Lieben, ohne "schön" zu sein

- Sexualität und Behinderung

AutorIn: Cilly Schwerdt
Themenbereiche: Sexualität
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: Psychologie Heute, November 1981; Julius Beltz GmbH & Co. KG Weinheim
Copyright: © Julius Beltz Verlag 1981

Einleitung

"Die haben sonst schon genug Probleme"; mit solchen Argumenten möchten "Experten" und Heimleiter Behinderten gern die Sexualität ausreden. Doch die Betroffenen empfinden die gleichen Gefühle und Bedürfnisse wie Nichtbehinderte. Für sie gibt es keine besondere "Behindertensexualität", sondern eher eine durch Schönheitsideale und sexuelle Leistungsnormen allseits "behinderte Liebe". Um mit der eigenen Unvollkommenheit leben und lieben zu können, versuchen Behinderte, den Teufelskreis des ständigen Vergleichens zu durchbrechen.

"Eine neue Sichtweise des Behinderten."

"Der Held im Rollstuhl läßt Jane Fonda einen berauschenden Orgasmus erleben", schrieb der "Spiegel" vor zwei Jahren über den amerikanischen Spielfilm "Coming home". "Eine neue Sichtweise", wie der "Spiegel" es nennt, ist tatsächlich nötig, solange es als Ausnahme bestaunt wird, daß ein Querschnittsgelähmter mit einer Frau schläft. Wie notwendig sie ist, zeigt sich, wenn man die Literatur zum Thema "Behinderung und Sexualität" durchforstet. Da gibt es zum Beispiel ein Buch mit dem Titel: "Sollen, können, dürfen Behinderte heiraten?" (9), in dem Pädagogen, Soziologen und Ärzte ernsthaft meinen, diese Frage stellen zu müssen.

Zweifellos sind sowohl Behinderung als auch Sexualität Themen, die lange tabu waren, und es teilweise auch heute noch sind. Sie rufen, zumal wenn sie gemeinsam auftauchen, Angst und Unsicherheiten hervor, Gefühle, die eine Tendenz fördern, Sex bei Behinderten für unwichtig zu halten oder ganz auszuschließen. Auffällig oft bleiben Diskussionen über Sexualität und Behinderung im abgehobenen Intellektualisieren oder bei Appellen stecken, etwa von der Art: "Wir müssen unsere Schönheitsnormen hinterfragen!"

Ich möchte hier einige mir wichtige Punkte zusammenstellen und auf die bestehenden Probleme hinweisen, ohne mich zu Veränderungsvorschlägen verpflichtet zu fühlen.

Ich verwerte dabei Material aus mehreren Gesprächen mit Körperbehinderten sowie meine eigenen Erfahrungen als Rollstuhlfahrerin.

Die Literatur von nichtbehinderten "Fachleuten" in Sachen Behinderte und Sexualität strotzt von Unverschämtheiten. Unter der Überschrift "Welches Verhalten billigen wir zu?" fragt beispielsweise Klöcker (8): "Sollen Behinderte den privaten Freiraum haben, zu küssen, zu hätscheln, zu kosen, sich zu berühren, gemeinsam zu masturbieren?" Die Antwort bleibt er schuldig, statt dessen nennt er nur allgemeine Bildungsziele. Wie auch immer sie aber ausfallen mag: Die Anmaßung steckt hier schon in der Fragestellung.

Erst seit der Mitte der siebziger Jahre beschäftigen sich wissenschaftliche Veröffentlichungen überhaupt mit Partnerschaft und Sexualität bei Körperbehinderten. Dabei wird, ganz im Gegensatz zur sonstigen "sexuellen Befreiung", eine geradezu lebensfeindliche Einstellung sichtbar. Der Gesichtspunkt "Ehe und Körperbehinderung" wird gerade noch zur ausführlicheren Erörterung zugelassen, Partnerschaft und Sexualität außerhalb einer Ehe kommen allenfalls am Rande vor.

Als handele es sich um eine andere Sorte von Menschen, wird die Sexualität von Behinderten unterschieden von einem sogenannten "normalen" Bedürfnis nach Sexualität und dem Recht darauf: durch Aussagen, die ebenso auf Nichtbehinderte zutreffen: "Der Gewalttrieb ist bei einem Teil der Behinderten nicht oder nur gering ausgeprägt, bei anderen übermäßig (7). Der Sonderpädagoge Vater (17) stellt sogar fest, daß als Grundbedürfnis des Schwerbehinderten "nicht ein sexuelles Verlangen, sondern die Abwendung des Alleinseins" zu erkennen sei.

