Behinderung - Rehabilitation - Integration

Themenbereiche: Theoretische Grundlagen
Textsorte: Referat
Releaseinfo: Referat beim Symposium "Rehabilitation - Integration. 20 Jahre Kinderneurologie am Rosenhügel", Neurologisches Krankenhaus der Stadt Wien, 5. Mai 1995
Copyright: © Volker Schönwiese 1995

Sehr geehrte Damen und Herren!

Heute ist der "internationale Tag der Antidiskriminierung", den die Organisationen, die für Integration, gegen Diskriminierungen, gegen Aussonderung kämpfen, ausgewählt haben, um auf ihre Ziele öffentlich aufmerksam zu machen. Es gibt heute hier in Wien von Behindertengruppen eine Demonstration. Bin ich hier heute am falschen Ort? Ich hoffe, daß ich hier schon richtig bin und meine Ausführungen ankommen werden.

Indem ich auf Diskriminierung bzw. Antidiskriminierung hinweise, ist das nicht nur eine Interessensformulierung von einem Betroffenen. Ich verweise damit auf eine gesellschaftliche Problematik, die auch mit einer allgemeinen und wissenschaftlichen Einschätzung, was denn dieses merkwürdige Phänomen "Behinderung" wirklich sei, verbunden ist. Wenn ich sage merkwürdig, dann entziehe ich mich den alltäglichen Zuschreibungen, die uns erlauben, alltäglich in Sekundenschnelle - ohne nachzudenken - zu erkennen: "Diese Person ist behindert". Als verallgemeinertes Symbol dient dann z.B. der Rollstuhl - sie kennen die typischen Formulierung dazu, wie z.B. "an den Rollstuhl gefesselt", usw. Da Behinderung nicht so ohne weiteres nur das sein kann, was wir so schnell wahrnehmen, müssen wir einigen wissenschaftlichen Aufwand betreiben, um zu zeigen, wie sich das Phänomen Behinderung konstituiert.

Um es vorwegzunehmen: Die Konstitution von Behinderung ist nicht durch alltägliche Wahrnehmungen, nicht durch eine medizinische Defektologie erklärbar, sondern kann als eine Folge von Einigungsprozessen, an denen eine größere Anzahl von Personen und Institutionen aufgrund eines historisch entstandenen Wissens beteiligt sind, verstanden werden. Es ist ein Akt einer Verständigung, was wir unter Behinderung verstehen. In diesem Sinne ist es wichtig zu fragen, wie die Aushandlungsprozesse, die eine Verständigung auf Erkenntnis einer Eigenschaft als Behinderung ermöglichen, verlaufen. Die Fachdisziplinen, die mit Behinderten arbeiten, sind daran nicht nur beteiligt, sie scheinen auch große Definitionsmacht zu haben, was Abweichung, was Behinderung ist.

Es jährt sich jetzt - und das möchte ich als Hinweis und Beispiel etwas darstellen - ca. 200 Jahre, daß zwei Salzburger Ärzte, die Brüder Wenzel, im Jahre 1792 durch das Land Salzburg gewandert sind und nach Cretinen suchten (SCHMITTEN[1]). Sie handelten im Zeichen der Aufklärung nach dem Vorbild von französischen Ärzten (u.a. Jean ITARD[2]), die im 18. Jhd. erkannt hatten, daß Personen, die gehörlos und nicht sprechend sind, ein Problem in der Kompensation des Wahrnehmungsausfalls und nicht einen Mangel an Intelligenz haben. Die Brüder Wenzel versuchten diese Sichtweise auf den im 18. Jhd. erstmals definierten "Cretinismus" anzuwenden. Sie wanderten in Salzburg von Tal zu Tal, suchten "Cretinen", befragten die einheimische Bevölkerung und stellten fest, daß diese keinen Begriff von Kretinismus hatten, sonder einen sehr allgemeinen, von irgendwie sonderbaren Personen, die sie "Fexen" nannten. Die Brüder Wenzel versuchten in einer epidemiologischen Untersuchung eine erste Zählung/Erfassung von "Cretinen" und versuchten ihr Wissen über einheimische Ärzte in der Bevölkerung zu plazieren (SCHMITTEN, S. 9ff).

