Behinderte Sexualität

Themenbereiche: Sexualität
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erstmalig erschienen in: Journal für Sozialforschung; 21. Jg. (1981), Heft 4
Copyright: © Volker Schönwiese 1981

Über Erfahrungen von körperlich Behinderten

Behinderung und Sexualität, das ist ein Tabu. Dies drückt sich in einer starken Vernachlässigung in der wissenschaftlichen Literatur ebenso aus, wie im Fehlen authentischer Berichte von Betroffenen selbst.

Kaum eine gesellschaftliche Gruppe hat sich bisher derart ungenügend formuliert wie die Behinderten. Wenn es auch eine weitreichende Diskussion von Experten "über" Behinderte gibt, so steht vor allem das gesellschaftliche "Verwertungsproblem" in Form von Rehabilitation im Vordergrund.

Sexualität hat dabei keinen großen Stellenwert. Umso entscheidender wird die Einlösung des Rechts auf Sexualität für die Behinderten selbst, als Prüfstein für ihre persönliche und gesellschaftliche Akzeptierung, als Prüfstein für bedürfnisgerechte Rehabilitation. Es soll hier von der These ausgegangen werden, daß das Problem Behinderung und Sexualität sich rehabilitativen Maßnahmen deshalb so sehr entzieht, da es kein Problem ist, das irgend einen Sonder-Charakter hat, in dem Sinn, daß es sich prinzipiell anders stellt als für die sogenannten Nichtbehinderten.

Im Gegenteil: Die Schwierigkeiten des "normalen" alltäglichen Diskurses über Sexualität, die Schwierigkeiten der "normalen" Geschlechtsrollen-Verteilung treten im Problem Sexualität und Behinderung so klar und beispielhaft hervor wie kaum wo. Körperliche Abweichung und ihre Folgen sind nur auf dem Hintergrund unserer historischen bürgerlichen Werthierarchie, der Ökonomie des Körpers mit all seinen Zusammenhängen zur Sexualität, zu verstehen, sind also ihrem Wesen nach kein Sonderproblem. Dies entzieht sich der Lösung durch irgendwelche Sondermaßnahmen für Behinderte, wie es derzeit durch Ausgliederung der Behinderten aus dem allgemeinen Alltagsleben, durch Isolierung und Einkreisung der "Regelverletzer", durch Verhinderung von personaler Autonomie, für praktikabel gehalten wird, z. B. durch Schaffung von Sonderschulen, geschützten Werkstätten, Heimen usw. Diesen Sondereinrichtungen Bordelle für Behinderte hinzuzufügen, ist sicher ein skandalträchtiger Gedanke, obwohl er durchaus in der Logik der derzeitigen Rehabilitation liegen würde. Aber auch eine differenziertere Hilfe wie sie z. B. die "Niederländische Vereinigung für sexuelle Reform" (NVSH) ansatzweise entwickkelt hat[1], existiert in den deutschsprachigen Ländern überhaupt nicht.

Die Widerständigkeit des Problems Sexualität und Behinderung gegen technokratische Lösungen hat einen emanzipatorischen Kern, der auf Veränderung drängt. Konkret wird diese Widerständigkeit aber nur zu oft ausschließlich als Leiden erlebt. Leiden allein hat noch nie befreit. So wird auch hier die Lösung des Problems zu einer Frage nach dem persönlich und politisch emanzipatorischen Handeln.

Der nachfolgende Bericht ist weitgehend Teil einer Projekt-Studie[2] über ein integriertes Studenten-Heim in Marburg/Lahn. In diesem Heim (Konrad-Biesalski-Haus, im folgenden mit KBH abgekürzt) wohnen behinderte und nichtbehinderte Studierende gemeinsam. Bei einer halbstandartisierten und offenen Befragung von 32 Behinderten wurden u. a. zwei Fragen über Sexualität gestellt. Die Befragten sind zum ganz überwiegenden Teil Schwerbehinderte, darunter 11 Querschnittgelähmte und 13 Studierende, die von Geburt an behindert sind. Das Durchschnittsalter betrug 24,8 Jahre.

