Die Einbeziehung Betroffener in die Rehabilitationsforschung

Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Referat
Releaseinfo: Referat bei dem Symposium "Rehabilitationsforschung in Österreich" des "Instituts für Arbeitswissenschaftliche Forschung" Wien, 25.9.1981. Veröffentlicht im Tagungsbericht in der Schriftenreihe arbeitswissenschaftliche Forschung 3/1982, Seite 13-15.
Copyright: © Volker Schönwiese 1982

Die Einbeziehung Betroffener in die Rehabilitationsforschung

Der Titel des Referats trifft den Kern des Problems der Rehabilitationsforschung, und nicht nur dieser, sondern der Forschung überhaupt. Er geht von der begrüßenswerten Intention aus, daß Behinderte mehr in die Rehabilitations-Forschung einbezogen werden müssen. Demgegenüber muß allerdings festgestellt werden, daß Rehabilitations-Forschung ohne Einbeziehung der Betroffenen nicht vorstellbar ist - sie ist auch jetzt schon Inhalt der sogenannten Rehabilitations-Forschung. Die Frage stellt sich nicht, ob die Betroffenen einbezogen werden, sondern wie sie in den Forschungsablauf einbezogen werden, ob sie Objekte oder Subjekte des Forschungsprozesses sind. Ich möchte hier auf Zusammenhänge mit der Definition von Behinderung und damit von Betroffenheit im Rehabilitationsbereich hinweisen. Meist wird heute immer noch "Behinderung" vorweg als medizinisch-naturwissenschaftliches Faktum gesehen und dementsprechend definiert. Physische und /oder psychische Eigenschaften werden für sich gesehen, oder bestimmte personale Qualitäten im Sinne eines Ursache-Wirkung-Schemas als Auslöser für soziale Reaktionen. In beiden Fällen ist Behinderung als ein für sich existierendes Faktum unverrückt und unterstützt damit eine Außensicht von Behinderung, eine Nicht-Annäherung des Forschers an den Untersuchungsgegenstand, der zum Objekt wird. Zwischen die Forschungspartner Untersucher-Untersuchter wird als Mittel zur Distanz wie eine Mauer, oder besser wie eine Einwegscheibe, das scheinbar Objektivität erzeugende Forschungs-Instrumentarium gerückt. Es fehlt der üblichen empirischen Forschung wahrlich nicht an Methoden, Distanz herzustellen, es fehlen ihr aber die Ansätze, Nähe herzustellen. Man kann sagen, so wird die Geschichte von Behinderung, die Lebensgeschichte der Behinderten, vernichtet. Der Verlust an Biographie geht einher mit Verlust an Zukunft. Anders ausgedrückt: Aus Lebensgeschichten werden Fallgeschichten, aus Menschen werden Fälle, die in verschiedenen Arten von Käfigen (Heime, Psychiatrie ...) gesperrt werden; man nimmt den Behinderten die Zeit - die sonst beim "normalen" betriebsamen Menschen so kostbar ist - sie wird in Anstalten zu unendlicher machtloser Langeweile und Melancholie, vielleicht etwas gefüllt mit dem "Supermarkt" der verschiedenen Therapien. Aber in der institutionellen Zeitlosigkeit endet die geschichtliche Existenz der Behinderten. Das ist das konkreteste Leiden, das Behinderte spüren, das durch die "Normalen" so oft bösartig geleugnete oder überhöhte und gehuldigte Leiden der Ausgestoßenen, das so erst seine Perfektion erlangt.

Die übliche empirische Rehabilitations-Forschung bewegt sich ungebrochen in diesem System, solange sie versucht, objektive Distanz herzustellen. Ein Schritt näher zur Betroffenheit ist es, Behinderung konsequent als sozial konstituiertes Phänomen zu begreifen, im Sinne z.B. von E. Goffman wobei Behinderte durch Handlungs- und Aushandlungsprozesse stigmatisiert sind - auf dem Hintergrund je historisch-gesellschaftlicher Wertvorstellungen und Werthierarchien. Eine solche Sicht ist zwar immer noch interaktionistisch-theoretisch und damit von den konkreten Behinderten und ihren Bedürfnissen entfernt, gibt aber bessere Chancen, Schritte zur Beteiligung der Betroffenen zu machen.

Ich möchte aufgrund des bisher Gesagten versuchen, drei Schritte zu beschreiben, die in die Richtung der Beteiligung Betroffener weisen.

