Körperbehinderte auf der Suche nach Partnerschaft und sexueller Beziehung

Textsorte: Buch
Releaseinfo: erschienen in: Forster, Rudolf/ Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird, Jugend und Volk, Wien 1982, S. 13 - 20
Copyright: © Jugend und Volk 1982

Körperbehinderte auf der Suche nach Partnerschaft und sexueller Beziehung

Die Frage, wie eine körperliche Behinderung auch die Bedürfnisse nach Partnerbeziehungen und Sexualität behindert, möchte ich aufgrund eigener Erfahrungen zu beantworten versuchen. Viele Faktoren sind dafür verantwortlich, daß man als Frau oder als Mann behindert wird - also kein erfülltes Sexualleben haben kann - ich möchte auf einige davon eingehen.

Die Sexualerziehung stellt für viele Eltern behinderter Kinder ein großes Problem dar, da sie sich dieser Aufgabe nicht gewachsen fühlen. Sie versuchen daher oft, ihr Kind als asexuelles Wesen zu behandeln. Daß auch dieses Kind einen Geschlechtstrieb hat, wird nicht zur Kenntnis genommen; damit wird ein fundamentales Bedürfnis übersehen. Wie sehr ein junger Mensch unter einer derartigen Negation der Sexualität leidet, zeigt die Aussage einer 23jährigen Rollstuhlfahrerin, die sagt:

".... ich könnte viele Freunde haben, aber ich darf nicht. Meine Eltern lassen das nicht zu. Sie merken nicht, daß ich im Begriff bin, mich umzubringen. Ein Leben ohne Liebe ist kein Leben ...."

Wenn nun schon viele Eltern bei der Sexualerziehung ihres behinderten Kindes unsicher sind, dann ist es auch kein Wunder, daß die Öffentlichkeit den Körperbehinderten das Recht auf Sexualität abspricht. Auch viele Ärzte stehen dieser Herausforderung hilflos gegenüber. Besonders schwierig ist die Situation der Behinderten in verschiedenen Heimen. Sexuelle Beziehungen der Heiminsassen untereinander oder auch mit Außenstehenden werden nicht geduldet. Ich kenne das Beispiel eines jungen Mannes, der mit einer gleichfalls behinderten Frau in einem Heim eine Beziehung aufbauen wollte und vom Personal immer wieder von seiner Partnerin getrennt wurde. Der Geschlechtstrieb bei physisch behinderten Personen wird so entweder überhaupt negiert oder entscheidend unterdrückt.

Wesentlich für die sexuelle Entwicklung ist das Alter beim Eintritt der Behinderung. Je später die Behinderung auftritt, desto größer ist die Chance,daß Behinderte eine normale Einstellung zur Sexualität gewinnen. Daß es aber auch später noch zu Schwierigkeiten kommen kann, will ich anhand meiner eigenen Erfahrungen aufzeigen.

Ich war gerade 15 Jahre alt und besuchte eine Krankenpflegeschule in Wien, als eine fortschreitende Muskelerkrankung festgestellt wurde. Diese Diagnose beunruhigte mich zunächst nicht sonderlich, da ich zu diesem Zeitpunkt noch ein völlig normales Leben führte. Erst als sich allmählich ab dem 17. Lebensjahr die ersten Behinderungen einstellten, begann ich mir Gedanken über diese Krankheit zu machen und versuchte, möglichst viel darüber zu erfahren. Am meisten zu schaffen machte mir dann die Tatsache, daß es auf der ganzen Welt kein Heilmittel für mich gab und daß ich mich mit dem Fortschreiten der Erkrankung abfinden mußte.

Zu dieser Zeit hatte ich eine sehr schöne Beziehung zu einem jungen Mann, der ernste Absichten hegte. Doch ich konnte mich mit dem Gedanken an eine spätere Heirat nicht befreunden. Nicht, weil meine Gefühle für ihn nicht stark genug gewesen wären, sondern weil mich das Wissen um das Fortschreiten meiner Krankheit sehr belastete. Obwohl er mir zu verstehen gab, daß dies für ihn kein Hindernis sei, fühlte ich mich dieser Verantwortung nicht gewachsen. Es schien mir vernünftiger, die Beziehung abzubrechen, damit er seinen Wunsch nach Familiengründung mit einer anderen Frau verwirklichen konnte. Diesen Entschluß hat er zwar nie verstanden und gebilligt, aber er mußte sich damit abfinden. Später habe ich mich oft gefragt, ob das richtig war. Ich glaube schon. Denn die fortschreitende Erkrankung hat mich durch die daraus resultierenden Behinderungen so eingeschränkt, daß ich das Berufsleben aufgeben und zu meiner Familie zurückkehren mußte, da ich für die täglichen Verrichtungen auf fremde Hilfe angewiesen war.