Die entsprechenden Fragen lauteten:

a.) "Man sagt, Behinderte haben es wesentlich schwerer als Nichtbehinderte Partner und sexuellen Kontakt zu finden. Woran liegt das Deiner Meinung nach?"

b.) "Welche Erfahrungen hast Du bisher bei der Partnersuche gemacht?"

Die Auswertung der auf die Fragen folgenden umfangreichen Gespräche erfolgte dadurch, daß zuerst die Inhalte in Kategorien aufgelistet und danach interpretativ ausgeführt wurden.

Tabelle A: Probleme Behinderter Sexualttät (Aus Der Sicht Körperlich Schwer Behinderter Studierender)

Kategorie

   
     

Ästhetik

40,6% (13)

 

Rollenerwartung Mann/Frau

15,6% (5)

 

Rückzug und Initiativlosigkeit des Behinderten

40,6% (13)

 

physische Abhängigkeit und Bewegungseinschränkung

31,2% (10)

81,2% (26[a])

Mangel an Gelegenheit

12,5% (4)

 

Erwartung des Nbh, daß Bh sich anklammert oder

Trennung nicht so leicht ist

9,4% (3)

 

Nbh trauen den Bh keine Sexualität zu

15,6% (5)

 

andere Antwort

 

18.8% (6)

keine Antwort

 

0

   

N = 32

[a] viele Mehrfachantworten

Tabelle B: Sexualkontakte Behinderter

Kategorie

 

hatte jemals als Bh sexuellen Kontakt

25 % (8)

hatte als Bh noch niemals sexuellen Kontakt

75 % (24)

keine Antwort

0

 

N = 32

Aus Tabelle B geht hervor, daß eine ganz große Mehrheit von Behinderten (Bh) im KBH keinerlei sexuelle Erfahrung hat. Das Sexualitätsproblem wird von den Bh im KBH als das persönliche Hauptproblem empfunden. Mit Sexualität ist hier die Kombination von Geschlechtlichkeit und gegenseitiger Liebe gemeint, auch wenn sie nicht in eine längerdauernde Partnerschaft mündet.

Die Ursachen für die schwierige Partnerfindung werden von den Bh selbst sehr vielfältig gesehen (siehe Tabelle A): Mit der Schwierigkeit des Bh den ästhetischen Normvorstellungen und den Rollenerwartungen Mann/Frau nachzukommen, wird auf zentrale gesellschaftliche Mechanismen verwiesen. Mit der Erwartung der Nichtbehinderten (Nbh), daß sich Bh anklammern und eine Trennung schwerfallen würde, oder daß Bh zu keiner Sexualität fähig wären, werden eher spezifische Vorurteile angesprochen. Mit physischer Abhängigkeit und Bewegungseinschränkung ist Pflegeabhängigkeit und das Problem gemeint, daß man mit Bh weniger leicht als mit Nbh spontan handeln kann. Man kann z. B. nicht, wenn man Lust hat, einfach im Wald spazierengehen oder irgendjemand im x-ten Stockwerk eines Hauses besuchen. Immer muß Hilfe organisiert werden, oft ist sie physisch anstrengend. Aus eben diesen physisch-technischen Problemen ergibt sich eine Tendenz zur Isolation und ein Mangel an Gelegenheit, viele neue Leute kennenzulernen. In dem Punkt in der Tabelle, der die Rückzugstendenz und Initiativlosigkeit der Bh anführt, kommt die enorme Verhaltensschwierigkeit des Bh zum Ausdruck.

Ästhetik ist eine zentrale Kategorie für zwischenmenschliche Beziehungen[3]. Ihre eminente Bedeutung für Sexualität ergibt sich auch daraus, daß im täglichen Leben "schön" nicht nur heißt "angenehm" anzuschauen, sondern auch "angenehm" anzugreifen, gut in der Hand zu liegen. Die Berührung eines geschädigten Körpers - die " hautnahe" Erkenntnis und das "Begreifen" , der Abweichung vom "Normalen", "Schönen", bringt neue, ungeahnte Schwierigkeiten. Auch für Bh, die wirklich gelernt haben, ihre Kontakte zu Nbh positiv zu gestalten, die zwischenmenschlich optimal reagieren können, ergibt sich aus dem ÄsthetikProblem oft eine unüberwindliche Barriere, eine totale Grenze zur Emanzipation.