  1. Die Herstellung einer r i c h t i g e n Sicht über das Behindertenproblem bei traditionellen Untersuchungen in (möglichen) Lebenswelten von Behinderten. Oder zumindest zu versuchen, den Behinderten nicht durch Legitimationsforschung oder neue Vorurteilsproduktion zu schaden. Dazu als Beispiel eine der erfolgreichsten Untersuchungen der letzten Zeit, die sog. "Seifert-Studie" (über die Einstellung von Arbeitnehmern und Arbeitsvorgesetzten zu Körperbehinderten und ihrer beruflich-sozialen Integration), deren Ergebnisse sehr gerne, zumal im Jahr der Behinderten bei Politiker- und anderen Sonntagsreden, benutzt wurden und werden. Daß Vorurteile der Bevölkerung gegenüber Behinderten existieren, ist seit langem durch viele Untersuchungen und Alltagserfahrungen bestätigt und bekannt. Solange allerdings nicht die Bedingungen genannt werden, unter denen Vorurteile unterstützt werden oder entstehen, und damit Vorurteile als isolierte Phänomene gesehen werden, unterstützt wissenschaftliche Konstatierung von Vorurteilen deren scheinbar unauflöslichen Charakter und hat bestenfalls zur Folge, daß sinnlose moralische Appelle und abstrakte Aufklärungskampagnen durchgeführt werden. Im schlechteren Fall wird solche Forschung zur reinen Legitimation herrschender Zustände und unterstützt eine Verschiebung von "Schuld" auf die Bevölkerung. Die "Seifert-Studie" konstatiert neben einer ungeheueren Fülle von einzelnen Einstellungsfakten z.B. auch das Ergebnis, daß nur 35% der Befragten die Einweisung von Körperbehinderten in spezielle Behinderteneinrichtungen (Heime, Behinderten-Dörfer usw. ) eindeutig abgelehnt hatten. Aus einer Anmerkung erfährt man, daß zum Untersuchungszeitpunkt im Befragungsbereich gerade ein Behinderten-Dorf (Altenhof) gebaut wurde. Dazu muß klar gemacht werden, daß dabei - wie so oft bei der Einrichtung von Sonderanstalten - in den Medien massiv für das Behinderten-Dorf bzw. für entsprechende Spenden geworben wurde. Und damit zeigt sich ein Stück der Bedingungen unter denen der angeblich so eigenständige, vorurteilsbehaftete Wunsch der Bevölkerung nach Isolierung der behinderten zustande kommt. Solange das mit dem So-Sein der Behinderten begründete Isolieren, Bewahren und Aussondern tägliche und öffentlichkeitswirksam verkaufte P r a x i s unserer Sonderinstitutionen ist - wen wundert die entsprechende Einstellung der Bevölkerung oder macht sie ihr zum Vorwurf? Ein zweites Beispiel: In der "Seifert-Studie" wird festgestellt, daß sich 60-80% der Befragten gegen Sonderrechte von Behinderten (mehr Arbeitspausen, kürzere Arbeitszeit, längerer Urlaub) aussprachen. Was bedeutet denn nun diese Feststellung unter dem Aspekt, daß genau solche Forderungen von je her Teil des Kampfes der Arbeiterbewegung waren? Heißt dies nicht u.U. auch, daß Arbeitskollegen nicht gegen die Forderungen an sich sind, sondern lieber auf gemeinsame Rechte pochen wollen? Dies müßte in einem Ansatz, der die Rahmenbedingungen von Arbeit und damit die allgemeinen ökonomischen Bedingungen einbezieht, diskutiert werden. Dies macht die "Seifert-Studie" jedoch keineswegs, übrig bleibt immer wieder die bloße Konstatierung von isolierten Vorurteilen. Dies auch hier im Namen eines Stufenleiterplanes des empirischen Methodenkanons, der verlangt, von Einzelfakten zu komplexen Zusammenhängen fortzuschreiten - nur daß der Methodenkanon so angelegt ist, daß eine ganzheitliche Sicht eigentlich nicht erreicht werden kann. Der als offen angelegte empirische Methodenkanon erweist sich als einschränkend und selektiv.

