Differenz anders gesehen: Studien zu Behinderung

AutorIn: Anja Tervooren
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: erschienen in: Sieglind Ellger-Rüttgardt, Sigrid Dietze, Grit Wachtel (Hg.): Sonderpädagogik und Rehabilitation auf der Schwelle in ein neues Jahrhundert. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete. Jg. 69, 2000, H. 3, S. 316-319
Copyright: © Anja Tervooren 2000

Differenz anders gesehen

Was wäre, wenn Behinderung nicht mehr als defizitäres Phänomen betrachtet würde, mit dem sich zuallererst Ärzte und Ärztinnen, Pädagogen und Pädagoginnen und einige Sozialwissenschaften am Rande beschäftigten? Und was geschähe, wenn der Zugang zum Thema Behinderung ein ebenso komplexer wäre, wie ihn in den 90er Jahren unterschiedliche Disziplinen für die Themen Geschlecht, kulturelle Differenz und sexuelle Orientierung entwickelt haben? Der starken Beschäftigung mit der Kategorie Behinderung in den Sozialwissenschaften steht eine ominöse Stille um dieses Thema in den Geisteswissenschaften gegenüber. Ein Gegenstand wird jedoch auch an der Komplexität der Zugänge gemessen, mit denen sich unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen diesem nähern. Die häufige Verknüpfung des Phänomens Behinderung mit einer Vorstellung von Defizit ist deshalb u.a. der Tatsache geschuldet, daß sich fast ausschließlich wissenschaftliche Disziplinen für das Thema Behinderung zuständig erklären, die sich mit Heilung, Erziehung und "Management" eines Ausschnitts der Bevölkerung beschäftigen.

Woraus setzt sich die Kategorie Behinderung aber über die medizinischen und sozialwissenschaftlichen Bereiche hinaus zusammen und in welchen anderen Zusammenhängen wird auf sie Bezug genommen? Der Versuch einer Antwort auf diese Frage lenkt den Blick unmittelbar auf die Bedeutung physischer und mentaler Differenzen und die zentrale Stellung des Themas Behinderung in unserer Kultur. Warum wird der nette Junge in Wilhelm Hauffs Zwerg Nase in einen kleinwüchsigen, buckligen und langnasigen Menschen verwandelt und welche Funktion für Erzählperspektive und Erzählverlauf hat es, daß der Protagonist Franz Biberkopf in Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz einen Arm im Krieg verloren hat?[1] Was läßt sich über die Hofnarren an mittelalterlichen europäischen Höfen aussagen, von denen viele nach heutigen Begriffen Formen von körperlichen und geistigen Behinderungen aufwiesen? Wie läßt sich das Abnormitätenkabinett im Passage-Panopticum der Berliner Friedrichstraße zu Beginn des 20. Jahrhunderts interpretieren, in dem monatlich wechselnd weltberühmte "Freaks" ausgestellt wurden, z.B. Menschen ohne Arme oder Beine (Bischoff 1978)? Welche Bedeutung hat es, daß Werner Herzog in seinem Film Auch Zwerge haben einmal klein angefangen (1973) eine Revolte in einer geschlossenen Erziehungseinrichtung von kleinwüchsigen Schauspielern und Schauspielerinnen spielen läßt?

Der Filmwissenschaftler Martin Norden stellt nach der Untersuchung der Geschichte des US-amerikanischen Films seit Anfang des Jahrhunderts fest, daß gerade Hollywood von physischen Differenzen wie besessen sei (Norden 1993). Seine Monographie steht im Rahmen der US-amerikanischen Disability Studies, die in den 90er Jahren Behinderung in einem allgemeinen kulturwissenschaftlichen Diskurs plazierten.[2] Durch die Kritik marginalisierter Gruppen an dominanten gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen wurde seit Mitte der 80er Jahre im englischsprachigen und v.a. US-amerikanischen Bereich der Zusammenhang der Cultural Studies aufgebaut, der interdisziplinär und in Bezugnahme auf philosophische Theorien Phänomene der Differenz z.B. Geschlecht oder Multikulturalität anhand von Repräsentationen aus Literatur, Kunst, Film und Populärkultur zu theoretisieren sucht. Was die Disability Studies diesen Untersuchungen hinzufügen, ist eine Aufmerksamkeit für den Körper in seiner Verletzlichkeit. Behinderung wird als sozial hergestellter Prozeß konzipiert, in dem Normalität und Behinderung Teile des gleichen Systems darstellen und stets aufeinander angewiesen sind.

