Hilfe zur Selbständigkeit

Projekt mobile Ergotherapie, Wien

AutorIn: Ursula Stockert
Textsorte: Buch
Releaseinfo: erschienen in: Forster, Rudolf/ Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird, Jugend und Volk, Wien 1982, S. 253 - 257
Copyright: © Jugend und Volk 1982

Institutionelle Voraussetzungen

Das Projekt der mobilen Ergotherapie wurde nach langjährigen Bemühungen von Seiten des Verbandes der Ergotherapeuten (diplomierte Beschäftigungs- und Arbeitstherapeuten) im Oktober 1979 ins Leben gerufen. Nachdem sich in den skandinavischen Ländern, den Vereinigten Staaten und Großbritannien die mobile Ergotherapie aufs Beste bewährt hatte, wurde vor allem von Seiten der in Spitälern arbeitenden Ergotherapeuten die Forderung erhoben, auch in Österreich einen solchen Dienst einzuführen. Es fanden sich zwei Institutionen bereit, die Kosten für eine mobile Ergotherapeutin zu übernehmen. Die Therapeutin arbeitet im Verein Wiener Sozialdienste im Angestelltenverhältnis, Hausbesuche der Therapeutin bei Versicherten der Pensionsversicherung der Angestellten werden dem Verein mit 300 öS rückvergütet. Im März 1980 wurde eine zweite Stelle für eine mobile Ergotherapeutin geschaffen, und zwar von der Caritas Sozialis. So gibt es mittlerweile zwei mobile Ergotherapeutinnen, die aber für ganz Wien zuständig sind.

Zielsetzung: Verhinderung von Heimeinweisungen

Anfänglich war die Zielsetzung: Verhinderung der Einweisung von alten und behinderten Menschen in Heime. Zuerst wurden nur Patienten betreut, die eine Heimhilfe des Vereins beanspruchten und kurz vor der Heimeinweisung standen. Bei diesen Patienten stellte sich aber häufig heraus, daß sie an Veränderungen in ihrer Wohnung oder in ihrer Lebensweise nicht mehr interessiert waren. Es wurden kleine Veränderungen in der Wohnung vorgeschlagen, wie z.B. Schwellen zu entfernen, nur einen Teil der Wohnung zu benützen, unnötige Möbelstücke in ein anderes Zimmer zu stellen .... Schon bei geringfügigen Änderungen waren die Reaktionen oft sehr negativ.

Ein Beispiel: Einer 73jährigen Patientin, die eine Bassenawohnung bewohnte, wurde vorgeschlagen, das Wasser einleiten zu lassen, da sie auf Grund einer starken Gehbehinderung nicht mehr fähig war, einen Eimer Wasser selbst in die Wohnung zu tragen. Die Pensionsversicherung gewährte auch einen großzügigen Zuschuß. Im letzten Moment lehnte die Patientin aus Angst vor dem Schmutz ab, der bei den Arbeiten anfallen würde. Sie konnte nicht mehr bewegt werden, den Arbeiten doch zuzustimmen. Auch ein spezielles Transportwagerl, das gleichzeitig als Stütze dient, wurde mit dem Argument abgelehnt, es seien schon genug Möbel in der Wohnung. Um die Schwerfälligkeit alter Menschen, Veränderungen betreffend, zu veranschaulichen, sei ein weiteres Beispiel genannt, das sehr häufig vorkommt. Eine 79jährige Patientin muß täglich von einer fremden Person (Heimhilfe, freiwillige Helfer) aus dem Bett gehoben werden, weil sie alleine nicht mehr die Kraft hat, aufzustehen. Diesem Zustand wäre sehr leicht abzuhelfen, könnte sich die Frau dazu entschließen, eine Betterhöhung und eine neue Matratze anzuschaffen. Beides jedoch sind ihrer Aussage nach unnötige Ausgaben, die in ihrem Alter nicht mehr dafürstehen. Durch die geringe Bereitschaft, Gewohnheiten zu ändern, beziehungsweise Neues auszuprobieren, konnte bei diesen Personen nur ein kleiner Erfolg hinsichtlich Heimverhütung erzielt werden.