Auf die erfolgte Definition, die sich am Ziel von Heilung orientierte, geschah etwas, das uns als Problem unseres aufgeklärten Wissen bis heute verfolgt: Die Etablierung eines auf Wahrheit/Heilung/Bildung gerichteten linearen Erkenntniskanons. Dies kann am Beispiel der Definition der "Cretinen" gezeigt werden.

Die Definition erfolgt in mehreren Schritten:

1. Schritt - Krankheitsdefinition: Der Versuch "Cretinismus" als Krankheit und Abweichungen von Normen zu definieren, eine Diagnose zu ermöglichen, die Verteilung in der Bevölkerung festzustellen (Epidemiologie)

2. Schritt: Suche nach Ursachen: Versuch der Feststellung der Ursachen - bezogen auf den Kretinismus vermuteten die Brüder Wenzel Zusammenhänge mit der unterschiedlichen Feuchtigkeit in den Tälern.

3. Schritt - Versuche der Heilung: Versuche der med. Behandlung: - mit bestimmten Erkenntnissen (aber erst mit historisch wesentlich späteren Behandlungsfortschritten des dann z.B. spezieller definierten Cretinismus" - z.B. Jod-Prophylaxe). In diesem Zusammenhang Einführung der Institutionalisierung: Zur besseren Beobachtung, experimentellen Analyse wie im Labor und Heilung, Überstellung der betroffenen Personen in eigene immer spezialisiertere Einrichtungen (Schulen, Kliniken, Heime).

4. Schritt - Prognosebildung: Im Zusammenhang mit Heilungsversuchen, Erstellung von Prognosen auf Heilungsaussichten.

5. Schritt - Asylierung: Dauerhafte Aufbewahrung/ Internierung von Unheilbaren als ordnungspolitischer Akt mit sozialer Legitimierung.

6. Schritt - Neubewertung: Systematisierung der Erkenntnis mit negativ besetzter Neubewertung der Nichtheil-/Nichtanpaßbaren, Erstellung eines Systems von Pathologie (die Cretinen werden mit Tieren und Pflanzen verglichen, ihr Menschsein wird bezweifelt und damit Euthanasie-Überlegungen begonnen).

In dem im 18./19.Jhd. offensichtlich sehr fortschrittlichen Land Salzburg erfolgte nach den genannten wissenschaftlichen Schritten innerhalb von 30 Jahren eine Definition von "Cretinismus" als Ausgangsdefinition für das, was wir heute "geistige Behinderung" nennen. Der Definitionsprozeß erfolgte von der Systematik des Findens von behinderten Personen bis zur Definition dieser Personen zuerst als "blödsinnig", dann im Vergleich mit Tieren, als niederen Tieren ähnlich, und schließlich als "rein vegetativ" Funktionierende im Vergleich zu Pflanzen.

Für einen Reisenden 1796 ergab sich folgende Definition eines "Fexen": "Ein Narr von friedlicher Art, dergleichen man in der Hauptstatt und auf dem Lande viele umher gehen sieht und die gerne lustiger Dinge sind " (SCHMITTEN, S. 33). Der hochangesehene Universitätsprofessor für Medizin in Salzburg und Wien Dr. Joseph Johann von Knolz liefert 1821, wie Schmitten berichtet, die aufgeklärte Gegendefinition: "Ist der Fex aber nicht Mensch, so ist er Tier, was man schon [entsprechend der >Physischen Anthropologie<] an seinem Gesicht sehe, das >größtentheils zum Fraßwerkzeuge, zum Kiefer und zur Schnauze geworden< sei.... Die Fexen seien noch weiter >in die Classe tiefstehender Thiere hinabgestoßen<, ihre enorme Verdauungskraft deute daraufhin, daß sie >an die Thierclassen, in denen noch außer den Baucheingeweiden kaum ein anderes Eingeweide erwacht ist, an die sogenannten Pflanzenthiere< grenzten.... >Der Glaube an die Pflanzennatur der Cretinen (wird) immer zudringlicher. Denn bey ihnen, wie bey den Pflanzen, ist die Entwicklung der Genitalien die höchste Entfaltung.< Die Fexen haben den Pflanzen nur voraus, >daß sie nicht wie diese unmittelbar darauf, wenn wenn sie den Samen haben fallen lassen, sterben müssen.> (SCHMITTEN, S. 63)

