Fremdbild und Selbstbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung"

AutorIn: Kassandra Ruhm
Themenbereiche: Disability Studies
Textsorte: Diplomarbeit
Releaseinfo: Diplomarbeit an der Ruhr-Universität Bochum. Fakultät für Psychologie. Bochum, Mai 1999. 1. Gutachter: Prof. Dr. Rainer Sachse. 2. Gutachter und Betreuer: Dr. Ekkehard Müller-Eckhard.
Copyright: © Kassandra Ruhm 1999

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

In dieser Arbeit möchte ich mich mit dem Bild, das "Nichtbehinderte" von Frauen und Lesben mit "Behinderung" haben (Fremdbild) und mit dem Bild, das diese Frauen selbst von sich haben (Selbstbild), näher beschäftigen. Ich beziehe mich dabei auf die aktuelle Situation in der Bundesrepublik. Ich möchte Aussagen dazu innerhalb der Literatur (wissenschaftlicher und nichtwissenschaftlicher) sammeln und zusammenstellen und das Fremd- und das Selbstbild darüber hinaus mit Hilfe von Interviews einerseits mit Menschen ohne "Behinderung" und andererseits mit Frauen und Lesben mit "Behinderung" erheben. Es gibt zwar durchaus Literatur und wissenschaftliche Untersuchungen über Menschen mit "Behinderung", diese bezieht sich jedoch meist auf Männer (Eiermann; Häußler und Roth, 1997) oder bezieht den frauenspezifischen Aspekt nicht mit ein. Es gibt fast keine Literatur zu Lesben mit "Behinderung" und die wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Thema Menschen mit "Behinderung" wird in der Regel von "Nichtbehinderten" geführt und baut auf deren Fremdbild auf. Das Bild, das Menschen mit "Behinderung" von sich selbst zeichnen könnten, wird wenig berücksichtigt. Daher halte ich es für sinnvoll, mich in dieser Arbeit auf Frauen mit "Behinderung" zu beziehen, Lesben mit "Behinderung" bewußt mit einzubeziehen und sowohl Fremd- als auch Selbstbild getrennt voneinander herauszuarbeiten, zu erheben, gegenüberzustellen und zu vergleichen. Da ich es für sinnvoll halte, daß Forschung zum Thema "Menschen mit "Behinderung"" von Menschen mit und ohne "Behinderung" betrieben wird, es aber z.Zt. einen Überhang von UntersucherInnen ohne "Behinderung" gibt, sehe ich es als einen Vorteil an, daß ich selbst "behindert" bin. Dies erleichtert mir außerdem, an einige Informationen zu kommen und erhöht die Offenheit und Bereitschaft der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung". Da ich, grob gesehen, erst nach Beginn meines Studiums "behindert" wurde, sind mir sowohl die Sichtweise von "nichtbehinderter" als auch von "behinderter" Seite aus vertraut, was ein unschätzbarer Vorteil für meine Arbeit ist.

Menschen mit und ohne "Behinderung" leben in dieser Gesellschaft in vielen Lebensbereichen weitgehend getrennt voneinander (Lorbeer, 1988; Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, 1993). Noch immer ist eine integrative Beschulung die Ausnahme und ein von "Nichtbehinderten" getrenntes Aufwachsen in Sonderkindergärten und Sonderschulen für Menschen mit "Behinderung" die Regel. Daran schließt sich oft entweder Arbeitslosigkeit oder eine Beschäftigung in einer "geschützten Werkstatt für Behinderte", wieder getrennt von Menschen ohne "Behinderung", an. Auch die Berufsausbildung müssen Menschen mit und ohne "Behinderung" meist in getrennten Ausbildungsstätten absolvieren. Viele Menschen mit "Behinderung" leben in Heimen oder ohne eigene Wohnung bei ihren Eltern, auch, wenn sie schon erwachsen sind. Darüber hinaus ist eine Teilnahme am öffentlichen Leben oft nur bedingt möglich, da öffentliche Verkehrsmittel für viele Menschen mit "Behinderung" nur eingeschränkt nutzbar sind, sie in Wohnungen leben, die sie nicht allein verlassen können, "Behinderten"-Einrichtungen oft außerhalb liegen, Gebäude nicht mit Rollstuhl befahrbar sind, Veranstaltungsinformationen nicht in seh"behinderten"-gerechter Medienform vorliegen, Veranstaltungen oder gar Gespräche innerhalb privater Kontakte nicht in Gebärdensprache gedolmetscht werden oder ihnen Hilfspersonen fehlen.

Obwohl ca. 10% der Bevölkerung der BRD "behindert" sind (Hessisches Mini-sterium für Frauen, Arbeit und Sozialordnung, 1994; Freyjer 1993), haben, wie die LeserIn leicht für sich selbst nachvollziehen kann, die meisten Menschen ohne "Behinderung" jedoch nur einen wesentlich geringeren Teil an Menschen mit "Behinderung" in ihrem persönlichen Umfeld oder Bekanntenkreis.

Da also zwischen den Gruppen der Menschen mit und ohne "Behinderung" nur ein eingeschränkter Kontakt besteht, ist es für Menschen ohne "Behinderung" schwer, sich ein der Realität angepaßtes Bild von Menschen mit "Behinderung" zu machen. Sie können nur auf wenige direkte Informationsquellen zurückgreifen, was die Vermutung nahelegt, daß ihr "Behinderten"-Bild durch diese Erschwernis nur ein eingeschränktes, verzerrtes Bild von tatsächlichen Menschen mit "Behinderung" wiederspiegelt.

Wenn sich in der Untersuchung etwas anderes herausstellt, würde mich das natürlich freuen.

Auch, um diese Vermutung bezüglich eines verzerrten Fremdbildes kritisch zu überprüfen, möchte ich Fremd- und Selbstbild von Menschen mit "Behinderung" gegenüberstellend vergleichen. Natürlich wird auch das Selbstbild von Menschen mit "Behinderung" nicht die exakte Realität wiedergeben, es ermöglicht jedoch einen genaueren Einblick in ihre Lebenswelt und kann Möglichkeiten aufzeigen, wie das Bild von Menschen mit "Behinderung", insbesondere von Frauen und Lesben mit "Behinderung", bei besserer Kenntniss ihrer Lebenssituation, ihrer Fähigkeiten und Einschränkungen sein könnte.

Gegenüber Frauen besteht noch immer ein anderes Bild und eine andere Rollenerwartung als gegenüber Männern (Lorbeer, 1988). In Bezug auf Lesben und Schwule verändert sich die "öffentliche Meinung" erst in jüngerer Zeit rapide in Richtung auf eine größere gesellschaftliche Akzeptanz. So wurde z.B. erst vor einigen Jahren "Homosexualität" aus der Krankheitsklassifikation der WHO (Welt-Gesundheits-Organisation) herausgenommen, zuvor galt sie als Krankheit. Diese Aspekte spielen vermutlich auch für die Situation und Fremd- und Selbstbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung" eine Rolle.

Laut Zemp (1993), Köbsell & Strahl (1993), Hessisches Ministerium für Frauen, Arbeit und Sozialordnung (1994, S.51) und der Senatsverwaltung für Arbeit und Frauen Berlin (1995) werden Frauen mit "Behinderung" nicht als Frauen angesehen, sondern als "Neutren". Daher finde ich es interessant, meine Diplomarbeit auf die besondere Situation von Frauen mit "Behinderung" zu beziehen und die geschlechtsspezifischen Unterschiede zu beachten. In Anlehnung an die Theorie von Frauen mit "Behinderung" als sexuellen Neutren wird vermutlich Lesben mit "Behinderung" ihre sexuelle Orientierung abgesprochen (Kassandra, 1994). Ich erhoffe, auch hierzu durch die Befragung der Versuchspersonen nähere Erkenntnisse zu gewinnen.

Ich halte eine Auseinandersetzung zum Thema meiner Diplomarbeit im besonderen für interessant und wichtig, da "Prozesse der sozialen Identität Auswirkungen auf das Intergruppenverhalten haben können" (Tajfel, 1978b; Tajfel & Turner, 1979).

Es entsteht der Eindruck, daß aufgrund mangelnder Möglichkeiten das Verhältnis von Menschen ohne "Behinderung" gegenüber Menschen mit "Behinderung" durch wenig Wissen durch nur eingeschränkte persönliche Kontakte und Erfahrungen geprägt ist und es hierdurch zu Vorurteilen und Schwierigkeiten kommt.

Ich möchte die Aufklärung zur sozialen Identität von Menschen mit "Behinderung" und zur Einstellung von "Nichtbehinderten" ihnen gegenüber förden und somit den Weg zu einer Verbesserung des Intergruppenverhaltens ebnen.

Leider mußte ich bei meinem bisherigen Sichten der entsprechenden Literatur das Fremdbild als weitgehend durch negative Stereotype und durch Vorurteile geprägt vorfinden. Beispielsweise spricht Bonfranchi (1996) von einer versteckten oder verdeckten Ablehnung als Einstellung gegenüber Behinderten und Steinhausen & Weferssprechen (1980) äußern, daß das Fremdbildes vom körperbehinderten Kind ein ausgeprägt negatives Stereotyp ist.

Da Einschätzungen der anderen Gruppe gegenüber das Intergruppenverhalten beeinflussen (Goffmann, 1967 in seinem bedeutenden Buch "Stigma"; Tajfel, 1978b; Tajfel & Turner, 1979), wird durch solcherlei stereotype und oft leider negative Einstellungen das Verhältnis zwischen "Nichtbehinderten" und Frauen mit "Behinderung" beeinflußt, vermutlich in ebenfalls negativer Weise.

Wenn durch Stereotype eine starke Rollenerwartung oder ein festgelegtes Bild gegenüber von Frauen mit "Behinderung" besteht, fällt es Menschen ohne "Behinderung" schwer, ein Nicht-Übereinstimmen dieser Frauen mit den Erwartungen unvoreingenommen wahrzunehmen. Wenn Frauen und Lesben mit "Behinderung" Ausbruchsversuche aus der ihnen zugedachten Rolle unternehmen, werden diese von Menschen ohne "Behinderung" oft "übersehen". Dies be-stätigen u.a. Ewinkel; Hermes et al. (1985) in ihren Ausführungen zu "behinderten" Müttern und zu anderen Lebensbereichen. Hiernach werden Frauen und Lesben mit "Behinderung" durch das Fremdbild weiter eingeschränkt.

Ich hoffe, daß meine Diplomarbeit eine Hilfe für spätere LeserInnen sein kann, ebendieses Fremdbild kritisch zu reflektieren und dadurch die Einschränkungen durch selbiges im täglichen Leben sowohl für Menschen mit als auch ohne "Behinderung" zu verringern.

Die Wichtigkeit, das "Behinderten"-Bild kritisch zu reflektieren, zeigt sich darüber hinaus in folgender programmatischer Aussage der bedeutenden "Weltorganisation der Behinderten" (DPI): "Alle DPI-Aktivitäten zielen letztendlich darauf ab, sowohl die Behinderten als ihre Mitbürger bezüglich der Vorurteile über Behinderung, der Hindernisse zu gesellschaftlicher Teilnahme sowie der Fähigkeiten der Behinderten aufzuklären." (Disabled Peoples' International, 1997).

Sowohl für die Beratung und Therapie von nahestehenden Personen von Menschen mit "Behinderung" als auch für die Arbeit mit ihnen selbst ist eine kritische Auseinandersetzung mit dem Fremd- und dem Selbstbild von Frauen bzw. Menschen mit "Behinderung" von Nutzen. Z.B. bei der Beratung von (werdenden) Eltern von Kindern mit "Behinderung", die häufig Probleme mit der "Behinderung" ihres Kindes haben bzw. mit dem, was ihnen dazu an Vorstellungen nahegelegt wird. Diese Vorstellungen können heute bis hin zu Diskussionen über den "Lebenswert" der Kinder und ob es besser wäre, sie wären tot, gipfeln.

Daher ist eine positive Auseinandersetzung mit dem Thema für (werdende) Eltern "behinderter" Kinder besonders wichtig. So fand auch Eva-Maria Pfeiffer (1986) in ihrer Dissertation heraus, daß Frauen, die vor der Geburt ihres "behinderten" Kindes Kontakt mit Menschen mit "Behinderung" hatten, die neue Erfahrung, ein "behindertes" Kind zu haben, mit geringeren und zeitlich begrenzten Einschränkungen ihrer Identität verarbeiteten. Auch die Sozialentwicklung der Kinder verlief signifikant günstiger.

Ebenso ist für ein therapeutisches Arbeiten mit Frauen mit "Behinderung" eine gewisse Kenntnis ihrer Lebenssituation und der Rollenerwartungen, die an sie gestellt werden, nötig. Für Beratungssituationen mit Lesben mit "Behinderung" kann es wichtig sein, sich mit der Einstellung zur Sexualität "behinderter" Frauen und zu lesbischen Lebensweisen auseinandergesetzt zu haben. Für diese Fälle kann meine Diplomarbeit hoffentlich von Nutzen sein. Eine Verbesserung der therapeutischen Situation von Frauen mit "Behinderung" und ihres nahen Umfeldes halte ich für sehr wünschenswert.

Derzeit beschreiben viele Frauen mit "Behinderung" die Situation der vorhandenen Therapiemöglichkeiten als unbefriedigend.

Nachfolgend gebe ich einen kurzen Überblick über den inhaltlichen Aufbau der Arbeit:

Im zweiten Kapitel stelle ich allgemeine sozialpsychologische Theorien dar, die mit Selbstbild, Fremdbild und nahestehenden Begriffen zu tun haben. Im dritten Kapitel beschreibe ich aus verschiedenen Perspektiven das Bild von Frauen und Lesben mit "Behinderung". Die Ableitung der Fragestellung aus den theoretischen Vorüberlegungen ist Inhalt des vierten Kapitels. Im fünften Kapitel beschäftige ich mich mit den Methoden und meiner Entscheidung für ein qualitatives Paradigma und erläutere mein methodisches Vorgehen im Einzelnen. In Kapitel sechs stelle ich die Ergebnisse der Untersuchung dar und diskutiere sie im darauffolgenden Kapitel in Bezug zu den theoretischen Überlegungen aus Kapitel zwei und drei. In Kapitel acht reflektiere ich meine Arbeit und schließe mit einem Ausblick. In Kapitel neun findet sich die Literaturliste.

2. Sozialpsychologische Theorien

In diesem Kapitel werde ich verschiedene sozialpsychologische Theorien vorstellen, die im Zusammenhang meiner Diplomarbeit von Belang sind.

Das erste Unterkapitel, 2.1, widmet sich Theorien zum Selbstbild,

Kapitel 2.2 befaßt sich mit dem Fremdbild,

Kapitel 2.3 mit Theorien zur sozialen Identität,

Kapitel 2.4 behandelt die soziale Rolle,

Kapitel 2.5 das Vorurteil,

Kapitel 2.6 gibt übergreifende Gedanken zu den voherigen 5 Begriffen wieder und

Kapitel 2.7 faßt zusammen.

2.1 Selbstbild

Ein Selbstbild ist das Bild, das sich Menschen von sich selbst machen. Einerseits kann das Selbstbild stärker individuelle Vorstellungen und Abweichungen von Normen wiedergeben, als die Bilder, die andere Personen oder verallgemeindernde gesellschaftliche Vorstellungen von dem entsprechenden Gegenüber zeigen. Andererseits bilden Menschen ihr Selbstbild nicht im "luftleeren Raum". Nach McGuire & McGuire (1988) nehmen Menschen sich selbst vorwiegend in der Differenz zur sozialen Umwelt wahr. Das Selbstbild ist durch die Sozialisation geprägt und mit gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenzuschreibung verwoben (vgl. Friske, 1995, S.38 f).

Nach Külpmann (1997, S.20) wird das Selbstbild einerseits durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und andererseits durch Interaktion und Vergleich mit andern Menschen beeinflußt und ist somit ein Produkt sozialer Vergleichsprozeße.

Das Selbstkonzept setzt sich nach Frey & Haußler (1987) aus drei Arten von Selbstbildern zusammen: Dem kognitiven, dem konativen und dem affektiven Selbstbild.

  1. Das kognitiven Selbstbild beinhaltet Eigenschaften und Merkmale, die eine Person sich selbst zuschreibt.

  2. Das konativen Selbstbild umfaßt die eigenen Handlungsmöglichkeiten.

  3. Das affektiven Selbstbild wird auch als "Selbstwertgefühl" bezeichnet und bezieht sich auf die Bewertung des kognitiven und des konativen Selbstbildes (Witte & Linnewedel, 1993). (Vgl. auch Külpmann, 1997, S.12)

Fremdbild und Selbstbild sind nicht konstant, sondern entwickeln sich stetig unter mehr oder weniger wechselseitiger Beeinflussung.

2.2 Fremdbild

Ebenso wie eine "Fremdbeobachtung" die Beobachtung von Fremden (Eysenck & Meile, 1987) und die "Fremdgruppe" die Gruppe ist, zur der eine Person nicht gehört (Stroebe, 1996, S.623), ist das Fremdbild das Bild, das sich Menschen von einer andern, 'fremden' Person machen im Gegensatz zu dem Bild, das von sich selbst bzw. Mitgliedern der eigenen Gruppe gemacht wird.

Das Fremdbild kann sich auf Menschen beziehen, mit denen wir mehr oder weniger Lebensbereiche teilen und persönlich Erfahrungen gemacht haben und somit mehr oder weniger auf tatsächlichen Erfahrungen oder auf Vorurteilen beruhen. In wie großem Ausmaß und mit welchem Inhalt im gesellschaftlichen Kontext Aussagen, Informationen, Stereotype, Meinungen über Mitglieder der entsprechenden Gruppe vermittelt werden, hat Einfluß auf das Fremdbild und auf den Grad der Übereinstimmung zwischen Fremd- und Selbstbild. Auch laut Külpmann (1997, S.11) ist "Die Wahrnehmung eines anderen Menschen (...) jedoch kein "objektiver Prozeß". Die Kognition wird vielmehr von verschiedenen Merkmalen, wie z.B. der Art der Beziehung, dem persönlichen Hintergrund des Beobachters oder der Sozialisation beider Interaktionspartner beeinflußt." Des weiteren benutzt ein Individuum nach Tajfel (1982) "Stereotyp als Hilfe bei der kognitiver Strukturierung seiner sozialen Umwelt und damit unter den entsprechenden Umständen als Handlungsrichtlinie". Laut Brown (1996, S. 563) schätzen Menschen darüber hinaus den Wert und das Prestige ihrer Eigengruppe durch den Vergleich mit anderen Gruppen ein. Dies kann zu einem positiven, selbstwerterhöhenden Effekt eines negativen Fremdbildes gegenüber einer anderen Gruppe führen.

Das Fremdbild erfüllt somit manigfaltige Funktionen von der Selbsteinschätzung und Selbstaufwertung über die Strukturierung der Umwelt bis zur Handlungsleitung zwischen Gruppen.

2.3 Soziale Identität

Soziale Identität ist nach Stroebe et al. (1996, S. 631) "das aus der Gruppenzugehörigkeit resultierende Gefühl einer Person dessen, wer oder was sie ist." (vgl. Mead, 1934). Auf die Frage: "Wer bin ich?", die mehrfach in Untersuchungen gestellt wurde, werden im allgemeinen als Selbstbeschreibung u.a. mehrere Gruppenzugehörigkeiten aufgeführt (Kuhn & McPartland, 1954).

Soziale Identität hängt einerseits mit Gruppenzugehörigkeit und andererseits mit der Bewertung dieser Gruppen zusammen: So formuliert Tajfel (1982), man könne "soziale Identität als den Teil des Selbstkonzepts eines Individuums ansehen, der sich aus seinem Wissen um seine Mitgliedschaft in sozialen Gruppen und aus dem Wert und der emotionalen Bedeutung ableitet, mit der diese Mitgliedschaft besetzt ist."

Nach Tajfel & Turners (1979) Erweiterung Festingers Theorie der sozialen Vergleiche (1954) versuchen Individuen, die Eigengruppe in aufwertender Weise von Fremdgruppen zu unterscheiden. Bei diesem Versuch träte ein Beurteilungsfehler zu Ungunsten der Fremdgruppe auf. Dies nennt Tajfel "Herstellen positiver Distinktheit" (Tajfel, 1978, S.83). Darauf aufbauend untersuchten Oakes & Turner (1980) und Lemyre & Smith (1985) in Experimenten den Zusammenhang von Intergruppendiskriminierung und Selbstwertschätzung und stellten fest, daß durch die Gelegenheit zur Diskriminierung zwischen Gruppen die Einschätzung des Selbstwertes erhöht wird. Dies ist eines der Beispiele zugunsten der Theorie, daß Prozesse der sozialen Identität Auswirkungen auf das Intergruppenverhalten haben können (Tajfel, 1978b; Tajfel & Turner, 1979).

2.4 Soziale Rolle

Die "Rolle" ist die "mit einer bestimmten sozialen Position verknüpfte Verhal-tensform" (Stroebe et al., 1996, S. 630).

Der Rollentheorie geht es darum, "Handeln als eingebettet in ein soziales System zu begreifen, das die Handlungsmöglichkeiten vorschreibt" (Witte, 1989, S. 31). "Diese Verhaltensnormierung ist vor allem dann von Bedeutung, wenn sich zwei Personen als Vertreter zweier Gruppen gegenübertreten. Dann werden die individuellen Handlungsspielräume durch Konformität eingeengt." (Witte 1989, S. 429). Daher hat gerade die Theorie der sozialen Rolle eine große Bedeutung für die Interaktion zwischen Menschen, insbesondere Frauen und Lesben, mit "Behinderung" und sog. "Nichtbehinderten", da ersteren oft mit deutlich anderen Rollenerwartungen begegnet wird, als ihnen angemessen wäre.

Des weiteren postuliert das Rollenkonzept eine Komplementarität der Rollen. Diese Komplementarität kann auch eine Komplementarität der Rollen "NichtbehinderteR" und "BehinderteR" sein, was wiederum Auswirkungen auf die Entwicklung von Fremd- und Selbstbild hat.

2.5 Vorurteil

1964 äußerte Westie über das Vorurteil: "Das Vorurteil ist innerhalb der Kultur in der Form von normativen Vorschriften ausgeprägt, welche die Art und Weise bestimmen, in der Gruppenmitglieder sich in Beziehung zu bestimmten Fremdgruppen verhalten sollten." (Westie 1964, S. 583). Es trägt somit zu der Regelung des Intergruppenverhaltens bei. Dies bestätigt auch Tajfel (1982) mit folgender Aussage: "Wenn sie (Stereotype (B.-U. R.)) jedoch einmal existieren, dann werden sie auch zu kausalen Faktoren, die bei der Analyse von Intergruppenbeziehungen in Betracht gezogen werden müssen.".

Soziale Vorurteile beruhen nach Witte 1989, S. 426 auf einer internen Differen-zierung der Gesellschaft in relevante Untergruppen sowie auf einer externen Unterteilung in verschiedenen Nationen.

"Wir erhalten in der Sozialisation Informationen über soziale Kategorien, ohne diese durch direkten Kontakt erworben zu haben." (Witte 1989, S. 426). Unsere Wahrnehmungsprozesse und deren Bewertungen werden durch diese Kategorisierungen modifiziert (Witte 1989, S.426).

Nach dem Konzept des Ethnozentrismus (Sumner 1906) wird die Kultur der eigenen Gruppe als Maßstab zur Beurteilung und Bewertung des Verhaltens anderer Gruppen genommen. Ich denke, daß sich dies Konzept auch auf die Beurteilung der Gruppe der "Behinderten" durch die sich als "normal" ansehende Gruppe der "Nichtbehinderten" anzuwenden ist. Nach LeVine & Campbell (1972) ist das Ergebnis dieser Beurteilung (nach dem Konzept des Ethnozentrismus) eine positive Bewertung der eigenen Gruppe und eine gleichzeitige Abwertung oder Ablehnung der anderen Gruppe.

In der Diskussion um Vorurteile und Stigmata darf auch E. Goffmann nicht vergessen werden. Er behandelt "Behinderung" als Stigma und liefert eine Beschreibung von Auswirkungen von Stigmata auf Menschen mit "Behinderung", die ich im folgenden als Zitat wiedergeben möchte: "Wir tendieren dazu, eine lange Kette von Unvollkommenheiten auf der Basis der ursprünglichen einen zu unterstellen und zur gleichen Zeit einige wünschenswerte aber unerwünschte Eigenschaften anzudichten, oft von übernatürlicher Färbung, wie zum Beispiel "sechster Sinn" oder "Intuition" (...). (...) das wahrgenommene Unvermögen zu sehen (kann (B.-U. R.)) zu einer "Gestalt" von Unfähigkeit verallgemeinert werden (...), so daß das Individuum die Blinden anschreit, als wären sie taub, oder versucht sie zu stützen, als wären sie verkrüppelt." (Goffmann, 1967, S.14). Diese Beschreibung ist zugleich eine interessante Darstellung einer Auswirkung von unrealistischen Frembildern von Menschen mit "Behinderung" auf das Verhalten ihnen gegen-über.

Generell finden sich laut Goffmanns Theorie bei den verschiedenen Stigmabeispielen die gleichen soziologischen Merkmale: Nämlich, daß ein Individuum, das am gewöhnlichen sozialen Verkehr leicht hätte teilhaben können, ein Merkmal besitzt, aufgrund dessen es stigmatisiert wird und die Mitmenschen sich (bei der Begegnung mit ihm) von ihm abwenden (Goffmann, 1967, S. 13). Ähnlich beschreibt auch Tajfel (1970), daß Stereotype die Rationalisierung dafür lieferten, "daß man sich andere fernhalten kann, wenn die <Distanz>, die als angenehm angegeben wird, mit einem System moralischer und sozialer Werte in Konflikt steht.".

2.6 Übergreifende Gedanken zu den voherigen 5 Begriffen

Selbstbild, Fremdbild, soziale Identität, soziale Rolle und Vorurteile stehen in Zusammenhang und haben mehr oder weniger Einfluß aufeinander und auf die Interaktion zwischen Gruppen. Als integraler Bestandteil des Sozialisierungsprozesses werden laut Tajfel (1982) Vorstellungen von einem Wertunterschied zwischen der eigenen Gruppe und anderen Gruppen erworben (Tajfel, 1982). Diese Vorstellungen sind Teil des Fremdbildes von den anderen Gruppen.

Das Fremdbild von der anderen Gruppe prägt den Kontakt zwischen Mitgliedern aus verschiedenen Gruppen. Nach Tajfel & Turner (1979) verbringen wir einen großen Teil unseres sozialen Lebens in Begegnungen zwischen Gruppen von Individuen aus unterschiedlichen sozioökonomischen Schichten, Alters- und Berufsgruppen etc. Untereinander kommunizieren wir jedoch nicht ständig als Individuen mit einzigartigen Temperamenten und Persönlichkeiten, sondern gelegentlich auch als undifferenzierte Vertreter sozialer Gruppen (Giles & Johnson, 1981). Darüber hinaus werden laut Tajfel (1982) innerhalb des Sozialisierungsprozesses Vorstellungen von einem Wertunterschied zwischen der eigenen Gruppe und anderen Gruppen erworben (zur Verdeutlichung dieses und der nachfolgenden Abläufe vgl. Abb.1). Nach Brown (1996, S. 563) schätzen wir "den Wert oder das Prestige unserer Eigengruppe durch den Vergleich mit anderen Gruppen ein. Das Ergebnis dieser Intergruppenvergleiche ... (trägt) indirekt zu unserer Selbstwertschätzung ...(bei).". Dies könnte einen positiven Effekt eines negativen Fremdbildes gegenüber der Gruppe "Behinderte" für "nichtbehinderte" Menschen bedeuten. Auch nach Tajfel (1978b, S.83) suchen Menschen nach Möglichkeiten, die eigene Gruppe von Fremdgruppen in aufwertender Weise zu unterscheiden (dies Prinzip eines Vergleichs und des Versuchs, sich positiv zu unterscheiden, ist als "Theorie des sozialen Vergleichs" bekannt), was zu einem Beurteilungsfehler führen kann. Hierdurch könnte eine Distanz zwischen Fremd- und Selbstbild -auch in Hinsicht auf Menschen mit "Behinderung"- erklärt werden.

Abb. 1: Nach Brown, 1996; Cialdini, 1976; Tajfel, 1978 und Tajfel, 1982.

Nach dem "labeling"-Ansatz (vgl. Witte, 1989) hat das Fremdbild Auswirkungen u.a. in die Richtung einer "self-fullfiling-prophecy". Menschen mit "Behinderung" würden somit durch das Fremdbild der "Nichtbehinderten" sich in Richtung ebendieses Fremdbildes entwickeln.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie das Selbstbild durch das Fremdbild beeinflußt wird. So sagt Goffmann (1967, S. 16): "Das stigmatisierte Individuum tendiert zu denselben Auffassungen von Identität wie wir, dies ist ein Schlüsselfaktum." (vgl. Abb.2). Grund hierfür könnte die zahlenmäßige Überlegenheit der Bevölkerungsgruppe ohne das stigmatisierte Merkmal sein, die sich auch im Menschenbild und in Idealvorstellungen niederschlägt, die z.B. in Massenmedien verbreitet werden. Auch die gesellschaftliche Macht einer Gruppe ist möglicherweise ein Prädiktor für das Ausmaß ihrer Beteiligung an allgemeinen Meinungs- und Einstellungsprozessen sein.

Außerdem hat der Ablauf von Intergruppeninteraktionen und die Rollenzuschreibung, mit der Individuen innerhalb derselben konfrontiert werden, einen rückwirkenden Einfluß auf das Fremd- und Selbstbild. Desto häufiger und unvoreingenommener Kontakte zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen stattfinden, desto realistischer entwickelt sich das Fremdbild und umgekehrt.

Da es bedeutend mehr Menschen ohne als Menschen mit "Behinderung" gibt, kommen die einzelnen Menschen mit "Behinderung" viel häufiger mit dem Fremdbild und der Rollenzuschreibung an sie von "Nichtbehinderderten" in Kontakt als umgekehrt "Nichtbehinderte" mit dem Selbstbild von Menschen mit "Behinderung". Es ist daher naheliegend, daß sich der Ablauf der Intergruppen-kontakte stärker auf das Selbstbild der Minderheitsgruppe als auf das Fremdbild der Mehrheitsgruppe auswirkt. Zur Illustration dieser Zusammenhänge ist Abb. 2 gedacht:

Abb. 2: Zusammenhänge zwischen Fremdbild, Selbstbild und Intergruppeninteraktion in Hinsicht auf stigmatisierte Minderheitsgruppen. Aufbauend auf Goffmann, 1967 und Giles & Johnson, 1981.

Ob das Fremdbild stärker durch das Selbstbild beeinflußt wird oder umgekehrt, und welches Gruppenverhalten den Ablauf von Interaktion stärker beeinflußt, hängt davon ab, wie groß die Gruppen in Relation zueinander sind. Dieses Modell paßt auf die Situation einer Mehrheitsgruppe gegenüber einer stigmatisierten Minderheitsgruppe, auf die sich das Fremd. und das Selbstbild beziehen.

Um den Umgang einer Mehrheitsgruppe mit einer stigmatisierten Minderheits-gruppe näher zu beschreiben, hat Goffmann (1967) die sog. "Irrelevanzregel" formuliert. Barzen (1988, S.9) überträgt Goffmanns "Irrelevanzregel" folgendermaßen auf den Umgang mit Menschen mit "Behinderung": " ... "Irrelevanzregel", derzufolge Nichtbehinderte gemäß gesellschaftlicher Spielregeln so tun, als ob sie die Abweichung ihres Gegenübers nicht bemerkten, also versuchten, eine Schein-Normalität aufrechtzuerhalten. Diese ständige Selbstkontrolle läßt keine gelöste Atmosphäre aufkommen und um dieser Situation zu entkommen, werden Begegnungen mit dem Behinderten vermieden."

Zu einer weiteren Verschlechterung des Fremdbildes gegenüber stigmatisierten Menschen kann/könnte laut Goffmann (1967, S.15) folgender Deutungsprozeß führen: "Außerdem können wir die defensive Reaktion eines derartigen Stigmatisierten auf seine Situation als einen direkten Ausdruck seines Defektes auffassen und dann beide, Defekt und Reaktion, als gerechte Vergeltung für etwas sehen (vgl. meine Ausführungen in Kapitel 3.3), das er, seine Eltern oder sein Stamm getan haben. Auf diese Weise verschaffen wir uns eine Rechtfertigung für die Art, wie wir ihn behandeln. ".

Als letztes möchte ich eine Vorstellung über das Leben innerhalb gesellschaftli-cher Vorgaben zitieren, in der jedoch auch erwähnt wird, daß (die) Individuen Möglichkeiten haben, sich aktiv innerhalb dieser Vorgaben zu verhalten: "Was die einzelnen für ihr Leben als sinnvoll und zweckmäßig erachten, ist zum einen in der Form herrschender Werte vorgegeben. Gegen die Behinderungen, die in die herrschende Kultur eingeschrieben sind, versuchen sich die einzelnen, um sinnvoll leben zu können, zur Wehr zu setzen. Dabei können sie kaum völlig aus dem Erwarteten und Tradierten aussteigen. Sie können aber -und das tun sie auch- einen Kompromiß eingehen an den Grenzen der Handlungsfähigkeit entlang. So sehen wir die einzelnen in den vorgefundenen Strukturen Lebenssinn suchen, indem sie sich in diese Strukturen einlassen, sie zugleich negieren usw. Immer sind sie aktiv." (Haug, 1983, S.167).

3. Das "Behinderten"-Bild und das Bild von Frauen und Lesben mit "Behinderung"

In diesem Kapitel widme ich mich ausführlich der Beschreibung des "Behinderten"-Bildes und des Bildes von Frauen und Lesben mit "Behinderung". Ich arbeite getrennt voneinander das Fremd- und das Selbstbild heraus und gebe auch frauen- und lesbenspezifische Besonderheiten ihren Raum.

Zuerst erläutere ich im ersten Unterkapitel, 3.1, meine Verwendung der Begriffe Frau bzw. Mensch oder Lesbe mit "Behinderung",

Kapitel 3.2 beschreibt den Stand der Forschung,

Kapitel 3.3 skizziert die geschichtliche Entwicklung des "Behinderten"-Bildes und des Lesbenbildes und erwähnt interkulturelle Unterschiede,

in Kapitel 3.4 arbeite ich das Fremdbild von Menschen mit "Behinderung" heraus,

ferner werden unter 3.4.1 besondere Aspekte des Fremdbildes beschrieben, nämlich

unter 3.4.1.1 der Aspekt der Hilfe und

unter 3.4.1.2 der Aspekt des "Lebenswertes".

Kapitel 3.5 beschreibt das Selbstbild von Menschen mit "Behinderung",

Kapitel 3.5.1 führt analog zu Kapitel 3.4.1 zwei besondere Aspekt des Selbstbildes auf,

nämlich unter 3.5.1.1 den Aspekt der Hilfe und

unter 3.5.1.2 den Aspekt des "Lebenswertes".

Kapitel 3.6 beschreibt Unterschiede des Fremd- und Selbstbildes zwischen Frauen und Männern mit "Behinderung",

unter 3.6.1 wird näher auf die These, Frauen mit "Behinderung" würden als sexuelle Neutren angesehen, eingegangen.

Kapitel 3.7 widmet sich Besonderheiten des Fremd- und Selbstbildes von Frauen mit "Behinderung" in Zusammenhang dazu, ob sie lesbisch, hetero- oder bisexuell sind und

Kapitel 3.8 geht auf die Darstellung von Frauen und Lesben mit "Behinderung" in Film,

Fernsehen und Literatur ein.

In Kapitel 3.9 fasse ich die Vorkapitel zusammen.

3.1 Zu meiner Verwendung der Begriffe

An dieser Stelle möchte ich erläutern, warum ich mich für die Begriffswahl "Frauen und Lesben mit "Behinderung"" und nicht beispielsweise für "Behinderte" oder "behinderte Frauen" entschieden habe.

Mit meiner Begriffswahl folge ich den Überlegungen von Bruner, 1995; Köbsell & Strahl, 1993 und Ruhm, 1997:

"Der Terminus "Frau mit Behinderung" zielt im Gegenstatz zu "behinderter Frau" auf die Tatsache, daß Behinderung den betroffenen Menschen nicht definiert, sondern nur als partikulares Merkmal unter anderen zu werten ist. Es soll damit eine Reduzierung der Person auf das Merkmal der Behinderung vermieden werden." (Bruner, 1995, S. 13)

"Der Ausdruck "Behinderte" reduziert uns auf unsere Einschränkungen und ignoriert unsere Fähigkeiten. Alle Menschen mit "Behinderungen" haben Fähigkeiten. Außerdem bringt jede "Behinderung" besondere Fähigkeiten mit sich. Z.B. einen besseren Tastsinn bei blinden Menschen, andere Arten der Beweglichkeit bei Menschen mit ungewöhnlich geformten Gliedmaßen usw. usf.. Daher trifft die Beschreibung "Behinderte" auf die Menschen, die ich meine, nicht zu und wertet sie darüber hinaus ab. Weil jedoch vielen dieses Wort so wichtig zu sein scheint (...) verwende ich den Ausdruck "Menschen mit "Behinderungen" " trotz meines Unbehagens manchmal. Aber ich setze ihn in Anführungszeichen.

Statt von "Behinderten" von "Frauen mit "Behinderungen" " zu reden, nimmt ihnen die Geschlechtslosigkeit und macht deutlich, daß "behindert" zu sein nur eine von mehreren möglichen Eigenschaften ist. Frauen/Menschen mit "Behinderungen" sind in erster Linie Frauen bzw. Menschen. Die "Behinderung" kommt nur als näher bezeichnendes Merkmal hinzu." (Ruhm, 1997, S. 68)

Interessant sind hierzu auch die von den messianischen Juden in Israel gewählte Umbenennung von "behindert" in "anders begabt", die Bläsig (1994) mit dem Ziel, dadurch etwas an der "Nachrangigkeit "Behinderter"" zu ändern, zur Übernahme für den deutschsprachigen Raum zur Diskussion stellt, und die Beschreibung "anders fähig" (Ruhm, 1997, S.68).

"Die Formulierung "Frauen mit Behinderungen" finden wir sinnvoll, da hier das Frau-sein gesehen und reflektiert wird und Frau nicht in einer männlich definierten und dominierten Masse verschwindet." (Köbsell & Strahl, 1993, S.7)

3.2 Stand der Forschung

Ich habe auf der Suche nach Literatur mit dem PSYNDEX gearbeitet, auch Textangaben, die sich nicht auf Frauen bezogen, beachtet und darüber hinaus die "Dokumentation Behinderte Frauen" der Uni Trier (Niehaus; 1994) und die Bibliographie "Literatur von, für, über Frauen mit Behinderung" (Schopmans und Scherer, 1996) durchgearbeitet und bin anderweitigen Literaturhinweisen gefolgt.

Die Forschung zum Bereich Menschen mit "Behinderung" kommt z.Z. vor allem aus den Bereichen Sonder- und Heilpädagogik, psychologische Untersuchungen sind im Verhältnis dazu selten. Viele der Texte, die ich im PSYNDEX zu dem Themenbereich finden konnte, entsprechen nicht psychologischen Standards und Ansprüchen an Methoden wissenschaftlichen Arbeitens.

Es gibt zwar einige wissenschaftliche Arbeiten, in denen das Fremdbild von Menschen mit "Behinderung" untersucht wird oder in denen es aus anderen Gründen ersichtlicht wird, es gibt jedoch nur wesentlich weniger wissenschaftliche Arbeiten, in denen das Selbstbild von Menschen mit "Behinderung" beschrieben wird.

Die Untersuchungen beziehen sich oft, ohne es kenntlich zu machen, ausschließ-lich auf die Situation von Männern mit "Behinderung" und lassen die Situation von Frauen mit "Behinderung" mehr oder weniger außen vor (Schildmann, 1993). Darüber hinaus ist die Aussage der Mitarbeiterinnen des psychologischen Forschungsinstituts "SoFFI K." kennzeichnend: "Zur Situation von Frauen mit Behinderung liegen im deutschsprachigen Raum nur wenige Untersuchungen vor, zumeist nur Studien mit kleinen Fallzahlen." (Eiermann, Häußler und Roth, 1997, S.26).

Zu Lesben und Behinderung gab es im PSYNDEX und in der Dokumentation der Uni Trier zur gesammelten Literatur zu Frauen mit Behinderung keinen einzigen Eintrag.

3.3 Geschichtliche Entwicklung des "Behinderten"-Bildes und des Lesbenbildes und interkulturelle Unterschiede

Das Bild von und die Einstellung zu Menschen mit "Behinderung" ist weder historisch noch interkulturell konstant. Es gibt zwar Parallelen und in gewissem Umfang auch Konstanten, doch es gibt auch viele Unterschiede, die darauf hinweisen, daß das "Behinderten"-Bild keineswegs naturgegeben so sein muß, wie es heute in unserer Kultur ist.

Als erstes ein kurzer geschichtlicher Überblick:

In Hinsicht auf das Leben in der Urzeit geht Bornemann (1975, S.23 ff) davon aus, daß in den damaligen Wildbeutervölkern analog zu heutigen Wildbeutervölkern, die unter ähnlichen ökonomischen Bedingungen leben, wie z.B. die Kongo-Pygmäen, "nichtbehinderte", kranke und "behinderte" Mitglieder des Stammes voll gleichberechtigt lebten. Nicht die Jäger, sondern z.B. die Schwachen bekämen die besten Stücke des Jagdgutes, weil nach dem Schlüssel der Dringlichkeit und nicht nach dem der Leistung verteilt worden wäre.

Laut Lorbeer (1988, S. 12f) galt im antiken Rom und Griechenland ein Menschenideal, das körperliche Leistung und Schönheit in den Mittelpunkt stellte und zur Mißachtung von Menschen mit "Behinderung" führte. Da auch Frauen abgewertet betrachtet wurden (Lorbeer, 1988), addierten sich die negativen Einstellungen im Fall von Frauen mit "Behinderung" auf und nach Lorbeer (1988, S. 13) wurden in der europäischen Antike Frauen bzw. Mädchen mit "Behinderung" "in den meisten Fällen in früher Kindheit getötet".

Mit dem Christentum veränderte sich die Einstellung gegenüber Menschen mit "Behinderung" im Vergleich zu der Einstellung, die in dem entsprechenden Gebiet vorher herrschte. (Z.B. in Nordeuropa hat es die negative Einstellung des antiken Roms und Griechenlands in dieser Form vermutlich nicht gegeben.) Prägend wurden Aspekte wie "Mitleid", "Nächstenliebe" und eine Betrachtung von "Behinderung" als Strafe Gottes und somit auch als Hinweis auf Verfehlungen der Menschen mit "Behinderung".

Im Rahmen der europäischen mittelalterlichen Vorstellung der "Verbindung von Behinderung gleich Sünde und Besessenheit" (van der Locht, 1997, S. 34) dürfte auch Martin Luthers Ansicht stehen, Menschen mit sogenannter "geistiger Behinderung" seien "massa carnis" (seelenloses Fleisch) (Meyer, 1983). Laut van der Locht (1997, S.34) war "die Rolle der Irren und Behinderten als Symbol des Bösen, als Heimsuchung in den Ängsten der Menschen".

Im Zeitalter der Industrialisierung wurde die Auslese der Kranken und Schwachen intensiviert. Zu dieser Zeit wurde die profitorientierte Verwertbarkeit von Menschen zu einen wichtigen Bewertungskriterium und gleichzeitig viele Anstalten für Menschen mit körperlicher, geistiger oder psychischer "Behinderung" gegründet (Lorbeer, 1988). Sie konnten zunehmend nicht mehr im dörflichen Umfeld als Bestandteil der Normalität und unter Einbringung ihrer individuellen Fähigkeiten mit den andern Menschen zusammenleben, sondern mußten abgesondert in besagten Einrichtungen leben, in denen die Lebensbedingungen oft sehr schlecht und von Not und Gewalt geprägt waren.

Im Nationalsozialismus wurden Menschen mit "Behinderung" als "unwertes Leben", "unnütze Esser", "minderwertige Individuen",... deklariert und ebenso wie JüdInnen, Sinti und Roma, ... auf unbeschreibliche Weise verfolgt und systematisch ermordet (Lorbeer, 1988; van der Locht, 1997; ...). Diese Ermordungen wurden als "Euthanasie", als "schöner Tod" bezeichnet, um zu suggerieren, die Menschen mit "Behinderung" würden nur aus ihrem eigenen Interesse getötet werden, sozusagen aus Mitleid, da ihr Leben nicht lebenswert, sondern eine Quälerei für sie sei und der Tod somit eine bessere Alternative. Diese Argumentationen finden sich in der heutigen "Lebenswert"- und Sterbehilfe-Diskussion wieder.

Mit Deklaration ihres Lebens als lebensunwert wurde die Verfolgung und systematische Ermordung von Menschen mit "Behinderung" zu einem Handeln in ihrem eigenen Sinne umdefiniert (vgl. van der Locht, 1997; ...).

Zur Andeutung der Bandbreite der möglichen Bilder von Menschen mit "Behinderung" lassen sich folgende Beispiele aufzeigen:

EpileptikerInnen beispielsweise wurden in einigen kulturellen Kontexten als EmpfängerInnen göttlicher oder prophetischer Botschaften angesehen, im Chri-stentum hingegen als vom Teufel oder von Dämonen besessen, die ausgetrieben werden sollten.

In China galt es vom 12. bis ins 20. Jahrhundert hinein als schön an Frauen, durch eine Bindetechnik im Kindesalter verkleinerte, sog. "Lotosfüße" zu haben (Minkler, 1992, S. 15f). Ebendiese Art von anders gewachsenen und verkleinerten Füßen würde in unserer heutigen Gesellschaft als unschön und operationsbedürftig gelten und die Frauen wären vermutlich Frauen mit "Behinderung".

Anhand der Skulpturen und Keramiken der Mochica, einer altperuanischen Kultur, die ca. 200-800 n. Chr. bestand, die auffallend häufig Menschen mit "Behinderung" darstellen, läßt sich vermuten, daß diese ein hohes gesellschaftliches Ansehen genossen. Bestimmte "Behinderungen" galten wahrscheinlich als heilig und erstrebenswert (Heck, 1983).

Im islamischen Kulturkreis ist laut Ouertani (1994) trotz der schwierigen wirtschaftlichen Verhältnisse noch heute die rechtliche und soziale Stellung von Menschen mit "Behinderung" deutlich anders als in den westeuropäischen Industriegesellschaften. Es finde keine Ausgrenzung von Menschen mit "Behinderung" aus dem gesellschaftlichen Leben statt. Das Verhältnis zwischen Menschen mit und ohne "Behinderung" sei nach wie vor durch die traditionell und religiös geprägten Strukturen bestimmt, die dies ausschlössen.

Darüber hinaus steht die Einstellung zu Menschen mit "Behinderung" in Zusammenhang mit den Erklärungsmodellen und Schuldzuschreibungen für die Ursachen von "Behinderung". "Behinderung" kann als "göttliche Strafe" für Vergehen angesehen werden oder -nach zu unhinterfragt angewandten psychosomatischen Theorien- als Zeichen für ein zusätzliches, dahinterliegendes psychisches Defizit, was zu einer Verdoppelung des Stigmas der Person mit "Behinderung" führt (vgl. das Buch "Krankheit als Schuld?" von Spaink, 1994). Zuschreibung von Schuld spielt auch bei Menschen mit Folgeschäden von Verkehrsunfällen oder mit einer HIV-Infektion eine besondere Rolle. Sie werden oft mit der Frage nach der Schuld bei dem Unfall oder der Infektion gefragt und die Einstellung ihnen gegenüber ist dadurch beeinflußt, ob ihnen eine Schuld an ihrer "Behinderung" zugeschrieben wird oder ob sie als "schuldlose Opfer" angesehen werden.

Nach Kriegen steigt das Ansehen von Menschen mit "Behinderung" in den be-troffenen Gebieten, da bei entsprechender "Behinderungsart" tendentiell vermutet wird, sie hätten diese schuldlos durch den Krieg und den Kriegsgegner oder gar als Soldat im "Kampf fürs Vaterland" erhalten. Die interkulturell und historisch verschiedenen Erklärungsmodelle für die Ursachen von "Behinderung" sind als Bestandteil der insgesamten spezifischen Einstellung zu Menschen mit "Behinderung" ein Faktor des Fremd- und Selbstbildes.

Um den Rahmen dieser Diplomarbeit nicht zu sprengen, werde ich die geschicht-liche Entwicklung des Frauenbildes hier nicht aufzeigen. Einerseits halte ich sie für hinreichend bekannt, und andererseits kann sie von der/dem geneigten LeserIn in der vielfältigen einschlägigen Literatur nachgelesen werden. Ich empfehle hierzu "Frauen-Geschichte" von Ute Frevert (1986) oder die "Geschichte der Frauen" von Georges Duby und Michelle Perrot (1993).

Für geschichtliche Entwicklung und interkulturelle Unterschiede des Selbst- und Fremdbildes von Frauen und Lesben mit "Behinderung" ist nicht nur das "Behinderten"-Bild, sondern auch das Lesbenbild von Bedeutung.

Schon Frauen finden in der männlich geprägten Geschichtsschreibung wenig Beachtung (Lorbeer, 1988; ...), analog dazu werden Lesben noch weniger berücksichtigt und erwähnt (vgl. Pastre, 1984; Grossmann, 1984). Dadurch wird es erschwert, konkrete Aussagen über sie zu machen. Darüber hinaus gibt es kaum Selbstzeugnisse von lesbischen Frauen (Jolly, 1994; Schoppmann, 1993), so daß das Selbstbild nur schwer erkennbar ist.

Das Hauptinteresse an homosexuellen Menschen hat homosexuellen Männern gegolten (Rohde, 1996), lesbische Frauen wurden und werden im Gegensatz zu schwulen Männern in der Regel nicht als Bedrohung empfunden und ihr Lesbisch-Sein oft nicht ernst genommen. Dies zeigt sich unter anderem daran, daß der § 175 nur für Männer galt, Lesben der Kriminalisierung, die Schwule in verschiedenen Situationen erfahren oder erfuhren u.U. entgehen, wie z.B. im Nationalsozialismus Schwule als "Homosexuelle" mit dem "rosa Winkel" gekennzeichnet in Konzentrationslager inhaftiert wurden, während Lesben a) größere Chancen hatten, dem Konzentrationslager zu entgehen und b) dort nicht mit dem "rosa Winkel" als "Homosexuelle", sondern z.B. mit dem "schwarzen Winkel" als "Asoziale" gekennzeichnet wurden (Schoppmann, 1993). Dieses Nicht-Ernstnehmen hatte in manchen Fällen Vorteile für lesbische Frauen, oft jedoch auch Nachteile.

"Das Unsichtbarmachen und das Verschweigen lesbischen Lebens ist permanent präsent, wenn auch glücklicherweise lange nicht mehr so wie in der Vergangenheit." (Rohde, 1996, S. 20) Ein Nicht-Ernstnehmen ihrer Sexualität und frauenbezogener Lebensweise ist heute ein wichtiger Aspekt des gesellschaftlichen Bildes, mit dem gerade Lesben mit "Behinderung" konfrontiert und u.U. verunsichert werden (Rohde, 1996).

Im Gegensatz zu beschriebenem Nicht-Ernstnehmen von Lesben und lesbischen Lebensweisen wurde -allerdings mit katastrophalen Folgen- zur Zeit der Hexenverfolgung eine größere Macht und Bedrohung in ihnen gesehen. Lesben wurden ebenso wie Menschen mit "Behinderung" verteufelt, verfolgt und oft er-mordet.

Ein konstantes Lesben- oder auch nur Homosexuellen-Bild wiederzugeben, ist schwierig. Grossmann (1984) beispielsweise spricht davon, daß im alten Grie-chenland Bisexualität bei Männern gut angesehen war und Völkerkundler Homosexualität bei den unterschiedlichsten Kulturen fanden. Bei den Marind-Anim auf Neuguinea ist laut Bornemann (1978, S. 591f) homosexuelles Verhalten die Regel und heterosexuelles Verhalten wird als ekelhaft empfunden. Bei den Keraki auf Neuguinea und bei den Siwa in Afrika beispielsweise fallen Männer als merkwürdig auf, wenn sie keine homosexuellen Beziehungen haben (Ford & Beach, 1968).

Trotzdem spricht Grossmann (1984) von einer jahrhundertealten Verachtung und davon, daß im Mittelalter im christlich-geprägten Kulturkreis " jegliche Abweichung von der heterosexuellen Liebe zwischen Ehepaaren als Ketzerei, Besessenheit oder schlichtweg Sünde" (S. 32) angesehen worden wäre. Bis vor verhältnismäßig wenigen Jahren sei in diesem Kulturkreis Homosexualität als krank oder pervers angesehen worden.

Dennoch gab es im 19. Jahrhundert die für diese Zeit typischen "liebevollen Frauenfreundschaften", die als besonders innig, mit Schwärmerei verbunden und zum Teil mit leidenschaftlichen Liebesbriefen begleitet beschrieben werden (Rohde, 1996). Die Beschreibung legt nahe, daß diese "liebevollen Frauenfreundschaften" für Frauen eine Art gewesen sein könnten, Liebe zu anderen Frauen zu leben. Von der Gesellschaft wurden diese Beziehungen jedoch nicht negativ, sondern als Krönung der Reinheit angesehen und unterstützt (Rohde, 1996).

Generell gesehen scheint die Möglichkeit von Frauen, sich unabhängig von einem Ehemann zu ernähren, wichtig für das Leben einer lesbische Lebensform zu sein.

Liebevolle Beziehungen zu Frauen können aber auch neben einer heterosexuellen Zweckehe und Arbeitsgemeinschaft (noch bis vor 200 Jahren war es nicht üblich, sich in Ehen zu "lieben", sondern die Ehe war eine gegenseitige Versorgungseinrichtung (vgl. Badinter, 1984) oder einem anderen gesellschaftlichen Modell, über das Menschen materiell abgesichert werden, gelebt werden.

Das Bild von lesbischen Frauen wird dadurch, ob die entsprechende Kultur ihr Gesellschaftssystem auf das Prinzip der heterosexuellen Monogamie aufbaut, durch die Einstellung zu Homo- oder Bisexualität und durch die Stellung der Frau beeinflußt.

3.4 Herausarbeitung des Fremdbildes von Menschen mit "Behinderung"

Das Fremdbild von Menschen mit "Behinderung" ist nach Fachtexten und Untersuchungen leider von negativen Einstellungen geprägt: Bonfranchi, 1992; Bleidick, 1991; Stari, 1983 und Steinhausen & Wefers,1980 sprechen von Abwehr und Vermeidung von "Behinderten" und "Behinderung" und/oder "ausgeprägt negativen Stereotypen". Ein wissenschaftliches Gutachten zur Lebenssituation von behinderten Menschen (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, 1993) hat ergeben, daß eine "generelle Negativ-Bewertung" von "Behinderung" besteht, Menschen mit "Behinderung" abgewertet und diskriminiert und pauschal als "unfähig, nicht leistungsfähig, nicht nützlich" angesehen werden (S. 24/25). Laut Bächthold (1984) und Bonfranchi (1996) besteht eine Fassade aus "anscheinendem Wohlwollen" und "Scheinakzeptanz", hinter der sich abwertende, vorurteilshafte und distanzschaffende Einstellungen gegenüber von Jugendlichen mit "Behinderung" verbergen sollen, insbesondere gegenüber "geistig behinderten" und verhaltensauffälligen Menschen und zunehmend stärker, desto älter die Menschen mit "Behinderung" sind (Käfer, 1987). In seiner Untersuchung trifft Käfer (1987) außerdem auf den Effekt, daß trotz angeblicher Interaktionsbereitschaft auf Seiten der "nichtbehinderten" Versuchspersonen die Menschen mit "Behinderung" gemieden werden. Ob dieser Widerspruch zwischen geäußerter Einstellung und tatsächlichem Verhalten ein unbewußter Prozeß ist, ist ungeklärt, aber anzunehmen. Als Grund für die Aussonderung von Menschen mit "Behinderung" sieht Schönwiese (1995) an, daß "Nichtbehinderte" häufig ihre eigenen Angstvorstellungen auf sie projizierten. Klauss (1996) stellt auf Grund einer großangelegten Vergleichserhebung heraus, daß das Wissen über Menschen mit "Behinderung" von 1976 bis 1996 zwar zugenommen hat, die Betroffenen jedoch nicht besser angesehen werden.

Menschen -und insbesondere Frauen- mit "Behinderung" werden als nicht attraktiv angesehen (Friske, 1995; Gudera, 1984; Lennartz, 1997; Rischer, 1998; Weinwurm-Krause, 1981).

In einzelnen Untersuchungen finden sich auch positive Einstellungen zu Menschen mit "Behinderung" (Berry & Eggert, 1991). Nach einer Untersuchung von Alfery (1981) unterscheiden sich Fremd- und Selbstbild stark. Auch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (1993, S. 23) spricht von Unterschieden "im Selbst- und Fremdverständnis durch Nichtbehinderte, VertreterInnen von Behörden, Institutionen etc.".

Teilweise wird davon ausgegangen, daß aufgrund der Identifikation mit einem unerreichbaren Idealbildes der/des "Nichtbehinderten" ein negatives Selbstbild entwickelt würde, obwohl keine Belege für die tatsächliche Existenz ein negatives Selbstbild geliefert werden (z.B. Knapp, 1983). Leyendecker (1992) und Dönhoff-Kracht (1980) finden jedoch ein "erstaunlich" positives Selbstbild.

Konkrete Aspekte des Fremdbild finden sich z.B. bei Gudera (1984) und Pirincci (1992), die von Ekel gegenüber Menschen mit "Behinderung" sprechen, Neumann (1992) erwähnt die Kategorie "Mitleid", Donath (1997, S. 540) tituliert sie als "Trittbrettfahrer der Konjunktur". Goffmann (1967, S. 12) bezeichnet "physische Deformationen", also körperliche "Behinderungen" als "Abscheulichkeiten des Körpers" und meint, daß andere Menschen glaubten, Personen mit Stigma seien "nicht ganz menschlich" (Goffmann, 1967, S. 12). Seifert (1990) beschreibt, Menschen und insbesondere Frauen mit "Behinderung" würden vornehmlich als zu bedauernde Wesen gesehen. Als 'Frau' würden sie meist gar nicht wahrgenommen. Die Assoziationen "Nichtbehinderter" zu "Behinderung", die Friske (1995) aufzählt, sind geringe Leistungsfähigkeit, Unselbstständigkeit, eine Arbeit in der "Werkstatt für Behinderte (WfB)", das Wohnen in großen Anstalten, wie es sonst nur von Soldaten oder Gefangenen gekannt wird, und Ehelosigkeit. 'Kinderlosigkeit' würde bezeichnenderweise gar nicht erst erwähnt, da sie als so selbstverständlich vorrausgesetzt werde, daß sie nichtmals erwähnt werde. Einen positiven Bestandteil innerhalb des Fremdbildes nennt sie in dieser Aufzählung nicht.

Bröer (1994), Friske (1995) und Holzer (1995) erwähnen die Verhaltensweise "Nichtbehinderter", Menschen im Rollstuhl, mit sogenannter "geistiger Behinderung" oder mit anderer "Behinderung" wie Kinder zu behandeln oder für "nicht ganz richtig im Kopf" zu halten. Besonders sind hiervon Frauen mit "Behinderung" betroffen. Die Äußerungen von Menschen mit "Behinderung", in gesteigerter Form von Frauen und von Menschen mit sog. "geistiger Behinderung", werden häufig nicht angemessen ernstgenommen. Durch die "nichtbehinderte" Wahrnehmung, die ihren Äußerungen das Gewicht nicht zugesteht und nicht zutraut, wird verhindert, daß die Aussagen von insbesondere Frauen mit sog. "geistiger Behinderung" mit Achtung und Aufmerksamkeit ge-hört werden (Friske, 1995, S. 21). Theunissen (1996) spricht von einem "ausgesprochen nihilistischen" Bild von Menschen, die als "geistig schwer behindert", gelten in Psychiatrie-Lehrbüchern. Dazu muß erwähnt werden, daß Menschen mit sogenannter "geistiger Behinderung" relativ häufig eine Einweisung und einen dauerhaften Verbleib in der Psychiatrie erleben (vgl. Friske, 1995, S.71;...). Es stellt sich die Frage, ob dies den Grund darin hat, daß sie fälschlicherweise als psychisch krank angesehen werden?

Wenn Äußerungen von Menschen -und in verstärktem Maß von Frauen- mit "Behinderung" nur eingeschränkt ernstgenommen werden, hat das Auswirkungen auf den Umgang zwischen Menschen mit und ohne "Behinderung", auf das Ausmaß, in dem Menschen mit "Behinderung" über ihr Leben selbst bestimmen können oder ihnen die Entscheidungsfähigkeit abgesprochen wird und auf viele andere Bereiche. Die von Friske (1995) beschriebene Haltung, ihren Aussagen das Gewicht abzusprechen (s.o.), führt zu großen Schwierigkeiten, wenn Frauen (oder auch Männer) mit "Behinderung" sich gegen sexuelle Gewalt zur Wehr setzen wollen. Sowohl von Personen, die in "Behinderten"-Einrichtungen arbeiten und die sie in der Hoffnung auf Unterstützung ansprechen, als auch von Polizeibeamten, RichterInnen etc. wird ihnen häufig die Glaubwürdigkeit abgesprochen (Degener, 1991; Friske, 1995; Ruhm, 1997).

Nur tabellarisch möchte ich einige weitere Aspekte auflisten, die Menschen mit "Behinderung" als typische Bestandteile des Fremdbildes wiedergeben:

  • als Mensch 2. Klasse eingeordnet zu werden (Bader & Geist, 1993)

  • "Schmarotzer", "sieche Mißgeburt" (Calegno, 1995)

  • RollstuhlfahrerInnen könnten nicht tanzen und nähmen nur passiv an Bällen teil (Oechsner, 1995). "Passivität" ist ein Merkmal, das Menschen mit "Behinderung" gern unhinterfragt zugeordnet wird.

In selbstverständlich nicht wissenschaftlicher Weise, aber dennoch in diesem Zusammenhang der Beachtung wert, beschreibt ein "behinderter" Kulturaktivist in einem Gedicht (Ehlers, 1998, S. 10-12) das Fremdbild, das an ihn herangetragen wird:

"Anmache

draußen auf der Straße, aber auch

in gesellschaftlichen Kreisen gehört

für mich zum Krüppelalltag

Unnützer Esser, Sabbler, Idiot

Ihr gehört ins KZ

Bis jetzt habe ich dies

meist ertragen in dem Bewußtsein

mich von diesen oft dummdreisten

Provokateuren nicht aus

der Ruhe bringen zu lassen

Doch neuerdings werde ich

auch körperlich angegriffen

Früher gab es noch

eine Hemmschwelle

auf Krüppel loszugehen

Doch die Zeiten sind wohl vorbei

in denen man sich mit

dem Hinweis auf das "Behindertsein"

aus der Affäre ziehen konnte

Heute müssen auch wir aufpassen

nicht verprügelt, vergewaltigt

oder gar getötet zu werden

Verantwortlich für das Klima

gegen uns Krüppel sind die Politiker

und Pädagogen, die uns heute noch

von klein auf aussondern und

uns so den Stempel

der Minderwertigkeit aufdrücken

Jeder, der dies befürwortet

macht sich mitschuldig

an den Gewalttätigkeiten

gegen uns Krüppel

Warum mußte erst einer wegen

fortwährender Angriffe

den Freitod wählen

um die Umwelt auf den Ernst

der Lage hinzuweisen?

Krüppel, die dies schon

früher getan haben

wurden beschwichtigt

bzw. als Chaoten

und Bilderstürmer abgetan

Mir reicht's. Ich weiß, warum ich

radikal war, bin und bleiben werde

Es lohnt sich, auch

weiterhin zu kämpfen

Solidarisch gegen Rechts"

Leider ließen sich in der gesichteten Literatur nur wenig positive Aspekte inner-halb des Fremdbilds finden. Es bestehen jedoch in der Gesellschaft auch "positive" Stereotype gegenüber Menschen mit "Behinderung" (ähnlich wie das "positive" Stereotyp, schwarze Menschen könnten gut tanzen oder wären musikalisch), die ich der Ausgewogenheit wegen auch ohne Literaturverweis auflisten möchte:

  • Menschen mit "Behinderung" könnten gut zuhören.

  • Blinde Menschen seien zärtlich und könnten gut massieren.

  • Männer mit "Behinderung" seien gleichberechtigtere, rücksichts- und liebevollere Partner.

Die Koexistenz von sowohl negativen als auch positiven Stereotypen im Fremd-bild von einer stigmatisierten Bevölkerungsgruppe beschreibt auch Goffmann (1967, S. 14) auf eine interessante Weise: "Wir tendieren dazu, eine lange Kette von Unvollkommenheiten auf der Basis der ursprünglichen einen zu unterstellen und zur gleichen Zeit einige wünschenswerte aber unerwünschte Eigenschaften anzudichten, oft von übernatürlicher Färbung, wie zum Beispiel "sechster Sinn" oder "Intuition":

Einige könnten davor zurückschrecken, einen Blinden zu berühren oder zu führen, während für andere das wahrgenommene Unvermögen zu sehen zu einer "Gestalt" von Unfähigkeit verallgemeinert werden kann, so daß das Individuum die Blinden anschreit, als wären sie taub, oder versucht sie zu stützen, als wären sie verkrüppelt. (...) Die mit Blinden umgehen, (...) glauben sich zum Beispiel einer geheimnisvollen Beurteilung unterworfen, indem sie voraussetzen, das blinde Individuum verfüge über besondere Informationskanäle, die andern nicht zugänglich sind." (vgl. Kapitel 2.5).

Zur Auswirkung des Fremdbilds auf die Lebenssituation von Menschen mit "Behinderung" schließt Nippert (1988) aus ihrer Untersuchung, daß die Probleme "behinderter" Kinder und ihrer Familien nicht auf internen Problemen, sondern auf der negativen Einstellung der Umwelt zu Menschen mit "Behinderung" beruhen, und Donath (1997) beklagt, daß die Gesellschaft Folgewirkung von gesellschaftlicher Ausgrenzung und mangelhaftem Versorgungssystem häufig nicht ebendiesen gesellschaftlichen Problemen, sondern allein der "Behinderung" zuschreibt. Ähnlich beschreibt auch Hase (1997, S. 532) eine Auswirkung, die das Fremdbild auf die Situation von Menschen mit "Behinderung" haben kann, folgendermaßen: "Den großen Nachteil erleben Gehörlose, bei denen Kommunikationsdefizite zu gravierenden Folgeauswirkungen im privaten oder beruflichen Bereich führen. Als besonders fatal ist zu werten, daß diese Folgeauswirkungen von Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft häufig nicht dem mangelhaften Versorgungssystem zugeschrieben werden. Vielmehr dient allein die Behinderung Gehörlosigkeit als Erklärungsmodell. Daraus leitet sich das Bestreben ab, Gehörlosigkeit vorzubeugen bzw. durch medizinische Maßnahmen zu behandeln, nicht jedoch, das System grundsätzlich positiv zu beeinflussen." Ein Mangel an GebärdensprachdolmetscherInnen, die im Rahmen des Benachteiligungsverbotes des Grundgesetzes ("Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt wer-den", Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 3) gestellt werden müßten, wird also den Menschen mit "Behinderung" zugeschoben, da davon ausgegangen wird, daß Menschen mit einer "Behinderung" wie z.B. Gehörlosigkeit einen "gestörten" Kontakt mit anderen haben. Diese Beschreibungen decken sich mit folgender Theorie Goffmanns (1967, S.15): "Außerdem können wir die defensive Reaktion eines derartigen Stigmatisierten auf seine Situation als einen direkten Ausdruck seines Defektes auffassen und dann beide, Defekt und Reaktion, als gerechte Vergeltung für etwas sehen, (...)" (vgl. Kapitel 2.6).

Ähnlich formuliert auch Basaglia (1985), daß die Medizin das Phänomen des Leidens von der Konstellation ablöse, aus der dies Leiden hervorgegangen sei und es am leidenden Individuum festschreibe. So würde der Verursachungszusammenhang des Leidens zum Verschwinden gebracht.

Auf eine weitere Auswirkung des Fremdbilds bezieht sich Haeberlin (1990), wenn er von einer Bedrohung der Menschenwürde von Menschen mit "Behinderung" durch die gesellschaftliche Umwelt, u.a. durch das Menschenbild und durch Diagnostizierungstendenzen, spricht.

Sehr plastisch zeigen sich Aspekte des Fremdbildes in der -allerdings literarischen- Beschreibung eines Menschen mit "Behinderung" durch die Figur seines "nichtbehinderten" Bruders im Buch des "nichtbehinderten" Autors Prirncci (1992, S. 332): "Immer öfter und immer zwanghafter kreisten meine Gedanken um meinen armen Bruder, der ein Leben in der Hölle der Bewegungslosigkeit verbrachte, der die wichtigsten Erfahrungen, die ein Mann in seinem Leben macht, nur im Fernsehen würde bewundern können oder in seinen Träumen, aus denen er immer wieder schluchzend und schreiend aufwachte, der ein verdammter Rumpf war, ein Pausenclown Gottes. Deine Entstellung, Daniel, fraß sich wie eine Säure in meinen Verstand ein und entstellte auch ihn nach und nach. Ich wurde der geistige Rumpf, der zu keiner intellektuellen Bewegung mehr fähig war als immer nur über dich und dein erbärmliches Schicksal nachzugrübeln." Hier wird "Behinderung" sehr negativ und positive Lebenserfahrungen verhindernd dargestellt und darüber hinaus als Metapher für mehr oder weniger qualvolle Bewegungsunfähigkeit verwendet. Diese Beschreibung erstaunt besonders, wenn wir sie der Darstellung der "Theres", einer realen Person, in dem autobiographischen Buch "Herz im Korsett" der ebenfalls "behinderten" Schriftstellerin Ursula Eggli (1977) gegenüberstellen. Theres ist auf sehr ähnliche Weise "behindert" wie der "Rumpf", da sie keine Beine hat und anstelle der Arme zwei kurze Stümpfe. Sie, die reale Person, ist jedoch keineswegs "bewegungslos", im Gegenteil schwimmt sie z.B. "wie ein Fisch" und lebt ein aktives Leben. Einige Zeit nach der, von der das Buch handelt, drehen die Autorin Ursula Eggli und ihre Jugendfreundin Theres (im wirklichen Leben) 1977 zusammen den Film "Behinderte Liebe". Etliche Jahre später, 1995, kandidiert "Theres" für das schweizerische Parlament. Das Bild, daß diese Frau und eine ebenfalls "behinderte" Schriftstellerin von ihr zeichnen, deckt sich wohl kaum mit dem erwähnten Fremdbild des "Lebens in der Hölle der Bewegungslosigkeit", obwohl ihre "Behinderung" die beschriebene ist. Ihr Lebensweg ist sicher nicht durchschnittlich, dieser Vergleich ist jedoch ein plastisches Beispiel für den Unterschied zwischen dem Fremdbild aus "nichtbehinderter" Sicht und der Beschreibung einer Person mit derselben, starken "Behinderung" aus "behinderter" Sicht. Nur als Schmankerl am Rande möchte ich an dieser Stelle ein Zitat wiedergeben, in dem die erwähnte Schriftstellerin über einen Bereich des Fremdbildes ihr selbst gegenüber schreibt: "Ich selber wurde in einem Gutachten als "geistig minderbemittelt" beurteilt. Könnte ich nicht eine Reihe Bücher, Gründung und Leitung eines Vereins usw. usw. dagegensetzen, würde jede Sozialarbeiterin, die mit mir zu tun hat, im Hinterkopf mit sich herumschleppen: Aha, leicht geistig behindert. Entsprechend würde sie mich beurteilen und meine Begehren abschlägig behandeln." (Eggli, 1989, S. 12).

Abschließend läßt sich sagen, daß das Fremdbild von Menschen mit "Behinderung" vielfach stereotyp und vorwiegend negativ geprägt ist. Frauen mit "Behinderung" erfahren diese Abwertung nochmal verstärkt. Sie werden laut Bruner (1995, S. 6/7) sowohl körperlich als Mängelwesen als auch als Mangelcharaktere angesehen und erfahren daher weit weniger und seltener als "nichtbehinderte" Frauen eine Stärkung ihres Selbstbewußtseins. Doch wie wir in späteren Kapiteln sehen werden, haben sie dem zumeist negativen Fremdbild dennoch einiges entgegenzusetzen.

"Ich erlebe, daß immer versucht wird, uns in die Schattenseite zu drängen. Die gängige Vorstellung ist ja die, dass wir leiden sollen. Wenn man mir ansieht, daß ich glücklich bin, dann erschrecke ich die PassantInnen." ("Thea" in Wiener, 1992, S. 31).

3.4.1 Besondere Aspekte des "Behinderten"-Bildes

Im vorigen Kapitel habe ich allgemein das Fremdbild von Menschen mit "Behinderung" herausgearbeitet. Zwei bestimmte Aspekte der Sicht auf Menschen mit "Behinderung" halte ich jedoch für so wichtig oder bestimmend für das Fremdbild, daß ich sie genauer betrachten und ihnen zwei Unterkapitel widmen möchte: Ein Kapitel zum Aspekt der Zuordnung von Hilfe und Hilfebedürftigkeit zu Menschen mit "Behinderung" und eines zu den aktuellen Diskussionen über ihren "Lebenswert".

3.4.1.1 Hilfe

Hilfe" scheint ein Begriff zu sein, der in besonders starkem Ausmaß Menschen mit "Behinderung" zugeordnet wird (Köbsell, 1996;...).

Beispielsweise in den Untersuchungen von Bartkiewicz, 1989; Berry & Eggert, 1991; Käfer, 1987; Neumann, 1997; Rogner & Wessels, 1994,... werden "Behinderte" a priori mit Hilfe und Hilfebedarf verbunden. Hilfe wird aber konstant als Hilfe, die die Menschen mit "Behinderung" brauchen, gesehen und Hilfe, die sie leisten, bleibt (bis auf u.U. den Selbsterfahrungsaspekt für die Angehörigen) unerwähnt. In einer repräsentativen Umfrage an 1200 DeutschschweizerInnen im Rahmen eines Forschungsprojekts "Einstellungen zu behinderten Jugendlichen" fand Bächthold (1984) als gesellschaftliche Hintergründe der Einstellung zu Menschen mit "Behinderung" parallel die Tendenz zu einem "egoistisch gefärbten Nützlichkeitsdenken", die Neigung, Menschen an verwertbaren Eigenschaften zu messen und Hilfsbereitschaft als zentrale Faktoren der Einstellungsbildung. Er spricht außerdem von distanzschaffenden Reaktionen auf Menschen mit "Behinderung", was die Frage aufwirft, wie Hilfsbereitschaft in dieses Meinungs- und Verhaltensbild hereinpaßt.

Käfer hat 1987 eine Untersuchung zur Einstellung gegenüber Menschen mit Down Syndrom verschiedenen Alters durchgeführt, in der er eine Tendenz zur Gewährung aktiver Hilfe ihnen gegenüber fand, die jedoch mit zunehmendem Alter der "behinderten" Menschen abnahm. Diese Tendenz ist auch allgemein zu beobachten, was bedauerlich ist, da Menschen mit zunehmendem Alter in der Regel mehr und nicht weniger Hilfe brauchen. Die Abnahme der Hilfsbereitschaft gegenüber einer vermeintlich oder tatsächlich hilfebedürftigen Person mit zunehmendem Alter kann darauf hindeuten, daß die Hilfsbereitschaft nicht nach ihren Bedürfnissen, sondern nach den Bedürfnissen und positiven Folgen für die HilfeanbieterInnen ausgerichtet ist.

Ein weiteres Beispiel für die Zuordnung des Begriffes "Hilfe" zu Menschen mit "Behinderung" ist, daß der größte Teil der Arbeit zum Thema Menschen mit "Behinderung" unter dem Titel "Behindertenhilfe" geleistet wird. Die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) zu diesem Thema heißt nicht etwa "BAG Gleichstellung von Menschen mit und ohne "Behinderung"", "BAG Menschen mit "Behinderung"", "BAG Interessengemeinschaft "behinderter" (und "nichtbehinderter") Menschen" oder "BAG Zusammenleben "behinderter" und "nichtbehinderter" Menschen", sondern "BAG Hilfe für Behinderte" bzw. "BAG Selbsthilfe Behinderter" (jenachdem, um welches Bundesland es sich handelt). Die größte deutsche Vereinigung, die zu, mit und für Menschen mit sogenannter "geistiger Behinderung" arbeitet, ist die "Lebenshilfe". Eine nicht unwichtige Zeitschrift zur Lebenssituation von Menschen mit "Behinderung" heißt "Selbsthilfe" und themengerichtet arbeitende Gruppen von Menschen mit "Behinderung" werden in der Regel als "Selbsthilfegruppen" bezeichnet und nicht als "politische Interessenvertretung". Auf Ebene der "Selbsthilfegruppen" ist diese Verbindung von Menschen mit "Behinderung" und Hilfe jedoch nicht mehr nur Teil des Fremdbilds, sondern auch des Selbstbilds, da die Gruppen sich anders nennen könnten. Einige dieser Gruppen tun dies für sich selbst auch, je nach Selbstbild der Gruppe.