Die Bedeutung der ästhetischen Erscheinung, scheint auch die Tatsache zu belegen, daß von den Bh-Studierenden in Marburg, wenn überhaupt, so fast nur männliche und ästhetisch einigermaßen "normale" Bh Partner finden[4] (4). Bh-Frauen haben es hier besonderes schwer, ist doch der Rollenanspruch "ästhetisches Wesen mit dem man repräsentieren kann" von behinderten Frauen nicht erfüllbar.

Neben dem Rollenanspruch "ästhetisches Wesen, mit dem man repräsentieren kann" werden von den Befragten noch weitere geschlechtsspezifische Rollenerwartungen genannt, deren Erfüllung den Bh nicht ohne weiteres zugetraut werden und Hindernisse für eine Partnerschaft darstellen. Es werden für die Frau angeführt: Kinder bekommen und pflegen, bemuttern, kochen, saubermachen, Haushalt führen. Für Männer wird die Rolle des "Beschützers" genannt.

Die männliche Rolle des "Beschützers" meint hier nicht so sehr die Fähigkeit auf ein emotionales Zueinander innerhalb der Familie, sondern neben dem direkten Hinweis auf körperliche Stärke wohl den rationalen Einsatz der Bewältigung der außerfamiliären Umwelt, z. B. den Erhalt der Familie durch Arbeit. Entspricht ein behinderter Mann diesen Anforderungen nicht, oder nur teilweise, so kann dennoch eine nbh Frau dem bh Mann gegenüber eine Pflege- und Fürsorgerolle einnehmen. Aspekte der "Mütterlichkeit" passen zu der Kombination nbh Frau/bh Mann.

Umgekehrt gibt es zwar den Rollenaspekt des "Beschützers" , der zur Kombination nbh Mann/bh Frau paßt, er scheint aber in der konkreten Situation der Bedeutung des allgemeinen ästhetischen Anspruchs an die Frau untergeordnet zu sein.

Aus all dem geht hervor, daß traditionellen gesellschaftlichen Geschlechtsrollenanforderungen die Beziehung nbh Frau/bh Mann leichter entspricht als die Beziehung nbh Mann/bh Frau.

Die Chance auf die Erreichung einer sexuellen Beziehung realistisch einzuschätzen und entsprechend zu handeln fällt Bh sehr schwer. Je früher vor Abschluß der Adoleszenz die Behinderung eingetreten ist und desto geringer die Möglichkeit ist, an frühere Erfahrungsprozesse anzuknüpfen, desto größer sind hier die Schwierigkeiten. Als Ausdruck der mangelnden Erfahrung, die letztlich gewaltsame Isolation und Entfremdung von den "wirklichen" Verhältnissen ist, bauten sich Bh leicht ein Scheingebäude auf. Naiver Glaube, daß sich irgendeinmal etwas ergeben wird, daß man auf jeden Fall heiraten wird, entsteht, und dementsprechend gibt man sich einem sentimental-passiven Warten hin. Eine unbegründete, aber nicht abzuweisende Hoffnung herrscht vor. Die permanent existierende Hoffnung in ihrem Widerspruch zu ihrer Unerfüllbarkeit bringt auf die Dauer jedoch große Probleme und kann in totale Resignation münden. Der Bh wird zerrieben zwischen seinen Ansprüchen und der Angst, bei Formulierung dieser Ansprüche zurückgewiesen zu werden, in eine harte "Wirklichkeit" zurückversetzt zu werden:

" ... ja, ich mein, Hoffnung hab ich eigentlich nie gehabt, weil sie mir keinen Anlaß dazu gegeben hat. Aber irgendwie hat man so eine unbegründete Hoffnung in sich; die macht einen auf die Dauer kaputt ... "

Mangelnde Erfahrung, Angst und Entfremdung von den realen Möglichkeiten schaffen für den Bh beim Auftreten von Gefühlen Verklemmung, Sprachlosigkeit und Rückzug auf Oberflächlichkeit sind die Folgen:

" ... meine Reaktionen sind die, daß man ab dem Moment, wo mir das bewußt wird (daß ich verliebt bin), daß ich mit diesem Mädchen nicht mehr reden kann. Irgendwie fühle ich mich dann in eine gezwungene Rolle gepreßt ... dann kann ich ihr zwar "guten Tag" sagen und mich über belanglose Dinge unterhalten, aber irgendwo hört es dann bei mir auf ..."

