Lebensspuren entdecken

Biografische Arbeit mit Menschen mit Behinderung

AutorIn: Axel Rudolph
Themenbereiche: Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Hausarbeit
Releaseinfo: Abschlussarbeit für das dritte Jahr der Heilerziehungspflegeausbildung in den Sozialtherapeutischen Gemeinschaften Weckelweiler e.V.
Copyright: © Axel Rudolph 2002

I. Einleitung

oder: Das Leben ist jetzt

Das Künftige ruhe auf Vergangenem.

Vergangenes erfühle Künftiges

Zu kräftigem Gegenwartsein. (...)

Vergangenes ertrage Künftiges!

Rudolf Steiner[1]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der biografischen Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Zu dieser speziellen Ausrichtung der biografischen Arbeit gibt es bisher wenig Literatur oder auch Erfahrungsberichte. Erst in den letzten Jahren verstärkt sich das Interesse an Lebensgeschichten und biografischer Begleitung von Menschen, die eine körperliche oder geistige Behinderung bzw. psychische Erkrankung haben. Dem Bild des Anderen, seiner unverwechselbaren Geschichte, seiner ihn prägenden Vergangenheit und seinen Wünschen und Hoffnungen näherzukommen und daran teilhaben zu dürfen, wird gerade auch für Menschen, die als Begleiter professionell arbeiten, als Voraussetzung zur Wesensbegegnung erlebt. Diese Wesensbegegnung ist wiederum der Schlüssel für eine menschliche und achtsame Begleitung, die die Selbstbestimmung und Mündigkeit der behinderten Menschen fördern will.

Inhalt dieser Arbeit ist neben einer Darstellung von Ansätzen der Biografiearbeit eine Beschreibung der biografischen Arbeit mit einer Gruppe von fünf Menschen mit Behinderung. Diese Arbeit, als Einzel- und Gruppensitzungen durchgeführt, wurde von Sitzung zu Sitzung immer stärker eine experimentelle Forschungsarbeit mit unverhofften Wendungen und Erfahrungen.

Stand anfänglich der Begriff "Biografiearbeit" im Vordergrund, kamen im Verlauf des Projektes immer wieder neue Umschreibungen für diese Arbeit dazu, weil sich je nach Beteiligten das Anliegen der Arbeit veränderte. Gleichzeitig gab es bei mir eine generelle Verschiebung meines mir selbstgesteckten Zieles: Um Biografiearbeit (eben auch im klassisch anthroposophischen Sinne) zu leisten, müssen Voraussetzungen vorhanden sein. Die folgende Dokumentation der Projektgruppe schildert diesen Prozess und versucht aufzuzeigen, um welche Voraussetzungen es geht.

Dennoch verwende ich den Begriff der Biografiearbeit und möchte ihn um Begriffe wie biografische Begleitung, helfendes Gespräch, biografische Selbstreflexion, Gesprächs- und Erzählgemeinschaft und begleitete Erinnerung ergänzen.

Vor allem kristallisierte sich für mich heraus, dass ich der subjektiv erlebten und verarbeiteten Lebensgeschichte der Menschen mit Behinderung Raum und Darstellung ermöglichen wollte. Dadurch ist eine sehr persönliche gemeinsame Arbeit entstanden, die vor allem einen Blick und eine Annäherung auf das Bild, das der behinderte Menschen von sich selber hat, ermöglicht. Dies deutet noch einmal mehr den Versuchs- und Experimentcharakter der Arbeit an. Und diese Arbeit ist längst nicht abgeschlossen, sondern hat damit erst begonnen.

Ein wesentlicher Hintergrund für meine Begleitung der Projektgruppe ist der Ansatz der anthroposophischen Biografiearbeit. Dieser Ansatz versucht meiner Erfahrung nach eine ganzheitliche Sicht auf das Thema der menschlichen Biografie zu ermöglichen. Neben dieser anthroposophischen Anregung haben verschiedene psychotherapeutische Konzepte (z.B. gestalttherapeutische) und Anschauungen aus dem Zen meine Arbeit beeinflusst.

Arbeit an der Biografie möchte Mut machen. Mut machen für die Gegenwart in der jeder steht und in der die Freude und das Leid, das unser Leben prägt, geschehen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie ist oft Erinnerungsarbeit und zeigt auf einen Weg nach innen und in eine Innenwelt - zu sich selbst. Und dennoch ist jeder Mensch mehr als das Produkt seiner Vergangenheit, und öfter als wir glauben ist die Möglichkeit vorhanden, im Hier und Jetzt neu zu entscheiden, Neues zu versuchen, Altes anzuerkennen, zu ertragen und zu verabschieden. Egal ob nun als Mensch mit einem Schwerbehindertenausweis oder nicht.

"Leben gibt es nur in der Gegenwart.

Leben ist nur möglich im gegenwärtigen Augenblick,

denn‚ die Vergangenheit ist nicht mehr da

und die Zukunft ist noch nicht.

Unsere Verabredung mit dem Leben findet

immer im gegenwärtigen Augenblick statt.

Und der Treffpunkt unserer Verabredung ist genau da,

wo wir uns gerade befinden..."

Thich Nhat Hanh[2]



[1] Rudolf Steiner, Zwölf Stimmungen: Steinbock

[2] Thich Nhat Hanh, "Worte der Achtsamkeit", Herder, Freiburg, 1997/1999

II. Theoretischer Hintergrund

1. Theoretische Darstellung der Biografiearbeit

1.1. Biografiearbeit allgemein

Die Beschäftigung mit einzelnen Lebensgeschichten ist nicht erst Thema der gegenwärtigen Zeit, sondern lässt sich in der Geschichtsschreibung alter Völker und Kulturen immer wieder finden. Allerdings, und das ist der bemerkenswerte Unterschied, waren nur bestimmte individuelle Schicksale herausragender Persönlichkeiten von darstellungswürdigem Interesse. Das Leben von Königen, Kirchenvätern, Heiligen, Religionsgründern, Ketzern und später auch von Künstlern und Philosophen war berichtenswert. Und oft lässt sich nachweisen, dass diese Lebensdarstellungen Vorbild- und Orientierungsfunktion für den "einfachen" Menschen, für den orientierungslosen und suchenden Menschen sein sollten.

Erst in den letzten hundert Jahren ist ein Bewusstsein im Entstehen für die Einmaligkeit einer jeden Biografie. Dies hat sicherlich mehrere Gründe: Solange der Mensch festeingebunden in eine überschaubare gesellschaftliche Ordnung war, sein Leben bereits von seiner Geburt an geordnet und vorhersehbar war, bestand für das Erzählen der eigenen Biografie kein Anlass. Die Gesellschaft wies einem jeden wie selbstverständlich einen Platz im sozialen Gefüge zu.

Mit der zunehmenden Tendenz der menschlichen Entwicklung hin zu einer stärkeren Individualisierung und damit auch zu einer zunehmenden Isolierung und Heimatlosigkeit, bedurfte der einzelne Mensch immer mehr einer Erklärung seiner Situation und der Anerkennung seiner individuellen Persönlichkeit. Der soziale Lebensort des Einzelnen wird immer weniger von außen bestimmt, bzw. zur Verfügung gestellt. Der eigene Ort, das gegenwärtige Hier und Jetzt eines jeden Menschen, muss immer stärker aus der eigenen Vergangenheit und einer Legitimation für ihre Zukunft gefunden werden. "Biografiearbeit ist überall dort möglich und nötig, wo es keine selbstverständlichen Lebenszusammenhänge mehr gibt, wo das Leben unübersichtlich geworden und die Orte des Einzelnen nicht erkennbar sind"[3].

Die Biografiearbeit ist ein weites Feld mit unterschiedlichsten Dimensionen, Ansätzen und Blickrichtungen. Der Spruch des delphischen Orakels "Erkenne dich selbst" steht mit dem Anliegen der Biografiearbeit ebenso in Verbindung wie der Austausch von Erinnerungen bei Klassentreffen oder dem Anlegen eines Fotoalbums.

Immer geht es um die Schaffung von sozialen und praktischen Räumen in denen es möglich ist, sich selbst zu erinnern, sich mitzuteilen, eigene Geschichte zu erzählen. Immer steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt, und so wird die Beschäftigung mit der eigenen Biografie zu einer Möglichkeit, die eigene Desorientierung, Ahnungslosigkeit und Fremdheit zu bearbeiten und bietet so die Chance zu einer Sinngebung und Identitätsfindung.

Biografische Arbeitsweisen sind in allen Lebensphasen möglich und auch notwendig. Dennoch gibt es aber im menschlichen Lebenslauf phasenweise Verdichtungen, die zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie verstärkt auffordern. Oft sind es Wendepunkte im Leben (Geburt eines Kindes, Berufs- und Arbeitsplatzwechsel, Schwierigkeiten im Beruf, in Beziehungen zu anderen Menschen usw.), die deutlich machen, dass eine Neuorientierung ansteht. In der Biografiearbeit werden dann die Erfahrungen und Erlebnisse, Beurteilungen und Bilanzen aus den bisherigen Zusammenhängen herausgehoben, und können dadurch mit Abstand aus einer neuen Perspektive angeschaut werden. Das wiederum ermöglicht ein Erkennen, ein "Zurechtrücken der Dinge".

Das Tempo der Wandlungsprozesse mit denen der heutige Mensch konfrontiert ist, zwingt uns immer wieder zu einer Neuorientierung und zur Abklärung von biografisch "Erwordenem" und zeigt sich in Fragen wie: "Stimmt das noch für mich? - Will ich das so? - Hat das Alte noch Bestand? - Will ich das Neue?".

So kann deutlich werden, dass Biografiearbeit besonders dann gelingen kann, wenn sie als prozessorientierte Methode benutzt wird und weniger an zielgerichtete Vorgaben gebunden ist.

Mag der Anfang einer Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie sehr oft nur auf die eigene Person, auf die eigene Vergangenheit konzentriert sein, ergibt sich im Lauf der Arbeit aber immer auch eine darüber hinausgehende Perspektive. Durch die Biografiearbeit geschieht eine Einbettung in die gesellschaftlichen Gegebenheiten und Umstände. Über das Erkennen der individuellen Geschichte hinaus kann sich ein Verstehen sozialer Zusammenhänge entwickeln. Gesellschaftliche, moralische und politische Realitäten werden offenbar und können zum persönlichen Engagement für gesellschaftspolitische Themen motivieren[4].

Der Lebenslauf kann also als Entwicklungsgeschehen gesehen werden, bei dem ganz individuelle und ganz überpersönliche Faktoren sich begegnen und gegenseitig durchdringen.

1.2. Was heißt erinnern?

Die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie ist grundsätzlich immer auch eine Erinnerungsarbeit. Das Erinnern der eigenen Lebensgeschichte ist wie ein Schlüssel für die Be- und Verarbeitung erlebter Geschehnisse und Umstände. "Erinnern, das ist vielleicht die qualvollste Art des Vergessens und vielleicht die freundlichste Art der Linderung dieser Qual" formuliert Erich Fried.[5]

Erinnert werden kann nur das was war, also das Vergangene. Dennoch ist die Erinnerung nicht nur die Beschreibung der Vergangenheit. Durch die individuell geprägte Art und Weise einer solchen Rückschau und somit einer Suche im eigenen Inneren, entsteht ein sehr komplexer und subjektiver Darstellungsversuch der Biografie. Anlass und Hilfe für diese Suche können gegenwärtige Erlebnisse oder äußere Begegnungen sein. Was dann mit Hilfe der Erinnerung und des Gedächtnisses "freigelegt" und "ausgegraben" wird, ist immer Re-Konstruktion der objektiven Wirklichkeit. "Erinnerung ist das unwillkürliche oder willentlich herbeigeführte Wiederauftauchen von Fakten, Bildern und Gefühlen, die dem ursprünglichen Erleben ähnlich sind oder ähnlich scheinen."[6]

Bewusste Erinnerung braucht die Fähigkeit des Gedächtnis, das die Möglichkeit bietet Wahrnehmungen über den Zeitpunkt des Erlebens hinaus aufzubewahren. Neben dem individuellen Gedächtnis des Menschen gibt es auch ein kollektives Gedächtnis[7]. Wissenschaftlich werden vereinfacht drei Abteilungen unterschieden: das Wahrnehmungsgedächtnis, das Kurzzeitgedächtnis und das Langzeitgedächtnis. Das letztere teilt sich wiederum in Wissensgedächtnis und Erfahrungsgedächtnis. In diesem Erfahrungsgedächtnis wird die eigene Lebensgeschichte gespeichert.

Als zweite Kraft zur eigenen Identität im Leben[8] steht neben der Erinnerung die Entinnerung[9], das Vergessen. Die Fähigkeit traumatische, schreckliche und vorerst nicht zu verarbeitende Geschehnisse in einen unbewussten, passiven Bereich absinken zu lassen, kann für Menschen überlebenswichtig sein und ist somit eine Schutzfunktion. Dieses Vergessen allerdings ist nicht wirkungslos auf den jeweils Betreffenden. Das Verdrängte ist im Unbewussten weiter solange aktiv, bis es durch eine bearbeitende und bewusste Auseinandersetzung zu einem "abgearbeiteten Vergessen", einer "Entinnerung" wird.

Erinnern, im Rahmen einer biografischen Selbstreflexion und einer inneren Suche, kann also zu einem Verstehen der Ereignisse und Lebensumstände führen. Dieses Verstehen ist wiederum eine Voraussetzung, die eigene Vergangenheit, das Gewesene anzunehmen und um zu einer Versöhnung zu kommen. Und diese Versöhnung ist der Schlüssel zum Heil-Werden, zum Freisetzen und Entdecken neuer Kräfte und Fähigkeiten.