Die realen Fähigkeiten von Menschen mit "Behinderung" werden von "Nichtbehinderten" oft ignoriert, sie werden ihnen nicht zugetraut, stattdessen wird, wie erwähnt, häufig a priori Hilfebedürftigkeit mit ihnen assoziiert (Fremdbild), was zu unerwünschten und behindernden "Hilfsaktionen" führen kann (vgl. Bröer, 1994). In der Zeitschrift "Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis" findet sich ein Interview mit der Selbsthilfegruppe "Steglitz 2" (1987), die als eins der Hauptprobleme die "entmündigende Fürsorglichkeit" von SozialpartnerInnen und die Zurückstellung ihrer Individualität und Persönlichkeit beschreibt. Hilfe wird hier also nicht positiv empfunden, sondern als Entmündigung und Über-den-Kopf-hinweg-entscheiden durch Absprechen der eigenen Fähigkeiten und Zuschreibung von Hilfsbedürftigkeit innerhalb des Fremdbildes erlebt. Sie ist auch nach diesem Text nicht an tatsächlichem Hilfebedarf und Bedürfnissen der Menschen mit "Behinderung" orientiert. Auch Bierhoff (1996) bzw. Bierhoff und Klein (1990) sprechen beim Thema der Psychologie des Hilfeerhaltens nicht nur von positiven Auswirkungen von Hilfe auf die HilfenehmerInnen. Neben dem Aspekt der Selbstunterstützung durch Hilfeerhalt reden sie auch von Selbstbedrohung durch selbige auf Seiten der HilfeempfängerInnen und von positiven Konsequenzen für die Gebenden. Durch festgelegte Rollenverteilung von HilfegeberIn und HilfenehmerIn innerhalb zumindest des Fremdbilds wird der Kontakt zwischen Menschen mit und ohne "Behinderung" eigentümlich beeinflußt.

Bei meiner Durchsicht der psychologischen Literatur zur Verbindung von "Menschen mit "Behinderung"" und "Hilfe" stieß ich auf einen in der Zeitschrift "Psychologie & Gesellschaftskritik" veröffentlichten Artikel von Sierck (1988), in dem ein weiterer Aspekt dieser Verbindung geschildert wird. Sierck erörtert, daß BefürworterInnen der "aktiven Sterbehilfe" an Menschen mit "Behinderung", um für diese "Sterbehilfe" zu argumentieren, das Bild von hilflosen, pflegeabhängigen und "unästhetischen" Menschen benutzen. Er spricht von einer "Aufhebung der Existenberechtigung" für "behinderte", alte oder chronisch kranke Menschen, die aus dieser Argumentation folge. Mit der Zuordnung von Hilfe und Hilfsbedürftigkeit zu Menschen mit "Behinderung" würde somit eine Abwertung ihres Lebens und ihres "Wertes" begründet werden. Hieran schließt sich das nächste Kapitel meiner Diplomarbeit an, das den "Lebenswert" als besonderen Aspekt des Fremdbildes von Menschen mit "Behinderung" behandelt.

3.4.1.2 Lebenswert

"Gesellschaftlich sollte mein Leben keinen Wert haben. Ich sollte an der untersten gesellschaftlichen Stufe rangiern.

Ich bin behindert. Ich bin lesbisch. Ich bin weiblich. Ich bin in hohem Maße assistenzbedürftig.

Mit all diesen Qualitäten zu leben, lebendig zu sein, bedeutet in meiner Biografie, widerständig zu werden oder der Euthanasie Tür und Tor zu öffnen. Die Frage nach Leben und Tod stellte sich immer." (Krieger, 1991, S. 27)

Überlegungen über den "Lebenswert" von "behindertem" Leben spielen wieder eine verstärkte Rolle innerhalb des Fremdbilds (vgl. Bleidick, 1995; Christoph, 1989; Dombrowa, 1991, S. 122; Ern, 1994; Finke, Karl et al., 1996; Frühauf & Niehoff, 1994; Rutenfrans, 1995; Sierck, 1988;...). Die Verbreitung der Ansicht entsprechender "Nichtbehinderter", das Leben von Menschen mit "Behinderung" sei "lebensunwert" bzw. es sei besser, tot zu sein als "so", läßt sich beispielsweise auf anschauliche Art daran sehen, daß in Fernsehserien heute als Reaktion auf die eintretende "Behinderung" einer Figur diese und ihr Umfeld häufig sofort Schritte zur Selbsttötung unternimmt oder um "Sterbehilfe" bittet. Diese Reaktion ist nicht die einer tatsächlich betroffenen Person, sondern es ist die von "nichtbehinderten" DrehbuchautorInnen erdachte Rolle. Sie spiegelt in erster Linie nicht das Empfinden von Menschen mit "Behinderung" wieder, sondern das Fremdbild der "nichtbehinderten" MedienmacherInnen und vermutlich auch eines Gutteils der ZuschauerInnen. So versuchte sich beispielweise in der Serie "St. Angela" in der ARD in der Folge vom 7.5.'98 eine Polizistin, die vermutlich querschnittsgelähmt geworden war, noch am selben Tag zu erschießen. Ihre Begründung war, in den Rollstuhl zu kommen, müsse sie nicht hinnehmen, und es sei "besser tot zu sein als 50 Jahre im Rollstuhl". Ihre Selbstmord wurde durch einen wagemutigen Krankenpfleger verhindert. Ende der Episode war jedoch nicht, daß oder wie sie auch mit "Behinderung" leben kann oder zumindest ein offenes Ende, sondern am Ende der Episode stellte sich heraus, daß sie gar nicht querschnittsgelähmt war, sondern das Gefühl nach nur stundenweiser Unterbrechung wieder in ihre Beine zurückkehrte. Fazit war nicht die Lebbarkeit von einem Leben mit "Behinderung", sondern, daß es gut war, daß sie sich nicht sofort umgebracht hatte, da sie ja gar nicht "behindert" war.

In der Serie "Marienhof" (ARD) war die Figur der "Regina" in den Folgen vom 11. und 12. 3. '98 nach einem Schlaganfall stark pflegeabhängig, bettlägerig oder auf den Rollstuhl angewiesen. Erstaunlicherweise waren jedoch weder Stufen, z.B. vor ihrer Wohnung oder anderen Lokalitäten, noch die Pflege und eine Pflegeüberlastung der Pflegeperson ein Problem, sondern nur ihr mangelnder Genesungs- und Lebenswille. Diskussionen ihres Lebenswertes folgten rasch. Sie bittet ihren Sohn, sie bei zu viel Leiden zu töten. Der Sohn leitet kurz darauf ohne ihr Einverständnis bzw. ihren aktuellen Wunsch danach zu erfragen einen Doppel"selbst"mord ein, weil er ihre Lebenssitaution unerträglich findet. Daß dies ohne ihr Einverständnis in die Tötung und ohne sie überhaupt davon wissen zu lassen ein Unrecht, evtl. ein Mordversuch von ihrem Sohn sein könnte, wird nicht in Erwägung gezogen. Im Gegenteil macht sie sich nach ihrer Rettung Vorwürfe, sie hätte ihren Sohn umgebracht, der nach dem versuchten Doppel"selbst"mord noch einige Zeit mit unklaren Aussichten im Krankenhaus liegt. (Im späteren Verlauf der Serie erholt sich der Sohn völlig und behält keine Einschränkung oder "Behinderung" zurück.) Nur 8 Tage später, am 20.3.'98 äußert in der selben Serie der an Krebs erkrankte, aber gesundheitlich bis auf Nasenbluten noch voll leistungsfähige und nicht eingeschränkte Arzt "Robert Eschenbach" Selbsttötungspläne für eine zukünftige Verschlechterung seines gesundheitlichen Zustands.

Ich möchte an dieser Stelle keine weiteren Fallbeispiel detailiert beschreiben, obwohl ich es erstaunlich finde, daß in den letzten Jahren relativ häufig Fernsehdarstellungen zu beobachten waren, in denen auf Eintreten einer "Behinderung" sofort mit "Lebenswert"- oder gar Tötungsüberlegungen reagiert wurde.

Daß angenommen wird, das Leben von Menschen mit "Behinderung" sei weniger "lebenswert" als das von Menschen ohne "Behinderung", zeigt sich unter anderm daran, daß auf das Ergebnis "behindert" bei pränataler Diagnostik hin das Kind in aller Regel abgetrieben wird, auch wenn eigentlich die Geburt eines Kindes erwünscht war. Hier gilt auch die für andere Abtreibungen geltende 3-Monats-Frist nicht mehr, sondern das Kind darf bis kurz vor der Geburt "abgetrieben" werden.

Der Stand der Diskussionen über den Wert des Lebens von Menschen mit "Behinderung", die in den letzten Jahren wieder zugenommen haben, und die gehäufter auftretende Ansicht "nichtbehinderter" Menschen, das Leben von "schwerstbehinderten" Menschen sei "lebensunwert", läßt sich darüber hinaus in etlichen Veröffentlichungen rekapitulieren (s.o. und Bonfranchi, 1992; Grüning, 1996; Hoerster, 1995; Kuhse & Singer, 1993; Singer, 1994; ...). Von extremeren Vertretern dieser Diskussionen wird "schwerstbehinderten" Menschen u.U. sogar abgesprochen, eine "Person" zu sein (Grüning, 1996; Jantzen, 1996; Singer, 1994). Doch diese "nichtbehinderten" Menschen kennen die Lebenssituation, die sie als "lebensunwert" einschätzen, meist kaum und wissen nicht, was von den "betroffenen" Menschen, die das Leben, vor dem sie sich fürchten, führen, zu den tatsächlichen Schwierigkeiten und zu Lösungsmöglichkeiten gesagt werden könnte.

Der kurzen Darstellung der Argumentationslinien von Bioethikern wie Peter Sin-ger (Kuhse & Singer , 1993; Singer, 1994;...), Norbert Hoerster (Hoerster, 1995;...) etc., die sich zum "Lebenswert" von Menschen mit "Behinderung" äußern und mit ihren Thesen die Diskussionen der letzten Jahre prägend beeinflußt haben, möchte ich mich im folgenden widmen. Ich beziehe mich nicht auf sie als Einzelpersonen, sondern als Vertreter bestimmter Richtungen.

In seinem 1979 erschienenen und 1994 neu aufgelegten Buch "Praktische Ethik" vertritt der australische Bioethiker Professor Peter Singer die Auffassung, es sei oft überhaupt kein Unrecht, einen "behinderten" Säugling zu töten. 1989 plant er einen Vortrag zum Thema "Haben schwerstbehinderte neugeborene Kinder ein Recht auf Leben" (vgl. Feuser, 1989). Ein 1993 in deutscher Übersetzung erschienenes Buch von Peter Singer und Helga Kuhse trägt den Titel "Muß dies Kind am Leben bleiben?".

In seinem Buch "Neugeborene und das Recht auf Leben" schreibt der Mainzer Rechtsphilosoph Norbert Hoerster (1995): "Manche Leben sind offensichtlich für die Gesellschaft wertvoller (insbesondere nützlicher)... das Gegenteil zu behaupten wäre Heuchelei." (S. 117) . Außerdem vertritt er, "...daß ein Leben mit einem Defizit, einer Schädigung oder einer Behinderung einen geringeren Eigenwert wie Fremdwert besitzt als ein Leben ohne Behinderung." (S.119). Wobei sich die Frage stellt, welche Bedeutung der "Fremdwert" von "behindertem" Leben haben soll. Welche Folgen sollte die Feststellung eines vermeintlich niedrigen Fremdwertes haben? Finke & Jähnert (1993) stellen in Kritik dieser Geisteshaltung die Gefahren der Frage nach der gesellschaftlichen "Nützlichkeit" des Lebens von Menschen mit "Behinderung" heraus. Auf dem Kongreß "Science Fiction 1995" in Heidelberg vertrat der Bioethiker Hoerster die Auffassung: "Wir benötigen eine ethische Theorie davon, welche menschlichen Individuen ein Recht (Hervorhebung B.-U. R) auf Leben haben." (Stefan, 1998).

An einer anderen Stelle spricht Hoerster (1995) vom sogenannten "Patienteninteresse", das zum Thema der aktiven "Sterbehilfe" vom Arzt gegenüber seinen "lang anhaltend leidenden" PatientInnen beachtet werden solle. Als "Nicht-Betroffener" äußert Hoerster als eine Einschätzung dieses "Patienteninteresses" bei betroffenen Säuglingen (scheinbar bedenkenlos) z.B. Folgendes: "Wir wollen davon ausgehen, daß es im Interesse des Neugeborenen liegt, zu sterben.". Anhand von Aussagen von erwachsenen Menschen, die in die Gruppe derer, über deren Lebenswert diskutiert wird, fallen (vgl. Kap. 3.5.1.2 zum Aspekt des "Lebenswerts" innerhalb des Selbstbildes), fällt jedoch auf, daß diese oft Bioethiker wie Hoerster oder Singer keineswegs als Helfer, wie das Wort "Sterbehilfe" vermuten ließe, oder als UnterstützerInnen empfinden, sondern sich im Gegenteil sich von ihnen diffamiert und durch ihre Theorien bedroht fühlen. Ihre Einschätzungen von "Lebenswert" sehen oft erheblich anders aus, als die dieser Philosophen und Ärzte, und sie sprechen sich mit aller Vehemenz gegen Diskussionen über ihren "Lebenswert" aus (Christoph, 1989; Winter, 1996, ...). Vor dem Hintergrund dieser auffälligen Abweichung von Fremd- und Selbstbild zum Thema "Lebenswert" halte ich es für sehr bedenklich, "nichtbehinderte" Ärzte beurteilen zu lassen, ob ein Leben "lebenswert" ist und was das "Patienteninteresse" wäre und auf diese Einschätzungen hin z.B. "schwerstbehinderte" Säuglinge zu töten ("aktive Sterbehilfe").

Von verschiedenen Menschen mit "Behinderung", so u.a. vom niedersächsischen Behindertenbeauftragten Karl Finke (vgl. Finke & Jähnert, 1993; Frühauf & Nie-hoff, 1994) werden die Argumentationlinien von sog. Bioethikern, die sich allerdings auch im Meinungsbild der Bevölkerung wiederfinden lassen, in Zusammenhang zur zunehmenden Gewalt gegen Menschen mit "Behinderung" gestellt.

Trotz der unbestrittenen Bedeutung der "Lebenswert"-Diskussionen und -Überlegungen innerhalb des Fremdbildes von Menschen mit "Behinderung" gehe ich nicht davon aus, daß alle Menschen ohne "Behinderung" den Wert "behinderten" Lebens zu diskutieren bereit sind, ihn infrage stellen oder absprechen. Wie groß der Anteil der "Nichtbehinderten" ist, die ein "behindertes" Leben nicht als weniger lebenswert ansehen als ein "nichtbehindertes", fände ich interessant, kann ich jedoch auch nach Durchsicht der Literatur nicht sagen.

Zu den Auswirkungen der Diskussionen um den "Lebenswert" "behinderten" Lebens möchte ich nur noch wiedergeben, daß laut Dr. Chris Rutenfrans (1995), einem Mitarbeiter des niederländischen Justizministeriums, aus einer wissenschaftlichen Untersuchung über "aktive Sterbehilfe" in Holländischen Krankenhäusern hervorgehe, "daß die Familie der Patienten eher und öfter um aktive Sterbehilfe bittet als die Patienten selber." (S. 31). (In den Niederlanden ist es seit einigen Jahren möglich, daß Leben von Menschen unter bestimmten Umständen legal von außen durch "Sterbehilfe" zu beenden.) Am 17.1.1990 wurde der sog. Remmelink-Ausschuß (Commissie Onderzoek Medische Praktijk inzake Euthanasie, Medische beslissingen rond het levenseinde, Onderzoek en Rapport, 's-Gravenhage, Sdu, 1991) eingesetzt, der einen Bericht über die Praxis aktiver und passiver Sterbehilfe in den Niederlanden auf und ohne Verlangen der PatientInnenen erstellen sollte. Die Untersuchung des Remmelink-Ausschusses nimmt Bezug auf die Jahre 1990 und 1991. "Nach der Untersuchung des Remmelink-Ausschusses hat in 31% der Fälle von aktiver Sterbehilfe ohne (ohne!!! Anm.: B.-U. R.) Wunsch des Patienten die nach Auffassung des Arztes geringe Lebensqualität des Betroffenen eine Rolle gespielt." (Rutenfrans, 1995, S.31)

3.5 Herausarbeitung des Selbstbildes von Menschen mit "Behinderung"

Im Gegensatz zum Fremdbild läßt sich das Selbstbild von Menschen mit "Behinderung" nur schlecht beschreiben, da es nicht einheitlich ist. Es berichten z.B. manche ForscherInnen von einem positiven Selbstbild (Leyendecker, 1992; Randoll, Klein & Spanier, 1989), manche von einem negativen (Fischer, 1976), manche von beidem (Richtberg, 1980). Doenhoff-Kracht (1980) äußert nach ihrer Untersuchung, das Selbstbild wäre positiver, als sie auf Grund anderer Untersuchungen erwartet habe. Teils gehen ForscherInnen von einem gestörten Selbstbild oder gar von gestörtem Selbstbild und gestörter Interaktion aus, ohne daß klar ist, ob diese Vorannahmen möglicherweise auf ihrem Fremdbild beruhen (Knapp, 1983; Seebaum, 1981) oder ob sie der Realität entsprechen.

Sicher ist jedoch ist laut dem Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (1993, S. 23), daß es "Unterschiede im Selbst- und Fremdverständnis durch Nichtbehinderte, Vertreterinnen von Behörden, Institutionen etc. gibt."

Ich nehme an, daß das Selbstbild von Menschen mit "Behinderung" deshalb nicht einheitlich ist, weil die "Behinderung" nur eine von mehreren Eigenschaften ist (Grewel, 1992; Marek, 1993) und die Menschen ansonsten genauso verschieden sind wie "nichtbehinderte" Menschen auch.

Sicherlich ist das Selbstbild auch durch das Fremdbild beeinflußt. Die tägliche Konfrontation mit gesellschaftlichen Werten und dem Fremdbild bei zwischenmenschlicher Interaktionen, durch die Medien, ... führt zu einer kontinuierlichen Einwirkung auf das Selbstbild. Auch kann ich mir vorstellen, daß es auf das Selbstbild einen Einfluß hat, wie stark das Fremdbild internalisiert oder sich kritisch damit auseinander gesetzt wurde (Beer, 1991, S.22) und unter welchen sozialen Bedingungen die/der Betreffende lebt (im Heim, in einer eigenen Wohnung, als Mutter, bei den eigenen Eltern, mit einer gutdotierten und angesehenen Stellung,...) (vgl. Duss-von-Werdt, 1995). Ein weitgehend selbstbestimmtes Leben, positiver Kontakt mit andern Menschen mit "Behinderung" und die Verfübarkeit von positiven "behinderten" Rollenmodellen dürften sich positiv auf das Selbstbild auswirken (vgl. Beer, 1991, S.22).

Neben anderen Eigenschaften finden sich in manchen Beschreibungen auch Pro-bleme mit dem Selbstwertgefühl (Beer, 1991, S. 23; Anonyms, 1992, S. 10), die teils in Verbindung mit der "Behinderung" und der Konfrontation mit dem Fremdbild dargestellt werden. Probleme mit dem Selbstwertgefühl können jedoch auch unabhängig von "Behinderung" oder "Nichtbehinderung" bestehen.

Übereinstimmungen im ansonsten recht differenzierten Selbstbild lassen sich an Stellen finden, an denen sich Menschen mit "Behinderung" von negativen Beurteilungen innerhalb des Fremdbilds distanzieren. Zu den von Frauen mit "Behinderung" aufgezählten eigenen Eigenschaften gehört z.B. mehrfach die in Opposition zum Fremdbild stehende Aussage, schön und attraktiv zu sein (HNA, 1994; Kassandra, 1994; Krieger, 1991; Ruhm, 1997;...).

In Artikeln, die von Menschen mit "Behinderung" geschrieben wurden, wird häufig ein sehr positives und selbstbewußtes Selbstbild wiedergegeben. Die AutorInnen (bei den erwähnten handelt es sich allerdings ausschließlich um Frauen und Lesben und nicht um männliche Autoren) finden oft völlig okay, daß sie die "Behinderung" haben oder sind froh darüber oder "stolz darauf" (Beer, 1991; Dombrowa, 1991; Marek, 1993; von Canal, 1997;...). Auch der Selbstbild-Aspekt, kämpferisch und/oder mutig zu sein, wird aufgeführt (Marek, 1993; Radtke, 1997;...).

Für bedenkenswert halte ich des weiteren die Bewertung von Leid, die Johanna Krieger im folgenden Zitat beschreibt: "Behindert werden hat mir über Leidens- und Trauererfahrung ein tiefe Seinsqualität eröffnet. Ich habe daraus eine große Stärke entwickelt." (Krieger, 1991, S.28).

Auch folgende Sichtweisen von zwei Frauen mit "Behinderung" sind sehr interessant, nämlich der Ansatz Kriegers (1991), "Behinderung" als (gleichwertige) Lebensform anzusehen und die Aussage Zemps (1993, S. 91): "Obwohl Andersartigkeit als große Selbstverständlichkeit schon immer zur Natur gehört hat, steht Behindertsein durch die ganze patriarchale Geschichte hindurch immer wieder außerhalb jeder sozialen Erwartung.". An sich wird "Behinderung" als selbstverständlich, natürlich und nicht minderwertig angesehen.

Als weiteren Bestandteil des Selbstbildes möchte ich erwähnen, daß für viele, insbesondere jüngere Gehörlose in letzter Zeit parallel zu Bestrebungen, die Gebärdensprache als originäre Sprache der Gehörlosen endlich auch in Deutschland als Sprache anerkennen zu lassen, ein Umbruch in der Einstellung zu Gehörlosigkeit stattgefunden hat. Sie sehen sich nach Padden & Humphries (1991) als nicht "behindert" und begründen dies damit, daß sie lediglich sprachdiskriminiert seien. Untereinander, wenn ihr Gegenüber der Gebärdensprache mächtig ist oder in Anwesenheit von DolmetscherInnen hätten sie keinerlei Probleme. Sie betrachten sich als "nichtbehindert", da, wenn sie untereinander sind, keinerlei Probleme aufträten und sie keine Behinderungen hätten, also bei ihrer Sprache angemessenen Umständen die Einschränkungen wegfielen. Die Probleme wären also Probleme zwischen nicht-Gebärden-fähigen Hörenden und Gehörlosen. Je nach Sichtweise oder Festlegung der Norm, könnten danach auch die Gebärden-unfähigen Hörenden als die "Behinderten" betrachtet werden.

Gehörlosen Kindern aus gehörlosen Familien käme es nach Padden & Humphries (1991) nicht in den Sinn, daß die Umwelt sie über einen Mangel definieren und Gehörlosigkeit als "gravierendes Gebrechen" (S. 23), "Behinderung" und leidverursachend bewerten könne. Im Gegenteil würden von ihnen die Hörenden als "merkwürdig", "komisch", "anders", aber nicht besonders bedeutungsvoll angesehen (Padden & Humphries, 1991, S. 22). Eine Veränderung, die die Gehörlosigkeit zu einem herausragenden Merkmal in Leben der Gehörlosen macht, träte erst dann auf, wenn das Verhalten der Menschen in ihrem Umkreis sich "wegen der Gehörlosigkeit" deutlich ändere. "Was aus Jims und der Geschichte der anderem gleichermaßen hervorgeht, ist, daß Hörschaden bzw. Hörvermögen an und für sich noch nichts besagen; entscheidend werden sie erst im Umfeld der Deutungsmuster, mit denen das Kind konfrontiert wird." (S. 27).

Einerseits kann diese Abgrenzung Gehörloser vom Begriff "behindert" auf ein negatives Bild von "Behinderten" hindeuten, als die sie möglicherweise nicht an-gesehen werden wollen, andererseits wird auch von Teilen der "Behinderten"-und Krüppelbewegung für sich die Bezeichnung "Behinderte" abgelehnt und die Selbstbenennung "Krüppel" gewählt (Barzen, 1988). Die Bezeichnung "behindert" wird als nicht passend, auf die Einschränkung reduzierend und die Fähigkeiten ignorierend, die wahren gesellschaftlichen Zustände verschleiernd und abwertend empfunden (Barzen, 1988; Ewinkel, Hermes et al., 1985; Ruhm, 1997).

Sowohl Kommunikation durch Gebärdensprache und Lautsprache, Fortbewegung durch Rollen oder zu Fuß laufen, ... können jeweils als verschiedene, aber gleichwertige Möglichkeiten der Kommunikation, Fortbewegung etc. angesehen werden, wie auch Krieger (1991) "Behinderung" als (gleichwertige) Lebensform betrachtet (s.o.).

Als letzten Aspekt des Selbstbildes möchte ich aufführen, daß Donath (1997), Ehlers & Kahle (Der Weg, 1997), Ehlers (1998) und von Canal (1997) davon sprechen, nicht durch die "Behinderung", sondern durch Behandlung und Vorurteile der "nichtbehinderten" Gesellschaft behindert zu werden.

"Ja, wir fühlen uns geschädigt, nicht hörgeschädigt, sondern geschädigt durch die falsche Behandlung von Pädagogen und Regierung, durch die Vorurteile der Hörenden.

Trotzdem bin ich froh, taub zu sein und trage die Taubheit mit dem Selbstbe-wußtsein, daß es okay ist, taub zu sein. Ich würde kein CI tragen (Cochlear Im-plantat, steht hier auch für den Versuch der Anpassung an die Norm zu hören und nicht gehörlos zu sein. (Anm. B.-U. R.)) und ich würde mein Kind auch nicht implantieren lassen, falls es taub wäre. Ich bin hörbehindert oder hörgeschädigt, vor allem aber gesellschaftlich behindert aufgrund der Vorurteile der Hörenden." (von Canal, 1997, S. 536).

"Pro Krüppel

Ich bin bedingungslos

für Krüppel in dieser

Gesellschaft

Ich finde es schön

daß es sie gibt

(...)

Behinderungen auszurotten

wird nie gelingen

Auszurotten gilt

die Vorstellung

vom bedauernswerten

Krüppel, der doch lieber

tot sein sollte

damit sein Leid ein Ende hat

Ich kann es auch nicht

ohne weiteres akzeptieren

daß sich Menschen genetisch

beraten lassen,

um keine Krüppelkinder

zu bekommen

Auch Menschen mit einer

fortschreitenden Schädigung

sind keine Todes-

sondern Lebenskandidaten

Behinderung ist nicht

was uns anhaftet

sondern was täglich mit uns

durch euch passiert

Meine eigene Hörschädigung

macht sich für mich

erst dann bemerkbar, wenn ihr

über mich lacht, weil ich

etwas falsch verstanden habe

wenn ihr nicht bereit seid

langsam und deutlich zu sprechen

bzw. die Gebärdensprache

zu erlernen

Eure Normen und Ignoranz

machen mich

und andere

zu Behinderten"

(Ehlers, 1998, S.23/24)

Ähnlich wie eben erwähnt AutorInnen stellt Marscha Saxton anläßlich des internationalen Forums für behinderte Frauen in Führungspositionen in Washington 1997 das Selbstbild von vielen Menschen mit "Behinderung" und ihre Einstellung zum Thema "Lebenswert" als gut dar und sieht die Einschränkungen, die z.B. zu "Mitleid" auf Seiten "Nichtbehinderter" führen, als durch "Behinderten"-Diskriminierung bedingt an: "Behinderte Menschen sind wertvolle menschliche Wesen... daß das Leben behinderter Menschen so hart ist, weil wir diskriminiert werden." (Saxton, 1997, S. 50).

3.5.1 Besondere Aspekte des "Behinderten"-Bildes

Analog zum Kapitel über das Fremdbild möchte ich auch unter diesem Kapitel, das sich mit dem Selbstbild von Menschen mit "Behinderung" befaßt, zwei Aspekte der Sicht auf Menschen mit "Behinderung" gesondert herausgreifen. Ich halte sie für so wichtig oder bestimmend für das Fremdbild, daß ich sie genauer betrachten und ihnen auch an dieser Stelle zwei Unterkapitel widmen möchte: Ein Kapitel zum Aspekt der Zuordnung von Hilfe und Hilfebedürftigkeit zu Menschen mit "Behinderung" und eines zu den aktuellen Diskussionen über ihren "Lebenswert".

3.5.1.1 Hilfe

Anhand der Theorie der "Psychologie des Hilfeerhaltens" (Bierhoff & Klein, 1990) lassen sich negative Konsequenzen einer tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen einseitigen Hilfeabhängigkeit von Menschen mit "Behinderung" von Menschen ohne "Behinderung" erkennen. Menschen mit "Behinderung" sind einerseits in ihrem Selbstbild oft bei weitem nicht so hilfeabhängig, wie es ihnen im Fremdbild zugeordnet wird (vgl. z.B. Bröer, 1994), andererseits wirkt sich dieses Fremdbild durch dementsprechende Rollenvorgaben bei der Interaktion auf ihr Selbstbild und ihr Selbstwertgefühl aus.

Wie stark von einem repräsentativen Durchschnitt aller Menschen mit "Behinderung" "Hilfe" mit sich selbst assoziiert wird, sei es als eigene Hilfebedürftigkeit oder im Gegensatz dazu in der Rolle der Hilfegebenden, ist schwer zu sagen, da mir keine diesbezüglichen Studien bekannt sind. Neben Bröer (1994) lassen sich auch in dem Interview mit der Selbsthilfegruppe "Steglitz 2" (1987) Hinweise darauf finden, daß die Zuordnung von Hilfe zu ihnen von außen als nicht realitätsangepaßt empfunden wird, sondern als "entmündigende Fürsorglichkeit". Von der Zurückstellung ihrer Individualität und Persönlichkeit wird berichtet. In einem Theaterstück, das von sog. "geistig behinderten" MitarbeiterInnen einer "Werkstatt für Behinderte" (WfB) selbst inszeniert wurde (Elbe-Werkstätten, 1992), beschreibt eine Frau die Situation folgendermaßen: "Aber wenn uns niemand etwas zutraut, können wir nie beweisen, daß wir auch etwas können." (S. 52). Ein "Werkstatt für Behinderte" soll laut § 52 des Schwerbehindertengesetzes "eine Einrichtung zur Eingliederung Behinderter ins Arbeitsleben" sein. Sie "muß es den Behinderten ermöglichen, ihre Leistungsfähigkeit zu entwickeln, zu erhöhen und ein dem Leistungsvermögen angemessenes Arbeitsentgeld zu erreichen.". Nach Walter & Hoyler-Herrmann (1987, S. 71) werden sie diesem Anspruch jedoch bei weitem nicht gerecht: "Die wenigen vorliegenden Arbeitsplatzanalysen in Werkstätten für Behinderte lassen eher entwicklungsmindernde und rehabilitationshemmende Faktoren erkennen". So fühlen sich nach Dieterich (1983, S. 264) 50% der MitarbeiterInnen einer WfB unterfordert und meinen, sie könnten mehr als gefordert. Die darüber hinaus erschreckend geringe Bezahlung erinnert die ArbeitnehmerInnen immer wieder an ihre Hilfebedürftigkeit und Abhängigkeit (Friske, 1995, S. 67). Bei voller Leistungsfähigkeit beträgt ein Monatsgehalt in der Regel ca. knapp 200 DM, bei eingeschränkterer Leistungsfähigkeit noch weniger. Durch die niedrige Entlohnungspraxis und die Unterforderung der "behinderten" ArbeitnehmerInnen werden sie hilfeabhängig. "Die Entlohnungspraxis unterstreicht eher den caritativen Charakter der ganzen Situation und macht die Behinderten zu Almosenempfängern mit einer Arbeitsverpflichtung." (Schneider, 1991, S. 73). Menschen mit sog. "geistiger Behinderung" selbst äußern dazu in besagtem Theaterstück: "Es ist kein schönes Gefühl, immer auf andere angewiesen zu sein. Und schon gar nicht, wenn ich weiß, ich könnte auch selbst für mich sorgen" (Elbe-Werkstätten, 1992, S. 52). Wieder wird Menschen mit "Behinderung" -und insbesondere Frauen, denn eine Arbeit in einer WfB wird im Verhältnis bei Frauen häufiger als bei Männer als die passende Tätigkeit angesehen- von außen Hilfeabhängigkeit zugeordnet und durch die Bedingungen gefördert, während die Menschen mit "Behinderung" selbst sich als wesentlich leistungfähiger und weniger hilfeabhängig empfinden.

Sicherlich sind Menschen mit "Behinderung" in mehr oder weniger großem Aus-maß auf Hilfe angewiesen. Es sind jedoch alle Menschen (vermutlich dennoch diejenigen ohne "Behinderung" oft in geringerem Ausmaß) auf Hilfe angewiesen und Hilfe gegenüber Menschen mit und ohne "Behinderung" wird unterschiedlich bewertet. Niemand wundert sich, wenn jemand nicht in der Lage ist, z.B. sein Brot selbst zu backen oder Männer älterer Generationen äußern, sie könnten nicht putzen, kochen und sich selbst versorgen. Wenn jedoch Menschen -insbesondere Frauen- mit "Behinderung" Tätigkeiten nicht selbst ausführen oder eine andere Person für sich putzen, kochen, Kleidung ordnen und sich versorgen lassen, wird dies ganz anders gedeutet und bewertet als bei z.B. "nichtbehinderten" Männern, die sich bei denselben Tätigkeiten von anderen Personen versorgen lassen.

Je nach den persönlichen Gegebenheiten in Hinsicht auf tatsächlichen Hilfebedarf und Prägung durch das Fremdbild gehört es sicherlich auch zum Selbstbild mancher Menschen mit "Behinderung", Hilfe zu brauchen. Ob diese Hilfe als erhältlich erfahren wird oder ein mehr oder weniger einschränkender, schmerzlicher oder gar bedrohlicher Mangel an derselben erlebt wird, ist interpersonell verschieden.

Beim realen Hilfebedarf unabhängig von unbelegter Zuordnung von Hilfeabhän-gigkeit allein aufgrund der "Behinderung" und unanhängig von dem als normal angesehenen Hilfebedarf innerhalb der entsprechenden Kultur bin ich auf einen interessanten Umgang von Menschen aus der "Behinderten"- und Selbstbe-stimmt-Leben-Bewegung mit Hilfeleistungen gestoßen, der zu einer Versachlichung von Hilfe- und Pflegesituationen und zu einem Abbau der hierachisierenden gefühlsmäßigen Konnotationen (Dankbarkeit; eindeutige Rollenzuschreibung davon, wer abhängig ist und wer in der gebenden, moralisch positiv bewerteten und kontrollierenden Rolle ist;...) führt. Diese andere Deutungsmöglichkeit möchte ich im folgenden kurz darstellen.

"Persönliche Assistenz" statt "Hilfe":

Der Begriff "persönliche Assistenz" wird von vielen Menschen mit "Behinderung" bewußt verwendet. Der ansonsten meist verwendeten Begriff "Hilfe" macht sie nach ihrer Empfindung zum passiven Objekt ebendieser Hilfe. Sie sind anders als bei "persönlicher Assistenz" keine selbst bestimmenden Sub-jekte mehr (Köbsell, 1996). Hilfe hat für sie also damit zu tun, nicht selbst über die eigenen Bedürfnisse und das eigene Leben entscheiden zu dürfen. "Persönliche Assistenz orientiert sich ausschließlich am persönlichen Bedarf derjenigen, die sie benötigt" (Köbsell, 1996, S.44). Bei persönlicher Assistenz liegt die Kontrolle in Händen oder Füßen der Menschen mit "Behinderung" (vgl. Pridmore, 1997). Hilfe wird im Gegensatz dazu als eine Situation erlebt, in der die Hilfspersonen Kontrolle über die entsprechenden Menschen mit "Behinderung" haben.

"Persönliche Assistenz" macht sich an 3 Kriterien fest (vgl. Marrenbach, 1996):

  1. Personalkompetenz: Der Mensch mit "Behinderung" und nicht z.B. eine Pflegestation entscheidet, wer wann die entsprechenden Hilfen, auch in Intimbereichen, für sie/ihn macht.

  2. Anleitungskompetenz: Was von den AssistentInnen gemacht und auf welche Weise es ausgeführt werden soll, bestimmt die/der AssistenznehmerIn selbst. Sie/er leitet die AssistentInnen an.

  3. Finanzkompetenz: Das Geld für die Assistenzleistungen wird von den AssistenznehmerInnen selbst verwaltet und ausgeteilt. Sie zahlen und sind ArbeitgeberInnen und werden nicht, wie bei Versorgung durch ambulante Hilfsdienste häufiger der Fall, als "AlmosenempfängerInnen" angesehen und dementsprechend Dankbarkeit von ihnen erwartet. Die Abhängigkeit ist somit reduziert. Das Fremd- und Selbstbild ist ein deutlich anderes, positiveres.

Laut Pridmore (1997) wird assistenzabhängigen Männer mit "Behinderung" weitaus leichter und in größerem Umfang als entsprechenden Frauen zugestanden, Assistenz und finanzielle Leistungen dafür zu erhalten. Die Ursache sieht sie in der Frauenrolle, die Frauen zuschreibt, für Versorgung, Pflege und Haushalt zuständig und befähigt zu sein. Frauen, die mit einer Frau zusammenleben (also Lesben oder bisexuelle Frauen), bekämen darüber hinaus weniger Assistenz oder Hilfen zugesprochen, da die Ansicht bestünde, die andere Frau könne sich um sie "kümmern" (Pridmore, 1997, S.86).

Frauen aus der "Behinderten"-Bewegung fordern seit Jahren, daß assistenzab-hängige Frauen die Möglichkeit bekommen, zu wählen, von Frauen und nicht von Männern gepflegt, ... zu werden (vgl. Resolution zur 1. Europäischen Konferenz zum selbstbestimmten Leben behinderter Frauen, 1997). Sich von Männern z.B. im Intimbereich pflegen lassen zu müssen, kann sowohl demütigen als auch das Risiko von sexueller Ausbeutung erhöhen. Unter solchen Umständen haben Frauen nicht mehr die Möglichkeit, über ihren Körper und wer ihn auf welche Weise berühren darf, selbst zu entscheiden.

3.5.1.2 Lebenswert

Menschen mit "Behinderung" haben oft eine völlig andere Einschätzungen zum Thema "Lebenswert" als Menschen ohne "Behinderung". Sie fühlen sich durch Diskussionen über den "Lebenswert" von "behindertem" Leben oftmals bedroht und verwehren sich vehement dagegen (Finke et al., 1996; Saxton, 1997; Winter, 1996;...). Teils erleben sie ihr Lebensrecht als in Frage gestellt. "Eine rationale Diskussion darüber, wie lebenswert das Leben bestimmter Individuen ist, beleidigt und bedroht Menschen, die ihr Lebensrecht nicht rational zur Debatte gestellt haben wollen. Man kann über den Wert eines Menschenlebens nicht verhandeln wie über den Preis eines Kleidungsstückes. Der Begriff Wert stammt aus der Ökonomie und wer mit diesem Begriff Leben bemißt, transportiert eine klare Botschaft an die, die sich unter dem Kosten-Nutzen-Aspekt als teuer erweisen." (Forum gegen die neue Euthanasiedebatte, 1996, S.31). Darüber hinaus erläuert das Forum gegen die neue Euthanasiedebatte (1996, S.30), "daß Singer logisch und rational nicht anderes begründet, als daß die Tötung von "lebensunwertem" Leben - konkret: kranken und behinderten Menschen - unter bestimmten Vorraussetzungen kein Unrecht sei.". Im "Heidelberger Appell" (Finke et al., 1996, S. 28) heißt es: "Seine (Peter Singers) Aussagen stellen einen Angriff auf Menschen mit Behinderungen dar.".

Natürlich kann es auch vorkommen, daß Menschen mit "Behinderung" selbst ihr persönliches Leben als nicht lebenswert ansehen. Rutenfrans (1995, S.31) betont jedoch, daß Menschen, die sich in einem gesundheitlich schlechten und schwachen Zustand befinden, leichter von außen beeinflußbar sind. Vom sozialen Umfeld, das möglicherweise mit der Pflege überfordert ist oder von Kliniken und Heimen kann leicht Druck ausgeübt und die vermeintlich freie Entscheidung gelenkt werden. Der Wunsch nach "aktiver Sterbehilfe" wird laut Rutenfrans (1995, S. 31), der sich auf die Ergebnisse der großangelegten Untersuchung des Remmelink-Ausschusses (1991) bezieht, öfter und eher von der Familie als von den betroffenen Menschen selbst geäußert.

Das eigene Leben als nicht lebenswert zu empfinden, kann außerdem eine Folge von gesellschaftlichen Bedingungen wie Ausgrenzung, Diskriminierung und existentiellen Schwierigkeiten, ausreichende Mittel für den Lebensunterhalt und die Pflege und Assistenz sicherzustellen, sein. Daher ist es notwendig, erst die Lebensbedingungen und ggf. die Pflegesituation von Menschen mit "Behinderung" zu verbessern, bevor mit der Begründung, dies Leben sei nicht "lebenwert", "Hilfen" zur Tötung gestellt werden. So ist laut Bruner (1995, S.7) die Sicht der "Krüppelbewegung": "Das Behindertenproblem (soll) durch Verhinderung der Behinderung gelöst werden. Wenn Behinderung als gesellschaftliches Problem begriffen wird, hat dies zur Konsequenz, daß die Lebensbedingungen von Behinderten radikal zu verändern wären. Leben mit Behinderung muß von der Gesellschaft als gleichwertige Daseinsform anerkannt werden."

Da ich es selbst nicht besser ausdrücken könnte, möchte ich im folgenden Aus-schnitte aus der Rede von Marscha Saxton anläßlich des internationalen Forums für behinderte Frauen in Führungspositionen in Washington 1997 als Zitat wie-dergeben: " Manchmal, wenn sehr schwer behinderte Kinder umgebracht werden, wird es "Tod aus Mitleid" genannt, dies geschieht nicht aus Mitleid. Dies ist Mord und die schlimmste Art von Diskriminierung." Wenig später: "Einige fühlten sich als Last für ihre Familien. Die Menschen, die Dr. Kevorkian (ein "Sterbehelfer" aus den Vereinigten Staaten (Anm.: B.-U. R.)) getötet hat, sind meistens behinderte Frauen. Dies ist eine Art der Diskriminierung der Behinderung und des Geschlechts.

Wir möchten sicherstellen, daß behinderte Menschen oder jeder Kranke oder jede alte Mensch nie ermutigt oder gezwungen wird zu sterben, um Geld zu sparen, um ihrer Familie Mühe zu sparen. Wir möchten sicherstellen, daß behinderte Menschen die Ressourcen und die Selbstbestimmung haben, ihr eigenes Leben, so gut sie können, zu lenken, so daß sie sich als wertgeschätzte Bürger und Bürgerinnen fühlen. Wir möchten sicherstellen, daß behinderte Menschen, die sich wegen sich selbst schrecklich fühlen, eine Chance bekommen, zu verstehen, daß Diskriminierung die Ursache dieser schlechten Gefühle ist und daß sie die Wahl haben, andere behinderte Menschen zu treffen, die sehr gerne leben." (Saxton, 1997, S. 50). Die Diskussion um "Lebenswert" und "Sterbehilfe" wird auch hier als mit ökonomischen Überlegungen in Zusammenhang stehend beschrieben. Die Tatsache, daß mit "Sterbehilfe" zumeist Frauen getötet werden, weist auf einen geschlechtsspezifischen Aspekt einerseits der "Lebenswert"-Einschätzung und andererseits der Lebensbedingungen mit "Behinderung" hin.

An einer anderen Stelle stellt Marscha Saxton sehr aufschlußreich das Selbstbild von vielen Menschen mit "Behinderung" und ihre Einstellung zum Thema "Lebenswert" dar: "Behinderte Menschen sind wertvolle menschliche Wesen und verdienen es, ein gutes Leben zu leben, so lange und so erfüllt wie möglich. Aber viele Menschen mit Behinderungen werden oft von anderen isoliert, leben in Armut, und ihnen wird erzählt, daß sie für ihre Familien und für die Gesellschaft eine Last sind. Menschen in dieser Situation fühlen manchmal, daß Tod der einzige Ausweg für sie ist. Manchmal verstehen Ärzte/Ärztinnen und Familienmitglieder nicht, daß das Leben behinderter Menschen so hart ist, weil wir diskriminiert werden. Sie können den Unterschied nicht sehen, zwischen dem Schmerz darüber, behindert zu sein und dem Schmerz über eine schreckliche soziale Unrechtsbehandlung." (Saxton, 1997, S. 50). Der "Lebenswert", falls dieser Begriff überhaupt verwendet werden sollte, wird als nicht durch die "Behinderung", sondern durch gesellschaftliche Ausgrenzungsmechanismen und Diskriminierung eingeschränkt gesehen.

3.6 Unterschiede des Fremd- und Selbstbildes zwischen Frauen mit "Behinderung" und Männern mit "Behinderung"

Frauen mit "Behinderung" stellen über ihre Situation die These der "doppelten Diskriminierung" auf (Arnade, 1991; Ehrig, 1996; Köbsell, 1996; Krüppelfrauengruppe Berlin, 1996;...), die sich auf die Vereinigung "zweier sozialer Stigmatisierungsmerkmale" (Ehrig, 1996, S. 55) bezieht. Dieser Aspekt findet sich im Selbstbild "behinderter" Männer nicht, zumindest in dem der heterosexuellen (und weißen, deutschen und christlich sozialisierten) Männer.

Ähnlich spricht in Hinsicht auf Identität von Frauen mit "Behinderung" Schildmann (1983, S.36 f.) von einem "Doppelstandard von Normalität", dem sie nicht genügen könnten, da sie sowohl als Frauen von der Norm, die männlich sei, und als Frauen mit "Behinderung" von der Norm, die "nichtbehindert" sei, abwichen (Jeltsch-Schudel, 1993; Schildmann, 1983). Männer mit "Behinderung" müssen sich bei ihrer Identitätsbildung "nur" mit einer Normabweichung auseinandersetzen. Bei lesbischen oder anderen nicht-heterosexuellen Frauen mit "Behinderung" kommt gegenüber heterosexuellen Frauen noch ein dritter Standard von Normalität hinzu, von dem sie in eine -zumeist negativ angesehene Richtung- abweichen. Laut Jeltsch-Schudel (1993), selbst "nichtbehindert", führten diese strukturellen Ausgangsbedingungen dazu, daß es Frauen mit "Behinderung" erschwert oder gar unmöglich wäre, ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln. Dies könne zu einem Gefühl von Andersartigkeit, Nicht-Dazugehören und Einsamkeit führen. Ich könnte mir jedoch auch vorstellen, daß -parallel zu einer mehrdimensionalen gesellschaftlichen Abwertung- Frauen und Lesben mit "Behinderung" selbst durch eine aktive, kritische Auseinandersetzung mit Normvorstellungen die empfundene Andersartigkeit und Normabweichung nicht nur negativ und selbstabwertend bewerten, sondern auch mit positiven Aspekten besetzt deuten könnten. So wird die Befreiung von der klassischen Frauenrolle, für die die Frauenbewegung gekämpft, sie aber nur teilweise erreicht hat, und die Aufhebung des Zwangs, sich an Normen anzupassen, da sowohl diese Normen als auch die klassische Frauenrolle sowieso nicht erreicht werden können, von Frauen und im speziellen von Lesben mit "Behinderung" auch als Vorteil und Freiheit beschrieben (vgl. Adelfinger, 1993; Eggli, 1991; Ruhm, 1999; Susanne, 1995). Artikel wie "Die Emanzipation ist leichter für mich" (Degener, 1981) zeigen auf Vorteile der Frauen und Lesben mit "Behinderung" in dieser Richtung hin. Das heißt jedoch nicht, daß Frauen mit "Behinderung" keinerlei geschlechtsspezifischen Ansprüchen und Bildern unterworfen wären. Beispielsweise werden Männer mit "Behinderung" als selbstbewußt angesehen, wenn sie ihre Rechte einfordern, Frauen hingegen als aggressiv (Pridmore, 1997, S.82).

Obwohl sich die Rollen und Bilder von Männern und Frauen mittlerweile in verschiedenen Bereichen ändern, ist es für Frauen in dieser Gesellschaft noch immer deutlich wichtiger, ob sie den gesellschaftlichen Schönheitsidealen entsprechen, als für Männer (Adelfinger, 1993; Bruner, 1995; Bundesweites Forum der Krüppel- und Behinderteninitiativen e.V., 1997; Friske, 1995; Lennartz, 1997; Rohr, 1982;...). Nach der klassischen Rollenzuschreibung leben Mann und Frau in einer heterosexuellen Ehegemeinschaft, innerhalb derer der Mann außer Haus das Geld der Familie verdient und die Frau im Haushalt arbeitet, die Familie versorgt und dadurch u.a. für die Aufrechterhaltung der Arbeitsfähigkeit des Mannes sorgt (Friske, 1995, S. 52 f; Steengrafe,1995, S. 24). Die Frau ist stolz auf ihren Mann, wenn er gut verdient, einen guten Posten und einen hohen sozialen Status hat. Der Mann ist stolz auf die Frau, wenn sie nach den üblichen Vorstellungen möglichst attraktiv aussieht (Rohr, 1982); ihr sozialer Status richtet sich nach dem ihres Mannes (vgl. Köbsell, 1996). Da es Frauen mit "Behinderung" meist auch unter Aufwendung von etlichen Mühen und evtl. selbstwertgefährdenden Versuchen, die "Behinderung" zu vertuschen, nicht gelingt, dem gesellschaftlichen Schönheitsideal zu entsprechen (Ewinkel, Hermes et al., 1985; Köbsell, 1996; Rohr, 1982), ist es für sie weitaus schwerer, diese Rollenerwartungen und das Bild von einer "guten" bzw. attraktiven Frau zu erfüllen, als für Männer mit "Behinderung" (Braun & Niehaus, 1992, S.18; Köbsell, 1996). Daß zwar 75% der Männer mit "Behinderung", aber nur 38,2% der Frauen mit "Behinderung" verheiratet sind (Kies, 1997; Lennartz, 1997, S. 34; Mikrozensus von 1989, zitiert nach Hessisches Ministerium für Frauen, Arbeit und Sozialordnung , 1994, S.11), steht vermutlich in diesem Zusammenhang. Frauen und Lesben mit "Behinderung" beschreiben, von "nichtbehinderten" Frauen nicht als Konkurrenz angesehen zu werden (vgl. Beer, 1991; Köbsell, 1996, S.14; Rehfeld, 1998), u. U. sogar wenn die/der PartnerIn der "nichtbehinderten" Frau die Liebe zu der Frau mit "Behinderung" bekennt. "Nichtbehinderte" Männer und Frauen würden äußern, mit der Frau mit "Behinderung" ruhig flirten zu können, da es 'ungefährlich' wäre, sowieso nichts passieren könne (Kwella & Wiese, 1998; Ewinkel, Hermes et al., 1985, S.66). Sie werden in ihrer sexuellen Rolle als Frau nicht ernstgenommen. Von Männern mit "Behinderung" wird das zwar auch beklagt, kommt aber seltener vor. Daß sie mehr als potentielle Partner gesehen werden, läßt sich u.a. daran ablesen, daß sie ca. doppelt so oft verheiratet sind wie Frauen mit "Behinderung" (s.o.). Darüber hinaus ist für Männer mit "Behinderung" oft besonders wichtig, daß ihre Freundin nicht stärker "behindert" ist als sie selbst (vgl. Wendeler, 1992), falls sie überhaupt "behindert" sein "darf". Nach Eintritt einer "Spätbehinderung" der Frau wird eine bestehende Ehe häufig auf Wunsch des Mannes hin geschieden, wohingegen im umgekehrten Fall die Ehe in der Regel bestehen bleibt (Bruner, 1995, S. 8). Überhaupt scheinen nach Bruner (1995) PartnerInnenschaften zwischen einen "behinderten" Mann und einer "nichtbehinderten" Frau tolerierbarer zu sein als umgekehrt. Gründe seien einerseits die geschlechtsspezifischen gesellschaftlichen Erwartungen und Anforderungen an Frauen in Hinsicht auf das Schönheitsideal. Andererseits füge sich eine "pflegende" Frau genau in das geschlechtsspezifisches Rollenklischee. Infolgedessen hätten "Behinderte Frauen (...) größere Ängste, den nichtbehinderten Partner zu überfordern, ihn zu überlasten, als umgekehrt behinderte Männer bei gesunden Partnerinnen. (...) (Während) behinderte Männer unbefangener auf Hilfe durch die Partnerin vertrauen und daß diese sie ihnen auch unbefangen leisten bzw. sich dazu verpflichtet fühlen (vgl. Metzler & Rütter, 1993, S.75)." (Bruner, 1995, S. 8).

Laut Jeltsch-Schudel (1993) ist es ein typisches weibliches Muster, schlecht für sich selbst sorgen zu können und sich nicht genügend Selbstwert zuzugestehen bzw. würde Frauen die vermeintlich geschlechtsspezifische Fähigkeit und das Bedürfnis zu geschrieben, für andere zu sorgen (oder sich sogar aufzuopfern). In dieser Zuschreibung und in der Zuordnung von Frauen und Hausarbeit liegen die Gründe dafür, daß Frauen mit "Behinderung" im Durchschnitt schwieriger und in geringerem Ausmaß "behinderungs"-bedingte Haushaltshilfen zugestanden bekommen als Männer mit demselben Hilfebedarf.

Analog dazu lassen sich bei Betrachtung der Arbeitssituation außer Haus Unterschiede der Fremdeinschätzung von Frauen und Männern mit "Behinderung" und Auswirkungen der verschiedenen Fremd- und Selbstbilder feststellen. Integra-tionsmaßnahmen für Menschen mit "Behinderung" in den Arbeitsmarkt sind großenteils auf Männer zugeschnitten (Friske, 1995; Schön, 1993b). Beispielsweise müßten Frauen, um von Ausbildungen und Rehabilitations- oder Eingliederungsmaßnahmen in den "Berufsförderungswerken" für "Behinderte" profitieren zu können, in der Regel ihre aktuelle Wohnsituation aufgeben und in ein Internat im Rehabilitationskomplex ziehen. Für viele Frauen ist dies ein Hemmnis, für Mütter, die ihre Kinder versorgen, ist es kaum möglich. TeilnehmerInnen, die mit Kindern leben, sind nicht vorgesehen. So beträgt in Berufsförderungswerken der Frauenanteil nur 10% und in Berufsbildungswerken 20% (Schildmann, 1983 (aber immer noch erstaunlich aktuell)). Auch für Lesben mit "Behinderung" sind die äußeren Bedingungen dieser beruflichen Eingliederungsunterstützungen nicht passend, da die Einrichtungen für gewöhnlich außerhalb liegen, "Homosexualität" dort nicht gern gesehen ist und es schwierig ist, Kontakte außerhalb der Einrichtungen zu pflegen. Die "Lesben-Szene", die für viele lesbische Frauen ein wichtiger Bezugspunkt in der heterosexuell orientierten Gesellschaft ist, ist von den Einrichtungen aus nur sehr schwer zu erreichen. Das Unterstützungssystem orientiert sich am Modell des heterosexuellen Mannes mit "Behinderung". Ein Grund hierfür kann die erwähnte Zuordnung von Frauen zu Hausarbeit und Männern zu Erwerbsarbeit und das Postulat der Heterosexualtität bzw. Sexualitätslosigkeit sein. Als weiteren Grund gibt Schön (1993a, S.7) an, daß Frauen mit "Behinderung" von den verschiedenen Eingliederungsinitiativen als "nicht so belastungsfähig" angesehen würden. Da anscheinend immer noch Frauen als weniger bildungsfähig und -bedürftig eingeschätzt werden, steigt der Frauenanteil, je niedriger das Ausbildungsniveau ist (Schön, 1993b). Ebenso fällt bei Betrachtung der Arbeitsteilung in den "Werkstätten für Behinderte" auf, daß Frauen anspruchslosere und langweiligere Arbeiten zugeordnet werden als Männern (Friske, 1995, S. 64/65).

Bei der Suche nach Vergleichsmöglichkeiten zwischen dem Selbst- und Fremd-bild von Frauen und Lesben mit "Behinderung" habe ich sowohl Hinweise auf ein sehr positives und selbstbewußtes Selbstbild (Calegno, 1995; Marek, 1993; Krieger, 1991) als auch Beschreibungen von negativen Selbstbildaspekten als Auswirkungen des Fremdbilds auf das Selbstbild von Frauen und Mädchen mit "Behinderung" gefunden. Diese negativen Auswirkungen reichen von der Erschwerung des Aufbaus eines positiven Selbstwertgefühls (Adelfinger, 1993) über geringe Selbstbestimmungsmöglichkeiten, eingeschränkte Handlungskompetenzen und Abhängigkeit von andern Menschen, die das Selbstbild beeinflussen und zu einer Selbstbeschreibung auf Basis von Fremdzuweisungen führen (Friske, 1995) bis zu Aussagen wie "Das Leben behinderter Mädchen bzw. Frauen ist daher oft von einem äußerst geringem Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen geprägt." (Mickler, 1997, S. 106). Als Teil dieser negativen Zuschreibung wird laut Mickler (1997) Frauen mit "Behinderung" "außerdem vermittelt, daß sei ein Defizit haben, sodaß sie ihren Körper als wertlosen Gegenstand begreifen." (S.106). Für das Erkennen von und die Verteidigung gegen sexuelle Übergriffe kann diese Einstellung zum eigenen Körper wiederum zu Erschwernissen führen. Trotz der Auswirkung des negativen Fremdbild ist das Selbstbild jedoch interindividuell verschieden und oft, wie erwähnt, dennoch sehr positiv. Steengrafe (1995, S.196) kommt in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis: "Im Kontrast dazu stehen die Selbstdeutungen der Frauen, die (bis auf Maike) auf die Entwicklung ihrer eigenen Stärke und ihres Selbstbewußtweins hinweisen."

Auch Dinah Radtke (1997a, S.20) beschreibt in ihrer Rede Frauen mit "Behinderung" mit "Wir sind schön, wir sind mutig und stark", was sich deutlich vom Fremdbild unterscheidet, das eher durch eine Fokussierung der "Mängel", durch "Mitleid", durch die mehr oder weniger unausgesprochene Annahme, daß Frauen mit "Behinderung" minderwertig seien (Ewinkel, Hermes et al., 1985) und die Beurteilung, daß sie häßlich bzw. ohne sexuelle Attraktivität seien (Bundesweites Forum der Krüppel- und Behinderteninitiativen e.V., 1997; Lennartz, 1997, S.4) gekennzeichnet ist. Das Absprechen der äußeren Attraktivität spielt, wie schon erwähnt, innerhalb des Männerbildes ein weniger große Rolle.

Auch die Eignung, Mutter zu sein, ist ein Punkt, an dem sich sowohl Selbst- und Fremdbild als auch die Einschätzung von Männern und Frauen mit "Behinderung" unterscheiden: So berichten Frauen mit "Behinderung" regelmäßig von Schwierigkeiten mit ÄrztInnen, Krankenhauspersonal und Hebammen dadurch, daß sie ihnen -im Gegensatz zu den Frauen selbst- oft nicht zutrauen, schwanger zu werden, schwanger zu sein, das Kind ohne exotische Komplikationen zu gebären und großzuziehen (Ewinkel, Hermes et al., 1985; Köbsell, 1993). Auch im sonstigen sozialen Umfeld werden sie schon in der Schwangerschaft statt mit Freude über die "freudige Nachricht" mit Ungläubigkeit und Entrüstung konfrontiert (Köbsell, 1996). Frauen mit "Behinderung" wird Abtreibung und Sterilisation oft geradezu aufgedrängt, Frauen mit sogenannter "geistiger Behinderung" werden sehr häufig und nicht selten auch ohne ihr Wissen und Einverständniss sterilisiert (Adelfinger, 1993; Köbsell, 1987; Köbsell, 1996; Lux, 1994), weil es die "nichtbehinderten" ÄrztInnen, BetreuerInnen, Eltern,... für 'das Beste' halten (Friske, 1995). Für viele Frauen mit sogenannter "geistiger Behinderung" selbst (Selbstbild versus Fremdbild) ist jedoch laut Köbsell (1996), Friske (1995) und Walter (1980) eine eigene Familie mit Mann und Kindern ein fester Wunsch. Im Gegensatz dazu wird nach Hofmann (1988) und Friske (1995) von außen Ehe, Partnerschaft und Mutterschaft als Unmöglichkeit für sie empfunden und unterbunden.

Obwohl die Sterilisation bei Männern ein deutlich einfacherer und risikoärmerer Eingriff ist als bei Frauen (Friske, 1995, S.153), werden Männer mit sog. "geistiger Behinderung" wesentlich seltener als Frauen freiwillig oder unfreiwillig sterilisiert. Einerseits bestünde ihnen gegenüber eine andere Achtung ihrer Person und körperlichen Unversehrtheit, und andererseits würde Verhütung nicht als ihre Angelegenheit, sondern als die der Frauen mit "Behinderung" angesehen (Friske, 1995). Die Regelungen zu Sterilisation im Betreuungsgesetz wurden zum 1.1.92 in positive Richtung verändert. Dennoch werden Frauen mit sogenannter "geistiger Behinderung" weiterhin oft sterilisiert. Eine der Vorraussetzungen für die Duchführung einer Sterilisation nach den neuen Richtlinien ist, "daß eine Schwangerschaft eine Gefahr für das Leben der Frau bzw.eine schwerwiegende Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes bedeuten würde. Damit ist auch die Beeinträchtigung gemeint, die dadurch entstünde, wenn das Vormundschaftsgericht Mutter und Kind trennen würde." (Friske, 1995, S.157/158). Einerseits wäre diese Trennung bei entsprechender Bereitstellung von Hilfen oder Assistenz für die Mutter und den Vater oft unnötig. (Leider werden diese Hilfen z.Zt. nur in Ausnahmefällen gewährt.) Andererseits wird laut Friske (1995, S. 158) bei einer sog. "geistigen Behinderung" der Mutter davon ausgegangen, daß eine Schwangerschaft zu einer Notlage führe, bei einer sog. "geistigen Behinderung" des potentiellen Vaters hingegen nicht. Wieder zeigen sich Unterschiede zwischen dem Fremdbild von Frauen und Männern mit "Behinderung". Im Fall von Sterilisation, Abtreibung und anderweitigen Einflußnahmen auf die Familien- und Lebensplanung sind die Folgen sehr gravierende.

Wegen der vermeintlichen Hilfeabhängigkeit (vgl. Kap. 3.4.1.1) der Frauen und Lesben mit "Behinderung", auch wenn es sich um andere als sog. "geistige Behinderungen" handelt, wird ihnen das Recht abgesprochen, Kinder zu bekommen, und es wird ihnen a priori unterstellt, sie könnten ihren Kindern keine guten Mütter sein (Adelfinger, 1993; Köbsell, 1996, S.16).

Männer mit "Behinderung" berichten (weitaus) seltener davon, in ihrer Rolle als Vater des Kindes angezweifelt zu werden.

Als letzten Punkt der geschlechtsspezifischen Unterschiede möchte ich hier nur kurz aufführen, daß die Menschen, die mit "Sterbehilfe" getötet werden, in der Mehrheit Frauen sind (Saxton, 1997). Dies ist eine besonders drastische Auswirkung des Fremd- und Selbstbildes. Saxton bezeichnet dies als "Diskriminierung der Behinderung und des Geschlechts" (1997, S. 50).

Diese Aufzählung von Unterschieden des Fremd- und Selbstbildes zwischen Frauen mit "Behinderung" und Männern mit "Behinderung" ist sicherlich noch nicht vollständig.

3.6.1 Frauen mit "Behinderung" als sexuelle Neutren

Frauen mit "Behinderung" werden oft nicht als Frauen wahrgenommen und be-handelt, sondern als sexuelle Neutren (Adelfinger, 1993; Bundesweites Forum der Krüppel- und Behinderteninitiativen e.V., 1997; Hessisches Ministerium für Frauen, Arbeit und Sozialordnung , 1994, S.51; Köbsell, 1996; Köbsell & Strahl, 1993; Mickler, 1997; Senatsverwaltung für Arbeit und Frauen Berlin, 1995; Zemp, 1993). Ihre Sexualität und ihr Bedürfniss nach Nähe werden nach Adelfinger ignoriert, da die "Behinderung" als "Defekt-Merkmal" (Adelfinger, 1993, S.94) als vorrangiges Kriterium behandelt wird und die Frauen bzw. Mädchen auf dieses Merkmal reduziert werden (Adelfinger, 1993; Daoud-Harms, 1986). Sie werden sowohl von "nichtbehinderten" Männern als geschlechtslos behandelt als auch von "nichtbehinderten" Frauen, die sie als nicht gleichwertig und nicht als Konkurrentinnen ansehen (Köbsell, 1996, S.14; außerdem s. Kap. 3.6). Laut Seifert (1990, S.1) ist die "gängige Meinung", Sexualität und "Behinderung" paßten nicht zusammen.

Dieses Fremdbild wird von außen an die Frauen und Lesben mit "Behinderung" herangetragen und unterschiedlich stark von ihnen in ihr Selbstbild mit einbezogen. Obwohl das Einschätzen und Behandeln von Frauen mit "Behinderung" als "sexuelle Neutren" kritisiert wird und Änderungen gefordert werden, beschreibt die Resolution des International Leadership Forum for Women with Disabilities (1998, S.38) auch, daß viele Frauen mit "Behinderung" den Mythos ihrer Ungeschlechtlichkeit verinnerlicht und das Fremdbild, ihre Körper seien nicht würdig, geliebt zu werden, angenommen haben. Al-Rubaie (1994) weist jedoch darauf hin, Menschen mit "Behinderung" würden sich nicht als asexuell sehen und auf ihr Recht auf ein Sexualleben bestehen.

In verstärktem Ausmaß sind laut Köbsell (1996) und Hofmann (1988) von diesem Meinungsbild Frauen mit sogenannter "geistiger Behinderung" betroffen, die oft auch als Erwachsene als "ewige Kinder" ohne eigene Geschlechtsidentität behandelt würden, keine angemessene Sexualerziehung erhielten und durch fehlende Möglichkeiten der Auseinandersetzung kein Selbstverständniss von sich als Frau entwickeln könnten. Den Effekt, auch als Erwachsene noch als Kind behandelt zu werden, beschreiben Daoud-Harms (1986) und Adelfinger (1993) auch für Frauen mit anderen "Behinderungen". Das Frausein wird desto stärker in Frage gestellt, desto sichtbarer oder gravierender die "Behinderung" ist (Adelfinger, 1993).

Möglicherweise ist dies Prinzip, Frauen und Lesben mit "Behinderung" als sexu-elle Neutren bzw. nicht als Frauen oder Lesben anzusehen, einer der Gründe dafür, daß die Frauenbewegung die Thematik der Situation von Frauen mit "Behinderung" nicht als ihr Thema ansieht, sondern in den "Behinderten"-Bereich abschieben will und die entsprechenden Frauen dadurch ausgrenzt.

3.7 Besonderheiten des Selbst- und Fremdbildes von Frauen mit "Behinderung" in Zusammenhang dazu, ob sie lesbisch, hetero- oder bisexuell sind

Zum Selbstbild von heterosexuellen Frauen mit "Behinderung", doppelt diskriminiert zu sein (Arnade, 1991; Ehrig, 1996; Krüppelfrauengruppe Berlin, 1996;...), kommt bei lesbischen und bisexuellen Frauen noch ein weiteres von der Norm abweichendes Merkmal hinzu, das laut Friske (1995) und Köbsell & Strahl (1993, S. 7) zu "noch weitreichenderen Diskriminierungen" führt, zumindest aber gesellschaftlich nicht erwünscht ist. Auch für die Situation von gehörlosen Lesben wird die dreifache Benachteiligung in der Dokumentation zur bundesweiten Fragebogenaktion zur Situation gehörloser Frauen in Deutschland von Gerlinde Gerkens (1995) explizit ausgeführt. Gehörlose Lesben werden sogar nicht nur gegenüber Hörenden, Männern und heterosexuellen Menschen als benachteiligt beschrieben, sondern auch gegenüber schwulen Gehörlosen. Es gäbe für schwule Gehörlose laut Gerkens (1995, S.28/29) wesentlich mehr Anlaufstellen, und sie würden von ihren Eltern eher akzeptiert als gehörlose Lesben. Gerkens vertritt, daß gehörlose Lesben aufgrund der engen Vorstellungen innerhalb der Gehörlosenkultur noch mehr benachteiligt seien als hörende Lesben im hörenden Umfeld und beim Coming-Out besonders dringend Beratung und Hilfestellung bräuchten, um ihre Selbstfindung positiv gestalten zu können.

Krieger (1994, S. 27), die Psychologin ist und für Vernetzung von Frauen und Lesben mit "Behinderung" im nationalen und internationalen Rahmen arbeitet, erläutert, daß, da jede gesellschaftlich Minderheit isoliert ihre eigene Unterdrückung betrachte und "Krüppel- und Lesbenszene (...) nahezu nichts miteinander zu tun" haben, der Ausspruch "Kein Ort nirgends" die Wirklichkeit vieler "Krüppellesben" bestimme und es nötig würde, "Priorität auf ein identitätsbildendes Merkmal zu legen" - also entweder auf die "Behinderung" oder auf das Lesbisch-sein.

Zum Selbstbild von heterosexuellen Frauen mit "Behinderung" gehört in vielen Fällen eine Lebensplanung mit (Ehe-)Mann und Kindern. Für Lesben mit "Behinderung" gilt dies so nicht. Ihr Bild von sich selbst in ihrem sozialen Umfeld und von ihrer Lebensplanung dürfte uneinheitlicher sein, da es weniger gesellschaftlich vorgegebene Rollenmodelle gibt (Kassandra, 1996). Heterosexuellen Frauen mit "Behinderung" wird eine auf Mann und Kinder ausgerichtete Lebensplanung teils abgesprochen und ihnen eine berufliche Karriere nahegelegt (Ewinkel, Hermes et al., 1985; Daoud-Harms, 1986), teils wird gehofft, daß sie diese Rolle "doch noch" erfüllen, evtl. mit einem "behinderten" Mann ( Rohde, 1996, S.50). Für Lesben mit "Behinderung" gibt es solch ein gesellschaftliches Bild, wie sie leben sollen, nicht. In der Regel wird geleugnet oder übergangen, daß es sie überhaupt gibt. Lesben mit "Behinderung" werden in der Regel nicht als Lesben wahrgenommen. Oft wird auch ihre Selbstdefinition, Lesbe zu sein, nicht akzeptiert, und es wird geleugnt, daß sie "wirklich" Lesben sind. Auch die Annahme, sie hätten wegen ihrer "Behinderung" keinen Mann abgekriegt und wären nur deshalb lesbisch, ist ein Teil des Fremdbilds (Beer, 1989; Kassandra, 1994; Rohde, 1996; Ruhm, 1998). Bisexuelle Frauen treffen vermutlich dieselben Vorurteile. Bisexuelle Frauen mit "Behinderung" fühlen sich oft weder der Gruppe der lesbischen noch der heterosexuellen Frauen zugehörig, was zu Schwierigkeiten bei der Suche nach Identifikationsgruppen führen kann (Marek, 1993). Es lassen sich nur wenige Texte zu lesbischen und noch wenigere zu bisexuellen Frauen mit "Behinderung" finden. Auch in den Veröffentlichungen speziell zu Frauen mit "Behinderung" wird in der Regel obligatorisch davon ausgegangen, daß diese Frauen heterosexuell sind.

Eine Folge davon, daß lesbischen und bisexuellen Frauen mit "Behinderung" ihre individuelle sexuelle Orientierung und Lebensweise oft nicht zugetraut wird, könnte folgende Tatbestand sein: Andrea Friske (1995, S.142) beschreibt in ih-rem Buch "Als Frau geistig behindert sein", daß es gerade in "Behinderten"-Einrichtungen, in denen reine Frauengruppen sexuelle Beziehungen unter Frauen erleichtern, Frauen gibt, die ihre Sexualität mit Frauen leben und sich im Alltag auf sie beziehen, aber daß die Beziehung zu ihrer Freundin weder von ihnen selbst noch von außen als Paarbeziehung anerkannt wird. Würden sie dieselbe Liebesbeziehung mit einem Mann leben, würde sie höchstwahrscheinlich sowohl von ihnen selbst als auch von Außenstehenden als Paarbeziehung wahrgenommen werden. Diese Ignoranz kann sich schädlich für das Selbstbild und die eigene Identität auswirken. Für den Fall, daß Liebesbeziehungen unter Menschen mit "Behinderung", vorwiegend gegenüber Menschen mit sogenannter "geistiger Behinderung" und/oder in Einrichtungen, sanktioniert und nach Möglichkeit unterbunden werden, was keinesfalls außerhalb aller Wahrscheinlichkeit liegt, kann es für Frauen jedoch leichter sein, eine Liebesbeiziehung zu einer anderen Frau zu leben als zu einem Mann, da die Frauenbeziehungen, wie erwähnt, weniger ernstgenommen und (an)erkannt werden. Auch wenn sie nicht als Lesben oder frauenliebende Frauen anerkannt werden, hat es für lesbische und bisexuelle Frauen den Vorteil, daß sie überhaupt ihre Liebesbeziehung leben können. So kommt Friske (1995) auch zu ihrer Aussage, im Gegensatz zur "Zwangsheterosexualität", der Frauen ohne "Behinderung" ausgesetzt seien, seien Frauen mit sogenannter "geistiger Behinderung" aufgrund der Vorurteile und der Lebensbedingungen in Einrichtungen eher mit "Zwangshomosexualität" als mit "Zwangsheterosexualität" konfrontiert. Friske (1995, S.140) beschreibt, in der Fachliteratur zur Sexualität von Menschen mit "Behinderung" würde übereinstimmend davon ausgegangen, daß homosexuelle Kontakte unter BewohnerInnen von Anstalten häufig vorkämen, daß sogar in manchen Einrichtungen eher homosexuelle Beziehungen geduldet würden als heterosexuelle. Das heißt jedoch keineswegs, daß vom "nichtbehinderten" Personal oder anderen Bereichen des Umfeldes gefördert oder auch nur geduldet würde, daß die entsprechenden Frauen und Männer sich eine positive lesbische, schwule oder bisexuelle Identität aufbauen. Neben einer möglichen Ablehnung von lesbischen oder bisexuellen Lebensweisen durch ein an Heterosexualität orientiertem Umfeld kommt dazu, daß die sexuelle Aufklärung in "Behinderten"-Einrichtungen extrem defizitär ist. Das erstreckt sich neben Fragen der Verhütung, der sexuellen Selbstbestimmung etc. auch auf die verschiedenen sexuellen Orientierungen und Lebensweisen.

Obwohl Friske (1995) die vereinfachende These der "Zwangshomosexualität" aufstellt, bezeichnen Zemp & Pircher (1996) in ihrer Studie Homosexualität als sehr großen Tabubereich in Zusammenhang mit Sexualität und Menschen mit "Behinderung". Allerdings meinen auch sie nicht, die sexuellen Beziehungen zwischen Frauen mit "Behinderung" würden vom Personal von Einrichtungen nicht gesehen, sondern beziehen sich u.a. darauf, daß lesbische Beziehungen nicht ernstgenommen würden, sondern u.U. als Gewohnheitssache und dadurch begründet, daß keine Männer verfügbar seien, angesehen würden.

In den vorhandenen Texten, in denen das Selbstbild von Lesben und bisexuellen Frauen mit "Behinderung" zu finden ist, ist dieses trotz der beschriebenen Erschwernisse von außen jedoch deutlich positiv und selbstbewußt (Beer, 1991; Dombrowa, 1991; Marek, 1993; Susanne, 1995;...).

Es lassen sich aber auch Zeichen dafür finden, daß sich das eigene Leben und das Selbstbild in einem Spannungsfeld zwischen eigener Selbstbejahung und gesellschaftlicher Ablehnung -für Lesben in noch einem Punkt mehr- entwickeln (müssen): "Ich bin schön. Ich leide. Ich strahle. (...) Gesellschaftlich sollte mein Leben keinen Wert haben. Ich sollte an der untersten gesellschaftlichen Stufe rangieren.

Ich bin behindert. Ich bin lesbisch. Ich bin weiblich. Ich bin in hohem Maße assistenzbedürftig.

Mit all diesen Qualitäten zu leben, lebendig zu sein, bedeutet in meiner Biografie, widerständig zu werden oder der Euthanasie Tür und Tor zu öffnen. Die Frage nach Leben und Tod stellte sich immer." (Krieger, 1991, S. 27).

3.8 Darstellung von Frauen und Lesben mit "Behinderung" in Film, Fernsehen und Literatur

Nur selten werden Frauen mit "Behinderung" in Film, Fernsehen und Unterhaltungsliteratur dargestellt und wenn, dann durch eine von wenigen stereotypen Rollen. Erst möchte ich Klischees, in denen Frauen mit "Behinderung" in den Medien gezeigt werden, beschreiben, dann einige Beispiele, vorwiegend aus dem Fernsehen, aufführen. Danach nehme ich Bezug auf eine Broschüre über Mädchen und Frauen in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur und auf ein Filmfestspiel mit Filmen zum Thema "Behinderung".

Klischees:

  • Eins der Klischees ist, daß sich eine Frau oder ein Mädchen in den Rollstuhl setzt, um die Umwelt unter Druck zu setzen. Sie möchten um Aufmerksamkeit heischen oder erpressen, sie setzten sich in den Rollstuhl, um wegen der vermeintlichen "Behinderung" besser behandelt zu werden. In der Mediendarstellung sind sie mit dieser Methode in der Regel erfolgreich, obwohl in der Realität "Behinderung" nicht nur Vorteile, sondern weitaus mehr gesellschaftliche Nachteile mit sich bringt. (Vgl. "Klarissa" in der ARD-Dails-Soap "Verbotene Liebe"; "Nelli" aus der Kinderserie "Unsere kleine Farm";...)

  • Außerdem ist auffällig, daß viele Menschen mit "Behinderung", die im Unterhaltungsbereich in Film und Fernsehen dargestellt werden, finanziell überaus abgesichert sind. (Vgl. "Dr. Dresseler" aus der ARD-Serie "Lindenstrasse"; die rollstuhlfahrende, verunfallte Protagonistin im Kinofilm Silberfisch; die von Bette Davis dargestellte Rollstuhlfahrerin im schwarz-weiß-Film "What ever happend to Baby Jane?"; ...) Finanzielle Schwierigkeiten in Zusammenhang mit "Behinderung" und den notwendigen Ausgleichsmaßnahmen kommen so gut wie nicht vor. Dies entspricht jedoch keineswegs der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Im Gegenteil haben viele Menschen in Zusammenhang mit ihrer "Behinderung" finanzielle Einbußen, Nachteile und Schwierigkeiten. Einerseits durch ein verringertes oder nicht existentes Einkommen, andererseits dadurch, daß Maßnahmen, die Einschränkungen ausgleichen ("behinderten"-gerechtes Kfz, Vor- und Auflesedienste, Umbaumaßnahmen in Häusern und Wohnungen, personelle Unterstützungssysteme (Haushaltshilfen,...) Inanspruchnahme von Taxis,...) mit erheblichen Kosten verbunden sind. Eine Darstellung, in der kranke und "behinderte" Menschen beispielsweise selbstverständlich rund um die Uhr oder immer bei Bedarf eine Pflegerin haben und rundrum versorgt sind oder Angleichungsmaßnahmen kein finanzielles Problem sind, entspricht nur der Wirklichkeit einer kleinen, materiell priviligierten Gruppe der Menschen mit "Behinderung".

