Diskriminierung im Kontext von Behinderung, sozialer Lage und Geschlecht

Eine qualitative Analyse im Anschluss an Pierre Bourdieu

AutorIn: Andrea Urthaler
Textsorte: Rezension
Releaseinfo: Erschienen in: AEP Informationen 1/2019: Trotz aller Barrieren. Ganz Frau-Sein mit Behinderungen, S. 41-42 AEP Informationen (1/2019)
Copyright: © Andrea Urthaler 2019

Buchinformation:

Infos: Arne Müller; Transcript Bielefeld 2018, ISBN 9783837644616, 282 S., 29,99 Euro

Diskriminierung im Kontext von Behinderung, sozialer Lage und Geschlecht.

Foto Buchcover

Unterscheiden sich die Alltagserfahrungen von Benachteiligung und Bevorteilung von Menschen mit Behinderungen von jenen ohne Behinderungen, je nach sozialer Lage und Geschlecht? Diese Frage steht im Zentrum der vorliegenden Studie des im Disability-Bereich tätigen Soziologen Arne Müller.

Vor dem Hintergrund der theoretischen Ansätze sozialer Ungleichheit des französischen Sozialphilosophen Pierre Bourdieu geht der Autor der Frage von Diskriminierung in Wechselwirkung mit den Ungleichheitskategorien Behinderung, Geschlecht und sozialer Lage nach, wobei er die Kategorie Behinderung ins Zentrum stellt.

Im ersten Teil zeigt der Autor die theoretischen Grundlagen seiner Arbeit auf. Er beginnt mit Reflexionen auf die in seiner Studie zentralen Begriffe Behinderung und Diskriminierung. Zunächst geht er auf den Begriff Behinderung ein. Er beginnt mit einem Überblick über die Entwicklung der soziologischen Forschung zum diesem Thema. Darauf diskutiert er die unterschiedlichen wissenschaftlichen Modelle und Konzeptionen von Behinderungen. Müller präferiert dabei ein Konzept, welches Behinderung in der Schnittmenge des sozialen, kulturellen und menschenrechtlichen Modells verortet. Ein wesentlicher Anspruch seiner Studie besteht darin, Behinderung in Bourdieus Theorie der sozialen Ungleichheit einzuordnen. Zu diesem Zweck werden die dementsprechenden theoretischen Ansätze Bourdieus vorgestellt. Vor allem geht er hierbei auf die Konzepte Kapital, Habitus, Feld sowie die Identifikation verschiedener sozialer Klassen ein.

Dann setzt sich Müller ausführlich mit dem Begriff Diskriminierung auseinander. Er behandelt hier zunächst die verschiedenen Modelle und Konzepte der Diskriminierungstheorie. Besonders in den „Ethnic and Racial Studies“ sieht er Ähnlichkeiten zu den „Disability Studies“, denn auch hier hat sich eine „eigene multi-disziplinäre Forschungstradition etabliert, die auf die systematische Erforschung der sozialen Verhältnisse im Kontext von ethnischer Vielfalt und Multikulturalität abzielt und neue Perspektiven auf Differenz, Identität, Subjektivität und Machtverhältnisse in diesem Kontext anbietet“ (S. 58). Ein wesentliches Anliegen des Autors besteht außerdem darin, die Wechselwirkungen und das Zusammenwirken unterschiedlicher Diskriminierungsgründe zu untersuchen. Dazu bedient sich Müller des Konzepts der Intersektionalität und befasst sich dabei insbesondere mit der Wechselwirkung von Behinderung und „Klasse“.

Auf die Auseinandersetzungen mit dem komplexen Phänomen der Diskriminierung folgt ein Exkurs über rechtliche Bestimmungen und politische Praxen rund um das Thema Behinderungen. Zwar sind in der Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen die Rechte und Freiheiten aller ohne jeglichen Unterschied legistisch verankert, dennoch mangelt es an der konkreten Umsetzung auf nationaler Ebene.