Dennoch fühlte ich mich bis zu dieser Zeit - ich war damals 20 Jahre - als Frau in keiner Weise behindert. Ich hatte Beziehungen wie alle anderen Mädchen auch, war viel unterwegs in Diskotheken, lernte viele Leute kennen und genoß mein Leben.

Das ging so lange, bis ich einen jungen Mann aus meiner näheren Umgebung kennenlernte. Aus dieser Begegnung entwickelte sich eine Beziehung, die für uns beide sehr beglückend war. Wir hielten unsere Gefühle vor der Umwelt nicht verborgen und so dauerte es nicht lange, bis die Leute darauf reagierten. Als dann Bemerkungen kamen wie: "Was will er denn mit diesem Krüppel? Die will ihm doch nur ein Kind anhängen, damit sie versorgt ist!", da war ich einfach geschockt. Bis dahin hatte ich nämlich angenommen, daß die Menschen mich mit meiner Behinderung akzeptierten. Daß dies aber nicht der Fall war, zumindest nicht, wenn es sich um das Thema Partnerschaft handelte, mußte ich erst nach und nach erfahren. Diese Beziehung ging entzwei, weil sie den Belastungen von Außen her nicht standhalten konnte.

Und so wurde aus mir - einer jungen, lebenslustigen Körperbehinderten - auch eine behinderte Frau. Dieses Erlebnis war ausschlaggebend dafür, daß ich mich drei Jahre lang völlig zurückzog und ein extremes "Behindertenbewußtsein" entwickelte. Mein Selbstwertgefühl war stark vermindert. Ich fühlte mich aufgrund meiner Behinderung von der Welt der Gesunden ausgeschlossen und vermeinte kein Recht auf eine erfüllte Partnerschaft zu haben.

Während dieser Zeit korrespondierte ich viel und erhielt unter andererm auch Briefe von einem Berliner, der mich in seine Heimatstadt einlud. Da ich ihn über meine fortschreitende Erkrankung informiert hatte, besuchte er mich einmal und berichtete mir von einer Ärztin in Berlin, die sich imstande fühle, mir zu helfen. Ich sah darin eine große Chance und fuhr trotz größter Bedenken meiner Mutter nach Berlin. Als jedoch auch nach ein paar Tagen von dieser Ärztin keine Rede war, wußte ich, daß ich einem Betrüger aufgesessen war. Er suchte in Wirklichkeit eine Frau. In meiner Behinderung sah er eher Vorteile, weil ich auf ihn angewiesen war und nicht davonlaufen konnte. Diese Erkenntnis entsetzte mich; ich fühlte mich ausgeliefert. Meinem Drängen, mich wieder zum Zug zu bringen, gab er erst nach Tagen sehr widerstrebend nach. Wieder zu Hause angelangt, erlitt ich einen Nervenzusammenbruch.

Die Gefahr, daß man gerade als behinderte Frau ausgenützt wird, ist sehr groß. Nach drei Jahren völliger Isolation war mein Selbstbewußtsein auf Null gesunken.

Als ich dann langsam anfing, wieder am öffentlichen Leben teilzunehmen, fühlteich stets alle Blicke auf mich bzw. meine Gehbehinderung gerichtet und littsehr darunter. Erst durch den Kontakt mit anderen Behinderten in Deutschland und Österreich gelang es mir, meine Hemmungen abzubauen und neuen Lebensmut zu gewinnen.

Der Wunsch nach einer neuen Beziehung keimte wieder auf. Doch die Isolation,in der ein Behinderter oft zwangsweise leben muß, macht es meistunmöglich, auf normalem Weg einen Partner zu finden. Zu einem Versuchüber ein Inserat in einer Zeitung fehlte mir nach meiner negativen Erfahrung der Mut. Da das Erscheinungsbild gerade bei Frauen eine großeRolle spielt, gestaltet sich die Kontaktaufnahme für eine behinderte Frau oft besonders schwierig. Denn bei der Partnersuche spielen Bewegung, Mimik und Gestik eine große Rolle. Behinderte und erst recht behinderte Frauen sind meist nicht in der Lage, die geltenden physischen Normen zu erfüllen. Eine zusätzliche Schwierigkeit ist auch die mangelnde Spontaneität, die sich aus der Bewegungsbehinderung ergibt. Ein Behinderter kannnicht auf den Partner zueilen, sondern ist auf dessen Initiativeangewiesen.