Als realistischer Ausweg aus dieser Situation ergibt sich für Bh nur zu leicht der Ausweg, seine Ansprüche und Bedürfnisse zu reduzieren. Er versucht, ein Verliebtsein einfach zu umgehen, bricht Kontakte ab, oder versucht unter großen Qualen eine Liebe in ein freundschaftliches Verhältnis umzuwandeln:

" ... wenn du hier im Haus jemanden findest, daß der dir dauernd über den Weg läuft - das hältst du dann ziemlich schwer aus. Zu Hause würde ich dem einfach aus dem Weg gehen; aber hier -. Sonderbarerweise hab ich festgestellt, daß man das auch noch schafft. Entweder es umzuwandeln in ein freundschaftliches Verhältnis oder aber die Distanz vollkommen zu wahren. Nur das dauert oft halt unwahrscheinlich lang ... "

Bh haben oft das Gefühl, daß Nbh kaum einmal spontan und natürlich auf Bh zugehen. Was Sexualität betrifft, so zeigen offenbar auch Nbh, die viel Kontakt mit Bh haben, solch ein Verhalten. Distanzierung in den verschiedensten Spielarten herrscht vor. Gewöhnung an Bh kann zur alltäglichen Nichtbeachtung führen. Manchmal benutzt jedoch ein Nbh die scheinbar neutrale, "über" den Problemen des "normalen" Lebens stehende Position des Bh, um sein eigenes Leid gut aussprechen und damit vermindern zu können. Nur zu leicht verwechselt der Bh dieses vertrauliche Sprechen mit Interesse an seiner Person und dementsprechend leicht verliebt er sich in diesen Nbh. Nach genügend solchen Erfahrungen erkennen Bh aber u. U. den Mechanismus, der dahintersteckt, und stellen von Anfang an eine Diagnose von der Art: Wer sich gleich einmal ausweint, befreist, daß er an mir nicht interessiert ist, sondern mich als "neutrale Person", ohne der Möglichkeit der Formulierung eigener Bedürfnisse, "therapeutisch" benutzt:

" ... dann denken sie mit einem Bh kann man alles besprechen, da kann man sich ausweinen. Das find ich ziemlich doof, weil dann fühl ich mich ein wenig überstrapaziert. Wenn man gerade auch irgendwie Gefühle gegenüber dem anderen entwickelt hat oder so, und der fängt auf einmal an, sich bei dir auszuweinen, - weiß man gleich, ja mit dir hat der wohl nichts im Sinn, wenn der so anfängt. Naja, die denken sicherlich, das ist eine neutrale Person ..."

Natürlich stellt sich für Bh auch die Frage, wieweit die Art und Schwere der Behinderung objektive Grenzen zur Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse des Bh und eines Partners setzt. Was Bh aber stören muß, was die Bh in den Interviews aber nur selten aussprechen, und wo sie vielleicht auch gar nicht wagen Forderungen zu stellen, ist der Umstand, daß sie kaum einen Erprobungsspielraum haben, in dem verschiedene Arten der Befriedigung bis zum Einsatz von Hilfsmitteln erprobt und entwickelt werden können, wie es von aufgeklärten Rehabilitationsfachleuten empfohlen wird. Bh meinen, daß Nbh nur allzugerne von vornherein annehmen, daß sie bei Bh zuwenig Befriedigung finden könnten, ohne das genau zu wissen. Die entsprechende Information an mögliche Partner zu geben fällt schwer. Ist doch das Thema durch viele Faktoren sowieso schon belastet und fällt derartiges Sprechen auch unter Nbh enorm schwer:

" ... irgendwie wissen sie nicht, ob sie mit einem sexuellen Kontakt haben können oder nicht. Eigentlich müßte man das denen von vornherein sagen, aber das machste natürlich auch nicht, klar das geht natürlich auch nicht ... "