  • Frauen und Mädchen mit "Behinderung" werden häufig in einer passiven Rolle dargestellt. Manchmal in einer Konstellation, in der sie als antriebs-schwach und ohne rechten Lebenswillen dargestellt werden und durch ei-nen Mann / Jungen herausgeholt oder gar gerettet werden. Ein Mann / Junge reißt sie entweder durch sein aktives und bestimmendes Eingreifen ("Peter" im Kinderbuch "Heidi"; "Siggi" aus dem Kinderbuch "Meine Füße sind der Rollstuhl", Huainigg, 1992;...) oder seine Liebe zu der Frau (Weisblaue Wintergeschichten; die Tochter von "Dr. Brockmann";...) aus ihrem Zustand heraus. Entweder werden die Mädchen oder Frauen durch die männliche Figur aktiver und selbstbewußter oder sie finden ihre "Lebensfreude" wieder und erleben in diesem Zusammenhang manchmal sogar eine Spontanheilung. Z.B. fangen "spätbehinderte" Frauen im Roll-stuhl durch die Liebe eines Mannes und durch ihren dadurch wieder er-starkten Willen wieder an zu laufen.

  • Generell ist auffällig, daß sehr viele Film- und Fernsehfiguren nach einer dramatischen und tragischen Zeit mit "Behinderung" wieder völlig "nichtbehindert" werden. Es scheint, als ob bei Eintreten einer "Behinderung" bei einer bereits bekannten Figur in der Regel nur die Alternativen völlige "Genesung" oder Tod bleiben. Ein Leben mit "Behinderung" scheint für die Medienschaffenden nicht darstellbar und/oder in die Gesamthandlung nicht auf interessante Weise einzubauen zu sein. Daß Figuren vorrübergehend "behindert" oder schwer krank werden, ist ein im Verhältnis relativ häufiges, mit Tragik und Spannung verbundenes Stilmittel in Fernsehserien. Ein tatsächliches Leben mit "Behinderung" mit seinen positiven und negativen Seiten jedoch keines-wegs. Dargestellte Spontanheilungen, insbesondere durch den viel zitierten eigenen Willen, auch bei vermeintlichen oder tatsächlichen Querschnittslähmungen (Peter Maffay im Kinofilm "Der Joker"; "Bettina" in der ARD-Daily-Soap "Marienhof";...) können eine entsprechende Erwartungshaltung an und von realen Menschen mit "Behinderung" fördern, die ihren medizinischen Chancen nicht angemessen ist und zu dem Druck, durch genügend großen Willen "nichtbehindert" zu werden, und zu Frustrationen führt.

  • Bei Darstellungen von Männern mit "Behinderung" ist eins der Stereotype der "bösartige "Behinderte"", der aus Wut auf seine "Behinderung", aus Neid auf "Nichtbehinderte" und auf verlorene Chancen auf Liebesverhältnisse mit Frauen bösartig wird und die Objekte seines Neides zu ermorden trachtet (Pirincci, 1992; Redmann, 1995; ...). Bei der Darstellung von Frauen mit "Behinderung" findet sich diese Rollenvorlage nicht oder nur vermindert. Grund hierfür könnte sein, daß einerseits Frauen allgemein als sexuell weniger aktiv als Männer angesehen werden und andererseits Frauen mit "Behinderung" oft ihre Sexualität abgesprochen wird und sie als "sexuelle Neutren" betrachtet werden (vgl. Kap. 3.6.1).

  • Ansonsten ist überraschend, daß die realen Erschwernisse, mit denen Menschen mit "Behinderung" konfrontiert werden, oft nicht auftreten. So haben beispielweise die (bis auf "Frederick" nur) vorrübergehend rollstuhlfahrenden Figuren "Bettina", "Regina", "Frederick" (ARD-Daily-Soap "Marienhof") und "Klarissa" (ARD-Daily-Soap "Verbotene Liebe") durchgehend keine Probleme mit Stufen, die sie bei Aufsuchen oder Verlassen von Orten oder auch ihren eigenen Wohnungen behindern. Der komplette Marienhof und das Umfeld von Klarissa scheinen erstaunlicherweise völlig barrierefrei zu sein.

  • Die allermeisten dargestellten Frauen mit "Behinderung" sind "spätbehindert", "frühbehinderte" Frauen kommen nur sehr selten vor. Außerdem ist die am häufigsten gezeigte "Behinderungs"-Art, Rollstuhlfahrerin zu sein. Andere "Behinderungs"- Arten werden dem gegenüber vernachlässigt. Frauen mit sogenannter "geistiger Behinderung" werden kaum überhaupt gezeigt.

  • Im Märchen wird "Behinderung" oft als ein Symbol für das Böse verwandt: "Rumpelstilzchen"; der böse Zwerg im Märchen "Schneeweißchen und Rosenrot"; "Kaptain Huck" in "Peter Pan"; diverse böse, buckelige Hexen; der böse Meister im Märchen "Krabbat" von Ottfried Preussler ist einäugig;...

Bei Frauen kann die "Behinderung" allerdings auch für etwas anderes stehen als für das Böse, z.B. für Weisheit oder andere positive Eigenschaften, vgl. "Die drei Spinnerinnen".

Ebenso lassen sich Beispiele finden, in denen Menschen mit "Behinderung" keineswegs verteufelt, sondern als sympatische Individuen dargestellt werden, wie z.B. im Märchen "Der kleine Däumling", wenn auch seltener als besagte Negativ-Darstellungen.

Nach Auflistung dieser Klischees möchte ich einige Beispiele von Darstellungen von Frauen mit "Behinderung" in Unterhaltungs-Medien geben. Die Liste ist sehr eingeschränkt, da es sonst den Rahmen meiner Diplomarbeit sprengen würde, was ich jedoch sehr bedauere.

Beispiele:

  • Eine schöne, junge und wohlhabende Frau kommt nach einem Autounfall, bei dem die Mutter starb, in den Rollstuhl. Ihr Vater, mit dem sie nun anscheinend zusammenlebt, versucht, sie aus ihrer perspektivlosen und etwas niedergeschlagenen Stimmung herauszuholen. Auf einem gemeinsamen Winterurlaub in einem Ski-Gebiet (ein relativ ungeeigneter Urlaubsort für RollstuhlfahrerInnen) engagiert er für Honorar einen Ski-Lehrer, die ihr "schöne Augen" machen soll. In der Mitte der Film-Episode stellt sich für die ZuschauerInnen heraus, daß sie keine Querschnittslähmung, sondern eine "somatoforme Störung" hat. Sie findet heraus, daß der Ski-Lehrer es nicht ernst mit ihr meint, ein anderer, unauffälligerer Mann hat jedoch ein "ernsthaftes Interesse" an ihr. Bei einem Versuch, sie zu retten, hat dieser auf einer Schneestrasse einen Unfall. Sie will ihm helfen und kann durch die Liebe und den großen Willen, ihm zu helfen , wieder laufen. Nach ihrer Heilung werden die beiden zu einen Liebespaar. (Weißblaue Wintergeschichten, ZDF, 19.25 h, 22.12.97)

Ähnlich wird in dem Märchen "Die Schöne und das Biest" der zum Biest verzauberte Prinz durch die Liebe der "Schönen" wieder erlöst und zum "normalen" und schönen Mann - ein Muster, das sich in verschiedenen Märchen und Geschichten findet.

  • In einer Arzt-TV-Serie mit Günther Pfitzmann als "Dr. Brockmann" kommt seine -als "nichtbehindert" bekannte- Tochter in den Rollstuhl. Ein "aufrichtiger" Mann, der selbst als alleinerziehender Witwer mit mehreren Kindern ein "tragisches Schicksal erlitten" hat, beginnt sich um sie zu kümmern. Er versucht, ihr zu zeigen, daß sie das Leben wagen soll, sie aus ihrer Isolation herauszuholen und ihr ihre Lebensfreude zurückzugeben. Da er als Gärtner arbeitet, hat sie ihn zu ihren "nichtbehinderten" Zeiten aufgrund des Statusunterschiedes nicht näher angeguckt. Nun fängt sie mit ihm wieder an zu lachen. Er liebt sie, sie fühlt ein "Kribbeln" in den Beinen und wird bald wieder laufen können.

  • Das Mädchen Klara aus dem bekannten Kinderbuch "Heidi" von Johanna Spyri (als gleichnamige Zeichentrickserie verfilmt) sitzt wegen einer Lähmung der Beine im Rollstuhl. Dank der gesunden Umgebung in den Schweizer Alpen und ihres dort wieder anwachsenden Willens wird sie "geheilt" und kann wieder laufen. Die Heilung selbst geschieht, als ein Freund, "Peter", ihren Rollstuhl den Berg herunterstößt und sie ohne auskommen muß.

  • In der Kinder-Fernsehserie "Unsere kleine Farm" setzt sich Nelli, ein unsympatisches und hinterhältiges Mädchen, in den Rollstuhl, um im Mittelpunkt zu stehen, ihren Willen zu bekommen und gehätschelt zu werden. Das gute Mädchen, die Protagonistin "Laura", schubst sie mit dem Rollstuhl einen Berg herunter. Nelli landet in einem Bach, steht kreischend auf und kann wieder laufen.

Laura hat außerdem eine ältere Schwester, ein besonders guter und sanfter Mensch. Die Schwester erblindet als junges Mädchen/junge Frau, wird Lehrerin für blinde Kinder und heiratet einen blinden Mann.

  • In der ARD-Daily-Soap "Marienhof" ist die Figur der "Regina" in den Folgen vom 11. und 12. 3. '98 nach einem Schlaganfall stark pflegeabhängig, bettlägerig oder auf den Rollstuhl angewiesen. Erstaunlicherweise sind jedoch weder Stufen, z.B. vor ihrer Wohnung oder anderen Lokalitäten, noch die Pflege und eine Pflegeüberlastung der Pflegeperson ein Problem, sondern nur ihr mangelnder Genesungs- und Lebenswille. Diskussionen ihres Lebenswertes folgten rasch. Sie bittet ihren Sohn, sie bei zu viel Leiden zu töten. Der Sohn leitet kurz darauf ohne ihr Einverständnis bzw. ihren aktuellen Wunsch danach zu erfragen einen Doppel"selbst"mord ein, weil er ihre Lebenssituation unerträglich findet. Daß dies ohne ihr Einverständnis in die Tötung und ohne sie überhaupt davon wissen zu lassen ein Unrecht, evtl. ein Mordversuch ihres Sohnes sein könnte, wird nicht in Erwägung gezogen. Im Gegenteil macht sie sich nach ihrer Rettung Vorwürfe, sie hätte ihren Sohn umgebracht, der nach dem versuchten Doppel"selbst"mord noch einige Zeit mit unklaren Aussichten im Krankenhaus liegt. Im späteren Verlauf der Serie erholt sich der Sohn völlig und behält keine Einschränkung oder "Behinderung" zurück. Auch Regina wird mit der Zeit wieder vollkommen "nichtbehindert".

  • Noch vor dem Eintreten von "Reginas" "Behinderung" wird auch eine andere Figur des "Marienhofs" "behindert": Die Schul-Referendarin Bettina. Nach einem Sportunfall beim Rock'n Roll-Tanzen ist sie auf Benutzung eines Rollstuhls angewiesen, anscheinend aufgrund einer Querschnittslähmung. Es werden keine Probleme beispielsweise mit Treppenstufen, sondern lediglich welche mit ihrer Nörgelei, Unzufriedenheit und Schwierigkeit mit der neuen Rolle gezeigt. Einige Zeit später entwickelt sich langsam eine romantische Annäherung zu ihrem Arzt "Robert Eschenbach". Bettina erlebt eine Spontanheilung und wird später mit ihrem Arzt zu einem Liebespaar. Nicht jedoch, ohne daß die wieder "nichtbehinderte" Bettina vor Beziehungsbeginn noch einen Rückzieher macht. Sie vertraut sich ihrer Schwester an, sie sei ja bis vor kurzem noch "ein Krüppel" gewesen und habe daher nun Schwierigkeiten, die Beziehung zu Robert Eschenbach anzufangen, da sie nicht wisse, ob sie in Hinsicht auf Geschlechtsverkehr völlig leistungsfähig sei.

  • Die negative Hauptperson der ARD-Daily-Soap "Verbotene Liebe", "Klarissa von Anstetten", deren Hauptbeschäftigung darin besteht, Intrigen zu spinnen und andern zu schaden, setzt sich während einiger Folgen in den Rollstuhl, um sich Vorteile zu verschaffen. Sie stößt auf keine Probleme als Rollstuhlfahrerin, sondern hat lediglich die erstrebten Vorteile.

  • Lesben mit "Behinderung" sind in Film und Fernsehen fast gar nicht zu sehen und auch in der Literatur nur sehr selten.

Diesen -doch eher negativen- Beispielen möchte ich entgegensetzen, daß in den Büchern der schwarzen, amerikanischen Autorinnen Alice Walker und Toni Morrisson immer wieder Frauen mit "Behinderung" auftauchen, die natürlich, lebens-nah und nicht klischeehaft oder abwertend dargestellt sind.

Nach diesem Abschnitt mit Einzel-Beispielen, die sicher nicht die gesamte Medienlandschaft repräsentativ wiedergeben können, möchte ich mich außerdem der Broschüre "Heidi muß nicht sein" (Baudner et al., 1997) widmen. Diese Broschüre wurde von einer Arbeitsgruppe des Hessischen Netzwerks behinderter Frauen erstellt, die zeitgenössische Kinder- und Jugendbücher unter der Fragestellung untersucht hat, welches Bild von Mädchen und jungen Frauen mit "Behinderung" darin vermittelt wird. Die Arbeitsgruppe fand heraus, daß mehr als Zweidrittel der Erzählungen, in denen Kinder mit "Behinderung" in Haupt- oder Nebenrollen vorkommen, von Jungen mit "Behinderung" handeln. Mädchen sind deutlich unterrepräsentiert. Erst seit Beginn der neunziger Jahre ist laut der Arbeitsgruppe ein Zuwachs an Büchern mit Mädchen mit "Behinderung" mit einem neuen Rollenverständnis zu bemerken. Die meisten dieser Bücher sind darüber hinaus Übersetzungen aus englisch-sprachigen Ländern. Auffällig ist, daß die Arbeitsgruppe kein einziges Kinder- oder Jugendbuch fand, in dem ein Mädchen mit sogenannter "geistiger Behinderung" eine aktive Rolle spielt. Diese Erfahrung deckt sich mit meiner Aussage, daß in Film, Fernsehen und Literatur kaum überhaupt Frauen mit sogenannter "geistiger Behinderung" gezeigt werden (s.o.).

Die Arbeitsgruppe kommt zu der Aussage, daß in den untersuchten Büchern die Mädchenrolle oft stark von althergebrachten Klischees von weiblichen Verhaltensmustern geprägt ist. Die Sicht der Welt wird oft durch die Perspektive des ("behinderten") Jungen gezeigt. Das Mädchen orientiert sich an den Vorstellungen des Jungen. Es nimmt z.B. die "Behinderung" auf die Weise an, wie der Junge es vorlebt. Alternative weibliche Lebensentwürfe, die sich vom klassischen Frauenbild distanzieren und eine Bandbreite an Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, werden nicht entwickelt.

In der Broschüre "Heidi muß nicht sein" wird klar, daß es noch viel zu wenige Bücher (und andere Medien) gibt, die Mädchen und Frauen mit "Behinderung" auf -sowohl in Hinsicht auf Leben mit "Behinderung" als auch auf die Mädchen- und Frauenrolle- realistische Weise darstellen, positive Rollenvorbilder liefern und "mit dazu beitragen, daß Mädchen und junge Frauen mit Behinderung mehr Selbstbewußtsein entwickeln, als starke Persönlichkeiten in Erscheinung treten und zu ihren Schwächen stehen können." (Baudner et al., 1997, S.5)

Zum Abschluß dieses Kapitels möchte ich noch kurz aus die Alternativen Filmfestspiele Berlin im Jahr 1997 eingehen. Im Rahmen der Alternativen Filmfestspiele Berlin vom 18.7.-20.7.97 wurden innerhalb eines Wettbewerbs 17 Filme zum Thema Menschen mit "Behinderung" gezeigt. Alle 17 Filme waren von Menschen ohne "Behinderung" gemacht worden.

In 10 der 17 Filme waren die dargestellten Menschen mit "Behinderung" Männer, in 4 der Filme Frauen, in 3 Filmen beiderlei Geschlechts. Es zeigt sich somit auch hier ein deutlicher Unterschied in der Häufigkeit der Darstellung von Männern und Frauen mit "Behinderung" innerhalb der Festspiele "zugunsten" der Männer.

Keine der dargestellten Frauen mit "Behinderung" wurde als lesbische Frau dar-gestellt, weder offen sichtbar noch durch unauffällige Andeutungen. Das verwundert nicht, da auch "nichtbehinderte" Frauen in den Medien bis vor einigen Jahren fast ausschließlich als heterosexuelle Frauen gezeigt wurden. Es erinnert jedoch auch daran, daß analog zu Lesben auch Menschen mit "Behinderung" dadurch, daß sie nicht "offensiv" gezeigt werden, im öffentlichen Bild verschwinden. So wird der prozentuale Anteil von Menschen mit "Behinderung", der in der BRD ca. 10% beträgt, in der Regel deutlich unterschätzt. Dies dürfte u.a. eine Folge der deutlichen Unterrepräsentation in den Medien sein. Wenn Menschen mit "Behinderung" nur einen wesentlich geringeren Anteil an Film- und Fernsehrollen ausfüllen als der realen gesellschaftlichen Verteilung entspricht, wird dies Auswirkungen auf das Fremdbild und Selbstbild haben. Möglicherweise in eine Richtung, daß Menschen mit "Behinderung" nur eine sehr kleine Minderheit wären, deren Belange evtl. aufgrund der kleinen Anzahl von Menschen, die es betrifft, weniger Gewicht hätten.

Abschließend läßt sich sagen, daß Frauen mit "Behinderung" nur selten in Film, Fernsehen und Literatur gezeigt werden, noch weniger als Männer mit "Behinderung". Ihre Darstellung ist oft klischeehaft, nicht lebensecht und sie werden in einem Flair von Mitleid und Tragik gezeigt. Frauen mit "Behinderung" werden häufig passiver dargestellt als Männer mit "Behinderung", denen teils so-gar zugeordent wird, Rache für ihre "Behinderung" ausüben zu wollen.

Lesben oder erkennbar bisexuelle Frauen mit "Behinderung" werden so gut wie gar nicht gezeigt.

3.9 Zusammenfassung

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß es deutliche Unterschiede zwischen dem Fremd- und Selbstbild von Menschen mit "Behinderung" gibt. Das Fremdbild von Menschen mit "Behinderung" ist nach Lage der Literatur deutlich stereotyp, es ist von negativen Einschätzungen und von "Mitleid" geprägt. Es besteht die Annahme, Menschen mit "Behinderung seien minderwertig und nur eingeschränkt ernstzunehmen. "Nichtbehinderte" meiden tendentiell den Kontakt mit ihnen (vgl. Käfer, 1987). Das Selbstbild stellt sich wesentlich uneinheitlicher dar und kann durchaus auch positiv sein. Menschen mit "Behinderung" wehren sich gegen die starre Zuschreibung von Hilfebedürftigkeit ihnen gegenüber und gegen die Diskussionen, ob Leben mit "Behinderung" lebenswert sei.

Außer Unterschieden zwischen Fremd- und Selbstbild lassen sich Unterschiede zwischen dem Fremd- und Selbstbild von Frauen und von Männern mit "Behinderung" beobachten. In den Medien werden Frauen mit "Behinderung noch selten dargestellt als Männer mit "Behinderung", ebenso werden sie -wie Frauen allgemein- auch im öffentlichen Bild weniger beachtet. Ihr Frau-Sein wird ihnen nach der Theorie, Frauen mit "Behinderung" würden als "sexuelle Neutren" angesehen, häufig abgesprochen. Lesben und erkennbar bisexuelle Frauen mit "Behinderung" kommen im öffentlichen Bild noch weit weniger vor andere Frauen mit "Behinderung". Ihre sexuelle Orientierung wird ihnen oft abgesprochen, nicht ernstgenommen und/oder nicht geglaubt.

Nach der These der "doppelten Diskriminierung" werden Frauen mit "Behinderung" einerseits in Hinsicht auf ihre "Behinderung" und andererseits in Hinsicht auf ihr Frau-Sein in einer patriachalisch geprägten Gesellschaft zweifach benachteiligt. In Bezug auf Lesben mit "Behinderung" wird von manchen AutorInnen die These der "dreifachen Diskriminierung" vertreten. Es gibt allerdings auch Ansätze, in denen durch eine kritische Auseinandersetzung mit Normvorstellungen durch die Frauen selbst auch positive Aspekt benannt werden, wie z.B. eine Befreiung von der klassischen Frauenrolle.

Abschließend ist zu bemerken, daß das Bild von Menschen mit "Behinderung" weder historisch noch interkulturell konstant ist und daher nichts dagegen steht, es zu einem positiveren und lebensbejahenderen (Fremd-) Bild von Menschen mit "Behinderung" zu verändern.

4 Ableitung der Fragestellung

Gegenstand meiner Arbeit ist das Fremd- und Selbstbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung". Ich halte es für wichtig und sinnvoll, ebendieses Fremd- und Selbstbild in meiner Diplomarbeit ohne zu viele lenkende Vorgaben zu erheben, da dies bisher selten geschehen ist. Dies möchte ich mit Hilfe von Interviews tun. Dazu werden die Hälfte der Versuchspersonen Frauen und Lesben mit "Behinderung" und die andere Hälfte "nichtbehinderte" Menschen beiderlei Geschlechts sein. Analog zum Theorie-Teil richten sich die Interview-Fragen auf - je nachdem, ob die Versuchsperson eine Frau mit "Behinderung" oder "nichtbehindert" ist- das Fremd- oder Selbstbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung" und dessen besondere Aspekte "Hilfe" und "Lebenswert" und ggf. darauf, ob sie von "Nichtbehinderten" als sexuelles Neutrum und darüber hinaus als ohne sexuelle Orientierung angesehen werden oder nicht. Aus meiner bisherigen Beschäftigung mit dem Thema habe ich den Eindruck gewonnen, daß "Hilfe" ein Begriff ist, der für das Bild von Menschen mit "Behinderung" von besonderer Bedeutung ist. Dies trifft in der aktuellen Situation ebenso auf den Begriff des "lebenswerten" Lebens zu, wenn auch in alltäglichen Begegnungen weniger auffällig. Die Theorie, daß Frauen mit "Behinderung" als sexuelle Neutren wahrgenommen werden, ist in der vorliegenden (für gewöhnlich nicht wissenschaftlichen) Literatur eine häufige Hypothese, die ich darum in meine Befragung mit einbeziehen möchte. Auf die sexuelle Orientierung bezogen würde besagte Theorie bedeuten, daß Frauen mit "Behinderung" nicht nur als sexuellen Neutren angesehen, sondern ihnen auch die sexuelle Orientierung abgesprochen würde. Auch dieser Aspekt soll in meiner Diplomarbeit einbezogen werden.

Aufgrund der von mir gesichteten Literatur scheint mir der Schluß nahezuliegen, daß sich das Fremd- und das Selbstbild deutlich voneinander unterscheiden. Ob und in welcher Art dies der Fall ist, wird sich in den Aussagen in den Interviews tendenzmäßig abzeichnen. Eine genauere Überprüfung der herausgearbeiteten Unterschiede könnte auf dieser Grundlage in späteren Untersuchungen in Form von zu testenden Hypothesen stattfinden.

5 Methode

Im Kapitel "Methode" werde ich zuerst meine Methodenwahl reflektieren und erläutern (unter 5.1), dann die von mir gewählte Methode der qualitativen Inhaltsanalyse vorstellen (5.2) und danach die konkrete Vorgehensweise beschreiben (5.3).

5.1 Reflexion der Methodenwahl

In diesem Kapitel möchte ich darlegen, aus welchen Gründen ich bei meinem Forschungsanliegen eine qualitative Forschungsmethode und zwar die des standardisierten Interviews für die Sinnvollste halte.

Es gibt bisher leider erst sehr wenig wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema des Fremd- und Selbstbilds, speziell bei Frauen und Lesben mit "Behinderung". Da ich auf wenige Voruntersuchungen zurückgreifen kann, in denen es wissenschaftliche Aussagen darüber gibt, wie das Fremd- und Selbstbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung" überhaupt aussieht, halte ich es für sinnvoll, erst das Selbst- und Fremdbild zu erheben (vgl. Gartz & Koops, 1997, S. 197), bevor einzelne Aspekte desselben hypothesentestend detaillierter untersucht werden könnten. Weil ich aufgrund des gegenwärtigen Forschungsstands also nicht einen einzelnen, speziellen Aspekt untersuchen möchte, wozu sich eine quantitative Methode anbieten würde, sondern am Selbst- und Fremdbild in seiner Breite, mit Details und in die Tiefe gehend interessiert bin, wähle ich ein qualitatives Verfahren, da qualitative Verfahren nach Tiefe streben (Mayring, 1990).

Die Anzahl der Versuchspersonen verringert sich auf Grund des größeren Arbeitsaufwands bei der in die Tiefe gehenden Untersuchungsmethode der qualitativen Verfahren im Vergleich zu quantitativen Verfahren. Hierin liegt einer der Nachteile der qualitativen Verfahren begründet: Auf Grund der Stichprobengröße sind Verallgemeinerungen schwierig. Sie sind nur begrenzt möglich, und es muß explizit abgesichtert begründet werden, auf welche Bereiche sich welche Ergebnisse generalisieren lassen (Mayring, 1993). Für viele Untersuchungen sind daher quantitative Methoden wesentlich geeigneter und angemessener als qualitative Methoden. Parallel zu diesem Nachteil besteht der ebenfalls mit der kleinen Stichprobe zusammenhängende Vorteil, über den erforschten Sachverhalt wesentlich mehr verschiedene Informationen in nicht von der/dem ForscherIn vorab festgelegten Richtungen erhalten zu können.

In der qualitativen Forschung werden allgemeingültige Gesetzesbegriffe abgelehnt, stattdessen wird ihnen der Regelbegriff entgegengesetzt. Im Vorteil zum Gesetzesbegriff berücksichtigt der Regelbegriff laut Droste & Mrohs-Mühl (1995), daß Menschen in ihrem Erleben Regelmäßigkeiten erfahren, die aber nicht als automatische Prozeße ablaufen, sondern von Individuen selbst auch hervorgerufen und beeinflußt werden. Verhalten, Erleben und Interaktionen laufen nicht streng gesetzmäßig, sondern eher regelgeleitet ab.

In Abwägung zwischen den Erhebungsmethoden Fragebogen und Interview entscheide ich mich gegen den Fragebogen und für das Interview, da die Fragen in der vorgegebenen Reihenfolge gehört und beantwortet werden sollen, was bei Beantwortung eines Fragebogens nicht unbedingt der Fall ist.

Außerdem möchte ich keine Antwortmöglichkeiten, z.B. zum Ankreuzen, vorgeben, um die Breite und Richtung der Antworten möglichst wenig einzugrenzen und zu beeinflussen. Ich denke, daß es zu wenige wissenschaftliche Vorarbeiten gibt, aus denen ich sinnvolle Antwortmöglichkeiten entnehmen und vorgeben könnte, ohne die Aussagen von vornherein einzuschränken.

In Hinsicht auf die Überlegung, ob ein narratives oder ein strukturiertes Interview für die Fragestellung meiner Diplomarbeit vorzuziehen ist, halte ich ein strukturiertes Interview für angemessener. Einerseits rechne ich beim narrativen Interview mit einer so großen Informationsfülle, daß es den Rahmen meiner Diplomarbeitsprengen könnte, sie alle einbeziehen und innerhalb der Diplomarbeit auszuwerten. Außerdem könnte die Auswahl der aufgegriffenen Informationen die Ergebnisse der Arbeit beeinflussen. Natürlich ist mir klar, daß bei keiner Untersuchungsmethode Einflüsse der Versuchsleiterin / des Versuchsleiters völlig vermeidbar sind. Ich möchte diese Einflüsse natürlich so gering wie möglich halten. Aus diesem Grund halte ich es des weiteren für nötig, daß ich nicht alle Interviews selbst durchführe, sondern die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen durch "nichtbehinderte" InterviewerInnen befragen lasse.

Auswerten möchte ich die Interviews mit der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring (1993).

5.2 Die qualitative Inhaltsanalyse

In diesem Kapitel möchte ich die von mir gewählte Auswertungsmethode der "qualitativen Inhaltsanalyse" nach Mayring (1993) vorstellen.

Das Ziel von Inhaltsanalysen ist die systematische Bearbeitung des Materials aus Kommunikationen, wie in diesem Fall Interviews (Mayring, 1991).

Die Inhaltsanalyse wurde zu Beginn dieses Jahrhunderts in den USA entwickelt, um das enorme Datenmaterial aus den wachsenden Massenmedien systematisch auswerten zu können. Der qualitativen Inhaltsanalyse ist es wichtig, systematisch und regelgeleitet vorzugehen und weder vorschnell zu quantifizieren noch den Weg zu Quantifizierungen zu verbauen (Mayring, 1993). "Qualitative Inhaltsanalyse will sprachliches Material, Texte systematisch analysieren, indem sie das Material zergliedert und schrittweise bearbeitet; indem sie im theoriegeleitet am Material entwickelten Kategoriensystem die Analyseaspekte vorher festlegt" (Mayring, 1996, S. 91). In Hinsicht auf die spezifischen Techniken der qualitativen Inhaltsanalyse gibt es drei Grundformen derselben: zusammenfassende, explizierende und strukturierende Inhaltsanalyse.

Bei der zusammenfassenden Inhaltsanalyse wird das Material so zu reduzieren versucht, daß ein überschaubarer Kurztext entsteht, in dem die wesentlichen Inhalte enthalten sind.

Bei der explizierendenInhaltsanalyse soll zu einzelnen unklaren Textbestandteilen zusätzliches Material herangetragen werden.

Die strukturierende Inhaltsanalyse hat das Ziel, bestimmte Auspekte aus dem Textmaterial herauszufiltern. Es soll entweder unter vorher festgelegten Ordnungskriterien ein Querschnitt durch das Material gelegt oder das Material unter bestimmten Kriterien eingeschätzt werden (Mayring, 1991).

Für die vorliegende Untersuchung halte ich die strukturierende Inhaltsanalyse für das geeignetste Auswertungsverfahren. Dies Verfahren beeinhaltet im wesentlichen 3 Schritte (vgl. auch Ulich et al., 1982):

  1. Die Kategorien und die Textbeispiele, die unter die Kategorien fallen sollen, werden genau definiert.

  2. Konkrete Textstellen, die als prototypische Beispiele für die jeweiligen Kategorien dienen, die sogenannten Ankerbeispiele, werden angeführt.

  3. Kodierregeln werden formuliert, um dort, wo Abgrenzungsprobleme zwischen Kategorien bestehen, eindeutige Zuordnungen zu ermöglichen.

Wenn die Zuordnungsregeln zu den Kategorien festgelegt sind, werden die Texte anhand der definierten Regeln strukturiert. Inhaltstragende Textstellen aus den Interviews werden den Kategorien zugeordnet. Mit einem ersten Durchgang durch zumindest einen Teil des Materials werden die Kategorien erprobt und ggf. überarbeitet (Mayring, 1993). Eine eventuelle Revision des Kategoriensystem anhand der vorliegenden Daten ist also vorgesehen. Mit dem endgültigen Kategoriensystem sollen alle relevant erscheinenden Aspekte des Materials abgedeckt werden. Innerhalb dieses endgültigen Kategoriensystems werden zu jeder Kategorie typische Ankerbeispiele aus dem Textmaterial angegeben. Desweiteren werden unter den Kategorien dazugehörige Textstellen aus den Interviews aufgeführt.

Das extrahierte Material wird paraphrasiert, die so zusammengefaßten Befunde können verglichen und diskutiert werden.

Der größte Vorteil der qualitativen Inhaltsanalyse als Auswertungsmethode für Textmaterial aus qualitativen Forschungsmethoden ist ihre Systematik, das schrittweise, regelgeleitete Vorgehen nach vorher explizierten Techniken (vgl. Lisch & Kriz, 1978; Krippendorff, 1981; Rust, 1983; Merten, 1983). Mich überzeugte ihre intersubjektive Nachvollziehbarkeit, die ich mir von einem Analyseinstrument für meine Diplomarbeit wünsche. Kernpunkt der Methode sind einerseits das Arbeiten mit dem Analyseinstrument Kategoriensystem und andererseits das Zerlegen des Materials in Bearbeitungseinheiten. Die qualitative Inhaltsanalyse führt im Gegensatz zu einer 'freien' Textinterpretation zu entscheidend exakteren und leichter überprüfbaren Ergebnissen.

Eine Vorstellung meines Kategoriensystems findet sich in den Kapiteln 6.2.1 (für die Aussagen der "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen) und 6.3.1 (für die Aussagen der "behinderten" Interviewpartnerinnen).

5.3 Die Vorgehensweise

In diesem Kapitel werde ich die Gruppen der Versuchspersonen und wie ich sie gefunden habe (Unterkapitel 5.3.1), den Interviewleitfaden (5.3.2), die Interviewfragen im einzelnen (5.3.3) und die Aufbereitung der Daten beschreiben.

5.3.1 Die Versuchspersonen

Meine Versuchspersonen sind in 2 gleichgroße Gruppen aufgeteilt:

Gruppe A mit 6 Menschen ohne "Behinderung" und

Gruppe B mit 6 Frauen und Lesben mit "Behinderung".

Gruppe A besteht aus 6 Menschen ohne "Behinderung", durch deren Befragung ich Informationen über das Fremdbild von Frauen und Lesben erhalten möchte. Die Gruppe ist weitgehend heterogen gewählt, da ich Effekte aus besonderen Gruppenzugehörigkeiten vermeiden möchte. Drei der Versuchspersonen sind Männer, drei sind Frauen. Sie kommen aus verschiedenen sozioökonomischen Gruppen, gehören unterschiedlichen Alterstufen an, wohnen sowohl in der Stadt als auch auf dem Land und haben verschiedene sexuelle Orientierungen. Anders als bei vielen anderen psychologischen Untersuchungen war es mir wichtig, meine Versuchsgruppe nicht ausschließlich aus Psychologie-StudentInnen zusammenzusetzen, da ich annehme, daß durch die Homogenität in verschiedenen Merkmalen eine gerichtete Abweichung der Einstellungen entstehen könnte. Mir ist an dem Meinungsbild aus einem möglichst breiten gesellschaftlichen Spektrum gelegen und weniger am Meinungsbild innerhalb einer bestimmten Subgruppe.

Gruppe A setzt sich zusammen aus:

Käthchen Kruse, 40 Jahre alt, "nichtbehindert", heterosexuell, bezeichnet sich selbst als "normal", von Beruf kaufmännische Angestellte, wohnt auf dem Land.

Donald, 43 Jahre alt, "nichtbehindert", heterosexuell, Kaufmann und Bioladenbesitzer, wohnt in der Großstadt.

Lucky, 29 Jahre alt, "nichtbehindert", heterosexuell, von Beruf Schlosser, wohnt in der Stadt. Während des Interviews stellte sich herraus, daß Lucky's Mutter an einer chronischen, progredienten Krankheit (ameiotropische Lateralsklerose), die zu fortschreitenden Lähmungen mit Folge von Gliedmaßenlähmungen, Sprachunfähigkeit, Atemschwierigkeiten, völliger Pflegebedürftigkeit, ... führt, gestorben ist.

Anja, 28 Jahre alt, "nichtbehindert", lesbisch, von Beruf Fabrikarbeiterin, wohnt in einer Großstadt.

Frau A, 60 Jahre alt, "nichtbehindert", heterosexuell, von Beruf Lehrerin, wohnt in der Großstadt

Herr B, 40 Jahre alt, "nichtbehindert", schwul, von Beruf Physiotherapeut, ar-beitet außerdem in einer schwulen Sauna, wohnt auf dem Land. Seine Mutter ist im Verlauf einer chronischen progredienten Erkrankung "behindert" geworden, u.a. ist sie Rollstuhlfahrerin.

Gruppe B besteht aus 6 Frauen mit "Behinderung", durch deren Befragung ich das Selbstbild von Frauen und Lesben eruieren möchte. Ich habe sie durch Mundpropaganda gefunden. Eine Auswahl fand insofern statt, als daß mir an Interviewpartnerinnen mit einer möglichst breiten Variation in Hinsicht auf Art der "Behinderung", sexuelle Orientierung, Assistenz-/Pflegebedarf, Alter, beruflichen Werdegang , ... gelegen war. Zwei der Interviewpartnerinnen definieren sich als Lesben, eine als bisexuell, eine bezeichnet sich als "zwischen lesbisch und heterosexuell", eine als "weder lesbisch, noch a-, hetero- oder bisexuell" und eine als heterosexuell. Ihr Alter befindet sich auf einer Bandbreite von 26 bis 55 Jahren. 4 der 6 Frauen haben studiert oder studieren gerade, 2 haben Ausbildung(en) gemacht, eine hat 25 Jahre in einer sogenannten beschützenden "Werkstatt für Behinderte" (WfB) gearbeitet. (ArbeitnehmerInnen in WfBs bekommen im Höchstfall 1,70 DM Stundenlohn, dürfen sich nicht gewerkschaftlich organisieren und sind in relativ großem Umfang Fremdbestimmung ausgesetzt und bei der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben behindert.) 2 der Frauen wohnen auf dem Land, 4 in größeren Städten. Zwei der Frauen sind Mütter, hiervon definiert sich eine als Lesbe und eine nicht. 3 der Frauen sind "sinnesbehindert", 5 sind "körperbehindert", 3 der Frauen sind chronisch und progredient krank. Die 6 Frauen sind in unterschiedlich großem Ausmaß sichtbar "behindert". Keine ist nicht-sichtbar "behindert". Alle leben in einer eigenen Wohnung (u.U. mit Kind oder PartnerIn) und führen ein relativ selbstbestimmtes Leben. Sie sind in unterschiedlich starkem Ausmaß auf Assistenz oder Hilfe angewiesen.

Wie ich auf S. 184 ausführen werde, ist es möglich, daß ihre Antworten von einer durchschnittlichen Meinung von Frauen und Lesben mit "Behinderung" abweichen. Dies ist einer der Nachteile qualitativer Untersuchungen mit kleinen und nicht unbedingt repräsentativen Stichproben gegenüber quantitativen Methoden.

Gruppe B setzt sich zusammen aus:

Laura, 26 Jahre alt, lesbisch, Mutter, "körperbehindert", "frühbehindert", sicht-bar "behindert", in begrenztem Ausmaß auf Assistenz angewiesen, Maschinenbauzeichnerin, geboren und wohnhaft in Ostdeutschland in der Stadt.

Linda, 55 Jahre alt, heterosexuell, nicht Mutter, "sinnesbehindert" und "körperbehindert", "frühbehindert", sichtbar "behindert", in sehr hohem Ausmaß auf Assistenz angewiesen, 25 Jahre lang berufstätig gewesen in einer "Werkstatt für Behinderte", jetzt Studentin, wohnt auf dem Land

Nina, 29 Jahre alt, bi, nicht Mutter, "körperbehindert" und "sinnesbehindert", spätertaubt, spricht Gebärdensprache, "spätbehindert", chronisch und progredient krank, sichtbar "behindert", Assistenznehmerin (bekommt 15 Stunden pro Woche Assistenz finanziert), hat studiert, wohnt in einer Großstadt.

Folgende (leicht ironisch gemeinte) Erklärungen sind auf Ninas expliziten Wunsch beigefügt: Sie hat 2 Katzen, eine der beiden ist "behindert" und hat im Gesicht dieselbe "Behinderung" wie Nina, die andere Katze schielt. Der Grund für die Verhaltensauffälligkeit ist nach Ninas Vermutungen die Eifersucht der zweiten Katze, weil sowohl Nina als auch die erste Katze und viele von Ninas FreundInnen "behindert" sind, die zweite Katze aber ursprünglich nicht.

Ulli, 36 Jahre alt, "zwischen lesbisch und heterosexuell", nicht Mutter, "körperbehindert", "frühbehindert", sichtbar "behindert", fällt aber wenig auf, wird von "Nichtbehinderten" häufig als "nichtbehindert" einkategorisiert, in geringem Ausmaß assistenzhängig, hat 2 Ausbildungen gemacht (Erzieherin und Heilerziehungspflegerin) und nicht studiert, geboren und wohnhaft in West-deutschland, z.Zt. auf dem Land.

Rolli, 46 Jahre alt, weder lesbisch, noch a-, hetero- oder bisexuell, "kann mit Frauen besser", Mutter, "körperbehindert", "spätbehindert", progredient chronisch krank, sichtbar "behindert", assistenzabhängig, von Beruf Lehrerin, jetzt Rentnerin, wohnt in einer Großstadt.

Pferd, 33 Jahre alt, lesbisch, nicht Mutter, "sinnesbehindert", "spätbehindert", chronisch, progredient krank, hat seit dem 9. Lebensjahr eine organische Regulationsstörung, mit 23 Jahren erblindet, sichtbar "behindert", bereichsweise assistenzabhängig, Sozialarbeiterin, wohnt in einer Großstadt

5.3.2 Der Interviewleitfaden

Ich habe für die Befragung der InterviewpartnerInnen mit und ohne "Behinderung" je einen Interviewleitfaden erstellt. Die Fragen sind weitgehend parallel, die Einleitung weist natürlich Unterschiede auf, da bei den beiden Gruppen von GesprächspartnerInnen unterschiedliche Vorraussetzungen in der Vorbeschäftigung mit dem Thema bestehen.

Die Fragen sind keine Leitfragen, sondern sollen von der/dem InterviewerIn wortgetreu und in dieser Reihenfolge eingehalten werden. Andere Fragen sollen der besseren Vergleichbarkeit halber nicht gestellt werden. Falls Verständnis- oder andere Probleme auftreten oder die/der Interviewte sich unter Leistungsdruck o.ä. fühlt, ihr/ihm nichts einfällt, kann und soll durch eine andere Formulierung der Frage, durch Erklärungen oder Ermunterungen und positive Verstärkung eingeriffen werden.

Im Leitfaden für die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen wird in der Ein-leitung von Menschen mit "Behinderung" bzw. "Behinderten" gesprochen, um die Ergebnisse der ersten Frage nicht zu beeinflussen, die u.a. auf die Hypothese Bezug nimmt, bei "Behinderten" würde vorwiegend an Männer mit "Behinderung" oder an geschlechtsneutrale Wesen gedacht. Da Frauen Menschen sind, ist die Formulierung "Menschen mit "Behinderung"" zutreffend. Außerdem könnte daher bei "Menschen" genauso an Frauen wie an Männer gedacht werden.

In der Einleitung des Leitfadens für die Frauen mit "Behinderung" ist die geschlechtsneutrale Formulierung nicht nötig, da die interviewten Frauen oder Lesben mit "Behinderung" ja wissen, daß sie Frauen bzw. Lesben sind.

Ich habe mich bemüht, die Leitfäden sprachlich möglichst einfach und leicht verständlich zu gestalten.

Die InterviewerInnen haben den Leitfaden in "Sie"- oder in "Du"-Form, je nach-dem, ob sie sich mit den InterviewpartnerInnen duzen oder siezen. Der ausformulierte Interviewleitfaden befindet sich im Anhang.

5.3.3 Die Interviewfragen

Im folgenden Abschnitt beschreibe ich die von mir erarbeiteten Interviewfragen. Ich führe die Fragen nach ihrer Reihenfolge im Interview auf. Den InterviewpartnerInnen ohne "Behinderung" wurden 5, den Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" 6 Fragen gestellt. Die 5 Fragen sind für beide Gruppen identisch.

Frage 1:

"Nenne bitte ca. 10 Wörter, die Dir zum Begriff "Behinderte" einfallen! Einfach die Wörter, die Dir als erstes einfallen, so ähnlich wie bei "Dalli-Dalli"!"

Mit dieser Frage möchte ich das allgemeine "Behinderten"-Bild erheben. Ich habe mich für die Methode der Wortassoziation entschieden, da ich annehme, mehr und möglicherweise sogar aussagekräftigere Aussagen zu erhalten, wenn die InterviewpartnerInnen nicht in ganzen Sätzen antworten, die sich dann evtl. nur auf wenige Aspekte des "Behinderten"-Bildes beziehen. Viele verschiedene Einzelbegriffe können ebensoviele verschiedene Aspekte ansprechen.

Ich möchte keine lenkenden Vorgaben machen, sondern das "Behinderten"-Bild in seiner ganzen möglichen Breite erfassen. Ich habe diese und die 2 folgenden Fragen so offen gestellt, da ich denke, daß es noch nicht genug Befunde aus Voruntersuchungen gibt, um alle oder möglichst viele der relevanten Aspekte zu benennen. Mit diesen offene Fragen hoffe ich, der Breite der mit Menschen mit "Behinderung" verbundenen Einschätzungen näher zu kommen.

Frage 2:

"Bei den nächsten beiden Fragen darfst Du Begriffe, die Du vorher schon genannt hast, wiederholen, wenn sie dazu passen.

Die nächste Frage lautet:

Was für Begriffe fallen Dir zu "Frau mit "Behinderung"" ein?"

Mit dieser Frage möchte ich sowohl Informationen über das Bild von Frauen mit "Behinderung" erhalten als auch Hinweise darüber, ob bei "Behinderten" tatsächlich hauptsächlich an Männer mit "Behinderung" gedacht wird und zu Frauen mit "Behinderung" somit deutlich andere Begriffe assoziiert werden. Geschlechtsspezifische Aspekte können herausgearbeitet werden.

Frage 3:

"Was für Begriffe fallen Dir zu "Lesbe mit "Behinderung""ein?"

Da sich meine Arbeit auf Frauen und Lesben mit "Behinderung" bezieht, möchte ich mit Hilfe dieser Frage Informationen über das Fremd- und Selbstbild von Lesben mit "Behinderung" erhalten. Auch mögliche Wechselwirkungen von einerseits der Gruppenzuordnung "Behinderte" bzw. Frau mit "Behinderung" und andererseits der Gruppenzuordnung Lesbe könnten auftreten (vgl. z.B. Krieger, 1991 in Kapitel 3.7).

Frage 4:

"Was denkst Du zu "Behinderte" bzw. ""behinderte" Frau oder Lesbe" und "Hilfe" (betont gesprochen)?"

Auf diese Frage sollen nicht mehr Begriffe assoziiert werden, sondern es darf in ganzen Sätzen geantwortet werden.

In meinem Theorie-Teil habe ich "Hilfe" als einen besonderen Aspekt des Fremd- und Selbstbildes gesondert behandelt. Durch diese Frage möchte ich in der Untersuchung den engen Bezug zum Theorie-Teil herstellen. Zu den im Theorie-Teil erarbeiteten und/oder zusammengefaßten Erkenntnissen möchte ich auf diese Weise weitere Informationen, Anregungen und neue Aspekte finden.

Frage 5:

"Was denkst Du über den "Lebenswert" von "behinderten" Frauen und "behinderten" Lesben bzw. über die Diskussionen darüber?"

Aus demselben Grund wie bei Frage 4 habe ich diese Frage aufgenommen.

Mich interessieren die Einschätzungen der (leider wenigen) "nichtbehinderten" und der "behinderten" Versuchspersonen zu diesem Thema. Trotz der geringen Zahl der Versuchspersonen sind möglicherweise Unterschiede oder Übereinstim-mungen in der Sichtweise zu erkennen.

Frage 6:

"Wirst Du von fremden Leuten als heterosexuelle, als bisexuelle Frau, als Lesbe oder als Neutrum bzw. "sexualitätslos" angesehen?"

Diese Frage wird nur den Frauen mit "Behinderung" gestellt. Sie steht in Bezug zu der in Kapitel 3.6.1 erläuterte Theorie, Frauen mit "Behinderung" würden als sexuelle Neutren angesehen. Darüber hinaus bezieht sie sich auf eine mögliche Ausdehnung dieser Theorie auf lesbische oder bisexuelle Frauen mit "Behinderung", denen, falls ihnen die Sexualität nicht abgesprochen wird, trotzdem die sexuelle Orientierung abgesprochen werden könnte.

5.3.4 Die Aufbereitung der Daten

Die Interviews habe ich, wie bei qualitativen Interviews üblich, mit einem Dik-tiergerät aufgezeichnet. Ein Vorteil der Aufnahme der Interviews ist, auch non-verbale Äußerungen wie z.B. Lachen, Gesprächspausen und besondere Betonungen festhalten und in die spätere Auswertung miteinbeziehen zu können. Eine Aufzeichnung des Gesprächs kann zu Unsicherheit auf Seiten der Versuchsperson führen, eine exakte Wiedergabe der Antworten, die für die Auswertung benötigt wird, ist jedoch ohne Aufzeichnung nicht möglich. Potter & Wetherell (1987) betonen die Wichtigkeit einer genauen Transkription des Interviews, so daß die Kommunikation zwischen InterviewerIn und Versuchsperson transparent wird.

Anhand der Kassettenaufnahme habe ich kurz nach Durchführung der Interviews diese transkribiert. Ich habe mich bemüht, die Äußerungen der InterviewpartnerInnen so originalgetreu wie möglich wiederzugeben. Bei der Transkription orientierte ich mich an in Anlehnung an Mayring, 1990 und Köhnen, 1997 festgelegte Regeln. Die genauen Transkriptionsregeln (nach Köhnen, 1997) befinden sich im Anhang dieser Arbeit.

Im allgemeinen ließ sich diese Methode sehr gut für meine Interviews verwenden. Zum Interview mit Nina, die spätertaubt ist, möchte ich kurz Extra-Informationen zur Aufnahme einfügen. Da Nina nicht in der Kindheit, sondern erst seit dem Erwachsenenalter ertaubt ist, war sie in der Lage, ihre Aussagen verbal und nicht in der mit Diktiergerät nicht aufzeichenbaren Gebärdensprache zu machen. Da die erfolgende Aufnahmequalität durch die Andersartigkeit ihrer Stimme jedoch für eine exakte Transkribtion nicht ausgereicht hätte, sind wir dazu übergegangen, daß sie ihre Aussagen verbal macht, evtl. mit kleinen Gebärdenunterstützungen, und ich sie danach nochmal mit meiner eigenen Stimme ins Mikrophon gesprochen habe. So blieben ihre Betonungen und non-verbalen Äußerungen wie Lachen, etc. erhalten und gleichzeitig war eine exakte Transkription ihrer Worte möglich. Der Nachteil war jedoch, daß in der Zeit, in der ich ihre Worte ins Mikrophon wiederholte, kleine Gesprächspausen entstanden, bevor wir weiterreden konnten, die die Spontaneität eventuell beeinflußt haben könnten. Trotzdem fand ich, lief das Interview mit dieser Methode insgesamt so gut, daß ich, erneut vor die Wahl der Aufzeichnungsart gestellt, diese wieder wählen würde. Die Äußerungen von mir an Nina habe ich auf Gebärdensprache gemacht und die Fragen ihr an den entsprechenden Stellen in schriftlicher Form vorgelegt.

Die in den Interviews gewonnenen Daten habe ich auf Grundlage der Transkriptionen einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring, 1993 unterzogen.

6. Darstellung der Befunde

In diesem Kapitel finden sich die Befunde der 12 Interview, die ich geführt habe, 6 mit Menschen ohne "Behinderung", 6 mit Frauen und Lesben mit "Behinderung". Vorangestellt habe ich die Extraktionen der Aussagen der einzelnen Interviews, jeweils eine Extraktion für ein Interview. Im Unterkapitel 6.1.1 befinden sich die Extraktionen der Interviews mit den "Nichtbehinderten", unter 6.1.2 die der Interviews mit den Frauen und Lesben mit "Behinderung".

Danach sind die Kategoriensysteme aufgeführt, in denen ich die Interviews ausgewertet habe. Die Titel der einzelnen Haupt- und Unterkategorien, quasi ein Inhaltsverzeichnis der Kategoriensysteme, finden sich für die Aussagen der "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen unter 6.2.1 und für die Aussagen der Frauen mit "Behinderung" unter 6.3.1. Da die Titel der gefundenen Kategorien einen Überblick über die Aussagen der InterviewpartnerInnen geben, ist es sehr interessant, diese beiden Kategorienverzeichnisse zu lesen und zu vergleichen.

Unter 6.2.2 befindet sich das komplette Kategoriensystem zu den Aussagen aus den Interviews mit den "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen, in dem sich das Fremdbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung" wiederfindet, und unter 6.3.2 das Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung", das einen guten Einblick in das Selbstbild und darüber hinaus in das Verhältnis zwischen Menschen mit und ohne "Behinderung" und in Konfrontationen, die die Frauen und Lesben mit "Behinderung" mit dem Fremdbild erleben, ermöglicht.

6.1 Extraktionen der Interviews

Nach Transkription der Interviews habe ich beschlossen, sie zur besseren Handhabbarkeit und zum besseren Überblick zu Extraktionen zusammenzufassen: Füllworte und -sätze habe ich herausgestrichen, die inhaltlichen Aussagen extrahiert und somit einen kurzen Text bekommen, der leichter lesbar die Antworten der InterviewpartnerInnen wiedergibt. Auch wenn die Aussagen in den Extraktionen sich in den Kategorien wiederfinden, kann ich der/dem geneigten LeserIn nur empfehlen, auch die Extraktionen zu lesen.

6.1.1 Extraktionen der Interviews mit "Nichtbehinderten"

Die Ziffern geben an, nach welchen Interview-Fragen die Aussagen gemacht wurden:

  1. Assoziationen zu "Behinderte"

  2. Assoziationen zu Frau mit "Behinderung"

  3. Assoziationen zu Lesbe mit "Behinderung"

  4. Gedanken zu "Behinderte" bzw. "behinderte" Frau oder Lesbe" und "Hilfe"

  5. Gedanken über den "Lebenswert" von "behinderten" Frauen bzw. "behinderten" Lesben

Extraktion Käthchen Kruse:

  1. Rollstuhl; Stock; Armbinde; Heim; Betreuer;

Weiß ich nicht, mehr fallen mir so spontan nicht ein.

  1. Da fallen mir auch nur die selben wieder ein!

Rollstuhl; Stock; Armbinde; Heim; Betreuer.

Ist doch das selbe!

  1. Ja, da fallen mir auch keine anderen ein!

(I: Vielleicht denkst Du auch nochmal drüber nach!)

Aber wieso sollen mir da jetzt andere einfallen?!

Ne, da können mir auch keine andern jetzt einfallen!

  1. Ja, da frag ich mich jetzt, wieso das jetzt so wichtig ist, ob das jetzt 'ne Frau ist mit Behinderung, 'ne Lesbe mit Behinderung oder sonstwer mit Behinderung. Kommt das jetzt auf die Behinderung an oder kommt das jetzt auf die Person an?!

Da fällt mir gar nichts zu ein!

  1. Ich nehm an, daß sie's schwerer haben. (Ja überhaupt, 'n Lebenswert.) Ich mein', Lebenswert ist sowieso schon schwer für jeden zu finden. Und für Behinderte mit Sicherheit noch schwerer. Und für behinderte, sag ich dann mal, Lesben, wenn die das offen zugeben, noch schwerer.

Extraktion Donald:

  1. Das sind im Grunde Vorurteile, die über die Behinderten existieren, denk ich mal, das sind nicht meine.

Daß sie langsam sind, daß die hilflos sind, daß die sich durchsetzen, daß die es schwerer haben, daß die von andern bemitleidet werden, daß man die 'n bißchen behutsam behandeln muß und nochmal, daß sie es schwerer haben als normale Menschen.

  1. Eigentlich das selbe, was ich schon gesagt hab'. Nur daß die das noch 'n bißchen schwerer haben, weil sie als Frau auch schon benachteiligt sind in der Gesellschaft.

  2. Daß sie andersartig sind, in dem Sinne, daß ihre sexuelle Orientierung anders ist. Daß das noch erschwerend dazu kommen kann. Das also gleichzeitig deutlich wird. Es ist vielleicht ein zusätzliches Handicap, was man, wenn man sich nicht dazu stellt, das heißt, wenn man da nicht mit umgehen kann, auch noch erleben kann. Daß man da von der Bevölkerung, von Leuten, muß auch nicht immer so sein, aber es kann durchaus, kann ich mir vorstellen, kann es dann noch ein zusätzliches, ein zusätzlicher Faktor ist, wie die Leute einen / ((auffangen /aufnehmen)) und /// ((dagegen stark machen)).

  3. gleich fallen mir da zwei Sachen ein. Einmal, daß die eventuell Hilfe benötigen, aber zweitens, daß sie eigentlich erst recht alles selber machen wollen. Daß im Grunde genommen Hilfe vielleicht gewünscht wird, aber nicht angenommen werden kann.

  4. Also die Frage finde ich ein bißchen komisch, muß ich sagen. Sollte dahinterstecken die Frage, ob man die vielleicht weniger, das, das Leben weniger wertvoll ist. Oder was meint die Frage? Denn das, die Frage war mir nicht so ganz klar.

Und zwar hängt das (der Lebenswert (Anm.: B.-U. R.)) eigentlich nicht von der Behinderung ab, ob jemand lesbisch ist oder nicht oder ob jemand meint, das wär nicht in Ordnung, sondern wie der sich selbst dazu stellt und im Grunde genommen damit auch fertig wird. Das ist natürlich eine Herausforderung.

Extraktion Lucky:

  1. Bettlägerig; Rollstuhl; Krankenhausaufenthalt; Operation; Ausgeschlossenheit; Pflegebedürftig; Langeweile; Störung des Selbstbewußtseins; Der Verdacht, daß andere Leute nur Mitleid mit einem ha-ben.

  2. Braucht Pflege; Gesellschaft; falls Ledig: Einsamkeit; auch Krankenhausauf-enthalte. Dat is ja alles allgemein. Caritative Versorgung. Sprich Wohnungs-, also Haushalt. Und Übernahme der Küchenarbeiten und, oder Reinigungsarbeiten. Ja, kommt auch drauf an, was für Behinderungen. Körperpflege eventuell bedingt durch die Krankheit, die von anderen ge-macht werden muß.

  3. Doppelte Belastung für beide in der Beziehung. Fragen, die bei der behinderten Frau aufkommen bezüglich der Partnerin, warum bleibt die jetzt noch bei mir, etc. Schwierigkeiten, Kontakt aufzunehmen mit normalen Leuten durch Vorurteile, die man sich denkt, die andere über einen haben. Einmal bedingt durch((die Behinderung/Vorurteile wegen der Behinderung)) und zum zweiten ist das Thema "Homosexualität" ja immer noch ein Begriff für Vorurteile.

  4. Lesbisch oder Frau oder, oder behinderter Mann, die Leute brauchen Hilfe, die Leute brauchen Unterstützung, die Leute brauchen jemand, mit dem sie reden können, der möglichst ohne Vorurteile ist. Einfach Gesellschaft haben!

  5. Also die Frage muß mir jetzt mal einer auseinander klamüsern! Und dem Lebenswert eines kranken Menschen beziehungsweise dem Lebenswert einer kranken Lesbe. Also entschuldigung mal, die Frage versteh' ich jetzt gar nicht! Da gibt's keinen Unterschied zwischen dem Lebenswert eines behinderten Mannes, einer behinderten Frau oder einer behinderten Lesbe. Und was soll überhaupt die Frage nach dem Lebenswert?!

Extraktion Anja:

  1. Gehbehindert (2x); Sehbehindert; Na, was gibt's noch?; Schwerbehindert; Körperbehindert; Mehr fällt mir im Moment nicht ein. Rollstuhl; Behinderten-schein.

  2. Im Moment nix.

  3. Ich finde Lesben normal. Und ob Heteros behindert sind, -- oder Lesben. ([Auf spätere Nachfrage erklärt sie, sie fände, es mache keinen Unterschied, ob Behinderte Männer oder Frauen, lesbisch oder heterosexuell seien.])

  4. Ich denke darüber ganz normal, weil es kann ja jedem passieren.

  5. Die haben genauso 'n Anspruch auf Leben wie wir.

Extraktion Frau A:

  1. anders aussehen; Rollstuhl; Behinderungen in der Stadt; Behinderung auf dem Land; schlecht artikulieren, was anderen unangenehm ist, daß man sie nicht versteht. Daß sie im allgemeinen die Behinderung unterdrücken. Oder aber daß man ihnen gerne helfen möchte, die aber das gar nicht wollen. Und daß man da nicht weiß, soll man helfen oder soll man nicht. Daß man da eben in Schwierigkeiten gerät.

  2. Daß es schwierig ist, als Frau vielleicht einen Partner zu bekommen. Daß sie Familie haben möchten. Daß vielleicht auch die Schwierigkeit besteht, in der Gemeinschaft integriert zu werden. Als Frau vielleicht mehr als als Mann. Oder Sport Möglichkeiten zu treiben. Oder aber auch Kinder zu bekommen als Behinderte. Das ja eigentlich möglich ist, aber, denk ich mir, schwieriger ist als für einen Mann.

(Unter 3.: Daß die wahrscheinlich speziell mit ihrem Lesbischsein noch größere Schwierigkeiten haben als eine, die "normal" in Anführungsstrichen ist. Heterosexuelle Frauen mit "Behinderung" haben also Schwierigkeiten und Lesben mit "Behinderung" noch größere.)

  1. Oh. Ja das ist natürlich schwierig. Erstens kann ich mich mit diesem, kann man sich schlecht identifizieren mit. Und dann noch als Behinderte. Denk ich, kommt es nur drauf an, Gleichgesinnte zu finden, unter Normalen wird es, glaub ich, schwierig werden. Daß die dann wahrscheinlich ja speziell mit ihrer hm Lesbischsein noch größere Schwierigkeiten haben als eine, die "normal" in Anführungsstrichen ist.

  2. Die man ihnen geben könnte? Ja, sie vielleicht nur akzeptieren, so wie sie sind. Wenn Hilfe nötig ist oder wenn sie sie wollen, (.....) Daß man da versucht, sie einfach in die Gemeinschaft aufzunehmen wie sie jetzt in ihrer Art sind, wie sie auch normal als Nichtbehinderte eh Frau oder Lesbe ehm sein würde. Oder in der Gemeinschaft eben als normal betrachtet werden.

(Unter 1.: Oder aber daß man ihnen gerne helfen möchte, die aber das gar nicht wollen. Und daß man da nicht weiß, soll man helfen oder soll man nicht. Daß man da eben in Schwierigkeiten gerät.)

  1. Ich denke mir, da sollte es keine großen Unterschiede geben. Lebenswertge-fühl ist, denke ich, was sie empfindet und nicht das, was ich empfinde oder was ich da reininterpretieren will. Ich denke, das ist ihre eigene Sache. Das Lebensgefühl selber zu haben oder nicht zu haben.

Was sie noch gerne sagen würde:

Ich denke mir, ich würde einfach sagen, daß man sich da mehr Gedanken drüber machen sollte und die Behinderten so akzeptieren, wie sie sind. Und auch in der Gemeinschaft aufnehmen, wenn sie auch manchmal für uns eigenartig aussehen. Zum Beispiel Spaschti- äh,äh Gelähmte oder die sich nicht artikulieren können, die wirklich Schwierigkeiten haben, die als Fremdbild für jeden komisch erscheinen würden. Aber die sind es ja nicht, sie (.....) Daran muß man, glaube ich, 'ne Einstellung haben oder, wer sie nicht hat, bekommen.

Extraktion Herr B:

  1. Bekloppte; Schwächling; Taugenichts; selbst Schuld; Krüppel.

  2. Das gleiche, wie vorher. Ne, stimmt nicht, bei Frau würde ich eher sagen, ist -- Kompliziert, die Frage. (I: Denk 'n bißchen darüber nach, macht doch nichts. B: Ich werde auch gezwungen, nachzudenken. --) Spontan fällt mir da nichts ein. -- Ich seh nur Menschen als Behinderte, ist mir egal, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Ich seh da die Behinderung.

Vielleicht würde ich bei Frau, behindert mehr Mitleid haben als bei Mann, behindert. (Wenn ich so richtig in mich reinfühle.) Daß ich bei Frau eher Mitleid, eher mitleidiger bin als beim Mann.

  1. Keine. -- Seh ich doch gar nicht, ob 'ne Lesbe behindert ist. Warum soll ich wissen, daß die Behinderte (.....) Könnt' ich nicht unterscheiden. Ist mir noch nie begegnet. Genauso wenig, wie bei Schwulen.

  2. Ich soll den Behinderten helfen oder, oder ? (Ich hab die Frage nicht verstanden.) Kann sein, daß die Menschen Hilfe brauchen, weil sie blind sind und können, 'ne unbekannte Gegend brauchen sie Hilfe. Und dann kann ich denen die geben.

  3. Lebenswert allgemein von Behinderten kann sehr eingeschränkt sein. Weil sie durch die Gesellschaft, durch die Vorurteile, die die Behinderten -- oder Vorurteile, die gegenüber Behinderten bestehen, dat ist nicht, kann ich mir vorstellen, nicht ganz einfach als Behinderter, überhaupt in unserer Gesellschaft zu leben. Man wird irgendwo ausgeschlossen. Wobei die Gesellschaft bemüht ist, Behinderte zu integrieren.

Generell zu Behinderung denke ich, wir sind irgendwo alle behindert. Wenn man etwas nicht kann, sag ich mal, zum Beispiel: Ich kann nicht fliegen, also bin ich gegenüber andern, die fliegen könnten oder können, bin ich behindert. Ich seh da nicht so einen krassen Unterschied. Der eine kann dies, kann das. Irgendwo sind wir alle behindert. Und da macht das auch keinen Einfluß, ob ich Lesbe bin oder Frau bin oder Mann bin oder schwul bin oder sonstwas bin. Ich denk mir mal, Behinderung ist einfach, die ist ja nicht auf sexuelle Präferenz beschränkt. Behinderte Kinder, zum Beispiel. Und dann macht das auch einen Unterschied, ob ich eine Behinderung erworben habe, durch einen Unfall zum Beispiel, oder ob ich behindert auf die Welt gekommen bin. Und dann macht es auch noch einen Unterschied, ob ich körperlich behindert bin oder geistig behindert. Ich denke mal, das ist ein riesengroßer Unterschied. Wenn ich einen Querschnitt habe, ist das eine ganz andere Behinderung, als wenn ich jetzt eine cerebrale Störung habe.

6.1.2 Extraktionen der Interviews mit Frauen und Lesben mit "Behinderung"

Die Ziffern geben an, nach welchen Interview-Fragen die Aussagen gemacht wurden:

  1. Assoziationen zu "Behinderte"

  2. Assoziationen zu Frau mit "Behinderung"

  3. Assoziationen zu Lesbe mit "Behinderung"

  4. Gedanken zu "Behinderte" bzw. "behinderte" Frau oder Lesbe" und "Hilfe"

  5. Gedanken über den "Lebenswert" von "behinderten" Frauen und "behinderten" Lesben bzw. über die Diskussionen darüber

  6. "Wirst Du von fremden Leuten als heterosexuelle, als bisexuelle Frau, als Lesbe oder als Neutrum bzw. "sexualitätslos" angesehen?"

Extraktion Ulli:

  1. Mitleid; Fehleinschätzung; Kämpfen; Ärgern; Frust; Teil meiner Persönlichkeit; behinderte Frauen; Krüppeltreffen; Sondereinrichtung; Aktion Sorgenkind

  2. Kämpfen; Netzwerk; Zusammenhalt; Krüppelfrauen; Lesbentreff; Unverständnis; Solidarität; behinderte Männer; Krüppelfrauenthemen; Power; weibliche Assistenz

  3. Abgrenzung; Probleme; Krüppellesbe; Wohnprojekt; Netzwerk; zusammen; gegeneinander; Gemeinsamkeit; Fete; Kampf; weibliche Assistenz

  4. Weibliche Assistenz

  5. Das ist kein Thema, worüber man diskutieren darf / worüber diskuiert werden darf. (3x) Ob jemand, ob ein Leben lebenswert ist oder nicht. Weil ich das nur für mich selber entscheiden kann, ob es das ist oder nicht.

  6. Das kommt drauf an, mit wem ich zusammen bin. Ich werde als heterosexuell eingestuft. Jedenfalls von den meisten, die mit mir zu tun haben. Wobei einige ja auch wissen, daß ich das nicht bin. Mit dem, das, was sie nach außen hin mitkriegen, ja klar, Fremde, halten mich für heterosexuell. Welche, die mich auf dem Krüppeltreffen erleben, erleben mich vielleicht anders, aber ich denke, die Mehrzahl vielleicht schon (hält sie für heterosexuell).

Extraktion Linda:

  1. Treppen; Nichtbehinderte; Probleme, mit andern Menschen Probleme; wenig allein sein; telefonieren; nicht unbedingt negativ; nur manchmal (negativ); alles langsamer machen können; aber nette Leute kennen, nette Behinderte kennen kennenlernen kann man, Menschen mit Behinderung; immer weiter viel Kraft und und Schwung dareinbringen, um das in der Öffentlichkeit, daß es anerkannt wird, auch mit Behinderung leben zu können;

  2. Diskriminierung; nicht anerkannt zu sein; Männer; Kinder; nichts besonderes; mehr Kraft investieren müssen, um selbstbestimmt leben zu können; auch positive Seiten wie bei allen Frauen; dem Schönheitsideal nicht entsprechen zu können; Auch mit Behinderung fällt mir ganz Unterschiedliches ein. Da gibt's ja auch Frauen, die weniger Behinderungen haben und dadurch also auch weniger Probleme und eben auch das Gegenteil. Bei Pflegesachen zum Beispiel fällt mir ein, daß das ziemlich blöd ist, Frau mit Behinderung zu sein. Das man sehr abhängig sein kann. // ((Wenn jemand)) persönlich um einen bemüht ist oder die andere / ((ist)).

  3. Wenig Worte fallen mir dazu ein, überhaupt zu Lesben, weil ich eben eher damit nicht direkt soviel Kontakt habe. Ich kenn natürlich Leute, die lesbisch sind, und ich denke, daß das ihre Lebensart ist, die die ich total so akzeptiere wie wie zwischen Männern und Frauen und von daher fällt mir da eigentlich auch nicht besonderes zu ein.; (Ich hab auch keine so ganz vielen Begriffe.) Daß sie Probleme haben, akzeptiert zu werden.(;) Aber sowieso für Leute, die eben Homosexuelle sind, daß sie dadurch Schwierigkeiten bekommen sicher, Lesben ohne Behinderung zu finden. Daß sie wahrscheinlich genauso Schwierigkeiten haben, Lesben ohne Behinderung zu finden. Wie Frauen mit Behinderung, die Partnerschaften mit Männern suchen.; Daß es genauso schön sein kann wie alles andere, wie alle andern sexuellen Orientierungen.; Kinder; Zärtlichkeit; Lebensgemeinschaft;

8 ≈ x ,daß ihr wenig Worte dazu einfallen, daß sie nichts mehr weiß.

  1. Daß es viel Geld kostet. Hilfe. Daß man im Grunde genommen Hilfe, neutrale Hilfe nur gegen Bezahlung kriegt. Daß sie nach Zeitplan geht oft. Was auch ziemlich blöde ist. Daß Hilfe oft Freundschaften verhindert. Hilfe geben müs-sen und Hilfe in Empfang nehmen zu müssen. Daß in meinem, daß ich für fremde Hilfe eigentlich - mein Arbeitsverhältnis bedeutet. Und der menschliche Kontakt dabei nicht so gepflegt werden kann. Einerseits weil sonst einfach der eine oder der andere findet das zu eng. Zum andern, daß man selbst vielleicht auch gar nicht möchte, daß da auf 'ne Hilfestellung hin 'ne Freundschaft wird. Jedenfalls nicht mit jedem. Das ist für mich so 'ne Sache, daß man da immer ganz viel abgrenzt. Aber das ist Hilfe, wenn ich es für alle Dinge brauche im täglichen Leben. Das ist anders, wenn man behindert ist und viele Sachen auch eigenständig hinkriegt, dann kann es auch mal 'ne gute Sache sein, wenn, was weiß ich, wenn dann irgendetwas auch freiwillig kommt und daß dadurch auch vieles entstehen kann, zum Beispiel wenn man viel unterwegs ist und einem hilft wer, irgendwo rein oder raus zu kommen, oder hoch und runter, und einfach ein paar Worte miteinander zu reden und so. Das kann auch was Verbindendes sein.

  2. Boa. Schrecklich. Die Diskussion darüber. Daß Menschen mit Behinderung, Frauen und Lesben, genauso wertvolle Menschen sind wie alle andern. Daß es nichts Negatives ist. Also die Diskussionen finde ich ganz, ganz unmöglich und möchte sie immer möglichst unterbinden, weil ich dann, denke ich, auch über jeden Menschen diskutieren können müßte, der keine Behinderung hat. Ob er lebenswert wäre. Jeder Mensch verursacht Kosten und das ist ja oft auch Grund, warum sie das diskutieren. Unter anderem.

  3. Von wenigen als Frau -oder was hast Du als erstes gesagt? Als Hetereosexuelle, ja. Also von wenigen. Und von den meisten ja gar nicht drauf angesprochen, also mehr als Neutrum. Von wenigen als heterosexuelle oder als Frau allgemein. (I: Also von wenigen als heterosexuelle oder als Frau allgemein oder wie? Li: Ja, beides, glaube ich.) Aber nicht so oft und meistens gar nicht irgendwie auf dieses Thema gebracht. Und wenn, dann, ja. Mehr neutral.

Was sie noch gerne sagen würde:

Ich würde gerne sagen, daß ich, glaube ich, sehr viel negative Aussagen gegeben habe, die aber im Grunde genommen, gar nicht mein Leben so bestimmen, daß ich so negativ eingestellt bin. Aber es kam mir eben so vor, als ob die so angekommen sind. Wenn man mich direkt auf Behinderung und sowas anspricht, gibt es einige Sachen, die ich ziemlich negativ empfinde und so war's auch grad in diesem Augenblick. Aber im Grunde genommen finde ich Leben mit Behinderung auch nicht tragisch oder schlimm. Es kommt immer auf das an, was drumrum daraus gemacht wird oder was man selbst damit kann. Ich finde es sehr positiv, wie ich lebe, wie ich leben kann. Ich bin eigentlich sehr froh darüber, wenn ich an andere Menschen mit so'ner starken Behinderung denke, wie ich sie selbst habe, wie die existieren, dann bin ich eigentlich sehr glücklich darüber, daß es mir da viel besser geht. Daß ich doch ziemlich viel selbst bestimmen kann, was ich will und was ich nicht will.

Extraktion Laura:

  1. Räder; Krücken; Operation; interessant; aufregend; neugierig; schön; anders; besser; bunt

  2. erotisch; bunt; interessant (2 x); Sexualität; schön; aufregend; Frühling; Frau; nicht dem Schönheitsideal entsprechend; Barbie-Puppe

  3. Aufregend; Blumen; besonders; Meer; mehr; erotisch; aufregend; aufblühend; verschieden; nicht normal (normal im negativen Sinne); Musik; ein Stückchen Hoffnung; Holzbeine; Sexualität; faszinierend; wunderbar; kuschelig; Wiese mit ganz viel Blumen

  4. Ich geh einfach von mir aus, wie ich das empfinde, wenn ich Hilfe annehmen muß oder keine Hilfe brauche. Es ist ganz oft so, daß mir Hilfe angeboten wird und ich sie nicht haben will. Mich kotzt es ganz doll an, daß ganz viele Nichtbehinderte ein Problem mit ihrem Helfersyndrom kriegen, wenn sie mir nicht helfen können. Was ich auch ganz besonders bei Hilfe ätzend finde, ist nicht das Recht darauf zu haben, als "behinderte" Frau, ganz besonders als Lesbe, 'ne Assistenz zu haben, die weiblich ist. Ich hab ganz oft das Gefühl, daß ich auf Hilfe reduziert werde. Daß ganz viele Sachen von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, weil ich als Krüppelfrau damit assoziiert werde, daß ich Hilfe für irgendwas brauche und dadurch andere Leute einschränke (in irgendwelchen Sachen). Weil dadurch, daß sie annehmen, daß ich (eigentlich Du, war in meiner Nachfrage) sie einschränken würde durch mein vermeintliches Hilfe-brauchen, Sachen nicht klappen? Ich finde Hilfe auch ganz schrecklich. Das Schrecklichste an Hilfe finde ich, dieses Helfersyndrom der anderen. Wenn ganz klar wäre, ich brauche das und das und genau so würde es gemacht, dann würde ich wahrscheinlich mit meinem Leben völlig zufrieden sein, aber ich kann davon nicht ausgehen. Und was mich auch noch so ankotzt, ist, daß von "behinderten" Frauen ganz besonders erwartet wird, für irgendwelche Hilfe, die sie nie haben wollten, auch noch dankbar zu sein. Diese Dankbarkeitssyndrom, das geht mir so auf den Geist.

Negative Begriffe in Zusammenhang mit "Hilfe": Schade; 2x kotzt mich -ganz doll 1x-an (in Zusammenhang mit "Hilfe"); ätzend 2x; schrecklich; das Schrecklichste an Hilfe; geht mir so auf den Geist (das Dankbarkeitssyndrom).

Keinerlei Verbindung von Hilfe mit etwas Positivem. Das deutlich positivste ist: "Wenn ganz klar wäre, ich brauche das und das und genau so würde es gemacht, dann würde ich wahrscheinlich mit meinem Leben völlig zufrieden sein, aber ich kann davon nicht ausgehen.".

