Hören - Spüren - Spielen

Musik und Bewegung mit gehörlosen und schwerhörigen Kindern

AutorIn: Shirley Salmon
Themenbereiche: Rezension
Textsorte: Rezension
Copyright: © Shirley Salmon 2006

Titelseite:

Buchinformationen:

AutorIn/Hrsg.: Shirley Salmon (Hrsg.)

Titel: Hören - Spüren - Spielen. Musik und Bewegung mit gehörlosen und schwerhörigen Kindern.

Infos: zeitpunkt Musik. Forum zeitpunkt. Reichert Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN:

Kurzbeschreibung:

Buchbesprechung von Michaela Widmer

"Ich persönlich muss jede Fiber meines Seins öffnen, um Musik zu geben und zu empfangen" (S. 8), schreibt Evelyn Glennie in ihrem Vorwort; "(...) gerade die Geige hat meine Leidenschaft bis heute zur Musik erhalten. Das saubere Stimmen, auf die Intonation achten, das feine Hinhören lagen mir" (S. 16), betont Helga Wilberg. "Ich begann, nur auf die Musik zu hören und mich dementsprechend danach zu bewegen. Ich lernte zu improvisieren (...)" (S. 24), beschreibt Elke Barthlmä ihre Tanzlust, und Paul Whittaker zählt die Stationen seiner Entwicklung zum Musiker auf: "Im Alter von nur fünf Jahren beschloss ich, Klavier zu lernen. Zwei Jahre später trat ich dem örtlichen Kirchenchor bei und entwickelte durch die Chorarbeit ein Interesse an der Orgel, die ich im Alter von zwölf Jahren zu spielen lernte. Mit 14 Jahren übernahm ich die Verantwortung für meinen eigenen Chor" (S. 32). Beschreibungen rund um Erlebnisse und Erfahrungen mit Musik, die viele von uns so oder so ähnlich auch geben könnten. Was ist also daran so besonders, dass ich diese Rezension damit beginne?

Wer den Untertitel des zu rezensierenden Buches gelesen hat, ahnt die Besonderheit: Alle vier Menschen, die einleitend in dem von Shirley Salmon herausgegebenen Band ihren Werdegang im Erlebnis und Arbeitsfeld Musik beschreiben, sind seit Geburt hochgradig schwerhörig, teilweise im Laufe ihrer Kindheit gänzlich ertaubt. Für mich war es aufregend, die Berichte dieser "betroffenen Experten" zu lesen, um beschämt festzustellen, mit wie vielen Vorurteilen und mit welch großer Uninformiertheit ich dem Thema "Music and the Deaf" gegenüberstehe, wie Paul Whittaker seine ambitionierte Organisation in Großbritannien nennt, die seit 1988 unzählige Musik, Tanz und Theaterprojekte mit und für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen durchführt. Shirley Salmon sinniert in ihrer Einleitung über den gewählten Titel des Buches. Da sie auch Beiträge englischsprachiger AutorInnen aufgenommen hat und selbst Engländerin ist, fiel ihr beim Versuch der Übersetzung die Mehrdeutigkeit hinter den Begriffen "Hören - Spüren -Spielen" auf. Sie schreibt: "Der Titel: ,Hören - Spüren - Spielen' oder in der Übersetzung: 'Listening - Feeling - Playing' bzw. 'Hearing - Sensing - Playing' verweist sowohl auf akustische, vibratorische, taktile, emotionale und soziale Reize als auch auf ihre Wahrnehmung und aktive Gestaltung. Hinter Hören steckt auch die individuelle Aktivität des Zuhörens. Spüren kann sowohl vibratorische, taktile, emotionale oder kinästhetische Reize und Empfindungen bedeuten wie auch die emotionale Ebene des Fühlens. Spielen bezieht sich nicht nur auf das Spielen von Instrumenten, Geschichten oder Bewegungsspielen, sondern auch auf Spiel, das einerseits ‚play' und andererseits ‚games' bedeutet" (S. 11).