Wenn der Bh also schon nicht von Anfang an durch Bekanntgabe seiner sexuellen Möglichkeiten eine Beziehung fördern kann, so sieht er sich unter dem Zwang, von Anfang an irgendwie aktiv zu werden. Solche Aktivitäten können in einer "Taktik der kleinen Schritte" aufgebaut sein, wobei genau darauf geachtet wird, ob der jeweilige Partner die entsprechenden Schritte mitmacht. Dies kann z. B. bedeuten, daß man jemanden anlächelt und darauf achtet, ob überhaupt eine freundliche Reaktion zurückkommt. Die Erfahrung zeigt, daß dieser wahrlich kleine Schritt zur Kontaktaufnahme für Nbh schon zuviel sein kann und Flucht auslöst. Ein weiterer Schritt kann sein, irgendein Gespräch anzufangen und darauf zu achten, ob ein gegenseitiges Eingehen auf Argumente zustande kommt. Ein weiterer Schritt ist z. B. eine Einladung zu einem gemeinsamen Kaffee und genau zu beobachten, ob eine solche Einladung nicht mit fadenscheinigen Begründungen abgelehnt wird. Im günstigen Fall kommt es zu einer Gegeneinladung. Bricht der Kontakt nach mehreren solchen Schritten ab, so entsteht große Enttäuschung, zusätzlich genährt durch die Unsicherheit, ob der Abbruch jetzt wegen der Behinderung zustande gekommen ist oder nicht:

" ... gewöhnlich mach ich dann einen Schritt und warte dann wie die Reaktion ist. Ist sie ziemlich einschlägig, mach ich dann einen weiteren Schritt, ist sie nicht einschlägig, warte ich erst mal ab. Und öfters habe ich dann so kleine Schritte gemacht und kam einmal was, kam zweimal was und plötzlich nichts mehr. Bei solchen Gelegenheiten kam es nicht zu einer Aussprache. Ich hab dann gedacht ,naja, ok.' , aber ich hab's überhaupt nicht verstanden, warum zuerst die ersten Schritte und dann keiner mehr ..."

So groß das Bedürfnis nach Liebe, so gering die Aussichten auf eine partnerschaftliche Beziehung, so schnell verliebt sich der Bh oft aufgrund kleinster Zuwendungen von Nbh. Fühlt der Bh sich außerstande eine "Taktik der kleinen Schritte" einzugehen und auf eine gegenseitige Entwicklung geduldig zu warten, ist er andererseits selbstbewußt genug, nicht von vornherein schweigend zu verzichten oder allein auf die Aktivität des anderen zu vertrauen, so kann er sich gezwungen sehen, seine Verliebtheit offen zu erklären. Greift die so angesprochene Person daraufhin erschreckt zu Ausflüchten, kommt der Bh wiederum in sein typisches Dilemma: Er kann nicht unterscheiden, ob die Ablehnung aufgrund der Behinderung oder aus anderen persönlichkeitsspezifischen und zufälligen Gründen erfolgt.Schweigen oder vorsichtige Aktivität bringt keinen Fortschritt, offenes Verbalisieren provoziert Ablehnung. Die Regelmäßigkeit der Erfahrung nährt die Erkenntnis, daß es im Endeffekt und trotz mancher gegensätzlicher Beteuerung von Nbh doch an der Behinderung liegen muß:

" ... ich bin dann auch prompt auf den erstbesten reingefallen. Ich hab mir dann gesagt, ,du mußt ihm das erklären, wie das ist' und als ich das dann erklärt hatte, dann kam jedesmal dasselbe, ich kann das inzwischen schon nicht mehr hören: ,Du bist ein unwahrscheinlich nettes Mädchen, ich mag dich auch unwahrscheinlich gern, aber ich kann dich nicht lieben, aber ich kann dir auch nicht erklären, warum nicht. Also irgendwie setzt es dann bei mir aus ... keiner schiebts auf die Behinderung, aber im Endeffekt doch, oder was damit zusammenhängt ..."