1.3. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

In der Beschäftigung mit der eigenen Biografie ist der Ausgangspunkt jeglicher Anstrengungen und Bemühungen die Gegenwart, das Heute, das Hier und Jetzt. Denn der Mensch lebt immer nur in der Gegenwart. "Aber er steht mit gespreizten Beinen über der Kluft, welche die Vergangenheit von der Zukunft trennt."[10]

Jede biografische Selbstreflexion bezieht immer die ganze Biografie ein, auch wenn nur bestimmte Lebensphasen oder spezielle Themen betrachtet werden. Die Psychoanalyse formuliert "dass jeder Mensch in jedem Augenblick seiner Existenz seine Lebensgeschichte in Wort, Tat und Symbol darlebt: ein dreijähriges Kind nicht anders als ein Achtzigjähriger hat eine Vergangenheit, die es in seiner Gegenwart erzählt."[11] Das Vergangene ist gegenwärtig und speist als eine wesentliche Quelle das Heute. Dennoch aber kann sich die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte nicht nur auf das Woher beziehen und wohl möglich nur daher das gegenwärtige Verhalten daraus ableiten. Dies kann schnell zu einer deterministischen Sicht führen ("wegen meiner Erlebnisse in der Kindheit konnte ich jetzt gar nicht anders handeln" usw.).

Eine zweite wesentliche Quelle für die biografische Entwicklung ist daher auch die Frage nach dem Wohin, nach dem Ziel, also der Zukunft. "Wer vom Ziel nicht weiß, kann den Weg nicht haben..." formuliert Christian Morgenstern.

So steht der Mensch in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft wirken auf ihn ein, bilden an seiner Identität.

Gerade die biografische Arbeit mit Menschen mit Behinderung, Kindern oder alten Menschen, die einen erschwerten Zugang zu ihren Wurzeln bzw. Perspektiven haben, wird deutlich erleichtert durch eine einfache Unterteilung in Vergangenheit (bestehend aus Orten, Zeiten, Daten und Personen, glücklichen und traurigen Ereignissen), Gegenwart (Selbstbildnis, Fragen wie z.B. "Was mache ich hier?", "Wie sehen mich andere?") und Zukunft ( Fragen wie z. B. "Wo werde ich leben?", "Welche Veränderungen werden kommen?", "Was wünsche ich mir?").[12]

Alle Bemühungen einer erfolgreichen Biografiearbeit, sich der Vergangenheit wie auch dem Zukünftigen zu nähern, finden ihr Ziel in einer Ermutigung für das Gegenwärtige.

1.4. Meine Geschichte ist auch die des Anderen

Die Bedeutung und Aufgaben der biografischen Arbeit schließen immer den sozialen Hintergrund der jeweiligen Biografie mit ein. Zwar steht der Betreffende im Mittelpunkt der Betrachtungen, aber von da ausgehend kann ein Beziehungsnetz sichtbar gemacht werden, das zeigen kann, dass das eigene Leben und Handeln ganz wesentlich durch Mitmenschen geprägt und angeregt wird. Biografische Arbeit kann sich nicht in den Fragen erschöpfen, was ich von dieser oder jener Person gehabt habe, oder wie ich diese oder jene Situation erlebt habe. "Wir sollten versuchen, im Bilde auftauchen zu lassen vor unserer Seele die Personen, die als Lehrer, Freunde, sonstige Förderer in unser Leben eingriffen, oder solche Personen, die uns geschädigt haben und denen wir von gewissen Gesichtspunkten aus manchmal mehr verdanken als jenen, die uns genützt haben. (...) Und wir werden sehen, wenn wir auf diese Weise verfahren, dass wir allmählich uns selber vergessen lernen, dass wir finden, wie eigentlich fast alles, was an uns ist, gar nicht da sein könnte, wenn nicht diese oder jene Personen fördernd oder lehrend oder sonst irgendwie in unser Leben eingegriffen hätte."[13]

Die Fragestellung nach dem, was andere Menschen dem eigenen Leben hinzugefügt haben, schafft ein Interesse am Mitmenschen, zeigt, wie Lebensgeschichten miteinander verwoben sind, dass Menschen für ihre Entwicklung sich gegenseitig benötigen, und dass das eigene Leben immer auch Spuren im Leben anderer Menschen hinterlässt.

2. Anthroposophische Biografiearbeit

2.1. Menschenbild der Anthroposophie

Die Biografiearbeit kennt verschiedene Methoden und Ansätze. Jede dieser Richtungen ist wesentlich von dem dahinter stehenden Menschenbild und der jeweiligen Weltanschauung geprägt. Meiner Arbeit liegt ganz wesentlich der Versuch einer ganzheitlichen Menschen- und Weltsicht zugrunde, also eine Sicht, die die physisch-materiellen, seelisch-empfindenden, verstandesmäßig-intellektuellen und geistig-spirituellen Dimensionen gleichermaßen einzubeziehen versucht.

Die Anthroposophie als Weltanschauung, begründet durch Rudolf Steiner, versucht diese Dimensionen auf eine zeitgemäße und bewusstseinsklare Art und Weise miteinander zu verbinden. Steiners Anliegen war es zu zeigen, dass mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden spirituelle Beobachtungsergebnisse zu gewinnen sind. Sein Menschenbild lässt die schöpferische Wirksamkeit des Geistes bis in die physisch-materielle Ebene erkennbar werden. Dadurch entsteht ein Menschenbild, eine seelische Bewussteinsrichtung, die den Menschen zum vollen, ganzen Menschen macht.[14]

Die menschliche Wesenheit gliedert Steiner in vier große Bereiche[15]:

  • Den Bereich des physischen Leibes, also die körperliche Beschaffenheit und Konstitution.

  • Den Bereich des Lebensleibes (Ätherleib), also die gesamten Lebensprozesse, Funktionen, Rhythmen usw..

  • Den Bereich des Seelen- bzw. Empfindungsleibes (Astralleib), also der gesamte seelische Bereich wie z.B. Gefühle, Stimmungen, Temperamentsqualitäten, Umgang mit Sympathie und Antipathie, Wahrnehmungsvermögen, Beschaffenheit seines Willenslebens usw..

  • Den Bereich des Geistigen (Bewusstseinsleib oder Ichleib), also Bewusstseinszustände (Wachbewusstsein, Unter- und Unbewusstes), Fähigkeiten der Zielsetzung, Urteilsvermögen

Der leibliche, seelische und geistige Bereich wird von Steiner differenziert und jeweils dreigegliedert. Diese Dreigliederungen stehen miteinander in Beziehung.

Der Gedanke von Reinkarnation und Karma hat in der Anthroposophie einen zentralen Platz und erweitert die Vorstellung zeitlichen Denkens über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Lebens um die Dimension vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Inkarnationen. Das, was durch die verschiedenen Inkarnationen immer bestehen bleibt, wird als Individualität, Urbild oder Höheres Ich bezeichnet. Dieser Bereich des Menschen kann nicht erkranken oder behindert sein. So kommt die anthroposophisch orientierte Sozialtherapie zu der Auffassung, dass in jedem Menschen, unabhängig seiner körperlichen oder seelisch-intellektuellen Beeinträchtigung eine gesunde Individualität vorhanden ist, die als solche auch angesprochen bzw. erkannt werden muss.

Gleichzeitig kann der Gedanke der Reinkarnation die Frage nach den Ursachen von biografischen Wendepunkten, Krisen und Krankheiten um die Dimension der Zukunft erweitern. Ursachen liegen nicht nur in der Vergangenheit, die es zu betrachten und zu erforschen gilt, sondern haben ihren Sinn oder ihr Ziel auch im Zukünftigen.

2.2. Impulse der anthroposophischen Biografiearbeit

So liegt in der anthroposophisch orientierten Biografiearbeit eine große Aufmerksamkeit auf dem Urbild des Menschen, wie es sich als roter Faden durch die Lebensgeschichte zieht und vor dem Hintergrund rhythmischer Gesetzmäßigkeiten zeigen kann. Das Vergangene wird möglichst zu einem sinnlich wahrnehmbaren und geistigen Bewusstsein gebracht, um dann auf das Zukünftige zu blicken mit Fragen wie: "Welche Möglichkeiten der Entwicklung ergeben sich?", "Was können Lebensziele sein?", "Was sind die Kraftquellen?". Sehr stark wird die Möglichkeit betont, sich "aktiv zu seiner Biografie, zum eigenen Lebenszusammenhang zu stellen, also sich selbst Gestalt zu geben im Vollzug des eigenen Lebens."[16]

Der anthroposophische Arzt und Psychotherapeut Markus Treichler formuliert es folgendermaßen:

Was war, kann ich wissen -

was ist, kann ich erleben und mitfühlen -

und was kommt, kann ich wollen.

So ist diese Biografiearbeit immer auch Willens- und Entwicklungsarbeit. Eine Entwicklung im Sinne einer individuellen Lebendigkeit, Achtsamkeit und inneren Beweglichkeit ist damit gemeint, die aber deutlich machen kann, dass das eigene Ringen auf dem Weg zu seinem Höheren Ich eingebettet ist in ein gesamtmenschheitliches Ringen und im Zusammenhang mit dem Entwicklungsprozess des menschlichen Bewusstseins überhaupt steht. Der eigene Weg zum Höheren Ich wird zu einem Weg zum Überpersönlichen.

Das Höhere Ich, das die eigene Biografie impulsiert, wirkt gestaltend in Krisen, Schwellensituationen und wenn es bewusst in seiner Wirksamkeit angesprochen wird. Der Weg zu diesem Höheren Ich kann "nur durch eine Aufbruchsstimmung, eine zur Offenheit erziehende Eigenschulung und durch die wagende Tat gegangen werden."[17]

Während das Höhere Ich stark in Verbindung mit dem Zukünftigen steht und nur durch die "Wagende Tat"[18] gefunden werden kann, steht das sogenannte Alltags-Ich in einer starken Verbindung zur Vergangenheit. Der Blick auf das Alltags-Ich hat dann seinen Sinn, "wenn es darauf ankommt, durch Aufarbeiten der Vergangenheit den unbefangenen Zugang zur Gegenwart zu finden."[19]

2.3. Gesetzmäßigkeiten und Rhythmen in der menschlichen Entwicklung

Jede Entwicklung, so auch die menschliche, unterliegt Gesetzmäßigkeiten, die sich vor allem in zeitlichen Strukturen und Phasen zeigt. Diese Gesetzmäßigkeiten sind durch Rudolf Steiner grundlegend dargestellt worden und wurden von verschiedenen anderen Menschen inhaltlich vertieft und weiterentwickelt.[20] Dennoch reicht das Wissen um solche Gesetzmäßigkeiten bis in die Zeit des Altertums zurück.[21]

Immer deutlicher zeigt sich, dass diese Gesetzmäßigkeiten und Rhythmen nicht automatisch und zwingend die Biografie bestimmen. Entwicklungsverzögerungen- bzw. beschleunigungen, das Verharren in bestimmten Entwicklungsstufen zeigen, dass es immer auch einen Moment der Freiheit bzw. des Freiraumes gibt. Das Wissen um solche Entwicklungsgesetze kann also bestenfalls Anregung sein und ist auf keinen Fall ein Dogma.

Dreiteilung des Lebenslaufes

Der Lebenslauf des Menschen lässt sich in drei grobe Abschnitte gliedern[22]:

  1. Phase der körperlichen Entwicklung. Die Individualität ist mit dem Aufbau des Körpers und der physiologischen Reifung der Organe beschäftigt. Dieser Zeitraum reicht von der Zeugung bis etwa zum 21. Lebensjahr. Es kann als Zeit der "Vorbereitung" und der "Menschwerdung" bezeichnet werden, in dem der Mensch noch wenig an seinem Schicksal selbst gestaltet, sondern durch seine Vergangenheit geprägt ist.

  2. Phase der Selbsterziehung und Selbstentwicklung: In dieser mittleren Phase ist die Individualität nicht mehr im gleichen Maße wie zuvor körpergebunden. Mündigkeit und Selbstverantwortung sind nun die Themen dieser Phase der "Expansion". Der Mensch gestaltet produktiv seine Umwelt, gründet Familie, bemüht sich um berufliche Karriere und lernt am anderen Menschen. Durch diese "Daseinskämpfe" geschieht eine psychische Reifung. Erst nach diesem Abschnitt (vom 21. bis 42. Lebensjahr) ist der Mensch im vollen Sinne erwachsen. Es ist die Zeit des "Menschseins".

  3. Phase der geistigen Entwicklung. In dieser Zeit lassen die biologischen Kräfte nach, die Abbaukräfte gewinnen die Oberhand.

Es beginnt eine Zeit, in der die Früchte des Lebens sichtbar werden und in der eigene Zielsetzungen sich wandeln in größere, menschheitliche Ziele. Durch die körperlichen Abbauprozesse können gleichzeitig Lebenskräfte frei werden, die dann als Bewusstseinskräfte zur Verfügung stehen. Es ist die Zeit der "menschlichen Erfüllung".

Abbildung aus: G. Burkhard, "Das Leben in die Hand nehmen", S. 23 (Grafik steht leider nicht zur Verfügung)

Zweiteilung des Lebenslaufes

Wenn wir das menschliche Leben in zwei Hälften teilen, ergibt sich eine erste Hälfte von der Zeugung bis etwa zum 35. Lebensjahr. Es ist die Zeit der Vorbereitung, des Nehmens und des "Einatmens". Eine Zeit der Inkarnation.

