das bedrohte Selbstwertgefühl und wirken der Angst vor Liebesentzug entgegen. Dies ist aus der Sicht des Klienten notwendig, wenn die emotionale Objektkonstanz noch fehlt. Der Mangel dieser zeigt sich auch in der Neigung Gefühle, die als unangenehm empfunden werden, aus dem Bewusstsein zu verbannen oder zu leugnen. Eigene Fähigkeiten realistisch einschätzen zu können ist nicht gegeben. Der Körper spielt für den Klienten eine wichtige Rolle im Bereich der Selbstbestimmung. Das Einmischen der Bezugsperson in Nahrungsaufnahme oder Körperpflege des Klienten führt meist zu Konflikten. Trennungssituationen werden, auch wenn sie nicht konfliktbedingt sind, als Verlassenheit erlebt, weil der Betroffene noch nicht über das verinnerlichte Bild einer "guten" Bezugsperson (vgl.2.2, S.9) verfügt.

Damit das Beziehungsangebot die Entwicklung emotionaler Objektkonstanz unterstützt empfiehlt sich die Berücksichtung folgender Punkte:

  • Akzeptanz der ambivalenten Gefühle, die zwischen dem Wunsch nach Selbständigkeit und des Bedürfnisses nach Anlehnung entstehen

  • Grundsätzliche Zugewandtheit, aber auch Setzen konsequenter Grenzen

  • Das Setzen von notwendigen Grenzen, aber auch Gewähren von vertretbaren Spielräumen als Vorraussetzung für die Entwicklung des Anpassungs- und Selbstbehauptungsvermögens

  • Anbieten von Entscheidungsmöglichkeiten

  • Gelassene Grundhaltung und somit Vermeidung des Verlustes der eigenen Selbstkontrolle bei Trotzanfällen des Klienten

  • Vermeidung von Selbst- und Fremdgefährdung bei Trotzanfällen

  • Anbieten von Nähe und Trost nach selbigen und ggfs. gemeinsamer Beseitigung entstandener Schäden

  • Konflikte entschärfen durch hinzuholen einer zweiten, weniger emotional involvierten Bezugsperson

  • Respektieren des Rechts auf den eigenen Körper

  • Zur Abmilderung der Verlassenheitsgefühle gezielt Übergangsobjekt einsetzen

  • Intensivierung der verbalen Kommunikation und Unterstützung symbolischer Handlungen z.B. Spiele

Die, von Barbara Senckel benannten, Vorschläge eines phasenspezifischen, intensiven Beziehungsangebotes können, meiner Ansicht nach, bei einer nicht ausreichend reflektierten Anwendung zu einer Abhängigkeit des Klienten vom Betreuer führen, die ich, in Anlehnung an Jacques Heijkoop[33], im Folgenden erläutere, da ich dies für sehr bedeutsam erachte.

3.2.3 Abhängigkeit

Laut Heijkoop sind Beziehungen einer Person, welche ein auffälliges Verhalten zeigt, als "unsichere Abhängigkeiten" zu charakterisieren. Unsicher wird die Abhängigkeit dadurch, dass der geistig behinderte Mensch auf der Suche nach Halt, Nähe oder Unterstützung durch einen Betreuer, verlernt sich selbst etwas zuzutrauen. Nichts allein zu können, ohne seinen Betreuer, wird zum Kennzeichen seines "Selbst". Er wagt es nicht mehr selbst zu urteilen und vom Betreuer loszulassen. Es stellt sich das Denken ein: "Man muss mir sagen, dass ich es gut mache, sonst geht es schief."[34] Eine Selbständigkeit, unabhängig vom Betreuer wird dadurch verhindert. Gefährlich wird dieser Umstand, wenn die Bezugsperson nicht in der Lage ist, dies zu erkennen und sich womöglich innerhalb dieser, durch Abhängigkeit gekennzeichnete Beziehung wohlfühlt und diese ihn so befriedigt, wie sie auch den Klienten befriedigt. Jedoch ist es für beide eine erstickende Befriedigung, wenn dabei Entwicklung und Veränderung auf der Strecke bleiben.