Bemerkenswert scheint im obigen Zitat die Formel zu sein, auf die die Distanzierungsargumente der Nbh gebracht werden, wobei Äußrungen von Nbh vielleicht wörtlich wiedergegeben werden. Das "unwahrscheinlich nette Mädchen", das man "unwahrscheinlich gern hat", wird gerade übertrieben genug gelobt, um anzudeuten, daß es "unwahr" und "Schein" ist, daß man sein Gegenüber als nettes Mädchen empfindet, das man gern hat. Im "unwahrscheinlich" sind aufgebauschtes Lob und Ablehnung gleichermaßen angelegt; "ich kann dich nicht lieben" anscheint da nur logisch. Daß hier "nett" und ,,nicht lieben" derart gegenüberstehen, weist deutlich auf den Charakter der zugeschriebenen Nettigkeit hin. Nettigkeit die man nicht lieben kann, ist hier offenbar formale Nettigkeit, die nicht tief geht. Nettigkeit als erzwungene Oberflächlichkeit um Distanz herstellen zu können. Nettigkeit, deren Oberflächlichkeit tieferen Kontakt und Liebe verhindert. Das ist offensichtlich ein für die Bh-Situation typischer regelkreisartiger Ausschließungsmechanismus.

Fühlen sich Bh auf Oberflächlichkeit hingedrängt, so erscheint ihnen andererseits ein tiefes menschliches Verhältnis umso mehr als unabdingbare Voraussetzung für die Erlangung einer Partnerschaft. Nur in einer tiefen persönlichen Beziehung, so erscheint es ihnen, können all die Barrieren, die Behinderung ausmachen, zu Nebensächlichkeiten werden. Dies gilt für alle Arten und Schweregrade von Behinderung. So auch für Querschnittgelähmte, bei denen durch den Ausfall körperlicher Sensibilität der Wunsch nach Partnerschaft sich mehr auf persönliche Kontakte konzentriert. Die Kehrseite des hohen Anspruchs auf Kontaktqualität ist die Angst vor Kontaktabbrüchen. Aus dieser Angst und den geringen Chancen Beziehungsabbrüche mit anderen Beziehungen kompensieren zu können, ergibt sich eine besondere persönliche Verletzlichkeit:

"... ich bin querschnittgelähmt, komplett, hab keine Sensibilität, sodaß ich hier nicht die Bedürfnisse habe, die ich vor meinem Unfall hatte. Das ist trivial für mich . . . ich glaube zwar nicht, daß irgendwelche Orgasmusschwierigkeiten vorliegen[5] (5), aber ich hab halt einfach keine Sensibilität und insofern leg ich persönlich nicht so großen Wert darauf, sondern müßte sehr viel Energie darin investieren in etwas anderes. Nämlich jemanden zu finden, der eben als Kumpel funktioniert und eben, naja, wo alles andere auch funktionieren würde, irgendwo wirklich ein echtes Verhältnis aufgebaut würde. Wenn dann so etwas in die Brüche gehen würde, das würde einen hart treffen, glaube ich. Da würde die Verletzlichkeit (des Behinderten) eben doch wieder zum Vorschein kommen ..."

Nicht nur an die Qualität der persönlichen Beziehungen werden von Bh u. U. große Ansprüche gestellt, sondern auch an die Fähigkeit des Partners, kompensatorische Funktionen zu übernehmen. Man erwartet sich von einem Nbh als Partner, daß er einem über die eigenen Grenzen hinaus helfen kann, räumlich und sozial. Die Lösung des Partnerproblems wird zum Gradmesser für den sozialen "Wert" des Bh. In einem Erfahrungsbericht der im KBH ansässigen "Studentischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation" zum "Marburger Modell" wird besonders darauf verwiesen: "Eine Bewältigung seiner sexuellen Probleme ist für den Bh mehr als für jeden anderen ein Gradmesser für seine Leistungskraft und positive Lebenseinstellung."