Ab dem 35. Lebensjahr beginnt des "Ausatmen", das Geben. Wir machen das, was wir empfangen haben, für die Welt fruchtbar. Es ist auch die Zeit der Exkarnation, die mit dem physischen Tod ein deutliches Zeichen hat.

Der Siebenjahresrhythmus

Der Siebenjahresrhythmus als wohl bekanntestes Entwicklungsgesetz ist eine reale Tatsache, die sich durch Beobachtungen der Entwicklung aller Lebendigkeit ablesen lässt: Körperzellen regenerieren sich alle sieben Jahre, körperliche Veränderungen z.B. Zahnwechsel mit sieben Jahren, Geschlechtsreife mit 14 Jahren usw. sind offensichtliche Zeichen. Dieser Rhythmus geht aber über eine rein biologische Dimension hinaus und hat im Erwachsenenalter eine seelisch-geistige Entsprechung. Jedes Jahrsiebt hat eigene Themen und Prägungen und steht oft unter einem spezifischen Leitmotiv. Mit einer mechanischen Anwendung dieser Rhythmen und Leitmotive ist auch hier einer Biografie nicht zu begegnen. Gerade die Abweichungen vom Rhythmus zeigen eine unverwechselbare Persönlichkeit, und lassen einen individuellen Gestaltungswillen erkennen.

Erstes Jahrsiebt [23] (1.-7. Jahr)

Aus dem Vorgeburtlichen inkarniert sich der Mensch mit einem von ihm mitgestalteten Körper. Im Laufe der ersten Jahre wird diese Körperlichkeit individualisiert. Gleichzeitig wird die Welt erforscht und der Umgang mit Freiräumen und Grenzen gelernt. Nach dem System von Watering heißt dieser Abschnitt "Zeit des Phantasielebens".

Zweites Jahrsiebt (7.-14. Jahr)

Der Lebensleib des Kindes löst sich immer stärker von dem der Mutter. Diese Kräfte, die bisher an der Individualisierung der Körperlichkeit tätig waren, werden nun frei und stehen einem selbstständigen bildhaften Denken zur Verfügung. "Zeit der Imagination".

Drittes Jahrsiebt (14.-21. Jahr)

Mit der Pubertät löst sich der Mensch auch mit seinem Empfindungsleib aus der ihn umgebenden Hülle der Familienbindung. Urteilsfähigkeit und ein eigenes Wertesystem entstehen. Auf der Suche nach dem eigenen Wesenskern bilden sich jugendliche Ideale die impulsgebend sind. "Zeit der Pubertät und Adoleszenz".

Viertes Jahrsiebt (21.-28. Jahr)

Diesen Zeitraum kann man als "Lehr- und Wanderjahre" beschreiben, d.h. der Mensch orientiert sich an der äußeren Welt, geht "hinaus" mit der Frage: "Was hat die Welt mir zu bieten?". Biografisch gesehen fängt mit 21 Jahren das "Erwachsen sein" an, also die Zeit der Mündigkeit. Der Führung durch anderen Menschen (Eltern, Lehrer, Lehrmeister) ist man ent-wachsen. Das "Ich" kommt zum Tragen, mit dem nun das eigene seelische Leben bearbeitet werden kann. Die Empfindungsseele bildet sich. "Zeit der Eroberung der Lebensbasis".

Fünftes Jahrsiebt (28.-35. Jahr)

Mit dem 28. Jahr wird der Höhepunkt jugendlicher Lebenskraft überschritten. Die Zeit in der einem vieles zufiel geht zu Ende und es beginnt eine Phase, in der man sich mit dem Willen einen Platz in der Welt sucht. Besitz, Recht, Macht und Einfluss tauchen als Themen auf, die Eigenverantwortung betrifft alle Lebensbereiche. Es ist die Zeit der tiefsten Inkarnation. Nach der Ordnung der Welt wird gefragt und welchen Beitrag man persönlich dazu leisten kann. Das Ich beginnt mit der Individualisierung des Lebensleibes, dadurch entwickelt sich die Verstandes- oder Gemütsseele. "Zeit der Bestätigung und Verifizierung der gefundenen Lebensbasis".

Sechstes Jahrsiebt (35.-42. Jahr)

Die zentrale Frage dieser Zeit ist: "Was habe ich, aus meinen eigenen Kräften heraus, der Welt zu bieten?". Dies ist oft eine verunsichernde Frage, verbunden mit Zweifel an den eigenen beruflichen und sozialen Fähigkeiten. Eigene Illusionen gehen verloren, Ernüchterung tritt ein. Es ist die Zeit der Lebensmitte und des zweiten Mondknotens[24]. Es ist das Jahrsiebt der Bewusstseinseelenentwicklung. Die Gefahren dieser Zeit liegen im Betäuben und Verdrängen der biografischen Situation sowie der Lust an der Macht. Durch das Akzeptieren eigener Grenzen kann aber auch ein erstes Gefühl von Selbstlosigkeit entstehen. "Zeit der zweiten Pubertät, Reorientierung der beruflichen Ziele".

Siebtes Jahrsiebt (42.-49. Jahr)

Nach der Überwindung innerer Krisen kann nun eine neue Lebensphase eintreten. Eine Zeit in der aus einer überpersönlichen Perspektive heraus das Leben neu ergriffen wird. Das Physische tritt stärker in den Hintergrund, Verantwortung für soziale und geistige Aufgaben werden stärker wahrgenommen. Wesentliches und Unwesentliches wird in seinem Verhältnis zueinander sichtbar. Als eine typische Gefahr steht die dogmatische Erstarrung und die Versuchung "weise" sein zu wollen. "Manisch-depressive Zeit".

Achtes Jahrsiebt (49.-56. Jahr)

Ein gewisser Ruhepunkt in der eigenen Entwicklung kann erlebt werden. Selbstlosigkeit und "Loslassen" sind Themen. Fragen stehen nun im Mittelpunkt wie: "Kannst Du auf Privat-Persönliches verzichten? Auf persönliche Überzeugungen, Erfahrungen und Errungenschaften?". Es ist die Zeit des "Höheren Ichs"[25] mit der Chance, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dieses Jahrsiebt kann das Wahrnehmungsorgan werden, die an einen gestellten Herausforderungen zu hören. "Zeit des Kampfes gegen den eigenen Untergang".

Neuntes Jahrsiebt (56.-63.Jahr)

Auch in dieser Zeit lautet die Frage: "Was hat Bestand in meinem Leben?". Das Ende des Arbeitslebens kommt näher, Bilanz wird gezogen. Mit der stetig schwindenden eigenen Körperlichkeit schwindet überhaupt das enge Verbundensein mit dem Physisch-Irdischen. Eine Verjüngung nach Innen, ein Aufbruch zu einer inneren Welt ist möglich. Der Sinn des eigenen Lebens tritt klar ins Bewusstsein und damit werden auch Lücken in der eigenen Entwicklung sichtbar. "Zeit der Weisheit".

Zehntes Jahrsiebt (63.-70. Jahr)

In dieser Zeit ist der Mensch aus dem Arbeitsleben meist ausgetreten und ein Freiraum ist entstanden, den es sinnvoll und aktiv auszufüllen gilt. Eine Gefahr dieses Alters liegt darin, nur noch in Erinnerungen zu leben. Hier scheint dann nicht wirklich eine Lebensbilanz gezogen zu sein, denn "Was innerlich wirklich abgeschlossen ist, braucht uns erinnerungsmäßig nicht immer wieder zu beschäftigen."[26] Frei und spielerisch und ohne Leistungsdruck kann der alte Mensch sich nun, ähnlich wie Kinder im ersten Jahrsiebt, dem Wesentlichen widmen. "Zeit der zweiten Jugend".

Lebensmitte

Die Lebensmitte (um das 35. Jahr) ist meist der deutlichste Einschnitt in der Biografie. Die "Wende-Zeit", die Monate oder Jahre dauern kann, ist meist nicht durch ein äußeres Geschehen angeregt. Im Gegenteil hat der Mensch in dieser Zeit vieles erreicht, eine gewisse Stellung und Ansehen. Dennoch, oder gerade deswegen, kommt der innere Zweifel am Erreichten, an dem was zunehmend als Festgefahren erlebt wird. Dieser innerseelische Schwellenübergang ist eine Selbstbegegnung die aufruft, das Alte und Gewohnte auf neue Weise zu tun. Ohne ein "Opfern" von bisheriger Ansichten, von fordernden Haltungen, von Illusionen entsteht aus dieser Krise kein "neues Ergreifen des Bisherigen aus neuer Lebensbejahung."[27]

Mondknoten

Zu den überindividuellen Rhythmen der Biografie gehören auch die Mondknotenstellungen[28]. Es sind Zeiten, in denen sich die Lebensimpulse, mit denen man bei seiner Geburt angetreten ist, wieder in Erinnerung bringen oder sich durchzusetzen versuchen. Oft sind es Zeiten der Reinigung, des Loslassens und der Trennung. Im Unterschied zur Lebensmitte kommen diese Reinigungen von außen, und werden als Schicksalsereignisse erlebt.

Chaos

Oft geschehen heutzutage biografische Brüche, die keine offensichtliche Zeitstruktur haben und keinen Gesetzen zu folgen scheinen. In diesen Situationen des Chaos gilt es wach zu sein, und Impulse, die wirksam werden wollen, mutig aufzugreifen. Im Chaos wirkt das Höhere Ich am direktesten in den Lebenszusammenhang hinein. In der völlig freien Situation kann das Neue und das Erneuernde entstehen.[29]

3. Biografische Arbeit mit geistig behinderten bzw. psychisch erkrankten Menschen

3.1. Ermöglichung der Selbst-Entfaltung

Das wachsende Interesse an der Lebensgeschichte von Menschen und die Erkenntnis der Einmaligkeit jeder Biografie, welches seit etwa 100 Jahren zu beobachten ist und zunehmend wissenschaftlich bearbeitet wird, bezog sich bis vor wenige Jahrzehnte ausschließlich auf "normale", nicht (geistig oder seelisch) behinderte Menschen[30].

Dass zunehmend in verschiedenen sozialtherapeutischen Einrichtungen das Interesse an einer Beschäftigung mit der Lebensgeschichte behinderter Menschen wächst, hat mehrere Gründe.

Gesamtgesellschaftlich ist eine deutlich stärkere Toleranz und wachsende Akzeptanz von Menschen mit Behinderung zu beobachten. Staatliche Gesetzlichkeiten und eine Allianz aus verschiedenen Behindertenvertretungen und Selbsthilfegruppen fordern und arbeiten an einem Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe.[31]

Empowerment, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Integration sind zentrale Begriffe in diesem Bereich und führen zunehmend zu einer Sensibilisierung im Umgang und Zusammenleben mit Menschen mit Behinderung. Der verwahrende und fürsorgende Aspekt tritt zugunsten eines fördernden Aspektes stärker zurück. Und dieser Anspruch der Förderung und Ermöglichung der Selbst-Entfaltung braucht die Entwicklung einer selbstbewussten Identität und eines Wachstums auf innere Freiheit hin. Bei eben diesen Aufgaben benötigt der behinderte Mensch Hilfestellungen und Begleitung durch andere Menschen. Diese kann aber nur gelingen, wenn ein echtes Interesse und eine Wertschätzung, unabhängig von einer möglichen Behinderung, für den behinderten Menschen erlebbar ist. Damit kann ein Prozess in Gang gebracht werden, der als "Überwindung von Entfremdung" spürbar werden kann. Dieser Prozess braucht eine wie auch immer geartete Kommunikation, die als Voraussetzung ein Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft benötigt - und das kann Biografiearbeit leisten. "Wer einmal erlebt hat, wie unter Mithilfe anderer Kindheitserinnerungen langsam aus dem Dunkel gelebten Lebens auftauchen, wer erlebt hat, wie ein Mensch, indem seine Biografie ihm aufleuchtet, zum erstenmal sich seiner Einmaligkeit bewusst wird, versteht, dass die Arbeit an der Biografie zu den ersten Erfordernissen der Kommunikationsbildung gehört."[32]

Wenn der Anspruch der begleitenden Hilfe und Förderung in der Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderung im Vordergrund steht, geben die Möglichkeiten der Biografiearbeit (wie unter Biografiearbeit allgemein beschrieben) dazu wichtige Voraussetzungen. Denn: Schicksalsfragen, biografische Krisen, Zeiten großer Herausforderungen und Entscheidungen hat der Mensch mit Behinderung ebenso, wie der vermeintlich nicht-behinderte Mensch. Und was dem Letzteren wichtige Hilfen sind, sind dem Behinderten es erst recht, wenn diese auf seine individuellen Fähigkeiten ausgerichtet sind.

3.2. Die außergewöhnliche Biografie von Menschen mit Behinderung

Gerade der behinderte Mensch hat durch den Umstand seiner Beeinträchtigung fast immer eine außergewöhnliche Kindheit und Jugend erlebt. Oft schon in früher Kindheit wird die eigene Andersartigkeit als Ausgrenzung, als fehlende Zugehörigkeit spürbar. Durch eine meist ebenfalls in der Kindheit beginnende Heimunterbringung und durch häufig schwierige familiäre Verhältnisse haben Menschen mit Behinderung eine Vergangenheit, die mit starken seelischen und unterbewussten Belastungen verbunden ist und große persönliche Verunsicherungen hinterlässt, die später mit den unterschiedlichsten (und problematischen) Kompensationsverhaltensweisen ausgeglichen wird.