Eine gewisse Abhängigkeit ist nicht zu vermeiden, es sollte jedoch eine "schützende Abhängigkeit" angestrebt werden. Diese suggeriert dem Klienten: " Obwohl du so bist, wie du bist, werden keine wirklich gefährlichen oder verrückten Dinge geschehen."[35] Die dadurch entstehende Sicherheit bietet dem Klienten die Möglichkeit zu entdecken, auszuprobieren und zu experimentieren. Stehen Betreuer und Klient miteinander im Kontakt, dann besteht die Funktion der Bezugsperson nicht darin, ihn vor seinem eigenem fremdaggressiven Verhalten zu schützen, sondern in der Planung gemeinsamer Aktivitäten. Der Schutz bleibt im Hintergrund, während Gemeinsames, was beide interessiert in den Vordergrund tritt. Es werden Forderungen gestellt, die mal mehr mal weniger unterstützt werden, je nach dem in welcher Verfassung der Klient sich gerade befindet. Besteht eine sichere Abhängigkeit bleibt auch dann eine haltgebende Verbindung zwischen Beiden, wenn keine physische Nähe gegeben ist. Es entsteht allmählich ein verinnerlichtes Bild einer liebevollen Bezugsperson. So werden die Bewegungsräume des Klienten immer größer. Bei der unsicheren Abhängigkeit hingegen ist dies nicht möglich. Neue nicht vertraute Menschen rufen Unsicherheit und Misstrauen hervor. Hier möchte ich einfügen, dass dieser Zustand der unsicheren Abhängigkeit mit einer zu engen symbiotischen Beziehung zwischen Mutter und Kind während der Differenzierungsphase zu vergleichen ist. Innerhalb dieser bindet die Mutter, aufgrund ihres symbiotisch- parasitären Bedürfnisses, ihr Kind auf unangemessene Art und Weise an sich, so dass Selbständigkeitsbestrebungen des Kindes zumeist verhindert werden bzw. verspätet einsetzen. Das Misstrauen fremden Menschen gegenüber ist dementsprechend mit dem Fremdeln in dieser Phase zu vergleichen.[36] Somit wird eine emotionale Weiterentwicklung durch die unsichere Abhängigkeit nicht unterstützt, sondern verhindert.



[11] vgl. Senckel, B. (FN4), S.61

[12] vgl. Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte (Hrsg.),(FN8), S. 45

[13] vgl. Heijkoop, J., Herausforderndes Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung, Weinheim und Basel, Beltz Verlag, 1998, S. 26

[14] Escalera, C., (FN4), S.135

[15] vgl. Escalera, C., (FN4), S.136

[16] vgl. Senckel, B., (FN6), S.219

[17] vgl. Heinrich, J. in: Geistige Behinderung, Marburg, Lebenshilfe Verlag 2/1998, S. 171

[18] vgl. Heinrich, J. (FN17), S. 174

[19] vgl. Goffman, E., Wir alle spielen Theater- Die Selbstdarstellung im Alltag , München, Piper Verlag 1997, S. 105

[20] vgl. Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte (Hrsg.),(FN8), S. 61

[21] vgl. Winterfeld, S., "Team-sein" - das A und O der heilerzieherischen Praxis, Hamburg 2005, S. 10-13

[22] vgl. Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte (Hrsg.),(FN8), S. 61

[23] vgl. Heijkoop, J.,(FN13) , S.193

[24] vgl. Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte (Hrsg.),(FN8), S. 82

[25] vgl. Senckel, B., (FN4), S.69

[26] Senckel, B., (FN4), S.69

[27] vgl. Heijkoop, J.,(FN13) , S.141

[28] vgl. Senckel, B., (FN4), S. 70-71

[29] Senckel, B., (FN4), S. 71

[30] vgl. Senckel, B. (FN6), S.166

[31] Senckel, B. (FN6), S.166

[32] vgl. Senckel, B. (FN6), S.166- 172

[33] vgl. Heijkoop, J.,(FN13) , S. 44-45

[34] Heijkoop, J.,(FN13) , S. 44

[35] Heijkoop, J.,(FN13) , S. 44

[36] vgl. Mahler, M., Die psychische Geburt des Menschen, Frankfurt am Main, Fischer Verlag 2003, S. 82

4.Resümee

Die Reflexion der eigenen Emotionen und Handlungen in der Arbeit mit fremdaggressiv handelnden geistig behinderten Menschen ist zweifellos unabdingbar. Ebenso wie ein kompetentes, konfliktfähiges und sich gegenseitig unterstützendes Team. Jedoch reicht dies allein nicht aus, um den behinderten Menschen in der Überwindung seiner schwierigen Verhaltensweisen zu unterstützen. Ohne ein gut durchdachtes, auf den Klienten und seine Umgebung abgestimmtes Konzept ist dem Klienten und allen Beteiligten längerfristig nicht geholfen. Umgekehrt verhält es sich ebenso. Ein professionelles, umfangreiches Konzept ist in seiner Umsetzung effektlos, wenn die Mitarbeiter eines Teams nicht an sich selbst und ihrem Team arbeiten. Die Ganzheitlichkeit bei diesem Unterfangen ist entscheidend.