Andererseits legen einige "Experten" eine peinliche Großzügigkeit an den Tag. wenn sie Körperbehinderten selbstverständliche Menschenrechte zugestehen: "Keine der Möglichkeiten, die zur Entfaltung menschlichen Person-Seins beitragen können - wie zum Beispiel die Ehe - sind ihm vorzuenthalten, soweit er diese sinnvoll zu verwerten imstanden ist" (10). Man stelle sich einmal vor, einem Nichtbehinderten wird die Ehe erst gestattet, wenn er sie "sinnvoll zu verwerten imstande ist".

Oft kennzeichnet also eine entmündigende und arrogante Haltung die Auseinandersetzung mit den sexuellen Bedürfnissen Behinderter. So wird etwa Körperbehinderten abgesprochen, daß sie überhaupt fähig seien, Partnerschaft und Sexualität zu verwirklichen. Mit großem Eifer wird Ausgleich angepriesen; die Alternativen lauten dann "eine hochwertige Berufsausbildung", "gesunder Leistungsehrgeiz", "befriedigende Arbeit" oder "Pflege persönlicher Interessen".

In Heimen bemüht man sich darum, sexuelle Wünsche einzudämmen, um möglichst keine schlafenden Hunde zu wecken. Bei einer Umfrage unter Heimleitern (1) war zu hören: "Die Problematik haben wir nicht, da die Leute sehr schwer behindert sind ... Überhaupt wird heute auf der ganzen Welt die Sexualität hochgespielt. Ich sehe keinen Sinn darin, auch noch die Körperbehinderten damit zu konfrontieren, sie haben sonst schon genug Probleme."

Solche Äußerungen enthalten eine doppelte Abstempelung und Ausgrenzung: Zum einen wird gar nicht danach gefragt, wie sich eine Aussonderung in Heimen, Sonderschulen, Rehabilitationszentren und ähnlichen Einrichtungen auf das Sozialverhalten eines Menschen auswirkt, und zwar eines jeden Menschen, ob er nun behindert ist oder nicht. Zum anderen wird Behinderten ein besonderes Unvermögen unterstellt und der Anschein erweckt, es sei durch die Behinderung verursacht. Vor allem soll dieses vermeintliche Unvermögen bestehen in einer

  • Unfähigkeit der Hinwendung zum Du (17), und in

  • geschlechtlicher Handlungsunfähigkeit (14).

Erst in den letzten Jahren haben einige Autoren versucht, diese beschränkte und tabuisierende Sichtweise zu überwinden (l, 3, 11, 12, 13, 15).

Dialog über Andersartigkeit

In einem krassen Gegensatz zu der lebensfeindlichen Einstellung von Pädagogen, Rehabilitationsfachleuten und Ärzten stehen autobiographische Berichte von Behinderten, mit denen diese in den letzten Jahren an die Öffentlichkeit getreten sind (2, 5, 6, 16). Diese sehr informativen Dokumente zeigen ein neues Problembewußtsein. Sein Motto könnte jener Satz sein, mit dem der italienische Regisseur Pier Paolo Pasolini eine rigide Gesellschaft zur Auseinandersetzung mit den Homosexuellen aufrief: "Laßt uns einen Dialog über Andersartigkeit führen."

Wenn, so erkennen Behinderte immer deutlicher, Möglichkeiten zu erotischem Erleben und sexueller Betätigung global geleugnet und abgesprochen werden, führt das zu einer Ausgrenzung von allem, das von der Norm abweicht. Und: Die gleiche Wirkung hat auch eine Integrationsbewegung, die alles Abweichende nur in die herrschende Norm pressen will und Unterschiede unter den Teppich zu kehren versucht. Die "hygienische Distanz zur Andersartigkeit" wird nur dann schrittweise abzubauen sein, wenn man bewußt zur eigenen Norm-Abweichung stehen und andere damit konfrontieren kann.

Ein Dialog kann erst möglich werden durch die Abwendung vom Konzept einer spezifischen "Sexualität der Behinderten", wie es sich in der wissenschaftlichen Literatur eingebürgert hat."

Körperbehinderte" sind eine Gruppe von Menschen, die zunächst einmal nur eines gemeinsam haben, nämlich eine physische Einschränkung irgendeiner Art. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß Körperbehinderte grundsätzlich anders erleben und handeln als Nichtbehinderte. Folglich gibt es auch keine besonderen geschlechtlichen Beziehungen und sexuellen Verhaltensweisen von Körperbehinderten. Partnerschaft und Sexualität sind im wesentlichen nicht anders zu betrachten als bei Nichtbehinderten (15). Vielmehr gibt es im Zusammenhang mit der Sexualität ganz allgemein verschiedene Schwierigkeiten, zum Beispiel in der Pubertät, im Alter - und eben auch bei Körperbehinderung.