Es waren also nicht Philosophen des letzten Jahrhunderts, auch nicht Philosophen von heute, die erstmals von Behinderten als u.U. rein vegetativen Wesen und Pflanzen gesprochen haben und damit den Speziezismus durchbrochen haben (wie z.B. Peter SINGER 1984 mit seiner "Praktischen Ethik"), sondern es waren Ärzte in der ersten Hälfte des 19. Jhd. Wie schon genannt, ist diese Bewertung zeitlich mit der Einrichtung von spezialisierten Einrichtung für Nicht-/Wenig-Bildbare und Unheilbare/ Unanpaßbare in Verbindung zu bringen. Die Suche nach Defekten unter dem richtigen/fortschrittlichen/aufgeklärten Heilungsprinzip hat als "Nebenwirkung" die Zerstörung von Menschen(bildern) und die Etablierung von systematischer Segregation gebracht. Wie weit diese historische Entwicklung so positiv zu werten ist, wie es in Lehrbüchern der Heil- und Sonderpädagogik erfolgt, ist eine Frage, die uns beschäftigen muß. Die Frage muß gestellt werden, ohne die Lebensverhältnisse von behinderten Menschen unter der Dominanz eines religiös geformten Menschenbildes und unter den Bedingungen von Leibeigenschaft bzw. leibeigenschaftlicher Landwirtschaft, wo viele im heutigen Sinne behinderten Personen offensichtlich eine bestimmte Funktion und ökonomischen Platz hatten, zu idyllisieren.

Die bisherige Schilderung sollte ein Hinweis sein, aus welcher Tradition unser Denken in linearen Fortschrittsvorstellungen sich aus der Medizin über die Psychiatrie in der Heilpädagogik und dann auch in der Sonderpädagogik fortpflanzte. In Salzburg wurde ja auch 1829 die weltweit erste Sonderschule für Geistigbehinderte - die Kretinenschule des Gotthard Guggenmos (SCHMITTEN, S. 49ff) - unter der historisch neuen Vorstellung der Heil- und Bildbarkeit von geistig Behinderten gegründet.

Wir sollten heute nicht in linearen Denkmustern hängenbleiben, sondern Ansätze pflegen, die schnell und populär als ganzheitliche benannt werden könnten und die die Tradition der Defektorientierung ablösen könnten. Dabei ist anzumerken, daß es nicht ganz richtig ist, das Denken der Defektorientierung als linear zu bezeichnen. Natürlich hat sich die Segregation von Behinderten in einem Rückkoppelungsprozeß auf die Lebenskarriere und damit auch auf die "Symptomatik" der betroffenen Personen massiv ausgewirkt und es geht heute darum, Förderung/Hilfe/Unterstützung/med. Behandlung von behinderten Personen aus diesem Regelkreis der Produktion von Behinderung zu befreien.

Die Frage ist zu stellen, wo wir heute interdisziplinär/ multidisziplinär an Alternativen, einem neuen Paradigma zusammenarbeiten, das sich in der Nichtaussonderung/ Integration umsetzt. Die Arbeit für Integration wird ja immer noch von Heil- und SonderpädagogInnen als "Ideologie" bezeichnet und ihr damit eine rationale Begründung abgesprochen[3].

Die Tabelle, die ich nun zur weiteren Erklärung verwende, steht wohl nicht im grundsätzlichem Widerspruch zu den Referaten, die bisher bei dieser Tagung gehalten worden sind. Dies nicht zuletzt auch deshalb, da der dargestellte Ansatz von einem Arzt stammt, von Adreano Milani-Comparetti aus Florenz, der in Italien schon in den 60er Jahren entschieden für die Integration eingetreten ist und die Einführung der Integration in Italien stark beeinflußt hat. Den "alten" und den "neuen" Weg in der Medizin und Rehabilitation nennt er in einer Gegenüberstellung die "Medizin der Krankheit" und "die Medizin der Gesundheit" (siehe beigefügte Tabellen, MILANI/ ROSER[4]) und bezieht sich dabei auch auf WHO-Definitionen.