  2. Eine indirekte Beteiligung von Behinderten an Forschung ist erreichbar, indem Forschungsmethoden daraufhin reflektiert werden, wieweit Behinderte ihren Standpunkt in g a n z h e i t l i c h e r Sicht miteinbringen können. Das bedeutet meiner Meinung nach zuerst einmal, von der derzeitigen Quantifizierungs-Mode abzugehen. Die vielfältigen qualitativen Elemente in der derzeitigen Forschungspraxis, bei Entstehung, Durchführung und Verwertung von Forschung, dürfen nicht geleugnet werden - Forschung lebt von Interpretation in allen Forschungsstadien. Dies zwingt zur Auseinandersetzung mit qualitativer Methodik. Es soll dabei nicht für einen Rückfall in einfache Hermeneutik plädiert werden. An dieser Stelle kann nur als Anhaltspunkt für mögliche Wege der Hinweis auf einige Traditionen erfolgen, deren Methodik vielleicht neue (bzw. sowieso schon alte) Anhaltspunkte liefern könnten: Psychoanalyse, Interaktionismus, Ethnomethodologie, Strukturalismus, historischer Materialismus - Theorieansätze mit der Entwicklung von Methoden, die imstande sind, biographische oder geschichtliche Rekonstruktionen zu fördern. Quantifizierende Forschung hat in diesem Sinne innerhalb von Erkenntnisprozessen erst relativ spät berechtigte Funktion und kann sich nur auf vorher schon extensivst interpretierte Inhalte beziehen. Sie sollte sich auf klar überprüfbare Feststellungen beschränken - und nicht standardisierte Fragen in einer Art stellen, die total reduktiv ("sind Sie zufrieden ...") oder indirekt und damit entmündigend ("man sagt...") sind. Sie sollte weiters klar erfassbare Gegebenheiten feststellen, wie z.B. Höhe des Einkommens, verfügbare Wohnfläche, Schulbildung usw .

  3. Die direkte Beteiligung von Betroffenen an Forschung erscheint als das schwierigste Kapitel innerhalb der jetzigen sehr stark institutionalisierten Forschungspraxis. Sie erfordert zuerst einmal eine durchschaubare Forschungssituation, dann eine verständliche Formulierung von Forschungsinhalten und Forschungsergebnissen, und zuletzt als entscheidendes Kriterium die Information und Diskussion von Forschungsergebnissen zusammen mit den Betroffenen zu bestimmten Forschungszeitpunkten, zumindest aber im Endstadium des Forschungsvorhabens. Die Intensität der Beteiligung ist bei einem solchen Konzept variabel und führt konsequenterweise zur Aktionsforschung. Sie stellt jedoch praktisch höchste Ansprüche, soweit ihre Forderungen forschungsstrategisch wirklich ernst genommen werden. Mit einer neuen Etikettierung der jetzt schon üblichen Praxisforschung in gesellschaftlich isolierten Bereichen (die ja für die jetzige Rehabilitation typisch ist) als Aktionsforschung, ist es nicht getan. Anders ausgedrückt: Aktionsforschung kann nicht innerhalb der Regeln von kontrollierten Institutionen (totalen Institutionen) bleiben, sowenig sie unter kontrollierten Laborbedingungen möglich ist. Das Beteiligungsprinzip geht ja hier nicht nur in die Richtung, daß die erforschten Personen direkt einbezogen werden, sondern auch der Forscher muß sich an der Welt der Erforschten beteiligen und damit auch sich selbst als Subjekt mit seiner eigenen Geschichte miteinbeziehen. Das führt in der Tendenz zur Auflösung der institutionalisierten Forscherrolle und noch nicht völlig geklärten methodischen Konsequenzen. Aber eines erscheint sicher: Die Erfolge der Aktionsforschung werden sich in Zukunft weniger an der Präsentation geschliffen formulierter Forschungsergebnisse messen, sondern an der praktischen Emanzipation der am Forschungsprozeß Beteiligten. Dadurch wird solche Forschung u.U. viel an herkömmlicher Forschungslegitimation verlieren, aber an Authentizität und Wirksamkeit gewinnen. Bei einer solchen Argumentation könnten Zweifel auftauchen, ob die durch die Einbeziehung Betroffener notwendige Wandlung von Wissenschaft nicht der Auflösung von Forschung gleichkommt oder sie ihre Funktion verliert. Dem möchte ich Zweifel gegenüberstellen, ob herkömmliche Forschung im Vergleich zu ihrer geachteten gesellschaftlichen Position überhaupt genügend innovativ wirkt. Bedeutende Änderungen in der Behindertenbetreuung wurden z.B. in Italien (Florenz) durch Auflösung aller Sonderbetreuungsinstitutionen und dem Aufbau integrativer Hilfssysteme geleistet - und das ohne oder sogar gegen kontrollierte Forschungsbedingungen und Konzepte. Will Wissenschaft näher an die gesellschaftliche Realität heranrücken, wird sie ein gutes Stück aus ihrer vielleicht manchmal schönen Insel (elfenbeinerne Turm) ausbrechen müssen.

Quelle

Volker Schönwiese: Die Einbeziehung Betroffener in die Rehabilitationsforschung.

Referat bei dem Symposium "Rehabilitationsforschung in Österreich" des "Instituts für Arbeitswissenschaftliche Forschung" Wien, 25.9.1981. Veröffentlicht im Tagungsbericht in der Schriftenreihe arbeitswissenschaftliche Forschung 3/1982, Seite 13-15.

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Stand: 09.11.2017

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