Der Verunsicherung und dem Gefühl der Fremdheit von Menschen mit Behinderung wird u. a. auch durch einen widersprüchlich-polaren Umgang[33] mit Behinderten innerhalb der Gesellschaft Vorschub geleistet. Einerseits ist eine Tötung von Kindern im Mutterleib bei diagnostizierter oder zu erwartender Behinderung gesetzlich und gesellschaftlich legitim, anderseits gibt es auf gleicher gesetzlicher und gesellschaftlicher Grundlage ein intensives und aufwendiges Bemühen um schulische und gesellschaftliche Integration. Der behinderte Mensch steht, meist ohne verstandesmäßiges Bewusstsein dieser Tatsache, in einem Grenzbereich zwischen Nichtangenommenwerden und Angenommensein. Das Interesse an der Lebensgeschichte von Behinderten signalisiert dem Betreffenden und der gesellschaftlichen Umgebung deutlich das Gefühl des Angenommensein und die "Aufnahme in die Menschengemeinschaft[34]". Aus dem dadurch entstehenden Gefühl der Sicherheit kann persönliche Entwicklung und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Aufgaben erwachsen.

3.2.1. Ungelebtes Leben

Durch die Grenzsituation, in der der Behinderte steht, durch die belastete Vergangenheit und dem gegenwärtigen Erleben durch eingeschränkte Fähigkeiten an vielen Dingen des Alltags nicht oder nur mit Schwierigkeiten teilnehmen zu können, kann bei den Betreffenden das Gefühl einer behinderten Biografie entstehen: Einem Lebenslauf, dem vieles nicht möglich ist, was gesellschaftlich anstrebenswert ist, z.B. einem eigenen Auto, Führerschein, sexuellen Beziehungen, Familiengründung, unabhängigem Wohnen, eigenständiger Arbeit, Geldverdienen usw.. Auch wenn im Rahmen der Empowerment-Bewegung versucht wird, vielen dieser Bedürfnisse gerecht zu werden, bleibt, besonders für den Menschen mit Behinderung, das "unerlebte und ungelebte Leben"[35] ein bedeutsames Thema. Der anthroposophisch orientierte Psychotherapeut Markus Treichler weist darauf hin, dass dadurch für die Biografie ein katastrophaler Mangel an Folgen hinterlassen wird. "Daran erkranken weit mehr Menschen als an den Folgen ihrer Handlungen."[36] Die Folgenlosigkeit[37] eines solchen ungelebten und unerfüllten Lebens wirken sich seiner Einschätzung nach im letzten Lebensabschnitt und über den Tod hinaus aus.

Biografische Arbeit kann hier (bei entsprechend intensiver und qualifizierter Begleitung) mehrere Aufgaben haben. Zum einen kann sie zu einem Annehmen und Versöhnen mit dem eigenen Schicksal führen und dadurch von einem beklagenden, reaktiven Standpunkt zu einer aktiven Suche nach neuen Möglichkeiten anregen. Zum anderen kann sie durch Besinnung und ehrliche Vergangenheitsbewältigung eine Verwandlungsaufgabe bewusst machen, die dazu führt, eben auch dann Entschlüsse zu fassen, wenn Taten nicht mehr möglich erscheinen. Dies, so schildert Treichler, ist eine Bewusstseinsarbeit die den Willen in eine Kraft verwandelt und den Mangel an Folgenlosigkeit im eigenen Leben ausgleicht.

3.3. Stellvertretende Biografiearbeit

Die Beschreibung "geistig behindert bzw. seelisch erkrankte Menschen" bedarf im Zusammenhang mit der Biografiearbeit natürlich einer deutlichen Differenzierung.

Mit hochdementen oder schwer geistig Behinderten ist eine unmittelbare Biografiearbeit praktisch nicht möglich, sondern es geschieht eine vikarielle (= stellvertretende) Biografiearbeit.[38] Die Helfer und Begleiter vollziehen die Biografiearbeit mit diesen Menschen und für diese Menschen.

Innerhalb der anthroposophischen Heilpädagogik wird diese stellvertretende Arbeit durch die sogenannte "Kinderbesprechung" und innerhalb der Sozialtherapie durch das "biografische Gespräch bzw. die Bewohnerbesprechung[39]" zu leisten versucht.

Diese stellvertretende Biografiearbeit betreffend formuliert H. Petzold folgendes: "Um diese Menschen (mit denen eine unmittelbare Biografiearbeit nicht möglich ist) aber anzunehmen und verstehen zu können, ist es für das Personal wichtig - das wird leider zu wenig gesehen - , dass wir ihre Geschichte, z.B. gemeinsam mit den Angehörigen, ansehen. Dabei wird leider meist auf Kindheit und Jugendzeit geschaut und nicht auf die Geschichte der Heimkarriere oder der Klinikkarriere. Das aber bedeutet, dass wir Helfer es vermeiden, uns selbst im Spiegel anzusehen oder uns den Spiegel unserer Profession oder unserer Institution vorzuhalten. Es ist leider so, dass das, was dort geschehen ist, Alltag war, über lange Jahre - nicht nur im Dritten Reich - menschenfeindlich war."[40]

Bei Menschen, die sich keine zusammenhängende Biografie mehr erschaffen können, sondern nur einzelne Erinnerungsfetzen produzieren, wird die betreuende Arbeit erlebnisaktivierend und unter Verwendung biografischer Elemente eingerichtet.[41]

Aber auch die Biografiearbeit mit weniger schwer geistigbehinderten Menschen ist eine andere als mit Menschen, die eine relativ schwere geistige Behinderung haben oder bei denen eine psychische Erkrankung vorliegt. Wieder andere Voraussetzungen ergeben sich bei einer Kombination von geistiger Behinderung und psychischer Erkrankung. Die jeweiligen Fähigkeiten sich seiner eigenen Geschichte zu erinnern und die Möglichkeiten der Reflexion haben entscheidenden Einfluss auf die Art der Biografiearbeit, auf die Methodik und auf die Intensität[42].

3.4. Notwendige Voraussetzungen beim Begleiter

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, muss zwischen Biografieberatung, Biografiebegleitung und biografischer Selbstreflexion unterschieden werden. Während bei der Biografiearbeit meist eine akute Krisenbewältigung der Anlass und eine Zukunftsorientiertheit stärker vorhanden ist, tritt das bei der Biografiebegleitung und biografischer Selbstreflexion eher in den Hintergrund. Hier überwiegt erst einmal das Erinnern der eigenen Vergangenheit.

Einen klar formulierten Übergang zwischen den verschiedenen Formen der Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte, eine deutliche Abgrenzung zu einander, ist generell nicht zu finden. Die Übergänge von z.B. dem Erinnern eigener Vergangenheit hin zu dadurch entstehenden Fragen nach den Auswirkungen auf das eigene Selbstwertgefühl und auf das Zukunftserleben sind fließend und u.a. abhängig von der Fähigkeit, der Bereitschaft und der Intensität, mit der der Betreffenden sich diesem Thema widmen möchte.

Je intensiver die Biografiearbeit geleistet wird, je tiefer auch an dem Bereich des Unter- und Unbewussten gearbeitet wird, desto sensibler, behutsamer und professioneller muss dann dementsprechend die Begleitung sein.

Unabhängig von diesen Differenzierungen und den dadurch entstehenden unterschiedlichen Anforderungen an den Biografiebegleiter sind einige wesentliche Grundvoraussetzungen und persönliche und methodische Fähigkeiten für jeden, der Menschen bei diesem Thema begleiten möchte, notwendig.

"Das Offenlegen der eigenen Lebensgeschichte ist ein Akt der Selbstenthüllung, also ein zutiefst emotional geprägter Vorgang, in dem sich Scham, Enttäuschungen, Groll, Angst, Trauer, aber auch Stolz und Genugtuung ausdrücken können." schreibt Bernd H. Kessler [43] und deutet damit die Breite der Gefühle und Auswirkungen an, mit denen der Betreffende und der Begleiter konfrontiert werden können.

Vertraulichkeit: Lebensgeschichte ist immer mit Intimität verbunden. Biografiebegleiter müssen eine vertrauliche Situation schaffen, die dem Erzählenden ermöglicht, angstfrei und in einer sicheren Atmosphäre in Beziehung zu dem Zuhörenden zu treten. Diese Vertraulichkeit ist ein beidseitiger Akt. Bevor die Arbeit mit bzw. das Erzählen aus der Lebensgeschichte beginnt, sollte eine entsprechende Vereinbarung getroffen werden.

Gegenseitigkeit: Ein gelungener Kontakt zwischen Erzählendem und Zuhörer setzt eine Wechselseitigkeit voraus, aus der die Möglichkeit eines wirklichen Erkennens entstehen kann. Biografiearbeit gelingt in der Regel nicht aus der (gefühllosen) Distanz, sondern benötigt das Angebot eines lebendigen Gegenübers.[44] Auch der Begleiter muss die Bereitschaft haben, aus seinem Leben zu berichten (z.B. wechselseitiges Erzählen), da sonst durchaus eine voyeuristische Komponente entstehen kann. In Bezug auf Biografieberater weist der Psychotherapeut und Biografieberater Mathias Wais darauf hin, dass gerade solche Klienten zur Beratung kommen, die der Berater benötigt, um in eigenen beruflichen und auch persönlichen Fragen weiterzukommen.[45]

Ruhen lassen: Das Erinnern kann auch die Funktion haben, traumatische oder belastende Vergangenheit zu bearbeiten. Dies kann aber nur gelingen, wenn einerseits die Gegenwart als im wesentlichen gut erlebt wird und andererseits die belastenden Dinge (Traumen) einigermaßen reflexionsfähig sind. Liegen diese Erlebnisse aber in der Abspaltung oder Verdrängung, muss man sie dort auch ruhen lassen, da sonst die akute Gefahr besteht diese Traumaphysiologien zu aktivieren.[46] Hier bedarf es einer sensiblen Wahrnehmung des Begleiters.

Ratlosigkeit und Leere: Besonders für das ganzheitliche biografieberatende Gespräch, das also keine Psychotherapie ist, sieht Mathias Wais die Ratlosigkeit und die beidseitige Vorraussetzungslosigkeit als wesentliche Bedingung dafür, dass für beide Seiten (Klient und Berater) etwas substanziell Neues entstehen kann. "Es darf in der Biografiearbeit kein Gefälle geben: ‚Hier bin ich, der Fachmann, und Du, der Klient, empfängt jetzt etwas von meiner Fachkompetenz.' Vielmehr begegnen sich zwei Individualitäten, die gemeinsam etwas Neues entstehen lassen können, das beide weiterbringt, weil sie, wenn es gut geht, gegenseitig ihr Urbild aufrufen. Ich bin als Berater genauso Klient, wie der Ratsuchende mir gegenüber ein Klient ist."[47]

Achtsamkeit: Der Begleiter, der meist auch der Zuhörende ist, muss achtsam sein. Damit ist mehr als nur Konzentration gemeint. Fragen wie: "Welches Interesse habe ich an dem Erzählenden? Bin ich oder fühle ich mich zur Anwesenheit verpflichtet? Wie gehe ich mit mir selbst um, wie begegne ich meinem Gegenüber?" haben weniger mit einer Technik, sondern eher mit einer inneren Haltung zu tun. "Achtsamkeit ist die wache Zentrierung des inneren Geschehens auf einen Menschen, einen Zustand oder Geschehen."[48]



[3] Hans Georg Ruhe, "Methoden der Biografiearbeit", BELTZ Edition Sozial, Weinheim und Basel 1998

[4] Gudjons, Pieper, Wagener, "Auf meinen Spuren", Bergmann+Helbig Verlag, Hamburg 1996

[5] zitiert nach Hanns Georg Ruhe, a.a.O. S. 7

[6] ebenda, S. 137

[7] C.G. Jung spricht von Archetypen als Erinnerungen, die wie Muster die Menschen in ihrem Handeln beeinflussen. Ebenso kann die Forschung zum morphogenetische Feld von R. Sheldrake und auch die Akasha-Chronik (u.a. R. Steiner) als kollektiv-kosmisches Gedächtnis verstanden werden.

[8] zitiert nach "Erinnern und Vergessen" medi-report.de/nachrichten.htm vom 10. 3. 2000

[9] H. Jenrich, zitiert nach Hanns Georg Ruhe, a.a.O. S. 137

[10] G. Kelly: "Die Psychologie der persönlichen Konstrukte". Paderborn 1986

[11] J. Mitchell: "Psychoanalyse und Feminismus" Frankfurt/M. 1985

[12] nach: Ryan/Walker "Wo gehöre ich hin?", BELTZ Edition Sozial, Weinheim und Basel 1997

[13] R. Steiner "Die soziale Grundforderung unserer Zeit - In geänderter Zeitlage." GA 186

[14] R. Steiner GA 257/1983/ S. 76

[15] nach M. Treichler, "Sprechstunde Psychotherapie", Urachhaus, 1993

[16] M. Wais, "Biografiearbeit, Lebensberatung", Urachhaus, 1992, S. 44

[17] ebenda, S. 50

[18] ebenda

[19] ebenda

[20] z.B. H. Müller-Wiedemann für die Entwicklung der Neun- bis Zwölfjährigen, Hennig Köhler für die Zeit der Pubertät

[21] Der griechische Arzt Hippokrates (460 v. Chr.) beschreibt z.B. den Siebenjahresrhythmus des Lebenslaufes

[22] G. Burkhard, "Das Leben in die Hand nehmen", Freies Geistesleben, 1993

[23] nach: H. ten Siethoff, "Mehr Erfolg durch soziales Handeln", Urachhaus, 1996, S. 154 ff und nach Watering, in B. Lievegoed, "Lebenskrisen, Lebenschancen" Kösel, 1979. Im letzt genannten Buch werden mehrere Zeiteinteilungssysteme dargestellt.