Als kleiner Einschub dazu: Die bisherigen WHO-Definitionen von "Schädigung - Beeinträchtigung - Behinderung" gehen mir nicht weit genug. Sie sind immer noch in linearen Vorstellungen verfangen, wie: es gibt Schädigungen und es gibt als Folge soziale Reaktionen entsprechend einem Usache-Folge-Paradigma. Wir müssen lernen Behinderung viel ganzheitlicher zu sehen, jenseits dessen, was das einzelne medizinische Faktum auch ist. Der Organismus ist im Zusammenhang mit seiner sozialen Entwicklung viel dynamischer, als wir es meistens berücksichtigen. Über Aspekte der Psychosomatik weit hinaus muß von einem prinzipiellen Behindert-Werden ausgegangen werden[5]. Im Rahmen einer solchen Neuorientierung scheint sich in den letzten Jahren zumindest vom Anspruch her ein Paradigmawechsel zum Systemischen durchzusetzen, sofern damit nicht nur eine neuerliche Reduktion auf Familiendynamik verstanden wird: Vom Individuum zum Kontext, z.B. vom behinderten Kind zur Lebenswelt (und natürlich auch wieder zurück)[6].

Allgemeine Gegenüberstellung

 

Medizin der Krankheit

Medizin der Gesundheit

Der Defekt

Die Kompetenz

Gegenstand der Behandlung: der Kranke, der Behinderte, der nach Behandlung suchende

Der Bürger

From cure ...

... to care

Aufteilung in Fachbereiche

Ganzheitliche Dienstleistungen

Modelle des teilhaften Handelns: Reflexe, Tests, Entwicklungsphasen

Modelle des strukturellen Handelns: Ganzheit des Individuums in Bezug auf seine physische und soziale Umwelt

Gegenwart

Zukunft

Erwarten von Antworten

(Reize)

Beobachten von schöpferischen Vorschlägen;

Dialog. Amae.

Negative Semeiotik

(Screening der Pathologie)

Analytische Erfassung

Positive Semeiotik

(Screening der Gesundheit)

Strukturelle Erfassung

Vorbeugung der Krankheit

Therapie des Defekts

Förderung der Gesundheit

... und in der Rehabilitation

Therapeutische Übung

Erfahrung

Die Therapeutische Sitzung (die Behandlung wird dem Therapeuten delegiert)

Beratung (der Therapeut steht mit seinen Kenntnissen zur Verfügung)

Kenntnis von Methoden

Fachkenntnis

Isolierung

Teilnahme am Leben

Trennung vom eigentlichen Lebensraum

in der sozialen Umwelt

Maßnahmen zur Förderung Behinderter

Im Zusammenhang mit Behinderung ist Gesundheit kein gebräuchlicher Begriff. Die Konzentration liegt im Blick auf die Krankheit. Der Blick auf das Nicht-Können, auf der Bewertungsgrundlage des voll funktionsfähigen Körpers, bezieht sich dabei auf Standards der vollen Funktionsfähigkeit aber auch auf anatomische Beschreibungen, die sich historisch auf die Schönheitsideale der klassischen Malerei beziehen. Die Feststellung von objektiver Funktions-Tüchtigkeit/Vollständigkeit hat die Bewertung, leistungsfähig zu sein, in sich. Diese Bewertung von Krankheit/ Behinderung ist aber eine durchaus relative Sache. Wir Behinderte aus der "Selbstbestimmt-Leben-Bewegung" sagen immer wieder: Wir sind nicht krank, wir sind (jenseits irgend welcher notwendiger medizinischer Hilfestellungen) "gesund behindert", werden aber vielfach gesellschaftlich behindert.