So empfandich es immer als Vorteil, wenn ich mich zuerst mit jemandem unterhalten und ihn auf meine Gehbehinderung aufmerksam machen konnte. Das Verständnis war dann ungleich größer, und es entstanden oft sehr gute Kontakte, die anders vielleicht nicht zustande gekommen wären. Denn Männer sind seltener bereit, körperliche Mängel bei Frauen akzeptieren, als umgekehrt.

Findet eine behinderteFrau einen Partner, so ist die Freude am Sexualeben oft durch die Angst vor einer Schwangerschaft beeinträchtigt. Denn die Möglichkeit besteht, daß das Kind geschädigt zur Welt kommen könnte,ist die seelische Belastung beim Sexualkontakt sehr groß. Zwar gibt es heute schon zuverlässige Verhütungsmittel, doch kann sich aus gesundheitlichen Erwägungen nicht jede Frau dieser Mittel bedienen.

Da ich sehr kinderliebend bin, habe ich mich oft mit der Frage auseinandergesetzt: Will ich ein Kind haben und kann ich ein Kind haben? Daß ich eines wollte, wurde mir immer mehr bewußt, und daß ich eines haben konnte, bestätigte mir meine Ärztin. Dennoch schien es mir vernünftiger, auf die Erfüllung dieses Wunsches zu verzichten. Aufgrund meiner Muskelschwäche bin ich nämlich nicht imstande, ein Baby zu halten oder zu versorgen. Also müßte die Betreuung jemand für mich übernehmen, bis das Kind drei Jahre alt wäre. Und das wollte ich nicht.

Es ist sehr wichtig, daß man sich über seine eigenen Grenzen klar wird; sonst besteht die Gefahr, daß man in Situationen kommt, die man allein nicht mehr bewältigt und daß man auch andere mit hineinzieht. In meinem Fall wäre es meine Mutter gewesen, die sich um mein Kind hätte kümmern müssen. Da wir aber eine große Familie sind und sie ohnehin schon mit Arbeit überlastet ist, hätte ich mich dabei nicht wohl gefühlt. Wenn ein Kind dagegen in eine bestehende und gut funktionierende Partnerschaft hineingeboren wird, gibt es sicher auch andere Lösungen. Ich bin aber davon ausgegangen, daß ich das Kind allein hätte großziehen müssen.

Da ich seit Jahren wieder im Elternhaus lebe, ist mein Eigenbereich doch sehr eingeschränkt. Denn Eltern tolerieren selten sexuelle Beziehungen ihrer "Kinder" im eigenen Hause. Und alternative Wohnformen, die eine unkomplizierte Begegnung beider Geschlechter ermöglichen, gibt es kaum. Für viele Behinderte ist es leider aus finanziellen Gründen und aufgrund der mangelnden Hilfestellung durch andere nicht möglich in einer eigenen Wohnung zu leben.

Dennoch habe ich immer wieder behinderte Frauen kennengelernt, denen es gelungen ist, mit einem Partner zusammen ein eigenes Leben aufzubauen. Nicht immer jedoch ist die behinderte Frau in der Lage, die traditionelle Frauenrolle zu erfüllen. Vielleicht ist dies auch ein wesentlicher Grund dafür, daß die Partnerfähigkeit der behinderten Frau angezweifelt wird. Hat diese Frau einen verständnisvollen und entgegenkommenden Partner, der im Haushalt mithilft, so ist sie deshalb nicht weniger partnerfähig. Auch gibt es heute in den größeren Städten schon Hilfsdienste, die man in solchen Fällen in Anspruch nehmen kann.

Das Erkennen von vorhandenen Möglichkeiten kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die meisten behinderten Frauen ein unbefriedigendes Sexualleben führen. Entweder kommen die Einschränkungen aus der Umwelt, aus dem Elternhaus oder aber das eigene Bewußtsein wird zu einer weiteren Behinderung, wie es bei mir der Fall war. Für viele wird die Selbstbefriedigung zum Ersatz für fehlende Partnersexualität.

Wie belastend eine unerfüllte Sexualität sein kann, führt uns der Satz der 35-jährigen Schweizerin Ursula Eggli vor Augen:

"Ich habe noch nie mit einem Mann geschlafen, ich überlege mir dann, ob das denn normal sei, oder ob ich da nicht etwas zu kurz komme - etwas das schön ist, und ich noch nicht entdecken konnte."