Der Bh muß offenbar seine Leistungskraft und positive Lebenseinstellung erst beweisen. Oder umgekehrt: Leistungskraft und positive Lebenseinstellung werden den Bh a priori abgesprochen. Für den benötigten Fähigkeitsnachweis des Bh eignet sich der Bereich Sexualität/Partnerschaft am besten. Zentrale Zusammenhänge zwischen "Leistung"/"Wert" und Sexualität werden hier sichtbar. So ist es auch nicht zu verwenden. daß hier die "Ästhetik" in einem neuen Bezug erscheint. So sehr der Bh unter den Folgen seiner ästhetischen Abweichung leidet, und u. U. den vorurteilshaften Charakter der "Ästhetik"-Norm erkennt, so sehr kann er versuchen, sich "Ästhetik" durch einen schönen Partner wieder anzueignen. Der schöne Partner soll die eigene "Häßlichkeit" kompensieren und zum sichtbaren Zeichen für die nicht gleich sichtbare Leistungsfähigkeit und Qualität des Bh werden. Klar, daß ein behinderter Partner mit seinem geringen zwischenmenschlichen "Marktwert" für einen anderen Bh diese Funktion nicht übernehmen kann und abgelehnt wird. So werden gesellschaftliche Vorurteile genau reproduziert:

" ... (ein Bh) hat einmal ganz kraß gesagt ,also ein behindertes Mädchen käme für mich nie in Frage, um Gottes Willen, ein behindertes Mädchen wäre das letzte'. Auf jeden Fall muß seine Frau oder sein Mädchen auch eine ganz tolle Figur haben. Vielleicht sind da Behinderte noch mehr darauf aus als Nichtbehinderte ... "

Bh als Partner werden von Bh jedoch nicht nur wegen der geringen ästhetischen Kompensationsfähigkeit und unter Reproduktion gesellschaftlicher Vorurteile abgelehnt. Denn die pflegerischen und technischen Schwierigkeiten würden sich unter Bh verdoppeln, spontane Handlungen ohne Mithilfe Außenstehender weiter erschweren - man würde noch leichter in Isolation geraten. Der Vollzug von Sexualität würde u. U. nur besonders erschwert möglich sein. So wird von Bh ein behinderter Partner nur als allerletzte Konzession in einem als aussichtslos erscheinendem Bemühen um einen Partner akzeptiert, außer es entsteht eine außergewöhnlich starke und befriedigende geistige und emotionale Verbindung.

Gelingt es Bh trotz aller Schwierigkeiten einen nbh Partner zu finden und zwischenmenschlich in dieser Beziehung herrschende Vorurteile und Ausschlußmechanismen abzubauen, so gibt es dennoch einen weiteren Belastungsfaktor, der das Ende der Beziehung bewirken kann. Dieser Belastungsfaktor ist die Reaktion der sozialen Umwelt. Mag innerhalb des Studentenmilieus die Beziehung zwischen Bh und Nbh noch relativ gut akzeptiert werden, wie Bh berichten, so kommen außerhalb des studentischen Bereichs Vorurteile wieder offen zutage. Einem nbh Partner eines Bh wird z. B. bedauernde Bewunderung offen entgegengebracht. Der stärkste Widerstand kommt jedoch meist von seiten der Familie eines nbh Partners, die alles daransetzt eine Beziehung mit einem Bh zu verhindern, auch wenn sie sich vielleicht als sehr aufgeklärt und liberal gibt. Offensichtlich werden tiefliegende Ängste mobilisiert, daß die Familie sich mit einem Stigmatisierten belastet, identifiziert und ins Gerede gebracht werden könnte. Behinderung ist eben ansteckend.

Alle positiv gefärbten Erwartungen, Hoffnungen und Idealisierungen, die als Projektionen eigener nichterfüllter Wünsche den Kindern entgegengebracht werden, Wünsche von Glück, blühender Familie, Ansehen und beruflichem Erfolg, all das erscheint durch einen Bh, der in eine Familie eindringt oder gar einheiratet, gefährdet:

" ... eine sehr aufgeklärte Familie, sehr dufte Leute. Und wenn man da zu Besuch gekommen ist, da hat man gar nicht gemerkt, daß man körperbehindert ist. Und die Tochter von denen, die hat einen Behinderten als Freund, einen behinderten Freund; und die wollen heiraten. Wie sich die Eltern aufgeführt haben, das hätte ich nie erwartet. Auf einmal kam soviel aufgestaute Wut bei denen raus, und was haben die für ein Theater gemacht, das ist unglaublich ..."