Es ist allerdings oft möglich, dem Leben alter und einsamer Menschen durch handwerkliche Tätigkeiten wieder einen Sinn zu geben. Das bedeutet, daß die mobile Ergotherapeutin die Patienten anfänglich regelmäßig aufsucht, um mit ihnen eine bestimmte Tätigkeit wie Flechten, Knüpfen, Tonarbeiten, Malen usw. zu üben - oftmals benötigen die Menschen nur einen Anstoß oder eine Aufmunterung, um sich mit einer handwerklichen Tätigkeit zu beschäftigen. Gleichzeitig wird von der Therapeutin versucht, einen Nachbarschaftskontakt aufzubauen: Menschen, die an gleichen Tätigkeiten Interesse haben, kommen zusammen und können einander oft helfen.

Zielsetzung: Nachbetreuung spitalsentlassener Patienten

Eine zweite Gruppe, die anfänglich von der mobilen Ergotherapeutin erfaßt wurde, waren jene Patienten, die aus dem Spital entlassen wurden und eine Heimhilfe beanspruchten. Hier war ein positiveres Echo zu verzeichnen, weil es sich um jüngere Patienten handelte. In diesen Fällen bestand die Hauptaufgabe darin, die im Spital erworbene Selbständigkeit zu erhalten und zu verbessern (alleine aus dem Bett aufzustehen, sich allein zu waschen, anzukleiden, sich selbst mit dem Nötigsten versorgen zu können). Im Idealfall nimmt die mobile Ergotherapeutin noch im Krankenhaus Kontakt mit dem Patienten auf, um sich dort über die Selbständigkeit bzw. den Zustand des Patienten zu informieren. Innerhalb der ersten Tage, die der Patient zu Hause verbringt, sucht ihn die mobile Ergotherapeutin auf, um die augenfälligsten Schwierigkeiten zu besprechen.

Bei diesem ersten Hausbesuch soll festgestellt werden:

  • Wieweit ist ein Training notwendig - in diesem Fall wird ein bestimmter Tag festgesetzt, an welchem die Therapeutin kommt;

  • wieweit sind Hilfen für die Betreuungspersonen notwendig (Badebrett, Rollstuhl ... );

  • wieweit benötigt der Patient vorübergehend ein Hilfsmittel ("Galgen", WC-Erhöhung);

  • wieweit bleibt der Patient auf ein Hilfsmittel angewiesen (Einhandhilfen).

Besonders wichtig ist es, mit der Betreuungsperson ein Gespräch zu führen, um Verständnis für die Krankheit/Behinderung des Patienten zu erreichen und auch zu erklären, inwieweit und wo die Hilfe der Betreuungsperson zu viel, zu wenig oder am falschen Platz ist, um dem Patienten zu seiner optimalen Selbständigkeit zu verhelfen. Auf diese Weise soll vermieden werden, daß der Patient überbehütet oder aber ständig frustriert wird durch Bemerkungen wie "Das kannst Du nicht!..."

Klientengruppen

Jänner 1980 wurde das Betätigungsfeld grundsätzlich auf alle Personen, die Bedarf haben erweitert. Damit werden auch solche Personen von der mobilen Ergotherapeutin erfaßt, die keine Heimhilfe beanspruchen, beziehungsweise von einem anderen Verein betreut werden. Diese Maßnahme eröffneteden Zugang zu den Bewohnern von Behindertenwohnungen, die teilweise mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Meist sind das junge Menschen, bei denen eine Wohnungsadaption notwendig ist.

Die Patienten der mobilen Ergotherapeutin setzen sich derzeit in groben Zügen aus folgenden Gruppen zusammen:

  • alte Menschen mit den "normalen" Erscheinungen wie verminderte Gelenkigkeit, Schwäche, Antriebslosigkeit

  • Rheumatiker

  • Hemiplegiker

  • Rollstuhlfahrer, die aus den verschiedensten Ursachen an den Rollstuhl gebunden sind (Polio, Unfall, Multiple Sklerose usw.)