Auch in meinem Freundeskreis gibt es Frauen, die diesen Satz gesagt haben könnten. Manche davon sind schon über 40 Jahre alt und haben noch nie mit einen Mann geschlafen. Der Grund liegt bei ihnen nicht am oder an der Behinderung, sondern einzig und allein am mangelnden Selbstbewußtsein. Sie leiden sehr unter diesem Zustand, können sich aber nicht helfen. Zwar versuchen sie, diesen Wunsch nach Möglichkeit immer wieder zu verdrängen, aber auch das ist keine Lösung.

So entwickelt sich oft der Wunsch nach einem behinderten Partner, weil bei ihm das notwendige Verständnis vorausgesetzt wird. Wie ich selbst erfahren mußte, kann dies ein großer Irrtum sein. Denn während nichtbehinderte Männer meine Behinderung akzeptierten, haben mich behinderte Männer immer wieder darauf aufmerksam gemacht. Vielleicht liegt es daran, daß sie selbst meist Komplexe haben und die Mängel der Partnerin daher noch unterstreichen. Hinzu kommt der Wunsch mancher Behinderter Männer mit einer "gesunden" Frau in der Öffentlichkeit zu repräsentieren und auf diesem Weg Anerkennung zu suchen. Wenn Ehen zwischen zwei behinderten Menschen geschlossen werden, so kommt es auch oft zu großen Problemen, weil die gegenseitige Hilfestellung erschwert ist.

Die Umwelt sieht es lieber, wenn sich zwei Behinderte zusammentun und man betrachtet es als bewunderns- und bedauernswertes Heldentum, wenn ein nichtbehinderter einen behinderten Partner heiratet. Die Illustrierten voll von solchen Heldentaten.

So bleibt es schließlich nicht aus, daß viele Behinderte sich mit ihren Problemen alleingelassenfühlen, früher oder später die Suche nach einem geeigneten Partneraufgeben und es vorziehen, allein zu leben.

Ich stehe auch mit vielen behinderten Männern in Kontakt und weiß, daß sie sehrmit dem Problem "Sexualität und Behinderung" zu kämpfen haben.

"Viele behinderte Männer sind mit Krankenschwestern verheiratet; das wird vielfach als Idealehe angesehen. Tatsächlich ist die Krankenschwester jedoch aufgrund bestimmter ungelöster, psycholoanaytisch deutbarer Konflikte häufig pflegerisch orientiert. Der Behinderte ist in einer ähnlichen Lage, nur daß er gepflegt werden will, nicht selbst Pflegender sein will. Auch er trägt ungelöste Konflikte in sich - paradoxerweise offenbar die gleichen wie die Krankenschwester. Beide erwarten unbewußt vom Partner, der nach außen hin das gerade Gegenteil verkörpert, die Lösung der eigenen Konflikte. Erfolg: Auf der einen Seite totaler Pflegeanspruch der Pflegerin, auf der anderen Seite Depression und ein Verhalten, das die totale Pflege provoziert, im Grunde aber den Pflegenden "vernichten" will." So etwa schilderte mir ein 40jähriger Behinderter diese Art der Beziehung und meinte weiter: "Für manche Frau ist die Wahl eines Behinderten als Partner unbewußt oder vielleicht sogar bewußt deshalb sehr naheliegend, weil ein Behinderter - nach allgemeiner Auffassung jedenfalls - entweder sexuell "harmlos" ist, oder weil man seine Ansprüche, falls doch vorhanden ablocken kann: "Du mußt dich schonen, denk an deine Behinderung, Krankheit etc!" Die Partnerin ist also nicht der Gefahr ausgesetzt, auch eine sexuelle Partnerschaft aufbauen zu müssen, im Gegenteil - sie ist die Pflegende, Gebende kann nach Belieben gewähren und versagen. Das gleiche gilt natürlich auch, wenn der Mann der Pflegende ist." Und so hat dieser Mann, wie er freimütig bekennt, seit jeher Angst, eine Krankenschwester oder eine andere pflegerisch orientierte Person näher kennenzulernen.