Salmon hat dem Buch einen logischen Aufbau gegeben, den man als LeserIn schon beim Studium des Inhaltsverzeichnisses sofort nachvollziehen kann. Im ersten Teil unter dem Titel "Viva la musica" kommen u. a. die oben bereits kurz zitierten ExpertInnen zu Wort, die auf sehr persönliche Weise über ihre Entwicklung als hörbeeinträchtigte Menschen in der Welt der Hörenden berichten, insbesondere in Bezug auf ihre Wünsche, sich musizierend und tanzend auszudrücken und (zum Teil auch beruflich) zu betätigen. Im zweiten Teil wird den theoretischen Grundlagen Raum gegeben, und hier hat Salmon AutorInnen zur Mitarbeit eingeladen, die - wie sie schreibt - "bedeutende Entwicklungsthemen erläutern, die für alle Kinder, aber speziell für hörbeeinträchtigte Kinder relevant sind" (S. 12). Georg Feuser (Universität Bremen/Zürich) schreibt zum Thema "Zeit und Rhythmizität als Grundprozesse des Lebens und der Verständigung"; Sigrid Köck-Hatzmann (Universität Innsbruck) hat ihrem Beitrag den bedenkenswerten Titel "Über Wirklichkeiten, die Möglichkeiten eröffnen - über Möglichkeiten, die Wirklichkeiten schaffen" gegeben; Helga Neira Zugasti (Musikuniversität Wien) beschäftigt sich mit entwicklungsdynamischen Aspekten der Rhythmik. Manuela Prause-Weber (Universität Köln) bemüht sich schlüssig um eine interdisziplinäre Standortbestimmung musikalisch-heil-pädagogischer Konzeptionen, und Ulrike Stelzhammer (z. Z. Doktorandin an der Universität Mozarteum Salzburg) gibt Einblicke in die Erforschung der Musikwahrnehmung des (hörbeeinträchtigten) Menschen unter dem Titel "Zwischen Musikpädagogik und Naturwissenschaft".

"Praktische Grundlagen" präsentiert der dritte Teil, der Ansätze vorstellt, die nun verschiedene Altersgruppen in den Blick nehmen, vor allem aber auch PädagogInnen und KünstlerInnen europaweit zu Wort kommen lassen. Die Beiträge kommen aus Österreich (Shirley Salmon), der Schweiz (Susann Schmidt-Giovanni) Dänemark (Claus Bang), Italien (Giulia Cremashi Trovesi) und Großbritannien (Naomi Benari). Thematisiert werden: die Rolle der Musik als Weg zum Dialog (Salmon), dass Musik auch schon ein Thema war, bevor es Hörgeräte gegeben hat (Schmidt-Giovanni), was unter musikalischer Sprachtherapie zu verstehen ist (Bang), wie Musiktherapie mit gehörlosen Kindern angelegt werden kann (Trovesi) und wie es sich mit unserem "Inner Rhythm", dem "Rhythmus in uns" verhält (Benari). Der vierte und letzte Teil "Praxisfelder" beinhaltet sechs Beiträge, die von der Frühförderung (Christine Kiffmann-Duller), der Arbeit mit der Orff-Musiktherapie des Kinderzentrums München (Regina Neuhäusel, Ursula Sutter, Insa Tjarks), einem Familien-Impulsprojekt mit Musik und Sprache (Katharina Ferner, Ulrike Stelzhammer) bis hin zu einer kreativen Festgestaltung mit selbst erfundenen Liedern (Wolfgang Friedrich) und der Bedeutung von Spielliedern in inklusiver Unterrichtsgestaltung mit hörenden und hörbeeinträchtigten Kindern berichten. Den Abschlussbeitrag hat Christine Rocca gestaltet. Sie befasst sich mit dem auftauchenden "musikalischen Selbst" und geht der Rolle des musiktherapeutischen Ansatzes nach Nordoff-Robbins mit Teenagern an den Mary Hare-Schulen für Gehörlose in England nach.

Shirley Salmon ist es als Herausgeberin gelungen, einen Sammelband vorzulegen, dem ich bei PädagogInnen sowie KünstlerInnen, die schulisch und außerschulisch mit hörbeeinträchtigten Menschen arbeiten und spielen, größte Beachtung und eine entsprechende Verbreitung wünsche. Ganz im Sinne der Herausgeberin dürfte es aber sein, wenn - inklusiv gedacht - MusikpädagogInnen, Musik-, Bewegungs-und TanzerzieherInnen, MusikerInnen und TänzerInnen dieses Buch zur Hand nehmen würden, um - wie ich selbst - mehr zu erfahren über schwer- oder besser andershörende Menschen, um diese in die eigene kreative Arbeit mit Musik und Tanz einzubeziehen und so dazu beizutragen, dass es in - vermutlich ferner Zukunft - überhaupt keine Spezialschulen, -therapien und -pädagogiken mehr geben muss!

Manuela Widmer

Quelle:

Rezensiert von Manuela Widmer

Entnommen aus: ORFF Schulwerk Informationen Nr. 77, 2007; Herausgegeben von Universität Mozarteum Salzburg

bidok-Rezensionshinweise

Stand: 09.12.2008

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