[24] Siehe S. 17

[25] siehe Anm. 14, S. 181

[26] ebenda, S. 190

[27] ebenda S. 201

[28] Dieser astrologische Begriff bezeichnet einen Zeitpunkt, der alle 18 Jahre, 7 Monate und 9 Tage auftritt. Siehe dazu Flensburger Hefte Nr. 31, S 153.

[29] siehe Anm. 14, S. 154ff

[30] 1965 veröffentlichte H. G. Petzold eine der ersten Schriften über die Arbeit mit Lebensgeschichten, ausgehend von seiner Arbeit in einem Altenheim. Alter und eine damit einhergehende Abnahme von Fähigkeiten und Funktionen werte ich nicht als geistige- oder seelische Behinderung.

[31] siehe u.a. "Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe", Lambertus, 2001 und "Von der Betreuung zur Assistenz?", Tagungsbericht einer Fachtagung in Hamburg 2000.

[32] H. Müller-Wiedemann in "Lebensformen in der sozialtherapeutischen Arbeit", Verlag Freies Geistesleben, 1995

[33] H. Sautter in ebenda, S. 19

[34] siehe Anm. 28, S154

[35] siehe Anm. 15, S. 146ff

[36] ebenda

[37] Mit der Folgenlosigkeit ist sicher auch eine Sinn-Losigkeit verbunden. Der Psychotherapeut Viktor Frankl beleuchtet die destruktiven Auswirkungen fehlender Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens sehr ausführlich. Der Psychotherapeut Erich Fromm formulierte dazu: "Destruktivität ist das Ergebnis ungelebten Lebens." (aus: "Anthroposophie weltweit" April 2002)

[38] H. G. Petzold in "Lebensgeschichten verstehen lernen heißt, sich selbst und andere verstehen lernen", in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft Nr. 6/99, abrufbar unter: www.bidok.uibk.ac.at/texte/beh6-99-verstehen.html

[39] siehe dazu u.a. Dokumentation der Tagung "Welches Kind warst Du?" der medizinischen Sektion der Freien Hochschule am Goetheanum, 1999 in Weckelweiler, Autor: K. Lampart

[40] siehe Anm. 33

[41] ebenda

[42] siehe dazu u.a. Julian Sleigh, "Das 35. Lebensjahr in der Sozialtherapie", in Seelenpflege, Heft 4/1998

[43] Bernd H. Kessler in: "Handwörterbuch der angewandten Psychologie", Deutscher Psychologen Verlag, 1993

[44] siehe Anm. 1, S. 138

[45] M. Wais in: "Flensburger Hefte", S. 8, Sonderheft Nr. 10, Herbst 1992

[46] siehe Anm. 16

[47] siehe Anm. 39

[48] siehe Anm. 3, S. 18

III. Darstellung der biografischen Arbeit am Beispiel einer Arbeitsgruppe von Menschen mit Behinderung

1. Anliegen

1.1. Eingangsfragen

In der Beschäftigung mit Biografiearbeit kann man schnell der Versuchung begegnen in sich stimmige und geschlossene Erklärungsmodelle und Darstellungskonzepte zu entwickeln. Mit solchen festen Konzepten und gedanklich vorgeplanten Prozessen ist eine echte, menschlich-reife Kommunikation praktisch nicht möglich. Menschen in Begegnung und Kontakt nehmen sich gegenseitig wahr, beziehen sich ständig aufeinander und verändern dadurch ihre Intentionen. Feste Erklärungskonzepte stehen oft für den Wunsch nach Beherrschung des Geschehens und weniger für einen freilassenden Entwicklungsprozess.

Durch die praktische Arbeit an dem Thema, und in meinem Fall zusammen mit einer Gruppe von Menschen mit Behinderung, sollte sich für mich zeigen in wie weit meine theoretischen Überlegungen für die konkrete biografische Begleitung hilfreich und zutreffend waren. Mein theoretisches und auch praktisches Vorwissen und die daraus resultierenden Überlegungen für die biografische Arbeit, sollten als Ausgangspunkt durch die Erfahrungen, die ich mit der Arbeitsgruppe sammeln würde ergänzt, verändert und an die spezifischen Möglichkeiten und Bedürfnisse der Beteiligten angepasst werden.

Durch die Beschäftigung mit meiner eigenen Biografie[49] und durch die Lektüre verschiedenster Bücher und Texte zur Biografiearbeit, ergaben sich für mich vor Beginn der biografischen Arbeitsgruppe einige Fragenkomplexe. Diese Fragen betrafen insbesondere die Thematik, in wie weit die Erfahrungen und Methoden aus der Biografiearbeit mit nichtbehinderten Menschen, alten Menschen oder Kindern auf die Arbeit mit Menschen mit Behinderung zu übertragen sind.

Da ich, trotz intensiver Recherche zu diesem Thema, nur wenige Untersuchungen und Texte finden konnte, ergab sich für mich auch die grundsätzliche Frage, ob biografische Arbeit (gerade auch mit einer anthroposophisch ausgerichteten Erweiterung) überhaupt das Interesse bei den Beteiligten wecken und eine sinnvolle Lebenshilfe sein kann.

Alle Fragen, die sich für mich durch die Beschäftigung mit dem Thema als Eingangsfragen gestellt haben, wurden durch die konkreten Begegnungen mit den fünf Beteiligten in erster Linie zu Fragen, die auf eben diese fünf Menschen und deren Bedürfnisse und Fähigkeiten bezogen werden müssen. Erst in einer zweiten Ebene können die Erfahrungen allgemeiner auf Menschen mit Behinderung bezogen werden.

Mit folgenden Fragen habe ich die Arbeit an diesem Thema begonnen:

  • Ist Interesse an der eigenen Lebensgeschichte bei den projektbeteiligten Menschen mit Behinderung vorhanden, und mit welchen Formen und Methoden der Biografiearbeit kann Interesse geweckt werden?

  • In wie weit können und wollen sich die Beteiligten an die Vergangenheit ihres Lebens erinnern? Wie kann ich als Begleiter dabei behilflich sein?

  • Was ist Menschen mit Behinderungen von der eigenen Biografie an objektiven Daten und Fakten (wie z.B. Namen, Orte usw.) bekannt?

  • Können biografische Gesetzmäßigkeiten (z.B. Reifung der Persönlichkeit vom 20. Lebensjahr an, Krise der "sterbenden Begabung" im 28. Lebensjahr, Ich-Bewusstwerdung zwischen 35. und 42. Lebensjahr, Mondknoten usw.) im Lebenslauf der am Projekt beteiligten Menschen festgestellt werden?

Diese Eingangsfragen wurden für meine Arbeit zu Ausgangsfragen. Zu Fragen also, die mich weiterführend zu Beobachtungen und Erfahrungen anregten und neue Fragen entstehen ließen.

2. Die Beteiligten

Da ich selbst als betreuender Mitarbeiter in einem Haus mit 13 betreuten Menschen wohne, und dadurch eine gewisse Vertrauensbasis und Nähe vorhanden ist, lag es für mich nahe, einige von ihnen auf meine Arbeit aufmerksam zu machen. Bei entsprechendem Interesse bat ich dann Einzelne um eine Beteiligung und Mitarbeit an einer Gruppe, die sich für eine längere Zeit mit ihrer eigenen Lebensgeschichte befassen möchte.

Nicht nur das bereits bestehende Vertrauensverhältnis zu den Bewohnern sprach für eine Beteiligung an einer Biografiearbeitsgruppe, sondern auch die sozialtherapeutischen Leitgedanken des Mitarbeiterteams. Das Haus wurde vor zwei Jahren fertiggestellt und ist vorrangig gebaut und konzipiert worden für Menschen, die die eigene Lebensmitte (etwa 35 Jahre) erreicht haben, und für die langfristig ein "Zuhause" zur Verfügung gestellt werden sollte, das den Bedürfnissen nach Selbständigkeit und Intimität ebenso Rechnung tragen soll, wie dem Bedürfnis nach Gemeinsamkeit und begleitender Hilfestellung im Alltag. Alle Bewohner des Hauses sind durch ihre Behinderungen weder sprachlich, intellektuell oder seelisch so eingeschränkt, dass eine Beschäftigung mit der eigenen Lebensgeschichte nicht leistbar und so nur eine stellvertretende Biografiearbeit möglich wäre.

Von den durch mich angesprochenen fünf Bewohnern waren alle interessiert und bereit sich an einer Biografiearbeitsgruppe zu beteiligen.

Nachfolgend möchte ich die Personen kurz vorstellen [50] :

Walter H., 58 Jahre alt, lebt seit zwei Jahren vollstationär in den Sozialtherapeutischen Gemeinschaften Weckelweiler (SGW), davor viele Jahre bei seiner Mutter in Crailsheim. Er ist der älteste Bewohner im Haus. Walter H. ist geschieden, hat zwei Kinder und arbeitet gegenwärtig in der Lampenwerkstatt. Diagnose: Frühkindlicher Hirnschaden, dadurch geistige Behinderung, nicht anfallsfreier Epileptiker.

Joachim B., 36 Jahre alt, lebt seit16 Jahren vollstationär in den SGW, aufgewachsen in Bochum bei den Eltern. Er ist mit 1,99 Meter Länge der größte Bewohner im Haus und arbeitet gegenwärtig in der Gemüsegärtnerei in Weckelweiler. Diagnose: Frühkindlicher Hirnschaden

Bernd K., 37 Jahre alt, lebt seit 20 Jahren vollstationär in den SGW, nicht bei den Eltern aufgewachsen. Heimkarriere seit frühester Kindheit. Er ist vom Gewicht her, der leichteste männliche Bewohner. Er arbeitet zur Zeit in der Wäscherei. Diagnose: frühkindlicher Hirnschaden (Alkoholmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft).

Jochen S., 31 Jahre alt und damit der jüngste männliche Bewohner des Hauses. Aufgewachsen bei seinen Eltern in Nürnberg und wird seit 1987 vollstationär in SGW betreut. Er arbeitet zur Zeit in der Großküche in Weckelweiler. Diagnose: Frühkindlicher Hirnschaden

Rainer D., 36 Jahre alt, aufgewachsen in der Nähe von Hamburg, Kindheit und frühe Jugend bei den Eltern verbracht, danach Beginn der Heimkarriere. Seit 1985 in den SGW vollstationär betreut. Er ist intellektuell sehr gebildet. Leidet unter psychotischer Erkrankung und hat ein großes Suchtpotential.

Zu meiner Person: Axel Rudolph, 33 Jahre alt, aufgewachsen in Hoyerswerda/DDR, Ausbildung zum Bau- und Möbelschreiner, Arbeit als Redakteur und Tischler, seit 1996 in der anthroposophischen Sozialtherapie tätig (Camphill), ab 1999 in SGW/Kirchberg als verantwortlicher Wohngruppenmitarbeiter.

3. Äußere Bedingungen

3.1. Räumlichkeit

Die Gruppen- wie auch die Einzelsitzungen fanden fast immer im Konferenz- und Fernsehraum des Wohnhauses statt. Es ist ein angenehm eingerichteter Raum mit rundem Tisch, Stühlen und Sofa und einem großen Panoramafenster mit schönem Ausblick. Durch zwei Türen ist dieses Zimmer auch akustisch vom sich anschließenden Gemeinschaftsraum getrennt.

3.2. Zeit

Am 17. September 2001 gab es ein erstes Treffen der Teilnehmer der Gruppe mit mir. Wir vereinbarten uns wöchentlich (meist montags) als Gruppe zu treffen. Durch die vermehrten Einzelsitzungen waren die Treffen der ganzen Gruppe eher sporadisch und selten. Durch Ferien und eine längere urlaubsbedingte Unterbrechung, gab es mehrwöchige Pausen.

In der Regel haben die Sitzungen ein bis zwei Stunden gedauert. Nach jedem Treffen habe ich ca. noch eine Stunde für eine Nachbetrachtung gebraucht. Pro Teilnehmer gab es vier, bzw. fünf Einzelsitzungen.

Das Projekt versteht sich als fortlaufende Arbeit, hat also noch kein definitives Ende. Für die vorliegende Arbeit allerdings endete die Dokumentation und Berücksichtigung im April 2002.

4. Methoden

Bevor ich die konkreten Methoden, die in der Arbeitsgruppe zur Anwendung kamen, darstelle, möchte ich vorher einige methodische Grundhaltungen,[51] die ich in der Arbeit zu berücksichtigen versucht habe, voranstellen.

Der Erzählende in der Biografiearbeit legt in der Regel Wert auf eine symmetrische Kommunikationssituation[52], d. h., dass der Zuhörende mit gleicher Ernsthaftigkeit, mit der der Erzählende seine Erfahrungen preisgibt und von ihnen erzählt, zuhört. Daraus ergibt sich, dass eine "Ratschlag-Haltung" völlig unangebracht ist. Es verlangt eine Ich-Zurücknahme, bei der die eigene Geduld und Kraft beachtet werden muss. Vorsichtiger, fragender Widerspruch als Angebot einer Korrektur kann natürlich dennoch sehr hilfreich sein, und als ein Zeichen von Gleichrangigkeit empfunden werden. Eine Wertung der Biografie oder einzelner Erlebnisse sollte vermieden werden.