Ich denke, dass die Unterstützung des Klienten in Form eines wohlwollenden, wertschätzenden, echten und empathischen Beziehungsangebots, unter der Berücksichtigung des emotionalen Entwicklungsniveaus des Klienten, eine angemessene und hilfreiche ist. Wobei mir jedoch bewusst ist, dass diese in dem, innerhalb dieser Hausarbeit, beschriebenen Umfang in der Praxis schwer umsetzbar ist. Ich arbeitete eineinandhalb Jahre auf einer Wohngruppe für erwachsene geistig behinderte Menschen mit acht Bewohnern, in der mehrere Klienten auffällige Verhaltensweisen und psychische Störungen aufwiesen. Allerdings nicht als feste Mitarbeiterin, sondern erst als Praktikantin und dann als Aushilfe. Es waren zumeist nur zwei und oftmals auch nur einer alleine im Dienst, so dass es schon allein organisatorisch kaum möglich war den unterschiedlichen Bedürfnissen der Klienten gerecht zu werden. Neben den alltäglichen Dingen, wie z.B. Einkauf, Arztbesuche, Haushalt, pflegerische Tätigkeiten etc. blieben heilpädagogische Angebote des Öfteren auf der Strecke. Dazu kam, dass mehrere Aushilfen beschäftigt wurden, die weder pädagogisch geschult waren noch an Dienstbesprechungen teilnahmen. Hier wären zunächst die Rahmenbedingungen zu verbessern, bevor ein ganzheitliches Konzept, in welcher Form auch immer, wirklich greifen kann. Dennoch bin ich der Meinung, dass entwicklungspsychologische Kenntnisse, auch wenn man sie nicht in dem Umfang umsetzen kann, ein wichtiger Bestandteil sein können, sein eigenes Verständnis für fremdaggressives Verhalten zu erhöhen und sich für entwicklungsbedingte Ursachen zu sensibilisieren sinnvoll ist.

Wie ich bereits innerhalb meines Praxisbeispieles erwähnte ist mir bewusst geworden, dass die Fähigkeit zur Empathie nicht mit dem Willen dazu, gleichzusetzen ist. Ich denke, dass ich zwar grundsätzlich fähig bin empathisch zu handeln, mir aber in diesem Fall zunächst der Wille zur Empathie nicht gegeben war. Empathisches Handeln fordert einen Selbst heraus, eigene Hemmungen und Unsicherheiten zu überwinden, die sich einzugestehen nicht immer einfach, aber notwendig ist.

Als besonders hilfreich und interessant empfand ich die Auseinandersetzung mit dem Begriff "Aggression". Die Aggression eines Menschen, unabhängig davon wie sie zu bewerten ist, zeigt seinen Willen, sich mit der Umwelt zu beschäftigen und auch den Willen etwas zu verändern. Was, meiner Ansicht nach, zunächst als positiv anzusehen ist. Eine Bewohnerin, der bereits erwähnten Wohngruppe, zeigte zu Beginn meiner Arbeitszeit dort, des Öfteren fremdaggressive Verhaltensweisen, wurde aber mit der Zeit, durch eine sich entwickelnde Psychose und aufgrundessen angewendeter Psychopharmaka, immer zurückhaltender, ängstlicher und passiver. Ich empfand diese Entwicklung wesentlich beklemmender, als die zuvor von ihr gezeigten fremdaggressiven Verhaltensweisen, die einen starken Lebenswillen zeigten.

Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik war für mich sehr aufschlussreich und wird mir in meiner zukünftigen heilpädagogischen Praxis mit Sicherheit hilfreich sein.

Literatur:

Bundschuh ,K./ Heimlich, U./ Krawitz, R. (Hrsg.), Wörterbuch Heilpädagogik, Bad Heilbronn: Klinkhardt 1999

Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte (Hrsg.), Wenn Verhalten auffällt...Eine Arbeitshilfe zum Wohnen von Menschen mit geistiger Behinderung, Marburg, Lebenshilfe-Verlag 1996

Deutscher Bildungsrat, Sonderpädagogik 3, Studien der Bildungskommission, Bd.34, Stuttgart 1974

Geistige Behinderung, Marburg, Lebenshilfe Verlag 2/1998

Göbel, R./Martiny, F./Strasser, G. (Hrsg.), Psychische Störungen bei Menschen mit geistiger Behinderung, Schwalmstadt-Treysa, Hephata Hessisches Diakoniezentrum e.V. 2000

Goffman, E., Wir alle spielen Theater- Die Selbstdarstellung im Alltag, München, Piper Verlag 1997

Heijkoop, J., Herausforderndes Verhalten von Menschen mit geistiger Behinderung, 3.Auflage, Weinheim und Basel, Beltz Verlag 1998

Mahler, M., Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation., 18.Auflage, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag 2003

Senckel B., Mit geistig Behinderten leben und arbeiten, 7.Auflage, München, Verlag C.H. Beck 2004

Winterfeld, S., "Team-sein" - das A und O der heilerzieherischen Praxis, Hamburg, Eigenverlag 2005

http://www.bilbo.de/lexikon/begriffe/geistig3.htm 22.2.2006

Quelle:

Sandra Winterfeld: "Fremdaggressive Verhaltensweisen bei Menschen mit einer geistigen Behinderung - mögliche Ursachen und Vorgehensweisen"

Hausarbeit an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB)

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 10.05.2006

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