  1. Ich finde die Diskussion rundum Scheiße. Für mich gibt es nicht (.....) Mich macht es einfach nur wütend, daß (irgendwelche Leute,) irgendwelche "nichtbehinderten" Menschen, davon ausgehen, entscheiden zu können, wie ich als "behinderte" Frau lebe und was mein Leben "lebensunwert" machen soll und was nicht. Ich find's (eher) zum Erbrechen. Wenn diese Diskussion damals schon so ätzend vorangeschritten wäre, wäre ich vielleicht einfach nicht auf der Welt. Ich wäre stinksauer, daß ich einfach nicht hätte geboren werden dürfen. Ich finde nicht, daß irgendwelche andern Menschen für andere wiederum entscheiden dürfen, ob sie sich jetzt glücklich fühlen dürfen oder nicht. Diese "Lebenswert"-Diskussion geht davon aus, ob Menschen glücklich sein können oder nicht. Viele gehen davon aus, daß "behinderte" Menschen nicht glücklich sein können. Während ich aber davon ausgehe, daß was weiß ich wieviele Menschen auf dieser Welt arbeitslos sind oder eine Depression nach der andern hinter sich herziehen und die sind alle "nichtbehindert" und warum wird das an "Behinderung" festgemacht .

  2. Kommt drauf an. Wenn ich mit Kind unterwegs bin, dann ist es nicht ganz so fürchterlich. Aber an sich bin ich natürlich Neutrum, das ist klar! Mit Kind bin ich machmal vielleicht eventuell als heterosexuell einzustufen, sowas in der Art. Aber bin ich alles gar nicht! Schade eigentlich, daß die das nicht wissen und nicht für voll nehmen!

Extraktion Nina:

  1. Rollstuhl; Gehörlosigkeit; Diskriminierung; Ausgrenzung; Anders-Sein; Kassandra; Gedichte schreiben; mein Kater; Rampe; wenig Geld haben

  2. Doppelte Diskriminierung; Devotees; Die Situation ist schwieriger für Frauen mit "Behinderung" als für "behinderte" Männer. Das wird auch in der "Behinderten"-Szene zu wenig wahrgenommen. Und auch in der Frauenbewegung.

Was mir auch positiv einfällt, ist mein Postkartenverlag! Beziehungsweise die Möglichkeit, ganz besondere Formen zu finden, sich künstlerisch auszudrücken.

Ich find's schwierig, so ohne Bezug. Einfach nur so Wörter hinknallen oder Begriffe, finde ich schwierig.

Mein Selbstbild ist sehr fremdbestimmt. Und ich finde schwierig, ein positives Bild von mir zu malen. Und ich denke, für Frauen ist es viel so. Es ist sehr schwierig, weil nicht nur der Druck da ist, von einem negativen "Behinderten"-Bild, sondern auch Abwertung als Frau. Das heißt, daß Du als Frau mit "Behinderung" oder als Lesbe mit "Behinderung" immernoch mal gegen so viele Fremdbilder ankämpfen mußt.

Selbstbestimmung

Schriftlicher Nachtrag, wenige Tage später: "naja, und dann sind mir noch 'die' zwei begriffe eingefallen - jetzt wohl zu spät: vielfalt und spannung (positiv, weil frau sich außerhalb vom 'normalen' bewegt/bewegen muß)"

(Diesen Nachtrag habe ich nicht in die Auswertung mit einbezogen, da er nicht innerhalb des Interview geäußert wurde.)

  1. Kassandra. Und Deine Bilder. Ausgrenzung. Von vielen verschiedenen Seiten. Auch viel Fremdbestimmung. Auf der andern Seite viel Solidarität. Also unter "behinderten" Lesben. Das Foto, das Du gemacht hast, mit den Händen, den Krüppelhänden. ([Es handelt sich um ein Foto von dem Lesbenzeichen 'Lesbenhände', bei dem die Hände allerdings nicht "nichtbehindert" aussehen, sondern sichtbar "behindert" sind. Vgl. Deckblatt der randschau, 2/'98. Anm.: B.-U. R.]) Das ist schön, zum Beispiel. Da sind auch Blumen dabei.

CSD;

Find ich gut. Lesben mit "Behinderung". Weil, . Ich bin froh, "behindert" zu sein. Finde ich gut, Frau und "behindert" zu sein. Und Lesbe und "behindert" zu sein, ist noch besser. Das ist total anders!

Gehörlose Lesben. Und Gebärdensprache. Also unsere Frauen-Lesben-Gruppe. (Da) Sind viele Lesben drinne. Und da ist auch die Gebärdensprache 'n bißchen anders. So gemischt mit Frauen und Lesben.

  1. Das sind drei verschiedene Sachen. Also, wenn da steht, "Hilfe", betont, denke ich zuerst an "Nichtbehinderte", die helfen beziehungweise fremdbestimmte Hilfe von außen.Und dann würde ich sagen: Hilfe? Hilfe!!!

(Was bedeutet das? Hilfe vor der Hilfe? Also Hilfe gegen fremdbestimmte Hilfe?) Ich meine, "Hilfe!" bedeutet, daß mensch sich wehren kann vor den "Nichtbehinderten". "Hilfe!!"

Die Hilfe, die ich kriege, ist nicht das, was ich brauche.

Ich denke auch, das Problem ist bei Frauen größer. Auch, weil es zum Beispiel schwieriger ist, weibliche Assistenz zu kriegen. Und auch zum Beispiel bei weiblicher, "nichtbehinderter" Assistenz. Oder zum Beispiel auch, ich denke, es gibt noch nicht so viel lesbische Assistentinnen. Und ich denke, für Lesben ist es wichtig, eine lesbische Assistentin zu kriegen. Ich denke, da sind zwei verschiedene Probleme da. Erstens die Hilfe, die mir in der Gesellschaft "Nichtbehinderte" anbieten oder aufdrängen und das andere Problem, die Hilfe, die ich brauche und durch Assistenz kriegen sollte. Und daß es dann erstmal schwierig ist, durch den gesellschaftlichen Druck. Ich kriege dauernd Hilfe angeboten und es ist schwierig durch den Druck, (dann erstmal) herauszufinden, was ich wirklich brauche.

Auch zum Beispiel, wenn ich Hilfe angeboten kriege, gesellschaftlich, und ich sie nicht annehme. Das geht mir oft so. Dann werde ich oft abgewertet. Von wegen 'Du kannst froh sein, daß ich dir Hilfe anbiete!'. Dann entsteht so ein Gefühl für mich als "Behinderte", entweder ich nehme die Hilfe an, auch wenn ich sie gar nicht brauche, und dann passe ich in das Bild und bin nett. Oder ich lehne sie ab und dann stimmt irgendwas nicht. Und dann ist irgendwie wichtig, daß man das innerlich trennen kann. Es ist schwierig, das dann trennen zu lernen, daß das Problem nicht bei dir selber liegt. Sondern bei der "nichtbehinderten" Person und dem gesellschaftlichen Bild.

Also ich war früher mal "nichtbehindert" und ich mußte erstmal lernen, Hilfe anzunehmen. Durch Assistenz. Und ich hab am Anfang auch Assistenzstunden gekriegt. Und für mich war es total fremd, die Frau kommt zu mir und hilft mir. Und ich geb ihr Geld dafür und ich muß ihr nicht dankbar dafür sein. Sondern es ist ein Arbeitsverhältnis zwischen uns. Und ich hab echt sehr lange gebraucht. Und auch, daß es so'n Widerspruch ist, den ich durch die Assistenz erlebe. Ich soll mein Leben selbstbestimmt führen können durch die Assistenz. Für Hilfe nicht dankbar, dankbar, dankbar sein, sondern ich krieg' diese Hilfe von der Assistenz, was ein Arbeitsverhältnis ist. Ich komme raus auf die Straße und alles ist anders. Da ist es wieder so: Hilfe kriegst du nur, wenn Du Dankbarkeit gibst. Und du kriegst nur, wenn du was gibst. Und dich in das Bild von "Nichtbehinderten" einfügst.

Ich find's schwierig so, weil zwei verschiedene Hilfesachen da sind. Schwierig, da rauszufinden, was ich wirklich brauche, weil von Anfang an so'n Hilfebild gezeigt wird. Von dem du erstmal wegkommen mußt und in dich innen reinschauen mußt, 'was brauch ich selbst'.

Und ich denk', es ist ein ständiger Kampf. Zum Beispiel auch das Problem für Frauen mit "Behinderung" ist dann, daß oft total öffentlich Männer, zum Bei-spiel bei der Bahn oder auch sonstwo, auch im Krankenhaus oder so, also nicht nur Schwestern, auch Ärzte oder sonstwie (.....) Für mich zum Beispiel, ich brauche Hilfe, ich hab keine andere Möglichkeit auch, als einen Mann halt ranzulassen. Außer ich revoltiere. Und dann werde ich öffentlich bestraft, daß ich nicht richtig bin. (?Dadurch) Wie Ärzte sich verhalten, so meine ich. Oder ungefähr wie 'Die hat keinen abgekriegt.' oder so. Oder ich denke, jeder Mann will was von mir. Wenn ich ablehne, zum Beispiel da am Bahnhof, dann sage: "Ich will nicht. Eine Frau soll kommen.". Manche Männer tun dann so, 'Klar, sie denkt, jeder will was von ihr, weil sie total ausgetrocknet sein muß als Frau, so wie die aussieht und im Rollstuhl sitzt.'. Ich glaube, viele Frauen lassen sich dann auch anfassen, auch wenn sie es nicht eigentlich wollen. Nur wegen diesem Bild, damit nicht suggeriert wird, sie seien prüde oder sowas. Das ist ein doppeltes Problem dann für Frauen.

  1. Ich finde schonmal bescheuert, total bescheuert, gefährlich, schlimm, über einen Lebenswert zu reden. Ja schon allein das Wort. ([Atmet scharf ein.]) Oh, gefährlich. So, wie die Diskussion jetzt geführt wird von "Nichtbehinderten".

Ich denk, schon die Medizin an sich ist männerbestimmt erstens. Und auch zweitens so ein Bild davon zu Gesundheit, daß Gesundheit ganz oben steht. Gesundheit wird männlich definiert. Und es gibt ein bestimmtes Bild von Gesundheit. Und dazu zählt, alle Arme müssen da sein, alle Arme, alle Beine, hörend, sprechend, sehend, riechend, muß alles da sein. Ich finde, es fängt nicht nur an bei "Behinderung", sondern auch zum Beispiel bei Frauen. Frauen, die aus dem Rahmen fallen, sind auch davon betroffen. Zum Beispiel von Diäten, Schönheitsoperationen und so weiter.

Und daß das, was definiert wird, an sich schon ein Widerspruch ist. Einerseits versucht die Medizin, Leuten, die krank sind und so weiter, zu helfen. Und das bedeutet, daß diese "Kranken" länger leben. Und es ist auch die Medizin, die "Behinderung" selber produziert. Wird immer so sein, daß... . Es funktioniert nicht, dieses Denken. Ich hab so das Gefühl, Medizin versucht, ihre eigene Widersprüchlichkeit dadurch abzulenken, indem sie dann alles so darstellt, 'wie, "behindert", oder so - nicht mehr leben ist besser'. Wenn du schon sehen kannst, dein Kind wird krank, besser es wird gar nicht geboren. Das stellt sich so dar, als ob, das Problem ist die Krankheit und nicht die Medizin.

  1. Schwierig zu sagen. Ich frag die Leute nicht: "Findest Du mich asexuell?". Aber ich denke, es ist verschieden. Ich denke, grundsätzlich unter "Nichtbehinderten", wenn ich durch die Gegend rolle, die meisten denken: "Die ist allein, einsam, wird 'ne alte Jungfer.". Und das von Männern und auch von Frauen. Und dann ... Zum Beispiel auf Lesungen und so bin ich Lesbe. Unhinterfragt. Ich bin viel mit Lesben und Frauen zusammen und da denken viele, auch ich bin Lesbe. Aber so, ich meine, gesellschaftlich denke ich schon, daß eine Frau im Rollstuhl sofort: "Ah, klar, die Frau hat keine Sexualität." Ja. Und zum Beispiel auch, wenn ich mit meinem Freund durch die Gegend fahre, die Leute denken immer, es ist mein Betreuer. Und wenn wir uns dann küssen: "Hhhh!" ([erschreckter Laut]) Oh, Schock! Bei Dir ja auch. Alle denken dann, Deine Liebste ist Deine Schwester. Wie auf dem Bild. (Vgl. Ruhm, 1998, S. 12. Anm.: B.-U. R.) (I: Außer, wenn meine Liebste auch "behindert" ist. N: Ja.)

Nachsatz: Mehr "behinderte" Frauen zu Wort und zu Bild und zu Roll und so weiter zu Wort kommen lassen!! Also jetzt nicht im Interview, klar, sondern so allgemein!

Extraktion Rolli:

  1. Krüppel; Stock; Rollstuhl; Blindenstock; Hörgerät; Stufen; Stufen; St...; viele Stufen. Bordsteine; Autos, die davor parken, wenn abgesenkt ist. Nicht "behinderten"-gerechte Toiletten. Restaurants, aus denen frau rausfliegt.

  2. Da habe ich jetzt Schwierigkeiten. Auf Frau oder "Behinderung" hin? Bei Frauen würden mir Diskriminierungen einfallen, aber das sind allgemein Frauensachen, bei "Behinderte" fallen mir die "Behinderten"-Diskriminierungen ein, aber das sind "Behinderten"-Sachen und "Frau mit ""Behinderung"" fallen mir nix direkt dazu ein, sondern nur für beide das. Ausgeschlossen sein aus der Frauen-Szene, nicht wahrgenommen werden als Geschlecht, sondern als, als "behinderter" Mensch. Nicht-Akzeptanz von den "Nichtbehinderten", daß man als Frau bestimmte Intimbereiche hat oder bestimmte Vorstellungen vom Leben hat, die man auch leben will, obwohl frau "behindert" ist. Assistenz. Da fällt mir ganz konkret ein also bei Modul, also es gibt ein Rasur-Pflege-Modul, aber kein Modul für die Menstruations-Pflege. Geschlechtsspezifische Pflege natürlich.

Ad hoc fällt mir jetzt sofort, also, wenn ich 'ne halbe Stunde Zeit hätte, könnte ich ein Blatt voll schreiben oder zwei aber so schnell (.....)

  1. Da wird's schwierig! Vielleicht noch weniger Akzeptanz. Noch größere Schwierigkeiten, so zu leben, wie frau leben will, in wel, die Wohnzusammen-hänge. Belächelt werden. So milde, wenn frau eine andere, vielleicht auch noch Krüppel-Frau vielleicht sogar, als Freundin hat, 'naja, die kriegt niemand anders'. Lieb!

  2. Meinst Du Assistenz oder Hilfe? Das ist für mich ein Unterschied. Hilfe. Hilfe, hilflos. Frau ist sowieso hilflos, "behinderte" Frau ist extrem hilflos und man hilft dann halt. So, das männliche, auch elterliche, dieses Helfen-Wollen. Unangenehmes Gefühl hervorrufen. Bei Kindern wird das akzeptiert, daß sie unangenehm berührt sind, wenn du als "behinderte" Frau unangenehm berührt bist, dann wird das etwas geschockt aufgenommen: "Wir wollten doch nur helfen!". (I: Unangenehm berührt, wenn jemand hilft? D: Ja. I: Angeblich (hilft). D: Ja.)

Es gibt Situationen, wo Hilfe notwendig ist, (wo aber dann,) da würd ich dann drauf bestehen, daß endlich mal klar wird, daß unsereins seinen Kram kann, einen Mund hat und auch sagen kann, wo geholfen wird und wann. Also, was ich auch ganz wichtig fände oder toll fände, wenn gesehen wird, daß jemand Hilfe braucht, daß man einfach abwartet. Nicht also entweder gleich hilft oder einfach vorbeigeht. Sondern daß man halt zur Verfügung steht, um angesprochen werden zu können Das ist der weiteste Schritt und vorher ist noch der Schritt, daß die Leute unbedingt fragen sollen, bevor sie was machen. Aber wenn dann sie soweit sind, daß sie nur zur Verfügung stehen, dann brauchen wir auch das nicht mehr.

  1. Ich kann eigentlich das nicht mehr hören, daß gesagt wird: "Ich will ja auch leben" oder so "Ich hab ja auch ein Recht zu leben.". Es ist für mich außerhalb jeder Diskussion. Und jeder Mensch, egal wie er aussieht, hat das Recht, so zu leben, wie er will.

Die Diskussion darüber ufert unheimlich leicht so aus oder driftet ab in eine Diskussion, wo halt gesagt wird: "Das Leben als "behinderter" Mensch ist schön." Also wenn uns irgendwelche Behinderungen in den Weg gelegt wer-den, dann ist es natürlich nicht nur lästig, sondern unschön. Wenn ich zum Beispiel nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, weil die öffentlichen Nahverkehrsmittel nicht zugänglich sind oder die Kneipen nicht "Behinderten"-gerechte Klos haben oder "Behinderten"-, nicht zugänglich, bla blub, blub. Ich finde eigentlich, daß man über Lebensrecht oder "Lebenswert" gar nicht diskutieren darf eigentlich. Also da bin ich stringent dagegen. Und für mich ist die ganze Diskussion, wir lassen's uns da was aufzwingen, hab ich den Eindruck.

  1. Hauptsächlich als Neutrum.

Da ich aber, wenn ich mit meinem Sohn unterwegs bin, erkennbar kein Neutrum bin, als heterosexuelle, aber sie wissen das nicht genau.

Und weil ich eigentlich Frauen ganz lieb finde, also auch als lesbische Frau. Ich bin dagegen, da irgendwelche Trennungen zu machen, ich möchte als Frau gesehen werden.

Extraktion Pferd:

  1. Mensch; bekloppt; verrückt; seltsam; Nicht für voll genommen; Besondere Gruppe; Etwas Besonderes (positiv) (I: Meinst Du das positiv oder negativ, +"etwas besonderes"? P: Positiv.); Kein Bild dazu; Empfinden sich als unnormal; wollen behütet werde.

  2. Kein sexuelles Wesen; Benachteiligung; daß ich nicht als Frau wahrgenommen werden. Daß ich mit Männern, mit "behinderten" Männern gleichgesetzt werde. Oft so 'n Objektstatus. Generell so. Der Wunsch, sich als Frau darzustellen, aber gleichzeitig das ablehnen, weil ich keinen Bock habe, so einem Bild zu entsprechen, als Widerspruch zu was anderem, was so als Fremdbild existiert. Daß ich den Wunsch habe, mich als Frau zu kleiden oder zu geben oder das, was als fraulich gesellschaftlich angesehen wird. Und daß ich dann aber gleichzeitig merke, da habe ich Lust zu, um da endlich als Frau mal so gesehen zu werden, aber gleichzeitig absolut eine Abneigung dagegen, das so zu machen, weil ich so denke, boar, ich hab' keinen Bock, nur weil die andern, die "Nichtbehinderten" es herausfordern, daß man so sich praktisch inszenieren muß, um vielleicht doch mal wahrgenommen zu werden, aber auch nur vielleicht, daß ich schon sage, ne, ich hab gar keinen Bock, mich, was für mich auch schon Herrschaft wäre, deren Bild zu beugen und dem nachzukommen. Keine Lust drauf habe. Und daß ich finde, daß man als Frau mit "Behinderung", wenn man sich als solche gibt, auch nochmal leichter verletzbar macht und auch noch schwächer wirkt nach außen. Unter dem Stichwort doppelte Diskriminierung. Nicht nur "behindert", sondern auch noch Frau oder umgekehrt, je nachdem. Oder Frau und "behindert". Als Frau mit "Behinderung" (wird) Dir erst recht abgesprochen, Partner oder Partnerin zu haben. Und wenn man's dann hat, daß das auch ganz schnell ist so, 'Hach, jetzt muß ich mich aber ganz glücklich schätzen, daß ich die- oder denjenigen habe und da muß ich auch eine ganz bestimmt Rolle einnehmen und da muß ich jetzt dran festhalten, weil jetzt hab ich einmal in meinem Leben Glück gehabt, jemand abgekriegt zu haben und ich schaff' das bestimmt kein zweites Mal.'. Das ist bei Frauen auch immer was anderes als bei Männern. Wo vielleicht/ oftmals auch schon die Eltern dafür sorgen, daß der "behinderte" Mann zumindestens in der Sonderbeschulung, wo er drin ist, oder im Sonderausbildungssystem dann auch die "behinderte" Frau fürs Leben mit abkriegt. Wird auch nochmal von den Eltern ganz anders für gesorgt so. Das ist schon selbstverständlicher. 'Ne "behinderte" Frau verschwindet eher hinter Heim und Herd. Noch eher.

...solche Sachen, wo ich so weiß, das gibt es als Bilder und da hab' ich zumindest Anteile von, daß sie mir als Bilder vertraut sind, weil sie mir permanent vorgegaukelt werden und mich es immer total viel Energie kostet, mich dagegen zu wenden. Weil ich das nicht will. Weil ich das als Selbstbild von mir nicht habe oder auch nicht haben möchte. . Daß ich aber trotzdem merke, es ist oftmals ganz schwer, sich dagegen zu wehren oder ich empfinde es ganz oft so, daß man sich dagegen wehren muß, gegen so'n Fremdbild. Und daß aber dieses Fremdbild ganz schnell zumindest ansatzweise zum Selbstbild wird, weil es einem so übergestülpt wird. Und man nicht immer die Kraft hat, das dann mindestens vom Kopf her sortiert zu kriegen.

  1. "dreifache Diskriminierung", hat 'ne Freundin mal gesagt,: Lesbisch, "behindert", Frau sein oder anders: Frau sein, lesbisch, "behindert", so, die Reihenfolge. Und das ich das gar nicht so finde. Das ich das gar nicht so finde. Daß mich das eher aufregt immer, so mehr als Schutzvorwand diese Diskriminierungsgeschichte, die es ja gibt, die ich nicht wegdiskutieren will, immer hochzuhalten. Gerade auch unter diesem Stichwort Lesben mit "Behinderung". Weil dieses Lesbisch-Sein bei den "nichtbehinderten" Lesben ganz oft so 'Ach, wir sind so anders und wir werden so diskriminiert und sind 'ne Minderheit und huch und so, wir müssen uns irgendwie ein bißchen versteckt halten', das wird ganz oft so hochgehalten. Als was besonderes, als 'ne kleine Subkultur, die sich nach außen hin wehren muß, weil die feindliche, zumeist männliche Übermacht und heterosexuelle Übermacht denen sonst an den Kragen geht und das durch das "Behindert"-Sein sich gegenseitig hochschaukelt. Vom Selbstbild her oder von der Eigeneinschätzung her ist es oft so, wo ich dann sage, eigentlich müßten es ihnen in der lesbischen Szene vertraut sein, weil die ja auch immer einen auf Minderheit und diskriminiert machen und daß es, sag ich mal, da auch vielleicht nicht so Aversionen gibt. Aber daß das Quatsch ist. Also daß das Quatsch ist, daß sowohl ich als "behinderte" Lesbe denke, was für ein Scheiß, an was ziehen die sich da hoch, es geht doch hier gar nicht um die Diskriminierung, das ist teilweise auch nur, um sich darüber 'ne Identität zu holen, 'ne, durch die Abgrenzung und und und immer wieder hoch gehaltene Ausgrenzung. Nicht nur da, wo sie tatsächlich stattfindet, sondern generell, daß da nicht mehr differenziert wird, und umgekehrt auch. Daß das einmal von den "nichtbehinderten" Lesben ausgeht, von "behinderten" Lesben auch. Identitätsstiftend quasi, 'ne Abgrenzung und Ausgrenzung, um sich selber darüber definieren zu können. Und selber, was so'ne Gruppe angeht oder was als Gruppe begriffen wird von außen, 'ne Position da einnehmen zu können innerhalb der Gruppe. Klar, es ist wichtig, sich da selber verorten zu können und es ist auch wichtig, Diskriminierungen zu benennen und zu sagen, 'ne, so und so geht das nicht', aber da, wo sie tatsächlich stattfinden. Also an den eigentlichen Knackpunkten und nicht diese Scheingefechte. Sich dieses gegenseitig vorhalten, 'Ne, da werden wir diskriminiert und hier und wir sind ja alle was besonderes und gerade dieses Lesbisch-Sein und wir stehen uns alle so gut und wir sind alle hyper-, hyper-tolerant und hyper-politisch-korrekt und was weiß ich nicht alles und da wird so viel zugedeckt. (I: Bezieht sich das auf Lesben ohne oder mit "Behinderung" oder beides?) Beide. Ganz viel wird in Kategorien gedacht, verstärkt durch diese Mechanismen, die gerade in subkulturellen Szenen stattfinden. Ganz schnell wird alles unter diese Diskriminierung gepackt und gar nicht mehr geguckt wird, was läuft denn da tatsächlich. Bei beiden.

Daß es ganz wenige leider nur gibt. Ich selber erleb' mich da mehr als Einzelgängerin. Nicht, daß ich nicht andere kennen würde. Aber als Einzelgängerin, wenn ich mir überlege, ich gehe hier irgendwo hin und da bin ich oft die Einzige oder eine von zweien. Unter 100 oder 150 anderen. Und das finde ich manchmal schon deprimierend.

Ansonsten oftmals, daß mir Sachen nicht zugänglich sind. Aber gut, das hab ich woanders auch. Aber ich hätte einen Anspruch, wenigstens da, weil "nichtbehinderte" Lesben oft mit einem andern politischen Anspruch daher-kommen, daß es da klappen könnte. Zum Beispiel mit Infos besser auch an blinde Frauen vermitteln oder so. Oder Fahrklamotten, wo ich nicht hinkomme, weil abends kein Bus und kein Nichts-Mehr fährt und ich mich dann ent-scheiden muß, wenn es 3-4 Veranstaltungen gibt in der Woche, ich kann aber nur zu 2 hin, weil ich sonst das Taxi nicht bezahlen kann, und sich keine von den Frauen, die alle einzeln in ihrem Auto hocken, bereit erklären, mich mal mitzunehmen oder das abzusprechen. Zum Beispiel.

Interessant; vielfältig

Daß man jedesmal, wenn man sich in die "Öffentlichkeit" begibt, total viel aus sich rauskommen muß und total viel wagen muß. Es ist irgendwie was so von sich immer neu gebären. Wenn man sich wirklich drauf einlassen will. Ja, daß man sich als Lesbe mit "Behinderung" ständig total produzieren muß. Dadurch, daß dieses asexuelle Bild herrscht, zum großen Teil, oder man noch weniger, als wenn man als "Nichtbehinderte" in unbekannte Räume oder Gruppen geht. Also total fremd fühlt, daß man, also wenn du Leute kennenlernen willst oder auch weitergehend Partnerschaft oder beziehungsmäßig, daß du total dich öffnen mußt und von dir preisgeben mußt. Das ist immer wieder einen Entscheidung, jedesmal aufs Neue. Weil ich nicht den Eindruck habe, daß es durch das oft hingehen oder durch 3-4 Jahre lange Zugehörigkeit sich was ändert. Es ist jedesmal wieder so, es ist jedesmal wieder Fremd-Sein ganz am Anfang. Obwohl sie dich ja scheinbar schon kennen oder vom Gesicht her schon kennen. Es ist immer wieder jedesmal die Entscheidung von, so ähnlich wie das Coming-Out, ist immer wieder, ist ein permanentes Coming-Out, selbst wenn du selber schon längst draußen bist, mußt du dich aber trotzdem immer wieder outen. Entweder, weil sie zwar sehen, daß ich "behindert" bin, aber denken, was weiß ich, die hat, sag ich jetzt mal flapsig, 'die hat Freigang bekommen und guckt jetzt mal', aber nicht davon ausgehen, daß ich lesbisch bin, beziehungsweise, wenn sie es wissen oder endlich mal gerafft haben, durch was auch immer, dann weil ich von der Norm abweiche. Weil das ist zu fremd. (I: Oder auch, weil sie nichts mit Dir zu tun haben wollen?) Teilweise auch. Weil man müßte ja irgendwas tun oder es würde von den "Nichtbehinderten" irgendwas gefordert werden können, was sie dann nicht leisten können oder wollen. Also so 'ne Angst vor Überforderung oder nicht wissen, wie umgehen. Und daß das ganz schnell, wenn es permanent passiert, selber so 'n Ding bei mir im Kopf auslöst, daß ich mich auch immer weniger traue, also immer weniger traue, jedesmal neu aus mir herauszukommen und es zu versuchen. Weil ich das Ganze ziemlich krampfig finde.

Gut, daß es sie gibt!

Schön

  1. Hilfe!!! Ja genau! Da schrei ich um Hilfe!! Holt die Feuerwehr! Sperrt sie ein! Also nicht die "behinderten" Frauen, die "Nichtbehinderten"! Weil ich so grad so 'ne bildliche Assoziation hab': Ich versuche nur mit meinem Stock die Treppen abzutasten, hochzugehen. Und schon springen sie von allen Seiten auf mich zu und reissen mir den Stock, nehmen den Stock in die Hand, in die Luft, damit ich natürlich nichts mehr merken kann und zerren mich links und rechts und zupfen mich am Ärmel. Und da schreit eine hinten noch: "Hiieer lang!", das "Hier" ist natürlich unheimlich deutlich für Blinde, und die andere schreit: "Nein, dort!". Und: "Daa unten.". Sowas hatte ich grad im Kopf. "Hilfe!!" Und da kommt mir nur eins: Flüchten!

Oder, das gilt vor allen Dingen für blinde Frauen oder blinde Lesben. Ganz extrem. Daß sie völlig ignoriert werden. Daß ich überhaupt nicht mitkriege, was da abläuft beziehungsweise umgekehrt auch nicht. Also daß überhaupt keine Kommunikation stattfindet. Es ist von beiden Seiten. Ich hab'/ erleb' keine Möglichkeit gegen diese Wand oder diese Ignoranz angehen zu können. Weil das zuviel Kraft kostet. Und andererseits ich noch nichtmals diese perverse Helfersyndrom-Hilfe kriege, was man so denken könnte. Da läuft oft gar nichts. Ich möchte nicht so'ne Hilfe haben nach dem Motto, 'Och, du armes, mitleidiges, blindes Etwas, was können wir dir Gutes tun'. Oder dieses Ding, 'Ja, wir müssen da ja was tun, die, die kommt ja nicht alleine zurecht.', auch, wenn ich alleine zurecht komme. Sondern daß darüber hinaus überhaupt keine Kommunikation stattfindet, weil die Erstkommunikation immer über Blicke läuft, ganz häufig. Und gerade in Lesbenkreisen finde ich das sogar noch verstärkt. Oder ganz viel über bestimmte Gestik, Mimik, bestimmte Körperhaltung, bestimmte non-verbale, alles, was in so einen non-verbalen Bereich fällt. Das sind Sachen, die kriege ich einfach nicht mit, wo ich so denke, manchmal wär' ich schon direkt froh um diese Helfersyndrom-Hilfe nach dem Motto 'Wir wollen dir was Gutes tun, wir wissen, was gut für dich ist', nur um überhaupt einen Ansatzpunkt zu haben, mit jemand ins Gespräch zu kommen, was für mich halt die normale Art der Kommunikation ist oder mit die einzige Art. Ersteinmal. Und daß das noch nichtmals läuft. Aus Angst vor lauter, teilweise aus so 'ner Körperfeindlichkeit heraus, gerade bei "nichtbehinderten" Lesben. Ich finde Lesben total körperfeindlich. Von der Tendenz her, die meisten. Absolut körperfeindlich. Noch körperfeindlicher als ohnehin schon die meisten Menschen sind. Da fühle ich mich selber ganz, ganz schlecht, wenn ich so denke, du wärst schon froh, wenn eine dir diese komische Hilfe zuteil werden läßt, obwohl ich die gar nicht haben will, sowohl ich selber kann, nur um überhaupt in Kontakt zu kommen. Ich hab's teilweise schon mal gemacht, nur um da nicht alleine rumzustehen und überhaupt mal in Kontakt zu kommen, habe ich dann jemanden gefragt: "Wo ist die Toilette?", obwohl ich alleine zur Toilette gehen kann. Also weiß, wo der Weg lang geht. Zum Beispiel. Oder paar andere Sachen. Aber das ist nicht, weil ich das nicht kann, sondern weil ich mich dann irgendwie total selber ziemlich klein fühle und ziemlich mies fühle und denke, 'So 'n Scheiß.'. Daß ich da diesen Spielregeln, diesen komischen, die da herrschen, nicht so nachkommen kann. Wo ich mich immer frage, an sich will ich das gar nicht so, aber andererseits will ich schon an ein paar Sachen teilnehmen. Und dann halt auf so 'ne Hilfe angewiesen zu sein, die ich an sich überhaupt nicht brauche und die dann sowieso unter blöden Vorzeichen steht. Nee. Und ansonsten. Hilfe, wo sie wirklich mal notwendig wäre, also Unterstützung für mich im positiven Sinn, was eine Unterstützung ist, die wiederum meiner Selbstbestimmung hilft, also meiner Selbstbestimmung, das wär' das, was mein Bedürfnis ist und das, was ich an Unterstützung haben will, genau das Maß und genau die Art, die passiert nicht. Auch, wenn ich sie ganz konkret verbal einfordere. Die passiert nicht. Oder in den seltensten Fällen. Weil das immer was ist von: Wenn ich Hilfe einfordere, dann kann das nicht sein, weil da steckt immer dieses Bild dahinter: 'Ah, wir wissen aber an sich, was besser ist und außerdem ist das ja, was du bestimmst über uns und das geht ja nicht.'.

Wenn man mal auf das Thema kommt, "behinderte" Frauen, "behinderte" Lesben und "nichtbehinderte" Lesben, das ist ganz häufig so, daß das ein heißes Eisen ist und daß man dann sich schon drüber unterhält, so Sachen wie: 'Ja, das ist ja auch schwer, dann da hin zu kommen' oder 'Es ist schwer an, für blinde Frauen, an Informationen 'ran zu kommen' und so. Daß das alles, was auf so 'ner rationalen Ebene läuft, noch gut ist, aber wenn es dann Richtung Partnerschaft geht oder Beziehungswunsch oder so, daß das ganz häufig so ist, wo das ganz klar ist, 'Ja klar, 'ne, habt ihr das auch, so, 'ne, die gleichen Bedürfnisse...'. Und dann wird nicht weitergesprochen, wo du den Satz aber beenden kannst: 'Ja, aber es ist ja auch ganz schwierig, weil die andere ja so 'ne große Verantwortung hat dann als "nichtbehinderte" Frau.'. Das wird selten gesagt, aber immer gedacht. Wirklich, so steht's im Raum. Oder wird so durch andere, indirekt Sachen gesagt. (I: Das heißt, daß durch die Assoziation von Lesben mit "Behinderung" und Hilfe werden Beziehungen unterbunden?) Ja. Hilfe wird ganz konkret immer, ziemlich häufig gleich in der Kategorie "Pflegerin, Assistentin" gesehen. Also dauerhaft dann auch oder gleich so 'Ja, wenn ich jetzt helfe, dann muß ich auch gleich sehen, daß ich mich davon abgrenze. Oder wenn ich mich jetzt für 'ne "behinderte" Frau oder Lesbe interessiere, dann muß ich mir auch ganz klar sein, daß ich dann 'ne Pflegerin oder Assistentin bin. Also nicht vorrangig die Geliebte oder ausschließlich die Geliebte, sondern vorrangig Pflegerin, Assistentin und dann als Nebenpunkt noch die Geliebte. Oder daß ich das als "behinderte" Lesbe auch ganz häufig im Kopf habe, weil ich das so mitkriege. Daß das häufig so empfunden wird, ich glaube, daß das nicht von "nichtbehinderten" Frauen auch so gesagt wird. Die streiten das ab oder meinen das auch wirklich. Aber im Alltagsleben kommen so viele Geschichten vor, daß ich denke, sie empfinden sich aber so. Ohne es vielleicht äußern zu können oder zu wollen. Und daß ich das auch selber dann so im Kopf habe. Sie empfinden sich als Pflegerin und Assistentin, selbst, wenn sie es bewußt nicht so auf dem Schirm haben. (I: In ganz normalen Kontakten? Oder in Beziehungen?) Sowohl als auch. Und daß ich sowas auch schon mitdenke und dann oft denke, da, wo ich vielleicht Unterstützung brauche, auch grad in der Beziehung, (.....) Ganz einfaches Beispiel: Klar ist es schöner, sich von einer Geliebten einen Zeitungsartikel vorlesen zu lassen. Das kann ja auch ganz nett sein. Das machen "Nichtbehinderte" untereinander auch, die lesen sich auch was vor. Und ich krieg gleich dieses Ding in den Kopf von 'Uah, das ist Hilfe und die denkt dann wieder, sie wär meine Assistentin.'. Das geht gar nicht um das schön miteinander im Bett liegen oder was essen und sich dann was zu erzählen und vorzulesen, sondern ist gleich auf diese Assistenzschiene. Daß das selber schon ein Ding ist, was ich dann im Kopf hab'. Was ich weiß, daß das so nicht ist, aber was total so ein Bild ist, wo ich finde, das wird von außen auf mich draufprojeziert. Und ich / (koppel/prokel) das zurück. Wo ich das total schwierig finde, dann, grade je enger ein Kontakt wird, am engsten halt in einer Beziehung, daß für mich auseinander zu halten. Oder wo ich es einfach lächerlich finde, weil ich grundsätzlich Assistenz und Beziehung auseinander halten will. Aber wenn ich abends einen Film sehen will und meine Freundin hat eine Fernsehzeitschrift, daß ich dann sage: "Kannst Du mir mal gerade sagen, was heute um 20.15h in der ARD kommt", daß sie nicht die 2 ½ Sekunden aufwendet und mir das sagt und ich dann so ein Ding im Kopf kriege, 'Uah, eigentlich, wenn ich das jetzt selber könnte, würde ich es selber machen und würde sie nicht fragen, hinterher denkt sie wieder, ich will sie nur benutzen', und dann auf die Idee komme, meine Vorlesekraft anzurufen und zu sagen: "Liest Du mir das vor? Und wenn Du nächstens kommst, gebe ich Dir 5 Mark.". Solche Dinge halt.

  1. Also ich finde diese "Lebenswert"-Diskussion hat es immer gegeben, die ist nie abgebrochen worden, die hat ihre Spitze im Faschismus gefunden. Seit dem Faschismus war sie noch mit der gleichen Stärke da. Man hat zwar offiziell die Gaskammern und das alles nicht mehr so, aber das, was an gesellschaftlichem Bewußtsein dazu besteht, das hat auch nach dem Krieg weiterbestanden und besteht auch heute noch. Das hat eine historische Kontinuität. Das ist ziemlich verlogen zu denken, es ist erst in letzter Zeit wieder, mit der Gentechnologie vielleicht verstärkt aufgetaucht oder jetzt mit dem ganzen sozialen Unfrieden oder mit dem Ansteigen des Rechtsradikalismus, es ist nur noch verlogen. Finde ich eine der verlogensten Debatten, die in den letzten Jahren entstanden sind oder passieren. Weil ich finde, in den Extremen hat es sich zumindestens, was die Einstellung und die Vorstellungen, nie relativiert oder es ist nicht weniger geworden nach dem Zusammenbruch des Faschismus. Sondern es ist so geblieben. Es ist bloß unterschwelliger. Es ist hübsch unter den Teppich gekehrt worden und man hat es eher in kleineren Zirkeln und in irgendwelchen wissenschaftlichen Diskursen und mit netteren Wörtern, aber ansonsten ist da nicht viel passiert. Man hat sich sozusagen das moralische Korsett angelegt hat, 'ja, wir dürfen sie ja leider nicht mehr umbringen', aber Betonung auf "leider", 'weil das geht ja so nicht,' und dann hat man sich Legitimationen gesucht, warum man jetzt plötzlich so zivil geworden ist und warum es alles so klasse ist. Aber so, wie mit "behinderten" Menschen umgegangen wird oder das, was allein an Recht existiert, auch gegen sie, oder das, was an gesellschaftlichen Strukturen passiert, das ist, finde ich, jeden Tag ein kleines Stück sozialer Mord. Unter dem Stichwort "soziale Euthanasie" hat das Morden nie aufgehört. Daß das mit diesen ganzen Veränderungen in den letzten Jahren noch mal extremer wird wieder, das ist klar, aber es ist nicht vom Himmel gefallen oder plötzlich so schlimm. Der einzige Unterschied ist, daß sich jetzt getraut wird, das wieder öffentlich zu sagen, was man denkt oder was man fühlt. Daß es wieder gesellschaftsfähig geworden ist, "behinderten"-feindlich offen zu sein. So zum Beispiel. (I: Kannst Du nochmal genauer beschreiben, was Du mit sozialer Mord meinst?) Daß du als "behinderter" Mensch nicht die Möglichkeiten hast, dich gleich "Nichtbehinderten" zu entfalten. "Nichtbehinderte" Menschen haben ja auch schon viele gesellschaftliche Beschränkungen, soziale Beschränkungen. Grad, wenn es sozial schwache Familienstrukturen sind, das ist gar nicht die Frage. Aber du hast trotzdem als "behinderter" Mensch, entweder du paßt da irgendwie rein in diese vorgege-benen Programme, wenn du Glück hast, ansonsten fällst du völlig raus und du hast einfach nicht die gleichen Zugriffsmöglichkeiten, du hast noch weniger als der schlecht-bezahlteste Sozialhilfeempfänger, die ja schon verdammt wenig haben. Und du hast einfach nicht die gleichen Rechte. Und obwohl sie immer von Integration reden, ist es keine Integration, sondern eine Isolierung. Du hast dann vielleicht nicht mehr diese klassische Ghettobildung, aber du hast eine Isolierung in der Integration. Allein schon dadurch, weil es gar nicht um dich geht und um deine Bedürfnisse, sondern nur darum nach dem Motto: 'Wir wissen, was gut ist und wir integrieren dich mal eben.'. "Nichtbehinderte" integrieren "Behinderte". Das ist für mich keine Integration, die würde nur dann sein, wenn "behinderte" Menschen selber durch Strukturen in die Lage versetzt werden, sich selber da einzubringen, wo sie sich einbringen wollen. Und das finde ich einen absoluten sozialen Mord. Das alles, was in den letzten Jahren passiert ist mit der Pflegeversicherung mit teilweise Rückwärtsentwicklung, was selbstständige Wohnformen und so angeht, so eine Tendenz 'satt und sauber' bestenfalls. Und daß alles, was unter sozialem gesellschaftlichem Leben stattfindet, oftmals gar nicht mehr möglich ist. Daß ist für mich sozialer Mord. Oder auch, daß "behinderte" Menschen nicht in der Werbung vorkommen. Sie kommen einfach im Alltag nicht vor. Gut, man, man sagt auch nicht explizit, daß der Sozialhilfeempfänger oder der Obdachlose so im Alltag vorkommt. Aber sie sind zumindestens in der Form mitgemeint, daß sie nicht äußerlich erkennbar zunächst einmal. So unbedingt äußerlich erkennbar, 'ne. Es ist nochmal bei "behinderten" Menschen eine besondere Stigmatisierung, die da stattfindet. Was am ehesten noch vergleichbar mit ausländischen Personen. Ausländischen Menschen, die in einem Land leben, wo sie nicht hergekommen sind oder nicht geboren sind. Und wo das äußerlich erkennbar ist durch eine andere Hautfarbe oder so. Das ist nochmal am ehesten mit vergleichbar, was solche Sachen angeht.

Was mich auch immer aufgeregt hat, org, kann ich mich stundenlang drüber aufregen, ist dieses, fällt mir so ein Spruch ein, der vor ein paar Jahren mal hier in der Zeitung stand, wo so eine Frau interviewt worden ist. Da gab's hier ein "Behinderten"-Sportfest hier und dann ist eine Frau interviewt worden: "Ja, daß die Behinderten so viel Spaß haben können, daß, denen geht's doch soo schlecht, daß die überhaupt Spaß haben können, ja das ist ja was. Und das ist ja, irgendwie ist das ja toll.". Und die Überschrift dann zu so 'nem Artikel zu 'nem Sportfest, wo dann über das Sportfest nur ein bißchen berichtet worden ist und aber ganz viel über die Reaktionen dadrauf, war dann eben gewesen: "Auch Behinderte können Spaß haben.". I: Unter dem Motto: 'Es gibt Menschen und Auch-Menschen'? P: Ja, genau. "Auch Behinderte können Spaß haben.". Das ist 6 oder 7 Jahre her, aber könnte ich mich heute noch drüber aufregen. Daß überhaupt möglich erscheint, daß "behinderte" Menschen genausoviel Spaß haben können oder auch nicht wie alle andern auch. Daß das sozusagen mit der "Behinderung" impliziert ist, daß du natürlich dann nur leiden kannst und Mundwinkel nach unten und es dir immer hyper-fürchterlich schlecht gehen muß auf Grund deiner "Behinderung".

Und daß gar nicht begriffen wird, wenn es dir schlecht geht, dann ist es gar nicht die "Behinderung", warum es dir schlecht geht, sondern das sind die Bedingungen um dich herum und diese ganzen komischen Menschen, die um dich herumgeistern. Wo du dann sagst, 'Ne, deshalb geht's mir halt so schlecht.'. Und das finde ich bei dieser ganzen "Lebenswert"-Diskussion so, daß "Lebens-Wert", ist dieses Leben überhaupt wert, da geht es drum: 'Ja, das ist doch so ein Leid, da müssen doch die Personen so drunter leiden, so daß wir sie erlösen müssen'. Es gibt ein total tolles Buch von dem Dörner, der mal hier das LKH ([Landeskrankenhaus, Anm. B.-U. R.]) geleitet hat, das heißt "Tötliches Mitleid". Das trifft es einfach im Titel.

Die medizinischen Experimente sind auch nicht fürchterlich weit oder werden oder haben immer in dem einen oder anderen Maße, im kleinen Ausmaß immer weiter stattgefunden. Und sei es nur die ganzen Tablettenstudien für irgendwelche Epilepsie-Medikamente ungefragt gegeben haben nach dem Motto 'Ach, die sind, sind so durch die ersten Reihen durch und ob wir das nun mit untermischen oder mit, das merkt doch keiner.' Oder eine Quasi-Einwilligung: 'Ja, ja, wir geben Ihnen die besten Medikamente speziell für Ihre Behinderung. Und gleichzeitig ist das, sind wir an diese und diese Uni-Klinik angeschlossen, weil wir das auch noch ganz, auf seine Langzeitwirkung hin unterprü-, unterprüfen, überprüfen wollen.'. Und das sind auch alles medizinische Experimente. Da bin ich mir ziemlich sicher, daß die Leute nicht über die wirklichen Gefahren, die das mit sich bringt, informiert werden. Und von daher finde ich, sind die Schranken bewußtseinsmäßig schon längst gefallen und diese ganze Diskussion um die Europa Bioethik-Konvention, das ist auch eine scheinheilige Diskussion. Gut, daß das nochmal ein großer Schritt war, aber das, was an Bewußtsein vorausging, da sind die Schranken schon vorher gefallen. Da ist der Schritt dann nicht mehr so weit, zu sagen, 'okay, bei bestimmten "geistigen Behinderungen" brauchen die nicht mehr einwill- oder müssen die nicht mehr einwilligen'. Oder bei "behinderten" Embryonen kann man noch irgendwelche Experimente machen oder so. Da regen sich zwar alle drüber auf, aber über diese ganzen Alltäglichkeiten, die genauso in diesen ganzen Euthanasie-Bereich fallen, da wo schon längst diese Grenzen gefallen sind, wird kaum drüber diskutiert oder gesprochen.

Das war als Witz gemeint. Obwohl ich es überhaupt nicht witzig fand. Das ist jetzt schon etliche Jahre her, da waren wir auf einer Veranstaltung und da ging's so um lesbische Mütter und Kinder kriegen. Und da war diese Diskussion hin und her: Ist das noch mit dem politisch-korrekten Lesben-Sein zu verbinden, blablabla, blablabla. Da hatte ich nur gesagt: "Ich wollte nie Kinder haben und weiß ich nicht, für mich würd' sich die Diskussion auch nicht so stellen". Da meinte dann eine Frau: "Ja, das wär ja auch sowieso ganz schwierig gewesen, so mit der Behinderung und, und Kinder kriegen, und außerdem ist das doch jetzt ganz praktisch so, da bräuchte ich mir diese Diskussion ja nicht zu stellen, weil ich ja jetzt lesbisch bin, da würd' sich das gut ergänzen.". Wo ich so denk', 'Ach, endlich wird so mal das Lesbisch-Sein irgendwie gesehen mit der "Behinderung" im Sinne von, das ist gesundheitstechnisch verwertbar in dem Sinne, 'Naja, sowas pflanzt sich zumindestens nicht fort'.

Und daß das unter Frauen und Lesben auch kein Unterschied macht, ob ich mit "nichtbehinderten" Männern und "nichtbehinderten" Frauen und Lesben darüber rede oder diskutiere, das bleibt sich gleich. Man wird einfach nicht als Person ernstgenommen.

Was auch bei dieser Diskussion immer auftaucht, das ist ein Buch aus den Siebzigern, das haben sie allen Müttern vermacht, deren Kinder Diabetes bekommen haben, mit dem folgenden Titel: "Lebenswerte Jahre trotz Diabetes"! Es war ein grünes Buch. Es ist jetzt schon 25 Jahre her, aber ich habe es immernoch vor meinem Auge sozusagen. Dies Buch mit gelben Balken und mit einer blöden weißen Schrift und hopsende Kinder vorne drauf, die aber alle schon scheintod aussahen. Sie waren fröhlich am Hopsen, sahen aber trotzdem blaß und abgemagert und scheintod aus, so nach dem Motto 'Na, wann fallen sie denn endlich um?'.

Und daß ich dies Wort "Lebenswert" eines der schlimmsten, diskriminierendsten Wörter halte, die es gibt.

  1. Unterschiedlich. Entweder als Neutrum und sexualitätslos oder als der Blinde, Betonung auf "der", selbst, wenn ich schon beinah im Badeanzug rumlaufe. (I: Wirst Du dann als Mann wahrgenommen oder einfach als "Blind" so?) Als "Blind" und "Blind" ist immer männlich. Und von einigen, wo ich denen das extrem auf die Nase binde, dadurch auch als Lesbe, aber manchmal ein bißchen 'Naja, die ist ja behindert, die weiß so nicht, was sie ist und was sie tut.'. 'Ja lassen wir sie mal dran teilhaben.' Aber nicht wirklich ernsthaft. Nach dem Motto: 'Naja, das ist halt so, so eine Spielart'. Eine Spielart, 'Naja, die hat das irgendwie aufgeschnappt und jetzt will sie da mal so, so, so das auch sein.' Wie ein kleines Kind. Wie ein kleines Kind, das jetzt das Bauklötzchen haben will, so will ich ([redet mit Kleinkindstimme]) jetzt mal ausprobieren, einfach sagen, ich wäre lesbisch. Aber ohne zu wissen, was das ist und auch ohne es leben zu können natürlich. (I: Du mußt ganz schön dumm sein für die.) Jo.

Nachtrag: Was ich absolut blöd finde, ist, daß ich oftmals das Gefühl habe, ich habe keine Lust mehr, mich diesen ganzen Repressalien und bescheuerten Strukturen auszusetzen. Weil mir das nicht gut tut und weil ich schon aus Prinzip sagen will, 'Ne, ich will dem nicht auch noch Vorschub leisten.'. Und andererseits ganz klar ist als Lesbe mit "Behinderung" auch mit Beziehungs-wunsch und Kontakt zu anderen Lesben, auch zu "Nichtbehinderten", weil ich will diese Schienen irgendwie nicht im Kopf haben, von so Kategorisierungen. Dann oftmals mich doch ein Stück weit anpassen zu müssen, auch wieder einen Schritt drauf zu zu machen oder halt wieder aktiv zu werden, obwohl ich es gleichzeitig nicht will. Daß das ein Widerspruch ist, der nicht auflösbar ist. Ich finde, das ist einfach nur, völlig ätzend. Ich könnte ja auch sagen, ich umgebe mich nur noch mit "behinderten" Lesben. Und ich für mich will aber diese Kategorisierung nicht ausschließlich. Klar finde ich es total toll, auch mal nur mit "behinderten" Frauen und Lesben was zu machen so, 'ne. Und finde das auch wichtig. Aber ich für mich will das nicht ausschließlich sein, weil ich will, will diese Kategorisierungen nicht, 'ne. Ich will was mit Frauen und Lesben zu tun haben, weil ich die konkrete Frau oder die konkrete Lesbe toll finde und mit der was mache. Egal, ob die "behindert", karriert oder sonstwas ist oder gestreift oder frag mich nicht, weißt Du? Diese Kategorisierungen, ich kann sie auf den Tod echt nicht leiden. Und von daher begebe ich mich natürlich auch in "nichtbehinderte" Kreise und erlebe aber ständig, daß da diese Kategorisierung in einem Maße stattfindet, die mich entweder zu völligen Unterwerfung oder Anpassung zwingt, um überhaupt nur dabeisein zu dürfen, ohne irgendwie was von meinen Bedürfnissen da äußern zu können oder umsetzen zu können. Ich finde es total schwierig. Permanent so ein Ding, seinen eigenen Überzeugungen treu bleiben oder denen nachzukommen, das so zu leben, wie man sich das vorstellt. Andererseits permanent mitzubekommen, daß man da dran gehindert wird. Und daß dieses sich annähern und loslassen, um es überhaupt für sich wenigstens halbwegs hinzukriegen soviel Kraft kostet oder oft soviel, große Widersprüche sind, die nicht auflösbar sind, das finde ich manchmal ziemlich erdrückend. (I: Also im Prinzip auch die Widersprüche zwischen Fremdbild und Selbstbild und wie Du behandelt werden möchtest und wie Du behandelt wirst? Oder wie andere behandelt werden und wie Du behandelt wirst, war es das?) Ja, das auch, ja. Ja. Aber wahrscheinlich auch die Widersprüche, die in mir selber sind. Das, was ich so mitkriege oder wo ich so denke, das wäre daraus eine logische Konsequenz, sich so zu verhalten, aber ich mich nicht so verhalten kann aus den verschiedensten Gründen. Weil ich es energiemäßig nicht packe oder aus verschiedensten Gründen eben. Zum Beispiel, wenn ich diese ganzen komischen Verhaltensweisen, diese Ablehnung, wo ich so denke, 'Ne, ich, ich sehe das nicht ein, mir ständig diese Ablehnung und diese Aggressivität von den andern anzutun, 'ne. Ich will das nicht und ich gehe. Und wo ich da weiter zu denke: 'Ah, jetzt hast Du Dich so kampflos geschlagen gegeben und was soll das.'. Oder: 'Jetzt hast Du nicht mehr den Kontakt vor Ort zu andern Frauen und Lesben', oder es reduziert sich total, aber es ist keine Reduzierung, die ich selber gewählt habe, sondern es haben andere bestimmt. Und das macht mich so wütend. So absolut wütend! Wo ich so sage, 'Nein, ich will, will mich da nicht so geschlagen geben! 'Ne. Und ich seh' das nicht ein! Und ich möchte Kontakt!'. Und daß ich aus diesem Widerspruch, aus diesem einerseits gehen zu wollen, andererseits nicht gehen zu wollen, gehen zu können, oftmals gar nicht raus komme. Daß ich total sauer drüber bin, daß ich so merke, daß ich über die ganze Zeit hinweg nur noch härter werde. Mir selbst gegenüber, teilweise, denke ich, auch andern gegenüber. Das finde ich mit Abstand das Schlimmste, daß man selber so verhärtet. Sich selber gegenüber und andern gegenüber. Wo ich das überhaupt nicht will. Aber wo das oftmals der einzige Schutzmechamismus ist. Und daß es dadurch nochmal schwieriger wird. Überhaupt in Kontakt mit andern Menschen zu treten. Weil grade als "behinderte" Lesbe von dir immer verlangt wird, du mußt besonders offen sein und gleich dein Intimstes am besten preisgeben, um überhaupt in Kontakt zu kommen. Und daß es mir immer weniger möglich wird, weil ich keinen Bock mehr habe auf die permanenten Verletzungen. Daß aber überhaupt nicht will, dann eher das Gefühl habe, so langsam ersticke ich ein bißchen. Daß oftmals für einen selber schwierig ist, es auseinander zu halten, wo ist wirklich die "Behinderung" Grund für bestimmte Verhaltensweise von mir selber oder von anderen oder wo liegt es wirklich in der Person begründet. Daß es oftmals eine ganz blöde Vermischung gibt, wo man das nicht mehr auseinanderhalten kann. Wo es ganz schnell passieren kann, daß man da, wo es wirklich nicht an der "Behinderung" liegt, sondern wirklich an der Person, warum paar Sachen nicht passieren, auch ganz schnell drauf schiebt, 'Ach, 'ne, das ist wieder, weil ich "behindert" bin.'. Wo ich nicht so weiß manchmal, bilde ich mir das nur ein oder ist das so. Das finde ich total schwierig. Weil ganz klar ist, daß von außen da überhaupt keine Trennung gemacht wird. Zwischen mir als Person und meiner "Behinderung", sondern das ist alles als eins, ein Klumpatsch, sage ich jetzt mal. Oder wo ich inzwischen mir versuche einzureden, daß es auch ganz viel Bilder sind, die bei mir erzeugt werden, die nicht unbedingt auf meiner eigenen, ureigensten Vorstellung so beruhen.

Daß ich selber praktisch mir dieses "Behinderten"-Bild gezimmert habe, daß ich sage, jetzt ist es deshalb nicht zu Kontakt gekommen oder die hat mich abgelehnt oder blöd angeguckt, weil ich "behindert" bin. Sodaß das nicht auf Grund meiner "Behinderung" ist, sondern auf Grund von irgendwas, was in meiner Person begründet liegt, aber nicht mit meiner "Behinderung" zu tun hat. Weil ich, was weiß ich, einen blöden Spruch gesagt habe oder so. Daß ich dann aber nicht sage, 'Ach, ich hab vielleicht da einen blöden Spruch gesagt oder ich habe mich da dumm verhalten oder der hat einfach nicht meine Art, wie ich mich gebe oder lebe gepaßt, sondern ich paßte der nicht, weil ich blind bin.' Obwohl das vielleicht gar nicht zutreffen muß. Sondern daß es auf Grund von andern Geschichten ist. Aber das weiß ich halt nicht. Weil ich das sehr schwierig finde auseinanderzuhalten. Wobei ich eher denke, daß "Behinderung" und Person von "Nichtbehinderten" in einen Topf geschmissen wird und einmal umgerührt wird. Also daß es von daher schon fast egal ist und sowieso ein Teil von der "Behinderung" da mit in der Ablehnung steckt.

Das ist wirklich nochmal so blindenspezifisch, das weiß ich auch aus Unter-haltungen mit anderen. Das ist wirklich die Ignoranz, daß das im Grunde nicht die Person ist oder das Verhalten, was damit gemeint ist, sondern die "Behinderung". Die Ignoranz, sich einfach nicht verbal zu erkennen zu geben oder geräuschmäßig. Du kannst Dich ganz leicht entziehen. Du kannst Dich noch schneller entziehen als wenn du zumindestens die Möglichkeit hast, blickmäßig darauf zu reagieren. Nur das mitzukriegen, wenn sich eine entzieht. Ich kriege es oft nichtmals mit. Viele kriege ich gar nicht mit, also den Entzug, ich spüre es nur auf Grund von diesem Gefühl, daß ich mich fühle, wie ein Sack und verschweißter Käse. Man nimmt mir, und das macht mich auch noch so sauer, man nimmt mir total die Möglichkeit, aktiv zu werden, wenn ich es wollte. Wenn ich mitkriegen würde, daß sich welche entziehen, könnte ich mich immer noch entscheiden, sage ich was dazu, verhalte ich mich dazu. Oder verhalte ich mich nicht dazu, die Möglichkeit habe ich oftmals gar nicht. Weil ich es nicht mitkriege.

Oder auch, daß, um überhaupt näher in Kontakt zu kommen, grad, wenn es um Partnerschaft oder Beziehung geht oder so, daß ich dann schon selber anfange, obwohl ich das absolut hasse, meine "Behinderung" ein Stück weit zu verleugnen. Ich muß erstmal einen Erstkontakt haben, um dann es sagen zu können. Weil ich sonst gar nicht die Möglichkeit hätte, mich zu äußern. Weil dann an mir vorbeigegangen wird, wenn es bei einer Veranstaltung ist. Wenn erkennbar ist, ich stehe da mit meinem Blindenstock oder wirbel damit rum, dann machen die schon einen weiten Bogen, ohne daß ich es mitkriege. Oder daß ich ja nicht in Gefahr komme, auch nur in die Nähe von einer zu kommen, die das nicht will. Oder die auch gar nicht die Mühe machen will, mich kennenzulernen, sobald man diesen Stock da sieht. Oder bei Anzeigen oder auch Veranstaltungsklamotten, dann gar nicht drauf antworten beziehungsweise sich so viel auszudenken, daß ich schon von selber drauf komme zu sagen: "Ach ne, ich hab' da keinen Bock zu.". Zum Beispiel, wenn eine Spielgruppe hier gesucht wird, was weiß ich, "Frauen Lesben suchen Frauen Lesben, die Lust haben, einmal in der Woche Brettspiele zu machen". Und wenn das öffentlich ist mit Telefonnummer, also ohne über Chiffre, sondern irgendein Aushang ist und ich rufe an und sage: "Ja, hab da Lust mitzumachen" und hin und her, "es wär' aber prima, weil ich darauf angewiesen bin, wenn mir jemand den Weg erklärt oder mich zumindest von der Bushaltestelle beim ersten Mal abholt, damit ich weiß, wo das ist.". Wenn ich das sage, "Ja, das machen wir, können wir tun", sind ja immer alle "hmm, das ist kein Problem und düdüdüb" und dann kannst Du drauf 'nen Hunderter verwetten, daß einen Tag vorher oder einen halben Abend vorher: "Ja, wir haben uns nochmal getroffen und sind ganz viele Frauen wieder abgesprungen, es gibt jetzt doch diesen Spielclub nicht." oder "Wir haben, vor, weil jetzt viele krank geworden sind, uns erst in 4 Wochen zu treffen.". Wo ganz klar ist, die werden sich diesen Abend treffen, aber ohne mich. Wo sie dann erstmal insgeheim sich abgesprochen oder sich überlegt haben, wie kommen wir aus dieser präkeren Situation wieder raus. Wenn ich aber anrufe beim ersten Mal und sage: "Ja, ich finde das toll und Spieleabend, wo findet das statt", und "Jaja, ich bin dann da.". Oder ich sage dann: "Ja, ich bin", denke mir eine ganz verrückt Geschichte aus: "Ja ich bin gerade hier erst in die Stadt gezogen, ich kenne mich noch nicht so aus, können wir uns irgendwo treffen?". So einen ganz normalen Grund, wie es allen mal passieren kann, "Ja, kein Problem". Wenn ich dann abgeholt werde, dann ist zwar auch die Überraschung da, aber dann kommen sie aus der Situation nicht mehr raus, weil mich dann stehen lassen, das trauen sie sich dann doch meistens nicht. In dem konkreten Fall. Und dann halt über diese 3-4 Sätze wechseln ich zumindestens die Chance habe, so weit mich vorzuarbeiten, daß sie sagen, 'naja, wir versuchen's mal so, einmal mit ihr'. So. Und das finde ich absolut beschissen. Nicht von vorneherein sagen zu können, weil ich blind bin, möchte ich, daß man da und da abgeholt wird oder wir ein Stück zusam-mengehen oder wie auch immer. Oder sie mir den Weg beschreiben oder so. Sondern ich mir Geschichten ausdenken muß, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, erklären zu dürfen, warum ich denn auch so fit genug bin, an ihrem erlauchten Kreis oder Vorhaben teilhaben zu können. I: Wobei das Hauptproblem ja wahrscheinlich nicht wäre die 200 Meter von der Bushaltestelle, 'ne? P: Nein, das ist es nicht. Nicht das technische Problem, ist nicht das Problem. ...

(I: Was für ein Fremdbild haben die denn, die so mit Dir umgehen, wie Du das beschreibst?) 'Wir müssen uns ständig um die kümmern.' 'Müssen die immer am Händchen halten. Müssen Verantwortung übernehmen.' Ehm.-- 'Das ist alles ganz schwierig.' Und vor allen Dingen: 'Was denken die andern?'. Also daß da so ein Sozialprestigeding mit drin ist. I: Also die werden abgewertet dadurch, daß sie mit Dir Kontakt haben? P: Ja. Also gerade, wenn es so Richtung Partnerschaft, Beziehung geht, denke ich, ist ein ganz großes, ganz großes Ding. Wo viele nochmal so sagen so und dann, 'Ach ja, und ganz nett und kann man mal gucken', aber das halt so, so, 'ne, 'Erg, hast wohl nichts besseres abgekriegt', so. Also daß dann die "Nichtbehinderte", das so, hat wohl nichts besseres abgekriegt, oder so. Eine eigene Abwertung dann stattfindet. Ich würde überhaupt kein Problem draus machen. Also daß da groß für mich die "Behinderung" im Vordergrund stehen müßte. Aber es kommt relativ schnell nach den ersten Kontakten trotzdem hoch, weil ganz oft dann das Fremdbild so übermächtig wird, daß ich ständig mich dagegen verwehren muß, daß ich gucken muß, in wie weit wird mir da was an Bildern von außen übergestülpt, die aber nicht meine sind. Und daß ich dann ständig mit dem Sortieren beschäftigt bin, das ist schon sehr nervig. Oder daß ich manchmal auf Grund dieser ganzen Ablehnungsgeschichten, gerade wenn das ganz heftige Phasen sind, auf allen Ebenen, daß, wenn sich dann eine näher interessiert oder es zu Erst- oder Zweitkontakten gekommen ist, dann denke, 'Bah, die gibt sich ja trotz "Behinderung" mit Dir ab', also daß ich innerlich genau so einen Spruch loslasse, wo ich ansonsten sagen würde, wie bescheuert. Wo ich denke, ''Nee, das ist aber nicht meins.'. Das ist absolut übergestülpt. Aber daß ich schon sowas von verletzt bin und sowas von mich niedergeknüppelt fühle, daß ich schon selber in solche Kategorien und Sprüche verfalle.

Das (ihr Selbstbild) hat sich ganz schön gewandelt. Es hat sich gewandelt von "völlig 'normal'" in Anführungsstrichen, alles ganz selbstverständlich, "Ich bin ich.", so, wie ich bin. Für mich war diese "Behinderung" nie ein Begriff im Sinne von in irgendwelche Wertigkeiten gepackt. Sondern ich habe einfach so gelebt, wie ich vorher auch gelebt habe. Das ging total gut, aber jetzt, durch diese ganzen blöden Situationen und immer wieder und diesen ganzen Krampf und Streß und sich dagegen auflehnen und so, würde ich sagen, wenn jetzt das Fremdbild von heute auf morgen nicht mehr existieren würde, weil plötzlich alles wie ein Schnipp anders sein würde, glaube ich, würde ich mir ziemlich hilflos vorkommen. Dieses Fremdbild ist inzwischen durch dieses permanente, für mich das Gefühl, permanente "auf mich einschlagen" in Anführungsstrichen quasi eine Art Gerüst geworden. Wo ich mich aufhalte im Sinne von hoch und runter klettern und sich daran abarbeiten und sich darin ein Stück weit orientieren und das finde ich so bescheuert, daß ich mich an einem Fremdbild beginne zu ortienieren, obwohl ich das nicht will und obwohl ich mich dagegen auflehne, und merke, ich hab' teilweise gar nicht die Kraft, mich dagegen aufzulehnen. Daß es mich umschließt wie ein paar Eisenstangen. Daß ich die nicht haben will und daß ich auch immer mal wieder ausbreche, aber daß die Eisenstangen, je länger sie dauern, immer dichter werden und sowas von Lebenslänglich bekommen. Daß sie mich meiner eigenen Identität berauben. I: Lebenslänglich durchs Fremdbild? P: Ja. Oder daß sie mich meiner eigenen Identität berauben, wo "Behinderung" echt kein Thema war. Sie war da, also Thema in dem Sinne, daß ich mit ihr umgegangen bin. Daß ich aber mein Selbstbild gelebt habe, ohne danach zu fragen, paßt das jetzt für andere oder nicht. Oder mich an andern Fremdbildern groß ausgerichtet hätte. Am Anfang. Das ist anders geworden. ... Das ist so, daß es mich immer mehr umklammert, wie ein paar Gitterstäbe.

(I: Und bevor dieses Fremdbild, dieses negative, Dich so umklammert hat, da war Dein Selbstbild anders?) Ja. Ich habe mich einfach freier gefühlt. Ich bin ein bißchen wie mit Kinderaugen durch die Welt gelatscht. Da gab's natürlich auch die ganzen Ablehnungsgeschichten. Und die ganzen Sachen, die gab's auch. Ich habe sie einfach nicht wahrgenommen. ... Da war das Fremdbild da, aber da habe es nicht so wahrgenommen. Oder wenn ich es wahrgenommen habe, dann habe ich es in dem Sinne wahrgenommen von 'sachlich registriert' im Sinne von 'Inhalt registriert'. Ich habe es nicht auf mich bezogen. ... (I: Kannst Du denn sagen, wie Dein Selbstbild im Gegensatz zum Fremdbild jetzt war?) Ich war fiel ausgelassener, ich war einfach viel fröhlicher, viel unbekümmerter, viel unbeschwerter. Auch nach außen. Ich hab' mich noch viel mehr Sachen getraut. Auch viel mehr gespielt. Einfach das Leben unbekümmert genossen. ... Und diese Naivität und Unbekümmertheit, die ist mir so Stück für Stück genommen worden, die habe ich mir nicht selber genommen. ... Da ist mir das erstemal aufgefallen, 'Huch, irgendwas ist mit mir anders.'. 'Irgendwas mußt Du mit Deiner "Behinderung" berücksichtigen.' Wenn du das nicht berücksichtigst, wirst du nicht nur, würde ich aus heutiger Sicht sagen, in Eisenstangen gepackt und von irgend einem scheiß Fremdbildkorsett umgeben, sondern dann wirst du niedergemacht, ausgelöscht, ausgemerzt. Egal ob emotional oder physisch. Du hast die Entscheidung zwischen lebenslang hinter Eisenstangen eines Fremdbildes, an das du dich, auch wenn du es nicht willst, zumindestens auf ganz subtile Art und Weise anpaßt oder, wenn du so willst, "Euthanasie". Egal in welcher Form. Sozial oder physisch. Und ich glaub', der reine Schutzmechanismus ist dann eher, wenn man die Eisenstangen wählt. ...

Ich weiß von 2 andern blinden Lesben noch, daß denen das so ähnlich gegangen ist mit Fremd- und Selbstbild. Und dieser Wahrnehmung dessen. Dieser Zwang, 'Du mußt dich angleichen, um auf einen günen Ast zu kommen'. Aber dieses einerseits nicht wollen und an vielem aber schon angeglichen oder angepaßt haben, ohne daß man's wollte oder darüber auch ein Frust entwickelt hat. Daß man im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung dem nachkommt. Sozusagen dem Fremdbild vorrauseilen. I: Oder auch den Vorstellungen, wie eine sein soll, 'ne?! Wie du dich verhalten sollst wahrscheinlich, 'ne. P: Ja.

6.2 Kategoriensystem der "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen

In diesem Kapitel befindet sich unter 6.2.1 ein Überblick über die Titel der gesamten Kategorien, die sich nach Bearbeitung der Interviews mit den "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen ergeben haben, quasi ein Kategorienverzeichnis. Unter 6.2.2 findet sich dann das komplette Kategoriensystem mit allen Zitaten, Paraphrasen und Kodierregeln.

6.2.1 Kategorien der "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen

  1. Hauptkategorie: Assoziationen zu "Behinderten"

  2. Unterkategorie: Negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"

  3. Unterkategorie: Zu "Behinderten" gehören Hilfsmittel, medizinische Behandlungen, Pflege und Versorgung.

  4. Unterkategorie: "Behinderte" werden mit "Rollstuhl" verbunden.

  5. Unterkategorie: Unangenehme Eigenschaften von Menschen mit "Behinderung"

  6. Unterkategorie: Verschiedene "Behinderungs"-Arten

  7. Unterkategorie: Mitleid

  1. Hauptkategorie: Frauen- und lesbenspezifische Besonderheiten

  2. Zwischenkategorie: Was unterscheidet Frauen mit "Behinderung" von allgemein "Behinderten"?

  3. Unterkategorie: Da gibt es keinen Unterschied.

  4. Unterkategorie: Frauen mit "Behinderung" haben es schwerer als Männer mit "Behinderung".

  5. Unterkategorie: Frauenrollen-spezifische Zuordnungen, die bei Frauen mit "Behinderung" allerdings eingeschränkt sind

  6. Zwischenkategorie: Was unterscheidet Lesben mit "Behinderung" von allgemein "Behinderten"?

  7. Unterkategorie: Da gibt es keinen Unterschied.

  8. Unterkategorie: Lesben mit "Behinderung" haben es besonders schwer.

  1. Hauptkategorie: Positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"

  2. Unterkategorie: Negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen, Lesben mit "Behinderung"

  3. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen, Lesben mit "Behinderung"

  1. Hauptkategorie: Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"

  2. Unterkategorie: Es gibt Vorurteile über Menschen mit "Behinderung".

  3. Unterkategorie: Erschwernisse in der Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"

  4. Unterkategorie: Unangenehme Eigenschaften von Menschen mit "Behinderung"

  5. Unterkategorie: Menschen mit "Behinderung" sollten in die Gesellschaft aufgenommen werden.

  6. Unterkategorie: Mitleid

  1. Hauptkategorie: "Behinderte" haben es schwer.

  2. Unterkategorie: "Behinderte" haben es schwer.

  3. Unterkategorie: Frauen mit "Behinderung" haben es schwerer als Männer mit "Behinderung".

  4. Unterkategorie: Lesben mit "Behinderung" haben es besonders schwer.

  5. Unterkategorie: Erschwernisse in der Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"

  6. Unterkategorie: Schwierige Lebenssituation der Menschen mit "Behinderung"

  1. Hauptkategorie: Hilfe

  2. Unterkategorie: "Behinderte" brauchen Hilfe.

  3. Unterkategorie: Man möchte ihnen helfen, die wollen das aber gar nicht.

  1. Hauptkategorie: Der "Lebenswert"

  2. Unterkategorie: "Behinderte" haben es schwerer, besonders Lesben.

  3. Unterkategorie: Die Frage finde ich komisch.

6.2.2 Kategoriensystem der "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen

Anmerkungen:

Mit "(...)" habe ich Auslassungen innerhalb der Zitate gekennzeichnet. Diese Aus-lassungen wurden gemacht, wenn der ausgelassene Text für die jeweilige Kategorie nicht von Belang war oder ablenkte.

In Klammern gesetzt habe ich solche Teile der Zitate, die zum Verständnis der Aus-sagen zwar nötig, aber zum Inhalt der Kategorie nicht zugehörig waren.

In Kursivdruck gedruckt sind Begriffe, die ich innerhalb des jeweiligen Zitates zum besseren Verständniss besonders betonen oder hervorheben möchte.

Unterstreichungen in Textstellen stellen nicht Hervorhebungen von mir dar, sondern besondere Betonungen seitens der InterviewpartnerInnen während ihres Sprechens.

Die Reihenfolge der Unterkategorien hängt mit der Menge der zugehörigen Aussagen aus den Interviews und mit inhaltlicher Zusammengehörigkeit und Reihenfolge zusammen. Desto höher die jeweilige Unterkategorie innerhalb der Hauptkategorie steht, desto mehr haben die InterviewpartnerInnen also in der Regel diese vertreten.

Einige der Unterkategorien passen zu verschiedenen Hauptkategorien. Nach inhaltlichen Abwägungen habe ich sie unter einer Hauptkategorie ausgeführt, d.h. mit Inhalt gefüllt. Unter der anderen möglichen Hauptkategorie findet sich ein Verweis auf den Ort, an dem die Ausführungen zu finden sind.

Hinter der Zitaten steht in Klammern, wo diese zu finden sind.

Beispiel:

(Kätchen unter 2., S.2, Z.12)

An erster Stelle steht der Name der InterviewpartnerIn, hier "Kätchen". Das Interview ist im Anhang unter ihrem Namen zu finden.

"unter 2." sagt, auf welche Frage hin die entsprechende Aussage gemacht wurde. Hier also auf die 2. Frage hin. Der Zusammenhang der Äußerungen zur vorangegangenen Frage kann interessant sein und sollte nicht außer Acht gelassen werden. Der Wortlaut der einzelnen Fragen steht am Ende dieses Absatzes.

"S. 2" ist die Seite innerhalb des Interviews im Anhang und "Z.12" der Zeilenbereich des Zitates.

Die Fragen:

  1. Nenne / nennen Sie bitte ca. 10 Wörter, die Dir zum Begriff "Behinderte" einfallen! Einfach die Wörter, die Dir / Ihnen als erstes einfallen, so ähnlich wie bei "Dalli-Dalli"!

Bei den nächsten beiden Fragen darfst Du / dürfen Sie Begriffe, die Du / Sie vorher schon genannt hast, wiederholen, wenn sie dazu passen.

  1. Was für Begriffe fallen Dir / Ihnen zu "Frau mit "Behinderung"" ein?

  2. Was für Begriffe fallen Dir / Ihnen zu "Lesbe mit "Behinderung""ein?

  3. Was denkst Du / denken Sie zu "Behinderte" bzw. ""behinderte" Frau oder Lesbe" und "Hilfe" (betont gesprochen)?

  4. Was denkst Du / denken Sie über den "Lebenswert" von "behinderten" Frauen bzw. "behinderten" Lesben?

I. Hauptkategorie: Assoziationen zu "Behinderten"

Eine ähnliche Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung".

  1. Unterkategorie: Negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"

Siehe S. 96, unter der III. Hauptkategorie: 'Positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"'.

  1. Unterkategorie: Zu "Behinderten" gehören Hilfsmittel, medizinische Behandlungen, Pflege und Versorgung.

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Teststellen, in denen die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen Hilfsmittel, medizinische Behandlungen, Pflege und Versorgung zu Menschen bzw. Frauen mit "Behinderung" assoziieren.