Allerdings: Die Grenzen von körperlichem Intaktsein sind zwar sehr fließend, dennoch sind sie stets, bewußt oder unbewußt, in unserer Vorstellung vorhanden. Verdeutlichen läßt sich dies in einem Satz von Dieter Duhm: "Schön ist die erotische Bewegung eines angstlosen Körpers" (Siehe PSYCHOLOGIE HEUTE 8/80). Kaum jemand wird sich, wenn er diesen Satz liest, die zuckende Armbewegung eines Spastikers im Rollstuhl vorstellen. Zweifellos ist das angstlose und erotische Bewegen oft gestört, ob jemand nun sichtlich behindert ist oder nicht. Eine nichtbehinderte Frau erzählte mir von ihrer Schwierigkeit, nicht tanzen zu können: "Es war auf einem Fest und alle, tatsächlich alle, auch die 70jährige Oma tanzten eine Polonaise. Nur ich saß da wie versteinert und konnte mich nicht auf die Tanzfläche hinbewegen. Die Aufforderungen der anderen und die unglaublichen Blicke ließen mich noch stärker auf meinem Sitz kleben. Ich dachte für einen Moment: 'Wenn ich doch jetzt wenigstens einen Rollstuhl hätte ...'"

Hier stellt sich die Frage: Worin besteht die Behinderung der Sexualität - bei Behinderten und bei Nichtbehinderten? Für jeden gilt, daß er sich um so unsicherer fühlt, je weniger er seinen Körper akzeptieren kann. Jeder hat ein bestimmtes Idealbild von Schönheit im Kopf und fühlt sich unvollkommen, wenn er ihm nicht entspricht. Zudem wirkt der Gedanke einschränkend, daß andere, die ich mit mir konfrontiere, mich genauso als unvollkommen sehen werden.

Aus der Sicht Betroffener

Die Tatsache, daß auch Nichtbehinderte sich unvollkommen fühlen, kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß bei Körperbehinderten zwei wesentliche Punkte erschwerend hinzukommen:

  • die beschränkte Beweglichkeit und

  • die Abweichung vom Bild des "normalen Menschen" im Aussehen.

Die daraus entstehenden Probleme möchte ich vor allem anhand von zwei Selbsterfahrungsberichten Behinderter ausführlicher aufzeigen. In dem Film "Behinderte Liebe" der Schweizerin Marlies Graf (5) beschreiben vier Körperbehinderte ihre persönlichen Entwicklungen und Probleme mit Sexualität und Partnerschaft. Der behinderte Schriftsteller Jürgen Hobrecht schildert in seinem Buch "Du kannst mir nicht in die Augen sehen" (6) seine Suche nach dem eigenen Selbst und setzt sich intensiv mit der Bedeutung und den Auswirkungen der Behinderung für seine Identität auseinander.

Daß Behinderte in ihrer Beweglichkeit und in ihrem Aussehen eingeschränkt sind, wirkt sich auf alle drei Funktionen (1) der Sexualität aus: die Sozialfunktion, die Lustfunktion und die Fortpflanzungsfunktion. Am weitesten verbreitet sind Unsicherheit und Unklarheit wohl hinsichtlich der Fortpflanzungsfunktion. Ohne die medizinischen Sachverhalte im einzelnen zu beleuchten, möchte ich nur darauf hinweisen, daß irrigerweise oft vom Schweregrad und nicht von der Art der Behinderung ausgegangen wird, um Beeinträchtigungen der Fortpflanzungsfunktion zu bestimmen. Die folgende Begebenheit (4) ist charakteristisch für die bestehende Verwirrung: Zwei Körperbehinderte, die in einem Caritas-Pflegeheim leben, mußten, um getraut werden zu können, einen "Zeugungsnachweis" liefern, da gegen ihre Heiratsabsichten Bedenken geäußert wurden wegen der "schweren körperlichen Behinderung beider Teile". Das ärztliche Attest liegt nun beim Caritas-Verband in München. Da liegt es gut. Zwar könnten die beiden Kinder bekommen, sie sollen es aber nicht. Es wäre nämlich, so die Heimleitung, untragbar, wenn das Paar nun auch noch Kinder in die Welt beziehungsweise ins Heim setzte (womöglich gar noch behinderte?).