  • Patienten mit versteiften Gelenken, vor allem der unteren Extremitäten

  • fallweise auch Kinder.

Zur Organisation der Betreuung

Die Zuweisungen kommen von Ärzten (Fach- und Hausärzten), mobilen Schwestern, Sozialarbeitern, Kollegen, die in den Spitälern arbeiten, Heimhilfen und Privatpersonen, die von der Tätigkeit der mobilen Ergotherapeutin wissen, telefonisch in das Büro des Vereines. Dort werden Kontaktadressen und Telefonnummern hinterlegt. Die mobile Ergotherapeutin vereinbart daraufhin einen Termin für den ersten Hausbesuch, bei dem die augenscheinlichsten Schwierigkeiten und allfällige Lösungen mit dem Patienten besprochen werden (Training, Organisation, Hilfsmittel usw.). Daraufhin wird mit dem zuständigen Arzt Kontakt aufgenommen und es werden genauere Informationen über den Gesundheitszustand des Patienten eingeholt, gleichzeitig die eventuellen Lösungsvorschläge für die diversen Schwierigkeiten besprochen, um Bedenken von Seiten des Arztes zu erfahren.

Beschränken sich die Maßnahmen auf Hilfsmittel, so werden diese bei einem zweiten Hausbesuch ausprobiert und auf ihre Effizienz überprüft. Auf Grund einer guten Zusammenarbeit mit einigen Sanitätsgeschäften ist es möglich, die verschiedenen Hilfsmittel auszuleihen und sie an Ort und Stelle zu probieren. Somit wird eine Fehlversorgung praktisch ausgeschlossen. Erst wenn sich die mobile Ergotherapeutin überzeugt hat, daß das Hilfsmittel den Anforderungen entspricht und der Patient gut damit umgehen kann und es akzeptiert, das heißt, es auch wirklich verwenden wird, wird der Kostenträger ermittelt und ihm der Verordnungsschein des zuständigen Arztes und der Kostenvoranschlag vorgelegt.

Leider zahlen nicht alle Sozialversicherungen gleiche Beträge, vor allem aber bestehen Einschränkungen bezüglich der Auslieferungsfirmen. Das heißt, einige Versicherungen zahlen nur Hilfsmittel, die bei bestimmten Firmen gekauft sind, diese Firmen wiederum führen nicht alle Artikel, dadurch kommt es zu unliebsamen Verzögerungen bei der Versorgung. Für einige Behelfe ist die Ermittlung der Kostenträger selbst schon schwierig. Oft vergehen Monate, bis geklärt ist, wer welchen Teil der Kosten übernimmt. Das alles sind Bedingungen, die eine rasche Versorgung und Verselbständigung stark beeinträchtigen. Kleinere Hilfsmittel wie Haushaltshilfen, Anziehhilfen etc. werden meist von den Patienten selbst bezahlt.

Sind größere bauliche Veränderungen vorzunehmen, so bespricht die mobile Ergotherapeutin die Adaption mit den Handwerkern genau an Ort und Stelle. Vor allem bei Umbauten auf eine rollstuhlgerechte Wohnung ist auf ergonomisch richtige Einrichtung zu achten. Bei zu großen Adaptionen ist ein Wechsel in eine Behindertenwohnung oft günstiger, jedoch auch eine Behindertenwohnung muß genau den Bedürfnissen der behinderten Bewohner entsprechen. Auch in diesen Fällen werden die zuständigen Stellen um Unterstützung gebeten.