Gerade in der Arbeit mit Einzelnen ergaben sich immer wieder Situationen, in denen ich in der Lage war, die erzählte Version mit der mir bekannten Darstellung aus Akten und Erzählungen vorheriger betreuender Mitarbeiter usw. zu vergleichen. Wenn trotz Nachfrage der Erzählende bei seiner Version blieb, habe ich in der Regel, besonders bei Walter H., im Sinne der Validition[53] ein Verbessern, Widersprechen und ein Konfrontieren mit der "Wahrheit" vermieden. Einerseits "hat kein Mensch 100 Prozent unrecht"[54], gibt es also immer einen Kern der Aussage der ernst zu nehmen ist. Andererseits sind die subjektiven, "geglätteten" Sichtweisen aussagekräftig über die Sicht des Erzählenden auf seine Lebensgeschichte und damit ein Einblick in seine Wahrheit.

Generell lagen allen Methoden die in der Arbeit verwendet wurden drei wesentliche Anliegen zugrunde: Einerseits eigene Erinnerungen wachzurufen, darzustellen und zu dokumentieren, zweitens zur Selbsterkenntnis und Wahrnehmung eigener Befindlichkeiten anzuregen, und drittens eine vertrauensvolle Atmosphäre zu bereiten für eine Gesprächs- und Erzählgemeinschaft.[55]

Die biografische Arbeitsgruppe hatte, die wesentliche Arbeitsweise betreffend, eine Unterteilung in eine Arbeit als gemeinsame Gruppe (mit möglichst allen Teilnehmern) und in eine Arbeit eines Einzelnen mit mir als Begleiter.

4.1. Gruppenarbeit

Für die Gruppenarbeit wie auch für die Einzelsitzungen zeigte sich schnell, dass allein über das gesprochene Wort, also einer verbalen Kommunikation, das gegenseitige Verstehen nicht ausreichend erleichtert wurde. Aus diesem Grund habe ich versucht, möglichst viele meiner Anliegen und Anregungen mittels Flipchart, verschiedenen Farbstiften, symbolischen Bildern zu visualisieren. Ebenso hat sich für beide Arbeitsweisen gezeigt, wie notwendig und hilfreich eine einfache, auf Fremdwörter verzichtende Wortwahl meinerseits war.

  1. Mit der Frage "Wo bin ich geboren?", also der Frage nach dem Herkunftsort habe ich die Gruppenarbeit eingeleitet. Auf einer vergrößerten Deutschlandkarte an der Flipchart und jeweils einer Kopie davon für jeden Beteiligten hat jeder seinen Geburtsort markiert und zur jeweiligen Stadt einige Besonderheiten erzählt.

  2. Die anschließende Frage war "Welchen Weg bin ich nach Kirchberg gegangen?", also die Frage nach den Stationen vom Geburtsort zum gegenwärtigen Lebensort. Die jeweiligen Wege sind ebenfalls aufgeschrieben und auf der Karte eingezeichnet worden. Wiederum war dies Anlass für Gespräche.

  3. In einer weiteren Sitzung haben wir uns unseren Namen, besonders den Vornamen gewidmet. Anhand eines Vornamenlexikons hat jeder selbst seinen Namen herausgesucht und Herkunft und Bedeutung seines Namens den anderen vorgelesen. Auch das wurde auf einem Flipchartblatt schriftlich dokumentiert.

  4. Im Anschluss daran haben sich die Beteiligten ihrer Herkunftsfamilie gewidmet. Mittels eines Stammbaumes(Genogramm) hat jeder nach seiner Möglichkeit die Verästelung seiner Familie aufgezeigt.

4.2. Einzelarbeit

  1. Die zeitintensivste Methode der Einzelarbeit war die Beschäftigung mit der Lebenslinie. Ein großes Blatt Papier wird dabei mit einem aufgemalten Strahl zweigeteilt. Auf diesem Strahl wird dann eine Zeiteinteilung des eigenen Lebens vorgenommen. Bedeutsame Ereignisse, wichtige Personen und Stichworte werden ebenso vermerkt wie die entsprechenden Jahreszahlen. Mit Hilfe von Farben kann dann bestimmten Stimmungen in der jeweiligen Zeit Ausdruck gegeben werden.

  2. Während bzw. nach der Arbeit mit der Lebenslinie habe ich die Beteiligten gebeten, einen Lebensbaum zu zeichnen, dessen einzelne Teile (Äste, Stamm, Blätter, Wurzel usw.) Lebensereignisse symbolisieren.

  3. Eine weitere Methode war ein "Fragebogen zur biografischen Arbeit"[56]. Hier sind elf vorgegebene persönliche Aussagen aufgelistet die, damit sie einen Sinn ergeben, zu Ende formuliert werden müssen. Z.B. "Ich habe Angst vor ... ."

  4. Die Zukunftswünsche habe ich mit der Frage "Wie wünsche ich mir mein Leben in zehn Jahren?" thematisiert. Dabei war es mir wichtig diese Frage nicht auf die Realisierbarkeit der Wünsche einzuschränken.

4.3. Tagebuch des Begleiters

Für eine eigene, mich selbst betreffende prozessbegleitende Beobachtung und Auswertungsmöglichkeit, habe ich ein Tagebuch per Computer angelegt[57]. Jede Sitzung hat hier vier Betrachtungsschwerpunkte:

  1. Zeitebene: Hier wurde das Datum, die Uhrzeit und Zeitdauer der Sitzung und die verwendete Zeit für die darauffolgende Nachbereitung vermerkt.

  2. Anwesenheit: Wer war anwesend und wer aus welchem Grund nicht.

  3. Ebene des Geschehens: Hier habe ich versucht den wesentlichen Ablauf der Sitzung und möglichst wertungsfreie Beobachtungen zu schildern.

  4. Ebene der Wertung: Hier habe ich für mich deutlich eigene und subjektive Empfindungen und Gedanken formuliert und die unterschiedlichen Fähigkeiten der einzelnen Gruppenteilnehmer vermerkt.

5. Verlauf

Ursprünglich war es mein Anliegen, die biografische Arbeit in einer gemeinsamen Gruppe durchzuführen. Aber bereits nach wenigen Sitzungen wurde mir deutlich, dass mit meinen Voraussetzungen eine solche Gruppenarbeit von mir nicht leistbar ist. Die Hilfestellungen für den Einzelnen waren für mich teilweise so intensiv, dass ich einige Personen der Gruppe nicht ausreichend begleiten konnte. Dadurch entstand schnell eine Unruhe und eine wenig konzentrierte Atmosphäre. Zu dem waren die Voraussetzungen, mit denen die Einzelnen zu diesen Gruppensitzungen kamen, sehr unterschiedlich. Während einige z.B. meiner Einführung in das Thema sehr gut folgen konnten, war ein anderer sehr verträumt, ein zweiter sehr müde und ein dritter, bei aller Eifrigkeit, intellektuell deutlich überfordert. Die Gruppenarbeit wurde zudem erschwert durch die Orientierung fast aller einzelnen Teilnehmer an ihrem Nachbarn bzw. ihrem Vorredner.

Als förderlich erwies sich eine von mir auf einen Menschen konzentrierte direkte und persönliche Ansprache. Sobald ich die Anwesenden als gemeinsame Gruppe zu Tätigkeiten bzw. zu Aktivität aufforderte, ließ das Interesse deutlich nach. Ebenso zeigte sich, dass sich die Beteiligten nur wenig für die Biografie des anderen interessierten oder Anteil nahmen. Durch mögliche Gemeinsamkeiten und Hinweise auf Besonderheiten in den verschiedenen Lebensläufen meinerseits, konnte ich nur kurzfristig Interesse wecken. Die beiden ersten Fragen, mit denen ich die Gruppenarbeit einleitete ("Wo bin ich geboren?" und "Welchen Weg bin ich nach Kirchberg gegangen?") erwiesen sich für den Gruppenprozess als günstig.

Als Reaktion auf die oben beschriebene Situation habe ich den Schwerpunkt meiner Arbeit auf die Arbeit mit Einzelnen gelegt. Diese Treffen konnte ich durchweg als intensiver und produktiver erleben.

Durch die Erfahrungen in den einzelnen Sitzungen, die mir u.a. die unterschiedlichen Fähigkeiten und Voraussetzungen der Teilnehmer deutlich machten, veränderte sich auch meine Sichtweise auf das von mir gestellte Thema. Wichtigkeiten veränderten sich. Im Tagebuch vom 25. 09.01 hielt ich dazu fest: "Meine theoretischen Vorstellungen von der BA (Biografiearbeit) verändern sich durch die praktische Arbeit radikal. Ich muß viel grundsätzlicher, spielerischer und einfacher das Thema behandeln und an es heranführen."

Ein wichtige Veränderung meiner Herangehensweise gab es vor allem in Bezug auf das subjektive Biografieerleben. Es rückte so in den Mittelpunkt meines Interesses, dass ich letztendlich das Subjektive nicht nur als Unvermeidliches hingenommen, sondern verstärkt versucht habe, dafür Raum und Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung zu stellen. Dadurch veränderte sich auch spürbar positiv die Motivation und Freude der Teilnehmer an den Sitzungen.

6. Ergebnisse

6.1. Rückblick auf die Methoden

Allgemein

Die Erfahrungen der Arbeitsgruppe haben gezeigt wie wichtig und hilfreich Methoden der Kommunikation sind, die über den rein verbalen Aspekt hinausgehen. Zum einen sind die intellektuellen Fähigkeiten so eingeschränkt, dass manche Worte nicht gekannt oder mit unterschiedlicher Bedeutung belegt werden. Zum anderen regen Methoden zur aktiveren Teilnahme an, die stärker die eigene Phantasie ansprechen und nonverbal z.B. durch Malen oder das Fotografieren der gegenwärtigen Lebensumwelt[58] bewältigt werden können.

Bei allen Methoden die die Zukunftsträume der Einzelnen erfragten und zum Phantasieren Raum geben wollten, wurde deutlich, wie ungewohnt dies für alle Beteiligten war. Frei von allen begrenzenden Wirklichkeiten Wünsche zu formulieren, wurde von allen als schwierig empfunden und fast immer mit Hinweisen wie z.B. "Aber das ist für mich ja sowieso nicht möglich." kommentiert. Eine ebensolche Schwierigkeit wurde bei Fragen deutlich, die die eigene Zukunftsperspektive thematisierten, bzw. erfragten.

Zu den einzelnen Methoden:

Herkunftsorte: Als Themeneinstieg hat sich die Frage "Wo bin ich geboren?" bewährt. Alle Geburtsorte und die Wege von dort nach Weckelweiler in eine Karte eingezeichnet, ermöglichten eine anschauliche Darstellung und ein Bewusstsein der unterschiedlichen Herkunft. Anhand der zurückgelegten Stationen ergaben sich gute Gesprächsanregungen über verschiedene Lebenswege.

Stammbaum: Das Interesse an der Darstellung der Herkunftsfamilie war unerwartet groß, auch wenn viele die Namen und die entsprechenden Geburts- und Sterbedaten oft nicht erinnern konnten. Durch die bildliche Darstellung wurde einigen (zum erstenmal?) ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der eigenen Person und der eigenen Verwandschaft bewusst. Interessant und Anlaß für Gespräche war u.a. der Stammbaum eines Beteiligten, der eigene Kinder hat und dadurch selbst zum "Wachsen" des Stammbaumes beigetragen hat.

Lebenslinie: Diese Methode war zeitlich und auch inhaltlich der Schwerpunkt jeder Einzelarbeit. Das Erinnern der eigenen Lebensgeschichte und der wichtigen Menschen in Verbindung mit einer zeitlichen Einordnung gab Anlass, an längst Vergessenes wieder heranzukommen, darüber zu sprechen, bzw. zu erzählen. Mit Hilfe von farbigen Wachsmalstiften hat jeder bestimmte, ihm wesentlich erscheinende Ereignisse farblich "kommentiert". Auch dies war wiederum Anlass ins Gespräch zu kommen und dabei auch emotionale Bewertungen zu besprechen. Grundsatz der Begleitung bei der Arbeit mit der Lebenslinie war für mich, keine zusätzlichen Daten oder andere Fakten, die mir nur aus Akten bzw. Erzählungen der Eltern zur Verfügung standen, der Lebenslinie dazuzufügen.

Lebensbaum: Der gemalte Baum als sinnhaftes Bild für die eigene Gestalt und den eigenen Stand im Leben, ist als diagnostisches Mittel in der Psychologie bekannt. Ich habe diese Methode für einige Beteiligte dann angeregt, wenn sie selbst wenig Daten und Fakten ihrer Biografie wussten. Gemeinsam, also der Zeichner und ich, haben wir das fertiggestellte Bild angeschaut, besprochen und versucht, Beziehungen zur eigenen Biografie herzustellen.

Fragebogen: Die Fragen, die vorformuliert und von den Einzelnen vervollständigt werden mussten, hatten im Wesentlichen zur Aufgabe, Anregungen für Gespräche zu sein und Aussagen zu treffen über sich selbst, eigene Vorlieben und Befindlichkeiten. In diesem Fragebogen mischen sich zum Teil sehr einfache Fragen ("Meine Lieblingsfarbe ist .....") mit sehr persönlichen Fragen ("Ich habe Angst vor....."). Diese Mischung erleichtert die Thematisierung von "schwierigen" Fragen. Gleichzeitig besteht aber die berechtigte Frage nach einem möglichen suggestiven Charakter. Aufschlussreich und ebenfalls sehr anregend für ein Gespräch war die gewählte Reihenfolge des Ausfüllens.

Zukunftswünsche: Hier war die Aufforderung, unabhängig von der Realisierbarkeit, eigene Wünsche und Träume für die Zukunft zu formulieren. Wie oben bereits erwähnt, war das für alle mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden und konnte nur mit Hilfe meiner unterstützenden Begleitung von vielen bewältigt werden. Oft war ein fehlender Mut und erhebliche Hemmung in die Zukunft zu denken, bzw. zu phantasieren beobachtbar.