Ich möchte nocheinmal auf den entscheidenden Punkt hinweisen. Es geht in der Medizin der Gesundheit darum, Fähigkeiten/ Kompetenzen zu stärken, wie es im Schema von Milani an erster Stelle formuliert ist. Das gilt für die medizinische Rehabilitation genauso, wie für die Pädagogik. Die Förderung der Kompetenz hat Personen wie Maria Montessori (als Ärztin und Pädagogin) und andere bedeutsame PädagogInnen geleitet. Ihnen wurde in der Arbeit mit benachteiligten Kindern klar, daß es nicht darum gehen kann, Kinder an vorgefertigte Vorstellungen anzupassen, sondern daß es darum geht, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Jenseits dessen, daß das schon eine biblische Erkenntnis ist, daß es darum geht, Talente auszuschöpfen und diese nicht verkümmern zulassen, ist es eine (neuerliche?) Erkenntnis unseres Jahrhunderts, wie zentral diese Orientierung an Fähigkeiten ist. Der Blick auf die Kompetenz leugnet nicht den Defekt, ist kein Instrument der Verleugnung und Verdrängung, sondern gibt den Ansatzpunkt für ganzheitliche Verstehensprozesse. Unter dem Diktat des defektologischen Blicks, lernen z.B. wir Behinderte - oftmals im Rahmen von Therapie -, daß wir inkompetent sind. Die Reparatur des Defekts steht in keinem geklärten Verhältnis zu unserer Eigendefinition des Problems, die Definition von außen dominiert.

Ich kommentiere weiter das Schema von Milani: Die Konzentration auf die Kompetenz sollte im Mittelpunkt der medizinischen Rehabilitation, in der gesamten Pädagogik und natürlich auch in der Integrationspädagogik stehen. Die BürgerInnen mit ihren individuellen Rechten sind in den Mittelpunkt zu stellen. Die Aufklärung hat - wie schon beschrieben - durchaus ambivalent zu beurteilende Auswirkungen gehabt. Sie hat aber zu Bürgerrechts-Formulierungen geführt, auf die ich mich berufen möchte, sonst sind wir BürgerInnen nicht Subjekt, sondern Objekt, "Gegenstand von Behandlung: der Kranke, der Behinderte, der nach Behandlung Suchende", nicht Personen, die KundInnen eines Dienstleistungssystems sind. Es geht um die Entwicklung einer Perspektive, daß KundInnen eines Dienstleistungssystems ihre Bedürfnisse primär selbst bestimmen und nicht irgend welche pädagogische oder medizinische "Götter" darüber urteilen, welche Bedürfnisse die primären sind.

Das beginnt mit so "lächerlichen Kleinigkeiten", wie lange in einer Klinik-Ambulanz zu warten ist. Ich kenne es von Innsbrucker Kliniken - und ich nehme nicht an, daß das in anderen Kliniken anders ist - , daß ich um halb acht Uhr morgens in die Ambulanz komme, bei der Anmeldung einen Nummernzettel bekomme und dann um halb ein Uhr mittags zu einem Arzt vorgelassen werde. Niemand vom Personal konnte in der Wartezeit informieren, wie schnell der Ambulanzbetrieb weiterghen würde. In so einer Situation ergeht es mir so, daß ich nach einer halben Stunde Warten aufhöre, ein mitgenommene Buch zu lesen und - wie alle anderen Patienten - lethargisch werde, nur mehr passiv den Ambulanzbetrieb beobachte. Nach vier Stunden Warten stehe ich vor einem Arzt, der mir schnell verschiedene diagnostische Fakten sagt, Anweisungen gibt - ich habe in der Wartezeit völlig vergessen, was ich fragen wollte. Warten fördert nicht nur Vergessen, sondern demoralisiert und unterstützt erstaunlich schnell einen Verlust an Eigenständigkeit. Der Verlust an eigener Identität und der Verlust an Zeitgefühl, eigener Geschichtlichkeit und auch Zukunft in der institutionalisierten Warteposition sind typische Hospitalismus-Erscheinungen, die uns aber oft als Symptom unserer Behinderung ausgelegt wird. So wird das zyklische Behindert-Werden eingeleitet und verstärkt.

Ein bedeutsamer Leitspruch der WHO ist "from cure to care". Es geht dabei darum, Situationen so zu beeinflussen, daß Probleme, wie z.B. Hospitalismus, erst gar nicht entstehen. Vieles, was als Erfolg der kurativen Medizin gilt - z.B. die Erhöhung der Lebenserwartung im Laufe dieses Jahrhunderts - ist vermutlich mehr allgemeinen hygienischen Maßnahmen, zuallererst der Einführung der Kanalisation, zu verdanken, ohne damit die Notwendigkeit kurativer Medizin in irgend einer Form zu bestreiten. Wie ich den WHO-Leitspruch verstehe, ist der Blick auf die Möglichkeit des Verhinderns von Problemen in einem psycho-sozio-somatischen Regelkreis in Zukunft entscheidend zu stärken. Die WHO hat ja auch sehr konsequent eine gemeindenahe "primäre" Gesundheitsversorgung mit multidisziplinärer Zusammenarbeit gefordert.