Ankerbeispiele:

Bettlägerig, Rollstuhl, Krankenhausaufenthalt, Operation, (...) Pflegebedürftig (Lucky unter 1., S.1, Z.31-32)

Paraphrase:

"Behinderte" brauchen Pflege, medizinische Versorgung und Hilfsmittel.

Weitere Zitate:

Rollstuhl, Stock, Armbinde, hm, 10, oh! Heim. Betreuer. (Kätchen unter 1., S.2, Z.1)

Rollstuhl, Stock, Armbinde, Heim, Betreuer (Kätchen unter 2., S.2, Z.12)

Braucht Pflege (...)

auch Krankenhausaufenthalte. (...)

Caritative Versorgung. Sprich Wohnungs-, also Haushalt. Und Übernahme der, der Küchenarbeiten und, oder Reinigungsarbeiten. Ja, kommt auch drauf an, was für Behinderungen. (...)Körperpflege eventuell bedingt durch die Krankheit, die von anderen gemacht werden muß. (Lucky unter 2., S.2, Z.10-18)

(Und dem Lebenswert eines) kranken Menschen beziehungsweise (dem Lebenswert)einer kranken Lesbe. (Lucky unter 5., S.3, Z.6-7)

Rollstuhl, Behindertenschein. (Anja unter 1., S.1, Z.32)

Rollstuhl (Fr. A unter 1., S.2, Z.1)

  1. Unterkategorie: "Behinderte" werden mit "Rollstuhl" verbunden.

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie wird die Assoziation "Rollstuhl" zu Menschen mit "Behinderung" aufgeführt.

Ankerbeispiel:

Rollstuhl (Lucky unter 1., S.1, Z.31)

Paraphrase:

Zu "Behinderte" fällt mir "Rollstuhl" ein.

Weitere Zitate:

Rollstuhl (Kätchen unter 1., S.2, Z.1)

Rollstuhl (Kätchen unter 1., S.2, Z.12)

Rollstuhl (Anja unter 1., S.1, Z.32)

Rollstuhl (Fr. A unter 1., S.2, Z.1)

  1. Unterkategorie: Unangenehme Eigenschaften von Menschen mit "Behinderung"

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie werden Textstellen aufgeführt, in denen die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen unangenehme oder auf andere Weise negativ bewertete Eigenschaften von Menschen mit "Behinderung" wiedergeben.

Ankerbeispiele:

Störung des Selbstbewußtseins. (Lucky unter 1., S.1, Z.32)

schlecht artikulieren (Fr.A unter 1., S.2, Z.2)

Paraphrase:

"Behinderte" haben Eigenschaften, die entweder für sie selbst oder für Menschen, die mit ihnen Kontakt haben, unangenehm sind.

"Behinderte" können weniger.

Weitere Zitate:

Der Verdacht, daß andere Leute nur Mitleid mit einem haben. (Lucky un-ter 1., S.2, Z.4-5)

Daß sie langsam sind, daß die hilflos sind, daß die, äh, sich durchsetzen (Donald unter 1., S.2, Z.4)

daß sie eigentlich erst recht alles selber machen wollen. Also, daß daß das. Daß im Grunde genommen Hilfe vielleicht gewünscht wird, aber nicht, nicht angenommen werden kann. (Donald unter 4., S.3, Z.2-4)

Daß sie im allgemeinen die Behinderung unterdrücken auch. (Fr. A unter 1., S.2, Z.2-3)

wenn sie auch manchmal für uns eigenartig aussehen. Zum Beispiel Spaschti- äh,äh Gelähmte oder die sich nicht artikulieren können, die die wirklich Schwierigkeiten haben, die als Fremdbild für jeden, ja, komisch erscheinen würden. (Nachtrag Fr. A, S.3, Z.14-16)

Bekloppte; Schwächling; Taugenichts; selbst Schuld; Krüppel. (Hr. B un-ter 1., S.1, Z.1)

  1. Unterkategorie: Verschiedene "Behinderungs"-Arten

Kodierregel:

In diese Kategorie gehören Aufzählungen von verschiedenen "Behinderungs"-Arten und Äußerungen, die sich auf Besonderheiten bei bestimmten "Behinderungs"-Arten beziehen.

Ankerbeispiele:

Gehbehindert. Sehbehindert. -- Na, was gibt's noch? -- Schwerbehindert. Körperbehindert. Gehbehindert. (A unter 1., S.1, Z.31-32)

Ja, kann sein, daß die Menschen Hilfe brauchen, weil sie blind sind und können, 'ne unbekannte Gegend brauchen sie Hilfe. (Hr. B unter 4., S.2, Z.32-33)

Paraphrase:

Es gibt verschiedene "Behinderungen".

Es macht einen Unterschied, um welche "Behinderung" es sich handelt, z.B. werden bei verschiedenen "Behinderungen" verschiedene Hilfeleistungen gebraucht.

Weitere Zitate:

Ja, kommt auch drauf an, was für Behinderungen. (...) Körperpflege eventuell bedingt durch die Krankheit, die von anderen gemacht werden muß. (Lucky unter 2., S.2, Z.14-18)

schlecht artikulieren, was anderen unangenehm ist, das man sie nicht versteht. (Fr. A unter 1., S.2, Z.2)

wenn sie auch manchmal für uns eigenartig aussehen. Zum Beispiel Spaschti- äh,äh Gelähmte oder die sich nicht artikulieren können, die die wirklich Schwierigkeiten haben, die als Fremdbild für jeden, ja, komisch erscheinen würden. (Nachtrag Fr. A, S.3, Z.14-16)

Und dann macht das auch einen Unterschied, ob ich eine Behinderung erworben habe, durch einen Unfall zum Beispiel, oder ob ich behindert auf die Welt gekommen bin. Und dann macht es auch noch einen Unterschied, ob ich körperlich behindert bin oder geistig behindert. Ich denke mal, das ist ein riesengroßer Unterschied. Wenn ich einen Querschnitt habe, ist das eine ganz andere Behinderung, als wenn ich jetzt eine cerebrale Störung habe. (Hr. B unter 5., S.3, Z.18-23)

  1. Unterkategorie: Mitleid

Siehe S. 101, unter der IV. Hauptkategorie: 'Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"'.

II. Hauptkategorie: Frauen- und lesbenspezifische Besonderheiten

Diese Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung".

  1. Zwischenkategorie: Was unterscheidet Frauen mit "Behinderung" von allgemein "Behinderten"?

  2. Unterkategorie: Da gibt es keinen Unterschied.

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie werden Zitate aufgeführt, nach denen es keinen Unterschied zwischen Frauen und Männern mit "Behinderung" gäbe oder das zu Frauen mit "Behinderung" nichts anderes einfallen könne als zu "Behinderten".

Ankerbeispiele:

Äh, ja da fallen mir jetzt auch nur die selben wieder ein! (...) I: Frau mit "Behinderung"?! K: Ist doch das selbe! (Kätchen unter 2., S.2, Z.10-14)

Ich seh nur Menschen als Behinderte, ist mir egal, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Ich seh da die Behinderung. (Hr. B unter 2., S.2, Z.9-11)

Paraphrase:

Ich sehe keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen und Lesben mit "Behinderung".

Mir fällt zu Frauen mit "Behinderung" nichts anderes als zu allgemein "Behinderten" ein.

Es kommt nicht auf die Person oder ihre sexuelle Orientierung, sondern auf die "Behinderung" an.

Weitere Zitate:

Ja, da frag ich mich jetzt, wieso das jetzt so wichtig ist, ob das jetzt 'ne Frau ist mit Behinderung, 'ne Lesbe mit Behinderung oder sonstwer mit Behinderung. Kommt das jetzt auf die, auf die Behinderung an oder kommt das jetzt auf die Person an?! (Kätchen unter 4., S.2, Z.24-26)

Eigentlich das selbe, was ich schon gesagt hab'. (Donald unter 2., S.2, Z.19)

Dat, dat, dat is ja alles allgemein. (Lucky unter 2., S.2, Z.11)

(I: Was für Begriffe fallen Dir zu "Frau mit "Behinderung"" ein?) A: -- Im Moment nix. ([Auf spätere Nachfrage erklärt sie, sie fände, es mache keinen Unterschied, ob Behinderte Männer oder Frauen, lesbisch oder heterosexuell seien.]) (Anja unter 2., S.2, Z.5)

Das gleiche, wie vorher. (Hr. B unter 2., S.2, Z.6)

Und da macht das auch keinen Einfluß, ob ich Lesbe bin oder Frau bin oder Mann bin oder schwul bin oder sonstwas bin. Ich denk mir mal, Behinderung ist einfach, die ist ja nicht auf sexuelle äh (...) Präferenz, ja, genau, beschränkt oder so. Behinderte Kinder, zum Beispiel. (Hr. B unter 5., S.3, Z.14-18)

  1. Unterkategorie: Frauen mit "Behinderung" haben es schwerer als Männer mit "Behinderung"

Siehe S. 102, unter der V. Hauptkategorie: '"Behinderte" haben es schwer.'.

  1. Unterkategorie: Frauenrollen-spezifische Zuordnungen, die bei Frauen mit "Behinderung" allerdings eingeschränkt sind

Nur 2 der 6 InterviewpartnerInnen geben Äußerungen von sich, die in diese Kategorie fallen. Ich gehe davon aus, daß die andern InterviewpartnerInnen diese Ansichten in der Regel nicht teilen, da sie bekunden, es gebe keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen mit "Behinderung". Nichtsdestotrotz finde ich diese Kategorie, auch wenn sie nicht die Mehrheitsmeinung wiedergibt, interessant.

Kodierregel:

In diese Kategorie gehören Teststellen, in denen Frauenrollen-spezifische Zuordnungen erwähnt werden, die für Frauen mit "Behinderung" allerdings eingeschränkt werden.

Ankerbeispiel:

Caritative Versorgung. Sprich Wohnungs-, also Haushalt. Und Übernahme der, der Küchenarbeiten und, oder Reinigungsarbeiten. (Lucky unter 2., S.2, Z.13-14)

Paraphrase:

Frauen möchten einen Partner und Familie haben und sind für den Haushalt zuständig. Frauen mit "Behinderung" haben in diesen Bereichen Schwierigkeiten.

Weitere Zitate:

falls Ledig: Einsamkeit (Lucky unter 2., S.2, Z.10-11)

Naja, daß es schwierig ist, als Frau vielleicht einen Partner zu bekommen. Daß sie Familie haben möchten. Daß vielleicht auch die Schwierigkeit be-steht, in der Gemeinschaft integriert zu werden. Als Frau vielleicht mehr als als Mann. Oder Sport Möglichkeiten zu treiben. Oder aber auch Kinder zu bekommen als Behinderte. Das ja eigentlich möglich ist, aber, denk ich mir, schwieriger ist als für einen Mann. (Fr. A unter 2., S.2, Z.12-16)

  1. Zwischenkategorie: Was unterscheidet Lesben mit "Behinderung" von allgemein "Behinderten"?

  2. Unterkategorie: Da gibt es keinen Unterschied.

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie werden Zitate aufgeführt, nach denen es keinen Unterschied zwischen Lesben und anderen Menschen mit "Behinderung" gäbe oder das zu ihnen nichts anderes einfallen könnte als zu "Behinderten".

Ankerbeispiele:

Äh! Ja, da fallen mir auch keine anderen ein! (Kätchen unter 3., S.2, Z.17)

Ja, da frag ich mich jetzt, wieso das jetzt so wichtig ist, ob das jetzt 'ne Frau ist mit Behinderung, 'ne Lesbe mit Behinderung oder sonstwer mit Behinderung. Kommt das jetzt auf die, auf die Behinderung an oder kommt das jetzt auf die Person an?! (Kätchen unter 4., S.2, Z.24-26)

Paraphrase:

Es macht keinen Unterschied, ob "Behinderte" Männer, Frauen, lesbisch oder heterosexuell sind.

Mir fällt zu Lesben mit "Behinderung" nichts anderes als zu allgemein "Behinderten" ein.

Weitere Zitate:

Äh! Ja, da fallen mir auch keine anderen ein! (...)

(I: Naja, vielleicht denkst Du auch nochmal drüber nach!)

K: -- Aber wieso sollen mir da jetzt andere einfallen?!

(I: Sollen nicht.)

K: Ne, da können mir auch keine andern jetzt einfallen! (Kätchen unter 3., S.2, Z.17-21)

Da fällt mir gar nichts zu ein! (Kätchen unter 4., S.2, Z.30)

Und dem Lebenswert eines kranken Menschen beziehungsweise dem Lebenswert einer kranken Lesbe. Also entschuldigung mal, die Frage versteh' ich jetzt gar nicht! ([Schaltet das Gerät ab.]) Da gibt's keinen Unterschied zwischen dem Lebenswert eines behinderten Mannes, einer behinderten Frau oder einer behinderten Lesbe. (Lucky unter 5., S.3, Z.6-9)

Und ob Heteros behindert sind, -- oder Lesben. ([Auf spätere Nachfrage erklärt sie diese Aussage, sie fände, es mache keinen Unterschied, ob Behinderte Männer oder Frauen, lesbisch odr heterosexuell seien.]) (Anja unter 3., S.2, Z.8-10)

(I: Was für Begriffe fallen Dir zu "Lesbe mit "Behinderung""ein?)

-- Keine. -- Seh ich doch gar nicht, ob 'ne Lesbe behindert ist. Warum soll ich wissen, daß die Behinderte (.....) Könnt' ich nicht unterscheiden. Ist mir noch nie begegnet. Genauso wenig, wie bei Schwulen. -- (Hr. B unter 3., S.2, Z.21-24)

Und da macht das auch keinen Einfluß, ob ich Lesbe bin oder Frau bin oder Mann bin oder schwul bin oder sonstwas bin. Ich denk mir mal, Behinderung ist einfach, die ist ja nicht auf sexuelle äh (...) Präferenz, ja, genau, beschränkt oder so. Behinderte Kinder, zum Beispiel. (Hr. B unter 5., S.3, Z.14-18)

  1. Unterkategorie: Lesben mit "Behinderung" haben es besonders schwer.

Siehe S. 103, unter der V. Hauptkategorie: '"Behinderte" haben es schwer.'.

III. Hauptkategorie: Positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"

Diese Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung".

  1. Unterkategorie: Negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen, Lesben mit "Behinderung"

Negative Assoziationen

 

aus den Interviews mit den

Frauen und Lesben mit "Behinderung"

aus den Interviews mit den

"Nichtbehinderten"

Assoziationen zum Begriff "Behinderte"

nicht unbedingt negativ. Nur manchmal ([allgemeines Lachen]). (Linda unter 1., S.2, Z.1-3)

bekloppt, verrückt, seltsam (Pferd unter 1., S.2, Z.2)

Empfinden sich als unnormal (Pferd unter 1., S.2, Z.13)

wollen behütet werden (Pferd unter 1., S.2, Z.15)

Daß sie langsam sind, daß die hilflos sind, daß die, äh, sichdurchsetzen, (...) daß man die 'n bißchen behutsam behandeln muß (Donald unter 1., S.2, Z.9-11)

Ausgeschlossenheit, (...) Lange-weile. Störung des Selbstbewußtseins. (...) Der Verdacht, daß andere Leute nur Mitleid mit einem haben. (Lucky unter 1., S.1, Z.31 - S.2, Z.5)

schlecht artikulieren, was anderen unangenehm ist, das man sie nicht versteht. Daß sie im allgemeinen die Behinderung unterdrücken auch. (...)

(Und daß man da nicht weiß, soll man helfen oder soll man nicht.) Daß man da eben in Schwierigkeiten gerät. (Fr. A unter 1., S.2, Z.2-5)

wenn sie auch manchmal für uns eigenartig aussehen. Zum Beispiel Spaschti- äh,äh Gelähmte oder die sich nicht artikulieren können, die die wirklich Schwierigkeiten haben, die als Fremdbild für jeden, ja, komisch erscheinen würden. (Nachtrag Fr. A, S.3, Z.14-16)

Bekloppte, Schwächling, Tauge-nichts, selbst Schuld, Krüppel (Hr. B unter 1., S.2, Z.1)

ausgeschlossen. (Hr. B unter 5., S.3, Z.9)

Frau mit "Behinderung"

 

falls Ledig: Einsamkeit (Lucky un-ter 2., S.2, Z.10-11)

Daß die ja doch dann wahrscheinlich ja speziell mit ihrer hm Lesbischsein noch größere Schwierigkeiten haben als eine, die nor-, "normal" in Anführungsstrichen ist.(Heterosexuelle Frauen mit "Behinderung" haben also Schwierigkeiten und Lesben mit "Behinderung" noch größere. (Anm.: B.-U.R.)) (Fr. A unter 3., S.2, Z.23-25)

Naja, daß es schwierig ist, als Frau vielleicht einen Partner zu bekommen. (...) Daß vielleicht auch die Schwierigkeit besteht, in der Gemeinschaft integriert zu werden. (Fr. A unter 2., S.2, Z.12-14)

Lesbe mit "Behinderung"

 

Doppelte Belastung für beide in der Beziehung. Fragen, die bei der behinderten Frau aufkommen bezüglich der Partnerin, warum bleibt die jetzt noch bei mir, etc. -- Schwierigkeiten, Kontakt aufzunehmen mit normalen Leuten durch, äh, Vorurteile, die man sich denkt, die andere über einen haben. (Lucky unter 3., S.2, Z.21-24)

Daß die ja doch dann wahrscheinlich ja speziell mit ihrer hm Lesbischsein noch größere Schwierigkeiten haben als eine, die nor-, "normal" in Anführungsstrichen ist.(Heterosexuelle Frauen mit "Behinderung" haben also Schwierigkeiten und Lesben mit "Behinderung" noch größere. (Anm.: B.-U.R.)) (Fr. A unter 3., S.2, Z.23-25)

Nach Bedarf lassen sich auf noch die unter der Kategorie '"Behinderte" haben es schwerer' aufgeführten Zitate bzw. Teile von ihnen einfügen.

  1. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen, Lesben mit "Behinderung"

...ließen sich in den 6 Interviews leider keine finden.

Die Tabelle findet sich im Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung".

IV. Hauptkategorie: Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"

Diese Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung".

  1. Unterkategorie: Es gibt Vorurteile über Menschen mit "Behinderung".

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie sammle ich die Aussagen, die sich auf Vorurteile gegenüber Menschen und insbesondere Lesben mit "Behinderung" beziehen.

Ankerbeispiel:

Weil sie durch die Gesellschaft, durch die Vorurteile, die die Behinderten -- oder Vorurteile, die gegenüber Behinderten bestehen, dat is, ist nicht, kann ich mir vorstellen, nicht ganz einfach als Behinderter überhaupt in unserer Gesellschaft zu leben. (Hr. B unter 5., S.3, Z.6-9)

Paraphrase:

Es gibt Vorurteile von "Nichtbehinderten" gegenüber "Behinderten".

Diese Vorurteile erschweren den Kontakt.

Weitere Zitate:

Also das sind im Grunde Vorurteile, die über die Behinderten existieren, denk ich mal, das sind nicht meine. (Donald unter 1., S.2, Z.6-7)

Schwierigkeiten, Kontakt aufzunehmen mit normalen Leuten durch, äh, Vorurteile, die man sich denkt, die andere über einen haben. Einmal bedingt durch ([schaltet kurz das Gerät ab]) ((die Behinderung/Vorurteile wegen der Behinderung)) und zum zweiten ist das Thema "Homosexualität" ja immer noch ein Begriff für Vorurteile. (Lucky unter 3., S.2, Z.22-26)

die Leute brauchen äh, jemand, mit dem sie reden können, der möglichst ohne Vorurteile ist. (Lucky unter 4., S.3, Z.1-2)

die als Fremdbild für jeden, ja, komisch erscheinen würden. Aber die sind es ja nicht, sie (.....) Daran muß man, glaube ich, 'ne Einstellung haben oder, wer sie nicht hat, bekommen. (Nachtrag Fr. A, S.3, Z.16-19)

  1. Unterkategorie: Erschwernisse in der Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"

Siehe S. 104, unter der V. Hauptkategorie: '"Behinderte" haben es schwer.'.

  1. Unterkategorie: Unangenehme Eigenschaften von Menschen mit "Behinderung"

Siehe S. 90, unter der I. Hauptkategorie: 'Assoziationen zu "Behinderten"'.

  1. Unterkategorie: Menschen mit "Behinderung" sollten in die Gesellschaft aufgenommen werden.

Kodierregel:

In diese Kategorie gehören Textstellen, in denen gesagt wird, Menschen mit "Behinderung" sollten in die Gesellschaft aufgenommen und akzeptiert werden, wie sie sind.

Ankerbeispiele:

Ich denke mir, ich würde einfach sagen, daß man sich da mehr Gedanken drüber machen sollte und die, die Behinderten so akzeptieren, wie sie sind. Und auch in der Gemeinschaft aufnehmen, wenn sie auch manchmal für uns eigenartig aussehen. (Zum Beispiel Spaschti- äh,äh Gelähmte oder die sich nicht artikulieren können, die die wirklich Schwierigkeiten haben, die als Fremdbild für jeden, ja, komisch erscheinen würden.) Aber die sind es ja nicht, sie (.....) Daran muß man, glaube ich, 'ne Einstellung haben oder, wer sie nicht hat, bekommen. (Nachtrag Fr. A, S.3, Z.12-19)

Paraphrase:

Menschen mit "Behinderung" brauchen Gesellschaft.

Menschen mit "Behinderung" sollten in die Gesellschaft aufgenommen werden.

Auch, wenn sie eigenartig aussehen oder sprechen etc.

Weitere Zitate:

Braucht (Pflege,) Gesellschaft (Lucky unter 2., S.2, Z.10)

die Leute brauchen äh, jemand, mit dem sie reden können, der möglichst ohne Vorurteile ist. Einfach Gesellschaft haben! (Luckyunter 4., S.3, Z.1-2)

Ja, sie vielleicht nur Akzeptieren, so wie sie sind. (Fr. A unter 4., S.2, Z.29)

Daß man da versucht, ja, sie einfach, ja, in die Gemeinschaft aufzunehmen wie, wie, wie sie jetzt in ihrer Art sind, wie sie auch normal als, als Nichtbehinderte eh Frau oder Lesbe ehm ja sein würde. Oder in der Gemeinschaft eben als normal betrachtet werden. (Fr. A unter 4., S.3, Z.30 - S.4, Z.1)

  1. Unterkategorie: Mitleid

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen alle Zitate, die von Mitleid gegenüber Menschen mit "Behinderung" handeln.

Ankerbeispiel:

daß die von andern bemitleidet werden (Donald unter 1., S.2, Z.10)

Paraphrase:

Mit "Behinderten" hat man Mitleid.

Kontakte werden möglicherweise nur aus Mitleid gehalten.

Weitere Zitate:

Der Verdacht, daß andere Leute nur Mitleid mit einem haben. (Lucky unter 1., S.2, Z.4-5)

Fragen, die bei der behinderten Frau aufkommen bezüglich der Partnerin, warum bleibt die jetzt noch bei mir, etc. (Lucky unter 3., S.2, Z.21-22)

Ja, vielleicht würde ich bei Frau, behindert hm mehr Mitleid haben als bei Mann, behindert. (Wenn ich so richtig in mich reinfühle so.(...)) Daß ich bei, bei Frau eher Mitleid, eher mitleidiger bin als beim Mann. (Hr. B unter 2., S.2, Z.14-18)

V. Hauptkategorie: "Behinderte" haben es schwer.

  1. Unterkategorie: "Behinderte" haben es schwer.

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Zitate gesammelt, die sagen, daß Menschen mit "Behinderung es schwer haben, es schwerer als "Normale", meint "Nichtbehinderte", haben oder Schwierigkeiten haben.

Ankerbeispiele:

Ich nehm an, daß sie's schwerer haben. (Kätchen unter 5., S.3, Z.2)

Weil sie durch die Gesellschaft, durch die Vorurteile, die die Behinderten -- oder Vorurteile, die gegenüber Behinderten bestehen, dat is, ist nicht, kann ich mir vorstellen, nicht ganz einfach als Behinderter überhaupt in unserer Gesellschaft zu leben. Man wird irgendwo ausgeschlossen. (Hr. B unter 5., S.3, Z.6-9)

Paraphrase:

"Behinderte" haben es schwerer als "normale" Menschen.

Sie haben Schwierigkeiten, die "Nichtbehinderte" nicht haben.

Weitere Zitate:

daß die -- es schwerer haben (...) und -- ja, nochmal, daß sie es schwerer haben als an-, als normale Menschen. (Donald unter 1., S.2, Z.9-12)

Daß die ja doch dann wahrscheinlich ja speziell mit ihrer hm Lesbischsein noch größere Schwierigkeiten haben als eine, die nor-, "normal" in Anführungsstrichen ist. (Heterosexuelle Frauen mit "Behinderung" haben also Schwierigkeiten und Lesben mit "Behinderung" noch größere. (Anm.: B.-U.R.)) (Fr. A. unter 3., S.2, Z.23-25)

Naja, daß es schwierig ist, als Frau vielleicht einen Partner zu bekommen. Daß sie Familie haben möchten. Daß vielleicht auch die Schwierigkeit besteht, in der Gemeinschaft integriert zu werden. Als Frau vielleicht mehr als als Mann. Oder Sport Möglichkeiten zu treiben. Oder aber auch Kinder zu bekommen als Behinderte. Das ja eigentlich möglich ist, aber, denk ich mir, schwieriger ist als für einen Mann. (Fr. A unter 2., S.2, Z.12-16)

Zum Beispiel Spaschti- äh,äh Gelähmte oder die sich nicht artikulieren können, die die wirklich Schwierigkeiten haben, die als Fremdbild für jeden, ja, komisch erscheinen würden. (Nachtrag Fr. A, S.3, Z.14-16)

  1. Unterkategorie: Frauen mit "Behinderung" haben es schwerer als Männer mit "Behinderung".

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Zitate, die sagen, daß Frauen mit "Behinderung" es schwer haben, es schwerer als Männer mit "Behinderung" und schwerer als "Nichtbehinderte".

Ankerbeispiel:

Nur daß die das noch 'n bißchen schwerer haben, weil sie als Frau auch schon benachteiligt sind in der Gesellschaft. (Donald unter 2., S.2, Z.19-20)

Paraphrase:

Frauen mit "Behinderung" haben es schwerer als Männer mit "Behinderung".

Sie sind als Frauen gesellschaftlich benachteiligt und als "Behinderte" ebenso.

Weitere Zitate:

Naja, daß es schwierig ist, als Frau vielleicht einen Partner zu bekommen. Daß sie Familie haben möchten. Daß vielleicht auch die Schwierigkeit besteht, in der Gemeinschaft integriert zu werden. Als Frau vielleicht mehr als als Mann. Oder Sport Möglichkeiten zu treiben. Oder aber auch Kinder zu bekommen als Behinderte. Das ja eigentlich möglich ist, aber, denk ich mir, schwieriger ist als für einen Mann. (Fr. A unter 2., S.2, Z.12-16)

Daß die ja doch dann wahrscheinlich ja speziell mit ihrer hm Lesbischsein noch größere Schwierigkeiten haben als eine, die nor-, "normal" in Anführungsstrichen ist. (Heterosexuelle Frauen mit "Behinderung" haben also Schwierigkeiten und Lesben mit "Behinderung" noch größere. (Anm.: B.-U.R.)) (Fr. A. unter 3., S.2, Z.23-25)

Bei folgender Textstelle bin ich nicht sicher, ob sie entsprechend dieser Kategorie gemeint ist:

Ja, vielleicht würde ich bei Frau, behindert hm mehr Mitleid haben als bei Mann, behindert. (Wenn ich so richtig in mich reinfühle so.(...)) Daß ich bei, bei Frau eher Mitleid, eher mitleidiger bin als beim Mann. (Hr. B unter 2., S.2, Z.14-18)

  1. Unterkategorie: Lesben mit "Behinderung" haben es besonders schwer.

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Zitate gesammelt, die sagen, daß es schwer oder besonders schwer sei, Lesbe mit "Behinderung" zu sein.

Ankerbeispiele:

(Lebenswert ist sowieso schon schwer für jeden zu finden. Und für Behinderte mit Sicherheit noch schwerer.) Und für behinderte, sag ich dann mal, Lesben, wenn die das offen zugeben, noch schwerer. (K unter 5., S.3, Z.2-5)

Schwierigkeiten, Kontakt aufzunehmen mit normalen Leuten durch, äh, Vorurteile, die man sich denkt, die andere über einen haben. Einmal bedingt durch ([schaltet kurz das Gerät ab]) ((die Behinderung/Vorurteile wegen der Behinderung)) und zum zweiten ist das Thema "Homosexualität" ja immer noch ein Begriff für Vorurteile. (Lucky unter 3., S.2, Z.22-26)

Paraphrase:

Lesben mit "Behinderung" haben es besonders schwer.

Es gibt gesellschaftliche Vorurteile in Hinsicht auf Homosexualität, die die Situation für Lesben mit "Behinderung" erschweren.

Für Lesben mit "Behinderung" ist es wichtig, Gleichgesinnte zu finden.

Weitere Zitate:

daß ihre sexuelle Orientierung anders ist. Daß das noch erschwerend dazu kommen kann. (Donald unter 3., S.2, Z.23-24)

Es ist vielleicht ein zusätzliches Handicap, was man, wenn man sich nicht dazu stellt, das heißt, wenn man da nicht mit umgehen kann, auch noch erleben kann. Daß man da von der Bevölkerung, von, von Leuten, muß auch nicht immer so sein, aber es kann durchaus, kann ich mir vorstellen, kann es dann noch ein zusätzliches, ein zusätzlicher Faktor ist, wie die Leute einen / ((auffangen /aufnehmen)) und /// ((dagegen stark machen)).(Donald unter 3., S.2, Z.27-31)

Doppelte Belastung für beide in der Beziehung (Lucky unter 3., S.2, Z. 21)

Denk ich, kommt es nur drauf an, ja Gleichgesinnte zu finden, unter Normalen wird es, glaub ich, schwierig werden. Daß die ja doch dann wahrscheinlich ja speziell mit ihrer hm Lesbischsein noch größere Schwierigkeiten haben als eine, die nor-, "normal" in Anführungsstrichen ist. (Heterosexuelle Frauen mit "Behinderung" haben also Schwierigkeiten und Lesben mit "Behinderung" noch größere. (Anm.: B.-U.R.)) (Fr. A. unter 3., S.2, Z.22-25)

  1. Unterkategorie: Erschwernisse in der Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"

Kodierregel:

In diese Kategorie gehören Zitate, die mit Erschwernissen in der Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung" zu tun haben.

Ankerbeispiele:

schlecht artikulieren, was anderen unangenehm ist, das man sie nicht versteht. (Fr. A, S.2, Z.2)

Weil sie durch die Gesellschaft, durch die Vorurteile, die die Behinderten -- oder Vorurteile, die gegenüber Behinderten bestehen, dat ist nicht, kann ich mir vorstellen, nicht ganz einfach als Behinderter überhaupt in unserer Gesellschaft zu leben. Man wird irgendwo ausgeschlossen. (Hr. B unter 5., S.3, Z.6-9)

Paraphrase:

Durch Vorurteile gegenüber Menschen mit "Behinderung" ist der Kontakt zwischen Menschen mit und ohne "Behinderung" erschwert.

Dadurch, wie "Behinderte" sind, ist der Kontakt mit ihnen schwierig oder unangenehm.

Weitere Zitate:

Ausgeschlossenheit, (...) Störung des Selbstbewußtseins. (...) Der Verdacht, daß andere Leute nur Mitleid mit einem haben. (Lucky unter 1., S.1, Z.31 - S.2, Z.5)

(die Leute brauchen äh, jemand, mit dem sie reden können,) der möglichst ohne Vorurteile ist. (Einfach Gesellschaft haben!) (Lucky unter 4., S.3, Z.1-2)

Fragen, die bei der behinderten Frau aufkommen bezüglich der Partnerin, warum bleibt die jetzt noch bei mir, etc. -- Schwierigkeiten, Kontakt aufzunehmen mit normalen Leuten durch, äh, Vorurteile, die man sich denkt, die andere über einen haben. Einmal bedingt durch ([schaltet kurz das Gerät ab]) ((die Behinderung/Vorurteile wegen der Behinderung)) und zum zweiten ist das Thema "Homosexualität" ja immer noch ein Begriff für Vorurteile. (Lucky unter 3., S.2, Z.21-26)

Und daß man da nicht weiß, soll man helfen oder soll man nicht. Daß man da eben in Schwierigkeiten gerät. (Fr. A, S.2, Z.4-5)

  1. Unterkategorie: Schwierige Lebenssituation der Menschen mit "Behinderung"

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Zitate aufgezählt, in denen verschiedene Aspekt aufgeführt werden, die die Lebenssituation von Menschen mit "Behinderung" erschweren oder in denen die Lebenssituation als schwierig dargestellt wird.

Ankerbeispiel:

Ausgeschlossenheit, (...) Langeweile. Störung des Selbstbewußtseins. (...) Der Verdacht, daß andere Leute nur Mitleid mit einem haben (Lucky unter 1., S.1, Z.31 - S.2, Z.5)

Paraphrase:

Menschen mit "Behinderung" haben unter Ausgeschlossenheit, Vorurteilen und Ausgrenzung zu leiden.

Weitere Zitate:

falls Ledig: Einsamkeit (Lucky unter 2., S.2, Z.10-11)

Braucht (Pflege,) Gesellschaft (Lucky unter 2., S.2, Z.10)

Lesbisch oder Frau oder, oder behinderter Mann, die Leute brauchen Hilfe, die Leute brauchen Unterstützung, die Leute brauchen äh, jemand, mit dem sie reden können, der möglichst ohne Vorurteile ist. Einfach Gesellschaft haben! (Lucky unter 4., S.2, Z.32 - S.3, Z.2)

Weil sie durch die Gesellschaft, durch die Vorurteile, die die Behinderten -- oder Vorurteile, die gegenüber Behinderten bestehen, dat ist nicht, kann ich mir vorstellen, nicht ganz einfach als Behinderter überhaupt in unserer Gesellschaft zu leben. Man wird irgendwo ausgeschlossen. (Hr. B unter 5., S.3, Z.6-9)

VI. Hauptkategorie: Hilfe

Diese Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung".

  1. Unterkategorie: "Behinderte" brauchen Hilfe.

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Textstellen, die "behindert" sein und Hilfe brauchen verbinden.

Ankerbeispiele:

daß die hilflos sind (Donald unter 1., S.2, Z.9)

Die man ihnen geben könnte? (1. Reaktion von Fr. A auf die 4. Frage, S.2, Z.29)

Paraphrase:

Menschen mit "Behinderung" brauchen Hilfe.

Hilfe ist gerichtet: Sie wird von "Nichtbehinderten" an Menschen mit "Behinderung" gegeben.

Weitere Zitate:

daß die eventuell Hilfe benötigen (Donald unter 4., S.3, Z.1-2)

Daß im Grunde genommen Hilfe vielleicht gewünscht wird (Donald unter 4., S.3, Z.3)

Lesbisch oder Frau oder, oder behinderter Mann, die Leute brauchen Hilfe, die Leute brauchen Unterstützung (Lucky unter 4., S.2, Z.32 - S.3, Z.1)

Ich soll den Behinderten helfen oder, oder ? (1. Reaktion von Hr. B auf die 4. Frage, S.2, Z.29)

Kann sein, daß die Menschen Hilfe brauchen, weil sie blind sind und können, 'ne unbekannte Gegend brauchen sie Hilfe. Und dann kann ich denen die geben. (Hr. B unter 4., S.2, Z.32-33)

  1. Unterkategorie: Man möchte ihnen helfen, die wollen das aber gar nicht.

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Textstellen, in denen die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen äußern, "Behinderten" helfen zu wollen, die dies aber nicht wollen, was bei den "Nichtbehinderten" eine Irritation auslößt.

Ankerbeispiel:

Oder aber daß man ihnen gerne helfen möchte, die aber das gar nicht wollen. Und daß man da nicht weiß, soll man helfen oder soll man nicht. Daß man da eben in Schwierigkeiten gerät. (Fr. A unter 1., S.2, Z.3-5)

Paraphrase:

Man möchte "Behinderten" helfen, die wollen das aber nicht. Man weiß dann nicht, ob man trotzdem helfen soll.

Weitere Zitate:

Einmal, daß die eventuell Hilfe benötigen, aber zweitens, daß sie eigentlich erst recht alles selber machen wollen. Also, daß daß das. Daß im Grunde genommen Hilfe vielleicht gewünscht wird, aber nicht, nicht angenommen werden kann. (Donald unter 4., S.3, Z.1-4)

Wenn Hilfe, ja, nötig ist oder wenn sie sie wollen, (.....) (Fr. A unter 4., S.2, Z.30)

VII. Hauptkategorie: Der "Lebenswert"

  1. Unterkategorie:"Behinderte" haben es schwerer, besonders Lesben.

Kodierregel:

In dieser Kategorie sammele ich Aussagen, daß Menschen mit "Behinderung" es schwerer hätten und ihr "Lebenswert" dadurch eingeschränkt sein könne.

Ankerbeispiel:

Lebenswert allgemein von Behinderten kann sehr eingeschränkt sein. Weil sie durch die Gesellschaft, durch die Vorurteile, die die Behinderten -- oder Vorurteile, die gegenüber Behinderten bestehen, dat is, ist nicht, kann ich mir vorstellen, nicht ganz einfach als Behinderter überhaupt in unserer Gesellschaft zu leben. (Hr. B unter 5., S.3, Z.6-9)

Paraphrase:

Weil Menschen mit "Behinderung" es schwerer haben, kann ihr Lebenswert eingeschränkt sein.

Weitere Zitate:

Ich nehm an, daß sie's schwerer haben. Ja überhaupt, 'n Lebenswert. Ich mein', Lebenswert ist sowieso schon schwer für jeden zu finden. Und für Behinderte mit Sicherheit noch schwerer. Und für behinderte, sag ich dann mal, Lesben, wenn die das offen zugeben, noch schwerer. (Kätchen unter 5., S.3, Z.2-5)

Und zwar hängt das eigentlich da nicht von der Behinderung ab, ob jemand lesbisch ist oder nicht oder ob jemand meint, das wär nicht in Ordnung, sondern wie der sich selbst dazu stellt und im Grunde genommen damit auch fertig wird. Das ist natürlich eine Herrausforderung. (Donald unter 5., S.3, Z.20-23)

  1. Unterkategorie: Die Frage finde ich komisch.

Kodierregel:

In dieser Kategorie gebe ich Zitate wieder, in denen sich die InterviewpartnerInnen über die Frage nach dem "Lebenswert" von Menschen mit "Behinderung" wundern, die Frage "nicht verstehen" oder abweisen.

Ankerbeispiel:

Also entschuldigung mal, die Frage versteh' ich jetzt gar nicht! ([Schaltet das Gerät ab.]) Da gibt's keinen Unterschied zwischen dem Lebenswert eines behinderten Mannes, einer behinderten Frau oder einer behinderten Lesbe. Und was soll überhaupt die Frage nach dem Lebenswert?! (Lucky unter 5., S.3, Z.7-10)

Paraphrase:

Die Frage finde ich komisch.

Die Frage verstehe ich nicht!

Was soll die Frage nach dem Lebenswert?

Weitere Zitate:

Also die Frage finde ich ein bißchen komisch, muß ich sagen. Äh, also, sollte dahinterstecken die Frage, ob, ob da, ob man die vielleicht weniger, das, das Leben weniger wertvoll ist. Oder was meint die Frage? Denn das, die Frage war mir nicht so ganz klar. (Donald unter 5., S.3, Z.10-15)

Also die Frage muß mir jetzt mal einer auseinander klamüsern! (Lucky unter 5., S.3, Z.5)

Die haben genauso 'n Anspruch zu, auf Leben wie wir. (Anja unter 5., S.2, Z.16)

6.3 Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung"

In diesem Kapitel befindet sich unter 6.3.1 ein Überblick über die Titel der gesamten Kategorien, die sich nach Bearbeitung der Interviews mit den Frauen und Lesben mit "Behinderung" ergeben haben, quasi ein Kategorienverzeichnis. Unter 6.3.2 findet sich dann das komplette Kategoriensystem mit allen Zitaten, Paraphrasen und Kodierregeln.

6.3.1 Kategorien der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung"

I. Hauptkategorie: Assoziationen zu "Behinderten", Frauen und Lesben mit "Behinderung"

  1. Zwischenkategorie: Assoziationen zu "Behinderten"

  2. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Menschen mit "Behinderung"

  3. Unterkategorie: Anders-Sein im positiven Sinne

  4. Unterkategorie: Gesellschaftliche Diskriminierung

  5. Unterkategorie: Kraft und Kämpfen

  6. Unterkategorie: Ausgrenzung

  7. Unterkategorie: Bauliche Hindernisse und andere Arten der äußeren Nicht-Zugänglichkeit

  8. Unterkategorie: Besondere Lebenssituation von Menschen mit "Behinderung"

  9. Unterkategorie: Hilfsmittel

  10. Zwischenkategorie: Assoziationen zu Frauen und Lesben mit "Behinderung"

  11. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Frauen mit "Behinderung"

  12. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Lesben mit "Behinderung"

  13. Unterkategorie: Die "Szenen" von Frauen und Lesben mit "Behinderung" und das Miteinander in denselben

  14. Unterkategorie: Zärtlichkeit, Sexualität, Kinder

II. Hauptkategorie: Frauen- und lesbenspezifische Besonderheiten

  1. Zwischenkategorie: Was unterscheidet Frauen mit "Behinderung" von allgemein "Behinderten"?

  2. Unterkategorie: Doppelte Diskriminierung

  3. Unterkategorie: Frauen und Lesben mit "Behinderung" als sexuelle Neutren

  4. Unterkategorie: Ausgrenzung aus der FrauenLesben-Szene

  5. Unterkategorie: Forderung nach weiblicher Assistenz für Frauen und Lesben mit "Behinderung"

  6. Unterkategorie: Schönheitsideal

  7. Zwischenkategorie: Was unterscheidet Lesben mit "Behinderung" von allgemein "Behinderten"?

  8. Unterkategorie: Lesben erleben noch weniger Akzeptanz.

  9. Unterkategorie: Ausgrenzung aus der Lesben-Szene

III. Hauptkategorie: Positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"

  1. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen, Lesben mit "Behinderung"

  2. Unterkategorie: Negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen, Lesben mit "Behinderung"

  3. Unterkategorie: Negative besetzte Assoziationen zum gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit "Behinderung"

  4. Unterkategorie: Negativ besetzte Assoziationen (unklar, worüber)

IV. Hauptkategorie: Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"

  1. Unterkategorie: Die Unangemessenheit des Fremdbildes und das Abgrenzen und Kämpfen dagegen

  2. Unterkategorie: Ausgrenzung

  3. Unterkategorie: Ausgrenzung aus der FrauenLesben-Szene

  4. Unterkategorie: Gesellschaftliche Diskriminierung

  5. Unterkategorie: Kraft und Kämpfen

  6. Unterkategorie: Es geht dir nicht schlecht wegen der "Behinderung", sondern wegen des gesellschaftlichen Umfelds.

  7. Unterkategorie: Seltsame Äußerungen "Nichtbehinderter"

  8. Unterkategorie: Geschichten von Erlebnissen mit "Nichtbehinderten", insbesondere mit "nichtbehinderten" Frauen und Lesben

V. Hauptkategorie: Sexualität und sexuelle Orientierung

  1. Unterkategorie: Frauen und Lesben mit "Behinderung" als sexuelle Neutren

  2. Unterkategorie: Das Fremdbild, Frauen mit "Behinderung" seien unattraktiv und fänden nur schwer eineN PartnerIn

  3. Unterkategorie: Fehleinschätzung der sexuellen Orientierung im Fremdbild

  4. Unterkategorie: Frauen und Lesben mit "Behinderung" sind, wenn überhaupt, dann heterosexuell.

VI. Hauptkategorie: Hilfe

  1. Unterkategorie: Negative Begriffe in Zusammenhang mit Hilfe

  2. Unterkategorie: Aufgedrängte, aber ungebrauchte Hilfe

  3. Unterkategorie: Frauen mit "Behinderung" dürfen sich noch weniger von unerwünschter Hilfe abgrenzen.

  4. Unterkategorie: Kontakt unterbleiben, weil "Nichtbehinderte" mit "behindert" Hilfeabhängigkeit assoziieren.

  5. Unterkategorie: Es geht nicht um die Bedürfnisse der Menschen mit "Behinderung".

  6. Unterkategorie: Tatsächlich nötige Hilfe, die der Selbstbestimmung dient, passiert nicht.

  7. Unterkategorie: Forderung nach weiblicher Assistenz für Frauen und Lesben mit "Behinderung"

  8. Unterkategorie: Hilfe muß auf die eine oder andere Weise bezahlt werden.

VII. Hauptkategorie: Die Diskussion über den "Lebenswert"

  1. Unterkategorie: Der "Lebenswert" von Menschen mit "Behinderung" darf nicht zu Diskussion stehen!

  2. Unterkategorie: Ich finde die Diskussionen ganz schlimm.

  3. Unterkategorie: Die Diskussion ist in letzten Jahren wieder erstarkt.

  4. Unterkategorie: Leben mit "Behinderung" ist nichts negatives.

Hauptkategorie: Das Fremdbild

  1. Unterkategorie: Aspekte des Fremdbilds

  2. Unterkategorie: Die Unangemessenheit des Fremdbildes und das Abgrenzen und Kämpfen dagegen

  3. Unterkategorie: Das Fremdbild, Frauen mit "Behinderung" seien unattraktiv und fänden nur schwer eineN PartnerIn

  4. Unterkategorie: Kontakt unterbleiben, weil "Nichtbehinderte" mit "behindert" Hilfeabhängigkeit assoziieren.

  5. Unterkategorie: Fehleinschätzung der sexuellen Orientierung im Fremdbild

6.3.2 Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung"

Anmerkungen:

Mit "(...)" habe ich Auslassungen innerhalb der Zitate gekennzeichnet. Diese Auslassungen wurden gemacht, wenn der ausgelassene Text für die jeweilige Kategorie nicht von Belang war oder ablenkte.

In Klammern gesetzt habe ich solche Teile der Zitate, die zum Verständnis der Aussagen zwar nötig, aber zum Inhalt der Kategorie nicht zugehörig waren.

In Kursivdruck gedruckt sind Begriffe, die ich innerhalb des jeweiligen Zitates zum besseren Verständniss besonders betonen oder hervorheben möchte.

Unterstreichungen in Textstellen stellen nicht Hervorhebungen von mir dar, sondern besondere Betonungen seitens der InterviewpartnerInnen während ihres Sprechens.

Die Reihenfolge der Unterkategorien hängt mit der Menge der zugehörigen Aussagen aus den Interviews und mit inhaltlicher Zusammengehörigkeit und Reihenfolge zusammen. Desto höher die jeweilige Unterkategorie innerhalb der Hauptkategorie steht, desto mehr haben die InterviewpartnerInnen also in der Regel diese vertreten.

Einige der Unterkategorien passen zu verschiedenen Hauptkategorien. Nach inhaltlichen Abwägungen habe ich sie unter einer Hauptkategorie ausgeführt, d.h. mit Inhalt gefüllt. Unter der anderen möglichen Hauptkategorie findet sich ein Verweis auf den Ort, an dem die Ausführungen zu finden sind.

Unter "weitere Zitate" habe ich die Aussagen, die von ein und derselben Person gemacht wurden, in der Regel ohne Leerzeile direkt nacheinander aufgeführt, damit die Zugehörigkeit zu den jeweiligen Personen sichtbar ist. Von dieser Regel bin ich allerding abgewichen, wenn es für die bessere Verständlichkeit oder Lesbarkeit von Nutzen war, wie z.B. bei den teilweise sehr langen Textpassagen der Interviewpartnerin "Pferd".

Hinter der Zitaten steht in Klammern, wo diese zu finden sind.

Beispiel:

(Kätchen unter 2., S.2, Z.12)

An erster Stelle steht der Name der InterviewpartnerIn, hier "Kätchen". Das Interview ist im Anhang unter ihrem Namen zu finden.

"unter 2." sagt, auf welche Frage hin die entsprechende Aussage gemacht wurde. Hier also auf die 2. Frage hin. Der Zusammenhang der Äußerungen zur vorange-gangenen Frage kann interessant sein und sollte nicht außer Acht gelassen werden. Der Wortlaut der einzelnen Fragen steht am Ende dieses Absatzes.

"S. 2" ist die Seite innerhalb des Interviews im Anhang und "Z.12" der Zeilenbereich des Zitates.

Die Fragen:

  1. Nenne bitte ca. 10 Wörter, die Dir zum Begriff "Behinderte" einfallen! Einfach die Wörter, die Dir als erstes einfallen, so ähnlich wie bei "Dalli-Dalli"!

Bei den nächsten beiden Fragen darfst Du Begriffe, die Du vorher schon genannt hast, wiederholen, wenn sie dazu passen.

  1. Was für Begriffe fallen Dir zu "Frau mit "Behinderung"" ein?

  2. Was für Begriffe fallen Dir zu "Lesbe mit "Behinderung""ein?

  3. Was denkst Du zu "Behinderte" bzw. ""behinderte" Frau oder Lesbe" und "Hilfe" (betont gesprochen)?

  4. Was denkst Du über den "Lebenswert" von "behinderten" Frauen bzw. "behinderten" Lesben?

  5. Wirst Du von fremden Leuten als heterosexuelle, als bisexuelle Frau, als Lesbe oder als Neutrum bzw. "sexualitätslos" angesehen? Wirst Du von fremden Leuten als heterosexuelle, als bisexuelle Frau, als Lesbe oder als Neutrum bzw. "sexualitätslos" angesehen?

I. Hauptkategorie: Assoziationen zu "Behinderten", Frauen und Lesben mit "Behinderung"

Eine ähnliche Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der InterviewpartnerInnen ohne "Behinderung".

  1. Zwischenkategorie: Assoziationen zu "Behinderten"

  2. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Menschen mit "Behinderung"

Siehe S. 130, unter der III. Hauptkategorie: 'Positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"'.

  1. Unterkategorie: Anders-Sein im positiven Sinne

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Textstellen, in denen gesagt wird, daß Men-schen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung" im positiven Sinne etwas Besonderes und nicht "normal" sind und positive Begriffe hiermit verbun-den werden.

Ankerbeispiele:

interessant, aufregend, neugierig, (...) -- schön, anders, besser -- (...) Bunt. (Laura unter 1., S.1, Z.26 - S.2, Z.1)

Find ich gut. (I: Was?) Lesben mit "Behinderung". ([allgemeines Lachen]) Weil, so. Ich bin froh, "behindert" zu sein. Finde ich gut, Frau und "behindert" zu sein. Und Lesbe und "behindert" zu sein, ist noch besser. Das ist total anders! (Nina unter 3., S.4, Z.28-33)

interessant fällt mir da ein. So als Wort. Und -- Vielfältig fällt mir auch noch ein. (Pferd unter 3., S.7, Z.11-12)

Paraphrase:

Menschen, Frauen und Lesben mit "Behinderung" sind etwas besonderes.

Sie sind im positiven Sinne nicht "normal".

Sie sind vielfältig, aufregend, schön und es ist gut, daß es sie gibt.

Weitere Zitate:

Ja, auch bunt. Bunt fällt mir auf jeden Fall ein. (...) -- interessant, (...)Ehm -- Interessant, weiß ich nicht, ob ich das jetzt schon gesagt habe. Schön, -- aufregend (...) Frühling! Frühling fällt mir da ein, ja, das stimmt. (Laura unter 2., S.2, Z.6-13)

Aufregend. -- Blumen. -- Besonders. -- Meer (I: "Meer" mit Doppel-E oder "mehr" - viel mehr?) Ja, das hab ich auch grad überlegt, als ich's sagte. Weil erst meinte ich das Meer mit Doppel-E und dann meine ich jetzt beides. Ehm. -- Erotisch, aufregend, -- aufblühend, -- verschieden, -- nicht normal, also normal im negativen Sinne, also dies (.....) Ehm. -- Mu-sik, -- So ein Stückchen Hoffnung (Laura unter 3., S.3, Z.1-7)

Faszinierend. (Laura unter 3., S.3, Z.16)

Anders-Sein. (Nina unter 1., S.2, Z.1)

Was mir auch positiv einfällt, ist mein Postkartenverlag! Beziehungsweise die Möglichkeit, ganz besondere Formen zu finden, sich künstlerisch auszudrücken. (Nina unter 2., S.3, Z.1-2)

Besondere Gruppe. Etwas Besonderes. (I: Meinst Du das positiv oder ne-gativ, +"etwas besonderes"?) Positiv.+ (Pferd unter 1., S.2, Z.7-9)

Gut, daß es sie gibt! (Pferd unter 3., S.8, Z.19)

Irgendwie: Schön. (Pferd unter 3., S.8, Z.21)

  1. Unterkategorie: Gesellschaftliche Diskriminierung

Ich habe diese Kategorie hier und nicht unter 'Interaktion mit "Nichtbehinderten"' ausgeführt, weil viele der Assoziationen zu "Behinderte", Frau mit "Behinderung" und Lesbe mit "Behinderung" nicht z.B. Eigenschaften von Menschen mit "Behinderung" waren, sondern sich auf gesellschaftliche Diskriminierung bezogen. Den Frauen mit "Behinderung" fiel zu "Behinderte" gesellschaftliche Diskriminierung ein und deshalb soll sie auch an dieser Stelle stehen.

Es hätten sich noch weitaus mehr Zitate unter dieser Kategorie einfügen lassen, ich habe mich jedoch auf diese Beispiele beschränkt. Sie können das Feld der gesellschaftlichen Diskriminierung grob umreißen. Für eine genauere Betrachtung verweise ich außerdem auf andere Kategorien in dieser Richtung, wie z.B. 'Ausgrenzung', 'seltsame Reaktionen','Fremdbild', 'bauliche Hindernisse', ... .

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie werden Textstellen aufgeführt, in denen die Interviewpartnerinnen "Diskriminierung" zu Menschen bzw. Frauen mit "Behinderung" assoziieren, von gesellschaftlicher Diskriminierung sprechen oder Diskriminierungssituationen beschreiben.

Ankerbeispiele:

Diskriminierung. Nicht anerkannt zu sein (Linda unter 2., S.2, Z.24)

Also wenn uns irgendwelche Behinderungen in den Weg gelegt werden, dann ist es natürlich nicht nur lästig, sondern unschön. Wenn ich zum Beispiel nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, weil die öffentlichen Nahverkehrsmittel nicht zugänglich sind oder die Kneipen nicht "Behinderten"-gerechte Klos haben oder "Behinderten"-, nicht zugänglich, bla blub, blub. (Rolli unter 5., S.4, Z.15-19)

das alles, was jetzt so in den letzten Jahren passiert ist mit der Pflegeversicherung mit diesem teilweise wieder Rückwärtsentwicklung, was so selbstständige Wohnformen und so angeht, also daß das alles wieder so'n, so eine Tendenz ist, ja, ehm, 'satt und sauber' bestenfalls, 'ne. So, so, daß finde ich, und daß es da letztendlich also auch noch mal um so eine ganz, daß alles, was unter sozialem gesellschaftlichem Leben stattfindet, oftmals gar nicht mehr so möglich ist, 'ne. Und ja, daß ist für mich halt einfach sozialer Mord. (Pferd unter 5., S.15, Z.18-24)

Paraphrase:

Denke ich an Menschen mit "Behinderung", denke ich an Diskriminierung.

Menschen mit "Behinderung" werden auf verschiedenste Weise aus dem gesellschaftlichen Leben ausgegrenzt.

Menschen mit "Behinderung" werden benachteiligt, nicht anerkannt oder nicht für voll genommen.

Weitere Zitate:

Probleme, mit andern Menschen Probleme (Linda unter 1., S.1, Z.29)

mehr mehr Kraft investieren müssen, um, um selbst- oder selbstbestimmt leben zu können (Linda unter 2., S.2, Z.32-33)

Diskriminierung, Ausgrenzung (Nina unter 1., S.2, Z.1)

Wenig Geld haben. (Nina unter 1., S.2, Z.10)

Doppelte Diskriminierung. (Nina unter 2., S.2, Z.19)

Es ist sehr schwierig, weil nicht nur der Druck da ist, von einen Bild, also von einem negativen "Behinderten"-Bild, sondern auch Abwertung als Frau. Das heißt, daß Du als Frau mit "Behinderung" oder als Lesbe mit "Behinderung" immernoch mal gegen so viele Fremdbilder ankämpfen mußt. (Nina unter 2., S.3, Z.16-20)

Und auch zweitens so ein Bild davon zu Gesundheit, daß Gesundheit ganz oben steht. (...) Und es gibt ein bestimmtes Bild von Gesundheit. Und dazu zählt, alle Arme müssen da sein, alle Arme, alle Beine, hörend, sprechend, sehend, riechend, muß alles da sein. (Nina unter 5., S.8, Z.20-24)

Restaurants, aus denen frau rausfliegt. (Rolli unter 1., S.2, Z.2)

bei "Behinderte" fallen mir die "Behinderten"-Diskriminierungen ein (Rolli unter 2., S.2, 13-14)

Nicht für voll genommen. (Pferd unter 1., S.2, Z.7)

Benachteiligung. (Pferd unter 2., S.3, Z.1)

unter dem Stichwort doppelte Diskriminierung. Nicht nur "behindert", sondern auch noch Frau oder umgekehrt (Pferd unter 2., S.3, Z.26-27)

ansonsten hm ja oftmals, daß mir, daß mir, daß mir Sachen so nicht zu-gänglich sind. (Pferd unter 3., S.6, Z.29-30)

es ist auch wichtig, Diskriminierungen zu benennen und zu sagen, 'ne, so und so geht das nicht', aber da, wo sie tatsächlich stattfinden. Also an den eigentlichen Knackpunkten und nicht diese Scheingefechte (Pferd unter 3., S.6, Z.10-13)

Gut, man hat zwar offiziell die Gaskammern und das alles nicht mehr so, 'ne, und, und, aber das, was an Bewußtsein, gesellschaftlichem Bewußtsein dazu besteht, das hat immer auch nach dem Krieg auch weiterbestanden und besteht auch heute auch noch. (Pfernd unter 5., S.13, Z.32 - S.14, Z.2)

Aber in den, so, wie, wie mit jetzt "behinderten" Menschen umgegangen wird oder das, was allein an Recht existiert, auch gegen sie, oder das, was, was an gesellschaftlichen Strukturen passiert, das ist, finde ich, jeden Tag zumindestens immer ein kleines Stück sozialer Mord. Also ich finde die so, unter den Stichwort "soziale Euthanasie" hat das, hat das Morden nie aufgehört. (Pferd unter 5., S.14, Z.16-21)

daß du als, als "behinderter" Mensch nicht die Möglichkeiten hast, dich gleich "Nichtbehinderten" zu entfalten. Also "nichtbehinderte" Menschen haben ja auch schon viele gesellschaftliche Beschränkungen, soziale Beschränkungen. Grad, wenn es sozial, sozial schwache Familienstrukturen sind, das ist gar nicht die Frage. Aber du hast trotzdem als "behinderter" Mensch überhaupt so, ja, entweder du paßt da irgendwie rein in diese vorgegebenen Programmen, wenn du Glück hast, oder auch nicht, ansonsten fällst, fällst du völlig raus und du hast einfach nicht die gleichen, gleichen Zugriffsmöglichkeiten, du hast noch weniger als der, als, als der, als der schlecht-bezahlteste Sozialhilfeempfänger, die ja schon verdammt wenig haben. So. Hast du nochmal weniger. Und du hast einfach nicht die, die gleichen, du hast einfach nicht die gleichen Rechte. (Pferd unter 5., S.14, Z.13 - S.15, Z.8)

Und von daher finde ich, sind die Schranken bewußtseinsmäßig schon, schon längst gefallen und diese ganze Diskussion um diesen Eu-, Europa Bioethik-Konvention, das ist auch so 'ne scheinheilige Diskussion. Gut, daß das nochmal ein großer Schritt war, aber das, was an, an Bewußtsein vorausging, das ist schon vorher, da sind die Schranken schon vorher gefallen. Da ist der Schritt dann eh dann nicht mehr so weit, zu sagen, okay, bei bestimmten "geistigen Behinderungen" brauchen die nicht mehr einwill- oder müssen die nicht mehr einwilligen. Oder ja. Oder bei, bei "behinderten" Embryonen kann man noch irgendwelche Experimente machen oder so, weiß ich nicht, 'ne. Da, da regen sich zwar alle drüber auf, aber über diese ganzen Alltäglichkeiten, die also genauso in diesen ganzen Euthanasie-Bereich fallen, da irgendwie, wo schon längst, ja, diese Grenzen gefallen sind, wird da kaum drüber diskutiert oder gesprochen. (Pferd unter 5., S.17, Z.20-31)

da ist mir das erstemal so aufgefallen, 'Huch, irgendwas ist mit mir anders.'. 'Irgendwas mußt Du mit Deiner "Behinderung" berücksichtigen.' Wenn du das nicht berücksichtigst, wirst du nicht nur, würde ich aus heutiger Sicht sagen, nicht nur in Eisenstangen gepackt und von irgend so einem scheiß Fremdbildkorsett umgeben, sondern dann wirst du niedergemacht, ausgelöscht, ausgemerzt. Egal ob emotional oder physisch. Und da hast du die Entscheidung zwischen lebenslang irgendwie hinter Eisenstangen eines, eines Fremdbildes, an das du dich, auch wenn du es nicht willst, zumindestens auf ganz subtile Art und Weise anpaßt oder, oder ja, wenn du so willst, "Euthanasie". Egal in welcher Form. Sozial oder physisch. -- Und ich glaub' irgendwie, der reine Schutzmechanismus ist dann eher, wenn man dann die Eisenstangen wählt. (Nachtrag Pferd, S.31, Z.11-21)

Ich weiß, weiß+ halt von, von, von, von 2 andern blinden Lesben halt noch, daß denen das so ähnlich gegangen ist, so mit Fremd- und Selbstbild. So und dieser Wahrnehmung dessen. (I: (Hm.) Das auch das Selbstbild sich ziemlich weit dem Fremdbild angeglichen hat?) Hm, ja oder immer dieser Zwang gespürt wird, 'Du mußt dich irgendwie angleichen, um auf einen günen Ast zu kommen'. Aber dieses einerseits nicht wollen und an vielem aber schon irgendwie angeglichen haben oder angepaßt haben, ohne daß man's so wollte oder darüber auch so ein Frust entwickelt hat. Oder so. Oder praktisch hinter, selber in, sich soweit angenähert hat, daß man im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung dem dann schon nachkommt. Sozusagen dem Fremdbild vorrauseilen, das ist doch nett! (I: Oder halt auch den Vorstellungen, wie eine sein soll, 'ne?! Wie du dich verhalten sollst wahrscheinlich, 'ne.) Ja. (Nachtrag Pferd, S.33, Z.32 - S.33, Z.9)

  1. Unterkategorie: Kraft und Kämpfen

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie führe ich Zitate auf, in denen die Interviewpartne-rinnen Kraft, Stärke, Energie, Power und Kämpfen mit Menschen (und insbesondere Frauen) mit "Behinderung" assoziieren oder beschreiben, daß sie viel kämpfen und Energie investieren müssen.

Ankerbeispiele:

Kämpfen (Ulli unter 2., S.2, Z.13)

Immer weiter viel Kraft und und Schwung dareinbringen um, um das in der Öffentlichkeit, ja, na, daß es irgendwie anerkannt wird, auch mit Behinderung leben zu können (Linda unter 1., S.2, Z.13-15)

(solche Sachen, wo ich so weiß, das gibt es als Bilder und da hab' ich also zumindest Anteile von, daß sie mir als Bilder vertraut sind, weil sie mir permanent vorgegaukelt werden) und mich es immer total viel Energie kostet, mich dagegen so, so, irgendwie zu wenden. (Pferd unter 2., S.4, Z.10-13)

Paraphrase:

Mit "Behinderung" in dieser Gesellschaft zu leben, bedeutet zu kämpfen, kämpfen, kämpfen.

Menschen, Frauen und Lesben mit "Behinderung" haben und brauchen Power und Schwung.

Manchmal bräuchte ich mehr Kraft, als ich habe.

Weitere Zitate:

Kämpfen, (Ärgern, Frust) (Ulli unter 1., S.2, Z.5)

Power (Ulli unter 2., S.2, Z.27)

Kampf (Ulli unter 3., S.3, Z.17)

mehr Kraft investieren müssen, um, um selbst- oder selbstbestimmt leben zu können (Linda unter 2., S.2, Z.32-33)

Das heißt, daß Du als Frau mit "Behinderung" oder als Lesbe mit "Behinderung" immernoch mal gegen so viele Fremdbilder ankämpfen mußt. (Nina unter 2., S.3, Z.18-20)

weil von Anfang an so'n Hilfebild gezeigt wird. Von dem du erstmal wegkommen mußt und in dich innen reinschauen mußt, 'was brauch ich selbst'. Und ich denk', es ist einständiger Kampf halt. Und zum Beispiel auch das Problem für Frauen mit "Behinderung" ist dann, daß oft total öf-fentlich Männer, zum Beispiel bei der Bahn oder auch sonstwo, auch im Krankenhaus oder so, also nicht nur Schwestern, auch Ärzte oder sonstwie (.....) (Nina unter 4., S.6, Z.19-24)

Ich hab' so keine, erleb' so keine Möglichkeit, oder ich meine, halt nicht gegen diese, diese Wand oder diese Ignoranz angehen zu können. Weil das zuviel Kraft kostet. (Pferd unter 4., S.9, Z.31 - S.10, Z.1)

(Und von daher begebe ich mich natürlich auch in "nichtbehinderte" Kreise und erlebe aber ständig, daß da diese Kategorisierung in einem Maße stattfindet, die mich entweder zu völligen Unterwerfung oder Anpassung zwingt, um überhaupt nur dabeisein zu dürfen ohne irgendwie was von meinen Bedürfnissen da äußern zu können oder umsetzen zu können. (...) ) Und daß dieses sich, sich irgendwie, dieses sich annähern und loslassen, um es überhaupt auch so für sich wenigstens so halbwegs hinzukriegen ja soviel Kraft kostet oder oft soviel, große Widersprüche sind, die nicht, die nicht auflösbar sind, also das finde ich, finde ich manchmal also -- ziemlich erdrückend (Nachtrag Pferd, S.21, Z.14-27)

das finde, finde ich so, so bescheuert, daß ich mich an einem Fremdbild beginne zu ortienieren, obwohl ich das nicht will und obwohl ich mich dagegen auflehne, 'ne, und so merke, aber ich hab' gar nicht teilweise die Kraft, mich dagegen aufzulehnen. Daß es mich umschließt, so wie so so ein paar Eisenstangen. (Nachtrag Pferd, S.29, Z.2-5)

  1. Unterkategorie: Ausgrenzung

Siehe S. 139, unter der IV. Hauptkategorie: 'Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"'.

  1. Unterkategorie: Bauliche Hindernisse und andere Arten der äußeren Nicht-Zugänglichkeit

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie sammele ich die Assoziationen von baulichen Hindernissen oder anderen Arten der äußeren Nicht-Zugänglichkeit für Menschen mit "Behinderung".

Ankerbeispiele:

Treppen (Linda unter 1., S.1, Z.29)

Stufen, Stufen, St..., (...) viele Stufen. Bordsteine. Autos, die davor parken, wenn abgesenkt ist. Nicht "behinderten"-gerechte Toiletten. (Rolli unter 1., S.1, Z.26 - S.2, Z.2)

zum Beispiel mit Infos besser auch an, an blinde Frauen jetzt vermitteln (Pferd unter 3., S.7, Z.1-2)

Paraphrase:

Menschen mit "Behinderung" sind durch verschiedenste äußerliche Hindernisse an der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben gehindert. Zu den Hindernissen gehören z.B. ein nicht "Behinderten"-gerechter öffentlicher Personennahverkehr, Informationen, die nicht in blinden- und "sehbehinderten"-gerechter Form erhältlich sind, Stufen, fehlende "Behinderten"-Toiletten.

Zu "Behinderten" fallen mir Stufen, Stufen und nochmal Stufen ein.

Weitere Zitate:

Also wenn uns irgendwelche Behinderungen in den Weg gelegt werden, dann ist es natürlich nicht nur lästig, sondern unschön. Wenn ich zum Beispiel nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, weil die öffentlichen Nahverkehrsmittel nicht zugänglich sind oder die Kneipen nicht "Behinderten"-gerechte Klos haben oder "Behinderten"-, nicht zugänglich, bla blub, blub. (Rolli unter 5., S.4, Z.15-19)

ansonsten hm ja oftmals, daß mir, daß mir, daß mir Sachen so nicht zu-gänglich sind. (Pferd unter 3., S.6, Z.29-30)

Oder so Fahrklamotten, 'ne, wo ich also nicht hinkomme, weil dann abends kein Bus und kein Nichts-Mehr fährt und, und ich mich dann entscheiden muß irgendwie, wenn es 3-4 Veranstaltungen gibt in der Woche, ich kann aber nur zu 2 hin, weil ich sonst das Taxi nicht bezahlen kann, und sich da keine von den Frauen, die irgendwie alle einzeln in ihrem Auto hocken, da bereit erklären, mich mal mitzunehmen oder das abzusprechen, 'ne. Zum Beispiel. (Pferd unter 3., S.7, Z.4-9)

  1. Unterkategorie: Besondere Lebenssituation von Menschen mit "Behinderung"

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Zuordnungen, die Besonderheiten der Lebenssituation und Lebensweise von Menschen mit "Behinderung" beschreiben.

Ankerbeispiele:

Sondereinrichtung, Aktion Sorgenkind. (Ulli unter 1., S.2, Z.8)

Krüppelfrauenthemen (Ulli unter 2., S.2, Z.27)

Wenig Geld haben. (Nina unter 1., S.2, Z.10)

Paraphrase:

Menschen mit "Behinderung" leben oft in Sondereinrichtungen.

Sie leben teilweise unter besonderen Bedingungen und in anderen Lebenssituationen als "nichtbehinderte" Menschen, sowohl im negativen wie auch im positiven Sinne.

Weitere Zitate:

wenig allein sein, telefonieren (Linda unter 1., S.1, 29-30)

Alles langsamer machen können. Aber nette Leute kennen (...) nette Behinderte kennen, kennenlernen kann man, Menschen mit Behinderung. (Linda unter 1., S.2, Z.3-13)

Devotees (Nina unter 2., S.2, Z.28)

Auch viel Fremdbestimmung. (Nina unter 3., S.4, Z.6)

(Wo vielleicht dann von, von den, wo das oftmals auch schon so die Eltern dafür sorgen, daß der "behinderte" Mann dann doch zumindestens) in der Sonderbeschulung, wo er drin ist, oder im Sonderausbildungssystem dann auch die "behinderte" Frau gleich fürs Leben mit abkriegt. Wird auch nochmal von den Eltern ganz anders für gesorgt so. (Pferd unter 2., S.4, Z.3-7)

  1. Unterkategorie: Hilfsmittel

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Assoziationen von Hilfsmitteln zu Menschen mit "Behinderung".

Ankerbeispiele:

Rollstuhl (Nina unter 1., S.2, Z.1)

Stock, Rollstuhl, Blindenstock, Hörgerät (Rolli unter 1., S.1, Z.26)

Paraphrase:

Menschen mit "Behinderung" können Rollstühle, Krücken, Hörgeräte, Blindenstöcke oder Holzbeine haben.

Weitere Zitate:

Räder, Krücken (Laura unter 1., S.1, Z.26)

Holzbeine. (Laura unter 3., S.3, Z.8)

Rampe. (Nina unter 1., S.2, Z.10)

  1. Zwischenkategorie: Assoziationen zu Frauen und Lesben mit "Behinderung"

  2. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Frauen mit "Behinderung"

Siehe S. 131, unter der III. Hauptkategorie: 'Positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"'.

  1. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Lesben mit "Behinderung"

Siehe S. 131, unter der III. Hauptkategorie: 'Positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"'.

  1. Unterkategorie: Die "Szenen" von Frauen und Lesben mit "Behinderung" und das Miteinander in denselben

Kodierregel:

In diese Kategorie gehören Aussagen, die sich auf "Szenen", Netzwerke und Zusammenhänge von Frauen und Lesben mit "Behinderung" und das Miteinander in denselben beziehen.

Ankerbeispiele:

Krüppellesbe, (...) Wohnprojekt, Netzwerk. Zusammen, gegen'nander. (...) Zusammenhalten, aber auch gegeneinander, sozusagen. -- Gemeinsamkeit. Fete. (Ulli unter 3., S.2, Z.30 - S.3, Z.11)

Auf der andern Seite viel Solidarität. Also unter "behinderten" Lesben. (Nina unter 3., S.4, Z.6-7)

Paraphrase:

Es gibt Netzwerke und Zusammenhänge von Frauen und Lesben mit "Behinderung".

Es gibt in ihnen Solidarität, Gemeinsamkeiten und Verbundenheit, aber auch Gegeneinander.

In Subkulturen kann es besondere Strukturen und Verhaltensweisen geben.

Weitere Zitate:

Netzwerk, ähm -- Zusammenhalt, Krüppelfrauen, Lesb Lesbentreff, (...) Solidarität, hab ich das schon gesagt? (Ulli unter 2., S.2, Z.13-17)

Krüppelfrauenthemen (Ulli unter 2., S.2, Z.27)

Aber nette Leute kennen (...) nette Behinderte kennen, kennenlernen kann man, Menschen mit Behinderung. (Linda unter 1., S.2, Z.5-13)

(Gehörlose Lesben. Und Gebärdensprache.) Also unsere Frauen-Lesben-Gruppe. Sind viele Lesben drinne. Und da ist auch, denke ich, die Gebärdensprache 'n bißchen anders. So gemischt mit Frauen und Lesben. (Nina unter 3., S.5, Z.4-6)

Also daß das Quatsch ist, daß sowohl ich als "behinderte" Lesbe soweit mal denke, 'ne, was, was für ein Scheiß, an was ziehen die sich da hoch, es geht doch hier gar nicht so um, um die Diskriminierung, das ist teilweise also auch nur so, um sich darüber so 'ne Identität zu holen, 'ne, durch die Abgrenzung und und und immer wieder hoch gehaltene Ausgrenzung. Nicht nur da, wo sie tatsächlich stattfindet, sondern generell, daß da nicht mehr differenziert wird, und umgekehrt auch, 'ne. Daß da, das (.....) (I: Was heißt das, "umgekehrt auch"?) Ehm, daß das einmal von den "nichtbehinderten" Lesben ausgeht dieses Ding, also von "behinderten" Lesben auch. So, so als identitätsstiftend quasi, so 'ne, so 'ne Abgrenzung und Ausgrenzung, ja, um sich halt selber darüber definieren zu können. Und, und selber halt gerade, was so, so'ne Gruppe angeht oder was als Gruppe begriffen wird von außen halt, ja so'ne Position da einnehmen zu können innerhalb der Gruppe. (I: Hmhm. Und wie würdest Du das selber sehen, wenn Du das nicht so gut findest?) Ja ich würd' sagen, klar, es ist wichtig, sich da irgendwie selber verorten zu können (und es ist auch wichtig, Diskriminierungen zu benennen und zu sagen, 'ne, so und so geht das nicht', aber da, wo sie tatsächlich stattfinden. Also an den eigentlichen Knackpunkten und nicht diese Scheingefechte, 'ne.) Sich dieses gegenseitig irgendwie vorhalten, 'Ne, da werden wir diskriminiert und hier und wir sind ja alle was besonderes und gerade dieses Lesbisch-Sein und wir stehen uns alle so gut und wir sind alle hyper-, hyper-tolerant und hyper-politisch-korrekt' und was weiß ich nicht alles und da wird so viel zugedeckt, 'ne. (I: Bezieht sich das auf Lesben ohne oder mit "Behinderung" oder beides?) Ne, das, ich denke auf beide. So und daß also ganz viel so in Kategorien gedacht wird, 'ne, verstärkt, verstärkt halt so durch, durch, durch diese Mechanismen, die also gerade so in, in so subkulturellen Szenen stattfinden, finde ich. Und daß sich das dann so, so ergibt und daß dann ja, alles wieder ganz schnell halt unter diese Diskriminierung gepackt wird und gar nicht mehr geguckt wird, was läuft denn da tatsächlich. Also bei, bei beiden, 'ne. (Pferd unter 3., S.5, Z.28 - S.6, Z.22)

Klar finde ich es total toll auch mal nur mit "behinderten" Frauen und Lesben was zu machen so, 'ne. Und finde das auch wichtig. Aber ich für mich will das nicht ausschließlich sein, weil ich will, will diese Kategorisierungen nicht, 'ne. (Nachtrag Pferd, S.21, Z.6-9)

  1. Unterkategorie: Zärtlichkeit, Sexualität, Kinder

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie werden Assoziationen von Zärtlichkeit, Erotik, Sexualität und Kindern zu Frauen und Lesben mit "Behinderung" aufgeführt.

Ankerbeispiele:

Kinder (Linda unter 3., S.4, Z.18)

Zärtlichkeit (Linda unter 3., S.4, Z.20)

Sexualität. Hab ich doch ganz vergessen. Wichtig! (Laura unter 3., S.3, Z.11-12)

Paraphrase:

Zu Frauen oder Lesben mit "Behinderung" fallen mir Kinder ein.

Zu Frauen oder Lesben mit "Behinderung" fällt mir Zärtlichkeit, Erotik, Kuscheln und Sexualität ein.

Weitere Zitate:

Kinder (Linda unter 2., S.2, Z.28)

Erotisch (Laura unter 2., S.2, Z.6)

Sexualität. (Laura unter 2., S.2, Z.11)

Erotisch (Laura unter 3., S.3, Z.6)

kuschelig! (Laura unter 3., S.3, Z.18)

II. Hauptkategorie: Frauen- und lesbenspezifische Besonderheiten

Diese Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der InterviewpartnerInnen ohne "Behinderung".