Die medizinische Beurteilung, ob Körperbehinderte bei sexuellem Kontakt Lust empfinden können, wird meist davon abhängig gemacht, wie funktionsfähig ihre motorischen und sensorischen Nervenbahnen sind. Nach herrschender Ansicht führen zum Beispiel Rückenmarksverletzungen, die eine Querschnittslähmung zur Folge haben, dann auch zu sexueller Impotenz und dem Verlust des Lustempfindens. Die Sexualberatungs-Einrichtung "Pro Familia" hat dazu festgestellt: "Paraplegiker (auf beiden Körperseiten Gelähmte) und ihre Ärzte nahmen bisher sexuelle Unfähigkeit nach Spinalverletzungen (Beschädigungen des Rückenmarks) als etwas Unabänderliches an. Aber es zeigt sich, daß vielfach nur Angst und Resignation hinter dieser Unfähigkeit steckt, und daß hinreichend physiologische Reste in dem verletzten Rückenmark in zahlreichen Fällen zurückgeblieben sind, um ein Sexualleben zu ermöglichen ... Wenn die Nervenleitung nicht völlig unterbrochen ist, lassen sich Sensibilität und einige Körperfunktionen unterhalb der verletzten Stelle durch richtige Behandlung steigern" (l2).

Daß eine Lähmung, die auch die Genitalregion umfaßt, nicht das Ende jeder Sexualität bedeuten muß, unterstreichen die Selbsterfahrungsberichte von Behinderten. In ihnen wird, wie es auch teilweise in der Frauenliteratur beschrieben ist, deutlich, daß es manchmal eher um eine "behinderte Sexualität" als um eine "Sexualität Behinderter" geht. Die eigentliche Beeinträchtigung liegt in der Leistungsnorm, da Sex für sehr viele Menschen oft nur als "gekonnter Bluff" funktioniert. Jürgen Hobrecht hat seine physische Einschränkung und ihre Auswirkungen auf sein Erleben differenziert beschrieben:

"Querschnittlähmung. Unterbrechung der Nervenstränge ab fünftem Lendenwirbel. Die Folge: Eine Lähmung von Blase und Darm. Ableitung von Harn und Stuhlgang über künstliche Ausgänge ... Oft ist bei Querschnittgelähmten unterhalb der Bruchstelle alles tot. Bei mir nicht komplett. Aber die Erregung läuft nicht ab. Nicht über den Penis. Erregung läuft über andere Stellen des Körpers ab. Zum Beispiel über Brustwarzen. Koitus würde mir also nichts bringen ... Es ist das Gefühl, als hätte jemand den Versuch gemacht, mir den Unterleib unterhalb des Bauchnabels abzusägen, sei damit aber nicht ganz fertig geworden. Verstümmelt.

Was ist überhaupt ein Orgasmus? Wilhelm Reich lesen: "Funktion des Orgasmus". Die Orgasmusformel: Anspannung, Aufladung, Entladung, Entspannung. Mechanisch, wie eine mathematische Formel. Und das Ergebnis muß stimmen. Es geht nicht um Menschen mit sexuellen Bedürfnissen, um Liebe, es geht um Gut-Sein im Bett, Mithalten-Wollen, Erfahrungen-Sammeln, Ansprüche-Erfüllen, die Koitusnorm. Des Koituszwangs. Sex ist selbst beim Aufklärer Wilhelm Reich ausschließlich Genitalsexualität. Voll entfaltete Sexualität schafft sich im Koitus Ausdruck.

Mit der Frage, was ein normaler Orgasmus ist, würde ich mich also im Kreise drehen. Spannung entsteht durch Berührung bestimmter Stellen meines Körpers. Aber die Erregung läßt nicht wieder nach. Nicht explosiv. Die Kurve fällt nicht plötzlich nach einem Höhepunkt ab. Es gibt keinen Höhepunkt, nur eine Hochebene, die allmählich abfällt. Die Erregung klingt ab. Ich denke an den EKG-Befund der Uni-Klinik, auf dem ich den Ausdruck ‚ungelöster Erregungszustand' entziffere ... Ärzte sagen, daß Querschnittgelähmte erektionsunfähig sind, wenn ein Reflexbogen im Rückenmark nicht funktionsfähig ist. Ich weiß nicht, ob dieser Reflexbogen bei mir funktioniert. Ich weiß nicht mal wo er sitzt."

Ein anderer Querschnittgelähmter erzählt: "Eine Zeit nach meinem Unfall habe ich den Gedanken nicht ertragen, daß beim Querschnitt ab einem bestimmten Wirbel alles an Bewegung und Empfindung ausfallen kann. Es hieß ,kann' und nicht ,muß', aber ich habe den Gedanken trotzdem nicht ertragen. Ich wollte mir meine Potenz, die fehlende Potenz beweisen. Und ich hatte eine Frau nach der anderen. Später dann habe ich langsam umdenken gelernt. Ich mußte mir was anderes einfallen lassen. Nicht mehr so penetrant penisorientiert. Und es war schön, zu spüren, was Zärtlichkeit heißt."