Dem entspricht auch Milanis Forderung nach ganzheitlichen Dienstleistungen, in denen die einzelnen Fachdisziplinen kein additives Verhältnis zueinander haben, sondern sich gemeinsam und jeweils anders der gemeinsamen Problemstellung nähern. Dabei müssen die verschiedensten Informationen und Erkenntnisse im direkten Dialog sehr viel genauer als üblich ausgetauscht werden und die betroffene Person muß in diesem Dialog entscheidender Informationsträger werden. Teamarbeit ist ein aktuelles Schlagwort, das aber im genannten Sinn kaum praktiziert wird[7].

In welch hohem Maße in der Rehabilitation nicht Dialog, sondern reflexorientiertes Diagnostizieren und Be-Handeln[8] an der Tagesordnung ist, zeigen nicht nur die weiterhin gehandhabten Intelligenztests, sondern zeigt auch, daß fast alle Therapien für Behinderte weiterhin von diesem Modell geleitet werden. Es ist "alte" Pädagogik, daß sich Kinder diszipliniert lernend den vorgegebenen Inhalten anzunähern hätten, wobwei in der Schulpädagogik das Diktat das bekannteste und schrecklichste Beispiel einer inhaltsleeren Reiz-Reaktions-Pädagogik ist (wer hat schon durch Diktate schreiben gelernt! Gelernt wird nur Disziplin und Angst vor dem Schreiben, und Legasthenie!). Aber auch in Physiotherapie, wie ich sie selbst erlebt habe, ist dieses Reiz-Reaktions-Schema weiterhin das vorherrschende Modell. Es gibt definierte Ziele, die erreicht werden sollen und die betroffene Person wird wenig miteinbezogen, ob für sie das Ziel auch stimmig ist. Therapie besteht dann aus üben, üben, üben, üben .... Die betroffenen Personen werden bestenfalls motiviert (mit welchen Verstärkern auch immer), die Motivationen der betroffenen Person und deren psychosoziale Situation werden nachgereiht oder für unbedeutsam erklärt. All dies unterstellt, daß es lineare und kontextunabhängige Entwicklungen (zur Heilung usw.) gibt. Neuere Forschungen haben gezeigt, daß die Vorstellung von linearen Entwicklungsstufen keine realen Entwicklungsbeschreibungen liefern und daß Chaos, Diskontinuität, Zurück- und Stehenbleiben wichtigere Beschreibungsdimensionen liefern, als sie Fortschrittsdiagnosen liefern können[9].

Die Anforderungen an alle psychosozial und rehabilitativ arbeitenden Personen, die sich daraus ergeben, sind, daß im Dialog - und dabei in der Beobachtung der schöpferischen Vorschläge der betroffenen Personen - geklärt werden muß, was das Thema der Rehabilitation sein kann. Die in der Pädagogik/ in der Rehabilitation Tätigen können den betroffenen Personen - ob das Kinder, Jugendliche oder Erwachsene sind, ist dabei unbedeutend - nur begleitend zur Verfügung stehen, in Dialog treten und Gegenvorschläge machen (vgl. Gidoni/Landi 1990). Dabei kann ein gemeinsamer Prozeß entstehen, in dem aber nicht manipulativ für die betroffene Person entschieden wird. Hinter dieser Arbeitshaltung steht ein Urvertrauen gegenüber betroffenen Personen, daß sie selbst an Entwicklung/Heilung usw. interessiert sind. Die übliche Pädagogik hat es uns z.B. abgewöhnt zu glauben, daß die Kinder lernen wollen. Lernschwierigkeiten/ Lernverweigerungen haben aber mehr mit unserem Bildungssystem, seiner Didaktik und seinen statischen Lehrzielen, zu tun, als der Motivation von Kindern und Jugendlichen zu lernen. Schon im Kindergarten wird Kindern vielfach die Freude am Entdecken und Lernen genommen. Vorher hatten Kinder (unter Sicherheit gebenden Bedingungen) eigenständig, dialogisch und "spielerisch" schon außerordentlich viel gelernt (Krabbeln, Gehen, Sprechen usw.) - und es war dazu kein/e LehrerIn da. Wenn ich das jetzt etwas naiv für den Bereich der medizinischen Rehabilitation übersetze, so glaubt auch die rehabilitative Medizin nicht an die eigenständige Entwicklungsmöglichkeit der PatientInnen und glaubt eher, daß sie durch die Medizin geheilt werden müssen.