Quelle:

Volker Schönwiese: Behinderte Sexualität - Über Erfahrungen von körperlich Behinderten

Erstmalig erschienen in: Journal für Sozialforschung; 21. Jg. (1981), Heft 4

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 22.08.2005



[1] Die Vereinigung versucht Hilfe zur Emanzipation Behinderter in drei Phasen zu leisten: l. Ich-Phase. Zuerst wird in Beratungsgesprächen versucht gemeinsam mit dem Behinderten Lösungen für sexuelle Probleme zu finden. Literatur, Verhütungsmittel, Hilfsmittel usw. werden zur Verfügung gestellt. Unter Umständen wird auch direkte Sexualhilfe, wie Hilfe beim Masturbieren und beim Geschlechtsverkehr, geleistet. 2. Wir-Phase. Hier werden in Gruppengesprächen Probleme gemeinsam mit anderen Betroffenen aufgearbeitet und damit auch vor Augen geführt, daß andere Menschen ähnliche Probleme haben. 3. Sie-Phase. Die Einleitung von Bewußtseinsprozessen über die Zusammenhänge mit den Problemen der Gesellschaft ist hier das Ziel, das sich in der Gründung von Arbeits- und Aktionsgruppen (Öffentlichkeitsarbeit) verwirklicht. vgl. dazu: Bernhard Bächinger: Sexualverhalten und Sexualberatung von Körperbehinderten. 1978. Ausschließlich erhältlich gegen Vorauszahlung auf das Postscheckkonto 80-33136. PLUS-wissen, Reinach, Schweiz. sFr. 15,--

[2] Volker Schönwiese: Untersuchung sozialer Beziehungen zwischen körperlich behinderten und nichtbehinderten Studierenden. ProjektEndbericht 1978, unveröffentlicht.

[3] Es ergibt sich die Frage nach der Natur der ästhetischen Norm. Nur zu leicht erscheint "Schönheit" naturwüchsig, wie der "gesunde" Körper die Abweichung des Bh deshalb so sinnlich klar, daß dieser Makel nicht weiter diskutiert werden kann. Demgegenüber ergibt sich ein Zusammenhang zu der Ästhetik der Waren, wie sie von Werbepsychologie und Verpackungsindustrie produziert wird, um den Verkaufswert von Waren, nicht jedoch unbedingt den Gebrauchswert, zu erhöhen. Unsere Ästhetik ist zum guten Teil eine Waren-Ästhetik. Sie ist es auch dann, wenn wir Menschen beurteilen. Die Waren-Tausch-Gesellschaft prägt uns zwischenmenschlich ihre Gesetze auf: Wer "schön" ist oder sich "schön" zu machen weiß, kann sich besser anbieten, hat am zwischenmenschlichen Markt größere Chancen gut anzukommen. Wer dagegen das Stigma der "Häßlichkeit" trägt. wer Ekel und Befremden erregt (zudem als Arbeitskraft nicht voll entsprechen kann), hat geringe Chancen und kaum Alternativen.

[4] Befragte berichten, daß ihnen zum Untersuchungszeitpunkt von allen schwer-bh Studierenden in Marburg (ca. 65), unter ihnen ein Teil ehemaliger Bewohner des KBH, ca. 15 bekannt sind, die längerfristige oder fixe Partnerschaften eingegangen sind. Bedeutsam daran ist, daß unter diesen Paaren nur eine in der Kombination bh Frau/nbh Mann ist. Eine Partnerschaft besteht zwischen zwei Bh, alle weiteren Paare sind in der Kombination bh Mann/nbh Frau.

[5] Eingehende wissenschaftliche Untersuchungen bei Querschnittgelähmten zeigen, daß die sexuellen Gefühle, Vorstellung und Interesse nach der Verletzung bei Männern leicht vermindert sind, bei Frauen dagegen zunehmen. Die Veränderung des "Sexualtriebes" als Folge der Behinderung ist sehr gering, selbst wenn die natürlichen Voraussetzungen zur Befriedigung durch physiologische Ausfälle in Mitleidenschaft gezogen sind. Die Hauptsache ist demnach, wie ein Mensch eine solche Situation erlebt und nicht, wie sich die Situation tatsächlich objektiv darstellt. (Vgl. dazu: Miteinander Leben. Die Situation d. Körperbehinderten. Bericht d. "Nordischen Symposions" 1969 übersetzt durch d. Stiftung Rehabilitation Heidelberg. S. 71 ff., unveröffentlicht.)

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