6.2. Antworten auf die Eingangsfragen

Ist Interesse an der eigenen Lebensgeschichte bei den projektbeteiligten Menschen mit Behinderung vorhanden, und mit welchen Formen und Methoden der Biografiearbeit kann Interesse geweckt werden?

Das Interesse an der eigenen Lebensgeschichte war am Anfang des Projektes bei allen Beteiligten gering. Eigene Fragen, eigene Anliegen waren praktisch nicht vorhanden.

Die Motivation sich an diesem Projekt zu beteiligen, lag bei einigen in einer gewissen Neugier und auch in der Absicht, mir bei meiner Arbeit behilflich zu sein. Spürbar motivierend war bei mehreren Beteiligten auch die erwartete zusätzliche Zuwendung von mir als Mitarbeiter. Das Interesse und das Engagement stieg bei Themen die einen "Entdeckungscharakter" hatten (z.B. die Bedeutung des eigenen Vornamens) und in der Einzelarbeit. Gleichzeitig war zu beobachten, wie eine intellektuelle Überforderung (z.B. durch den Gebrauch von Fremdwörtern) oder eine zu komplexe Fragestellung das Interesse an der Beschäftigung mit dem Thema sinken ließen. Anhand des Zeitdruckes, der von einigen Beteiligten während der Treffen formuliert wurde, lässt sich möglicherweise auch ein Rückschluss auf ihr Engagement und Interesse ableiten: Während bei der Gruppenarbeit fast alle Beteiligten immer wieder auf die Uhr schauten und gelegentlich zur Eile aufforderten, kam die angebliche Zeitnot bei den Einzelsitzung nicht ein einziges Mal zur Sprache. Und das, obwohl die Einzelsitzungen z.T. um ein mehrfaches länger dauerten. Besonders bei der Methode der Lebenslinie wurde dies sehr deutlich.

In wie weit können und wollen sich die Beteiligten an die Vergangenheit ihres Lebens erinnern? Wie kann ich als Begleiter dabei behilflich sein?

Eine forschende Fragehaltung die eigene Vergangenheit oder Zukunft betreffend, war bei allen Beteiligten nicht oder nur sehr gering vorhanden. Sicher kann das zu einem großen Teil auf Auswirkungen der Behinderung, z.B. fehlende Erinnerungsfähigkeiten und fehlende Fähigkeiten komplexe Vorgänge distanziert zu überschauen, zurückgeführt werden. Darüber hinaus möchte ich die Hypothese aufstellen, dass ein wesentlicher Grund auch darin zu liegen scheint, dass bisher bei allen Beteiligten die oben erwähnte forschende Fragehaltung nicht angeregt und nicht gefördert wurde. Hier ergibt sich die Frage, wie stark dieses fehlende Interesse und auch die Phantasiearmut durch eine Sozialisation und zwischenmenschliche Umgangsweise erzeugt wird. Ist das fehlende Interesse an der eigenen Geschichte eben auch ein Spiegel für das fehlende Interesse an der Biografie behinderter Menschen?

Echtes und persönliches Interesse meinerseits, verbunden mit einer konzentrierten Zuwendung, hat bei allen Beteiligten zu einer Motivation geführt sich der eigenen Lebensgeschichte zu widmen. Situationsgerechte Methoden und spontanes Eingehen auf Anregungen und Bemerkungen der Projektteilnehmer sind hilfreiche Voraussetzungen.

Was ist von der eigenen Biografie an objektiven Daten und Fakten (wie z.B. Namen, Orte usw.) bekannt?

An Daten und Fakten ist bei vielen nur relativ wenig bekannt gewesen. Während Namen und einzelne Erlebnisse bzw. bestimmte Zeitabschnitt noch relativ gut erinnert werden können, gelingt eine genaue zeitliche Zuordnung meist nur selten.

Können biografische Gesetzmäßigkeiten (z.B. Reifung der Persönlichkeit vom 20. Lebensjahr an, Krise der "sterbenden Begabung" im 28. Lebensjahr, Ich-Bewusstwerdung zwischen 35. und 42. Lebensjahr, Mondknoten usw.) im Lebenslauf der am Projekt beteiligten Menschen festgestellt werden?

Diese Eingangsfrage ist durch die Prozessentwicklung vom Schwerpunkt der Biografiearbeit zum Schwerpunkt der erzählten Lebensgeschichte stark beeinträchtigt worden, und von einem anfänglich zentralen Interesse in den Hintergrund getreten. Zum einen ist dies bedingt durch die sehr unvollständig geschilderten Biografien und fehlenden zeitlichen Zuordnungen. Zum anderen, und dies ist für die Arbeit der wesentlichere Aspekt, war das Interesse der Beteiligten, sich diesen Fragen zu widmen, im Grundsatz nicht vorhanden. Um diese speziellen Themen zur eigenen Frage werden zu lassen, braucht es wahrscheinlich eine vorherige generelle Beschäftigung mit der eigenen Biografie und einem Verständnis für Fragen der Selbsterkenntnis. Diese Beschäftigung, diese Grundlage ist durch die Projektarbeit begonnen worden. Anregungen sind gegeben und aufgenommen worden und Voraussetzungen für eine weiter und tiefergehende Biografiearbeit geschaffen. Ohne diese Vorbedingungen aber erschien die Beschäftigung mit konkreten biografischen Themen unorganisch und aufgesetzt. Daher habe ich dieser Frage weniger Aufmerksamkeit gewidmet. Grundsätzlich aber gehe ich davon aus, dass biografische Gesetzmäßigkeiten bei Menschen mit Behinderung die gleiche Gültigkeit haben, wie bei Menschen ohne diesen Grad der Behinderung.

6.3. Weitere Ergebnisse und neue Fragen

Ein weiterer zentraler Fragekomplex ergab sich aus der Projektarbeit anhand der unterschiedlichen Sichtweisen und Bewertungen einer einzelnen Biografie. Es zeigte sich, dass die Biografie eines zu betreuenden Menschen von mindestens vier unterschiedlichen Standpunkten angeschaut werden kann:

  1. Aus der persönlichen Sicht des zu Betreuenden,

  2. aus der Sicht des betreuenden Mitarbeiters, der u.a. auf verschiedene Akten und Berichte zurückgreifen kann,

  3. aus der Sicht der eigenen Eltern bzw. Verwandten,

  4. aus der Sicht seiner Mitbewohner und Werkstattkollegen.

Welche Sicht auf seine eigene Biografie ist nun die, die er selbst gelten lassen möchte und als Wirklichkeit akzeptiert und anerkennt?

Daraus folgend war das Anliegen meiner Begleitung, diese verschiedenen Standpunkte den Betreffenden deutlich zu machen und sie zu ermutigen, die Wirklichkeit der eigenen, persönlichen Sicht zu erforschen und darzustellen. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass durch fehlende zeitliche Zuordnungen oder Nicht-Erinnern-können und Nicht-Erinnern-wollen die eigene Sicht auf die Biografie ebenfalls kritisch angeschaut werden muss, weil sie die ganze Komplexität des eigenen Lebens nicht berücksichtigen kann.

An diesem Punkt angelangt, war es mir ein Anliegen, die Betreffenden anzuregen, sich eben auch mit den weiteren Sichtweisen auf ihre Biografie zu beschäftigen und dadurch das eigene Bild zu erweitern. Durch die Darstellung dieser unterschiedlichen, und dennoch für sich begründbaren Sichtweisen auf ein und die selbe Biografie, wurde erkennbar, dass eine einzige letztendlich objektive und einzig richtige Sicht auf das Leben eines Menschen nicht möglich ist. Die Beschäftigung mit der eigenen Biografie ist somit immer eine Annäherung an eine äußerst facettenreiche Lebensgestalt.

In diesem Zusammenhang wurde mir als Begleiter dieses Projektes deutlich, wie stark sich die Behinderungsgeschichte vor die Lebensgeschichte eines Menschen mit Behinderung drängt. Diese Behinderungsgeschichte ist angefüllt mit Erinnerungen an Erlebnisse eigener Unfähigkeit, an Scheitern, an "Anderssein" und an eigene Defizite. Dieser Blick auf das "Anderssein" verstellt den Blick auf dennoch vorhandene Normalität im Leben eines Menschen mit Behinderung, auf die dennoch erreichten Ziele, auf besondere Fähigkeiten und Begabungen. Diesen einseitigen Blick auf die eigenen Defizite sehe ich als eine der Ursachen für eine resignative Haltung gegenüber der eigenen Lebensgeschichte.

Es zeigt sich aber sehr deutlich, dass die Behindertengeschichte eben nur Teil der gesamten Lebensgeschichte ist, diese also um ein vielfaches größer und reichhaltiger ist als die Sicht auf die Defizite. Diese Priorität der Behinderungsgeschichte, diese Fixierung auf die Defizitgeschichte kann für den behinderten Menschen ebenso, wie für den betreuenden Mitarbeiter, die Eltern und sonstigen begleitenden Menschen gelten. Die Schwierigkeit der Projektteilnehmer ihre Wunschbiografie zu erzählen, unabhängig ihrer realen Einschränkung, sehe ich auch in dieser Prioritätenverschiebung begründet.

Eine weitere Beobachtung betrifft das Verhältnis der Teilnehmer des Projektes zu ihren ehemaligen bzw. gegenwärtigen Betreuern bzw. begleitenden Menschen. Drei von den fünf Teilnehmern haben glaubhaft Begebenheiten geschildert, die als massive Eingriffe in Persönlichkeitsrechte, als starke Bevormundungen und Entmündigung gewertet werden müssen. Dennoch war es diesen Dreien kein Anliegen, darüber sehr zu klagen, bzw. kritisch oder nachtragend diese entsprechenden Situationen und Mitarbeiter zu beurteilen. Neben dieser unkritischen und ängstlichen Haltung wurde für mich auch eine große und beeindruckende Verzeihenskraft sichtbar. Aber diese Qualitäten der Verzeihenskräfte, gemischt mit ängstlichem Ausharren, sind für Mitarbeiter bzw. Begleiter eine große Herausforderung. Genau hier kann ein Missbrauch der Verzeihenskräfte durch z.B. Betreuungspersonal stattfinden, da mit Kritik und Widerstand von Seiten der Betreuten nicht gerechnet werden braucht.

Ich bin durch die Begleitung der biografischen Arbeit mit der Gruppe sehr sensibilisiert worden für die Frage nach den Ursachen und Gründen für ängstliches, phantasiearmes und risikovermeidendes Verhalten, die ich bei allen Teilnehmern in Bezug auf ihre Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie beobachtet habe. Dieses Unvermögen scheint nicht in erster Linie auf die vorhandene primäre Behinderung (z.B. frühkindlicher Hirnschaden, psychotische Erkrankung) zurück zu führen zu sein. Durch die z.T. sehr detaillierten und intimen Schilderungen der einzelnen Teilnehmer wurde für mich immer klarer zu erkennen, wie eine Sekundärbehinderung bei den Einzelnen geschaffen wurde, die sich oft als soziale Behinderung oder Auffälligkeit zeigt und die sehr stark mit dem Verlust des eigenen Selbstwertgefühls verbunden ist. Der entmündigende und risikovermeidende Umgang mit ihnen als behinderte Menschen zeigt hier seine Auswirkungen. Liegt der Umgang mit Menschen mit Behinderung schwerpunktmäßig in einer fürsorgenden, risiko- und konfliktvermeidenden Haltung, kann nicht von einer biografischen Hilfestellung gesprochen werden, sondern von einer biografischen Deformierung. Meiner Einschätzung nach geht es um eine Konfliktbegleitung (statt Konfliktvermeidung) und um die begleitete Ermöglichung persönlichen Erlebens von Risiko, um dadurch auch an Grenzen zu kommen, die die Persönlichkeit formen, persönliche Entscheidungen verlangen und die Vielfältigkeit des Lebens zu einer eigenen Erfahrung werden lassen. Eine wichtige sozialtherapeutische Aufgabe liegt also darin, Möglichkeiten zu erlauben und Zeiten einzuräumen für das Erlebenkönnen von Krisen, die ja als Chance für eine Neuorientierung und Grenzerweiterung die sozialen und menschlichen Fähigkeiten formen. Und dennoch muss natürlich durch Mitarbeiter oder sonstige Begleiter eventuell entstehender schwerer Schaden, der für den Menschen mit Behinderung entstehen könnte, abgewendet und mit einer liebevollen Anteilnahme begleitet werden.

Obwohl es in dieser Projektgruppe kein problematisches Thema war, muss doch die Frage bedacht werden, wie sich so ein Projekt an dem nur ein Teil der Hausbewohner teilnehmen kann, auf die anderen Wohngruppenmitglieder eventuell auswirken kann? Gefühle des Abgelehnt-werdens können ebenso auftreten wie auch Neid und Eifersucht.

Im Vorfeld habe ich deshalb allen Hausbewohnern gleichermaßen von meinem Vorhaben erzählt und dargestellt, aus welchen Gründen ich diese oder jene Person auf die Teilnahme persönlich angesprochen habe. Allen Hausbewohnern habe ich signalisiert, dass ich jederzeit gern Fragen zu dem Projekt beantworten möchte, dass die Arbeit dieses Kreises aber dennoch so persönlich intime Dinge betrifft und deshalb über bestimmte Mitteilungen ein gegenseitiges Stillschweigen vereinbart wurde. Nur der Betreffende selbst kann entscheiden, worüber er berichten möchte.