Die Entwicklungsfähigkeit der Kinder, Jugendlichen, Erwachsenen als "PatientInnen" aufzugreifen, wäre das eigentliche Ziel von Rehabilitation und Pädagogik und in diesem Zusammenhang ist auch die Notwendigkeit des Zurücktretens der ExpertInnen von manipulativ Tätigen zu begleitenden, helfenden Personen noch einmal zu nennen. Es sind allerdings größtmöglich gesicherte und möglichst komplexe/ anregungsreiche Rahmenbedingungen nötig, damit die betroffenen Personen Anregungen für ihre Entwicklung aufgreifen können. Das spricht diametral gegen Heime, gegen Sonderschulen. Es spricht vieles dafür, daß gerade die Personen mit den größten Einschränkungen an Wahrnehmungen, dem größten "Entwicklungsrückstand", den größten Bedarf an alltäglichen Informationen in sog. normalen Umwelten und Bedarf an Teilnahme an komplexen sozialen Systemen haben. Es muß berücksichtigt werden, daß der Mensch primär ein soziales Wesen ist und daß Unterbindung von sozialen Kontakten immer Deprivation mit sich bringt. In diesem Zusammenhang gibt es viele und überraschende Erfahrungen, wie und was in sehr heterogenen Gruppen Kinder von Kindern lernen können. Integration ist die Voraussetzung, daß Rehabilitation überhaupt funktionieren kann. Die fachliche Begleitung an den Orten, wo die betroffenen Personen leben, ist Voraussetzung für fachliche Arbeit und nicht die Überstellung von betroffenen Personen in Zentren, wie humanisiert auch immer sie sind. Goffman hat einmal geschrieben, daß die Humanisierung von Anstalten (Sondereinrichtungen) zur Kolonisierung der Insassen führen kann[10]. So sehr es wichtig ist, in Rehabilitationseinrichtungen alltagsnahe settings zu wählen, so ist es unrichtig zu glauben, Probleme der Entwicklung und Lebenssituation von betroffenen Personen damit adäquat lösen zu können.

Die Grunderkenntnis entsprechend dem Schema von Milani ist - und das haben auch Maturana/Varela auf einer allgemeinen biologischen Ebene gezeigt[11] - , daß in einer Medizin der Gesundheit die Eigenaktivität des Menschen und die Berücksichtigung des Kontextes zentralen Platz bekommen müssen. Wir müssen lernen, der Fähigkeit zu Eigenaktivität zuarbeiten und entsprechende Anregungen und Maßnahmen zu bieten. Dazu ist die Kooperation von allen Fachdisziplinen - ohne Reduktion des jeweiligen Problems auf einen Defekt - auf dem höchsten fachlichen Niveau nötig.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.



[1] Die folgenden historischen Darstellungen/ Zitate sind dem leider völlig vergriffenen Buch von Inhghwio aus der SCHMITTEN, 1985 entnommen.

[2] Itard versuchte auch ein "wildes Kind - Vicor von Aveyron" zu erziehen und wurde durch seine Erziehungsberichte 1801 und 1806 berühmt. Vgl. dazu: Lucien MALSON/ Jean ITARD/ Octave MANNONI, 1972

[3] Vgl. dazu z.B Aussagen von Univ.Prof. Marian HEITGER in einem Leserbrief an die Tageszeitung "Die Presse" vom 27.12.94: "Wo Integration in ihrer institutionellen Verengung zum Prinzip der Heilpädagogik gemacht wird, da entsteht der Verdacht, daß der Behinderte für eine Ideologie instrumentalisiert wird; da wird er auch instumentalisiert für einen fragwürdigen Begriff von 'sozialem Lernen'."