  1. Zwischenkategorie: Was unterscheidet Frauen mit "Behinderung" von allgemein "Behinderten"?

  2. Unterkategorie: Doppelte Diskriminierung

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Aussagen gesammelt, die von einer doppelten Diskriminierung von Frauen mit "Behinderung" sprechen, davon, als Frau mit "Behinderung" mehr Kraft investieren zu müssen, es schwieriger zu haben als Männer mit "Behinderung" oder Frauen ohne "Behinderung".

Ankerbeispiele:

Doppelte Diskriminierung. (Nina unter 2., S.2, Z.19)

Die Situation ist halt schwieriger für Frauen mit "Behinderung" als für "behinderte" Männer. Ja. Und. Das wird auch in der "Behinderten"-Szene zu wenig wahrgenommen. Und auch in der Frauenbewegung. (Nina unter 2., S.2, Z.28-32)

Ich glaube, viele Frauen lassen sich dann auch anfassen, auch wenn sie es nicht eigentlich wollen. Nur damit sie diesem Bild, damit nicht suggeriert wird, sie seien prüde oder sowas. Ja. Denke ich noch. Das ist ein doppeltes Problem dann für Frauen. (Nina unter 4., S.7, Z.1-4)

mehr Kraft investieren müssen, um, um selbst- oder selbstbestimmt leben zu können (Linda unter 2., S.2, Z.32-33)

Paraphrase:

Frauen mit "Behinderung" werden doppelt diskriminiert, einerseits als Frauen und andererseits als Menschen mit "Behinderung".

In verschiedenen Bereichen bringt es besondere Nachteile mit sich, Frau und "behindert" zu sein. Z.B. in Hinsicht auf Pflege, auf Abhängigkeit und Selbstbestimmung, auf das Akzeptieren ihrer Grenzen, auf das Fremdbild, auf PartnerInnenschaften etc. .

Weitere Zitate:

Diskriminierung. Nicht anerkannt zu sein (Linda unter 2., S.2, Z.24)

Bei Pflegesachen zum Beispiel fällt mir ein, daß das ziemlich blöd ist. Frau mit Behinderung zu sein. Das man sehr abhängig sein kann. (Linda unter 2., S.3, Z.10-11)

(Und ich finde schwierig, ein positives Bild von mir zu malen.) Und ich denke, für Frauen ist es viel so. Es ist sehr schwierig, weil nicht nur der Druck da ist, von einen Bild, also von einem negativen "Behinderten"-Bild, sondern auch Abwertung als Frau. Das heißt, daß Du als Frau mit "Behinderung" oder als Lesbe mit "Behinderung" immernoch mal gegen so viele Fremdbilder ankämpfen mußt. (Nina unter 2., S.3, Z.15-20)

(Die Hilfe, die ich kriege, ist nicht das, was ich brauche.) Ja. Ich denke auch, das Problem ist auch bei Frauen größer. Auch, weil es zum Beispiel schwieriger ist, weibliche Assistenz zu kriegen. Und auch zum Beispiel bei weiblicher, "nichtbehinderter" Assistenz. (Nina unter 4., S.5, Z.17-20)

Ich denk, schon die Medizin an sich ist männerbestimmt erstens.Und auch zweitens so ein Bild davon zu Gesundheit, daß Gesundheit ganz oben steht. Gesundheit wird männlich definiert. Und es gibt ein bestimmtes Bild von Gesundheit. Und dazu zählt, alle Arme müssen da sein, alle Arme, alle Beine, hörend, sprechend, sehend, riechend, muß alles da sein. Und auch bestimmtes (.....) Ich finde, es fängt nicht nur an bei "Behinderung", sondern auch zum Beispiel bei Frauen. Frauen, die aus dem Rahmen fallen, sind auch davon betroffen. (Nina unter 5., S.8, Z.20-25)

Bei Frauen würden mir Diskriminierungen einfallen, aber das sind allgemein Frauensachen, bei "Behinderte" fallen mir die "Behinderten"-Diskriminierungen ein, aber das sind "Behinderten"-Sachen und "Frau mit ""Behinderung"" fallen mir nix, nix konkr, direkt dazu ein, sondern nur für beide das. (Rolli unter 2., S.2, Z.13-16)

Benachteiligung. (Pferd unter 2., S.3, Z.1)

ich finde, daß man als Frau mit "Behinderung", wenn man sich als solche sich gibt, auch nochmal leichter verletzbar macht und auch noch schwächer wirkt nach aussen. (I: Hmhm. Warum?) Hm, ja so unter dem Stichwort doppelte Diskriminierung. Nicht nur "behindert", sondern auch noch Frau oder umgekehrt, je nachdem. Oder Frau und "behindert". (Pferd unter 2., S.3, Z.23-27)

'Hach, jetzt muß ich mich aber ganz glücklich schätzen, daß ich die- oder denjenigen habe und da muß ich auch eine ganz bestimmt Rolle einnehmen und da muß ich jetzt dran festhalten, weil, es ist sozusagen, jetzt hab ich einmal in meinem Leben Glück gehabt, jemand abgekriegt zu haben und ich schaff' das bestimmt kein zweites Mal.'. So'n Ding. Also, ich glaube, das ist so, ist so bei Frauen auch immer was anderes als bei Männern so. Wo vielleicht dann von, von den, wo das oftmals auch schon so die Eltern dafür sorgen, daß der "behinderte" Mann dann doch zumindestens in der Sonderbeschulung, wo er drin ist, oder im Sonderausbildungssystem dann auch die "behinderte" Frau gleich fürs Leben mit abkriegt. Wird auch nochmal von den Eltern ganz anders für gesorgt so. Das ist schon selbstverständlicher. 'Ne "behinderte" Frau verschwindet eher hinter Heim und Herd. Noch eher. (Pferd unter 2., S.3, Z.31 - S.4, Z.8)

  1. Unterkategorie: Frauen und Lesben mit "Behinderung" als sexuelle Neutren

Siehe S. 153, unter der V. Hauptkategorie: 'Sexualität und sexuelle Orientierung'

  1. Unterkategorie: Ausgrenzung aus der FrauenLesben-Szene

Siehe S. 142, unter der IV. Hauptkategorie: 'Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"'.

  1. Unterkategorie: Forderung nach weiblicher Assistenz für Frauen und Lesben mit "Behinderung"

Siehe S. 169, unter der VI. Hauptkategorie: 'Hilfe'.

  1. Unterkategorie: Schönheitsideal

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Äußerungen zum Schönheitsideal.

Ankerbeispiel:

dem Schönheitsideal nicht entsprechen zu können, das heißt, das kann man nicht. (Linda unter 2., S.3, Z.4)

Paraphrase:

Frauen mit "Behinderung" entsprechen nicht dem Schönheitsideal.

Weitere Zitate:

Aber sowieso für Leute, die eben Homosexuelle, oder so sind, daß sie da-durch Schwierigkeiten bekommen sicher, Lesben ohne Behinderung zu finden. Daß sie wahrscheinlich genauso Schwierigkeiten haben, Lesben ohne äh Behinderung zu finden. (I: Genauso Schwierigkeiten haben wie wer?) Wie, wie Frauen äh mit Behinderung und (I: Achso.) die Partnerschaften mit Männern suchen. (Linda unter 3., S.3, Z.26 - S.4, Z.1)

Nicht dem Schönheitsideal entsprechend. -- Und "Barbie-Puppe". (Laura unter 2., S.2, Z.29-30)

  1. Zwischenkategorie: Was unterscheidet Lesben mit "Behinderung" von allgemein Menschen oder Frauen mit "Behinderung"?

  2. Unterkategorie: Lesben erleben noch weniger Akzeptanz.

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Aussagen gesammelt, in denen die Interviewpartnerinnen von besonderen Schwierigkeiten von Lesben mit "Behinderung", von dreifacher Diskriminierung oder von noch weniger Akzeptanz sprechen.

Ankerbeispiele:

Halt Ausgrenzung. Von vielen verschiedenen Seiten. Auch viel Fremdbestimmung. (Nina unter 3., S.4, Z.5-6)

vielleicht noch weniger Akzeptanz. Noch größere Schwierigkeiten, so zu leben, wie frau leben will, in wel, in zu, die Wohnzusammenhänge. Belächelt werden. (Rolli unter 3., S.3, Z.2-5)

Paraphrase:

Lesben mit "Behinderung" erleben noch weniger Akzeptanz.

Lesben mit "Behinderung" erleben Diskriminierung in Hinsicht auf ihr Geschlecht, ihre "Behinderung" und ihre sexuelle Orientierung.

Weitere Zitate:

daß sie Probleme haben, ja akzeptiert zu werden. (Linda unter 3., S.3, Z.23-24)

'Lesbe', da fällt mir immer so schlagwortartig "dreifach", hat 'ne Freundin mal gesagt, "dreifache Diskriminierung": Lesbisch, "behindert", Frau sein also oder anders: Frau sein, lesbisch, "behindert" ein, so, die Reihenfolge. Und das ich das gar nicht so finde. Das ich das gar nicht so finde. Also daß mich das eher aufregt immer, so, so mehr als Schutzvorwand diese Diskriminierungsgeschichte, die es ja gibt, die ich auch nicht wegdiskutieren will, aber auch so, immer auch so hochzuhalten. (Pferd unter 3., S.5, Z.3-9)

es ist auch wichtig, Diskriminierungen zu benennen und zu sagen, 'ne, so und so geht das nicht', aber da, wo sie tatsächlich stattfinden. Also an den eigentlichen Knackpunkten und nicht diese Scheingefechte. (Pferd unter 3.)

Sondern daß darüber hinaus ja auch erstmal schon überhaupt keine Kommunikation stattfindet, weil die Erstkommunikation immer über Blicke läuft, ganz häufig. Und gerade, gerade in Lesbenkreisen finde ich das sogar noch verstärkt. Und, oder ganz viel über so bestimmte Gestik, Mimik, bestimmte Körperhaltung, bestimmte non-verbale, ja alles, was in so einen non-verbalen Bereich fällt so. Und das sind so Sachen, die kriege ich einfach nicht mit (...) einen Ansatzpunkt zu haben, mit jemand ins Gespräch zu kommen, was für mich halt die normale Art der Kommunikation ist oder mit die einzige Art so. Ersteinmal. Und daß das noch nichtmals läuft. So aus Angst vor lauter, also auch teilweise aus so 'ner Körperfeindlichkeit heraus, gerade bei "nichtbehinderten" Lesben. Also ich finde Lesben total körperfeindlich. Und vom, von der Tendenz her, die meisten. So. Absolut körperfeindlich. Noch körperfeindlicher als ohnehin schon die meisten Menschen so sind. (Pferd unter 4., S.10, Z.13-29)

  1. Unterkategorie: Ausgrenzung aus der Lesben-Szene

Siehe S. 142, unter der IV. Hauptkategorie: 'Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"'.

"Ausgrenzung" wurde mit Lesben mit "Behinderung" noch öfter assoziiert als mit Frauen oder allgemein Menschen mit "Behinderung".

Außerdem sind Lesben mit "Behinderung" wesentlich mehr auf die Les-ben-Szene angewiesen als andere Frauen mit "Behinderung" auf die Frauenszene. Um andere Lesben zu treffen, z.B. zur Partnerinnenwahl, müssen Lesben mit "Behinderung" sich in die -relativ begrenzte- Lesbenszene begeben. Nicht-lesbische Frauen mit "Behinderung" hingegen haben wesentlich mehr Möglichkeiten, heterosexuelle (oder bisexuelle) Männer zu finden. Bei der Gesamtmenge der Männer, die ihnen schon im täglichen Leben begegnen, können sie davon ausgehen, daß nur ein geringer Teil schwul und nicht an Frauen als Liebespartnerinnen interessiert ist. Auch Vorbilder und Identifikationspersonen sind für heterosexuelle Frauen leichter zu finden.

III. Hauptkategorie: Positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"

Diese Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der InterviewpartnerInnen ohne "Behinderung".

  1. Unterkategorie: Positiv besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen, Lesben mit "Behinderung"

Positive Assoziationen

 

aus den Interviews mit den

Frauen und Lesben mit "Behinderung"

aus den Interviews mit den

"Nicht-behinderten"

Assoziationen zum Begriff "Behinderte"

(nicht unbedingt negativ. Nur manchmal ([allgemeines Lachen]). (Linda unter 1., S.2, Z.1-3))

Aber nette Leute kennen (...) nette Behinderte kennen, kennenlernen kann man, Menschen mit Behinderung. (Linda unter 1., S.2, Z.5-13)

Immer weiter viel Kraft und und Schwung dareinbringen um, um das in der Öffentlichkeit, ja, na, daß es irgendwie anerkannt wird, auch mit Behinderung leben zu können (Linda unter 1., S.2, Z.13-15)

Ich würde gerne sagen, daß ich, glaube ich, sehr viel negative Aussagen gegeben habe, die aber im Grunde genommen, gar nicht mein Leben so bestimmen, daß ich so negativ eingestellt bin. (...) Aber im Grunde genommen finde ich Leben mit Behinderung auch nicht, nicht tragisch oder schlimm. Es kommt immer auf das an, was drumrum daraus gemacht wird oder was man selbst damit kann. (...) Ich finde es sehr positiv, wie ich lebe, wie ich leben kann. Ich bin eigentlich sehr froh darüber (Nachtrag Linda, S.7, Z.17-29)

interessant, aufregend, neugierig, (...) -- schön, anders, besser (...) Bunt. (Laura unter 1., S.1, Z.26 - S.2, Z.1)

Gedichte schreiben. (...) Mein Kater ([vgl. unter "Zur Person"]). (Nina unter 1., S.2, Z.4-7)

Besondere Gruppe. Etwas Besonderes. (I: Meinst Du das positiv oder negativ, +"etwas besonderes"?) Positiv.+ (Pferd unter 1., S.2, Z.7-9)

(In keinem der 6 Interviews ließen sich keine positiven Assoziationen finden.)

Frau mit "Behinderung"

Zusammenhalt (Ulli unter 2., S.2, Z.13)

Solidarität (Ulli unter 2., S.2, Z.17)

Power (Ulli unter 2., S.2, Z.27)

Auch positive Seiten wie bei allen Frauen. (Linda unter 2., S.3, Z.2)

Erotisch. ([lacht]) Ja, auch bunt. Bunt fällt mir auf jeden Fall ein. (Laura unter 2., S.2, Z.6)

interessant, -- (...) Sexualität. -- (...) Interessant, weiß ich nicht, ob ich das jetzt schon gesagt ha-be. Schön, -- aufregend -- (...) Frühling! Frühling fällt mir da ein (Laura unter 2., S.2, Z.10-13)

Was mir auch positiv einfällt, ist mein Postkartenverlag! Beziehungsweise die Möglichkeit, ganz besondere Formen zu finden, sich künstlerisch auszudrücken. (Nina unter 2., S.3, Z.1-2)

Find ich gut. (I: Was?) Weil, so. Ich bin froh, "behindert" zu sein. Finde ich gut, Frau und "behindert" zu sein. (Nina unter 3., S.4, Z.28-32)

 

Lesbe mit "Behinderung"

Zusammenhalten (...) Gemeinsamkeit. Fete (Ulli unter 3., S.3, Z.7-11)

Daß es genauso schön sein kann wie alles andere, wie alle andern sexuellen Orientierungen. (Linda unter 3., S.4, Z.3-4)

Zärtlichkeit (Linda unter 3., S.4, Z.20)

Aufregend. -- Blumen. -- Besonders. -- Meer (I: "Meer" mit Doppel-E oder "mehr" - viel mehr?) Ja, das hab ich auch grad überlegt, als ich's sagte. Weil erst meinte ich das Meer mit Doppel-E und dann meine ich jetzt beides. Ehm. -- Erotisch, aufregend, -- aufblühend, -- verschieden, -- nicht normal, also normal im negativen Sinne, also dies (.....) Ehm. -- Musik, -- So ein Stückchen Hoffnung (Laura unter 3., S.3, Z.1-7)

Faszinierend. Wunderbar, -- kuschelig! -- Wiese mit ganz viel Blumen. (Laura unter 3., S.3, Z.16-18)

Auf der andern Seite viel Solidarität. (Nina unter 3., S.4, Z.6-7)

das Foto, das Du gemacht hast, mit den Händen, den Krüppelhänden. ([Es handelt sich um ein Foto von dem Lesbenzeichen 'Lesbenhände', bei dem die Hände allerdings nicht "nichtbehindert" aussehen, sondern sichtbar "behindert" sind. Vgl. Deckblatt der randschau, 2/'98. Anm.: B.-U. R.]) Das ist schön, zum Beispiel. Da sind auch Blumen dabei. (Nina unter 3., S.4, Z.14-18)

Find ich gut. (I: Was?) Weil, so. Ich bin froh, "behindert" zu sein. Finde ich gut, Frau und "behindert" zu sein. Und Lesbe und "behindert" zu sein, ist noch besser. Das ist total anders! (Nina unter 3., S.4, Z.28-33)

Lieb! (Rolli unter 3., S.3, Z.6)

interessant fällt mir da ein. So als Wort. Und -- Vielfältig fällt mir auch noch ein. (Pferd unter 3., S.7, Z.11-12)

Gut, daß es sie gibt! ([gemeinsames Lachen]) Ja. (Pferd unter 3., S.8, Z.19)

Schön. (Pferd unter 3., S.8, Z.23)

 

  1. Unterkategorie: Negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen, Lesben mit "Behinderung"

Negative Assoziationen

 

aus den Interviews mit den

Frauen und Lesben mit "Behinderung"

aus den Interviews mit den

"Nichtbehinderten"

Assoziationen zum Begriff

"Behinderte"

nicht unbedingt negativ. Nur manchmal ([allgemeines Lachen]). (Linda unter 1., S.2, Z.1-3)

bekloppt, verrückt, seltsam (Pferd unter 1., S.2, Z.2)

Empfinden sich als unnormal (Pferd unter 1., S.2, Z.13)

wollen behütet werden (Pferd unter 1., S.2, Z.15)

Daß sie langsam sind, daß die hilflos sind, daß die, äh, sich durchsetzen, (...) daß man die 'n bißchen behutsam behandeln muß (Donald unter 1., S.2, Z.9-11)

Ausgeschlossenheit, (...) Langeweile. Störung des Selbstbewußtseins. (...) Der Verdacht, daß andere Leute nur Mitleid mit einem haben. (Lucky unter 1., S.1, Z.31 - S.2, Z.5)

schlecht artikulieren, was anderen unangenehm ist, das man sie nicht versteht. Daß sie im allgemeinen die Behinderung unterdrücken auch. (...)

(Und daß man da nicht weiß, soll man helfen oder soll man nicht.) Daß man da eben in Schwierigkeiten gerät. (Fr. A unter 1., S.2, Z.2-5)

wenn sie auch manchmal für uns eigenartig aussehen. Zum Beispiel Spaschti- äh,äh Gelähmte oder die sich nicht artikulieren können, die die wirklich Schwierigkeiten haben, die als Fremdbild für jeden, ja, ko-misch erscheinen würden. (Nachtrag Fr. A, S.3, Z.14-16)

Bekloppte, Schwächling, Tauge-nichts, selbst Schuld, Krüppel (Hr. B unter 1., S.2, Z.1)

ausgeschlossen. (Hr. B unter 5., S.3, Z.9)

Frau mit "Behinderung"

 

falls Ledig: Einsamkeit (Lucky unter 2., S.2, Z.10-11)

Daß die ja doch dann wahrscheinlich ja speziell mit ihrer hm Lesbischsein noch größere Schwierigkeiten haben als eine, die nor-, "normal" in Anführungsstrichen ist. (Heterosexuelle Frauen mit "Behinderung" haben also Schwierigkeiten und Lesben mit "Behinderung" noch größere. (Anm.: B.-U. R.)) (Fr. A unter 3., S.2, Z.23-25)

Naja, daß es schwierig ist, als Frau vielleicht einen Partner zu bekommen. (...) Daß vielleicht auch die Schwierigkeit besteht, in der Gemeinschaft integriert zu werden. (Fr. A unter 2., S.2, Z.12-14)

Lesbe mit "Behinderung"

(Zusammenhalten,) aber auch gegeneinander (Ulli unter 3., S.3, Z.7)

Doppelte Belastung für beide in der Beziehung. Fragen, die bei der behinderten Frau aufkommen bezüglich der Partnerin, warum bleibt die jetzt noch bei mir, etc. -- Schwierigkeiten, Kontakt aufzunehmen mit normalen Leuten durch, äh, Vorurteile, die man sich denkt, die andere über einen haben. (Lucky unter 3., S.2, Z.21-24)

Daß die ja doch dann wahrscheinlich ja speziell mit ihrer hm Lesbischsein noch größere Schwierigkeiten haben als eine, die nor-, "normal" in Anführungsstrichen ist. (Heterosexuelle Frauen mit "Behinderung" haben also Schwierigkeiten und Lesben mit "Behinderung" noch größere. (Anm.: B.-U. R.)) (Fr. A unter 3., S.2, Z.23-25)

Nach Bedarf lassen sich in der "Nichtbehinderten"-Spalte noch die Zitate bzw. Teile von ihnen, die im Kategoriensystem der "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen unter der Kategorie '"Behinderte" haben es schwerer' aufgeführten sind, einfügen.

  1. Unterkategorie: Negative besetzte Assoziationen zum gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit "Behinderung"

Ich habe in folgender Tabelle zuerst nicht zwischen gesellschaftlichem Umgang mit Menschen, Frauen und Lesben unterschieden. Da viele der Aussagen, die sich in dieser Kategorie finden, allerdings auf das Stichwort "Frauen" bzw. "Lesben mit "Behinderung"" hin gemacht wurden, habe ich mich im Nachhinein dennoch entschieden, sie nacheinander und nicht gemischt aufzuführen. So ist es für die/den geneigteN LeserIn leichter, die Aussagen ebenso getrennt und möglicherweise spezifisch zu lesen, wie sie von den Interviewpartnerinnen auf die unterschiedlichen Fragen hin gemacht wurden.

Natürlich beziehen sich die Aussagen zum gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit "Behinderung" auch auf Frauen und Lesben mit "Behinderung", da diese Menschen sind und die Aussagen zum gesellschaftlichen Umgang mit Frauen mit "Behinderung" auch auf Lesben mit "Behinderung", die selbstverständlich nicht nur Lesben, sondern auch Frauen sind. Möglicherweise gelten Äußerungen, die auf das Stichwort "Lesben mit "Behinderung"" oder "Frauen mit "Behinderung"" hin gemacht wurden, auch für nicht-lesbische Frauen bzw. allgemein Menschen mit "Behinderung".

Negative Assoziationen zum gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit "Behinderung"

 

aus den Interviews mit den

Frauen und Lesben mit "Behinderung"

Assoziationen zum

gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit "Behinderung"

Mitleid, Fehleinschätzung, Kämpfen, Ärgern, Frust (Ulli unter 1., S.2, Z.5)

Probleme, mit andern Menschen Probleme (Linda unter 1., S.1, Z.29)

Immer weiter viel Kraft und und Schwung dareinbringen um, um das in der Öffentlichkeit, ja, na, daß es irgendwie anerkannt wird, auch mit Behinderung leben zu können (Linda unter 1., S.2, Z.13-15)

Diskriminierung, Ausgrenzung (Nina unter 1., S.2, Z.1)

Wenig Geld haben. (Nina unter 1., S.2, Z.10)

Stufen, Stufen, St..., viele Stufen. (...) viele Stufen. Bordsteine. Autos, die davor parken, wenn abgesenkt ist. Nicht "behinderten"-gerechte Toi-letten. Restaurants, aus denen frau rausfliegt. (Rolli unter 1., S.1, Z.26)

Nicht für voll genommen. (Pferd unter 1., S.2, Z.7)

Assoziationen zum

gesellschaftlichen Umgang mit Frauen mit "Behinderung"

Kämpfen (Ulli unter 2., S.2, Z.13)

Unverständnis (Ulli unter 2., S.2, Z.17)

Diskriminierung. Nicht anerkannt zu sein (Linda unter 2., S.2, Z.24)

mehr Kraft investieren müssen, um, um selbst- oder selbstbestimmt leben zu können (Linda unter 2., S.2, Z.32-33)

dem Schönheitsideal nicht entsprechen zu können (Linda unter 2., S.3, Z.4)

Nicht dem Schönheitsideal entsprechend. (Laura unter 2., S.2, Z.29-30)

Doppelte Diskriminierung. (Nina unter 2., S.2, Z.19)

Ein Begriff der aktuellen Situation: Devotees fallen mir ein. (Nina unter 2., S.2, Z.27-28)

Die Situation ist halt schwieriger für Frauen mit "Behinderung" als für "behinderte" Männer. Ja. Und. Das wird auch in der "Behinderten"-Szene zu wenig wahrgenommen. Und auch in der Frauenbewegung. (Nina unter 2., S.2, Z.28-32)

Ich wollte sagen, mein Selbstbild ist sehr fremdbestimmt. Und ich finde schwierig, ein positives Bild von mir zu malen. Und ich denke, für Frauen ist es viel so. Es ist sehr schwierig, weil nicht nur der Druck da ist, von einen Bild, also von einem negativen "Behinderten"-Bild, sondern auch Abwertung als Frau. Das heißt, daß Du als Frau mit "Behinderung" oder als Lesbe mit "Behinderung" immernoch mal gegen so viele Fremdbilder ankämpfen mußt. (Nina unter 2., S.3, Z.15-20)

Bei Frauen würden mir Diskriminierungen einfallen, aber das sind allgemein Frauensachen, bei "Behinderte" fallen mir die "Behinderten"-Diskriminierungen ein (Rolli unter 2., S.2, Z.11-16)

ausgeschlossen sein aus der Frauen-Szene, nicht wahrgenommen werden als Geschlecht (Rolli unter 2., S.2, Z.19-20)

Nicht-Akzeptanz von den "Nichtbehinderten", daß man als Frau bestimmte Intimbereiche hat oder bestimmte Vorstellungen vom Leben hat, die man auch leben will, obwohl frau "behindert" ist. (Rolli unter 2., S.2, Z.23-25)

Da fällt mir ganz konkret ein also bei Modul, also es gibt ein Rasur-Pflege-Modul, aber kein Modul für die Menstruations-Pflege. (Rolli unter 2., S.2, Z.25-26)

Benachteiligung. (Pferd unter 2., S.3, Z.1)

daß ich nicht, nicht als Frau wahrgenommen werden. Daß ich mit Männern gleichgesetzt, mit "behinderten" Männern gleichgesetzt werde. Hm. -- Ja oft so 'n Objektstatus. Generell so. (Pferd unter 2., S.3, Z.1-3)

daß man das so sich praktisch inszenieren muß, um vielleicht doch mal wahrgenommen zu werden, aber auch nur vielleicht (Pferd unter 2., S.3, Z.18-19)

doppelte Diskriminierung (Pferd unter 2., S.3, Z.26)

Daß ich aber trotzdem merke, ja, es ist oftmals ganz schwer, sich so dagegen zu wehren oder ich empfinde es ganz oft so, daß man sich dagegen wehren muß, gegen so'n Fremdbild. (Pferd unter 2., S.4, Z.14-16)

Die Aussagen aus dem Kästchen zum Umgang mit Menschen mit "Behinderung" können hier zugefügt werden, da Frauen ebenso Menschen sind.

Assoziationen zum

gesellschaftlichen Umgang mit Lesben mit "Behinderung"

Kampf (Ulli unter 3., S.3, Z.17)

daß sie Probleme haben, ja akzeptiert zu werden. Aber sowieso für Leute, die eben Homosexuelle, oder so sind, daß sie dadurch Schwierigkeiten bekommen sicher, Lesben ohne Behinderung zu finden. Daß sie wahrscheinlich genauso Schwierigkeiten haben, Lesben ohne äh Behinderung zu finden. (I: Genauso Schwierigkeiten haben wie wer?) Wie, wie Frauen äh mit Behinderung und (I: Achso.) die Partnerschaften mit Männern suchen. (Linda unter 3., S.3, Z.23 - S.4, Z.1)

Ausgrenzung. Von vielen verschiedenen Seiten. Auch viel Fremdbestimmung. (Nina unter 3., S.4, Z.5-6)

vielleicht noch weniger Akzeptanz. Noch größere Schwierigkeiten, so zu leben, wie frau leben will, in wel, in zu, die Wohnzusammenhänge. Belächelt werden. So milde, wenn frau eine andere, vielleicht auch noch Krüppel-Frau vielleicht sogar, als Freundin hat, 'naja, die kriegt niemand anders'. (Rolli unter 3., S.3, Z.2-6)

"dreifache Diskriminierung": Lesbisch, "behindert", Frau sein (Pferd unter 3., S.5, Z.4)

daß mir Sachen so nicht zugänglich sind. (Pferd unter 3., S.6, Z.30)

Aber wo ich so einen Anspruch hätte, wenigstens da, weil die halt oft mit, mit einem andern politische Anspruch auch daherkommen, so Lesben, "nichtbehinderte" Lesben, daß es da klappen könnte, 'ne. Mit, zum Beispiel mit Infos besser auch an, an blinde Frauen jetzt vermitteln oder so. (Trotzdem sind ihr "Sachen so nicht zugänglich". (Anm.: B.-U. R.)) (Pferd unter 3., S.6, Z.31 - S.7, Z.2)

Oder so Fahrklamotten, 'ne, wo ich also nicht hinkomme, weil dann abends kein Bus und kein Nichts-Mehr fährt und, und ich mich dann entscheiden muß irgendwie, wenn es 3-4 Veranstaltungen gibt in der Woche, ich kann aber nur zu 2 hin, weil ich sonst das Taxi nicht bezahlen kann, und sich da keine von den Frauen, die irgendwie alle einzeln in ihrem Auto hocken, da bereit erklären, mich mal mitzunehmen oder das abzusprechen (Pferd unter 3., S.7, Z.4-8)

daß man irgendwie jedesmal, wenn man so sich in die "Öffentlichkeit" begibt, also total viel so aus sich rauskommen muß und total viel wagen muß. (Pferd unter 3., S.7, Z.12-14)

daß man sich als Lesbe mit "Behinderung" ständig total produzieren muß (Pferd unter 3., S.7, Z.17-18)

Also total fremd fühlt (Pferd unter 3., S.7, Z.21)

weil ich nicht den Eindruck habe, daß es durch das oft hingehen oder durch 3-4 Jahre lange Zugehörigkeit oder sonstwie sich irgendwie was ändert. Es ist jedesmal wieder so, es ist jedesmal wieder, wieder Fremd-Sein ganz am Anfang. (Pferd unter 3., S.7, Z.24-27)

Also so 'ne Angst vor Überforderung oder nicht wissen, wie, wie umgehen, oder so. Und daß das, daß das ganz schnell halt so 'n, wenn, wenn es permanent so passiert, ganz schnell so selber so 'n Ding, irgendwas bei mir im Kopf auslöst, ja, daß ich mich auch immer weniger traue, also immer weniger traue, jedesmal neu aus mir herauszukommen und es zu versuchen so. Weil ich das Ganze ziemlich krampfig finde. (Pferd unter 3., S.8, Z.9-17)

(Pferd beschreibt in ihrem Interview in sehr vielen Passagen einen negativen gesellschaftlichen Umgang mit Menschen mit "Behinderung". Aus Gründen der Übersichtlichkeit und des Platzes führe ich diese Zitat hier nicht alle auf, sondern möchte auf die Extraktion ihres Interviews oder auf andere Kategorien dieses Kateogiensystems verweisen.)

Die Aussagen aus dem Kästchen zum Umgang mit Menschen und mit Frauen mit "Behinderung" können hier zugefügt werden, da Lesben ebenso Frauen und Menschen sind.

  1. Unterkategorie: Negativ besetzte Assoziationen (unklar, worüber)

Negative Assoziationen, bei denen nicht klar ist, wogegen sie sich richten

 

aus den Interviews mit den

Frauen und Lesben mit "Behinderung"

negative Assoziationen, bei denen nicht klar ist, wogegen sie sich richten

Frust (Ulli unter 1., S.2, Z.5)

Probleme (Ulli unter 3., S.2, Z.30)

(Da gibt's ja auch Frauen, die die weniger Behinderungen haben und damit also auch weniger Probleme) und eben auch das Gegenteil. (Linda unter 2., S.3, Z.6-8)

Bei Pflegesachen zum Beispiel fällt mir ein, daß das ziemlich blöd ist. Frau mit Behinderung zu sein. Das man sehr abhängig sein kann. (Linda unter 2., S.3, Z.10-11)

Kein sexuelles Wesen (Pferd unter 2., S.2, Z.21)

daß es ganz wenige leider nur gibt. So, ja, also ich, ich selber so, erleb' mich da wirklich so mehr als Einzelgängerin. (So. Also nicht, daß ich nicht andere kennen würde. Aber so als Einzelgängerin, wenn ich mir überlege, ich gehe hier, hier irgendwo hin und da bin ich oft die Einzige oder eine von zweien oder so. Unter 100 oder 150 anderen.) Und das finde ich manchmal schon deprimierend. (Pferd unter 3., S.6, Z.25-29)

IV. Hauptkategorie: Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"

Diese Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der InterviewpartnerInnen ohne "Behinderung".

  1. Unterkategorie: Die Unangemessenheit des Fremdbildes und das Abgrenzen und Kämpfen dagegen

Siehe S. 177, unter der VIII. Hauptkategorie: 'Das Fremdbild'.

  1. Unterkategorie: Ausgrenzung

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Äußerungen zu verschiedenen Ausgrenzungen aufgeführt.

Ankerbeispiele:

Halt Ausgrenzung. Von vielen verschiedenen Seiten. (Nina unter 3., S.4, Z.5-6)

Stufen, Stufen, St..., (...) viele Stufen. Bordsteine. Autos, die davor parken, wenn abgesenkt ist. Nicht "behinderten"-gerechte Toiletten. Restaurants, aus denen frau rausfliegt. (Rolli unter 1., S.1, Z.26 - S.2, Z.2)

das alles, was jetzt so in den letzten Jahren passiert ist mit der Pflegeversicherung mit diesem teilweise wieder Rückwärtsentwicklung, was so selbstständige Wohnformen und so angeht, also daß das alles wieder so'n, so eine Tendenz ist, ja, ehm, 'satt und sauber' bestenfalls, 'ne. So, so, daß finde ich, und daß es da letztendlich also auch noch mal um so eine ganz, daß alles, was unter sozialem gesellschaftlichem Leben stattfindet, oftmals gar nicht mehr so möglich ist, 'ne. Und ja, daß ist für mich halt einfach sozialer Mord. Oder auch so, solche Sachen, also ich find' auch schon solche Sachen, daß "behinderte" Menschen nicht in der Werbung vorkommen. So,'ne. Sie kommen einfach im Alltag nicht vor. (Pferd unter 5., S.15, Z.18-28)

Paraphrase:

Menschen mit "Behinderung" werden ausgegrenzt. Sei es durch bauliche Hindernisse wie Stufen, nicht-abgesenkte Bordsteine, fehlende "Behinderten"-Toiletten oder sei es durch Ignoranz, Unverständniss, durch als minderwertig angesehen werden, durch eine eingeschränkte Pflegeabsicherung, durch Unwilligkeit, miteinander zu kommunizieren, durch ein Verstecken in Alltag, Medien oder Werbung, durch ein abwertendes "Behinderten"-Bild oder durch "Behinderten"-Ghettos statt selbstbestimmten Wohnformen.

Weitere Zitate:

Unverständnis (Ulli unter 2., S.2, Z.17)

Treppen (Linda unter 1., S.1, Z.29)

Nicht anerkannt zu sein (Linda unter 2., S.2, Z.24)

Ausgrenzung (Nina unter 1., S.2, Z.1)

Also wenn uns irgendwelche Behinderungen in den Weg gelegt werden, dann ist es natürlich nicht nur lästig, sondern unschön. Wenn ich zum Beispiel nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, weil die öffentlichen Nahverkehrsmittel nicht zugänglich sind oder die Kneipen nicht "Behinderten"-gerechte Klos haben oder "Behinderten"-, nicht zugänglich, bla blub, blub. (Rolli unter 5., S.4, Z.15-19)

ansonsten hm ja oftmals, daß mir, daß mir, daß mir Sachen so nicht zugänglich sind. Aber gut, das hab ich woanders auch (Pferd unter 3., S.6, Z.29-30)

zum Beispiel mit Infos besser auch an, an blinde Frauen jetzt vermitteln oder so. Zum Beispiel. Oder so Fahrklamotten, 'ne, wo ich also nicht hinkomme, weil dann abends kein Bus und kein Nichts-Mehr fährt und, und ich mich dann entscheiden muß irgendwie, wenn es 3-4 Veranstaltungen gibt in der Woche, ich kann aber nur zu 2 hin, weil ich sonst das Taxi nicht bezahlen kann, und sich da keine von den Frauen, die irgendwie alle einzeln in ihrem Auto hocken, da bereit erklären, mich mal mitzunehmen oder das abzusprechen, 'ne. Zum Beispiel. (Pferd unter 3., S.7, Z.1-9)

daß man irgendwie jedesmal, wenn man so sich in die "Öffentlichkeit" begibt, also total viel so aus sich rauskommen muß und total viel wagen muß. Und irgendwie, ja ist es irgendwie was so von, von sich immer neu, neu gebären so. Ein bißchen. Also, wenn man sich so wirklich drauf einlassen will. -- Ja, daß man sich als Lesbe mit "Behinderung" ständig total produzieren muß (...) Also total fremd fühlt (Pferd unter 3., S.7, Z.12-21)

Oder, so, das gilt vor allen Dingen für, für blinde Frauen oder blinde Lesben, finde ich. Ganz extrem. (...) Daß, daß sie völlig ignoriert werden. Also, daß man überhaupt nicht, daß ich, daß ich überhaupt nicht mitkriege, was da abläuft beziehungsweise umgekehrt auch, auch so nicht. Also daß überhaupt keine Kommunikation stattfindet. (I: Was heißt "umgekehrt auch nicht"?) Ja, es ist von beiden Seiten. Ich hab' so keine, erleb' so keine Möglichkeit, oder ich meine, halt nicht gegen diese, diese Wand oder diese Ignoranz angehen zu können. (Pferd unter 4., S.9, Z.20-32)

Sondern daß darüber hinaus ja auch erstmal schon überhaupt keine Kommunikation stattfindet, weil die Erstkommunikation immer über Blicke läuft, ganz häufig. (Pferd unter 4., S.10, Z.13-14)

obwohl sie immer von Integration reden, ist es, ist es keine Integration, sondern eine, eine Isolierung. Gut, du hast dann vielleicht nicht mehr diese klassische Ghettobildung, aber du hast eine Isolierung in der Integration. Allein schon dadurch, weil es gar nicht um dich geht und um deine Bedürfnisse, sondern nur darum nach dem Motto: 'Wir wissen, was gut ist und wir integrieren dich mal eben.'. So. "Nichtbehinderte" integrieren "Behinderte", das muß man ja dazu sagen so. Das ist, das ist für mich keine Integration, weil die wär-, würde ja dann nur sein, wenn sich, wenn "behinderte" Menschen selber in der, durch Strukturen in der, in die Lage versetzt werden würden, sich selber so da einzubringen, wo sie sich einbringen wollen. So. Und das finde ich einen absoluten sozialen Mord. (Pferd unter 5., S.15, Z.8-18)

Oder auch so, solche Sachen, also ich find' auch schon solche Sachen, daß "behinderte" Menschen nicht in der Werbung vorkommen. So,'ne. Sie kommen einfach im Alltag nicht vor. (So, gut, 'ne, man, man sagt auch nicht explizit, daß der Sozialhilfeempfänger oder der Obdachlose so im Alltag vorkommt. Aber sie sind zumindestens in der Form mitgemeint, daß sie nicht äußerlich erkennbar zunächst einmal, 'ne? So. So unbedingt äußerlich erkennbar, 'ne.) Also es ist nochmal, es ist nochmal, finde ich, so bei "behinderten" Menschen eine besondere Stigmatisierung, die da stattfindet. Was am ehesten noch vergleichbar irgendwie jetzt mit, mit ausländischen Personen, so, 'ne. Ausländischen, ja, Menschen, die irgendwie in einem Land leben, wo sie nicht hergekommen sind oder nicht geboren sind. Und wo das so äußerlich erkennbar ist durch eine andere Hautfarbe oder so. Das ist nochmal am, am ehesten mit, mit so vergleichbar, was solche Sachen angeht. (Pferd unter 5., S.15, Z.26 - S.16, Z.6)

Und von daher begebe ich mich natürlich auch in "nichtbehinderte" Kreise und erlebe aber ständig, daß da diese Kategorisierung in einem Maße stattfindet, die mich entweder zu völligen Unterwerfung oder Anpassung zwingt, um überhaupt nur dabeisein zu dürfen ohne irgendwie was von meinen Bedürfnissen da äußern zu können oder umsetzen zu können. Ja und, weiß nicht. Ich finde es total schwierig. Also permanent so, so ein Ding, seinen Überzeugungen irgendwie oder eigenen Überzeugungen ja treu bleiben oder denen nachzukommen, das so zu leben, wie man sich das vorstellt. Andererseits permanent mitzubekommen, daß man da dran gehindert wird. (Nachtrag Pferd, S.21, Z.14-21)

zum Beispiel, 'ne, wenn ich so diese ganzen komischen Verhaltensweisen, diese Ablehnung, wo ich so denke, 'Ne, ich, ich sehe das nicht ein, mir ständig diese Ablehnung und diese Aggressivität von den andern anzutun, 'ne. Ich will das nicht und ich gehe. (...) aber es ist keine Reduzierung, die ich selber gewählt habe, sondern es haben andere bestimmt. (Nachtrag Pferd, S.22, Z.5-11)

das finde ich mit Abstand das Schlimmste, daß man selber so verhärtet. Sich selber gegenüber und, und andern gegenüber so. Also wo ich das, wo ich das überhaupt nicht will, 'ne. Aber wo das oftmals der einzige Schutzmechamismus ist, 'ne. So. Und daß es dann dadurch auch nochmal schwieriger wird, 'ne. So. (I: Was wird dadurch schwierig?) Ja, überhaupt in Kontakt mit andern Menschen zu, zu treten. Weil ja grade als "behinderte" Lesbe von dir immer verlangt wird, du mußt besonders offen sein und gleich dein Intimstes am besten preisgeben, so, um überhaupt in Kontakt zu kommen so, 'ne. Und daß mir das, also mir geht es so, daß es mir immer weniger möglich wird, weil ich keinen Bock mehr habe auf die permanenten Verletzungen. So. Daß aber überhaupt nicht will, dann eher so das Gefühl habe von, so langsam ersticke ich auch so ein bißchen. (Nachtrag Pferd, S.22, Z.30 - S.23, Z.10)

das ist wirklich nochmal so blindenspezifisch, also das weiß ich auch aus Unterhaltungen mit anderen so. Das ist wirklich die Ignoranz. (...) daß das so im Grunde nicht die, die Person ist oder das Verhalten oder sonstwie ist, was damit gemeint ist, sondern die "Behinderung". Die Ignoranz, sich einfach nicht verst-, verbal zu erkennen zu geben oder geräuschmäßig. Du kannst Dich ganz leicht entziehen. Du kannst Dich noch schneller entziehen als halt ehm, was weiß ich, wenn du zumindestens die Möglichkeit hast, blickmäßig darauf zu reagieren. Nur das mitzukriegen, wenn sich eine entzieht. Ich kriege es ja noch nichtmals oft mit. Viele kriege ich ja gar nicht mit, also den Entzug, ich spüre es nur halt auf Grund von diesem Gefühl, daß ich irgendwie, ja mich fühle, wie so ein Sack und verschweißter Käse. -- Also man nimmt mir, und das macht mich auch noch so sauer, man nimmt mir so total die, die Möglichkeit, aktiv zu werden, wenn ich es wollte. 'Ne. Wenn ich mitkriegen würde, daß sich welche entziehen, könnte ich mich immernoch entscheiden, sage ich was dazu, verhalte ich mich dazu, 'ne. Oder verhalte ich mich nicht dazu, die Möglichkeit habe ich oftmals gar nicht. (Nachtrag Pferd, S.24, Z.31 - S.25, Z.4)

Oder daß ich, daß ich so manchmal auf Grund dieser ganzen Ablehnungsgeschichten (Nachtrag Pferd, S.28, Z.7-8)

  1. Unterkategorie: Ausgrenzung aus der FrauenLesben-Szene

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Zitate, die sich auf Ausgrenzungen aus der Frauen- und Lesben-Szene beziehen.

Ankerbeispiele:

Ausgeschlossen sein aus der Frauen-Szene (Rolli unter 2.)

Also total fremd fühlt, ja daß, daß man, also wenn, wenn du irgendwie, ja Leute kennenlernen willst oder auch weitergehend Partnerschaft oder beziehungsmäßig, daß du ja, daß du total dich öffnen mußt und von dir preisgeben mußt, so, 'ne. Das ist immer wieder einen Entscheidung, jedesmal aufs Neue. Weil, weil ich nicht den Eindruck habe, daß es durch das oft hingehen oder durch 3-4 Jahre lange Zugehörigkeit oder sonstwie sich irgendwie was ändert. Es ist jedesmal wieder so, es ist jedesmal wieder, wieder Fremd-Sein ganz am Anfang. So. Obwohl sie dich ja scheinbar schon kennen oder vom Gesicht her schon kennen. Es ist immer wieder dann jedesmal die Entscheidung von, so ähnlich wie, was weiß ich, das Coming-Out so, ist immer wieder, ist ein permanentes Coming-Out, selbst wenn du selber schon längst draußen bist, mußt du dich aber trotzdem immer wieder outen so. (I: Weil die immer nicht davon ausgehen, daß Du Lesbe mit "Behinderung" bist oder weil Du immer von den Normen abweichst oder warum?) -- Entweder, weil sie nicht, weil sie zwar sehen, daß ich "behindert" bin, aber dann denken, was weiß ich, die hat, sag ich jetzt mal flapsig, 'die hat Freigang bekommen und guckt jetzt mal', aber nicht davon ausgehen, daß ich lesbisch bin beziehungsweise, wenn sie es wissen oder endlich dann mal so gerafft haben, durch was auch immer, dann, dann weil ich von der Norm abweiche. Weil das, das ist zu fremd. (I: Hm. Oder auch, weil sie nichts mit Dir zu tun haben wollen?) Teilweise auch. Weil man könnte ja, man müßte ja irgendwas tun können oder es würde von einem, von den "Nichtbehinderten" irgendwas gefordert werden können, was sie dann nicht leisten können oder wollen. Also so 'ne Angst vor Überforderung oder nicht wissen, wie, wie umgehen, oder so. Und daß das, daß das ganz schnell halt so 'n, wenn, wenn es permanent so passiert, ganz schnell so selber so 'n Ding, irgendwas bei mir im Kopf auslöst, ja, daß ich mich auch immer weniger traue, also immer weniger traue, jedesmal neu aus mir herauszukommen und es zu versuchen so. Weil ich das Ganze ziemlich krampfig finde. (Pferd unter 3., S.7, Z.21 - S.8, Z.17)

Paraphrase:

Frauen und Lesben mit "Behinderung" werden aus der FrauenLesben-Szene ausgegrenzt.

Weitere Zitate:

Die Situation ist schwieriger für Frauen mit "Behinderung" als für "behinderte" Männer. Das wird auch in der "Behinderten"-Szene zu wenig wahrgenommen. Und auch in der Frauenbewegung. (Nina unter 2., S.10, Z.20-22)

Ausgrenzung. Von vielen verschiedenen Seiten. (Nina unter 3., S.4, Z.5-6)

Also daß, also vom Selbstbild her oder von der Eigeneinschätzung her oft so ist, wo, wo ich dann sage, ja, eigentlich müßte, müßten sie es ja in der lesbischen Szene ja vertraut sein, 'ne, weil die ja auch immer so einen auf Minderheit und diskriminiert machen und daß es, sag ich mal, da auch vielleicht nicht so Aversionen gibt, 'ne. Aber daß das Quatsch ist, 'ne. Also daß das Quatsch ist (Pferd unter 3., S.5, Z.24-28)

ansonsten hm ja oftmals, daß mir, daß mir, daß mir Sachen so nicht zugänglich sind. Aber gut, das hab ich woanders auch, 'ne. Aber wo ich so einen Anspruch hätte, wenigstens da, weil die halt oft mit, mit einem andern politische Anspruch auch daherkommen, so Lesben, "nichtbehinderte" Lesben, daß es da klappen könnte (Pferd unter 3., S.6, Z.29 - S.7, Z.1)

(zum Beispiel mit Infos besser auch an, an blinde Frauen jetzt vermitteln oder so. Zum Beispiel. Oder so Fahrklamotten, 'ne, wo ich also nicht hinkomme, weil dann abends kein Bus und kein Nichts-Mehr fährt und, und ich mich dann entscheiden muß irgendwie, wenn es 3-4 Veranstaltungen gibt in der Woche,) ich kann aber nur zu 2 hin, weil ich sonst das Taxi nicht bezahlen kann, und sich da keine von den Frauen, die irgendwie alle einzeln in ihrem Auto hocken, da bereit erklären, mich mal mitzunehmen oder das abzusprechen, 'ne. Zum Beispiel. (Pferd unter 3., S.7, Z.1-9)

Sondern daß darüber hinaus ja auch erstmal schon überhaupt keine Kommunikation stattfindet, weil die Erstkommunikation immer über Blicke läuft, ganz häufig. Und gerade, gerade in Lesbenkreisen finde ich das sogar noch verstärkt. Und, oder ganz viel über so bestimmte Gestik, Mimik, bestimmte Körperhaltung, bestimmte non-verbale, ja alles, was in so einen non-verbalen Bereich fällt so. Und das sind so Sachen, die kriege ich einfach nicht mit so, wo ich so denke, ja manchmal wär' ich schon direkt froh um diese Helfersyndrom-Hilfe nach dem Motto 'Wir wollen dir was Gutes tun, wir wissen, was gut für dich ist', nur um überhaupt einen Ansatzpunkt zu haben, mit jemand ins Gespräch zu kommen, was für mich halt die normale Art der Kommunikation ist oder mit die einzige Art so. Ersteinmal. Und daß das noch nichtmals läuft. So aus Angst vor lauter, also auch teilweise aus so 'ner Körperfeindlichkeit heraus, gerade bei "nichtbehinderten" Lesben. Also ich finde Lesben total körperfeindlich. Und vom, von der Tendenz her, die meisten. So. Absolut körperfeindlich. Noch körperfeindlicher als ohnehin schon die meisten Menschen so sind. Und ja. -- Und daß, daß ich so denke, ach, wie perv-, was heißt pervers, aber wie, wie, da fühle ich mich selber ganz, ganz schlecht, wenn ich so denke, ba, da denkst du manchmal schon, du wärst schon froh, wenn eine dir diese komische Hilfe zuteil werden läßt, obwohl ich die gar nicht haben will, sowohl ich selber kann, nur um überhaupt in Kontakt zu kommen, 'ne. So das ist also, ich hab's teilweise schon mal gemacht, wo ich so dachte, nö, nur um halt da nicht alleine rumzustehen und überhaupt mal in Kontakt zu kommen, habe ich dann jemanden gefragt: "Wo ist die Toilette?", obwohl ich alleine zur Toilette gehen kann. Also weiß, wo der Weg lang geht. Zum Beispiel. Oder paar andere Sachen, 'ne. So, aber das ist nicht, weil ich das nicht kann, sondern weil ich mich dann irgendwie total, total selber ziemlich klein fühle und ziemlich mies fühle und immer so denke, 'So 'n Scheiß.' irgendwie. Daß ich da diesen Spielregeln, diesen komischen, die da herrschen, da nicht so, nicht so nachkommen kann, 'ne. Wo ich mich immer so frage, an sich will ich das gar nicht so, aber andererseits will ich, will ich schon so an ein paar Sachen teilnehmen. Ja und dann halt auf so 'ne Hilfe angewiesen zu sein, die a, ja, die ich überhaupt, an sich überhaupt nicht brauche und die dann sowieso unter so blöden Vorzeichen steht. (Pferd unter 4., S.10, Z.13 - S.11, Z.13)

wenn man da so mal auf das Thema kommt, "behinderte" Frauen, "behinderte" Lesben und "nichtbehinderte" Lesben, das ist ganz häufig so, daß das so ein heißes Eisen ist und das man dann sich schon drüber unterhält, so Sachen wie dann: 'Ja, das ist ja auch schwer, dann da hin zu kommen' oder 'Es ist schwer an, für blinde Frauen, an Informationen 'ran zu kommen' und so. Daß das alles noch auf dieser rat-, was so rat-, mehr so auf so 'ner rationalen Ebene läuft, noch gut ist, aber wenn es dann so Richtung Partnerschaft geht oder Beziehungswunsch oder so, daß das ganz häufig so ist, ja ja, 'ne, wo das ganz klar ist, 'Ja klar, 'ne, habt ihr das auch, so, 'ne, die gleichen Bedürfnisse...'. Und dann wird nicht weitergesprochen, aber wo du den Satz aber beenden kannst: 'Ja, aber es ist ja auch ganz schwierig, weil die andere ja so 'ne große Verantwortung hat dann als "nichtbehinderte" Frau.'. Das wird selten gesagt, aber immer gedacht. Und zwar kann man das also schon quasi, wirklich so steht's im Raum. Oder wird so durch andere, indirekt Sachen gesagt. (Pferd unter 4., S.11, Z.27 - S.12, Z.5)

zum Beispiel, 'ne, wenn ich so diese ganzen komischen Verhaltensweisen, diese Ablehnung, wo ich so denke, 'Ne, ich, ich sehe das nicht ein, mir ständig diese Ablehnung und diese Aggressivität von den andern anzutun, 'ne. Ich will das nicht und ich gehe. So. Und wo ich da weiter zu denke: 'Ah, jetzt hast Du Dich so kampflos geschlagen gegeben und was soll das.'. Oder: 'Jetzt hast Du so nicht mehr den Kontakt vor Ort zu andern Frauen und Lesben', oder es reduziert sich so total, aber es ist keine Reduzierung, die ich selber gewählt habe, sondern es haben andere bestimmt. Und das macht mich so wütend. So absolut wütend! Wo ich so sage, 'Nein, ich will, will mich da nicht so geschlagen geben! 'Ne. Und ich seh' das nicht ein! Und ich möchte Kontakt!'. Und daß ich aus diesem Widerspruch, aus diesem einerseits gehen zu wollen, andererseits nicht gehen zu wollen, gehen zu können, oftmals gar nicht raus komme so. (Nachtrag Pferd, S.22, Z.5-16)

meine "Behinderung" so ein Stück weit zu verleugnen, 'ne. Überhaupt zu sagen, ich muß erstmal einen Erstkontakt haben, um dann es sagen zu können, um überhaupt die Möglichkeit haben zu können, mich zu äußern. Weil ich sonst gar nicht die Möglichkeit hätte, mich zu äußern. (I: Warum? Also ich weiß es, aber (.....)) Ja, weil, weil dann, sage ich mal, ja, an, an mir vorbeigegangen wird, also wenn es irgendwie so bei einer Veranstaltung ist. Wenn erkennbar ist, ich stehe da mit meinem Blindenstock oder wirbel damit rum, dann machen die schon einen weiten Bogen, ohne daß ich es mitkriege. Oder daß ich ja nicht in Gefahr komme, auch nur eine, irgendwie in die Nähe von, von einer zu kommen, die, die das nicht, nicht will. So. Oder, oder die auch gar nicht die Mühe machen will mich kennenzulernen, sobald man diesen Stock da sieht. Oder halt bei, bei Anzeigen oder, oder auch so Veranstaltungsklamotten, wenn so irgendwelche Sachen geht, dann gar nicht drauf antworten beziehungsweise, beziehungsweise die Möglichkeit habe, sich so, so viel auszudenken, daß ich schon von selber drauf komme, drauf komme zu sagen: "Ach ne, ich hab' da keinen Bock zu.". (Nachtrag Pferd, S.25, Z.8-22)

  1. Unterkategorie: Gesellschaftliche Diskriminierung

Siehe S. 115, unter der I. Hauptkategorie: 'Assoziationen zu "Behinderten", Frauen und Lesben mit "Behinderung"'.

  1. Unterkategorie: Kraft und Kämpfen

Siehe S. 118, unter der I. Hauptkategorie: 'Assoziationen zu "Behinderten", Frauen und Lesben mit "Behinderung"'.

  1. Unterkategorie: Es geht dir nicht schlecht wegen der "Behinderung", sondern wegen des gesellschaftlichen Umfelds.

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Aussagen der "behinderten" Interviewpartnerinnen wiedergegeben, sie würden nicht durch ihre "Behinderung" behindert, sondern durch die Umwelt oder es ginge ihnen nicht schlecht wegen der "Behinderung", sondern wegen des Umfelds.

Ankerbeispiele:

Also wenn uns irgendwelche Behinderungen in den Weg gelegt werden, dann ist es natürlich nicht nur lästig, sondern unschön. Wenn ich zum Beispiel nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann, weil die öffentlichen Nahverkehrsmittel nicht zugänglich sind oder die Kneipen nicht "Behinderten"-gerechte Klos haben oder "Behinderten"-, nicht zugänglich, bla blub, blub. (Rolli unter 5., S.4, Z.15-19)

Und daß gar nicht begriffen wird, wenn es dir schlecht geht, dann ist es gar nicht die "Behinderung", warum es dir schlecht geht, sondern daß sind die Bedingungen um dich herum und diese ganzen komischen Menschen, die um dich herum da, da um dich herumgeistern. (...) wo du dann halt sagst, 'Ne, deshalb geht's mir halt so schlecht.'. (Pferd unter 5., S.16, Z.25-30)

Paraphrase:

Es geht Menschen mit "Behinderung" nicht wegen ihrer "Behinderung" schlecht, sondern wegen der Bedingungen um sie herum und der Diskriminierungen.

Behindert ist man nicht, behindert wird man.

Es wird so dargestellt, als sei die "Behinderung" das zu vermeidende Problem, dabei ist das gar nicht richtig.

Weitere Zitate:

Ich hab so das Gefühl, Medizin versucht, ihre eigene Widersprüchlichkeit dadurch irgendwie abzulenken, indem sie dann alles so darstellt, 'wie, "behindert", oder so - nicht mehr leben ist besser'. Wenn "Behinderte", wenn du schon sehen kannst, dein Kind wird krank, besser es wird gar nicht geboren. Das stellt sich so dar, als ob, das Problem ist die Krankheit und nicht die Medizin.(Nina unter 5., S.9, Z.1-7)

Daß ich da diesen Spielregeln, diesen komischen, die da herrschen, da nicht so, nicht so nachkommen kann, 'ne. Wo ich mich immer so frage, an sich will ich das gar nicht so, aber andererseits will ich, will ich schon so an ein paar Sachen teilnehmen. Ja und dann halt auf so 'ne Hilfe angewiesen zu sein, die a, ja, die ich überhaupt, an sich überhaupt nicht brauche und die dann sowieso unter so blöden Vorzeichen steht. (Pferd unter 4., S.11, Z.9-13)

  1. Unterkategorie: Seltsame Äußerungen "Nichtbehinderter"

Kodierregel:

In dieser Kategorie führe ich Sätze und andere Aussagen "Nichtbehinderter" auf, die die Interviewpartnerinnen im Interview wiedergegeben haben.

Ankerbeispiele:

'wie, "behindert", oder so - nicht mehr leben ist besser'. Wenn du schon sehen kannst, dein Kind wird krank, besser es wird gar nicht geboren. (Nina unter 5., S.9, Z.4-6)

So milde, wenn frau eine andere, vielleicht auch noch Krüppel-Frau vielleicht sogar, als Freundin hat, 'naja, die kriegt niemand anders'. (Rolli unter 3., S.3, Z.5-6)

ich möchte nicht, die, so'ne Hilfe haben nach dem Motto, 'Och, du armes, mitleidiges, blindes Etwas, was können wir dir Gutes tun', 'ne, so dieses Ding. Oder dieses Ding, 'Ja, wir müssen da ja was tun, die, die kommt ja nicht alleine zurecht.', auch, wenn ich alleine zurecht komme. (Pferd unter 4., S.10, Z.8-11)

Keine Paraphrase:

(Da die wiedergegebenen Äußerungen Einzelaussagen sind und einzeln gesehen und eigenständig betrachtet werden sollten, werde ich sie hier nicht zu Pharaphrasen zusammenfassen.)

Weitere Zitate:

Wie Ärzte sich verhalten, so meine ich. Ja. Oder ungefähr wie 'Die hat keinen abgekriegt.' oder so. Oder ich denke, jeder Mann will was von mir. (I: Wer denkt das?) Wenn ich ablehne, zum Beispiel da am Bahnhof, dann sage: "Ich will nicht. Eine Frau soll kommen.". Manche Männer tun dann so, 'Klar, sie denkt, jeder will was von ihr, weil sie total ausgetrocknet sein muß als Frau, so wie die aussieht und im Rollstuhl sitzt.'. (Nina unter 4., S.6, Z.28 - S.7, Z.1)

Ich denke, grundsätzlich unter "Nichtbehinderten", wenn ich durch die Gegend rolle, die meisten denken: "Die ist allein, einsam, wird 'ne alte Jungfer.". (Nina unter 6., S.9, Z.14-16)

gesellschaftlich denke ich schon, daß eine Frau im Rollstuhl sofort: "Ah, klar, die Frau hat keine Sexualität." (Nina unter 6., S.9, Z.19-20)

wenn du als "behinderte" Frau unangenehm berührt bist, dann wird das etwas geschockt aufgenommen: "Wir wollten doch nur helfen!". (Rolli unter 4., S.3, Z.19-20)

weil sie zwar sehen, daß ich "behindert" bin, aber dann denken, was weiß ich, die hat, sag ich jetzt mal flapsig, 'die hat Freigang bekommen und guckt jetzt mal', (Pferd unter 3., S.8, Z.1-3)

Wenn ich Hilfe einfordere, dann kann das nicht sein, weil da steckt immer dieses Bild dahinter: 'Ah, wir wissen aber an sich, was besser ist und außerdem ist das ja, was du bestimmst über uns und das geht ja nicht.'. (Pferd unter 4., S.11, Z.22-24)

'Ja, wenn ich jetzt, wenn ich jetzt helfe, dann muß ich auch gleich sehen, daß, daß ich mich davon abgrenze. Oder, oder wenn ich mich jetzt für 'ne "behinderte" Frau oder Lesbe interessiere, dann ist, muß ich mir, mich ich auch ganz klar sein, muß ich mir auch ganz klar sein, daß ich dann 'ne Pflegerin oder Assistentin bin. Also nicht vorrangig die Geliebte oder ausschließlich die Geliebte, sondern vorrangig Pflegerin, Assistentin und dann als Nebenpunkt doch noch die Geliebte. (Pferd unter 4., S.12, Z.11-16)

Man hat sich sazusagen das moralische Korsett angelegt hat, 'ja, wir dürfen sie ja leider nicht mehr umbringen', aber Betonung auf "leider", 'weil das geht ja so nicht,' (Pferd unter 5., S.14, Z.13-15)

Gut, daß das nochmal ein großer Schritt war, aber das, was an, an Bewußtsein vorausging, das ist schon vorher, da sind die Schranken schon vorher gefallen. Da ist der Schritt dann eh dann nicht mehr so weit, zu sagen, okay, bei bestimmten "geistigen Behinderungen" brauchen die nicht mehr einwill- oder müssen die nicht mehr einwilligen. Oder ja. Oder bei, bei "behinderten" Embryonen kann man noch irgendwelche Experimente machen oder so (Pferd unter 5., S.17, Z.22-27)

Und von einigen, von, von einigen, also wo ich dann also auch denen das schon so extrem auf die Nase bin-, binde, irgendwie, dadurch auch als Lesbe, aber manchmal so ein bißchen 'Naja, die ist ja behindert, die weiß so nicht, was sie ist und was sie tut.'. (...) 'Ja lassen wir sie mal dran teilhaben.' So. Aber nicht wirklich ernsthaft. (I: (Hm.) Und auch nur, nachdem Du es ihnen wer weiß wie auf die Nase bindest?) Ja. So nach dem Motto: 'Naja, das ist halt so, so eine Spielart', weißt Du, so. (I: Was heißt das, "Spielart"?) Ja so eine Spielart, 'Naja, die hat das irgendwie aufgeschnappt und jetzt will sie da mal so, so, so das auch sein.' Wie so ein kleines Kind, 'ne. Wie ein kleines Kind, das jetzt das Bauklötzchen haben will, so will ich ([redet mit Kleinkindstimme]) jetzt mal ausprobieren, einfach sagen, ich wäre lesbisch. Aber ohne zu wissen, was das ist und auch ohne es leben zu können natürlich. (Pferd unter 6., S.19, Z.21 - S.20, Z.2)

(I: Was für ein Fremdbild haben die denn, die so mit Dir umgehen, wie Du das beschreibst? Also, also in jetzt ziemlich vielen Beispielen beschrieben hast.) Hm, -- 'Wir müssen uns ständig um die kümmern.' 'Müssen die immer am Händchen halten. Müssen Verantwortung übernehmen.' Ehm.-- 'Das ist alles ganz schwierig.' Und vor allen Dingen: 'Was denken die andern?'. Also daß da so ein Sozialprestigeding mit drin ist. (I: Also die werden abgewertet dadurch, daß sie mit Dir Kontakt haben?) Ja. Also gerade, wenn es so Richtung Partnerschaft, Beziehung geht, denke ich, ist ein ganz großes, ganz großes Ding. Wo viele nochmal so sagen so und dann, 'Ach ja, und ganz nett und kann man mal gucken', aber das halt so, so, 'ne, 'Erg, hast wohl nichts besseres abgekriegt', so. Also daß dann die "Nichtbehinderte", das so, hat wohl nichts besseres abgekriegt, oder so. Eine eigene Abwertung dann stattfindet von, von (.....) (Nachtrag Pferd, S.27, Z.15-27)

  1. Unterkategorie: Geschichten von Erlebnissen mit "Nichtbehinderten", insbesondere mit "nichtbehinderten" Frauen und Lesben

Kodierregel:

In dieser Kategorie gebe ich Geschichten von Erlebnissen mit "Nichtbehinderten" wieder, die die Interviewpartnerinnen erzählt haben.

Ankerbeispiele:

wenn ich mit meinem Freund durch die gegend fahre, die Leutedenken immer, es ist mein Betreuer. Und wenn wir uns dann küssen: "Hhhh!" ([erschreckter Laut]) Oh, Schock! (Nina unter 6., S.9, Z.20-22)

Das war so als Witz gemeint. Also, obwohl ich es überhaupt nicht witzig fand. Das ist jetzt auch schon etliche Jahre her, da waren wir irgendwie auf so einer Veranstaltung und da hatten, ging's so um lesbische Mütter und Kinder kriegen. Und da war diese Diskussion hin und her: Ist das noch mit dem politisch-korrekten Lesben-Sein zu verbinden, blablabla, blablabla. Und, und da hatte ich nur so gesagt: "Ich wollte nie Kinder haben und weiß ich nicht, für mich würd' sich die Diskussion auch nicht so stellen". Und da meinte dann eine Frau: "Ja, das wär ja auch sowieso ganz schwierig gewesen, so mit der Behinderung und, und Kinder kriegen, und außerdem ist das doch jetzt ganz praktisch so, da bräuchte ich mir diese Diskussion ja nicht zu stellen, weil ich ja jetzt lesbisch bin, da würd' sich das gut ergänzen.". -- So, 'ne. Und das zeigt halt auch, auch ganz viel, wo ich immer so denk', 'Ach, endlich wird so mal das Lesbisch-Sein irgendwie gesehen mit der "Behinderung" im Sinne von, das ist, ist gesundheitstechnisch verwertbar in dem Sinne, 'Naja, sowas pflanzt sich zumindestens nicht fort'. (Pferd unter 5., S.18, Z.3-15)

ein Beispiel, wenn so'ne Spielgruppe hier gesucht wird, also was weiß ich, "Frauen Lesben suchen Frauen Lesben, die Lust haben, einmal in der Woche Brettspiele zu machen", sage ich jetzt mal als Beispiel. So. Und wenn das auch öffentlich ist mit Telefonnummer, also ohne über Chiffre oder sonstwas, sondern irgendein Aushang ist so und ich rufe dann an und sage: "Ja, hab da Lust mitzumachen" und hin und her, "es wär' aber prima, weil ich darauf angewiesen bin, wenn mir jemand den Weg erklärt oder mich zumindest von der Bushaltestelle beim ersten Mal abholt, damit ich weiß wo das ist.". Wenn ich das sage, "Ja, das machen wir, können wir tun", sind ja immer alle "hmm, das ist kein Problem und düdüdüb" und dann kannst Du drauf, drauf 'nen Hunderter verwetten, daß irgendwie einen Tag vorher oder einen halben Abend vorher: "Ja, wir haben uns nochmal getroffen und sind ganz viele Frauen wieder abgesprungen, es gibt jetzt doch diesen Spielclub nicht." oder "Wir haben, wir haben vor, weil jetzt viele krank geworden sind, uns erst in 4 Wochen zu treffen.". Wo ganz klar ist, die werden sich diesen Abend treffen, aber ohne, ohne mich. So. 'Ne, wo sie dann, was weiß ich, erstmal insgeheim sich abgesprochen oder sich überlegt haben, wie kommen wir aus dieser präkeren Situation wieder raus so. Und wenn ich aber anrufe beim ersten Mal und sage: "Ja, ich finde das toll und Spieleabend und irgendwie, wo findet das, findet das statt", und ehm, und "Jaja, ich bin dann da.", 'ne. Oder ich sage dann: "Ja, ich bin", denke mir eine ganz verrückt Geschichte aus: "Ja ich bin gerade hier erst in, in die Stadt gezogen, ich kenne mich noch nicht so aus, kann, können wir uns irgendwo treffen?". So einen ganz normalen Grund, wie es allen mal passieren kann, "Ja, kein Problem" so. Und wenn ich dann abgeholt werde, dann ist zwar auch die Überraschung da, aber dann kommen sie aus der Situation nicht mehr raus, weil mich dann so stehen lassen, das trauen sie sich dann doch meistens nicht. So in dem konkreten Fall. So und dann, und dann halt über diese 3-4 Sätze wechseln ich zumindestens die Chance habe, so weit mich vorzuarbeiten, daß sie sagen, 'naja, wir versuchen's mal so, einmal mit ihr'. So. Und das finde ich absolut beschissen. Weil nicht von vorneherein sagen zu können, 'ne, weil ich blind bin, möchte ich, daß man da und da halt abgeholt wird oder wir ein Stück zusammengehen oder wie auch immer. Oder sie mir den Weg beschreiben oder so. Sondern ich mir Geschichten ausdenken muß, um überhaupt die Möglichkeit zu haben, erklären zu dürfen, warum ich denn auch so fit genug bin, an ihrem erlauchten Kreis oder Vorhaben teilhaben zu können. (I: (Hm, hm.) Wobei das Hauptproblem ja wahrscheinlich nicht wäre die 200 Meter von der Bushaltestelle, 'ne?) Nein, das ist es nicht. Nicht das technische Problem, ist nicht das Problem. (Nachtrag Pferd, S.25, Z.24 - S.26, Z.26)

Keine Paraphrase:

(Die Geschichten sind eigenständige Einheiten und sollten nicht zu Pharaphrasen zusammengefaßt werden.)

Weitere Zitate:

Holt die Feuerwehr! Sperrt sie ein! Also nicht die "behinderten" Frauen, die "Nichtbehinderten"! ([währenddessen gemeinsames Lachen]) (I: Ahso! Warum?) Ha! Weil ich so grad so 'ne Assoziation hab', eine bildliche: Ich versuche nur mit meinem Stock die Treppen abzutasten, hochzugehen. Und schon springen sie von allen Seiten auf mich zu und reissen mir den Stock, nehmen den Stock in die Hand, in die Luft, damit ich natürlich nichts mehr merken kann und zerren mich links und rechts und zupfen mich am Ärmel. Und da schreit eine hinten noch: "Hiieer lang!", das "Hier" ist natürlich unheimlich deutlich für Blinde, und die andere schreit: "Nein, dort!". Und: "Daa unten.". So, ja. Sowas hatte ich grad im Kopf. "Hilfe!!" Und da kommt mir nur eins: Flüchten! (Pferd unter 4., S.9, Z.9-18)

ich hab's teilweise schon mal gemacht, wo ich so dachte, nö, nur um halt da nicht alleine rumzustehen und überhaupt mal in Kontakt zu kommen, habe ich dann jemanden gefragt: "Wo ist die Toilette?", obwohl ich alleine zur Toilette gehen kann. Also weiß, wo der Weg lang geht. Zum Beispiel. Oder paar andere Sachen, 'ne. So, aber das ist nicht, weil ich das nicht kann, sondern weil ich mich dann irgendwie total, total selber ziemlich klein fühle und ziemlich mies fühle (Pferd unter 4., S.11, Z.2-8)

wo ich das total schwierig finde, dann so, grade je enger dann ein Kontakt wird, also so am engsten halt in einer Beziehung, daß so wirklich für mich auch auseinander zu halten, 'ne. Oder wo ich es einfach lächerlich finde, lächerlich finde, weil ich grundsätzlich, will ich Assistenz und Beziehung so auseinander halten. Aber wenn ich finde, ich will abends einen Film sehen und meine Freundin hat da eine, eine Fernsehzeitschrift, daß ich dann sage, ja: "Kannst Du mir mal gerade sagen, was heute um 20.15h in der ARD kommt", daß sie nicht die 2 ½ Sekunden aufwendet und mir das sagt und ich dann so ein Ding im Kopf kriege, 'Uah, eigentlich, wenn ich das jetzt selber könnte, würde ich es selber machen und würde sie nicht fragen, hinterher denkt sie wieder, ich will sie nur benutzen', und dann auf die Idee komme, meine Assis-, Vorlesekraft anzurufen und zu sagen: "Liest Du mir das vor? Und wenn Du nächstens kommst, gebe ich Dir 5 Mark.". So. Solche Dinge halt. (Pferd unter 4., S.13, Z.11-21)

was mich auch immer aufgeregt hat, also da, org, kann ich mich stundenlang drüber aufregen, ist wirklich dieses 'Hach, daß die', also fällt mir so ein Spruch ein, hier aus einer Zeitung, der vor ein paar Jahren mal hier in der Zeitung stand, wo so eine Frau interviewt worden ist. Da gab's hier irgendwie so ein "Behinderten"-Sportfest hier und dann ist so eine Frau interviewt worden: "Ja, daß die Behinderten so viel Spaß haben können, daß, denen geht's doch soo schlecht, daß die überhaupt Spaß haben können, ja das ist ja was. Und das ist ja, irgendwie ist das ja toll.". Und die Überschrift dann zu so 'nem Artikel zu so 'nem Sportfest, wo dann so über das Sportfest nur so ein bißchen berichtet worden ist und aber ganz viel über halt so die Reaktionen so dadrauf, war dann eben gewesen: "Auch Behinderte können Spaß haben.". ([gemeinsames zynisches Lachen]) (I: Unter dem Motto: 'Es gibt Menschen und Auch-Menschen'?) Ja, genau. "Auch Behinderte können Spaß haben.". Ey, weißt Du, das ist 6 oder 7 Jahre her, aber könnte ich mich heute noch drüber aufregen. Das ist so, war so was, das hat ganz viel, es war ganz klar, daß überhaupt sowas, sowas als, ja, selbstverständlich gesehen wird, oder daß, daß überhaupt möglich erscheint, daß, daß "behinderte" Menschen genausoviel Spaß haben können oder auch nicht wie alle andern auch. Daß das sozusagen mit der "Behinderung" impliziert ist, daß du natürlich dann nur leiden kannst und Mundwinkel nach unten und es dir immer hyper-fürchterlich schlecht gehen muß auf Grund deiner "Behinderung" (Pferd unter 5., S.16, Z.7-25)

die medizinischen Experimente sind auch nicht fürchterlich weit oder werden oder haben auch immer in dem einen oder anderen Maße, im kleinen Ausmaß immer weiter stattgefunden. So. Also da, und sei es nur die ganzen Tablettenstudien für irgendwelche Epilepsie-Medikamente un-, ungefragt gegeben haben nach dem Motto 'Ach, die sind, sind so durch die ersten Reihen durch und ob wir das nun mit untermischen oder mit, das merkt doch keiner.' Oder so eine Quasi-Einwilligung: 'Ja, ja, wir geben Ihnen die besten Medikamente speziell für Ihre Behinderung. Und gleichzeitig ist das, sind wir an diese und diese Uni-Klinik angeschlossen, weil wir das auch noch ganz, auf seine Langzeitwirkung hin unterprü-, unterprüfen, überprüfen wollen.'. Und das sind auch alles medizinische Experimente, 'ne. Und da bin ich mir ziemlich sicher, daß, daß die Leute halt nicht über die wirklichen Gefahren, die das so mit sich bringt, informiert werden. (Pferd unter 5., S.17, Z.7-20)

grad, wenn es so um Partnerschaft oder Beziehung geht oder so, daß man, daß ich dann schon selber anfange, obwohl ich echt, echt das absolut hasse, meine "Behinderung" so ein Stück weit zu verleugnen, 'ne. Überhaupt zu sagen, ich muß erstmal einen Erstkontakt haben, um dann es sagen zu können, um überhaupt die Möglichkeit haben zu können, mich zu äußern. Weil ich sonst gar nicht die Möglichkeit hätte, mich zu äußern. (I: Warum? Also ich weiß es, aber (.....))Ja, weil, weil dann, sage ich mal, ja, an, an mir vorbeigegangen wird, also wenn es irgendwie so bei einer Veranstaltung ist. Wenn erkennbar ist, ich stehe da mit meinem Blindenstock oder wirbel damit rum, dann machen die schon einen weiten Bogen, ohne daß ich es mitkriege. Oder daß ich ja nicht in Gefahr komme, auch nur eine, irgendwie in die Nähe von, von einer zu kommen, die, die das nicht, nicht will. So. Oder, oder die auch gar nicht die Mühe machen will mich kennenzulernen, sobald man diesen Stock da sieht. Oder halt bei, bei Anzeigen oder, oder auch so Veranstaltungsklamotten, wenn so irgendwelche Sachen geht, dann gar nicht drauf antworten beziehungsweise, beziehungsweise die Möglichkeit habe, sich so, so viel auszudenken, daß ich schon von selber drauf komme, drauf komme zu sagen: "Ach ne, ich hab' da keinen Bock zu.". (Nachtrag Pferd, S.25, Z.7-22)

V. Hauptkategorie: Sexualität und sexuelle Orientierung

  1. Unterkategorie: Frauen und Lesben mit "Behinderung" als sexuelle Neutren

Kodierregel:

In diese Kategorie gehören Äußerungen, die "behinderten" Interviewpartnerinnen oder Frauen mit "Behinderung" allgemein würden als sexuelle Neutren bzw. nicht als Frauen angesehen werden.