Da ich regelmäßig in einer Zeitschrift für muskelkranke Menschen den Leserclub gestalte, schrieb ich auch einmal über das Thema Sexualität und Behinderung. Auf den Satz: "Sexualität ist ein Bedürfnis, auch für Behinderte!" antwortete mir ein junger Mann: "Ich glaube, erst recht für Behinderte. Denn die richtige Entfaltung von Sexualität kann Ihnen helfen, sehr viel Anderes abzubauen .... In Schweden sah ich eine psychiatrische Anstalt, in der die Patienten unter sehr diskreter Aufsicht Zärtlichkeiten austauschen durften. Erfolg: Die Depressionen schwanden, Selbstmordversuche reduzierten sich und die Aggressionen gingen stark zurück." Weiters schrieb dieser Mann: "Ich kenne viele Behinderte mit unerfüllbaren sexuellen Wünschen - unerfüllbar nur deshalb, weil die Betreuungspersonen "solche Schweinereien" nicht dulden; deshalb ist die Türe zu diesen Erlebnissen zugeschlagen. So bekam ich Drohungen einer Omi, weil mir ihre Enkelin Liebesbriefchen schrieb. Und eine Mutter drohte mit Anzeige wegen Kuppelei, weil ich ihrem Sohn Adressen von behinderten Mädchen sandte, die Freundschaft suchten. Es ist auch anders, wenn man erst behindert wird, nachdem man schon Manches erlebt hat. Verdrängte Sexualität und Ähnliches, das ist oft noch schlimmer als die Behinderung .... Ich habe leidvoll erfahren, daß Liebe und Sexualität nicht mehr gefragt sind, wenn man seine Gesundheit verloren hat. Aber nicht nur das, man ist automatisch abnormal und unmoralisch, wenn man sich danach sehnt. Auch wird man als behinderter Mann leicht ausgenutzt. So kannte ich eine Kellnerin, die es auf diese Sorte von Männern abgesehen hatte, ihnen Liebe vormachte und sie nicht nur um ihre Gefühle, sondern auch um viel Geld betrog. Ich erlebe immer wieder, wie sehr behinderte Menschen nicht nur darunter leiden, daß man sie zum sexlosen Wesen stempelt, sie leiden auch unter der schrecklichen Angst, daß schon ihre geheimen Wünsche und Sehnsüchte abnormal und sündhaft sind."

Die offenen und ehrlichen Bemerkungen dieses Mannes sollten zu denken geben und so schlage ich vor, daß man den Behinderten in dieser Hinsicht Hilfe anbietet, und zwar durch Gespräche über Sexualität, durch Seminare und durch Information der Öffentlichkeit zum Abbau von Vorurteilen.

Einen positiven Beitrag in dieser Richtung hat eine Schweizer Gruppe mit dem Film "Behinderte Liebe" geleistet. In diesem Film sprechen vier junge, schwerbehinderte Menschen offen über ihre sexuellen Bedürfnisse und Probleme. Auf diese Weise ist es gelungen, ein größeres Verständis der nichtbehinderten Zuschauer zu erreichen.

In anderen Ländern, wie Dänemark, der Bundesrepublik Deutschland und den Niederlanden, gibtes schon seit Jahren Bestrebungen, sich mit dem ProblemSexualitätund Behinderung auseinanderzusetzen. So gibt es z.B. in den Niederlanden einen "Verein zur sexuellen Reform", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Behinderten durch Sexualberatung oder auch Sexualhilfe zur Emanzipation zu verhelfen. Christoph Eggli (bekannt aus dem Fim "Behinderte Liebe") wurde von dieser Vereinigung geholfen. Er meint: "Durch dieses Erlebnis habe ich endlich meine sexuellen Tabus überwinden könnenund fühle mich deswegen auch freier und glücklicher. Nackheit hat ihrebeschämende Wirkung verloren und die sadistischen Phantasien von früherkönnen kaum mehr faszinieren. Da ich aber nicht nur Geschlechtlichkeit, sondern auch das Gefühl des Geliebtseins erlebt habe, wirktesich dieses Erlebnis mit einer Frau des Vereins auch auf meine weiterenLiebesversuche positiv aus. Endlich konnte ich die Angst überwinden, daß ich wegen meiner Behinderung nicht als Liebespartner akzepiert werden würde".

Ich bin sehr froh, daß es auch mir in den letzten Jahren gelungen ist, mein Selbstbewußtsein wieder zurückzugewinnen, und daß ich nun trotz meiner Köperbehinderungnicht mehr daran gehindert bin, eine Frau zu sein.

Quelle:

Josefine Wildbahner: Körperbehinderte auf der Suche nach Partnerschaft und sexueller Beziehung

Erschienen in: Forster, Rudolf/ Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird, Jugend und Volk, Wien 1982, S. 13 - 20

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 01.03.2005

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