Hier werden also auch positive Möglichkeiten sichtbar, die in der Beeinträchtigung liegen können. Natürlich ist nicht zu übersehen, wie sehr die Betroffenen umdenken müssen, wenn sie nicht aus eigener Muskelkraft einen anderen umarmen können, wenn für sie die "Koitusformel" nicht aufgeht. Das Umdenken ist eine Voraussetzung, um "sich etwas anderes einfallen zu lassen".

Sozialfunktion der Sexualität

Von einer neuen Einstellung zur Sexualität bis hin zu einem veränderten Sexualverhalten in der sozialen Wirklichkeit ist es jedoch ein weiter Weg, der den Behinderten ebenso wie seinen Partner vor große Probleme stellt. Die Sozialfunktion der Sexualität ist durch eine Körperbehinderung oft am empfindlichsten beeinträchtigt. Meist ist zum Beispiel der körperliche Ausdruck sichtbar eingeschränkt. Ursula Eggli beschreibt in dem Film "Behinderte Liebe", welche Schwierigkeiten die physischen Einschränkungen ihr bereiten: "Bei mir müßte einfach ganz der Mann entgegenkommen, also, wenn ich jemand umarmen möchte, muß er doch zu mir kommen, daß ich ihn umarmen kann, also er muß dann meinen Arm nehmen und um sich legen, und er muß das dann trotzdem als vollwertig annehmen, das ist dann die Schwierigkeit ... Und ich glaube, das braucht einen enormen Prozeß, um das umzulernen, und ich wüßte nicht gerade jemand, der das so einfach kann."

Nach einem Gespräch über den Film sagte ein Teilnehmer: "Ich hätte Angst, mit einer Frau zu schlafen. die im Rollstuhl sitzt. Ich befürchte. da sind irgendwelche Apparate. Ich habe ja schon Angst, wenn ich mir vorstelle, ich kann die Beine nicht bewegen. Wie ist das, wenn Du Körperteile hast, die Du nicht bewegen kannst?" Als Behinderte kann ich antworten: ,,So, wie mit den Ohren, die Du auch nicht bewegen kannst." Aber Behinderte wie Nichtbehinderte dürfen sich auch nichts vormachen: Die Ängste und Befangenheiten sind nur sehr schwer zu überwinden.

In den Reaktionen auf den Film "Behinderte Liebe" treten immer wieder die Befürchtungen der Nichtbehinderten hervor, zum Beispiel vor den Einschränkungen, die eine Partnerschaft mit einem Behinderten mit sich bringen könnte. Die Ängste werden noch verstärkt durch die Vorstellung, von einem Behinderten nicht so schnell wieder loszukommen, ihn durch eine Trennung stärker zu verletzen als einen Nichtbehinderten.

Möglicherweise übertragen die Beeinträchtigungen der Beweglichkeit sich auch auf den nichtbehinderten Partner. Jürgen Hobrecht: "Ich dachte, wenn ich gehen könnte, hätte ich keine Lust, eine Frau im Rollstuhl durch die Straßen zu schieben. Ich dachte, daß ich nicht Hand in Hand mit einem Mädchen durch die Straßen laufen kann. Entweder sie schiebt mich, ich muß den Kopf nach rechts oder links oder oben recken, um sie zu sehen, oder wir gingen nebeneinander, aber anfassen geht nicht.

Vielleicht ist das der Tod solcher Beziehungen, wenn den nichtbehinderten Partnern vorgehalten wird, wie schwierig, ja unmöglich die Beziehung zu einem Behinderten ist. Vielleicht braucht man mehr Geduld, wenn der eine Skifahren geht, tanzen, wandern, am Strand entlang laufen, ganz spontan ohne Planung und Diskussion in das Kino, das nur über unendlich viele Stufen zu erreichen ist. Kleinigkeiten? ‚Lebenswichtig' sagt eine Freundin."

Ebenso gewichtig wie die eingeschränkte Beweglichkeit ist das zweite Hindernis, menschliche Begegnung in der Sexualität zu erleben: Der Körperbehinderte entspricht nicht dem Bild des "normalen Menschen", wie es uns täglich vor Augen geführt wird: Der Mann groß, schlank und sportlich; die Frau schön, schlank, mit reiner Haut und zärtlich; beide gesund und glücklich. Behinderte betonen immer wieder, welch große Rolle das Vergleichen für sie spielt, der Leistungsdruck, der Anspruch, nicht behindert zu sein.

Jürgen Hobrecht fragt sich zum Beispiel: "Kann man nichtbehindert aussehen? Wo Behinderung doch nur eine Bewegungseinschränkung bedeutet? Nackt vor dem Spiegel muß ich mich zwingen, stehen zu bleiben. Mich ekelt mein nackter Anblick. Warum? Ich habe eine nichtbehinderte Vorstellung von mir. Von Geburt an fand ich mich nicht unvollkommen. Nicht behindert. Gibt es das überhaupt, sich von Geburt an unvollkommen, behindert, verstümmelt vorkommen? Oder muß erst die Vorstellung der Umwelt vom menschlichen Körper dazu kommen; oder einfach nur der Vergleich. Bin ich mir selbst ungeheuer, weil mich die Norm schon kastriert hat, daß ich meinen nackten Anblick nicht ertragen kann?"