Ankerbeispiele:

Aber an sich bin ich natürlich Neutrum, das ist ja wohl klar! (Laura unter 6., S.5, Z.31)

Aber so, ich meine, gesellschaftlich denke ich schon, daß eine Frau im Rollstuhl sofort: "Ah, klar, die Frau hat keine Sexualität." Ja. Und zum Beispiel auch, wenn ich mit meinem Freund durch die gegend fahre, die Leutedenken immer, es ist mein Betreuer. Und wenn wir uns dann küssen: "Hhhh!" ([erschreckter Laut]) Oh, Schock! (...) Bei Dir ja auch. Alle denken dann, Deine Liebste ist Deine Schwester. Wie auf dem Bild. (Vgl. Ruhm, 1998, S. 12. (Anm.: B.-U. R.)) (Nina unter 6., S.9, Z.18-25)

daß ich nicht, nicht als Frau wahrgenommen werden. Daß ich mit Männern gleichgesetzt, mit "behinderten" Männern gleichgesetzt werde. Hm. -- Ja oft so 'n Objektstatus. Generell so. (Pferd unter 2., S.3, Z.1-3)

Unterschiedlich. Entweder als Neutrum und sexualitätslos oder als, als der Blinde, Betonung auf "der", selbst, wenn ich schon beinah im Badeanzug rumlaufe. (I: (Hm.) Wirst Du dann als Mann wahrgenommen oder einfach als "Blind" so?) Als, als "Blind" und "Blind" ist immer männlich. (Pferd unter 6., S.19, Z.12-15)

Paraphrase:

Frauen und Lesben mit "Behinderung" werden als sexuellen Neutren angesehen.

Ihnen werden in der Regel weder PartnerInnenschaften noch Sexualität zugetraut.

Frauen mit "Behinderung" werden nicht als Frauen wahrgenommen, sondern mit "behinderten" Männern gleichgesetzt.

Weitere Zitate:

Von wenigen als Frau (...) Und von den meisten öh ja gar nicht drauf angesprochen, das, also mehr als Neutrum. (...) (I: Hm. Also von wenigen als heterosexuelle oder als Frau allgemein oder wie?) Ja, beides, glaube ich. Doch. Aber nicht so oft und meistens gar nicht irgendwie auf dieses Thema gebracht. Und wenn, dann, ja. Mehr neutral. (Linda unter 6., S.7, Z.3-14)

Aber ich denke, es ist verschieden. Ich denke, grundsätzlich unter "Nichtbehinderten", wenn ich durch die Gegend rolle, die meisten denken: "Die ist allein, einsam, wird 'ne alte Jungfer.". Und so. Und das von Männern und auch von Frauen. (Nina unter 6., S.9, Z.14-16)

nicht wahrgenommen werden als Geschlecht, sondern als, als "behinderter" Mensch. (Rolli unter 2., S.2, Z.20-21)

Hauptsächlich als Neutrum. (Rolli unter 6., S.4, Z.30)

Kein sexuelles Wesen (Pferd unter 2., S.2, Z.21)

daß ich den Wunsch habe, 'ne, mich so als Frau zu kleiden oder zu geben oder das, was als fraulich gesellschaftlich so angesehen wird. Und daß ich dann aber gleichzeitig so merke, ja, da habe ich Lust zu, um da endlich als Frau mal so gesehen zu werden, aber gleichzeitig absolut eine Abneigung dagegen, das so zu machen, weil ich so denke, boar, ich hab' keinen Bock, nur weil die es quasi, also die, die andern, die "Nichtbehinderten" es herausfordern, daß man das so sich praktisch inszenieren muß, um vielleicht doch mal wahrgenommen zu werden, aber auch nur vielleicht (Pferd unter 2., S.2, Z.13-19)

Und als Frau mit "Behinderung" ist es grad nochmal so, daß Dir erst recht abgesprochen wird irgendwie, Partner oder Partnerin zu haben, so. Und wenn man's dann hat, daß das auch sowas, so ganz schnell ist so, 'Hach, jetzt muß ich mich aber ganz glücklich schätzen, daß ich die- oder denjenigen habe und da muß ich auch eine ganz bestimmt Rolle einnehmen und da muß ich jetzt dran festhalten, weil, es ist sozusagen, jetzt hab ich einmal in meinem Leben Glück gehabt, jemand abgekriegt zu haben und ich schaff' das bestimmt kein zweites Mal.'. So'n Ding. Also, ich glaube, das ist so, ist so bei Frauen auch immer was anderes als bei Männern (Pferd unter 2., S.3, Z.29 - S.4, Z.3)

daß man sich als Lesbe mit "Behinderung" ständig total produzieren muß, so, finde ich. Also dadurch, daß so diese asexuelle Bild herrscht, zum großen Teil (Pferd unter 3., S.7, Z.17-19)

  1. Unterkategorie: Das Fremdbild, Frauen mit "Behinderung" seien unattraktiv und fänden nur schwer eineN PartnerIn

Siehe S. 181, unter der VIII. Hauptkategorie: 'Das Fremdbild.

  1. Unterkategorie: Fehleinschätzung der sexuellen Orientierung im Fremdbild

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Aussagen, daß den "behinderten" Interviewpartnerinnen innerhalb des Fremdbildes, daß ihnen von außen reflektiert wird, eine andere sexuelle Orientierung zugeordnet wird, als sie haben.

Ankerbeispiele:

Aber bin ich alles gar nicht! ([allgemeines Lachen]) Schade eigentlich! (I: Schade?) Na schade eigentlich, daß die das nicht wissen und nicht für voll nehmen! (Laura unter 6., S.6, Z.2-4)

Zum Beispiel auf Lesungen und so bin ich Lesbe. Unhinterfragt. Ja. Und so. Ich bin viel mit Lesben und Frauen zusammen und da denken viele, auch ich bin Lesbe. (Nina unter 6., S. 9, Z.17-18)

Und von einigen, von, von einigen, also wo ich dann also auch denen das schon so extrem auf die Nase bin-, binde, irgendwie, dadurch auch als Lesbe, aber manchmal so ein bißchen 'Naja, die ist ja behindert, die weiß so nicht, was sie ist und was sie tut.'. So. So so'n bißchen. 'Ja lassen wir sie mal dran teilhaben.' So. Aber nicht wirklich ernsthaft. (I: (Hm.) Und auch nur, nachdem Du es ihnen wer weiß wie auf die Nase bindest?) Ja. So nach dem Motto: 'Naja, das ist halt so, so eine Spielart', weißt Du, so. (I: Was heißt das, "Spielart"?) Ja so eine Spielart, 'Naja, die hat das irgendwie aufgeschnappt und jetzt will sie da mal so, so, so das auch sein.' Wie so ein kleines Kind, 'ne. Wie ein kleines Kind, das jetzt das Bauklötzchen haben will, so will ich ([redet mit Kleinkindstimme]) jetzt mal ausprobieren, einfach sagen, ich wäre lesbisch. Aber ohne zu wissen, was das ist und auch ohne es leben zu können natürlich. (...) (I: Du mußt ganz schön dumm sein für die.) Jo. (Pferd unter 6., S.19, Z.21 - S.20, Z.6)

Paraphrase:

Die sexuelle Orientierung von bisexuellen, lesbischen und anderen nicht-heterosexuellen Frauen mit "Behinderung" wird häufig in verschiedene Richtungen fehleingeschätzt.

Die sexuelle Orientierung von lesbischen Frauen mit "Behinderung" wird nicht ernst genommen, selbst wenn sie sich offensiv outen.

Nicht-lesbische Frauen mit "Behinderung" werden unhinterfragt als Lesben angesehen, wenn sie viel mit Frauen und Lesben zu tun haben.

Weitere Zitate:

Ich würde sagen, ich werde als heterosexuell eingestuft, würd ich mal behaupten. Jedenfalls von den meisten, die mit mir zu tun haben. Wobei die, einige ja auch wissen, daß ich das nicht bin. (Ulli unter 6., S.5, Z.1-4)

Da ich aber, wenn ich mit meinem Sohn unterwegs bin, erkennbar kein Neutrum bin, als heterosexuelle, aber sie wissen das nicht genau. (Rolli unter 6., S.4, Z.32-33)

Und weil ich eigentlich Frauen ganz lieb finde, also auch als lesbische Frau. (Rolli unter 6., S.4, Z.33 - S.5, Z.1)

Es ist immer wieder dann jedesmal die Entscheidung von, so ähnlich wie, was weiß ich, das Coming-Out so, ist immer wieder, ist ein permanentes Coming-Out, selbst wenn du selber schon längst draußen bist, mußt du dich aber trotzdem immer wieder outen (...) Entweder, weil sie nicht, weil sie zwar sehen, daß ich "behindert" bin, aber dann denken, was weiß ich, die hat, sag ich jetzt mal flapsig, 'die hat Freigang bekommen und guckt jetzt mal', aber nicht davon ausgehen, daß ich lesbisch bin beziehungsweise, wenn sie es wissen oder endlich dann mal so gerafft haben, durch was auch immer, dann, dann weil ich von der Norm abweiche. Weil das, das ist zu fremd. (Pferd unter 3., S.7, Z.28 - S.8, Z.5)

  1. Unterkategorie: Frauen und Lesben mit "Behinderung" sind, wenn überhaupt, dann heterosexuell.

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Textstellen aufgeführt, in denen die Interviewpatnerinnen mit "Behinderungen" schildern, daß, wenn ihnen überhaupt Sexualität und eine sexuelle Orientierung zugetraut wird, sie als heterosexuell angesehen werden.

Ankerbeispiele:

Ich würde sagen, ich werde als heterosexuell eingestuft, würd ich mal behaupten. Jedenfalls von den meisten, die mit mir zu tun haben. Wobei die, einige ja auch wissen, daß ich das nicht bin. (I: (Hm) Aber das sind ja auch nicht Fremde.) -- Hm, stimmt. (...) Fremde (...) Würde ich schon denken. Ich meine, welche, die mich auf dem Krüppeltreffen erleben, erleben mich, erleben mich vielleicht anders, aber ich denke, die Mehrzahl schon. (hält sie für heterosexuell (Anm.: B.-U. R.)) (Ulli unter 6., S.5, Z.1 - S.5, Z.15)

Also wenn ich mit Kind unterwegs bin, dann ist es schonmal nicht ganz so fürchterlich. Aber an sich bin ich natürlich Neutrum, das ist ja wohl klar! Und mit Kind bin ich machmal vielleicht eventuell als heterosexuell einzustufen, ja sowas in der Art. Ja. Aber bin ich alles gar nicht! (Laura unter 6., S.5, Z.30 - S.6, Z.2)

Paraphrase:

Wenn mir eine Sexualität zugetraut wird, werde ich als heterosexuell angesehen.

Wenn ich mit meinem Kind unterwegs bin, halten mich die Leute unter Umständen für heterosexuell, aber sie sind irritiert.

Ich werde, wenn überhaupt, als heterosexuell angesehen, obwohl ich das nicht bin.

Weitere Zitate:

Von wenigen als Frau -oder was hast Du als erstes gesagt? (I: Als +heterosexuelle, als bisexuelle Frau, als Les (.....)) Hetereosexuelle, ja. Also+ von wenigen. Und von den meisten öh ja gar nicht drauf angesprochen, das, also mehr als Neutrum. (...) (I: Hm. Also von wenigen als heterosexuelle oder als Frau allgemein oder wie?) Ja, beides, glaube ich. Doch. Aber nicht so oft und meistens gar nicht irgendwie auf dieses Thema gebracht. Und wenn, dann, ja. Mehr neutral. (Linda unter 6., S.7, Z.3-14)

Da ich aber, wenn ich mit meinem Sohn unterwegs bin, erkennbar kein Neutrum bin, als heterosexuelle, aber sie wissen das nicht genau. (Rolli unter 6., S.4, Z.32-33)

VI. Hauptkategorie: Hilfe

Diese Hauptkategorie findet sich auch im Kategoriensystem der InterviewpartnerInnen ohne "Behinderung".

  1. Unterkategorie: Negative Begriffe in Zusammenhang mit Hilfe

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Zitate aufgelistet, in denen negative Begriffe in Zusammenhang mit Hilfe verwendet werden.

Ankerbeispiele:

Ach, irgendwie finde ich Hilfe auch ganz schrecklich, so so also, hm. Also das Schrecklichste an Hilfe finde ich, glaube ich, wirklich dieses Helfersyndrom der anderen. (Laura unter 4., S.4, Z.15-16)

entweder ich nehme die Hilfe an, auch wenn ich sie gar nicht brauche, (...). Oder ich lehne sie ab und dann stimmt irgendwas nicht. (...)

Es ist schwierig, das dann trennen zu lernen, daß das Problem nicht bei dir selber liegt. (Nina unter 4., S.5, Z.32 - S.6, Z.3)

Unangenehmes Gefühl hervorrufen (...) wenn du als "behinderte" Frau unangenehm berührt bist, dann wird das etwas geschockt aufgenommen: "Wir wollten doch nur helfen!". (I: Unangenehm berührt, wenn jemand hilft?) Ja. (Rolli unter 4., S.3, Z.19-22)

Paraphrase:

Hilfe bekommen, brauchen oder ablehnen bringt viele Probleme und Schwierigkeiten mit sich.

Besonders schrecklich an Hilfe ist das Helfersyndrom der andern.

Der Umgang von "Nichtbehinderten" mit der vermeintlichen Hilfebedürftigkeit von Frauen mit "Behinderung" löst unangenehme Gefühle bei Frauen mit "Behinderung" aus.

Weitere Zitate:

Bei Pflegesachen zum Beispiel fällt mir ein, daß das ziemlich blöd ist. Frau mit Behinderung zu sein. Das man sehr abhängig sein kann. (Linda unter 2., S.9, Z.10-11)

Ja, daß es viel Geld kostet zum Beispiel auch. Hilfe. Daß man im Grunde genommen Hilfe nur gegen, oder neutrale Hilfe nur gegen Bezahlung kriegt. Fällt mir dazu ein. Daß sie, daß sie nach Zeitplan geht oft. Was auch ziemlich blöde ist. Daß Hilfe oft Freundschaften verhindert. Hilfe geben müssen und Hilfe, Hilfe in Empfang nehmen zu müssen. (Linda unter 4., S.4, Z.30 - S.5, Z.7)

Daß (...) der menschliche Kontakt dabei nicht so gepflegtwerden kann. Einerseits weil man sonst, einfach der eine oder der andere findet das zu, zu eng. (Linda unter 4., S.5, Z.9-14)

Das ist für mich so 'en Sache, daß man da immer ganz viel abgrenzt. (Linda unter 4., S.5, Z.19)

daß mir Hilfe angeboten wird und ich sie nicht haben will und mich kotzt es ganz doll an, daß Hilfe nicht ehm, also daß, das ganz viele Nichtbehinderte halt die Hilfe -- ne, daß die halt 'n Problem mit ihrem Helfersyndrom kriegen, wenn sie mir nicht helfen können oder so. Ich denke auch, daß ich es ätzend finde, also, was ich auch ganz besonders bei Hilfe nochmal ätzendfinde, ist diese Teile, halt nicht das Recht darauf zu haben, als "behinderte" Frau, ganz besonders als Lesbe, 'ne Assistenz zu haben, die weiblich ist. (Laura unter 4., S.4, Z.1-6)

ich hab ganz oft das Gefühl, daß ich auf Hilfe reduziert werde. Also -- daß ganz viele Sachen von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, weil, weil ich als Krüppelfrau damit assoziiert werde, daß ich Hilfe für irgendwas brauche und, und dadurch andere Leute einschränke in irgendwelchen Sachen, vielleicht sowas in der Art. -- (I: Weil sie annehmen, daß Du sie einschränken würdest durch Dein vermeintliches Hilfe-brauchen, deshalb Sachen dann nicht klappen?) Ja. (Laura unter 4., S.4, Z.6-12)

Und was mich auch noch so ankotzt, ist, daß von "behinderten" Frauen ganz besonders erwartet wird, für irgendwelche Hilfe, die sie überhaupt nie haben wollten, auch noch dankbar zu sein. Also diese Dankbarkeitssyndrom, daß geht mir so auf den Geist. (Laura unter 4., S.4, Z.4, Z.19-22)

Negative Begriffe in Zusammenhang mit "Hilfe": Schade; 2x kotzt mich -ganz doll 1x-an; ätzend 2x; schrecklich; das Schrecklichste an Hilfe; geht mir so auf den Geist (das Dankbarkeitssyndrom). (Laura unter 4.)

(...) fremdbestimmte Hilfe von außen.Und dann würde ich sagen: Hilfe? Hilfe!!! (Nina unter 4., S.5, Z.13-14)

Ich meine, "Hilfe!" bedeutet, daß mensch sich wehren kann vor den "Nichtbehinderten". "Hilfe!!" (Nina unter 4., S.5, Z.16-17)

Die Hilfe, die ich kriege, ist nicht das, was ich brauche. (Nina unter 4., S.5, Z.17)

das Problem ist auch bei Frauen größer. Auch, weil es zum Beispiel schwieriger ist, weibliche Assistenz zu kriegen. Und auch zum Beispiel bei weiblicher, "nichtbehinderter" Assistenz. Oder zum Beispiel auch, ich denke, es gibt noch nicht so viel lesbische Assistentinnen. (Nina unter 4., S.5, Z.18-21)

da sind zwei verschiedene Probleme da. Erstens die Hilfe, die mir in der Gesellschaft "Nichtbehinderte" anbieten oder aufdrängen und das andere Problem, die Hilfe, die ich brauche und durch Assistenz kriegen sollte. Und daß es dann schwierig ist, erstmal, durch den gesellschaftlichen Druck. Ich kriege dauernd Hilfe angeboten und es ist schwierig durch den Druck, dann erstmal herauszufinden, was ich wirklich brauche. (Nina unter 4., S.5, Z.24-28)

Dann werde ich oft abgewertet. (Nina unter 4., S.5, Z.31)

dankbar, dankbar, dankbar sein (Nina unter 4., S.6, Z.13)

Hilfe kriegst du nur, wenn Du Dankbarkeit gibst. Und du kriegst nur, wenn du was gibst. Und dich in das Bild von "Nichtbehinderten" einfügst. (Nina unter 4., S.6, Z.15-16)

Ich find's schwierig (...) Schwierig, da rauszufinden, was ich wirklich brauche, weil von Anfang an so'n Hilfebild gezeigt wird. Von dem du erstmal wegkommen mußt (Nina unter 4., S.6, Z.18-20)

es ist ein ständiger Kampf (Nina unter 4., S.6, Z.21)

das Problem für Frauen mit "Behinderung" (Nina unter 4., S.6, Z.21-22)

ich brauche Hilfe, ich hab keine andere Möglichkeit auch, als einen Mann halt ranzulassen. Außer ich revolutiere, revolutiere, schwieriges Wort, revoltiere. (...) Und dann werde ich öffentlich bestraft, daß ichnicht richtig bin. (Nina unter 4., S.6, Z.24-28)

Oder ungefähr wie 'Die hat keinen abgekriegt.' oder so. Oder ich denke, jeder Mann will was von mir. Wenn ich ablehne, zum Beispiel da am Bahnhof, dann sage: "Ich will nicht. Eine Frau soll kommen.". Manche Männer tun dann so, 'Klar, sie denkt, jeder will was von ihr, weil sie total ausgetrocknet sein muß als Frau, so wie die aussieht und im Rollstuhl sitzt.'. Ich glaube, viele Frauen lassen sich dann auch anfassen, auch wenn sie es nicht eigentlich wollen. Nur damit sie diesem Bild, damit nicht suggeriert wird, sie seien prüde oder sowas. Ja. Denke ich noch. Das ist ein doppeltes Problem dann für Frauen. (Nina unter 4., S.6, Z.29 - S.7, Z.4)

6x Problem; 7x schwierig/schwieriger; ... (Nina unter 4.)

Hilfe, hilflos (Rolli unter 4., S.3, Z.14)

Frau ist sowieso hilflos, "behinderte" Frau ist extrem hilflos (Rolli unter 4., S.3, Z.16-17)

(Also, was ich auch ganz wichtig fände oder toll fände, wenn, wenn gesehen wird, daß jemand Hilfe braucht, daß man einfach abwartet.) Nicht also entweder gleich hilft oder einfach vorbeigeht. (Rolli unter 4., S.3, Z.28-31)

Hilfe!!! Ja genau! Da schrei ich um Hilfe!! Holt die Feuerwehr! Sperrt sie ein! Also nicht die "behinderten" Frauen, die "Nichtbehinderten"! (Pferd unter 4., S.9, Z.9-10)

Ich versuche nur mit meinem Stock die Treppen abzutasten, hochzugehen. Und schon springen sie von allen Seiten auf mich zu und reissen mir den Stock, nehmen den Stock in die Hand, in die Luft, damit ich natürlich nichts mehr merken kann und zerrenmich links und rechts und zupfen mich am Ärmel. Und da schreit eine hinten noch: "Hiieer lang!", das "Hier" ist natürlich unheimlich deutlich für Blinde, und die andere schreit: "Nein, dort!". Und: "Daa unten.". So, ja. Sowas hatte ich grad im Kopf. "Hilfe!!" Und da kommt mir nur eins: Flüchten! (...) (Pferd unter 4., S.9, Z.12-18)

Oder, so, das gilt vor allen Dingen für, für blinde Frauen oder blinde Lesben, finde ich. Ganz extrem. (...) Daß, daß sie völlig ignoriert werden. (Pferd unter 4., S.9, Z.20-25)

diese perverse Helfersyndrom-Hilfe (Pferd unter 4., S.10, Z.1-2)

ich möchte nicht, ich möchte nicht, die, so'ne Hilfe haben nach dem Motto, 'Och, du armes, mitleidiges, blindes Etwas, was können wir dir Gutes tun', 'ne, so dieses Ding. Oder dieses Ding, 'Ja, wir müssen da ja was tun, die, die kommt ja nicht alleine zurecht.', auch, wenn ich alleine zurecht komme. (Pferd unter 4., S.10, Z.8-11)

Helfersyndrom-Hilfe nach dem Motto 'Wir wollen dir was Gutes tun, wir wissen, was gut für dich ist' (Pferd unter 4., S.10, Z.18-19)

wenn eine dir diese komische Hilfe zuteil werden läßt, obwohl ich die gar nicht haben will, sowohl ich selber kann (Pferd unter 4., S.10, Z.31-32)

Ja und dann halt auf so 'ne Hilfe angewiesen zu sein, die a, ja, die ich überhaupt, an sich überhaupt nicht brauche und die dann sowieso unter so blöden Vorzeichen steht. Nee. Und ansonsten. Ja Hilfe, wo sie wirklich mal notwendig wäre, also Unterstützung für mich im positiven Sinn, was, was eine Unterstützung ist, die wiederum meiner, meiner, meiner Selbstbestimmung hilft, so, also meiner Selbstbestimmung, das wär' so das, was mein Bedürfnis ist und das, was ich an Unterstützung haben will, genau das Maß und genau die Art, die passiert nicht. Auch, wenn ich sie ganz konkret verbal einfordere. Die passiert nicht. Oder in den seltensten Fällen. (Pferd unter 4., S.11, Z.11-19)

wenn ich Hilfe einfordere, dann kann das ja nicht sein, weil da steckt ja immer dieses Bild dahinter: 'Ah, wir wissen aber an sich, was besser ist und außerdem ist das ja, was du bestimmst über uns und das geht ja nicht.'. (Pferd unter 4., S.11, Z.22-24)

  1. Unterkategorie: Aufgedrängte, aber ungebrauchte Hilfe

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Textstellen gesammelt, die von Hilfe handeln, die von den Frauen mit "Behinderung" nicht gebraucht und gewünscht wird und ihnen aufgedrängt wird oder von Problemen, die "Nichtbehinderte" bekommen oder machen, wenn sie den Frauen mit "Behinderung" nicht helfen sollen.

Ankerbeispiele:

Und was mich auch noch so ankotzt, ist, daß von "behinderten" Frauen ganz besonders erwartet wird, für irgendwelche Hilfe, die sie überhaupt nie haben wollten, auch noch dankbar zu sein. Also diese Dankbarkeitssyndrom, daß geht mir so auf den Geist. (Laura unter 4., S.4, Z.4, Z.19-22)

Also, wenn da steht, "Hilfe", betont, denke ich zuerst an "Nichtbehinderte", die helfen beziehungweise fremdbestimmte Hilfe von außen.Und dann würde ich sagen: Hilfe? Hilfe!!!

(I: Was bedeutet das? Hilfe vor der Hilfe? Also Hilfe gegen fremdbestimmte Hilfe?) Ich meine, "Hilfe!" bedeutet, daß mensch sich wehren kann vor den "Nichtbehinderten". "Hilfe!!" (Nina unter 4., S.5, Z.12-17)

Auch zum Beispiel, wenn ich Hilfe angeboten kriege, gesellschaftlich und ich sie nicht annehme. Das geht mir oft so. Dann werde ich oft abgewertet. Von wegen 'Du kannst froh sein, daß ich dir Hilfe anbiete!'. Dann entsteht so ein Gefühl für mich als "Behinderte", entweder ich nehme die Hilfe an, auch wenn ich sie gar nicht brauche, und dann passe ich in das Bild und bin nett. Oder ich lehne sie ab und dann stimmt irgendwas nicht. (Nina unter 4., S.5, Z.30 - S.6, Z.1)

Paraphrase:

Es besteht ein Problem, daß "Nichtbehinderte" Frauen mit "Behinderung" Hilfe aufdrängen, gegen die sich diese wehren müssen.

Von Frauen mit "Behinderung" wird erwartet, für Hilfe, die sie nie haben wollten, auch noch dankbar zu sein.

Wenn Frauen mit "Behinderung" angebotene Hilfe ablehnen, werden sie abgelehnt, weil sie in das hilfebedürftige Bild zu passen haben und mit Dankbarkeit reagieren sollen.

Weitere Zitate:

Und für mich ist es halt immer ganz oft so, daß mir Hilfe angeboten wird und ich sie nicht haben will (Laura unter 4., S.3, Z.33 - S.4, Z.1)

mich kotzt es ganz doll an, daß Hilfe nicht ehm, also daß, daß ganz viele Nichtbehinderte (...) 'n Problem mit ihrem Helfersyndrom kriegen, wenn sie mir nicht helfen können (Laura unter 4., S.4, Z.1-3)

Also das Schrecklichste an Hilfe finde ich, glaube ich, wirklich dieses Helfersyndrom der anderen. (Laura unter 4., S.4, Z.15-16)

Die Hilfe, die ich kriege, ist nicht das, was ich brauche. Ja. Ich denke auch, das Problem ist auch bei Frauen größer. (Nina unter 4., S.5, Z.17-18)

Ich denke, da sind zwei verschiedene Probleme da. Erstens die Hilfe, die mir in der Gesellschaft "Nichtbehinderte" anbieten oder aufdrängen (Nina unter 4., S.5, Z.24-25)

Und daß es dann schwierig ist, erstmal, durch den gesellschaftlichen Druck. Ich kriege dauernd Hilfe angeboten und es ist schwierig durch den Druck, dann erstmal herauszufinden, was ich wirklich brauche. (Nina unter 4., S.5, Z.26-28)

Frau ist sowieso hilflos, "behinderte" Frau ist extrem hilflos und man hilft dann halt. So, das männliche, auch elterliche dieses Helfen-Wollen. Unangenehmes Gefühl hervorrufen, sowohl also (.....) Bei Kindern wird das akzeptiert, daß sie unangenehm berührt sind, wenn du als "behinderte" Frau unangenehm berührt bist, dann wird das etwas geschockt aufgenommen: "Wir wollten doch nur helfen!". (I: Unangenehm berührt, wenn jemand hilft?) Ja. (I: Angeblich. (hilft)) Ja. (Rolli unter 4., S.3, Z.16-24)

Es gibt Situationen, wo Hilfe notwendig ist, wo aber dann, da würd ich dann drauf bestehen, daß endlich mal klar wird, daß unsereins seinen Kram kann, einen Mund hat und auch sagen kann, wo geholfen wird und wann. Oder man kann (.....) Also, was ich auch ganz wichtig fände oder toll fände, wenn, wenn gesehen wird, daß jemand Hilfe braucht, daß man einfach abwartet. Nicht also entweder gleich hilft oder einfach vorbeigeht. Sondern daß man halt zur Verfügung steht, um angesprochen werden zu können. (I: Ja.) Und wenn das, das ist der weiteste Schritt und vorher ist noch der Schritt, daß die Leute unbedingt fragen sollen, bevor sie was machen. Aber wenn dann sie soweit sind, daß sie nur zur Verfügung stehen, dann brauchen wir auch das nicht mehr. (Rolli unter 4., S.3, Z.26 - S.4, Z.3)

Hilfe!!! Ja genau! Da schrei ich um Hilfe!! Holt die Feuerwehr! Sperrt sie ein! Also nicht die "behinderten" Frauen, die "Nichtbehinderten"! ([währenddessen gemeinsames Lachen]) (I: Ahso! Warum?) Ha! Weil ich so grad so 'ne Assoziation hab', eine bildliche: Ich versuche nur mit meinem Stock die Treppen abzutasten, hochzugehen. Und schon springen sie von allen Seiten auf mich zu und reissen mir den Stock, nehmen den Stock in die Hand, in die Luft, damit ich natürlich nichts mehr merken kann und zerren mich links und rechts und zupfen mich am Ärmel. Und da schreit eine hinten noch: "Hiieer lang!", das "Hier" ist natürlich unheimlich deutlich für Blinde, und die andere schreit: "Nein, dort!". Und: "Daa unten.". So, ja. Sowas hatte ich grad im Kopf. "Hilfe!!" Und da kommt mir nur eins: Flüchten! (Pferd unter 4., S.9, Z.9-18)

diese perverse Helfersyndrom-Hilfe (...) ich möchte nicht, die, so'ne Hilfe haben nach dem Motto, 'Och, du armes, mitleidiges, blindes Etwas, was können wir dir Gutes tun', 'ne, so dieses Ding. Oder dieses Ding, 'Ja, wir müssen da ja was tun, die, die kommt ja nicht alleine zurecht.', auch, wenn ich alleine zurecht komme. (Pferd unter 3., S.10, Z.1-11)

  1. Unterkategorie: Frauen mit "Behinderung" dürfen sich noch weniger von unerwünschter Hilfe abgrenzen.

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie geben ich Textstellen wieder, in denen steht, daß sich Frauen mit "Behinderung" noch weniger von unerwünschter Hilfe abgrenzen dürfen als andere Menschen und ihre Grenzen, z.B. gegenüber Männern, die "Hilfe"-Leistungen an ihnen vornehmen wollen, besonders wenig wahren dürfen.

Ankerbeispiele:

Und ich denk', es ist ein ständiger Kampf halt. Und zum Beispiel auch das Problem für Frauen mit "Behinderung" ist dann, daß oft total öffentlich Männer, zum Beispiel bei der Bahn oder auch sonstwo, auch im Krankenhaus oder so, also nicht nur Schwestern, auch Ärzte oder sonstwie (.....) Für mich hat zum Beispiel, ich brauche Hilfe, ich hab keine andere Möglichkeit auch, als einen Mann halt ranzulassen. Außer ich (...) revoltiere. (...) Und dann werde ich öffentlich bestraft, daß ich nicht richtig bin. Wie Ärzte sich verhalten, so meine ich. Ja. Oder ungefähr wie 'Die hat keinen abgekriegt.' oder so. Oder ich denke, jeder Mann will was von mir. (I: Wer denkt das?) Wenn ich ablehne, zum Beispiel da am Bahnhof, dann sage: "Ich will nicht. Eine Frau soll kommen.". Manche Männer tun dann so, 'Klar, sie denkt, jeder will was von ihr, weil sie total ausgetrocknet sein muß als Frau, so wie die aussieht und im Rollstuhl sitzt.'. Ich glaube, viele Frauen lassen sich dann auch anfassen, auch wenn sie es nicht eigentlich wollen. Nur damit sie diesem Bild, damit nicht suggeriert wird, sie seien prüde oder sowas. Ja. Denke ich noch. Das ist ein doppeltes Problem dann für Frauen. (Nina unter 4.,S. 6, Z.21 - S.7, Z.4)

Bei Kindern wird das akzeptiert, daß sie unangenehm berührt sind, wenn du als "behinderte" Frau unangenehm berührt bist, dann wird das etwas geschockt aufgenommen: "Wir wollten doch nur helfen!". (I: Unangenehm berührt, wenn jemand hilft?) Ja. (I: Angeblich. (hilft)) Ja. (Rolli unter 4., S.3, Z.18-24)

Paraphrase:

Von Frauen mit "Behinderung" wird in besonderem Ausmaß und mehr als von Männern mit "Behinderung" verlangt, "Hilfe" -unabhängig davon, ob sie ihnen nützlich oder gar hinderlich ist- anzunehmen und dafür dankbar zu sein.

Wenn Frauen mit "Behinderung" zeigen, daß mit ungewünschter "Hilfe" ihre Grenzen überschritten werden, wird das noch weniger akzeptiert als z.B. bei Kindern.

Oft wird nicht akzeptiert, wenn sich Frauen mit "Behinderung" nicht zur tatsächlichen oder vermeintlichen Hilfestellung von Männern anfassen lassen wollen.

Weitere Zitate:

Und was mich auch noch so ankotzt, ist, daß von "behinderten" Frauen ganz besonders erwartet wird, für irgendwelche Hilfe, die sie überhaupt nie haben wollten, auch noch dankbar zu sein. (Laura unter 4., S.4, Z.4, Z.19-21)

Die Hilfe, die ich kriege, ist nicht das, was ich brauche. Ja. Ich denke auch, das Problem ist auch bei Frauen größer. (Nina unter 4., S.5, Z.17-18)

Nicht-Akzeptanz von den "Nichtbehinderten", daß man als Frau bestimmte Intimbereiche hat oder bestimmte Vorstellungen vom Leben hat, die man auch leben will, obwohl frau "behindert" ist. Assistenz. Da fällt mir ganz konkret ein also bei Modul, also es gibt ein Rasur-Pflege-Modul, aber kein Modul für die Menstruations-Pflege. (Rolli unter 2., S.2, Z.23-26)

  1. Unterkategorie: Kontakt unterbleiben, weil "Nichtbehinderte" mit "behindert" Hilfeabhängigkeit assoziieren.

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Zitate gesammelt, in denen die "behinderten" Interviewpartnerinnen beschreiben, wie "Nichtbehinderte" mit "behindert" Hilfeabhängigkeit assoziieren, mit Angst oder Abwehr reagieren und dadurch Kontakte zwischen Menschen mit und ohne "Behinderung" eigeschränkt oder verhindert werden.

Ankerbeispiele:

ich hab ganz oft das Gefühl, daß ich auf Hilfe reduziert werde. Also -- daß ganz viele Sachen von vornherein zum Scheitern verurteilt sind, weil, weil ich als Krüppelfrau damit assoziiert werde, daß ich Hilfe für irgendwas brauche und, und dadurch andere Leute einschränke in irgendwelchen Sachen, vielleicht sowas in der Art. -- (I: Weil sie annehmen, daß Du sie einschränken würdest durch Dein vermeintliches Hilfe-brauchen, deshalb Sachen dann nicht klappen?) Ja. (Laura unter 4., S.4, Z.6-12)

aber wenn es dann so Richtung Partnerschaft geht oder Beziehungswunsch oder so, daß das ganz häufig so ist, ja, ja, 'ne, wo das ganz klar ist, 'Ja klar, 'ne, habt ihr das auch, so, 'ne, die gleichen Bedürfnisse...'. Und dann wird nicht weitergesprochen, aber wo du den Satz aber beenden kannst: 'Ja, aber es ist ja auch ganz schwierig, weil die andere ja so 'ne große Verantwortung hat dann als "nichtbehinderte" Frau.'. Das wird selten gesagt, aber immer gedacht. Und zwar kann man das also schon quasi, wirklich so steht's im Raum. Oder wird so durch andere, indirekt Sachen gesagt. (I: Das heißt, daß durch die Assoziation von, von Lesben mit "Behinderung" und Hilfe werden Beziehungen unterbunden? Kann man das so sagen?) Ja. Kann man so sagen. Ja. Ich mein', das wird, Hilfe wird ganz konkret immer, ziemlich häufig gleich in der Kategorie "Pflegerin, Assistentin", 'ne, gesehen so. Also dauerhaft dann auch irgendwie oder gleich so 'Ja, wenn ich jetzt, wenn ich jetzt helfe, dann muß ich auch gleich sehen, daß, daß ich mich davon abgrenze. Oder, oder wenn ich mich jetzt für 'ne "behinderte" Frau oder Lesbe interessiere, dann ist, muß ich mir, mich ich auch ganz klar sein, muß ich mir auch ganz klar sein, daß ich dann 'ne Pflegerin oder Assistentin bin. Also nicht vorrangig die Geliebte oder ausschließlich die Geliebte, sondern vorrangig Pflegerin, Assistentin und dann als Nebenpunkt doch noch die Geliebte. So. Oder daß ich das als "behinderte" Lesbe auch schon ganz häufig im Kopf habe, weil ich das so mitkriege irgendwie, 'ne. Daß das also häufig so empfunden wird, ich will nicht sagen, es wird, also ich glaube, daß das nicht von "nichtbehinderten" Frauen auch so gesagt wird. Die streiten das ab oder meinen das auch wirklich. Aber im Alltagsleben kommen so viele Geschichten vor, daß, daß ich denke, sie empfinden sich aber so. Ohne es vielleicht auch äußern zu können oder zu wollen. Und daß ich das also auch immer so, selber dann so im Kopf habe, 'ne. Also. (I: Wie empfinden sie sich?) Sie empfinden sich als Pflegerin und Assistentin, selbst, wenn sie es bewußt nicht so auf, auf dem Schirm haben. So, die empfinden sich aber so. Oder daß ich (.....) (I: In ganz normalen Kontakten? Oder in Beziehungen?) Sowohl als auch. Und daß, daß ich sowas auch schon dann immer so mitdenke und dann oft denke, ja da, wo ich vielleicht Unterstützung brauche, oder auch grad in der Beziehung, wo ich so sage, also, (.....) Ganz einfaches Beispiel: Klar ist es schöner, sich von einer Geliebten einen Zeitungsartikel vorlesen zu lassen. Das kann ja auch ganz nett sein. Das machen "Nichtbehinderte" untereinander auch, die lesen sich auch was vor, so. Und ich krieg gleich dieses Ding irgendwie in den Kopf von 'Uah, das ist Hilfe und die denkt dann wieder, sie wär meine Assistentin.'. Und das geht gar nicht um das schön miteinander im Bett liegen oder irgendwie was essen und sich dann was zu erzählen und vorzulesen, 'ne, sondern es geht irgendwie, ist gleich auf diese Assistenzschiene, so, 'ne. Daß das selber schon so ein Ding ist, was, was ich dann im Kopf hab'. Also was ich nicht, was ich so weiß, daß das so nicht ist, 'ne, aber was also total so ein Bild ist, wo ich finde, das wird so von außen auf mich draufprojeziert. Und ich koppel das so zurück irgendwie. -- Wo ich, wo ich das total schwierig finde, dann so, grade je enger dann ein Kontakt wird, also so am engsten halt in einer Beziehung, daß so wirklich für mich auch auseinander zu halten, 'ne. (Pferd unter 4., S.11, Z.32 - S.13, Z.13)

Paraphrase:

"Nichtbehinderte" assoziieren mit "behindert" Hilfeabhängigkeit. Sie glauben, im Kontakt mit einer Frau mit "Behinderung" wären sie für diesen Hilfebedarf zuständig. Aus Angst vor Einschränkungen durch diese vermuteten und oft nicht realen Hilfeleistungen reagieren sie häufig mit Abwehr. Kontakte mit Frauen mit "Behinderung" unterbleiben oder werden behindert.

Auch Frauen mit "Behinderung" reagieren u.U. verkrampft, wenn sie sich von besagtem, starkem Fremdbild abgrenzen wollen.

Weitere Zitate:

Weil man könnte ja, man müßte ja irgendwas tun können oder es würde von einem, von den "Nichtbehinderten" irgendwas gefordert werden können, was sie dann nicht leisten können oder wollen. Also so 'ne Angst vor Überforderung oder nicht wissen, wie, wie umgehen, oder so. Und daß das, daß das ganz schnell halt so 'n, wenn, wenn es permanent so passiert, ganz schnell so selber so 'n Ding, irgendwas bei mir im Kopf auslöst, ja, daß ich mich auch immer weniger traue, also immer weniger traue, jedesmal neu aus mir herauszukommen und es zu versuchen so. Weil ich das Ganze ziemlich krampfig finde. (Pferd unter 3., S.8, Z.7-17)

und ich dann so ein Ding im Kopf kriege, 'Uah, eigentlich, wenn ich das jetzt selber könnte, würde ich es selber machen und würde sie nicht fragen, hinterher denkt sie wieder, ich will sie nur benutzen', und dann auf die Idee komme, meine Assis-, Vorlesekraft anzurufen (Pferd unter 4., S.13, Z.17-20)

  1. Unterkategorie: Es geht nicht um die Bedürfnisse der Menschen mit "Behinderung".

Kodierregel:

In diese Kategorie fallen Textstellen, daß es bei Hilfeleistungen nicht um die Bedürfnisse der Menschen mit "Behinderung" ginge.

Ankerbeispiele:

Es gibt Situationen, wo Hilfe notwendig ist, wo aber dann, da würd ich dann drauf bestehen, daß endlich mal klar wird, daß unsereins seinen Kram kann, einen Mund hat und auch sagen kann, wo geholfen wird und wann. Oder man kann (.....) Also, was ich auch ganz wichtig fände oder toll fände, wenn, wenn gesehen wird, daß jemand Hilfe braucht, daß man einfach abwartet. Nicht also entweder gleich hilft oder einfach vorbeigeht. Sondern daß man halt zur Verfügung steht, um angesprochen werden zu können. Und wenn das, das ist der weiteste Schritt und vorher ist noch der Schritt, daß die Leute unbedingt fragen sollen, bevor sie was machen. Aber wenn dann sie soweit sind, daß sie nur zur Verfügung stehen, dann brauchen wir auch das nicht mehr. (Rolli unter 4., S.3, Z.26 - S.4, Z.3)

(Hilfe, wo sie wirklich mal notwendig wäre, also Unterstützung für mich im positiven Sinn, was, was eine Unterstützung ist, die wiederum meiner, meiner, meiner Selbstbestimmung hilft, so, also meiner Selbstbestimmung, das wär' so das, was mein Bedürfnis ist und das, was ich an Unterstützung haben will, genau das Maß und genau die Art, die passiert nicht. Auch, wenn ich sie ganz konkret verbal einfordere. Die passiert nicht. Oder in den seltensten Fällen.) -- So, weil das ja immer was ist von: 'Ja, wenn du (.....)', wenn, wenn du oder wenn ich, ja wenn ich Hilfe einfordere, dann kann das ja nicht sein, weil da steckt ja immer dieses Bild dahinter: 'Ah, wir wissen aber an sich, was besser ist und außerdem ist das ja, was du bestimmst über uns und das geht ja nicht.'. (Pferd unter 4., S.11, Z.14-24)

Allein schon dadurch, weil es gar nicht um dich geht und um deine Bedürfnisse, sondern nur darum nach dem Motto: 'Wir wissen, was gut ist und wir integrieren dich mal eben.'. So. "Nichtbehinderte" integrieren "Behinderte", das muß man ja dazu sagen so. Das ist, das ist für mich keine Integration, weil die wär-, würde ja dann nur sein, wenn sich, wenn "behinderte" Menschen selber in der, durch Strukturen in der, in die Lage versetzt werden würden, sich selber so da einzubringen, wo sie sich einbringen wollen. (Pferd unter 5., S.15, Z.11-16)

Paraphrase:

Es geht nicht um die Bedürfnisse der Menschen mit "Behinderung, sondern darum, daß die "Nichtbehinderten" wüßten, was gut für sie ist.

Es wird nicht akzeptiert, daß Menschen mit "Behinderung" über die Hilfe und was sie brauchen bestimmen. Die "HelferInnen" wollen die Fäden in der Hand haben.

Weitere Zitate:

wenn ganz klar wäre, ich brauch das und das und genau so würde es gemacht, dann würde ich wahrscheinlich mit meinem Leben völlig zufrieden sein, so, aber ich kann halt davon nicht ausgehen (Laura unter 4., S.4, Z.16-19)

Nicht-Akzeptanz von den "Nichtbehinderten", daß man als Frau bestimmte Intimbereiche hat oder bestimmte Vorstellungen vom Leben hat, die man auch leben will, obwohl frau "behindert" ist. (Rolli unter 2., S.2, Z.23-25)

wenn du als "behinderte" Frau unangenehm berührt bist, dann wird das etwas geschockt aufgenommen: "Wir wollten doch nur helfen!". (Rolli unter 4., S.3, Z.19-20)

  1. Unterkategorie: Tatsächlich nötige Hilfe, die der Selbstbestimmung dient, passiert nicht.

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Aussagen, daß tatsächlich benötigt und gewünscht Hilfe generell oder in bestimmten Situationen nicht passiert.

Ankerbeispiele:

wenn ganz klar wäre, ich brauch das und das und genau so würde es gemacht, dann würde ich wahrscheinlich mit meinem Leben völlig zufrieden sein, so, aber ich kann halt davon nicht ausgehen (Laura unter 4., S.4, Z.16-19)

Hilfe, wo sie wirklich mal notwendig wäre, also Unterstützung für mich im positiven Sinn, was, was eine Unterstützung ist, die wiederum meiner, meiner, meiner Selbstbestimmung hilft, so, also meiner Selbstbestimmung, das wär' so das, was mein Bedürfnis ist und das, was ich an Unterstützung haben will, genau das Maß und genau die Art, die passiert nicht. Auch, wenn ich sie ganz konkret verbal einfordere. Die passiert nicht. Oder in den seltensten Fällen. (Pferd unter 4., S.11, Z.14-19)

Paraphrase:

Hilfe im positiven Sinne, Hilfe, die sich nach den Bedürfnissen der Frau mit "Behinderung" richtet, passiert nicht.

"Nichtbehinderten" fällt es sehr schwer, auf das einzugehen, was Frauen mit "Behinderung" selbst als Hilfebedarf äussern.

Weitere Zitate:

wenn gesehen wird, daß jemand Hilfe braucht, daß man einfach abwartet. Nicht also entweder gleich hilft oder einfach vorbeigeht. Sondern daß man halt zur Verfügung steht (Rolli unter 4., S.3, Z.29-31)

Oder, so, das gilt vor allen Dingen für, für blinde Frauen oder blinde Lesben, finde ich. Ganz extrem. (...) Daß, daß sie völlig ignoriert werden. Also, daß man überhaupt nicht, daß ich, daß ich überhaupt nicht mitkriege, was da abläuft beziehungsweise umgekehrt auch, auch so nicht. Also daß überhaupt keine Kommunikation stattfindet. (I: Was heißt "umgekehrt auch nicht"?) Ja, es ist von beiden Seiten. (Ich hab' so keine, erleb' so keine Möglichkeit, oder ich meine, halt nicht gegen diese, diese Wand oder diese Ignoranz angehen zu können. Weil das zuviel Kraft kostet.) Und andererseits ich noch nichtmals, nichtmals diese perverse Helfersyndrom-Hilfe kriege (Pferd unter 4., S.9, Z.20 - S.10, Z.2)

  1. Unterkategorie: Forderung nach weiblicher Assistenz für Frauen und Lesben mit "Behinderung"

Kodierregel:

In diese Kategorie fallen Textstellen, die sich auf die Forderung nach weiblicher Assistenz für Frauen mit "Behinderung" bzw. nach lesbische Assistentinnen für Lesben mit "Behinderung" beziehen.

Ankerbeispiele:

weibliche Assistenz (Ulli zu 2., S.3, Z.24-25)

Oder zum Beispiel auch, ich denke, es gibt noch nicht so viel lesbische Assistentinnen. Und ich denke, für Lesben ist es wichtig, eine lesbische Assistentin zu kriegen. (Nina unter 4., S.5, Z.20-22)

Geschlechtsspezifische Pflege natürlich. (Rolli unter 2., S.2, Z.26-27)

Paraphrase:

Zu Frauen und Lesben mit "Behinderung" fällt mit "weibliche Assistenz" ein.

Frauen mit "Behinderung" müssen weibliche Assistentinnen wählen können.

Besonders als Lesbe mit "Behinderung" kann es wichtig sein, Frauen oder auch Lesben als Assistentinnen wählen zu können.

Weitere Zitate:

weibliche Assistenz (Ulli zu 3., S.3, Z.24-25)

Weibliche Assistenz (Ulli unter 4., S.3, Z.23-24)

Auch da kann ich mit dem Begriff (weibliche Assistenz (Anm.: B.-U. R.)) kommen. (Ulli unter 4., S.4, Z.9)

was ich auch ganz besonders bei Hilfe nochmal ätzend finde, ist diese Teile, halt nicht das Recht darauf zu haben, als "behinderte" Frau, ganz besonders als Lesbe, 'ne Assistenz zu haben, die weiblich ist. (Laura unter 4., S.4, Z.4-6)

Ich denke auch, das Problem ist auch bei Frauen größer. Auch, weil es zum Beispiel schwieriger ist, weibliche Assistenz zu kriegen. (Nina unter 4., S.5, Z.17-19)

  1. Unterkategorie: Hilfe muß auf die eine oder andere Weise bezahlt werden.

Kodierregel:

In dieser Kategorie führe ich Aussagen auf, in denen der Preis von Hilfe erwähnt wird bzw. daß Menschen und insbesondere Frauen mit "Behinderung" Hilfe nicht ohne Gegenleistung bekommen.

Ankerbeispiele:

Ja, daß es viel Geld kostet zum Beispiel auch. Hilfe. Daß man im Grunde genommen Hilfe nur gegen, oder neutrale Hilfe nur gegen Bezahlung kriegt. (Linda unter 4., S.4, Z.30-32)

Hilfe kriegst du nur, wenn Du Dankbarkeit gibst. Und du kriegst nur, wenn du was gibst. Und dich in das Bild von "Nichtbehinderten" einfügst. (Nina unter 4., S.6, Z.15-16)

Paraphrase:

Hilfe gibt es nur gegen Gegenleistung.

Hilfe muß entweder mit Geld oder mit Dankbarkeit und damit, sich ins "Behinderten"-Bild einzufügen, bezahlt werden.

Hilfe hat ihren Preis.

Weitere Zitate:

Und was mich auch noch so ankotzt, ist, daß von "behinderten" Frauen ganz besonders erwartet wird, für irgendwelche Hilfe, die sie überhaupt nie haben wollten, auch noch dankbar zu sein. Also diese Dankbarkeitssyndrom, daß geht mir so auf den Geist. (Laura unter 4., S.4, Z.19-22)

Und ich hab am Anfang auch Assistenzstunden gekriegt. Und für mich war es total fremd, die Frau kommt zu mir und hilft mir. Und ich geb ihr Geld dafür und ich muß ihr nicht dankbar dafür sein. Ja. Sondern es ist ein Arbeitsverhältnis zwischen uns. (Nina unter 4., S.6, Z.7-10)

VII. Hauptkategorie: Die Diskussion über den "Lebenswert"

Zur Einstimmung möchte ich Zitate von zwei meiner Interviewpartnerinnen vorrausschicken:

Also für mich ist das Teil, daß ich halt vielleicht einfach nicht auf der Welt wäre, wenn diese Diskussion damals schon so ätzend vorangeschritten wäre und ich wär stinksauer, daß ich einfach nicht hätte geboren werden dürfen (Laura unter 5., S.5, Z.11-13)

LebensWert

Im Fernsehen

wieder

Diskussionen

ob ich es wert wäre

zu leben

Eugenik

vorgeburtliche Diagnostik

Euthanasie

und ich denke mir

mit 15 Jahren wäre ich

gestorben ohne den med. Fortschritt

vor 60 Jahren wäre ich

vergast worden

aufgrund des ideologischen Fort-Schritts

in ein paar Jahren würde ich

wegen beidem nicht geboren werden

wie soll ich leben

mit dieser Vergangenheit

in Zukunft

(Nina unter 5.,S.7, Z.19 - S.8, Z.7)

  1. Unterkategorie: Der "Lebenswert" von Menschen mit "Behinderung" darf nicht zu Diskussion stehen!

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie werden Zitate wiedergegeben, in denen sich die Interviewpartnerinnen eine Diskussion des "Lebenswerts" von Menschen mit "Behinderung" verbitten.

Ankerbeispiele:

Das ist kein Thema, worüber man diskutieren darf. (Ulli unter 5., S.4, Z.15)

Also die Diskussionen finde ich ganz, ganz unmöglich und möchte sie also immer möglichst unter-, unterbinden (Linda unter 5., S.6, Z.18-19)

mich macht es einfach nur wütend, daß irgendwelche Leute, irgendwelche nichtbehinderten Menschen halt, davon ausgehen, entscheiden zu können, daß ich, wie ich als "behinderte" Frau lebe und was mein Leben "lebensunwert" machen soll und was nicht. Und, ich, -- ja, also -- ja ich find's also also eher zum Erbrechen (Laura unter 5., S.5, Z.6-10)

Paraphrase:

Über den "Lebenswert" von Menschen mit "Behinderung" darf man nicht diskutieren.

Der "Lebenswert" und das Lebensrecht von Menschen mit "Behinderung" dürfen nicht zur Diskussion stehen.

Weitere Zitate:

Also, das ist eigentlich nicht diskussionswürdig oder wie soll ich sagen, (...) Kein Thema, worüber diskutiert werden darf. Ob jemand, ob ein Leben lebenswert ist oder nicht. (Ulli unter 5., S.4, Z.17-22)

Also für mich ist das Teil, daß ich halt vielleicht einfach nicht auf der Welt wäre, wenn diese Diskussion damals schon so ätzend vorangeschritten wäre und ich wär stinksauer, daß ich einfach nicht hätte geboren werden dürfen (Laura unter 5., S.5, Z.11-13)

(Also ich kann eigentlich das nicht mehr hören, daß gesagt wird: "Ich will ja auch leben" oder so "Ich hab ja auch ein Recht zu leben.".) Also, es ist für mich außerhalb jeder Diskussion. Und jeder Mensch, egal wie er aussieht, hat das Recht, so zu leben, wie er will. (Rolli unter 5., S.4, Z.8-11)

Ich finde eigentlich, daß man über Lebensrecht oder "Lebenswert" gar nicht diskutieren darf eigentlich. Also da bin ich stringent dagegen. (Und für mich ist die ganze Diskussion, wir lassen's uns da was aufzwingen, hab ich den Eindruck.) (Rolli unter 5., S.4, Z.20-22)

  1. Unterkategorie: Ich finde die Diskussionen ganz schlimm.

Kodierregel:

In diese Kategorie fallen Textstellen, in denen die Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" sagen, daß sie die Diskussionen über den "Lebenswert" von Menschen mit "Behinderung" ganz schlimm, schrecklich und gefährlich finden und/oder diese Diskussionen sie wütend machen.

Ankerbeispiele:

Boa. Schrecklich. Die Diskussion darüber. (Linda unter 5., S.6, Z.4-6)

Ich finde schonmal bescheuert, total bescheuert, gefährlich, schlimm, über einen Lebenswert zu reden. Ja schon allein das Wort. ([Atmet scharf ein.]) Oh, gefährlich. Und. So, wie die Diskussion jetzt geführt wird von "Nichtbehinderten". (Nina unter 5., S.8, Z.15-19)

Und daß ich dies Wort "Lebenswert" also, ja, -- eines der schlimmsten, diskriminierendsten Wörter halte, die es überhaupt so gibt. (Pferd unter 5., S.19, Z.1-2)

Paraphrase:

Ich finde die Diskussion über den "Lebenswert" von Menschen mit "Behinderung" total bescheuert, schrecklich und schlimm.

Es ist gefährlich, wie die Diskussion heute von "Nichtbehinderten" geführt wird.

Schon allein das Wort "Lebenswert" ist schlimm.

Weitere Zitate:

Also die Diskussionen finde ich ganz, ganz unmöglich und möchte sie also immer möglichst unter-, unterbinden (Linda unter 5., S.6, Z.18-19)

ich finde die Diskussion einfach rundum Scheiße. (Laura unter 5., S.5, Z.5-6)

Also mich macht es einfach nur wütend, daß irgendwelche Leute, irgendwelche nichtbehinderten Menschen halt, davon ausgehen, entscheiden zu können, daß ich, wie ich als "behinderte" Frau lebe und was mein Leben "lebensunwert" machen soll und was nicht. Und, ich, -- ja, also -- ja ich find's also also eher zum Erbrechen und, wenn irgendwie diese Diskussion weiter so geht und (.....) (Laura unter 5., S.5, Z.6-11)

wenn diese Diskussion damals schon so ätzend vorangeschritten wäre (Laura unter 5., S.5, Z.11-12)

  1. Unterkategorie: Die Diskussion ist in letzten Jahren wieder erstarkt.

Kodierregel:

Unter diese Kategorie fallen Äußerungen, die "Lebenswert"-Diskussion oder das "behinderten"-feindliche Klima habe sich in den letzten Jahren verschärft.

Ankerbeispiele:

wenn diese Diskussion damals schon so ätzend vorangeschritten wäre (Laura unter 5., S.5, Z.11-12)

Und daß das klar jetzt mit, mit diesen ganzen, mit den ganzen Veränderungen so in den letzten Jahren so halt auch noch mal extremer wird wieder und das, das ist klar, aber so, es ist halt nicht so vom Himmel gefallen oder plötzlich so schlimm, 'ne. Der einzige Unterschied ist, daß sich jetzt so getraut wird, das wieder öffentlich zu sagen, was man denkt oder was man fühlt. Also, daß es wieder gesellschaftsfähig geworden ist, "behinderten"-feindlich offen zu sein. (Pferd unter 5., S.14, Z.23-28)

Paraphrase:

In den letzten Jahren gab es einige Rückwärtsentwicklungen für Menschen mit "Behinderung".

Das Klima hat sich verschärft und die Diskussionen über den "Lebenswert" von Menschen mit "Behinderung" sind fortgeschritten.

Weitere Zitate:

LebensWert

Im Fernsehen

wieder

Diskussionen

ob ich es wert wäre

zu leben

Eugenik

vorgeburtliche Diagnostik

Euthanasie

und ich denke mir

mit 15 Jahren wäre ich

gestorben ohne den med. Fortschritt

vor 60 Jahren wäre ich

vergast worden

aufgrund des ideologischen Fort-Schritts

in ein paar Jahren würde ich

wegen beidem nicht geboren werden

wie soll ich leben

mit dieser Vergangenheit

in Zukunft

(Nina unter 5., S.7, Z.19 - S.8, Z.7)

Und das finde ich einen absoluten sozialen Mord. Also permanent so oder das alles, was jetzt so in den letzten Jahren passiert ist mit der Pflegeversicherung mit diesem teilweise wieder Rückwärtsentwicklung, was so selbstständige Wohnformen und so angeht, also daß das alles wieder so'n, so eine Tendenz ist, ja, ehm, 'satt und sauber' bestenfalls, 'ne. So, so, daß finde ich, und daß es da letztendlich also auch noch mal um so eine ganz, daß alles, was unter sozialem gesellschaftlichem Leben stattfindet, oftmals gar nicht mehr so möglich ist, 'ne. Und ja, daß ist für mich halt einfach sozialer Mord. (Pferd unter 5., S.15, Z.18-24)

  1. Unterkategorie: Leben mit "Behinderung" ist nichts negatives.

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Aussagen wiedergegeben, Leben mit "Behinderung" sei nichts Negatives, es sei genauso wertvoll wie das von andern Menschen, manchmal gäbe es negative Seiten, aber das sei nur ein Teil.

Ankerbeispiel:

daß Menschen mit Behinderung, Frauen und Lesben, genauso wertvolle Menschen sind wie alle andern. Daß es nichts Negatives ist. (Linda unter 5., S.6, Z.10-13)

Paraphrase:

Leben mit "Behinderung" ist nichts Negatives.

Leben mit "Behinderung" ist nicht negativer oder weniger wertvoll als anderes Leben.

Auch wenn es manchmal negative Seiten gibt, ist es nicht im Ganzen negativ.

Weitere Zitate:

nicht unbedingt negativ. Nur manchmal ([allgemeines Lachen]). (Linda unter 1., S.2, Z.1-3)

Ich würde gerne sagen, daß ich, glaube ich, sehr viel negative Aussagen gegeben habe, die aber im Grunde genommen, gar nicht mein Leben so bestimmen, daß ich so negativ eingestellt bin. (...) Aber im Grunde genommen finde ich Leben mit Behinderung auch nicht, nicht tragisch oder schlimm. Es kommt immer auf das an, was drumrum daraus gemacht wird oder was man selbst damit kann. (...) Ich finde es sehr positiv, wie ich lebe, wie ich leben kann. Ich bin eigentlich sehr froh darüber (Nachtrag Linda, S.7, Z.17-29)

VIII. Hauptkategorie: Das Fremdbild

  1. Unterkategorie: Aspekte des Fremdbilds

Kodierregel:

In dieser Kategorie werden Aspekte des Fremdbild von Menschen mit "Behinderung", die in den Interviews benannt wurden, aufgelistet.

Ankerbeispiele:

ich hab ganz oft das Gefühl, daß ich auf Hilfe reduziert werde. (Laura unter 4., S.4, Z.6-7)

(also ganz oft ist einfach für mich das Teil, daß, daß ja diese "Lebenswert"-Diskussion davon ausgeht, ob Menschen glücklich sein können oder nicht.) Und daß viele davon ausgehen, daß "behinderte" Menschen nicht glücklich sein können. (Laura unter 5., S.5, Z.15-18)

Nicht für voll genommen. (Pferd unter 1., S.2, Z.7)

'Och, du armes, mitleidiges, blindes Etwas (...)' (Pferd unter 4., S.10, Z.9)

Paraphrase:

Viele "Nichtbehinderte" haben Mitleid mit Menschen mit "Behinderung", weil sie denken, sie müßten immer leiden und könnten nicht glücklich sein.

Oft werden Menschen mit "Behinderung" nicht für voll genommen.

Sie werden als unattraktiv und hilflos angesehen.

Weitere Zitate:

Mitleid (Ulli unter 1., S.2, Z.5)

(Wie Ärzte sich verhalten, so meine ich. Ja. Oder ungefähr wie) 'Die hat keinen abgekriegt.' oder so. Oder ich denke, jeder Mann will was von mir. (Nina unter 4., S.6, Z.28-30)

Manche Männer tun dann so, 'Klar, sie denkt, jeder will was von ihr, weil sie total ausgetrocknet sein muß als Frau, so wie die aussieht und im Rollstuhl sitzt.'. (Nina unter 4., S.7, Z.33 - S.8, Z.1)

Hilfe, hilflos (...) Frau ist sowieso hilflos, "behinderte" Frau ist extrem hilflos und man hilft dann halt. So, das männliche, auch elterliche dieses Helfen-Wollen. (Rolli unter 4., S.3, Z.14-18)

Daß das sozusagen mit der "Behinderung" impliziert ist, daß du natürlich dann nur leiden kannst und Mundwinkel nach unten und es dir immer hyper-fürchterlich schlecht gehen muß auf Grund deiner "Behinderung" (Pferd unter 5., S.16, Z.22-25)

'Ja, das ist doch so ein Leid, da müssen doch die Personen so drunter leiden, so daß wir sie erlösen müssen' (Pferd unter 5., S.16, Z.33 - S.17, Z.1)

"Ja, daß die Behinderten so viel Spaß haben können, daß, denen geht's doch soo schlecht, daß die überhaupt Spaß haben können, ja das ist ja was. (...) " (Pferd unter 5., S.16, Z.11-13)

Wie ein kleines Kind, das jetzt das Bauklötzchen haben will, so will ich ([redet mit Kleinkindstimme]) jetzt mal ausprobieren, einfach sagen, ich wäre lesbisch. Aber ohne zu wissen, was das ist und auch ohne es leben zu können natürlich. (...) (I: Du mußt ganz schön dumm sein für die.) Jo. (Pferd unter 6., S.19, Z.31 - S.20, Z.6)

(I: Was für ein Fremdbild haben die denn, die so mit Dir umgehen, wie Du das beschreibst? Also, also in jetzt ziemlich vielen Beispielen beschrieben hast.) Hm, -- 'Wir müssen uns ständig um die kümmern.' 'Müssen die immer am Händchen halten. Müssen Verantwortung übernehmen.' Ehm.-- 'Das ist alles ganz schwierig.' Und vor allen Dingen: 'Was denken die andern?'. Also daß da so ein Sozialprestigeding mit drin ist. (I: Also die werden abgewertet dadurch, daß sie mit Dir Kontakt haben?) Ja. Also gerade, wenn es so Richtung Partnerschaft, Beziehung geht, denke ich, ist ein ganz großes, ganz großes Ding. Wo viele nochmal so sagen so und dann, 'Ach ja, und ganz nett und kann man mal gucken', aber das halt so, so, 'ne, 'Erg, hast wohl nichts besseres abgekriegt', so. Also daß dann die "Nichtbehinderte", das so, hat wohl nichts besseres abgekriegt, oder so. Eine eigene Abwertung dann stattfindet von, von (......) (Nachtrag Pferd, S.27, Z.15-27)

  1. Unterkategorie: Die Unangemessenheit des Fremdbildes und das Abgrenzen und Kämpfen dagegen

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie werden Zitate aufgeführt, in denen von der Unangemessenheit der Fremdbildes gesprochen wird, vom Abgrenzen und Kämpfen der Frauen und Lesben mit "Behinderung" dagegen.

Ankerbeispiele:

Fehleinschätzung (Ulli unter 1., S.2, Z.5)

Immer weiter viel Kraft und und Schwung dareinbringen um, um das in der Öffentlichkeit, ja, na, daß es irgendwie anerkannt wird, auch mit Behinderung leben zu können (Linda unter 1., S.2, Z.13-15)

mein Selbstbild ist sehr fremdbestimmt. Und ich finde schwierig, ein positives Bild von mir zu malen. Und ich denke, für Frauen ist es viel so. Es ist sehr schwierig, weil nicht nur der Druck da ist, von einen Bild, also von einem negativen "Behinderten"-Bild, sondern auch Abwertung als Frau. Das heißt, daß Du als Frau mit "Behinderung" oder als Lesbe mit "Behinderung" immernoch mal gegen so viele Fremdbilder ankämpfen mußt. (Nina unter 2., S.3, Z.15-20)

solche Sachen, wo ich so weiß, das gibt es als Bilder und da hab' ich also zumindest Anteile von, daß sie mir als Bilder vertraut sind, weil sie mir permanent vorgegaukelt werden und mich es immer total viel Energie kostet, mich dagegen so, so, irgendwie zu wenden. Weil ich das nicht will. Weil ich das an sich als Selbstbild von mir nicht habe, 'ne, oder so auch nicht haben möchte. Daß ich aber trotzdem merke, ja, es ist oftmals ganz schwer, sich so dagegen zu wehren oder ich empfinde es ganz oft so, daß man sich dagegen wehren muß, gegen so'n Fremdbild. Und daß aber dieses Fremdbild ganz schnell so zum Selbst-, zumindest ansatzweise zum Selbstbild wird, weil man es einem so übergestülpt wird. Und man nicht immer die Kraft hat, das dann auch mal so, mindestens vom Kopf her auch schonmal sortiert zu kriegen. (Pferd unter 2., S.4, Z.10-19)

Paraphrase:

Frauen und Lesben mit "Behinderung" müssen gegen noch mehr negative Fremdbilder ankämpfen.

Es ist schwierig, sich vom negativen Fremdbild abzugrenzen und nicht Teile davon ins Selbstbild aufzunehmen.

Weitere Zitate:

Und daß es dann schwierig ist, erstmal, durch den gesellschaftlichen Druck. Ich kriege dauernd Hilfe angeboten und es ist schwierig durch den Druck, dann erstmal herauszufinden, was ich wirklich brauche. (I: Interessant.) Auch zum Beispiel, wenn ich Hilfe angeboten kriege, gesellschaftlich und ich sie nicht annehme. Das geht mir oft so. Dann werde ich oft abgewertet. Von wegen 'Du kannst froh sein, daß ich dir Hilfe anbiete!'. Dann entsteht so ein Gefühl für mich als "Behinderte", entweder ich nehme die Hilfe an, auch wenn ich sie gar nicht brauche, und dann passe ich in das Bild und bin nett. Oder ich lehne sie ab und dann stimmt irgendwas nicht. Und dann ist irgendwie wichtig, daß man das innerlich trennen kann. Es ist schwierig, das dann trennen zu lernen, daß das Problem nicht bei dir selber liegt. Sondern bei der "nichtbehinderten" Person und dem gesellschaftlichen Bild. Und dadurch ist auch schwierig dann, (.....) (Nina unter 4., S.5, Z.26 - S.6, Z.6)

Und ich hab echt sehr lange gebraucht. Und auch, daß es so'n Widerspruch ist, den ich durch die Assistenz erlebe, den Widerspruch. Also ich soll mein Leben selbstbestimmt führen können durch die Assistenz. (...) Ich komme raus auf die Straße und alles ist anders. Da ist es wieder so: Hilfe kriegst du nur, wenn Du Dankbarkeit gibst. Und du kriegst nur, wenn du was gibst. Und dich in das Bild von "Nichtbehinderten" einfügst. (Nina unter 4., S.6, Z.10-16)

Ich find's schwierig so, weil zwei verschiedene Hilfesachen da sind. Schwierig, da rauszufinden, was ich wirklich brauche, weil von Anfang an so'n Hilfebild gezeigt wird. Von dem du erstmal wegkommen mußt und in dich innen reinschauen mußt, 'was brauch ich selbst'. Und ich denk', es ist ein ständiger Kampf (Nina unter 4., S.6, Z.18-21)

Ich glaube, viele Frauen lassen sich dann auch anfassen, auch wenn sie es nicht eigentlich wollen. Nur damit sie diesem Bild, damit nicht suggeriert wird, sie seien prüde oder sowas. Ja. Denke ich noch. Das ist ein doppeltes Problem dann für Frauen. (Nina unter 4., S.7, Z.1-4)

der Wunsch, sich irgendwie als Frau darzustellen, aber gleichzeitig das, das ablehnen, weil ich keinen Bock habe, so einem Bild zu entsprechen, so als Widerspruch zu was anderem, was so als Fremdbild existiert. So (.....) (I: Kannst Du das nochmal genauer erklären?) Ja, daß ich, daß ich den Wunsch habe, 'ne, mich so als Frau zu kleiden oder zu geben oder das, was als fraulich gesellschaftlich so angesehen wird. Und daß ich dann aber gleichzeitig so merke, ja, da habe ich Lust zu, um da endlich als Frau mal so gesehen zu werden, aber gleichzeitig absolut eine Abneigung dagegen, das so zu machen, weil ich so denke, boar, ich hab' keinen Bock, nur weil die es quasi, also die, die andern, die "Nichtbehinderten" es herausfordern, daß man das so sich praktisch inszenieren muß, um vielleicht doch mal wahrgenommen zu werden, aber auch nur vielleicht, daß ich schon sage, ne, ich hab gar keinen Bock, mich deren, deren, was für mich auch schon so Herrschaft wäre, deren Bild so zu beugen und dem so nachzukommen, 'ne. So, dann, ja, keine Lust drauf habe. (Pferd unter 2., S.3, Z.7-21)

Ja, daß man sich als Lesbe mit "Behinderung" ständig total produzieren muß, so, finde ich. Also dadurch, daß so diese asexuelle Bild herrscht, zum großen Teil, oder halt man auch so nicht sofort sich so irgendwie, also noch weniger, als wenn man so als "Nichtbehinderte" in unbekannte Räume oder Gruppen geht. (Pferd unter 3., S.7, Z.17-21)

Es ist immer wieder dann jedesmal die Entscheidung von, so ähnlich wie, was weiß ich, das Coming-Out so, ist immer wieder, ist ein permanentes Coming-Out, selbst wenn du selber schon längst draußen bist, mußt du dich aber trotzdem immer wieder outen so. (I: Weil die immer nicht davon ausgehen, daß Du Lesbe mit "Behinderung" bist oder weil Du immer von den Normen abweichst oder warum?) -- Entweder, weil sie nicht, weil sie zwar sehen, daß ich "behindert" bin, aber dann denken, was weiß ich, die hat, sag ich jetzt mal flapsig, 'die hat Freigang bekommen und guckt jetzt mal', aber nicht davon ausgehen, daß ich lesbisch bin beziehungsweise, wenn sie es wissen oder endlich dann mal so gerafft haben, durch was auch immer, dann, dann weil ich von der Norm abweiche. Weil das, das ist zu fremd. (Pferd unter 3., S.7, Z.28 - S.8, Z.5)

Oder wo ich ja inzwischen mir zumindest immer versuche einzureden, daß es, daß es also auch so ganz viel Bilder sind, die bei mir erzeugt werden, die nicht unbedingt auf, auf meiner eigenen, ureigensten Vorstellung so beruhen.

inzwischen mir versuche einzureden, daß es auch ganz viel Bilder sind, die bei mir erzeugt werden, die nicht unbedingt auf meiner eigenen, ureigensten Vorstellung so beruhen. (Nachtrag Pferd, S.23, Z.24-27)

ich würde überhaupt kein Problem draus, daraus machen, 'ne. Also daß da irgendwie groß für mich die "Behinderung" im Vordergrund stehen müßte, so, 'ne. Aber es kommt relativ, relativ schnell nach den ersten Kontakten kommt es trotzdem so, so hoch, weil also ganz oft dann so das Fremdbild so übermächtig wird, daß ich ständig mich so dagegen verwehren muß, daß ich gucken muß, in wie weit wird mir da was an Bildern von außen übergestülpt, die dann, die dann aber nicht meine sind. 'Ne. So. Und daß ich dann ständig damit am Sortieren, mit dem Sortieren beschäftigt bin, das ist schon sehr nervig. Oder daß ich, daß ich so manchmal auf Grund dieser ganzen Ablehnungsgeschichten, gerade wenn das mal ganz heftige Phasen sind, auf allen Ebenen, daß dann, wenn sich dann, wenn sich dann mal eine näher interessiert oder, oder es irgendwie zu Erst- oder Zweitkontakten gekommen ist, dann denke, 'Bah, die gibt sich ja trotz "Behinderung" mit Dir ab', also daß ich, 'ne, genau da so einen Spruch loslasse, wo ich ansonsten sagen würde, so innerlich einen Spruch loslasse, wie, wie bescheuert, 'ne. Wo ich so denke, ''Nee, das ist aber nicht meins.'. Das ist absolut übergestülpt. Aber daß, daß ich schon sowas von, ja von verletzt bin und sowas irgendwie von, von mich niedergeknüppelt fühle, daß ich schon selber in solche Kategorien und Sprüche verfalle. (Nachtrag Pferd, S.27, Z.31 - S.28, Z.15)

Das (ihr Selbstbild; Pferd ist "spätbehindert" (Anm.: B.-U. R.)) hat sich ganz schön gewandelt. Es hat sich gewandelt von, mir fällt jetzt kein anderer Begriff ein, "völlig 'normal'" in Anführungsstrichen, also alles ganz selbstverständlich, "Ich bin ich.", so, so, wie ich bin, und völlig, ja, also für mich war diese "Behinderung" nie ein Begriff im Sinne von, daß ich in irgendwelche Wertigkeiten gepackt habe. Sondern ich habe einfach so gelebt, wie ich vorher auch gelebt habe so. Oder, oder habe da, bin da also, das ging irgendwie total, total gut, aber jetzt durch diese ganzen blöden Situationen und immer wieder und diesen ganzen Krampf und Streß und sich dagegen auflehnen (Nachtrag Pferd, S.28, Z.18-24)

dieses Fremdbild ist inzwischen durch dieses permanente, für mich das Gefühl, permanente "auf mich einschlagen" in Anführungsstrichen ist ja quasi, quasi schon so eine Art Gerüst geworden, 'ne. Wo ich mich dann aufhalte im Sinne von hoch und runter klettern und sich daran abarbeiten und sich darin so ein Stück weit orientieren (und das finde, finde ich so, so bescheuert, daß ich mich an einem Fremdbild beginne zu ortienieren, obwohl ich das nicht will und obwohl ich mich dagegen auflehne, 'ne, und so merke, aber ich hab' gar nicht teilweise die Kraft, mich dagegen aufzulehnen. Daß es mich umschließt, so wie so so ein paar Eisenstangen. 'Ne.) Daß ich die nicht haben will und daß ich auch immer mal wieder ausbreche, aber daß die Eisenstangen, je länger sie dauern, halt immer, immer dichter werden und sowas irgendwie von Lebenslänglich bekommen. Daß sie mich meiner eigenen Identität berauben so. (I: Lebenslänglich durchs Fremdbild?) Ja. (I: Mann, mann.) Oder daß sie mich meiner eigenen Identität berauben, die ich, die ich, wo "Behinderung" echt kein Thema war, 'ne. Also sie war da, ich habe sie, es, also Thema in dem Sinne, daß ich mit ihr umgegangen bin, aber selber so. Und daß ich aber halt immer mein Selbstbild auch so, was ich von mir hatte, gelebt habe, ohne danach zu fragen, paßt das jetzt für andere oder nicht. So. Oder mich irgendwie an irgendwelchen andern Fremdbildern groß ausgerichtet hätte. So am Anfang. Weil das ist schon anders geworden. (...) daß es mich immer mehr so umklammert so, wie so ein paar Gitterstäbe. (Nachtrag Pferd, S.28, Z.29 - S.29, Z.27)

(I: Kannst Du denn sagen, wie Dein Selbstbild im Gegensatz zum Fremdbild jetzt war? Oder weißt Du das gar nicht mehr?) -- Ja, ich hatte sowas im Kopf von total ausgelassen, fröhlich, mir gehört die Welt, sage ich jetzt mal so, oder 'ich könnte die Welt umarmen'. So. So ein Gefühl, permanent. Also auch, 'ne, klar, auch wenn ich mal miese Stunden hatte durch irgendwas anderes oder wenn ich so, gut, wenn //// ich könnte die Welt umarmen, och, alles wird absolut positiv enden, so ein Ding irgendwie, so 'ne, so und och, ja. Ich war fiel ausgelassener, ich war also einfach ja viel fröhlicher, viel unbekümmerter, viel unbeschwerter im großen und ganzen. (...) Ich hab' mich auch noch viel mehr Sachen so getraut. Und und ja. Auch viel mehr so, ja, gespielt, 'ne. So einfach ja, so das, das Leben einfach so unbekümmert genossen so. (...) Und diese Naivität und Unbekümmertheit die ist mir echt so Stück für Stück genommen worden, die habe ich mir bestimmt nicht selber genommen. (Nachtrag Pferd, S.30, Z.19 - S.31, Z.7)

Ich weiß, weiß+ halt von, von, von, von 2 andern blinden Lesben halt noch, daß denen das so ähnlich gegangen ist, so mit Fremd- und Selbstbild. So und dieser Wahrnehmung dessen. (I: (Hm.) Das auch das Selbstbild sich ziemlich weit dem Fremdbild angeglichen hat?) Hm, ja oder immer dieser Zwang gespürt wird, 'Du mußt dich irgendwie angleichen, um auf einen günen Ast zu kommen'. Aber dieses einerseits nicht wollen und an vielem aber schon irgendwie angeglichen haben oder angepaßt haben, ohne daß man's so wollte oder darüber auch so ein Frust entwickelt hat. Oder so. Oder praktisch hinter, selber in, sich soweit angenähert hat, daß man im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung dem dann schon nachkommt. Sozusagen dem Fremdbild vorrauseilen, das ist doch nett! (I: Oder halt auch den Vorstellungen, wie eine sein soll, 'ne?! Wie du dich verhalten sollst wahrscheinlich, 'ne.) Ja. (Nachtrag Pferd , S.33, Z.32 - S. 34, Z.10)

  1. Unterkategorie: Das Fremdbild, Frauen mit "Behinderung" seien unattraktiv und fänden nur schwer eineN PartnerIn

In diesem Zusammenhang sind auch die Unterkategorien "Schönheitsideal" (unter der II. Hauptkategorie "Frauen- und lesbenspezifische Besonderheiten") und "Frauen und Lesben mit "Behinderung" als sexuelle Neutren" (unter der V. Hauptkategorie: 'Sexualität und sexuelle Orientierung') interessant.