Eine Frage, die sich besonders auf die Aufgabe des Begleiters bezieht, ist die, inwiefern, in welcher Situation und mit welchem Schwerpunkt man Beobachter ist, also eine tendenziell eher passive und zurückhaltende Haltung gegenüber dem Begleitenden einnimmt. Oder ob die begleitende Haltung eher als Prozessanreger verstanden wird. Mit diesem Schwerpunkt beteiligt man sich als Begleiter aktiver und möglicherweise auch konfrontativer am Geschehen. Während man als Beobachter also weniger in den Lauf des Geschehens eingreift und stattdessen das, was passiert intensiv wahrnimmt, gibt man als Anreger z.B. stärker eine bestimmte Thematik vor und beeinflusst und lenkt das Geschehen.

Beides sind Schwerpunkte, die ich im Laufe des Projektes immer wieder, situationsabhängig, eingenommen habe. Beide habe ich als wichtige und notwendige Qualitäten wahrnehmen können.

7. Empfehlungen

Aufgrund der Erfahrungen, die ich mit diesem Projekt sammeln konnte, möchte ich für zukünftige und ähnliche Vorhaben, bzw. für die Weiterführung dieser begonnenen biografischen Arbeit einige Anregungen und Empfehlungen darstellen, bzw. weitergeben. Diese Empfehlungen sind vor allem in der Rückschau auf den Arbeitsprozess entstanden.

Zwischen jedem Treffen der Gruppe oder dem einzelnen Teilnehmer und mir lag ein Zeitraum von mehren Tagen, bzw. Wochen. An die intensive und dichte Arbeitsatmosphäre des Vortreffens ist daher nicht ohne weiteres anzuknüpfen. Gleichfalls ist einigen Teilnehmern das vormalig bearbeitete Thema gedanklich nicht mehr ausreichend präsent. Als Einleitung und Einstimmung einer neuen Zusammenkunft oder in ein neues Thema, und auch als körperlich-sinnliche Erinnerungshilfe empfehlen sich daher spielerisch gestaltete "Erwärmungsrunden". D.h. mittels eigener Körpererfahrungen (z.B. gegenseitige Massage) und Körpersprache (z.B. pantomimische und nonverbale Darstellung einer Thematik), kurzen Rollenspielen (z.B. szenische Darstellung eines geschilderten Erlebnisses) und bildhaften Darstellungen kann eine Nähe unter den Gruppenmitgliedern geschaffen werden, die auch ein "Ankommen" innerhalb der momentanen Situation erleichtert. Gerade eine "Anwärmphase" am Anfang einer Sitzung erleichtert den Begleitern das Abspüren von gegenwärtigem und neu entstandenem Interesse. Die Bereitschaft als Begleiter darauf spontan zu reagieren und dieses neue Interesse, bzw. neue Thema aufzugreifen muss vorausgesetzt werden.

Empfehlenswert ist auch, wenn die Gruppenarbeit bzw. die Begleitung von mehreren Menschen mit Behinderung von zwei Begleitern durchgeführt werden kann. Einerseits kann so stärker auf unterschiedliche Bedürfnisse der Einzelnen in der Gruppe eingegangen werden und damit auch eine konzentriertere Arbeitsatmosphäre entstehen. Andererseits kann der Austausch zwischen den beiden Begleitern in der Rückschau, bzw. Nachbesprechung den Blick auf das Geschehene sehr erweitern. Denkbar wäre, dass bei Gruppen- und Einzelsitzungen einer der beiden Begleiter als Prozessbeobachter im Hintergrund bleibt und aus dieser distanzierteren Position ein objektiveres Bild vom Geschehen erhält, welches z.B. weniger durch Anti- oder Sympathiegefühle beeinflusst ist.

Die biografische Arbeit zu begleiten, bzw. Erzählgemeinschaften entstehen zu lassen, bedarf einer thematischen "Vorbildung", Vertrautheit mit dem Thema und den möglichen Schwierigkeiten und Verstrickungen. Menschen gut auf ihrem Weg in die Vergangenheit zu begleiten setzt neben einer ehrlichen Anteilnahme gleichzeitig die Fähigkeit voraus, dem Geschilderten distanziert und möglichst wertfrei gegenüber zu stehen. Trotz aller Begabung, die man als ungeschulter Begleiter eventuell mitbringt, ist es empfehlenswert, sich selbst und seine Fähigkeiten durch entsprechende Weiterbildungen und Literaturarbeit zu hinterfragen, bzw. zu erweitern.

Die Arbeit erleichtern und eine größere Kontinuität schaffen würde es, wenn es regelmäßige und nicht zu weit auseinanderliegende feste Termine für die jeweiligen Treffen gibt. Dies schafft eine größere Verbindlichkeit, vermittelt allen Teilnehmern dieser Arbeitsgruppe ein Gefühl der Sicherheit und gibt die Möglichkeit, sich auf die bevorstehende Arbeit seelisch einzustimmen und sich vorzubereiten. Große Unterbrechungen (von z.B. 4 - 6 Wochen) sollten vermieden werden.

Eine der zentralsten Fragen der Biografiearbeit ist die Frage: Wer bin ich? Um diese Frage nach der Selbsterkenntnis anzuregen, scheint es mir förderlich zu sein, sich mit den Beteiligten fremde Biografien anzuschauen und zu besprechen. Dadurch kann möglicherweise die Einmaligkeit jeder menschlichen Biografie deutlich werden und dies dann auch in Bezug auf die eigene Biografie erkennbar sein. Die Erkenntnis, dass jeder Mensch eine eigene unverwechselbare Lebensgeschichte besitzt, erscheint mir als eine der Grundvoraussetzungen für biografische Arbeit.

Während des Projektes wurde sehr deutlich, dass viele der betreuten Menschen zentrale und bedeutsame Daten und Fakten ihrer eigenen Lebensgeschichte vergessen und sich derer nicht mehr erinnern können. Sind dann auch die Eltern oder sonstige verwandtschaftliche Bezugspersonen nicht erreichbar, selbst zu alt oder verstorben, können wichtige Zusammenhänge, interessante Episoden und aussagekräftige Fakten nicht mehr rekapituliert werden. Solange also noch Eltern oder andere Ansprechpartner vorhanden sind, ist es sehr sinnvoll, persönliche Datenlisten, oder besser noch ausführliche Lebensläufe gemeinsam mit dem behinderten Menschen zu erstellen. Diesen Lebensläufen könnten auch Fotos und andere Erinnerungsstücke beigelegt werden.

In einer Weiterführung des von mir begonnenen biografischen Projekts möchte ich verstärkt die Zusammenarbeit mit Eltern suchen. Einerseits, um genauere Lebensdaten und Lebensumstände der jeweiligen Biografie zu erhalten und andererseits, um zu der subjektiven Sichtweise des Menschen mit Behinderung andere Sichtweisen dazu zu stellen und damit ein vielfältigeres Bild zu erarbeiten.

8. Nachwort

Die letztendliche Unergründbarkeit menschlichen Lebens ist das, was für mich als "letzter Geschmack" dieser biografischen Arbeit zurückbleibt. Dem Mysterium des menschlichen Lebensweges mit all seinen Wendungen und Schicksalsereignissen ist auch mit Worten nur eine tastende Annäherung möglich. Was möglich sein kann, ist Staunen, Wahrnehmen und dem, was sich an Unaussprechlichem im Menschen eben doch ausspricht, Raum geben. Denn das, was dabei zu hören ist, ist möglicherweise das, was in Allem und Einem erklingt.

Schweigend blüht eine Blume,

schweigend fällt sie herab.

In diesem Augenblick - heute und jetzt -

an diesem Ort hier blüht sie vollendet,

erblüht die Ganzheit der Welt.

Das ist die Stimme der Blume,

die Wahrheit der Blüte.

Die Herrlichkeit ewigen Lebens

erstrahlt in Vollkommenheit hier.

Zenkai Shibayama[59]



[49] Z.B. Teilnahme an einem einjährigen Kurs "Lernen vom Schicksal" nach C. v. Houten und verschiedenen (anthroposophisch orientierten) Biografiearbeitsseminare

[50] Aus Gründen des Datenschutzes sind die Namen der beteiligten Personen geändert.

[51] Diese können als Erweiterung der Grundvoraussetzungen für eine biografische Begleitung, wie sie auf S. 20 dargestellt sind, verstanden werden.

[52] siehe Anm. 3, S. 19

[53] Validition wurde von N. Feil in der Arbeit mit sehr alten und verwirrten Menschen entwickelt. Hier wird vermieden diesen Menschen in Krisen zu widersprechen. Man "glaubt" den Menschen und bezieht sich auch auf ihre subjektive Realität und lässt ihnen das "Recht auf eigene Verwirrung".

[54] K. Wilber "Einfach Das", Fischer Verlag, 2001

[55] Gesprächs- und Erzählprojekte im Sinne von H. G. Petzold und den von ihm initiierten "Erzählprojekten", siehe Anm. 33,

[56] Die Anregung zu diesem Fragebogen und teilweise auch konkrete Fragen dazu habe ich übernommen aus dem Buch "Wo gehöre ich hin?" Ryan/Walker, siehe Anm. 10

[57] siehe Anhang Nr. 2

[58] Erst zum Ende des Projektes habe ich einen leicht zu bedienenden Fotoapparat gekauft, mit dem jeder Projektteilnehmer an einem Tag das fotografieren kann, was er für wichtig und mitteilenswert hält.

[59] Zenkai Shibayama, "Zen - Eine Blume spricht ohne Worte", Suhrkamp, 1995

V. Verwendete Literatur:

Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft: Nr. 6, 1999

Bentele, Peter u. Metzger, Thomas: "Didaktik und Praxis der Heilerziehungspflege", 1998, Lambertus-Verlag

Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V. (Hrsg.): "Wenn Verhalten auffällt...", 1996, Lebenshilfe-Verlag

Burkhard, Gudrun: "Das Leben in die Hand nehmen", 1993, Verlag Freies Geistesleben

Denger, Johannes (Hrsg.): "Lebensformen in der sozialtherapeutischen Arbeit", 1995, Verlag Freies Geistesleben

"Der Kulturimpuls der anthroposophischen Heilpädagogik", 1979, Verlag Das Seelenpflege-bedürftige Kind

Dorsch, Friedrich: "Psychologisches Wörterbuch", 1994, Verlag Hans Huber

Flensburger Hefte: Nr. 31 "Biografiearbeit"; "Nr. 53 "Gedächtnis und Erinnerung", Nr. 71 "Einblicke in die Anthroposophie"; Nr. 72 "Es ist an der Zeit - Aspekte der Anthroposophie"; Sonderheft Nr. 10 "Biografiearbeit II", Flensburger Hefte Verlag

Gemeinsam leben - Zeitschrift für integrative Erziehung: Heft 3, 1999

Glöckler, Michaela; "Salutogenese", Heft 5, Hrsg.: Verein für Anthroposophisches Heilwesen e.V., 2001

Gudjons, Herbert; Pieper, Marianne u. Wagener, Birgit: "Auf meinen Spuren", 1996, Bergmann+Helbig Verlag

Heinrich, Alfred (Hrsg.): "Wo ist mein Zuhause?", 1997, Verlag Freies Geistesleben

Kotre, John: "Der Strom der Erinnerung", 1998, dtv-Verlag

Lampart, Konrad: "Welches Kind warst Du?", Dokumentation einer Tagung 1999 in Weckelweiler

Lievegoed, Bernard: "Lebenskrisen - Lebenschancen", 1979, Kösel-Verlag

"Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe?", 2001, Lambertus-Verlag

Ruhe, Hans Georg: "Methoden der Biografiearbeit", 1998, Beltz-Verlag

Ryan, Tony u. Walker, Rodger: "Wo gehöre ich hin?", 1997, Beltz-Verlag

Schorr, Angela (Hrsg.): "Handwörterbuch der angewandten Psychologie", 1993, Deutscher Psychologen Verlag

Seelenpflege: Heft 4, 1996; Heft 4, 1998; Heft 3, 2000; Heft 3, 2001

Siethoff, Hellmuth J. ten: "Mehr Erfolg durch soziales Handeln", 1996, Verlag Urachhaus

Thich Nhat Hanh: "Worte der Achtsamkeit", 1997/1999, Herder Verlag

Treichler, Markus: "Sprechstunde Psychotherapie", 1993, Verlag Urachhaus

"Von der Betreuung zur Assistenz?", 2000, Tagungsbericht des Vereins für Behindertenhilfe e.V. Hamburg

Wais, Mathias: "Biografiearbeit Lebensberatung", 1993, Verlag Urachhaus

Wehr, Gerhard: "Die Mitte des Lebens", 1997, Band 8, Gesundheitspflege initiativ,

Wehr, Gerhard: "Selbsterfahrung mit C. G. Jung", 1995, Herder Spektrum Verlag

Dank

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei den Bewohnern des Haus "Unter der Sulz" bedanken, die als Teilnehmer der Projektgruppe diese Abschlussarbeit überhaupt ermöglicht haben und mir in der gemeinsamen Begegnung und Arbeit so viel Vertrauen entgegengebracht haben. Ich habe dadurch viel lernen können. Ebenso möchte ich mich bei meiner Frau Annette Staab und bei dem Mentor dieser Arbeit, Konrad Lampart für die hilfreichen Gespräche und Anregungen bedanken.

Erklärung

Hiermit erkläre ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig angefertigt, andere als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel nicht benutzt und die der benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe.

Kirchberg, den

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(Axel Rudolph)

Quelle

Axel Rudolph: Lebensspuren entdecken. Biografische Arbeit mit Menschen mit Behinderung.

Abschlussarbeit für das dritte Jahr der Heilerziehungspflegeausbildung in den Sozialtherapeutischen Gemeinschaften Weckelweiler e.V.

bidok -Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 09.02.2005

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