Den eigenen Körper zu akzeptieren, ist oft besonders schwer, wenn die Behinderung nicht von Geburt an bestand, sondern erst durch einen Unfall eingetreten ist. Eine Querschnittsgelähmte: "Ich muß immer wieder mit früher vergleichen. Ich habe keine Beziehung zu meinen leblosen Körperteilen. Ich sage mir warum eigentlich sollst du nicht in einem halben Körper wohnen können? Kannst du es dir dort nicht einrichten? Du hast also einen halbwegs intakten Oberkörper, du hast ein passables Gesicht, du kannst denken, statt der Funktion der Beine hast du einen Rollstuhl ... Dann wieder der wahnsinnige Wunsch, doch ein Schloß zu besitzen, in einem ganzen Körper zu wohnen."

Um aus dem Teufelskreis des Vergleichens herauszukommen, wird vom Behinderten gefordert, den Anspruch, nicht behindert zu sein, aufzugeben. Dem steht jedoch entgegen, daß eine Körperbehinderung grundsätzlich zunächst nicht als "schön" empfunden wird - auch wenn moralische Höchstansprüche oft dazu führen, über diese Tatsache hinwegzusehen. Es hat verschiedene Versuche gegeben, dieses Dilemma zu bewältigen. Keiner von ihnen führt jedoch nach meiner Meinung zu einer befriedigenden Lösung. Soll der Körperbehinderte lernen, gewisse Einschränkungen "in Ordnung" zu finden? Ursula Eggli: "Ich habe mir gesagt, Du hast Sachen an Dir, die gut sind, das ist doch nicht die Hauptsache, daß Du jetzt ein schönes Gesichtlein hast aber einen Knochen da, wo er nicht hingehört ..." (2).

Oder soll der Körperbehinderte, noch entschiedener als der Unbehinderte, akzeptieren, daß er gewisse Einschränkungen nicht in Ordnung findet? Jürgen Hobrecht stellt in seinem Buch die Normen in Frage, die er sich selber setzt und die er auch auf andere überträgt: "Ich bin schockiert über den Satz der Schriftstellerin, sie könne sich nicht in einen Mann verlieben, der im Rollstuhl sei. Wenn ich ein Mädchen sympathisch finde, wenn ich mir vorstelle, mit ihr ins Bett zu gehen, wenn ich mich in sie verliebe, achte ich auf Äußerlichkeiten, auf ein hübsches Gesicht, auf lange, hübsche, schlanke Beine, einen großen Busen, eine gute Figur. Ein sportlicher Typ muß das sein. ‚Ne Frau im Rollstuhl kommt da nicht in Frage, mit der könnte ich einfach nicht so spontan Samstagnacht um zwei an die Nordsee fahren, ist doch logisch, oder?"

Diskussionsbeiträge zu dem Film "Behinderte Liebe" spiegeln die Ängste, Informationslücken und Unsicherheiten deutlich wider. "In einer Partnerschaft mit einem Behinderten müßte ich sowieso sexuell auf das meiste verzichten." "Ich kann es mir nicht vorstellen, mich auf eine Frau einzulassen, wie Theres, ohne Arme und ohne Beine." "Ich brauchte erst einmal Zeit, um mich an den Anblick zu gewöhnen. Aber dann gegen Ende des Films hat sich das etwas geändert, da habe ich sie sogar zum Teil schön gefunden, die Ursula."

Beim Anblick eines Schwerbehinderten sagte jemand: "Ich habe immer den Schmerz vor Augen gehabt, der damit verbunden ist. Ich bekam Angst und wurde an eigene Situationen erinnert, die schmerzhaft sind. Das verträgt sich nicht mit Sex!"

Schluß

Grob vereinfacht gibt es zwei Wege, wie sexuelle Kontakte und Liebesbeziehungen entstehen (wobei die dahinterstehende Unterscheidung natürlich fragwürdig ist): Der eine Weg besteht darin, daß vor allem durch äußere, körperliche Signale sexuelles Interesse geweckt wird und dann, durch näheres Kennenlernen, vielleicht eine tiefere Verbindung entsteht. Beim zweiten Weg entwickelt das Interesse sich über andere, gefühlsmäßige oder intellektuelle Signale, und das sexuelle Interesse entsteht erst bei näherem Kennenlernen. Körperbehinderte sind durchweg auf den zweiten, längeren und schwierigeren Weg angewiesen.