Kodierregel:

Unter dieser Kategorie werden Textstellen wiedergegeben, Frauen und Lesben mit "Behinderung" würden innerhalb der Fremdbildes als unattraktiv angesehen und/oder es würde ihnen nicht oder nur eingeschränkt zugetraut, eine Partnerin oder einen Partner, insbesondere eineN ohne "Behinderung", zu finden.

Ankerbeispiele:

Aber sowieso für Leute, die eben Homosexuelle, oder so sind, daß sie dadurch Schwierigkeiten bekommen sicher, Lesben ohne Behinderung zu finden. Daß sie wahrscheinlich genauso Schwierigkeiten haben, Lesben ohne äh Behinderung zu finden. (I: Genauso Schwierigkeiten haben wie wer?) Wie, wie Frauen äh mit Behinderung und (I: Achso.) die Partnerschaften mit Männern suchen. (Linda unter 3., S.3, Z.26 - S.4, Z.1)

Ich denke, grundsätzlich unter "Nichtbehinderten", wenn ich durch die Gegend rolle, die meisten denken: "Die ist allein, einsam, wird 'ne alte Jungfer.". (Nina unter 6., S.9, Z.14-16)

So milde, wenn frau eine andere, vielleicht auch noch Krüppel-Frau vielleicht sogar, als Freundin hat, 'naja, die kriegt niemand anders'. (Rolli unter 3., S.3, Z.5-6)

Paraphrase:

Frauen und Lesben mit "Behinderung" werden als unattraktiv angesehen.

Es wird ihnen nicht zugetraut, eine Partnerin oder einen Partner zu finden, besonders eineN ohne "Behinderung".

Es besteht das Bild: 'Die kriegt sowieso keineN ab'.

Weitere Zitate:

Oder ungefähr wie 'Die hat keinen abgekriegt.' oder so. Oder ich denke, jeder Mann will was von mir. Wenn ich ablehne, zum Beispiel da am Bahnhof, dann sage: "Ich will nicht. Eine Frau soll kommen.". Manche Männer tun dann so, 'Klar, sie denkt, jeder will was von ihr, weil sie total ausgetrocknet sein muß als Frau, so wie die aussieht und im Rollstuhl sitzt.'. (Ich glaube, viele Frauen lassen sich dann auch anfassen, auch wenn sie es nicht eigentlich wollen. Nur damit sie diesem Bild, damit nicht suggeriert wird, sie seien prüde oder sowas.) (Nina unter 4., S.6, Z.29 - S.7, Z.3)

als Frau mit "Behinderung" ist es grad nochmal so, daß Dir erst recht abgesprochen wird irgendwie, Partner oder Partnerin zu haben, so. Und wenn man's dann hat, daß das auch sowas, so ganz schnell ist so, 'Hach, jetzt muß ich mich aber ganz glücklich schätzen, daß ich die- oder denjenigen habe und da muß ich auch eine ganz bestimmt Rolle einnehmen und da muß ich jetzt dran festhalten, weil, es ist sozusagen, jetzt hab ich einmal in meinem Leben Glück gehabt, jemand abgekriegt zu haben und ich schaff' das bestimmt kein zweites Mal.'. So'n Ding. Also, ich glaube, das ist so, ist so bei Frauen auch immer was anderes als bei Männern so. Wo vielleicht dann von, von den, wo das oftmals auch schon so die Eltern dafür sorgen, daß der "behinderte" Mann dann doch zumindestens in der Sonderbeschulung, wo er drin ist, oder im Sonderausbildungssystem dann auch die "behinderte" Frau gleich fürs Leben mit abkriegt. Wird auch nochmal von den Eltern ganz anders für gesorgt so. Das ist schon selbstverständlicher. 'Ne "behinderte" Frau verschwindet eher hinter Heim und Herd. Noch eher. (Pferd unter 2., S.3, Z.29 - S.4, Z.8)

Wie ein kleines Kind, das jetzt das Bauklötzchen haben will, so will ich ([redet mit Kleinkindstimme]) jetzt mal ausprobieren, einfach sagen, ich wäre lesbisch. Aber ohne zu wissen, was das ist und auch ohne es leben zu können natürlich. (...) (I: Du mußt ganz schön dumm sein für die.) Jo. (Pferd unter 6., S.19, Z.31 - S.20, Z.6)

oder auch so, daß, um überhaupt, überhaupt sowas wie, wie, ja mal näher in Kontakt zu kommen, grad, wenn es so um Partnerschaft oder Beziehung geht oder so, daß man, daß ich dann schon selber anfange, obwohl ich echt, echt das absolut hasse, meine "Behinderung" so ein Stück weit zu verleugnen, 'ne. Überhaupt zu sagen, ich muß erstmal einen Erstkontakt haben, um dann es sagen zu können, um überhaupt die Möglichkeit haben zu können, mich zu äußern. Weil ich sonst gar nicht die Möglichkeit hätte, mich zu äußern. (I: Warum? Also ich weiß es, aber (.....)) Ja, weil, weil dann, sage ich mal, ja, an, an mir vorbeigegangen wird, also wenn es irgendwie so bei einer Veranstaltung ist. Wenn erkennbar ist, ich stehe da mit meinem Blindenstock oder wirbel damit rum, dann machen die schon einen weiten Bogen (Nachtrag Pferd, S.25, Z.6-15)

Also daß da so ein Sozialprestigeding mit drin ist. (I: Also die werden abgewertet dadurch, daß sie mit Dir Kontakt haben?) Ja. Also gerade, wenn es so Richtung Partnerschaft, Beziehung geht, denke ich, ist ein ganz großes, ganz großes Ding. Wo viele nochmal so sagen so und dann, 'Ach ja, und ganz nett und kann man mal gucken', aber das halt so, so, 'ne, 'Erg, hast wohl nichts besseres abgekriegt', so. Also daß dann die "Nichtbehinderte", das so, hat wohl nichts besseres abgekriegt, oder so. Eine eigene Abwertung dann stattfindet von, von (......) (Nachtrag Pferd, S.27, Z.20-27)

  1. Unterkategorie: Kontakt unterbleiben, weil "Nichtbehinderte" mit "behindert" Hilfeabhängigkeit assoziieren.

Siehe S. 164, unter der VI. Hauptkategorie: 'Hilfe'.

  1. Unterkategorie: Fehleinschätzung der sexuellen Orientierung im Fremdbild

Siehe S. 155, unter der V. Hauptkategorie: 'Sexualität und sexuelle Orientierung'.

7. Diskussion der Befunde

Dieses Kapitel ist einer Diskussion der in der Kategoriensystemen dargestellten Befunde gewidmet. Ich stelle die Aussagen der InterviewpartnerInnen und das damit zusammenhängende Selbstbild und Fremdbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung" gegenüber. Sie werden in Bezug zu den Aussagen des theoretischen Teils gesetzt und die Unterschiede und Übereinstimmungen des Selbst- und Fremdbildes diskutiert.

Die Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" gaben wesentlich längere, ausführlichere und komplexere Antworten als die InterviewpartnerInnen ohne "Behinderung". So ist allein ihr Kategoriensystem mehr als dreimal so lang wie das der "Nichtbehinderten".

Es ist mir wichtig, nochmals zu betonen, daß aufgrund der geringen Stichproben-größe von insgesamt 12 InterviewpartnerInnen in zwei Gruppen ihre Aussagen nicht unhinterfragt auf die Allgemeinheit übertragen werden können. Sinn und Möglichkeit einer qualitativen Arbeit ist nicht, quantitativ abgesicherte, repräsentative Aussagen über Gesamtgruppen zu machen, auch wenn dies sicher schön wäre. Nichtsdestotrotz werden etliche Aussagen der InterviewpartnerInnen sicherlich auch die Ansicht vieler anderer wiedergeben. Aber es kann nicht gradlinig verallgemeinert werden.

Da viele Menschen mit "Behinderung" sich gar nicht selbst als solche bezeichnen möchten, gehe ich außerdem davon aus, daß die Interviewpartnerinnen mit "Behinderung", die sich mir freiwillig für ein Interview zu diesem Thema gestellt haben, sich schon mehr mit ihrer "Behinderung", ihrer Stellung in der Gesellschaft, dem Fremd- und Selbstbild kritisch auseinander gesetzt haben, als möglicherweise der Durchschnitt der Frauen mit "Behinderung". Es ist schwer, im Detail zu sagen, wie dies ihre Antworten beeinflußt hat. Gerade in Hinsicht darauf, wie ein "Behinderten"-Bild sein könnte, wie sich die Einstellung zu Menschen, Frauen und Lesben mit "Behinderung" verändern könnte und daß eine negative Bewertung, wie in Kapitel 3.4 beschrieben, keineswegs naturgemäß durch die "Behinderung" hervorgerufen ist, sind die Aussagen meiner "behinderten" Interviewpartnerinnen allerdings sehr informativ und aufschlußreich.

Bei den ersten Durchgängen stellten sich die Interviews mit den Frauen mit "Behinderung" und mit den "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen inhaltlich recht verschieden dar. Nach ausführlicherer Bearbeitung und mehrfacher Revidierung des Kategoriensystems zeigte sich jedoch, daß sowohl die Aussagen als auch die Themen der Unterkategorien zwar unterschiedlich, die Hauptkategorien, zu denen sie gehören, aber weitgehend ähnlich sind. Für ein Vergleichen und Gegenüberstellen der Befunde ist dies ein günstiger Umstand. Ich werde in diesem Kapitel anhand der einzelnen Hauptkategorie die Aussagen der InterviewpartnerInnen mit und ohne "Behinderung" und daraus folgend das Selbstbild und das Fremdbild miteinander vergleichen.

Die erste Kategorie beider Systeme sammelt Assoziationen zu "Behinderten" bzw. zu Menschen, Frauen und Lesben mit "Behinderung".

Die zweite Hauptkategorie befaßt sich mit frauen- und lesbenspezifischen Besonderheiten.

In der dritten Hauptkategorie habe ich positiv oder negativ besetzte, wertende Begriffe, die mit Menschen mit "Behinderung" verbunden wurden, tabellarisch geordnet.

Die vierte Hauptkateogrie bezieht sich auf die Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung".

Der Titel der fünften Hauptkategorie stimmt im Kategoriensystem der InterviewpartnerInnen mit und ohne "Behinderung" nicht überein: Während sich Aussagen der "Nichtbehinderten" zu einer Extra-Kategorie ""Behinderte" haben es schwer." ordenten, die bei den Frauen mit "Behinderung" wegfällt, steht im Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" an dieser Stelle eine Hauptkategorie zu Sexualität und sexueller Orientierung.

Die sechste Hauptkategorie fügt Äußerungen zu Hilfe zusammen. Der Titel der Hauptkategorie ist hier wieder übereinstimmend, die inhaltichen Aussagen sind es jedoch nicht.

Die siebte Hauptkategorie ordnet auf der "nichtbehinderten" Seite Aussagen zum "Lebenswert" von Menschen, Frauen und Lesben mit "Behinderung". Die Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" haben sich in der Regel nicht zu einem "Lebenswert" von Menschen geäußert, sondern sich auf die Diskussionen über einen "Lebenswert" bezogen.

Während das Kategoriensystem der "Nichtbehinderten" an dieser Stelle sein Ende erreicht hat, verfügt das System der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" über eine achte Hauptkategorie, in der Aussagen zum Fremdbild gesammelt sind.

I. Hauptkategorie: Assoziationen zu "Behinderten", Frauen und Lesben mit "Behinderung"

Die Antworten auf die ersten drei Interviewfragen, in denen die InterviewpartnerInnen jeweils zum Begriff "Behinderte", "Frau mit "Behinderung" und Lesbe mit "Behinderung" Worte assoziieren sollten, wollte ich mit entsprechenden spezifischen Zwischenkategorien in einer Kategorie zu "Assoziationen" sammeln. Die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen antworteten allerdings relativ durchgängig, es gäbe keinen Unterschied zwischen Frauen, Männern und Lesben mit "Behinderung" und assoziierten mit dieser Begründung nur wenig zu den Begriffen "Frau mit "Behinderung"" oder "Lesbe mit "Behinderung"". Daher kann diese Hauptkategorie im "nichtbehinderten" Kategoriensystem nicht wie im Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" "Assoziationen zu "Behinderten", Frauen und Lesben mit "Behinderung"", sondern nur "Assoziationen zu "Behinderten"" genannt werden. Die meisten Assoziationen sind auf Seiten der Frauen mit "Behinderung" positiv besetzte und auf Seiten der "Nichtbehinderten" negativ besetzte, wertende Begriffe. Darüberhinaus verbinden die "Nichtbehinderten" "Behinderte" mit Hilfsmitteln, medizinischen Behandlungen, Pflege und Versorgung, wobei als häufigstes erwähntes Hilfsmittel der "Rollstuhl" auffällt, der von den meisten Befragten übereinstimmend mit "Behinderten" asssoziiert wird. Obwohl nur eine Minderheit der Menschen mit "Behinderung" tatsächlich Rollstuhl fährt, ist die Verbindung von "behindert" und "Rollstuhl" auch außerhalb dieser Untersuchung sehr weit verbreitet. In den Medien ist die am häufigsten gezeigte "Behinderungs"-Art ebenfalls, RollstuhlfahrerIn zu sein (vgl. Kap. 3.8, S.46). Manchmal kann die Fixierung auf den Rollstuhl dazu führen, daß andere "Behinderungs"-Arten vernachlässigt werden.

Die dritt-größte Gruppe von Assoziationen der "Nichtbehinderten" sind unangenehme Eigenschaften, die Menschen mit "Behinderung" zugeschrieben werden. Außerdem beziehen sie sich auf verschiedene "Behinderungs"-Arten und Mitleid. Demgegenüber stellen sich die Aussagen der Frauen und Lesben mit "Behinderung" völlig anders dar: Außer positiven, wertenden Begriffen denken sie bei dem Begriff "Behinderte" an Anders-Sein im positiven Sinne, an gesellschaftliche Diskriminierung, an Kraft und Kämpfen, an Ausgrenzung, an bauliche Hindernisse und andere Arten der äußeren Nicht-Zugänglichkeit, an die besondere Lebenssituation von Menschen mit "Behinderung" und an (technische) Hilfsmittel. Sie sprechen positiv von Menschen mit "Behinderung", entwickeln eine kritische Distanz zur "Normalität" und eine positive Einstellung zu einem "Anders-sein". Zum Begriff "Behinderte" fällt ihnen rasch und ausführlich gesellschaftliche Diskriminierung und Ausgrenzung in verschiedensten Ausführung ein. Ihr Leben scheint in einer starken Divergenz zwischen einen eigentlich positiven Selbstbild und mannigfaltiger gesellschaftlicher Diskrimierung und einem negativem Fremdbild stattzufinden.

Auch zu speziell "Frau mit "Behinderung"" und zu "Lesbe mit "Behinderung"" assoziierten die Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" viele positiv besetzte Begriffe. Außerdem beziehen sie sich auf die Zusammenhänge, Szenen und Netzwerke von Frauen und Lesben mit "Behinderung" und darauf, daß es in Subkulturen besondere Strukturen und Verhaltensweisen geben könne. In den Zusammenhängen von Frauen und Lesben mit "Behinderung" gäbe es Solidarität, Gemeinsamkeiten und Verbundenheit, aber auch ein Gegeneinander.

Sowohl zu "Frau" als auch zu "Lesbe mit "Behinderung"" werden aus der Versuchsgruppe mit "Behinderung" Zärtlichkeit, Erotik und Sexualität und auch Kinder assoziiert. In den Interviews mit "Nichtbehinderten" fallen solche Assoziationen weg. Diese Aspekte sind anscheinend zwar ein Bestandteil des Selbstbilds, aber nicht des Fremdbilds.

Obwohl beim Lesen der "Nichtbehinderten"-Interviews auffällt, daß diese im Sinne sozialer Erwünschtheit antworten und versuchen, eine positive Einstellung gegenüber "Behinderten" zu zeigen, stellt sich bei einer genaueren Analyse ihrer Äußerungen heraus, daß sie Menschen mit "Behinderung" ausschließlich negative oder wertneutrale Begriffe oder gar negative Eigenschaften zuschreiben. Das Fremdbild stellt sich, wie auch in Kapitel 3.4 meines Theorieteils aus anderen Veröffentlichungen herausgearbeitet, als deutlich negativ dar. Das Selbstbild der befragten Frauen und Lesben mit "Behinderung" ist demgegenüber ein explizit positives. Aufgrund der geringen Stichprobengröße läßt sich dieses stark unterschiedliche Ergebniss jedoch nicht unbedingt auf alle Frauen mit "Behinderung" übertragen.

II. Hauptkategorie: Frauen- und lesbenspezifische Besonderheiten

Am auffälligsten bei der Betrachtung der Äußerungen zu frauen- und lesbenspezifischen Besonderheiten ist, daß die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen erstaunlich durchgängig antworteten, es gäbe keinen Unterschied zwischen Frauen, Männern und Lesben mit "Behinderung", bzw. es mache keinen Unterschied, ob ein "behinderter" Mensch ein Mann, eine Frau oder eine Lesbe sei. Diese Aussagen, die mich in dieser Konsequenz tatsächlich überrascht haben, decken sich mit der Kritik von Frauen mit "Behinderung", ihre Geschlechtlichkeit würde ihnen abgesprochen und mit der damit zusammenhängenden These, Frauen mit "Behinderung" würden als sexuelle Neutren betrachtet (vgl. Adelfinger, 1993; Bundesweites Forum der Krüppel- und Behinderteninitiativen e.V., 1997; Hessisches Ministerium für Frauen, Arbeit und Sozialordnung , 1994, S.51; Köbsell, 1996; Köbsell & Strahl, 1993; Mickler, 1997; Senatsverwaltung für Arbeit und Frauen Berlin, 1995; Zemp, 1993;...), die ich in Kapitel 3.6.1 beschrieben habe. Der z.B. von Adelfinger (1993) und Dahoud-Harms (1986) ausgeführte Effekt, daß die "Behinderung" als vorrangiges Kriterium behandelt wird und die Frauen bzw. Mädchen auf dieses Merkmal reduziert werden, findet sich in den Aussagen der befragten "Nichtbehinderten" voll wieder.

Parallel zur Aussage, es gäbe keinen Unterschied zwischen Männern, Frauen und Lesben mit "Behinderung" aus der "nichtbehinderten" Versuchsgruppe, äußern die Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" sich keineswegs in dieser Richtung. Sie führen verschiedene frauen- und lesbenspezifische Besonderheiten auf und thematisieren im Gegenteil das Absprechen des Geschlechts, woraus sich die 2. Unterkategorie: "Frauen und Lesben mit "Behinderung" als sexuelle Neutren" gebildet hat. Noch ausführlicher sprechen sie allerdings von einer doppelten Diskriminierung, der sie einerseits als Frauen und andererseits als Menschen mit "Behinderung" ausgesetzt sind. Sie beschreiben, daß es in verschiedenen Bereichen besondere Nachteile mit sich bringt, Frau und "behindert" zu sein. Z.B. in Hinsicht auf Pflege, auf Abhängigkeit und Selbstbestimmung, auf das Akzeptieren ihrer Grenzen, auf das Fremdbild, auf PartnerInnenschaften etc. In der Literatur zur Lebenssituation von Frauen mit "Behinderung" ist die These der "doppelten Diskriminierung" eine der grundlegenden Thesen (vgl. Arnade, 1991; Ehrig, 1996; Köbsell, 1996; Krüppelfrauengruppe Berlin, 1996;...). Ich habe mich in Kapitel 3.6 mit ihr beschäftigt.

Die "Nichtbehinderten" sprechen nicht von "doppelter Diskriminierung", aber sie meinen, Frauen mit "Behinderung" hätten es schwerer, einerseits als Männer mit "Behinderung" und andererseits als "Nichtbehinderte", und Lesben mit "Behinderung" hätten es "besonders schwer". Einerseits könnte hierin ein Problembewußtsein für die doppelte oder mehrfache Diskriminierung gesehen werden, andererseits ist im Vergleich zu den Aussagen der Frauen und Lesben mit "Behinderung" der gesellschaftskritische Ansatz weniger ausgeprägt. Es wird nicht von "Diskriminierung" gesprochen, die ein z.B. politisches Problem wäre, sondern davon, es mit "Behinderung" (etc.) "schwer" zu haben. Die Situation kann u.U. als persönliche, evtl. bemitleidenswerte Schwierigkeit der entsprechenden Frau bzw. Lesbe individualisiert werden. Der von den "behinderten" Interviewpartnerinnen mehrfach angeführte Aspekt der Kraft und Energie, über die verfügt und die in die "Kämpfe", die sie immer wieder ausfechten, investiert werden, findet sich hier nicht wieder.

Beide Interviewgruppen äußern sich in jeweils einer Unterkategorie zu einem Thema, das sich auf die klassische Frauenrolle bezieht: Die Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" beschreiben, daß Frauen mit "Behinderung" nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprächen (vgl. Kapitel 3.6, S.38 oder auch Ewinkel, Hermes et al., 1985; Köbsell, 1996; Rohr, 1982). Im Kategoriensystem der "Nichtbehinderten" gibt es eine Kategorie mit Frauenrollen-spezifischen Zuordnungen, wie z.B. einen (männlichen) Partner und Familie haben zu wollen und für den Haushalt zuständig zu sein, die bei Frauen mit "Behinderung" allerdings als eingeschränkt angesehen werden. Es muß allerdings erwähnt werden, daß nur 2 der 6 "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen überhaupt Äußerungen von sich geben, in denen die Frauen mit "Behinderung" in Zusammenhang mit der (klassischen) Frauen-Rolle gebracht werden, selbst wenn ihre Möglichkeit, diese Rolle befriedigend zu leben, als eingeschränkt angesehen wird. Die anderen Interviews legen nahe, daß die übrigen InterviewpartnerInnen diese Ansicht in der Regel nicht teilen und die Frauenrolle Frauen mit "Behinderung" gar nicht erst zuordnen. Sie bekunden ja sogar, es gäbe keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen mit "Behinderung". Den Fremdbildaspekt, daß Frauen mit "Behinderung" die (klassische) Frauenrolle nicht oder nur eingeschränkt zugeschrieben wird, habe ich ebenfalls bereits im Theorieteil in Kapitel 3.6 und 3.7 angesprochen.

Über die erwähnten Inhalte hinaus thematisieren die Frauen mit "Behinderung" die Notwendigkeit, daß Frauen bei Bedarf die Möglichkeit haben müssen, sich von Frauen pflegen zu lassen. Sie dürfen nicht gezwungen sein, sich von Männern in intimen Bereichen anfassen zu lassen oder in anderen Bereichen der Pflege auf sie angewiesen zu sein. Wie ich schon in Kapitel 3.5.1.1, S.35 geschrieben habe, fordern Frauen aus der "Behinderten"-Bewegung seit Jahren die Möglichkeit, "weibliche Assistenz" zu wählen (vgl. Resolution zur 1. Europäischen Konferenz zum selbstbestimmten Leben behinderter Frauen, 1997). Auch ein lesbenspezifischer Aspekt wird in den Interview erwähnt. In den Interviews mit "Nichtbehinderten" wird auf frauen- oder lesbenspezifische Aspekt nicht eingegangen, obwohl auch in der allgemeinen Bevölkerung bekannt ist, daß z.B. ein großer Teil der pflegerischen Arbeit durch Zivis ausgeführt wird, die hierzulande sämtlich männlichen Geschlechts sind. Vermutlich haben sie nicht darüber nachgedacht, daß die eigene Geschlechtlichkeit und Intimgrenze nicht mit Eintreten einer Pflegeabhängigkeit abgegeben werden.

Ein weiterer Bereich, zu dem sich die Frauen mit "Behinderung" äußern, sind Ausgrenzungen aus der Frauen- und aus der Lesben-Szene. Diese Szenen wären ein Ort, an dem sich von ihrem Selbstverständnis her etliche Frauen und Lesben mit "Behinderung" zugehörig fühlen würden. Sie beschreiben jedoch, aus diesen Szenen ausgegrenzt zu werden. Diese Ausgrenzung trifft Frauen aller sexueller Orientierungen. Lesben mit "Behinderung" sind jedoch wesentlich mehr auf die FrauenLesben-Szene angewiesen als andere Frauen mit "Behinderung" auf die Frauenszene. Um andere Lesben zu treffen, z.B. zur Partnerinnenwahl, müssen Lesben mit "Behinderung" sich in die -relativ begrenzte- Lesbenszene begeben. Nicht-lesbische Frauen mit "Behinderung" hingegen haben wesentlich mehr Möglichkeiten, heterosexuelle (oder bisexuelle) Männer zu finden. Bei der Gesamtmenge der Männer, die ihnen schon im täglichen Leben begegnen, können sie davon ausgehen, daß nur ein geringer Teil schwul und nicht an Frauen als Liebespartnerinnen interessiert ist. Bisexuelle Frauen wären so allerdings vorwiegend auf Männer als LiebespartnerInnen beschränkt. Auch Vorbilder und Identifikationspersonen sind für heterosexuelle Frauen leichter als für Lesben oder bisexuelle Frauen zu finden. Nichtsdestotrotz ist auch für heterosexuelle Frauen mit "Behinderung" ein Zugang zu den verschiedenen Bereichen der Frauen-Szene nicht weniger wichtig als für Frauen ohne "Behinderung" und es ist nicht einzusehen, warum er ihnen in großen Teilen verschlossen sein sollte.

III. Hauptkategorie: Positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung"

Während ich die Interviews immer wieder durchging, um mit den Kategorien die enthaltenen Aussagen auch möglichst gut wiederzugeben, kam ich zu der Erkenntnis, daß nicht nur die direkt vertretene Meinungen, sondern auch gerade die dahinterstehende Arten, wie über Frauen und andere Menschen mit "Behinderung" geredet wurde, ein wichtiger Bestandteil des Gesamtbildes sind. Viele Begriffe, die mit Menschen mit "Behinderung" verbunden wurden, sind entweder positiv oder negativ wertend. Bei den Interviews mit "Nichtbehinderten" fiel auf, daß sie deutlich bemüht waren, im Sinne der sozialen Erwünschtheit zu antworten, sich als "behinderten"-freundlich und tolerant darzustellen. Direkte, negative Stereotype wurden in der Regel möglichst gemieden, obwohl in der Einleitung sogar dazu aufgefordert worden war, nicht unbedingt die eigene Meinung zu sagen, da auch negative Vorurteile für die Diplomarbeit sehr interessant seien. Als ich die im Sinne der sozialen Erwünschtheit beeinflußten Interviews jedoch auf positiv oder negativ besetzte Assoziationen zu Menschen, Frauen oder Lesben durchsuchte, stellt sich heraus, wie sinnvoll die Einführung dieser Kategorie war: Die "Nichtbehinderten" äußerten viele negativ besetzte Begriffe in Zusammenhang mit Menschen mit "Behinderung", hingegen keinen einzigen positven! Mit einem so drastischen Ergebniss hatte ich nach der "normalen" Durchsicht der Interviews nicht gerechnet.

Die Frauen mit "Behinderung" dagegen lieferten einige wenige negative Assoziationen zu Menschen bzw. Lesben mit "Behinderung" und sehr viele positve, wie z.B. Frühling, Zusammenhalt, Erotik, Schwung, Blumen und Gedichte schreiben. Sie, die selbst von "Behinderung" betroffen sind, und nach den Annahmen, die im Fremdbild über sie gemacht werden, darunter leiden müßten (vergleiche auch Kap. 3.4 zum Fremdbild und Kap. 3.4.1.2 zum "Lebenswert" innerhalb des Fremdbildes), assoziieren im Gegensatz zu den "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen hauptsächlich positive Begriffe zu Menschen, Frauen und Lesben mit "Behinderung". Hier zeigt sich eine große Diskrepanz zwischen Selbstbild und Fremdbild.

Sehr viele (konkret sogar die meisten) der positiv oder negativ besetzten Assoziationen der Frauen mit "Behinderung" beziehen sich nicht auf Menschen mit "Behinderung" selbst, sondern auf den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen. Es handelt sich um deutlich negative Beschreibungen. Die überwältigende Mehrheit von ihnen wurden auf die Frage nach Assoziationen zu Frauen und zu Lesben mit "Behinderung" hin geäußert und nicht schon auf die Frage nach Assoziationen zu allgemein "Behinderten". Von jeder einzelnen der sechs Interviewpartnerinnen wird zu "Frau mit "Behinderung"" bzw. zu "Lesbe mit "Behinderung"" in mehreren Textstellen der schlechte gesellschaftliche Umgang mit selbigen assoziiert. Und dies, obwohl zuvor in keiner Weise durch den Interviewleitfaden die gesellschaftliche Situation thematisiert wurde. Eine so direkt Assoziation in solch einem großem Ausmaß sollte -ebenso wie der Tatbestand, daß die "Nichtbehinderten" ausschließlich negativ besetzte Begriffe mit Menschen mit "Behinderung" verbanden und keine positiven erwähnten- zu denken geben.

IV. Hauptkategorie: Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung"

In beiden Kategoriensystemen hat sich eine Kategorie zur Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung" herausgebildet. Obwohl die Aussagen in ihrer Gesamtheit recht verschieden sind, gibt es doch Ähnlichkeiten, die interessant zu betrachten sind, z.B. in den Themen der Unterkategorien. So wird in der größten Unterkategorie der "Nichtbehinderten" davon gesprochen, es gäbe Vorurteile über Menschen mit "Behinderung", in der größten der Frauen mit "Behinderung" von der Unangemessenheit des Fremdbildes und vom Abgrenzen und Kämpfen dagegen. Wenn die "Nichtbehinderten" von Erschwernissen in der Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung" sprechen, sehen sie diese Erschwernisse als einerseits durch gesellschaftliche Vorurteile und andererseits durch unangenehme Eigenschaften von "Behinderten" bedingt an. Unangenehme Eigenschaften werden ihnen sogar in einer eigenen Unterkategorie zugeschrieben. Die Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" hingegen sprechen von facettenreicher gesellschaftlicher Ausgrenzung, von Ausgrenzung aus der FrauenLesben-Szene, von gesellschaftlicher Diskriminierung, von der Kraft und dem Kämpfen, welche/s sie in und für ihren/m Alltag einsetzen, und davon, daß es ihnen nicht wegen ihrer "Behinderung", sondern wegen des gesellschaftlichen Umfelds schlecht gehe. Hier findet sich eine Parallele zu den im Theorieteil beschriebenen Aussagen von Donath (1997), Ehlers & Kahle (Der Weg, 1997), Ehlers (1998) und von Canal (1997), nicht durch die "Behinderung", sondern durch Behandlung und Vorurteile der "nichtbehinderten" Gesellschaft behindert zu werden (vgl. Kap. 3.5, S.31).

Besonders interessant sind darüberhinaus die "seltsamen" Äußerungen "Nichtbehinderter" und die Geschichten von Erlebnissen mit "Nichtbehinderten", die die Frauen und Lesben mit "Behinderung" in ihren Interviews wiedergegeben haben und ich die in den Unterkategorien 7 und 8 gesammelt habe.

Ein von den "Nichtbehinderten" erwähnter, weiterer Aspekt ist das Mitleid. Einerseits in der Form, daß man mit "Behinderten" Mitleid habe, andererseits in dem Zusammenhang, daß Kontakte mit Menschen mit "Behinderung" möglicherweise nur aus Mitleid gehalten würden. Zwei der sechs "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen äußern außerdem, Menschen mit "Behinderung" sollten in die Gesellschaft aufgenommen werden. Es sind die selben zwei Personen, die Frauen mit "Behinderung" im Gegensatz zu den andern InterviewpartnerInnen Aufgaben und Wünsche, die zu der klassischen Frauenrolle gehören, zuordnen, wenn sie sie auch als eingeschränkt ansehen. Ob es Zufall ist, daß es wieder (nur) diese beiden InterviewpartnerInnen sind, ist schwer zu beantworten.

Im Ganzen finden sich im "Nichtbehinderten"-Kategoriensystem zwar Aussagen zu Erschwernissen in der Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung", jedoch werden sie nur teilweise mit Stigmatisierungsprozeßen o.ä. erklärt. Gesellschaftliche Ausgrenzung bleibt ein Phänomen, das eher weniger zur Sprache kommt als unangenehme Eigenschaften von Menschen mit "Behinderung".

In den Beschreibungen der Frauen mit "Behinderung" stellt sich die Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung" als deutlich gestört, durch verschiedenartige Ausgrenzungen bestimmt und durch ein unangemessenes, in der Regel negatives Fremdbild beeinflußt dar.

V. "Nichtbehinderten"-Hauptkategorie: "Behinderte" haben es schwer.

Die fünfte Hauptkategorie hat bei den InterviewpartnerInnen mit und ohne "Behinderung" keinen parallelen Inhalt.

Häufig haben die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen bekundet, daß es Menschen mit "Behinderung" schwer hätten. "Behinderte" hätten es schwer, Frauen mit "Behinderung" schwerer und Lesben mit "Behinderung" besonders schwer. Sie sprechen davon, "Behinderte" hätten Schwierigkeiten, die "normale", meint: "nichtbehinderte", Menschen nicht hätten und von ihrer durch Ausgeschlossenheit und Vorurteile schwierigen Lebensituation. Sie reden von größeren Schwierigkeiten, die Frauen mit "Behinderung" außerdem im Vergleich zu Männern mit "Behinderung" hätten. Dieser Aspekt erinnert an die These der "doppelten Diskriminierung" (vgl. Arnade, 1991; Ehrig, 1996; Köbsell, 1996; Krüppelfrauengruppe Berlin, 1996;...). Er wird jedoch weniger gesellschaftskritisch gefüllt als von Frauen mit "Behinderung", die sich dazu äußern. Trotz eines Verweises auf gesellschaftliche Bedingungen erinnert die Betonung des "Schwer-habens" ein wenig an Mitleid und eine einseitig negative Betrachtungsweise von Leben mit "Behinderung", die zu der großen Menge der positiven Assoziationen, die die betroffenen Frauen mit "Behinderung" selbst zu Menschen, Frauen oder Lesben mit "Behinderung" liefern, nicht ganz paßt.

Die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen vertreten, Lesben mit "Behinderung" hätten es besonders schwer, da es gesellschaftliche Vorurteile in Hinsicht auf Homosexualität gäbe, die die Situation für Lesben mit "Behinderung" nochmals erschwerten. In dieser Hinsicht ähneln sich ihre Aussagen mit denen der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" in der Unterkategorie "Lesben erleben noch weniger Akzeptanz" in der Zwischenkategorie B, unter der 2. Hauptkategorie zu "Frauen- und lesbenspezifischen Besonderheiten".

Außerdem werden zum Themenbereich ""Behinderte" haben es schwer" Erschwernisse in der Interaktion von Menschen mit und ohne "Behinderung" er-wähnt.

V. Hauptkategorie der Frauen mit "Behinderung": Sexualität und sexuelle Orientierung

Bis auf eine Interviewpartnerin, die sagt, daß sie von "Nichtbehinderten" häufig selbst als "nichtbehindert" einkategorisiert wird, beschreiben alle befragten Frauen und Lesben mit "Behinderung", von außen als sexuelle Neutren angesehen zu werden. Ihnen würden in der Regel weder PartnerInnenschaft noch Sexualität zugetraut. Teilweise äußern sie, nicht als Frauen wahrgenommen, sondern mit Männern mit "Behinderung" gleichgesetzt zu werden. Ihre Aussagen bestätigen die bereits von Adelfinger (1993), Bundesweites Forum der Krüppel- und Behinderteninitiativen e.V. (1997), Hessisches Ministerium für Frauen, Arbeit und Sozialordnung (1994, S.51), Köbsell (1996), Köbsell & Strahl (1993), Mickler (1997), Senatsverwaltung für Arbeit und Frauen Berlin (1995), Zemp (1993),... formulierte These, Frauen mit "Behinderung" würden als sexuelle Neutren betrachtet, ihre Sexualität und Geschlechtlichkeit würde ihnen abgesprochen. Das Kapitel 3.6.1 dieser Diplomarbeit setzt sich mit diesem Tehmenbereich auseinander.

Aufallend ist außerdem, daß, wie bei Adelfinger (1993) beschrieben, das Frausein desto stärker in Frage gestellt wird, desto sichtbarer oder gravierender die "Behinderung" ist.

Ulli, die zwar sichtbar "behindert" ist, von "Nichtbehinderten" jedoch häufig als "nichtbehindert" einkategorisiert wird und nur in geringem Ausmaß assistenzabhängig ist, wird (außer von Bekannten, die sie anders erleben) als heterosexuell eingestuft. Sie äußert im Interview nicht, als sexuelles Neutrum angesehen zu werden.

Linda, die stark sichtbar "behindert" und in sehr hohem Ausmaß auf Assistenz angewiesen ist, wird nach eigener Aussage selten überhaupt als Frau angesehen.

Die andern Frauen, die in der Sichtbarkeit ihrer "Behinderung" und in ihrem Assistenzbedarf dazwischen liegen, werden meistens als "Neutrum" angesehen.

Außerdem berichten die "behinderten" Interviewpartnerinnen davon, mit einem Fremdbild konfrontiert zu werden, Frauen mit "Behinderung" seien unattraktiv. Nach dem Motto "Die kriegt sowieso keineN ab" würde ihnen -unabhängig von ihrer realen Lebenssituation- nicht zugetraut, einen Partner oder eine Partnerin zu finden, besonders eineN ohne "Behinderung".

Wenn den Frauen mit "Behinderung" eine Sexualität zugetraut wird, so werden sie in der Regel als heterosexuell angesehen, auch wenn sie es gar nicht sind. Die sexuelle Orientierung von lesbischen Frauen mit "Behinderung" wird nicht ernst genommen, selbst wenn sie sich offensiv outen. Drei der frauen- und männerlie-benden bzw. nicht-lesbischen Interviewpartnerinnen beschreiben allerdings auch, daß sie unhinterfragt als Lesben eingeordnet werden, wenn sie viel mit Lesben oder in Frauenzusammenhängen zu tun haben.

Das Fremdbild, keine Sexualität zu haben oder sexuelle Neutren zu sein, scheinen die interviewten Frauen und Lesben mit "Behinderung" keineswegs zu teilen. Dies scheint jedoch so selbstverständlich für sie zu sein, daß sie es kaum extra betonen, sondern eher nebenbei Aspekte ihres sexuellen Lebens erwähnen. Gegenüber einer andern InterviewerIn, die nicht selbst "behindert" ist, hätten sie es vermutlich expliziter herausgestellt.

VI. Hauptkategorie: Hilfe

Besonders auffällig ist, daß die Frauen mit "Behinderung" bis auf eine einzige Stelle sich ausschließlich negativ zu Hilfe geäußert haben. Sie verwenden überdies sehr viele negative Begriffe in Zusammenhang mit Hilfe. Sie beklagen sich darüber, daß ihnen Hilfe aufgedrängt wird, die sie weder brauchen noch möchten, gegen die sie sich wehren müssen. Frauen mit "Behinderung" dürften sich noch weniger von unerwünschter Hilfe abgrenzen. Es würde erwartet, für Hilfe, die sie nie haben wollten, auch noch dankbar zu sein. Wenn sie angebotene Hilfe nicht annehmen, würden sie abgelehnt, weil sie in das Bild zu passen hätten, hilfebedürftig zu sein und mit Dankbarkeit reagieren sollten. Parallel dazu gibt es eine Unterkategorie im Kategoriensystem der "Nichtbehinderten", in der diese beschreiben, sie wollten "Behinderten" helfen, die wollten das aber gar nicht. Konsequenz daraus war für die "Nichtbehinderten" jedoch nicht, daß sie dies selbstverständlich akzeptieren oder gar sich freuen, daß ihr Gegenüber gar keine Hilfe benötigt, sondern sie wissen nicht, ob sie trotzdem helfen sollen oder sie postulieren erstaunlicherweise, daß die Menschen mit "Behinderung" dennoch ihre Hilfe bräuchten und wünschten, sie nur nicht annehmen könnten.

Im weiteren beschreiben die Frauen mit "Behinderung", daß Kontakte unterbleiben, weil "Nichtbehinderte" mit "behindert" Hilfeabhängigkeit assoziierten und befürchten, bei Kontakt mit einer Frau mit "Behinderung" für diesen Hilfebedarf zuständig zu sein. Aus Angst vor Einschränkungen durch diese vermuteten und oft nicht realen Hilfeleistungen reagierten sie häufig mit Abwehr. Kontakte mit Frauen mit "Behinderung" unterblieben oder würden behindert. Die Zuschreibung führt auch auf Seiten der Frauen mit "Behinderung" manchmal zu verkrampftem Verhalten, wenn sie versuchen, sich gegen das übermächtige Fremdbild, hilfeabhängig zu sein, abzugrenzen.

Darüber hinaus kritisieren die Frauen mit "Behinderung", daß es bei der Hilfe, die andere leisten möchten, nicht um die Bedürfnisse der Menschen mit "Behinderung" gehe und tatsächlich nötige Hilfe, die der Selbstbestimmung dient, oft nicht passiere.

Erstaunlich ist, das alle Befragten, sowohl die mit als auch ohne "Behinderung" sich auf Hilfe beziehen, die von "Nichtbehinderten" an Menschen mit "Behinderung" gegeben wird, ob mit oder gegen deren Willen. Hilfe, die in die andere Richtung geht, von Menschen mit "Behinderung" an "Nichtbehinderte" oder beidseitige Hilfe wird durchgängig nicht erwähnt. Dies zeigt wiederum, wie stark die Verbindung von "behindert" und "hilfeabhängig" sein muß, auch wenn die Frauen mit "Behinderung" hauptsächlich vom Abgrenzen gegenüber unerwünschter "Hilfe" von "Nichtbehinderten" sprechen und nicht von positiver Hilfe, die sie aus dieser Richtung bekommen. An Hilfe, die von Menschen mit "Behinderung" gegeben oder geleistet wird, wird kaum gedacht. Die Hauptunterkategorie der "Nichtbehinderten" zu Hilfe beschäftigt sich damit, daß "Behinderte" Hilfe bräuchten und zwar gerichtet von "Nichtbehinderten" an Menschen mit "Behinderung". Diese einseitige Gerichtetheit von Hilfe im Bild vom Verhältnis zwischen Menschen mit und ohne "Behinderung" deckt sich mit den Informationen, die ich in Kapitel 3.4.1.1 zu "Hilfe" im Fremdbild zusammengetragen habe (vgl. Bartkiewicz, 1989; Berry & Eggert, 1991; Käfer, 1987; Köbsell, 1996; Neumann, 1997; Rogner & Wessels, 1994,...).

Unabhängig von den bisher aufgeführten Aspekten äußern sich die Frauen mit "Behinderung" zur Forderung nach weiblicher Assistenz für Frauen und Lesben mit "Behinderung". Ebenso wie bespielsweise die Resolution zur 1. Europäischen Konferenz zum selbstbestimmten Leben behinderter Frauen (1997), bringen auch sie ein, daß assistenzabhängige Frauen die Möglichkeithaben müssen, zu wählen, von Frauen und nicht von Männern gepflegt, zu werden. Dies Anliegen ist augenscheinlich eines, daß vielen Frauen mit "Behinderung" wichtig ist und sie auf besondere Weise betrifft (vgl. Kap. 3.5.1.1, S. 35).

VII. Hauptkategorie: Der "Lebenswert" bzw. die Diskussion über den "Lebenswert"

Drei der sechs "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen fällt zum "Lebenswert" ein, daß es Menschen mit "Behinderung" und insbesondere Lesben schwerer hätten und ihr Lebenswert daher eingeschränkt sein könne. Drei der sechs InterviewpartnerInnen (wobei eine Person gleichzeitig zu den ersten erwähnten dreien gehört) äußern hingegen, die Frage nach dem "Lebenswert" komisch zu finden oder nicht zu verstehen oder weisen sie zurück bzw. bestehen darauf, Menschen, Frauen und Lesben mit "Behinderung" hätten "genauso einen Anspruch auf Leben" wie sie selbst.

Auf dem Hintergrund der unter Kapitel 3.4.1.2 aus der Literatur herausgearbeitete Stellungnahme, daß Überlegungen über den "Lebenswert" von "behindertem" Leben wieder eine verstärkte Rolle innerhalb des Fremdbilds spielten (vgl. Bleidick, 1995; Christoph, 1989; Dombrowa, 1991, S. 122; Ern, 1994; Finke, Karl et al., 1996; Frühauf & Niehoff, 1994; Rutenfrans, 1995; Sierck, 1988;...) finde ich erfreulich, daß vier der "nichtbehinderen" InterviewpartnerInnen (auch die verbliebene, deren Aussage nicht in eine der beiden erwähnten Kategorien paßte) sich gegen die Frage nach dem "Lebenswert" abgrenzen oder vertreten, das sei etwas, was jedeR selbst empfinde und nicht, was andere hineininterpretieren wollten. Ich habe im Theorie-Teil auf S. 29 ausgeführt, daß trotz der unbestrittenen Bedeutung der "Lebenswert"-Diskussionen und -Überlegungen innerhalb des Fremdbildes von Menschen mit "Behinderung" ich nicht davon ausgehe, daß alle Menschen ohne "Behinderung" den Wert "behinderten" Lebens zu diskutieren bereit seien, ihn infrage zu stellen oder abzusprechen. Wie groß der Anteil der "Nichtbehinderten" ist, die ein "behindertes" Leben nicht als weniger lebenswert ansehen als ein "nichtbehindertes", fand ich interessant, jedoch auf Grundlage der Literatur nicht zu beantworten. Eine repräsentative Antwort auf diese Frage ist mir natürlich auch jetzt nicht möglich, doch es haben sich mehr InterviewpartnerInnen ohne "Behinderung" gegenüber der Frage nach dem "Lebenswert" distanziert, als auf Grundlage der öffentlichen Diskussionen und beispielsweise der Darstellungen in den Medien zu erwarten war.

Alle der interviewten Frauen mit "Behinderung" sprechen sich vehement gegen die Diskussionen über den "Lebenswert" "behinderten" Lebens aus. Sie finden die Diskussion bescheuert, schrecklich und gefährlich. Allein schon das Wort "Lebenswert" sei schlimm. Sie bestehen darauf, über den "Lebenswert" von Menschen mit "Behinderung" dürfe nicht diskutiert werden oder empfinden die Debatten als ein zur-Diskussion-stellen des Lebensrechtes von Menschen mit "Behinderung". Ihre Antworten bestätigen einen großen Teil der Aussagen, die ich in der Literatur gefunden und unter Kapitel 3.5.1.2 zum "Lebenswert" im Selbstbild zusammengetragen habe. Teilweise wird von Interviewpartnerinnen mit "Behinderung" erwähnt, daß in die Diskussionen finanzielle Abwägungen über "behindertes" Leben einflössen oder daß es nicht anginge, daß "Nichtbehinderte" Kriterien festsetzen, ob das Leben einer Frau mit "Behinderung" "lebenswert" oder "lebensunwert" sein solle. Mehrere der Frauen haben eine "Behinderung", die heute während der Schwangerschaft der Mutter feststellbar wäre und zu der in medizinischen Lehrbüchern als Behandlung "pränatale Diagnostik" steht. Diese "Behandlung" ist jedoch keine Behandlung, sondern eine Diagnostik, nach der im Falle der entsprechenden interviewten Frauen ihren Eltern eine Abtreibung als "selbstverständliche" "Lösung" nahegelegt würde. Daß sich alle diese und auch die andern interviewten Frauen vehement gegen die Diskussionen über den "Lebenswert" und damit auch gegen die damit zusammenhängende Selektion aussprechen, führt die in den entsprechenden Diskussionen von Nicht-Betroffenen oft geäußert Begründung ad absurdum, (pränatale) Selektion, "Sterbehilfe" und andere "Handlungsmöglichkeiten", auf die die "Lebenswert"-Diskussionen sich beziehen, seien im Interesse der entsprechenden Menschen mit "Behinderung" (vg. auch Kapitel 3.4.1.2, insbes. S. 28).

Obwohl sich die InterviewpartnerInnen ohne "Behinderung" kritischer geäußert haben, als im Vorfeld zu erwarten war, gibt es einen großen Unterschied zwischen den Einstellungen zum "Lebenswert" und den Diskussionen darüber im Selbstbild der Frauen und Lesben mit "Behinderung" und im Fremdbild der "Nichtbehinderten". Diesen fällt, trotz der Abgrenzung oder Kritik einiger, zum Stichwort "Lebenswert" teilweise durchaus ein, "Behinderte" hätte es schwerer, was sie anscheinend in einen Bezug zu ihrem "Lebenswert" setzen.

VIII. Hauptkategorie: Das Fremdbild

Diese Hauptkategorie findet sich ausschließlich im Kategoriensystem der Interviewpartnerinnen mit "Behinderung", im Kategoriensystem der "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen findet sie sich nicht.

An vielen verschiedenen Stellen beziehen sich die Frauen mit "Behinderung" direkt auf das Fremdbild, das von außen an sie herangetragen wird. Die Aspekte des Fremdbilds, die sie explizit wiedergeben, gruppieren sich um die Aussagen,

  1. "Nichtbehinderte" dächten, Menschen mit "Behinderung" müßten immer lei-den und könnten nicht glücklich sein und sie hätten deshalb "Mitleid" mit ihnen,

  2. sie sähen Menschen mit "Behinderung" als unattraktiv und hilflos an und

  3. nähmen sie nicht für voll.

Die Interviewpartnerinnen sprechen an vielen Stellen davon, mit einem unangemessenen Fremdbild konfrontiert zu werden. Generell ist das Fremdbild, das an sie herangetragen wird, negativ. Dies entspricht dem Tenor dessen, was ich in Kapitel 3.4 aus vorliegenden Texten zum Fremdbild herausgearbeitet habe. Auch in Hinsicht auf den Aspekt, das Fremdbild sei ihrer Person nicht angemessen, sondern anscheinend durch im Vorhinein existierende, unangemessene Stereotype ihres "nichtbehinderten" Gegenübers bestimmt, wird durch die Befunde der Interviews die Aussage, daß das Fremdbild durch (negative) Stereotype und Vorurteile geprägt sei, bestätigt, die ich auf S.5 und S.19 geschlossen bzw. wiedergegeben habe.

In sehr vielen Zitaten sprechen meine "behinderten" Interviewpartnerinnen davon, daß sie viel Energie darfür verwenden (müssen), sich gegen dies Fremdbild zu wenden, ihm ein anderes, positiveres Bild entgegenzusetzen und das -negative- Fremdbild möglichst wenig zu verinnerlichen. Oft sind ihre Bemühungen von keinem Erfolg gekrönt und/oder stoßen beim "nichtbehinderten" Gegenüber auf Ignoranz: Auf Unfähigkeit oder Unwilligkeit, die Unangemessenheit des Fremd-bildes wahrzunehmen und von ihm abzurücken.

Die Frauen und Lesben mit "Behinderung" beschreiben geschlechtsspezifische Aspekte und, daß sie gegen noch mehr negative Fremdbilder ankämpfen müßten als andere ("nichtbehinderte" Geschlechtsgenossinnen oder Männer mit "Behinderung"). Ein Bereich des Fremdbildes, der in den Interviews so oft erwähnt wurde, daß er eine eigene Unterkategorie bildet, ist, Frauen mit "Behinderung" würden als unattraktiv angesehen (vgl. Kap. 3.4, S.19 und Friske, 1995; Gudera, 1984; Lennartz, 1997; Rischer, 1998; Weinwurm-Krause, 1981 und Kap. 3.6, S.40) und sie fänden (nach dem Fremdbild) nur schwer eineN PartnerIn.

Außerdem finden sich Hinweise darauf, daß der Kontakt zwischen Menschen mit und ohne "Behinderung" durch ein negatives Fremdbild beeinflußt ist. Eine komplette Unterkategorie bilden die Zitate, die beschreiben, daß Kontakte unterblieben, weil "Nichtbehinderte" mit "behindert" Hilfeabhängigkeit assoziierten. Dadurch, daß sie annähmen, im Kontakt mit einer Frau mit "Behinderung" für diesen Hilfebedarf zuständig zu sein, unterblieben Kontakte oder seien behindert. Aus Angst vor Einschränkungen durch diese vermuteten und oft nicht realen Hilfeleistungen reagierten "Nichtbehinderte" häufig mit Abwehr. Die Frauen mit "Behinderung" formulieren teilweise, durch die Bemühungen, sich von besagtem starken Fremdbild abzugrenzen, u.U. auch selbst verkrampft zu reagieren. Möglicherweise liegt auch in diesem Bereich eine Geschlechtsspezifik vor. Nach Bruner, 1995, S. 8 und Metzler & Rütter, 1993, S.75 vertrauen Männer mit "Behinderung" unbefangener auf Hilfe durch die Partnerin als Frauen und leisten ihre Partnerinnen sie sie ihnen auch unbefangen bzw. fühlen sich dazu verpflichtet (vgl. meine Ausführungen in Kap. 3.6, "Unterschiede des Fremd- und Selbstbildes zwischen Frauen mit "Behinderung" und Männern mit "Behinderung"", insbes. S.38/39).

Aber auch andere Aspekte des in weitesten Bereichen stereotypen oder negativen Fremdbildes haben sicherlich Auswirkungen sowohl auf den Kontakt zwischen Menschen mit und ohne "Behinderung" als auch auf das Selbstbild von Frauen oder allgemein Menschen mit "Behinderung" selbst.

Zusammenfassung

Bei Betrachtung der beiden Kategoriensysteme als Gesamtheit läßt sich sagen, daß sich in den beiden befragten Gruppen von je sechs Menschen ohne "Behinderung" und sechs Frauen verschiedener sexueller Orientierung mit "Behinderung" das Selbstbild und das Fremdbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung" deutlich unterschiedlich darstellt. Das Selbstbild ist wesentlich positiver und differenzierter als das Fremdbild. Obwohl die "Nichtbehinderten" sich im Sinne sozialer Erwünschtheit bemüht haben, nicht "behinderten"-feindlich, sondern "behinderten"-freundlich zu erscheinen, haben sie mit Menschen mit "Behinderung" selbst ausschließlich negativ wertende (oder neutrale) Begriffe verbunden und keine einzige positive Assoziation gehabt. Den Frauen mit "Behinderung" dagegen fielen sehr viele positive Begriffe zu Menschen, Frauen und Lesben mit "Behinderung" ein, was ein deutlich positives Selbstbild wiederspiegelt. Außer der Vielzahl von negativ besetzten Begriffen verbanden die "nichtbehinderten" Versuchspersonen Hilfsmittel, insbesondere den Rollstuhl, medizinische Behandlungen, Pflege und Versorgung mit "Behinderten", schrieben ihnen unangenehme Eigenschaften zu, erwähnten verschiedene "Behinderungs"-Arten und äußerten Mitleid. Die Frauen mit "Behinderung" sprachen außer von den vielen positiv besetzten Assoziationen von Ander-Sein im positiven Sinne, von Kraft, von Zärtlichkeit, Sexualität und von Kindern.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, daß die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen in aller Regel vertraten, es gäbe keinen Unterschied zwischen Frauen, Männern und Lesben mit "Behinderung" bzw. es mache keinen Unterschied, ob ein "behinderter" Mensch ein Mann, eine Frau oder eine Lesbe sei. Die Frauen mit "Behinderung" sehen dies keineswegs so, sondern definieren sich selbstverständlich als geschlechtliche Wesen. Sie führen verschiedene frauen- und lesbenspezifische Besonderheiten auf und kritisieren im Gegenteil das Absprechen oder Nicht-Ernstnehmen ihres Geschlechts und ihrer sexuellen Orientierung.

Im Bereich "Hilfe" besteht eine Zuschreibung der Hilfebedürftigkeit zu Menschen mit "Behinderung". Es wird nicht daran gedacht, daß Hilfe in wechselseitiger Richtung geleistet werden kann. Die "behinderten" Interviewpartnerinnen sagen nichts Positives zu Hilfe. Sie beschreiben mehrere negative Aspekte der Zuschreibung von Hilfebedürftigkeit, an erster Stelle, daß ihnen "Hilfe" massiv aufgedrängt wird, die sie weder brauchen noch wollen.

An verschiedenen Stellen der Interviews mit den Frauen mit "Behinderung" finden sich immer wieder Beschreibungen über gesellschaftliche Diskriminierungen, die ihre Lebenssituation stark zu beeinflussen scheinen. Die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen erwähnen -je nach Person variierend- nur relativ wenig, was auf ein Bewußtsein in dieser Richtung hindeutet. Statt sich über die anscheinend großen gesellschaftlichen Aspekte von "Behinderung" im Klaren zu sein, sehen sie sie wahrscheinlich in erster Linie als individuelles, gesundheitliches Problem. Die gesellschaftlichen Diskriminierungsaspekte fallen ihnen nur wenig auf. Dies und ihr von negativen Assoziationen geprägtes Fremdbild steht im Kontrast zum Selbstbild der Frauen und Lesben mit "Behinderung", die manigfaltige Aspekte von gesellschaftlicher Diskriminierung, Ausgrenzung und Abwertung beschreiben, aber ein positives Selbstbild wiedergeben.

8. Reflexion und Ausblick

In diesem abschließenden Kapitel möchte ich auf meine Diplomarbeit als Ganzes zurückblicken und außerdem einen Ausblick auf Möglichkeiten der zukünftigen Forschung zu diesem Themenbereich werfen.

Was wollte ich mit dieser Arbeit erreichen? Ich wollte zum Fremdbild und Selbstbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung" arbeiten. Dies habe ich mit einem umfassenden Theorieteil und einer qualitativen Untersuchung getan. Im Theorieteil habe ich sehr viele verschiedene schriftliche Aussagen sowohl aus "nichtbehinderter" als auch aus "behinderter" Sicht zusammengetragen und gegenübergestellt. Dabei haben sich deutliche Unterschiede herausgestellt und ich fand es interessant und aufschlußreich, die Sichtweisen zu vergleichen (vgl. Kap. 3.4 - 3.8). Die Untersuchung ist deutlich umfangreicher geworden, als ich im Vorhinein erwartet hatte. Da ich die Interviews sehr ertragreich auswerten konnte, haben sich zwei besonders ausführliche, komplexe, umfassende und vor allem gut gegenüberstellbare Kategoriensystem für die Versuchsgruppe mit und ohne "Behinderung" ergeben. Ich hoffe, daß die Befunde für andere LeserInnen ähnlich interessant zu lesen sind, wie für mich selbst. Im Gegensatz zu den Erfahrungen vieler anderer KommilitonInnen, war die Arbeit an meiner Diplomarbeit für mich durchgehend spannend, faszinierend und angenehm. Wenn ich auch beizeiten von der Menge der Arbeit erdrückt wurde.

Mir war wichtig, frauenspezifische Aspekt in meine Diplomarbeit miteinzubeziehen und darüberhinaus -im Gegensatz zu vorliegender Literatur- die Situation von Lesben mit "Behinderung" zu beachten. Außerdem habe ich Wert darauf gelegt, daß nicht, wie bisher sehr oft geschehen, aus einer "nichtbehinderten" Sichtweise über Frauen mit "Behinderung" geschrieben wurde. Mit war wichtig, ihren Worten Gewicht zu geben und ihre Fachkenntnisse anders als es leider oft geschieht- ernst zu nehmen. Diese Punkte habe ich erreicht und möchte sie auch anderen ForscherInnen für zukünftige Arbeiten nahelegen.

Schwer fiel mir bei Erarbeitung des Theorieteils immer wieder, mich inhaltlich zu beschränken und vielen weiteren Aspekte, die mir wichtig schienen, dennoch keinen Raum zu geben. Manches habe ich weggelassen, manches nur kurz erwähnt und manchem bin ich nachgegangen. Dies hat dazu geführt, daß der Theorieteil inhaltlich sehr umfassend -was auch als Vorteil betrachtet werden kann- und komplex ist und ich viele Bereiche kurz angerissen habe, oft nur in wenigen Worten. Einer/m LeserIn, die mit der Materie nicht näher vertraut ist, mag vieles, was ich nicht ausgeführt, sondern nur angerissen habe, daher entgehen. Für diesen Fall würde ich empfehlen, bei Interesse entsprechende Stellen besonders gründlich zu lesen und über die Sachverhalte nochmals selbst nachzudenken.

Wie ich bereits in der Einleitung angenommen habe, war es für das Durchführen der Interviews mit den Frauen und Lesben mit "Behinderung" tatsächlich ein großer Vorteil, daß ich selbst eine Frau bzw. Lesbe mit "Behinderung" bin. Einerseits war es im Gegensatz zu den oft auftretenden Problemen, für solch einen Forschungsbereich "betroffene" InterviewpartnerInnen zu finden, für mich kein Problem, Gesprächspartnerinnen zu bekommen, da sie keine Angst vor Voyeurismus oder Datenmißbrauch hatten. Außerdem sprachen sie mir gegenüber sehr offen, persönlich, vertrauensvoll und mit einer günstigen Ausführlichkeit, was bei einem "nichtbehinderten" Gegenüber oder bei einer/m InterviewerIn, bei der/dem sie über Vorbehalte gegenüber ihrer sexuellen Orientierung unsicher sind, nicht unbedingt der Fall gewesen wäre. Für weitere Forschungsarbeiten kann ich nur empfehlen, diesen Faktor zu berücksichtigen. (Aber auch die Wichtigkeit, "nichtbehinderte" Versuchspersonen zur Einstellung gegenüber Menschen mit "Behinderung" von selbst "nichtbehinderten" InterviewerInnen befragen zu lassen, würde ich selbstverständlich nicht außer Acht lassen. Ich denke, das versteht sich von selbst.)

Ebenso wie ich es schon in der Einleitung als Vorteil für mein eigenes Forschungsprojekt beschrieben habe, ist bei zukünftiger Forschung zum Themenbereich Menschen mit "Behinderung" wichtig, daß sie von Menschen mit "Behinderung" (mit-)konzipiert und durchgeführt wird, damit sie nicht an ihrer Lebenswelt vorbeigeht oder spezifische Sachverhalte mißversteht. Auch die Unterschiede der Erkenntnisse und/oder Annahmen "nichtbehinderter" ForscherInnen, auf die ich mich im Theorieteil bezogen habe, zu Stellungnahmen von Menschen mit "Behinderung", die entweder durch eigene wissenschaftliche Arbeit zum Thema oder durch ihren persönlichen Erfahrungsbereich fachlich kompetente Aussagen gemacht haben, deuten daraufhin.

Während der Beschäftigung mit meiner Untersuchung stieß ich auf noch andere, interessante Forschungsfragen. Zum Beispiel könnte auf quantitative Weise untersucht werden, ob Männer mit "Behinderung" weniger als sexuelle Neutren betrachtet und behandelt werden als Frauen (Vorinterviews deuteten daraufhin.). Ferner wäre sehr interessant, gegenüberstellend zu erheben, wie die Grenzen von Frauen und Männern mit "Behinderung" akzeptiert werden, ob Männern eher zu-gestanden wird als Frauen, sich gegenüber unerwünschter "Hilfe" abzugrenzen (vgl. S. 163f), ob beispielsweise Männer mit Rollstuhl seltener die Hebe-Rampe zum Einstieg in den Zug verwehrt wird, als Frauen mit Rollstuhl, die dies oft berichten. Etc. pp. Außerdem könnte es sinnbringend sein, zur Erhebung des Selbst- und Fremdbildes nicht allgemein nach Assoziationen, sondern konkert zu fragen, wie Menschen, Frauen, Lesben, Schwule,... mit "Behinderung" "seien".

Des weiteren fände ich schön, wenn bei der Frauen-Forschung (nicht nur bei der zu Frauen mit "Behinderung") die verschiedenen sexuellen Orientierung und entsprechenden Lebensformen, also nicht nur heterosexuell oder lesbisch, berücksichtigt würden.

Ich wünsche mir, daß die in dieser Arbeit herausgearbeiteten Ergebnisse, die u.a. zeigen,

  1. daß das Bild von Menschen, Frauen und Lesben mit "Behinderung" keines-wegs so negativ sein muß, wie es in der ("nichtbehinderten") Gesellschaft ist,

  2. und daß Frauen (und andere Menschen) oft unabhängig von ihrer eigentlichen "Behinderung" durch gesellschaftliche Diskriminierung und Ausgrenzung -und auch durch ein negatives und unangemessenes Fremdbild- stark eingeschränkt werden Folgen haben werden.

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10.Anhang

10.1 Interviewleitfaden

Der Leitfaden für die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen:

Fassung in "Sie"-Form:

"Das Interview, das ich mit Ihnen machen möchte, ist für eine Diplomarbeit gedacht, in der das Selbstbild und das Fremdbild von "Behinderten" verglichen wird. Das bedeutet, daß wir versuchen herrauszufinden, wie das Bild ist, das "Nichtbehinderte" von Menschen mit "Behinderung" haben und wie sich Menschen mit "Behinderung" selbst sehen. Es kommt also bei Ihren Antworten im Interview nicht darauf an, daß Sie Ihre eigene Meinung wiedergeben. Sie können stattdessen auch das sagen, was Sie denken, was andere "Nichtbehinderte" über "Behinderte" meinen. Es ist egal, ob das, was Sie sagen, eine neutrale, eine negative oder eine positive Beurteilung ist. Auch negative Vorurteile sind sehr interessant fürs Interview. Ihre Aussagen werden anonymisiert verwendet, das heißt, Sie müssen nicht befürchten, daß jemand weiß, was Sie geantwortet haben. Außerdem müssen Ihre Antworten ja auch gar nicht Ihre eigene Meinung sein. Wissen Sie einen Fantasienamen, der in der Diplomarbeit für Sie verwendet werden kann, wenn auf Ihre Aussagen Bezug genommen wird?

Manche der Fragen können für Sie seltsam klingen oder sich in Teilen wiederholen. Das ist aus bestimmten Gründen für die Auswertung der Interviews wichtig. Lassen Sie sich davon nicht irritieren!

Haben Sie noch Fragen oder sollen wir jetzt anfangen?

  1. Die erste Frage lautet:

Nennen Sie bitte ca. 10 Wörter, die Ihnen zum Begriff "Behinderte" einfallen! Einfach die Wörter, die Ihnen als erstes einfallen, so ähnlich wie bei "Dalli-Dalli"!

Bei den nächsten beiden Fragen dürfen Sie Begriffe, die Sie vorher schon genannt haben, wiederholen, wenn sie dazu passen.

  1. Die nächste Frage lautet:

Was für Begriffe fallen Ihnen zu "Frau mit "Behinderung"" ein?

  1. Die dritte Frage lautet:

Was für Begriffe fallen Ihnen zu "Lesbe mit "Behinderung""ein?

  1. Was denken Sie zu "Behinderte" bzw. ""behinderte" Frau oder Lesbe" und "Hilfe" (betont gesprochen)?

  2. Was denken Sie über den "Lebenswert" von "behinderten" Frauen bzw. "behinderten" Lesben?

Von meiner Seite her wären wir fertig. Gibt es noch etwas, das Sie gerne sagen würden?

Ich bedanke mich für Ihre Mitarbeit!"

Fassung in "Du"-Form:

"Das Interview, das ich mit Dir machen möchte, ist für eine Diplomarbeit gedacht, in der das Selbstbild und das Fremdbild von "Behinderten" verglichen wird. Das bedeutet, daß wir versuchen herrauszufinden, wie das Bild ist, das "Nichtbehinderte" von Menschen mit "Behinderung" haben und wie sich Menschen mit "Behinderung" selbst sehen. Es kommt also bei Deinen Antworten im Interview nicht darauf an, daß Du Deine eigene Meinung wiedergibst. Du kannst stattdessen auch das sagen, was Du denkst, was andere "Nichtbehinderte" über "Behinderte" meinen. Es ist egal, ob das, was Du sagst, eine neutrale, eine negative oder eine positive Beurteilung ist. Auch negative Vorurteile sind sehr interessant fürs Interview. Deine Aussagen werden anonymisiert verwendet, das heißt, Du mußt nicht befürchten, daß jemand weiß, was Du geantwortet hast. Außerdem müssen Deine Antworten ja auch gar nicht Deine eigene Meinung sein. Weißt Du einen Fantasienamen, der in der Diplomarbeit für Dich verwendet werden kann, wenn auf Deine Aussagen Bezug genommen wird?

Manche der Fragen können für Dich seltsam klingen oder sich in Teilen wiederholen. Das ist aus bestimmten Gründen für die Auswertung der Interviews wichtig. Laß Dich davon nicht irritieren!

Hast Du noch Fragen oder sollen wir jetzt anfangen?

  1. Die erste Frage lautet:

Nenne bitte ca. 10 Wörter, die Dir zum Begriff "Behinderte" einfallen! Einfach die Wörter, die Dir als erstes einfallen, so ähnlich wie bei "Dalli-Dalli"!

Bei den nächsten beiden Fragen darfst Du Begriffe, die Du vorher schon genannt hast, wiederholen, wenn sie dazu passen.

  1. Die nächste Frage lautet:

Was für Begriffe fallen Dir zu "Frau mit "Behinderung"" ein?

  1. Die dritte Frage lautet:

Was für Begriffe fallen Dir zu "Lesbe mit "Behinderung""ein?

  1. Was denkst Du zu "Behinderte" bzw. ""behinderte" Frau oder Lesbe" und "Hilfe" (betont gesprochen)?

  2. Was denkst Du über den "Lebenswert" von "behinderten" Frauen bzw. "behinderten" Lesben?

Von meiner Seite her wären wir fertig. Gibt es noch etwas, das Du gerne sagen würdest?

Ich bedanke mich für Deine Mitarbeit!"

Der Leitfaden für die Interviewpartnerinnen mit "Behinderung":

"Das Interview, das ich mit Dir machen möchte, ist für meine Diplomarbeit zum Thema "Fremdbild und Selbstbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung"" gedacht. Ich versuche herrauszufinden, wie sich Frauen und Lesben mit "Behinderung" selbst sehen und wie das Bild ist, das "Nichtbehinderte" von ihnen haben und diese Bilder zu vergleichen.

Deine Aussagen werden anonymisiert verwendet, das heißt, ich gebe sie nicht in Zusammenhang mit Deinem Namen weiter. Weißt Du einen Fantasienamen, den ich in meiner Diplomarbeit für Dich verwenden kann, wenn ich mich auf Deine Aussagen beziehe?

Manche der Fragen können seltsam klingen oder sich in Teilen wiederholen. Das kann nötig sein, damit ich das, was die Frauen und Lesben mit "Behinderung" und das, was die "nichtbehinderten" InterviewpartnerInnen sagen, besser vergleichen kann. Laß Dich davon nicht irritieren!

Hast Du noch Fragen oder sollen wir jetzt anfangen?

  1. Die erste Frage lautet:

Nenne bitte ca. 10 Wörter, die Dir zum Begriff "Behinderte" einfallen! Einfach die Wörter, die Dir als erstes einfallen, so ähnlich wie bei "Dalli-Dalli"!

Bei den nächsten beiden Fragen darfst Du Begriffe, die Du vorher schon genannt hast, wiederholen, wenn sie dazu passen.

  1. Die nächste Frage lautet:

Was für Begriffe fallen Dir zu "Frau mit "Behinderung"" ein?

  1. Die dritte Frage lautet:

Was für Begriffe fallen Dir zu "Lesbe mit "Behinderung""ein?

  1. Was denkst Du zu "Behinderte" bzw. "behinderte" Frau oder Lesbe" und "Hilfe" (betont gesprochen)?

  2. Was denkst Du über den "Lebenswert" von "behinderten" Frauen und "behinderten" Lesben bzw. über die Diskussionen darüber?

  3. Wirst Du von fremden Leuten als heterosexuelle, als bisexuelle Frau, als Lesbe oder als Neutrum bzw. "sexualitätslos" angesehen?

Von meiner Seite her wären wir fertig. Gibt es noch etwas, das Du gerne sagen würdest?

Ich bedanke mich für Deine Mitarbeit!"

10.2 Transkriptionsregeln

(nach Köhnen, 1997)

  1. Die Transkriptionen erfolgen vollständig und wortwörtlich, d.h. es werden alle verbalen und paraverbalen (z.B. hmhm, äh, hm) Äußerungen aufgenommen. Die Schreibweise orientiert sich an der normalen Schriftsprache. Bei starker Abweichung werden nur die tatsächlich hörbaren Laute aufgenommen. Sprachliche Glättungen erfolgen nicht.

  2. Es wird 1 ½-zeilig geschieben. Die Zeilen werden durchnummeriert. Jede fünfte Zeile mit einer entsprechenden Ziffer versehen.

  3. Die Kennzeichnung der Sprecherin / des Sprechers erfolgt mit "I" für die/den InterviewerIn und mit dem ersten Buchstaben des Decknamens der/des GesprächspartnerIn für ihre/seine Äußerungen. Z.B. "N" für die interviewte Nina.

  4. In Klammern gesetzte Äußerungen (z.B. Hm) stehen als verbale Reaktionen auf das Gesagt der/des GesprächspartnerIn, die netweder eine Bestätigung des Gesagten bedeuten oder die Intention haben, den Gesprächsfluß in Gang zu halten. Sie stehen an der Stelle im Textverlauf, an der sie geäußert wurden. Ihre Intention ergibt sich aus dem Gesprächskontext.

  5. Deutliche Betonungen, die das Gesagte hervorheben und ihm eine besondere Bedeutung geben, werden durch Unterstreichen der Worte wiedergegeben.

  6. Eine gleichzeitige Rede beider SprecherInnen wird folgendermaßer zu Ausdruck gebracht: Der Beginn der Gleichzeitigkeit wird bei der/dem ersten SprecherIn mit einem Pluszeichen gekennzeichnet. Der Redebeitrag wird weiter bis zum Ende der Gleichzeitigkeit transkribiert. Dann erfolgt ein SprecherInnenwechsel und der Beitrag der zweiten Person wird wiedergegeben. Das Ende der Gleichzeitigkeit wird weiderum mit einem Pluszeichen markeirt. Behält die zweite Person das Wort, so wird ihre Rede weiter aufgenommen, erhält die erste erneut das Wort, so wird nach Ende der Gleichzeitigkeit entsprechend ein SprecherInnenwechsel notiert.

Beispiel:

I: (...) da dacht ich, vielleicht +kommt da noch was (.....)

L: Wenn mir später noch was+ einfällt, darf ich dann noch was dazu sagen, oder ist der Zug abgefahren?

Ein SprecherInnenwechsel durch Unterbrechen wird durch ein Pluszeichen am Ende des unterbrochenen Redebeitrages und eines am Anfang des Beitrages der/des neuen SprecherIn GesprächspartnerIn dargestellt.

  1. Das Nicht-Beenden eines Satzes wird durch fünf Punkt in Klammern (.....) angedeutet.

  2. Für unverständliche Rede wird pro Wort ein Schrägstrich aufgenommen, der vermutete Text wird in Doppelklammern eingefügt: ((Text)).

  3. Sprechpausen über 3 sec. werden durch zwei Bindestriche dargestellt.

  4. Wichtige non-verbale Äußerungen, z.B. lachen, stöhnen etc. werden in jeweils eckige und runde Klammern gesetzt: ([lacht]).

  5. Kurze Unterbrechungen der Aufnahme, z.B. durch Kassettenwechsel oder anderes, werden an der entsprechenden in Klammern erwähnt.

10.3 Interviews

Quelle:

Kassandra Ruhm: Fremdbild und Selbstbild von Frauen und Lesben mit "Behinderung". Diplomarbeit an der Ruhr-Universität Bochum. Fakultät für Psychologie. Bochum, Mai 1999.

bidok: - Volltextbibliothek: Erstveröffentlichung im Internet

Stand:18.12.2013

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