Kooperation mit anderen Diensten

Eine echte Teamarbeit mit anderen Berufssparten ist auf Grund der Vielzahl und der örtlichen Gegebenheiten leider nur ganz selten möglich. Sehr begrüßenswert ist die gute Zusammenarbeit mit den mobilen Physikotherapeuten, Sozialarbeitern und einigen wenigen Ärzten. Durch diese Zusammenarbeit kann bei einigen Patienten ein wirklich guter Erfolg der Betreuung zustande kommen, sodaß Patienten, die anfänglich als Pflegefälle aus dem Krankenhaus entlassen wurden, nach einiger Zeit doch fast vollkommen selbständig sind und nur eine fallweise Betreuung benötigen. Eine ebenso gute Zusammenarbeit herrscht mit Organisationen wie der Arge Rehabilitation und privaten Organisationen, wie z.B. dem Malteser Hospitaldienst.

Ein Beispiel: Nach der Operation einer Hüftendoprothese wurde eine Patientin, die an starkem Rheuma litt, nach Hause entlassen mit dem Hinweis zu gehen, aber die rechte Hüfte zu schonen. Die Patientin hielt die Belastung durch die Krücken an den Handgelenken nicht aus, daher bewegte sie sich kaum und das Gelenk begann zu versteifen. Durch die Zusammenarbeit mit der Heimhilfe wurde ein Hausbesuch der mobilen Ergotherapeutin durchgeführt. Es wurden spezielle Arthritiskrücken angeschafft, die ein relativ schmerzfreies Gehen erlauben. Um ein selbständiges Aufstehen zu ermöglichen, wurden Betterhöhungen angepaßt. Für eine gefahrlose und schmerzlose Benützung der Badewanne wurde ein Badebrett besorgt. Um der Patientin zu ermöglichen, zu frischem Wasser zu kommen, auch wenn sie alleine ist, wurde ein Wasserhahnöffner besorgt. Durch die gute Zusammenarbeit mit den Sozialarbeitern de Pensionsversicherung konnten diese Dinge problemlos angeschafft werden. Durch den guten Kontakt mit der Heimhilfe konnte die Patientin motiviert werden, selbst wieder Aktivitäten zu setzen und sich selbst zu versorgen.

Ausblick

Von offizieller Seite wurde der Dienst der mobilen Ergotherapeutin als notwendig befunden, nur fehlen leider die Mittel, um den Dienst zu vergrößern. Könnten sich andere Versicherungen genauso wie die Pensionsversicherung der Angestellten dazu entschließen, Hausbesuche der mobilen Ergotherapeutin zu honorieren, stünde einer Ausweitung diese Dienstes nichts im Wege. Die beiden vorhandenen Stellen werden voraus sichtlich in der jetzigen Form beibehalten werden. Nur sind zwei Stellen für einen riesigen Bereich wie Wien zu wenig!

Den Beruf der mobilen Ergotherapeutin überhaupt bekannt zu machen beansprucht nach wie vor noch sehr viel Zeit. Derzeit werden in den Heimhilfekursen die Heimhilfen von der Arbeit der mobilen Ergotherapeutin unterrichtet. Daraus resultiert eine gute Zusammenarbeit zum Vorteil der Patienten. Die nötigen Informationen an Ärzte heranzubringen ist relativ schwierig, weil für persönliche Gespräche kaum Zeit vorhanden ist, andererseits die Ergotherapie sehr schwer durch Ausschreiben zu erklären ist.

Die Ergotherapie hat das Hauptziel, den Menschen in seiner Gesamtheit zu sehen, mit seiner Behinderung oder Einschränkung in seiner soziale und räumlichen Umwelt. Die mobile Ergotherapeutin ist kein Dienst, der sich nach kurzer Zeit durch eine Kosten-Nutzen-Rechnung rechtfertigen läßt, sehr wohl ist es aber ein Dienst, der die Lebensqualität betagter und behinderter Menschen erheblich steigert.

Kontaktadresse:

Mobile Ergotherapie

Camillo-Sitteg. 6-8

1150 Wien

Tel.: 95 13 20 (Frau Christine Kniedl)

Quelle:

Ursula Stockert: Hilfe zur Selbständigkeit

Erschienen in: Forster, Rudolf/ Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird, Jugend und Volk, Wien 1982, S. 253 - 257

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 16.06.2010

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