So arbeitet z.B. der US-amerikanische Historiker Paul Longmore für die aktuelle Medienlandschaft die zentrale Stellung der Wohltätigkeitssendungen im Fernsehen − einer der wichtigsten Punkte der Medienkritik des Disability Rights Movement − für das US-amerikanische Selbstverständnis heraus, das durch gemeinschaftsstiftende Rituale des Gebens und Nehmens dem amerikanischen individualistischen Ethos etwas entgegenzusetzen sucht (Longmore 1997). Rosemarie Garland Thomson weist die Freak-Shows des 19. Jahrhunderts als Grundlage moderner Populärkultur, des Zirkus, des Varietés, der Schönheitswettbewerbe, der Rock- und Popmusik etc. aus (Thomson 1997). Bauman kritisiert die lineare Gegenüberstellung von Sprache und Schrift und verknüpft die Sprachkritik des französischen Philosophen Jacques Derrida mit den bildlichen Dimensionen der Gebärdensprache (Bauman 1999). Auch in der deutschsprachigen Diskussion liegen bereits Arbeiten zum Thema Behinderung im kulturwissenschaftlichen Bereich vor, die sich jedoch bis jetzt keinen gemeinsamen Rahmen gegeben haben.[3]

Welche Bedeutung haben diese Sichtweisen von Differenz jetzt aber für die erziehungswissenschaftliche und v. a. die sonder- und integrationspädagogische Diskussion? Das Thema Differenz wurde schon immer in kulturellen Repräsentationen verhandelt und ist grundlegend für Prozesse von Erziehung und Bildung, da diese die Arten und Weisen formen, in welchen wir uns und andere Menschen sehen. Die Sonderpädagogik, die Behinderung zu ihrem Ausgangspunkt und zu ihrer Legitimationsfigur macht, baut auf einer spezifischen Repräsentation von Behinderung auf, die immer neu befragt werden muß. Meines Erachtens verändert sich die Kategorie Behinderung bereits, wenn sie nicht zuallererst in den Begriffen von Erziehung, Bildung oder gar Fürsorge gefaßt wird. Ein Ausbau der Verbindung der Kultur- und Erziehungswissenschaften bietet darüber hinaus die Möglichkeit, nicht die Kategorie Behinderung, sondern deren Entstehung zum Ausgangspunkt von Untersuchungen zu machen und damit Behinderung nicht stets als das Andere präsentieren zu müssen, sondern vielmehr die Interdependenz von Normalität und Behinderung zu unterstreichen.



[1] Radke 1982 und Mürner 1992 haben erste Ausarbeitungen zu Behinderung in der Literatur vorgelegt.

[2] Mitchell/Snyder 1997 geben einen hervorragenden Überblick über Entwicklung und Facetten der Disability Studies und zeigen Überschneidungen mit anderen kulturwissenschaftlichen Diskursen auf, z.B. der Diskussionen um das Thema Körper. Ihr Sammelband The Body and Physical Difference. Discourses of Disability bündelt Methoden und Themen dieses neuen Zweigs der Cultural Studies.

[3] So untersucht z.B. Holl (1993), in welchen Zusammenhängen in der Kulturgeschichte auf die Vorstellung des Monströsen zurückgegriffen wird und Müller (1996) zeigt aus ethnologischer Perspektive auf, wie Behinderung in verschiedenen Kulturen unterschiedlich interpretiert wird. Siehe zur Verbindung von Kultur- und Erziehungswissenschaften und poststrukturalistischen Ausarbeitungen zum Thema Behinderung auch meine Aufsätze (1997 und im Druck).

Literatur:

Bauman, H. D. L.: Toward a Poetics of Vision, Space, and the Body. Sign Language and Literary Theory. In: Davis, L. J.: The Disability Studies Reader. New York, London 1999, 121-133

Holl, A.: Wie werden aus Menschen Monstren? Themenheft der Zeitschrift für Literatur, 33. Jg., H.1 31, 1993

Mitchell, D. T.; Snyder, S. L.: Disability Studies and the Double Bind of Representation. In: dies. (Hg.): The Body and Physical Difference. Discourses of Disability. Ann Arbor 1997, 1-31

Müller, K. M.: Der Krüppel. Ethnologia passionis humanae. München 1996

Mürner, C.: Behinderung als Metapher. Pädagogik und Psychologie zwischen Wissenschaft und Kunst am Beispiel von Behinderten in der Literatur. Bern, Stuttgart 1990

Norden, M.: The Cinema of Isolation. A History of Disability in the Movies. New Brunswick 1994

Radke, P.: Behinderte Menschen in den Werken der Weltliteratur. Literatur - ein Abbild, das Wirklichkeit schafft. In: Kagelmann, H. und Zimmermann, R. (Hg.): Massenmedien und Behinderte. Im besten Falle Mitleid? Weinheim und Basel 1982, 54-80

Tervooren, A.: "Die Beziehung zum Anderen stellt mich in Frage..." Repräsentationen des Anderen im Spannungsfeld von Pädagogik und Kulturwissenschaft. Zentraleinrichtung Frauenforschung (Hg.), Berlin 1997

dies.: Der verletzliche Körper als Grundlage einer pädagogischen Anthropologie. In: Fischer, D.; Klika D. et al.: Die (De-) Konstruktionsdebatte in der erziehungs-wissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung, Opladen 2000, 245-255

Thomson, R. G.: From Wonder to Error - A Genealogy of Freak Discourse in Modernity. In: dies.: Freakery. Cultural Spectacles of the Extraordinary Body. New York, London 1996, 1-19

Quelle:

Anja Tervooren: Differenz anders gesehen: Studien zu Behinderung.

erschienen in: Sieglind Ellger-Rüttgardt, Sigrid Dietze, Grit Wachtel (Hg.): Sonderpädagogik und Rehabilitation auf der Schwelle in ein neues Jahrhundert. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete. Jg. 69, 2000, H. 3, S. 316-319

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Stand: 19.11.2007

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