Jürgen Hobrecht: "Die Schriftstellerin sagt, sie könne sich nicht in einen Mann verlieben, der in einem Rollstuhl sitzt, es sei denn, es käme etwas ganz Besonderes hinzu, etwas, was einschlägt, sagt sie im Verlauf des Gespräches. Etwas, was einschlägt, die Stümpfe des Beinamputierten, die hautengen Jeans und die muskulösen Beine des Querschnittlers, die zarten, weichen Gesichtszüge des Spastikers, oder was soll da einschlagen? Woher soll es kommen, was da bei der Schriftstellerin einschlagen soll, wenn nicht aus dem Hirn?"

Dieser Weg darf nicht bedeuten, den Behinderten zu einem "Geistwesen" zu verklären, über dessen körperliche Einschränkung man hinwegzusehen versucht, und die geistige Verbindung dann als Ausgleich für sexuellen Kontakt zu betrachten. Die Chance dieses "zweiten Weges" liegt vielmehr darin, sich offener und vorbehaltloser der Frage nähern zu können: Was zieht mich an? Was stößt mich ab? Nur so können sich die Bereitschaft und die Fähigkeit entwickeln, sich mit Veränderungen auseinanderzusetzen, die den Rahmen der "Norm" sprengen - einer Norm, die eben nicht nur die Sexualität der Behinderten behindert.

Literatur

Bächinger. B.: Sexualverhalten und Sexualberatung von Körperbehinderten. Reinach 1978

Eggli. U.: Herz im Korsett. Bern (Zyrglogge Verlag). 1977

Fuchs, F.: Sexualverhalten und Partnerbeziehungen junger Körperbehinderter. Worben l980

Fussek. C. Der Zeugungsnachweis. In: Luftpumpe. Zeitschrift für Behinderte und Nichtbehinderte. Dez 1980. 3. Jg Nr. 11

Graf, M.: "Behinderte Liebe". Text zum Film Zürich. 1977

Hobrecht, J.: Du kannst mir nicht in die Augen sehen. Frankfurt (März Verlag). 1981

Hotzinger. F.: Zeitschrift für Sonderpädagogik. 1978

Klöckner. M. Der Körperbehinderte und seine Sexualität. Rheinstätten 1976

Kluge. K.J./Sparty. L. (Hrsg.): Sollen. können, dürfen Behinderte heiraten? Bonn-Bad Godesberg 1977

Luyten. N. A.: Behinderung - Ehe und Schwangerschaft. Vierteljahresschrift für Heilpädagogik. 1/76 S. 26-35

Nordquist. J.: Miteinander leben - Die Situation der Körperbehinderten. Stiftung Rehabilitation. Heidelberg 1975

Pro Familia: Sonderheft. Sexualität und Behinderung. Dez. 1975, Heft 3

Pro Familia: Sexualität in der Partnerschaft mit Körperbehinderten. Frankfurt 1981

Schmeichl. M.: Die Problematik menschlicher Geschlechtlichkeit und die Pädagogik bei Körperbehinderten. In: Wolfgart. H. (Hrsg.): Körperbehinderte und Sexualität. Berlin. 1977

Schnitger, B. /Beulertz, U.: Schwierigkeiten junger körperbehinderter Erwachsener mit Partnerschaft und Sexualität. (Eine empirische Untersuchung anhand einer Befragung von Rollstuhlfahrern.) Unv. Manuskript. Münster 1981

Storz, C.: Jessica mit Konstruktionsfehlern. Zürich. 1977

Vater. W.: "Geschlechtserziehung bei Schwerbehinderten". In: Das behindert Kind. 1975, 4, S. 190-196

Zur Person

Cilly Schwerdt, Jahrgang 1947 und selbst körperbehindert, ist wissenschaftliche Angestellte am Institut für Medizinische Psychologie der Universität Münster. Sie hat Psychologie studiert und mit einer Untersuchung zur Integrativen Partnertherapie promoviert. Neben der praktischen und wissenschaftlichen Arbeit an den Problemen Behinderter beschäftigt sie sich vor allem mit der Arzt-Patient-Beziehung.

Kommentar

(von Hermann-Josef Kramer per e-mail, kanoesel@hotmail.com, 7. April 2000)

Hallo liebe Cilly,

Habe deinen Bericht während einer Recherche kurz überflogen. Dein Thema ist mir bekannt und die Umstände leider auch. klar was du da sagst ist richtig, aber richtig ist auch, wie du schreibst, das es keinen interessiert. Das muss anders werden, ganz klar. Das ist aber nicht der eigentliche Grund warum ich dir schreibe. Mich hat es nur etwas aufgeregt, das du dich sowenig mit Wilhelm Reich beschäftigt hast.

Du schreibst

Was ist überhaupt ein Orgasmus? Wilhelm Reich lesen: "Funktion des Orgasmus". Die Orgasmusformel: Anspannung, Aufladung, Entladung, Entspannung. Mechanisch, wie eine mathematische Formel. Und das Ergebnis muß stimmen. Es geht nicht um Menschen mit sexuellen Bedürfnissen, um Liebe, es geht um Gut-Sein im Bett, Mithalten-Wollen, Erfahrungen-Sammeln, Ansprüche-Erfüllen, die Koitusnorm. Des Koituszwangs. Sex ist selbst beim Aufklärer Wilhelm Reich ausschließlich Genitalsexualität. Voll entfaltete Sexualität schafft sich im Koitus Ausdruck.

Mit der Frage, was ein normaler Orgasmus ist, würde ich mich also im Kreise drehen.

Ich denke es ist nicht fair, den guten alten Willi so im neuen Jahrtausend zu nennen. Beschäftige dich doch mal mit seiner Geschichte. Die Welt sähe anders aus, hätte man seine Erkenntnisse in Medizin und Erziehung miteinbezogen. Mathematisch...Also ich weis net....Hey, der hat sich intesiv Gedanken gemacht und hat versucht mit wissenschaftlichen Methoden zu beschreiben wie ein Orgasmus "normal" ablauft, und welche Probleme es geben kann. Bei sexuell blockierten Menschen lauft dieses Schema namlich anders ab...Bei der Frau die von ihrem Mann geschlagen und gedemütigt wird, bei dem Kind was abend besuch vom Grossvater bekommt und auch bei Schutzbefohlenen....W. Reich stand und steht heute für liebevolle Zärtliche Sexualtiat....."Sein" Orgasmus kann nur durch Liebe Vertrauen funktionieren...Er schreibt auch nicht nur von der Rein Raus Sache......Hey, klar ist es für Menschen die querschnittsgelähmt sind traurig so was zu lesen.. Klar hast du dann auf den ersten Blick wieder Wut bekommen....Ich will dir mal was ans Herz legen. W. Reich hat nicht Genitalsexuallitat und Koituszwang als das Alleinbeglckende dargestellt. In punkto Koitus muss man sich als Mensch, der den Unterleib blockiert hat der Tatsache bewusst werden, das einem eine Erlebnisform verloren gegangen ist, aber es gibt doch noch soviele Moeglickeiten. Wilhelm Reich hat sich immer gegen die orgasmusfetischistischen Freaks gestellt, die nur das eine wollen lund das moeglichst oft.....

Wenn du Reich aufmerksam und vorurteilsfrei liest, dann wirst du feststellen das ein Mensch körperlich blockiert sein kann, durch Unfall oder Vererbung klar....Aber schau dich mal um alles voller seelisch gepanzerter Menschen, du oder ihr als Behinderte habt doch ein besonderes Gespur für diese Freaks die einem Mitleidsvoll auf die Schulter klopfen, und innerlich froh sind das sie nicht so sind wie ihr....Ich habe selbst als ISB Zivi gearbeitet und die alten Omis haben mich und Ruth genervt....Und grad wenn es um Sexualität geht, kann ich dir Reich sehr nahe legen...In Holland gibt es doch Projekte wo Behinderten die Möglichkeit zu Sexualkontakten gegeben wird....Dein Bericht hat sich ein wenig nach Resignation, Watzigkeit und "Klappt ja eh nie" an, vergiss das doch mal......

DU und deine Freunde haben genau die gleiche Chance Sexualität bis zu Höhepunkt zu erleben, Vielleicht sollte man zu Willis etwas wissenschaftlichen Kurzdarstellung eines noch hinzufügen...

Orgasmus ist, wenn es beiden himmlisch gut tut......

In diesem Sinne wünsche ich dir viel Spass auf der Suche nach dem Orgasmus....Sorry das ich ein wenig krantig wurde, aber der Wilhem Reich hat sich so für die Sexualtiat stark gemacht bis zu seinem Tod 1957 in einem AMI Knast, wo er an gebrochenem Herzen gestorben ist, er ist der strärkste Verfechter von freier Liebe und panzerfreien Menschen. Man sollte nicht so wie du über ihn urteilen.....

MAch dir ein paar Gedanken und schreib mir wenn du noch Fragen hast oder wenn du mir noch eine zurückwatschen willst....

Ansonsten alles liebe und Gute von

Hermann-Josef

Quelle

Cilly Schwerdt: Lieben, ohne "schön" zu sein

Erschienen in: Psychologie Heute, November 1981; Julius Beltz GmbH & Co. KG Weinheim

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 01.03.2005

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