Am Ende dieses ersten großen Teiles des Buches bringt Müller die Begrifflichkeiten Behinderung und Diskriminierung zusammen. Er geht auf konkrete Studien ein, die sich mit der Erforschung von Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen beschäftigen, erörtert Bourdieus Beiträge zu einer Theorie der Diskriminierung und stellt seine eigene Heuristik vor.

Der zweite große Teil des Buches widmet sich der methodischen Herangehensweise des Sozialwissenschaftlers. Anhand von zwölf leitfadengestützten, problemzentrierten Interviews mit Menschen mit und ohne Behinderungen analysiert Müller die unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen. Spannend ist hier vor allem die Auswahl der Interviewten. Ausschlaggebend waren zum einen Indikatoren der sozialen Lage sowie die Kategorie Geschlecht, die dichotom männlich und weiblich, stattgefunden hat. Die Kategorie Behinderung/ Nicht-Behinderung wurde durch Rollstuhlnutzung, und Nicht-Rollstuhlnutzung erfasst. Die Auswertung der Interviews erfolgte nach Mayrling und mithilfe der Analysesoftware MAXQDA. Auf Seite 159 beginnt schließlich die eigentliche Studie. Zu Beginn dieses Kapitels stellt Müller die anonymisierten befragten Personen anhand von Kurzportraits vor. Die Interviewten sind zwischen 30 und 50 Jahre alt. Die Hälfte davon nutzt seit ihrer Kindheit einen Rollstuhl. Die Hälfte der jeweils interviewten Personen mit und ohne Behinderungen sind Frauen, die andere Männer. Den sozialen Status analysiert der Autor mittels der Unterscheidung von je nach Einkommenshöhe unterschiedlichen „sozialen Lagen“, der unteren, der mittleren und der höheren Soziallage. Auch diese sind querschnittsmäßig verteilt. Bei der Analyse unterscheidet Müller schließlich zwischen potentiell diskriminierungsrelevanten Segmenten und tatsächlichen Diskriminierungen. Bei letzteren unterscheidet er wiederum zwischen negativen und positiven Diskriminierungen, also Diskriminierungen, die etwa in Form von Nachteilsausgleichsregelungen sichtbar werden. Nach Berücksichtigung der Wechselwirkungen von Geschlecht, sozialer Lage und Behinderung/Nicht-Behinderung kommt Müller zu dem ernüchternden Ergebnis, dass die Kategorie Behinderung versus Nicht-Behinderung quantitativ im Zusammenhang mit Diskriminierung die größten Unterschiede hervorruft.

Arne Müllers Studie greift ein wichtiges Thema auf und liefert zweifelsohne einen bedeutenden Beitrag zur intersektionalen Analyse von Diskriminierung, welche die in derartigen Studien häufig vernachlässigte Kategorie Behinderung/ Nicht-Behinderung miteinschließt. Schade ist allerdings, dass diese Ungleichheitskategorie nur an Menschen, die einen Rollstuhl, und jenen, die keinen Rollstuhl nutzen, gemessen wurde. Andere Formen von Diskriminierungen von Menschen mit Behinderungen, wie zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten, werden in dieser Studie nicht berücksichtigt. Auch Personen, die sich jenseits von dichotomen Geschlechtervorstellungen verorten, finden hier keinen Platz. Spannend ist, dass Müller neben negativen Diskriminierungen auch positive miteinschließt. Das Buch ist lesenswert, ansprechend geschrieben und bietet für „Schnellleser*innen“ immer wieder Zwischenergebnisse und Zusammenfassungen.

Insbesondere der erste Teil liefert zudem eine gute Einführung in die unterschiedlichen theoretischen Konzepte von Behinderung und Diskriminierung sowie einen Überblick über die rechtliche Lage von Menschen mit Behinderungen in Deutschland und auf internationaler Ebene.

Quelle

Andrea Urthaler: Diskriminierung im Kontext von Behinderung, sozialer Lage und Geschlecht. Erschienen in: AEP Informationen 1/2019: Trotz aller Barrieren. Ganz Frau-Sein mit Behinderungen, S. 41-42.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 10.07.2019

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