[4] Adreano MILANI-COMPARETTI/ Otto ROSER, 1987

[5] vgl. dazu z.B. die psychoanalytische Studie zum Behindert-Werden von Dietmut NIEDECKEN, 1989

[6] Vgl. dazu das sehr zu empfehlende Buch von Hans von LÜPKE/ Reinhard VOSS, 1994.

[7] Vgl. als Beispiel: Hans von LÜPKE/ Reinhard VOSS: Individuum und Kontext im therapeutischen Setting: Auszug aus einer Diskussion. In: LÜPKE/ VOSS (Hg.), a.a.O., S. 120-127

[8] Vgl. dazu: Hans-Michael STRASSBURG: Von einer reflexorientierten zu einer mehrdimensionalen Entwicklungsbeurteilung. In: LÜPKE/ VOSS (Hg.), a.a.O., S. 58-71

[9] Vgl. dazu: Hans von LÜPKE: Das Spiel mit der Identität als lebenslanger Entwicklungsprozeß. In: LÜPKE/ VOSS (Hg.), a.a.O., S. 82-93

[10] Vgl. GOFFMAN, a.a.O., S. 66f

[11] "Unser Vorschlag ist, daß Lebewesen sich dadurch charakterisieren, daß sie sich - buchstäblich - andauernd selbst erzeugen. Darauf beziehen wir uns, wenn wir die sie definierende Organisation autopoietische Organisation nennen." (MATURANA/ VARELA, S. 50)

Literatur:

Anna GIDONI /Nerina LANDI: Therapie und Pädagogik ohne Aussonderung. Italienische Erfahrungen, in: TAFIE (Hg.): Pädagogik und Therapie ohne Aussonderung (Verlag TAK, Innsbruck 1990), S. 77-94

Ervin GOFFMAN: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen (Suhrkamp, Frankfurt 1972)

Hans von LÜPKE: Das Spiel mit der Identität als lebenslanger Entwicklungsprozeß. In: LÜPKE/ VOSS (Hg.), a.a.O., S. 82-93

Hans von LÜPKE/ Reinhard VOSS (Hg.): Entwicklung im Netzwerk. Systemisches Denken und professionsübergreifendes handeln in der Entwicklungsförderung (Centaurus-Verlagsgesellschaft, Pfaffenweiler 1994)

Hans von LÜPKE/ Reinhard VOSS: Individuum und Kontext im therapeutischen Setting: Auszug aus einer Diskussion. In: LÜPKE/ VOSS (Hg.), a.a.O., S. 120-127

Humberto R. MATURANA/ Francisco J. VARELA: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens (Scherz Verlag, Bern/München 1987)

Lucien MALSON/ Jean ITARD/ Octave MANNONI: Die wilden Kinder (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1972)

Adreano MILANI-COMPARETTI/ Otto ROSER: Förderung der Normalität und der Gesundheit in der Rehabilitation. Voraussetzungen für die reale Anpassung behinderter Menschen. In: Michael WUNDER/ Udo SIERCK (Hg.): Sie nennen es Fürsorge. Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand (Verlag Dr. Med. Mabuse, Frankfurt 1987), S. 77-88

Dietmut NIEDECKEN: Namenlos. Geistig Behinderte verstehen (Piper Verlag, München 1989)

Peter SINGER: Praktischen Ethik (Reclam, Stuttgart 1984)

Inhghwio aus der SCHMITTEN: Schwachsinnig in Salzburg. Zur Geschichte einer Aussonderung (Werkstatt, Salzburg 1985)

Hans-Michael STRASSBURG: Von einer reflexorientierten zu einer mehrdimensionalen Entwicklungsbeurteilung. In: LÜPKE/ VOSS (Hg.), a.a.O., S. 58-71

Über den Autor:

Univ. Doz. Dr. Volker Schönwiese

Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck

Liebeneggstr. 8

A-6020 Innsbruck

Tel.: 0512-507-4049, Fax: 0512-507-2880

e-mail: Volker.Schoenwiese@uibk.ac.at

Quelle:

Volker Schönwiese: Behinderung - Rehabilitation - Integration

Referat beim Symposium "Rehabilitation - Integration. 20 Jahre Kinderneurologie am Rosenhügel", Neurologisches Krankenhaus der Stadt Wien, 5. Mai 1995

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 07.11.2006

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation