Den Diskurs anreizen.

Erst eine kulturhistorisch inspirierte Forschung könnte die Komplexität des Phänomens Behinderung erfassen.

AutorIn: Anja Tervooren
Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: Der Tagesspiegel, 10.3.2002; Sonderbeilage "Der (im-)perfekte Mensch"
Copyright: © Anja Tervooren 2002

Inhaltsverzeichnis

Den Diskurs anreizen.

Das Märchen "Die goldene Gans" aus der Grimmschen Sammlung erzählt von drei Brüdern, von denen allein der jüngste, "Dummling" genannt und von allen gehänselt, so gut ist, sein Mittagsbrot mit einem alten grauen Männchen zu teilen und daraufhin ein ganzes Königreich gewinnt. Vor diesem Hintergrund erscheinen die Darstellungen geistig behinderter Menschen in aktuellen deutschen Fernsehproduktionen wie "Mein Bruder, der Idiot" (2000) von Kai Wessel oder "Bobby" (2001) in der Regie von Vivian Naefe nicht neu. Gewandelt hat sich jedoch die Sichtweise auf die vermeintlich anderen: sind sowohl der Vater als auch die Brüder im Märchen regelrecht gemein zum Dummling und geschieht die Anerkennung allein durch das Zaubermännchen, bewegen sich die in zeitgenössischen populären Darstellungsformen wie Fernsehen und Kino präsentierten Familien zwischen Gefühlen von übergroßer Liebe, schlechtem Gewissen und Bevormundung und münden letztlich in eine Idealisierung der behinderten Person.

Eine Kulturgeschichte, die es sich zum Ziel machen würde, Vergleiche zwischen verschiedensten kulturellen Darstellungsformen zu unternehmen, könnte vieles über das Thema Behinderung im jeweiligen historischen Kontext zutage fördern. Damit eröffnet sie die Chance, eine neue Sichtweise auf die Kategorie "Behinderung" zu entwickeln und auf deren zutiefst wandelbare und von Zeit und Gesellschaft konstruierte Dimension zu verweisen. Eine solche Kulturgeschichte ist jedoch für den deutschsprachigen Raum noch nicht geschrieben worden, obwohl die Werkzeuge zu einer neuen Auseinandersetzung mit dem Thema seit langem bereit liegen: das breitgefächerte Feld der Geschichte des Körpers, das Dauerthema "Identität", Theorien zu den Fallstricken moderner Subjektivität, um nur einige relevante Bereiche aufzuzählen. Die These Michel Foucaults, dass jeder Körper durch seinen historischen Kontext geformt wird, könnte im Zusammenhang einer Geschichte der Behinderung mit einem neuen Schwerpunkt versehen werden. Sie würde auf die Tatsache verweisen, dass Körper, die in unserer Epoche als behindert gelten und in anderen Zeiten "verkrüppelt", "idiotisch" oder "monströs" genannt wurden, erst im historischen Kontext geformt werden. Eine Untersuchung dieser Kontexte würde auch Kontinuitäten und Brüche in der Geschichte von Normalitätsvorstellungen herausarbeiten und gewiß ein großes Fragezeichen hinter die Vorstellung setzen, unsere Epoche habe die fortschrittlichsten Ansichten zum Thema Behinderung entwickelt.

Dem Projekt einer Kulturgeschichte von Behinderung widmet sich die interdisziplinäre US-amerikanische Wissenschaftsrichtung Disability Studies, die im Deutschen mit "Studien zu Behinderung" übersetzt werden könnte. Disability Studies beschreiben "Behinderung" nicht als Defizit, das überwunden oder geheilt werden soll, wie es medizinische Modelle lange Zeit propagierten, sondern erarbeiten ein soziales Modell, das die Erfahrungen des "Behindertwerdens" über die historischen, sozialen und politischen Bedingungen einer Gesellschaft analysiert, um die enge, fast mechanische Ineinssetzung von Behinderung mit Leid aufzubrechen. Bereits 1982 gründete der Soziologe Irving Zola die Society of Disability Studies (SDS): Sie hat mittlerweile mehrere hundert Mitglieder auf der ganzen Welt, die in diesem Jahr auf ihrer Jahrestagung in Oakland, Kalifornien ihre Forschungsergebnisse vorstellen. Aus der Behindertenbewegung entstanden war es das Anliegen dieses Zusammenschlusses, mehr Menschen mit Behinderungen in die Wissenschaft zu bringen und die Forschung zu Behinderung von einer Forschung über Objekte zu einer Forschung von Subjekten zu machen. Zunächst wurden sozialwissenschaftliche Zugänge zu Themen wie Repräsentation von behinderten Menschen in den Medien, der Lebenssituation behinderter Menschen oder zu zentralen politischen Forderungen der Behindertenbewegung entwickelt, denen eine ominöse Stille in den Geisteswissenschaften gegenüberstand. Medizin und Rehabilitation hatten das Thema Behinderung so sehr in Beschlag genommen, dass die Kulturwissenschaften niemals wirklich daran dachten, Entwürfe über Behinderung in der Geschichte von Kunst und Literatur vorzulegen. Hatte es zuvor zwar auch vereinzelt Untersuchungen künstlerischer Repräsentationen gegeben, wurden diese häufig auf Stereotypen reduziert. Dass Kunst und Literatur auch alternative Entwürfe von Behinderung vorzulegen können, schien unter dieser soziologisch orientierten Betrachtungsweise nicht denkbar. Erst seit Mitte der 90er Jahren untersuchten die Kulturwissenschaften Darstellungen von Behinderung in Film, Fotografie, Literatur, Theater und bildender Kunst und förderten ungewohnte Perspektiven zutage. Wie z. B. die Literaturwissenschaftler Sharon Snyder und David Mitchell herausarbeiten, zeigt sich im Bereich der Ästhetik statt dem erwarteten Ausschluß von behinderten Charakteren eine fast obsessive Beschäftigung mit dem Thema. Neben der Darstellung von Behinderung z.B. bei Montaigne, Toni Morrison oder John Steinbeck gehört zeitgenössische autobiographisch gefärbte Kunst wie die der Schriftstellerin Nancy Mairs oder der Performance-Künstlerin Cheryl Marie Wade, die vom Leben mit einer Behinderung erzählen, ebenso zum Material der Disability Studies wie Texte, Inszenierungen oder Filme behinderter Künstler, die das Thema Behinderung nicht explizit ansprechen. Die Entwicklung hin zu einer vielfältigen Auseinandersetzung mit dem Thema Behinderung ist deshalb von so großer Bedeutung, da ein Gegenstand an der Komplexität der Zugänge gemessen wird, mit denen unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen sich ihnen nähern. So ist die häufige Verknüpfung des Phänomens Behinderung mit einer Vorstellung von Defizit u.a. der Tatsache geschuldet, dass sich fast ausschließlich wissenschaftliche Disziplinen für das Thema Behinderung zuständig erklären, die sich mit Heilung, Erziehung und "Management" eines Ausschnitts der Bevölkerung beschäftigen. Erst das Hinzutreten kulturwissenschaftlicher Disziplinen kann die tatsächliche Komplexität des Phänomens Behinderung und herausarbeiten. Rosemarie Garland Thomson beschreibt es als Ziel der Disability Studies, die Dichotomie zwischen behindert und nicht-behindert in Frage zu stellen, denn, so auch Lennard Davis "Normalität und Behinderung sind Teile des gleichen Systems". Mittlerweile bieten vier US-amerikanische Universitäten Studiengänge mit dem Magisterabschluß Disability Studies an und die University of Illinois at Chicago richtete sogar einen Doktorstudiengang ein. Die Studierenden und Lehrenden kommen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen: Von Jura bis zur Stadtplanung, aus den Medien- und Kulturwissenschaften, aus Soziologie, Erziehungswissenschaft und Kunstgeschichte.

Im amerikanischen Wissenschaftskontext trafen die Versuche, Disability Studies auf den Bereich der Kulturwissenschaften auszuweiten, auf bereits ausgearbeitete interdisziplinär orientierte Felder wie die Gender oder Postcolonial Studies. Was die Disability Studies diesen Untersuchungen an neuen Akzenten hinzufügen konnten, ist eine Aufmerksamkeit für den Körper in seiner Verletzlichkeit und die Befragung der Konzepte von Abhängigkeit und Autonomie, von Perfektion und Imperfektion und von ästhetischen und politischen Normen. Umgekehrt konnten die Disability Studies auf die Erfahrungen der anderen Cultural Studies zurückgreifen, die ebenso wie sie eine vormals gesellschaftlich marginalisierte Identität zum Ausgangspunkt gemacht hatten. So haben z.B. die Gender Studies in den 90er Jahren ihre vorausgesetzte Kategorie "Frau" kritisiert, weil sie die Unterschiede zwischen Frauen einebnete und die gegenseitige Abhängigkeit der Konstrukte Männlichkeit und Weiblichkeit nicht berücksichtigen konnte. Auch wurde die Haltung, nur Frauen könnten Geschlechterforschung betreiben, stark in Zweifel gezogen.

Dass Behinderung ebenso kulturell konstruiert ist wie Geschlecht, Rasse, Klasse und Sexualität, ist eine Erkenntnis, die sich nur langsam in deutschsprachigen Wissenschaftskreisen durchsetzt, obwohl die Veröffentlichungen aus dem Umkreis der Behindertenbewegung das soziale Modell von Behinderung bereits bekannt gemacht haben. Provokativ sprach z.B. der Publizist Udo Sierck, von dem Risiko, nicht-behinderte Eltern zu bekommen und wendete damit die "Problemlage" um hundertachtzig Grad: nicht die behinderten Kinder, sondern deren Eltern sind das Problem. Heute wird aus den Reihen der Behindertenbewegung zunehmend Kritik an eigenen zentralen Begriffen und Theorien geübt. So untersucht die Soziologin Anne Waldschmidt den für die Behindertenbewegung zentralen Begriff der "Selbstbestimmung" und die Erziehungswissenschaftlerin Petra Fuchs greift solch ein prekäres Thema wie die Mittäterschaft von körperbehinderten Menschen im Nationalsozialismus auf. Eine kritische Reflexion der Grundlagen der eigenen Disziplin ist auch für die Sonderpädagogik ein äußerst lohnendes Projekt, hat sie doch im letzten Jahrhundert die Auffassung von Behinderung in der Gesellschaft sehr stark bestimmt und liefert immer noch den vielleicht zahlenmäßig größten Beitrag zum Thema. Die Wahrnehmung von Behinderung ist in Deutschland im Wandel begriffen: besonders im Bereich der Ästhetik nimmt das Interesse zu und behinderte Menschen werden verstärkt als Produzenten und Produzentinnen von Kultur wahrgenommen. Das große Medienecho zeigt, dass in der Öffentlichkeit ein Bedürfnis nach einer veränderten Art der Auseinandersetzung existiert. Grundlagen für deutschsprachige Studien zu Behinderung sind also bereits geschaffen und müßten durch eine "Anreizung von Diskursen" (Foucault) in allen Disziplinen ergänzt werden.

Will man Disability Studies ähnlich wie Gender Studies in Deutschland als Disziplin an den Universitäten etablieren, werden zentrale Fragen und Streitpunkte auftauchen, wie sie aus der Debatte um Geschlecht bekannt sind: Ist es z.B. sinnvoll, einen Studiengang einzurichten oder aus den unterschiedlichen Disziplinen heraus zu einem Thema zu lehren und zu forschen, um nicht den eigenen Ausschluß aus einem allgemeinen Kanon voranzutreiben? Werden eventuelle Stellen bzw. Lehrstühle nach der Maßgabe der Arbeit zu dem Thema und/oder gemäß Förderungskriterien für behinderte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen besetzt? Fest steht, dass der Diskurs um das Thema Behinderung im deutschsprachigen Raum in den letzten zwei Jahren in Bewegung gekommen ist: eine Mailing Liste "Disability Studies" ist gegründet, die Ausstellung "Der (im-)perfekte Mensch" wird nach Dresden auch in Berlin gezeigt, die begleitende Tagung "PhantomSchmerz. Debatten um den (im-)perfekten Menschen im 20. Jahrhundert" erarbeitet Grundlagen einer Geschichte von Normalität und Behinderung, die Planungen für die Gründung eines Forums behinderter Wissenschaftler schreiten voran und erste Überlegungen zur Etablierung von Disability Studies an deutschen Universitäten werden entwickelt. Die entscheidenden Auseinandersetzungen über Formen und Inhalte des neuen Feldes stehen jedoch noch bevor.

Quelle:

Anja Tervooren: Den Diskurs anreizen. Erst eine kulturhistorisch inspirierte Forschung könnte die Komplexität des Phänomens Behinderung erfassen.

Erschienen in: Der Tagesspiegel, 10.3.2002; Sonderbeilage "Der (im-)perfekte Mensch"

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Stand: 16.08.2006

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