Zur Lage der behinderten Menschen in Österreich

Der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben

AutorIn: Erwin Riess
Themenbereiche: Selbstbestimmt Leben
Textsorte: Zeitschrift
Releaseinfo: Erschienen als: Der Streit. Zeitschrift für Kultur, Politik und Wissenschaft; 11. Jahrgang, Nr. 39/40, April 1991; Redaktion: Erwin Riess; Eigentümer, Herausgeber, Verleger: Univ. Prof. Dr. Peter Moeschl, Dr. Erwin Riess, Mag. Reinhold Sturm; DVR 0546496
Copyright: © Erwin Riess 1991

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

    Vorwort 1

    Ich danke Eva Barilich, Peter Bothe, Waltraud Langer, Sigi Maron, Annemarie Srb, Manfred Srb und Michael Scharang.

    Abbildung 1. Abbildung 1: Fritz Jensen

    Portraitfoto von Fritz Jensen

    Vom streit

    • Kennen Sie diesen Mann? Vor fünf Jahren erschien im streit Nr. 27/28 "Der Befreiungskampf Indochinas" ein Artikel über den österreichischen Arzt und Schriftsteller Fritz Jensen. Seine abenteuerliche Lebensgeschichte wurde in der Zwischenzeit von der streit-Mitarbeiterin Eva Barifich rekonstruiert und in einem fesselnden Buch aufgearbeitet. "Fritz Jensen. Arzt an vielen Fronten" ist 1991 im Globus-Verlag erschienen.

    • Mit Thea Meinharter ist eine kompetente Mitarbeiterin für Grafik und Layout zum streit gestoßen.

    • Die Zukunft des streit. Diese und die nächste Ausgabe erscheinen als Doppelnummer. In wenigen Wochen wird der von Peter Moeschl und Reinhold Sturm verfaßte Band zur Werttheorie bei den Abonnenteneinlangen. Weiters stehen heuer noch ein Heft von Andreas Rasp (Arbeitstitel: "Linke und Nationalismus") und ein Heft von Erwin Riess ("Vom Ende des Sozialismus und anderer Welträtsel") auf dem Programm.

    • Den Förderern und Abonnenten des streit danken wir für die vielen positiven Reaktionen auf das Heft von Andreas Rasp über Theodor Körner (streit Nr. 38).

    • Von Michael Scharang, einem langjährigen Freund und Förderer des streit, ist kürzlich im Luchterhand Verlag die Taschenbuchausgabe seines aufsehenerregenden Essaybandes "Das Wunder Österreich" erschienen.

    • Bislang erlebte ich meine Existenz als rolltuhlfahrender Linker als gespalten. Damit soll jetzt Schluß sein, im streit werden auch in Zukunft Beiträge zum Kampf behinderter Menschen für ein selbstbestimmtes Leben erscheinen, ob es der Linken paßt oder nicht. Die mit dieser Nummer begonnene Kooperation mit der Zeitschrift der autonomen Behindertenbewegung "Los" wird fortgesetzt.

    • Aufgrund der Kooperation mit "Los" erhalten eine Reihe von behinderten Menschen den streit erstmals zugesandt. An diese Leser die Bitte: Falls diese Ausgabe des streit Ihr Interesse findet, verwenden Sie bitte den beiliegenden Erlagschein für eine Druckkostenspende. Wenn Sie eine größere Anzahl des vorliegenden Heftes benötigen, setzen sie sich mit uns in Verbindung.

    Erwin Riess

    Vorwort 2

    Laut Mikrozensuserhebung des Statistischen Zentralamtes gibt es in Österreich 1,5 Millionen Menschen, die körperliche oder geistige Beeinträchtigungen aufweisen. An chronischen Krankheiten laborieren 1,2 Millionen Menschen, bewegungsbehindert sind 400.000, ebensoviele sind hörbehindert, 270.000 weisen eine schwerwiegende Sehbehinderung auf.[1]

    1991 jährt sich zum zehnten Mal das von der Bundesregierung ausgerufene Jahr der Behinderten, 1992 geht die United Nations Decade of Disabled Persons zu Ende.[2]

    Österreich wird, was die Behindertenpolitik betrifft, von Experten als Entwicklungsland eingestuft.[3]

    In den USA, in Skandinavien und anderen Ländern haben sich Menschen in der Independent Living Movement (ILM) zusammengeschlossen und kämpfen für ein selbstbestimmtes Leben. Die Independent Living Movement, die Ende der sechziger Jahre von Berkeley ausging, wurzelt in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung; die Durchsetzung bürgerlicher Menschenrechte für eine Bevölkerungsgruppe, die bisher vom Kapitalismus nur die Schattenseiten - keine Freiheit der Arbeitsplatzwahl, weitgehende Beschränkung der Konsumfreiheit, Abschiebung und Existenzunsicherheit erlebte - ist ihr zentrales Anliegen.

    Ohne Illusionen in die freie Marktwirtschaft zu haben, geht die ILM davon aus, daß die Überwindung persönlicher Abhängigkeit von Familienmitgliedern und Pflegepersonen zugunsten einer abstrakteren Abhängigkeit durch gesellschaftliche Verhältnisse, wie sie im Geld zum Ausdruck kommen, für behinderte Menschen einen ungeheuren Fortschritt, eine tatsächliche Revolutionierung ihrer Lebensverhältnisse bedeutet.

    Auch in Österreich existiert seit einigen Jahren eine autonome Behindertenbewegung, die um die Mobilen Hilfsdienste ("Mohis"), um die Zeitschrift "Los", um Annemarie und Manfred Srb und andere gruppiert ist und seit 1989/1990 im Forum der Krüppel- und Behinderteninitiativen" eine lockere Organisationsform gefunden hat. Dieses Forum war in den letzten beiden Jahren unter anderem für die Proteste gegen die Euthanasie-Diskussion, für Aktionen gegen die Ungleichbehandlung im Pflegefall, im Kampf für die Wiederkandidatur Manfred Srbs und für Proteste gegen eine feudale Behindertenpolitik, wie sie 1991 in der "Aktion Mensch" wiederauflebt (siehe dazu den Artikel in diesem Heft), verantwortlich.

    Die Entwicklung der österreichische Behindertenbewegung vollzog sich in drei Etappen:

    Nach dem Krieg stand die Versorgung der Kriegsinvaliden im Vordergrund; "Zivilinvalide", unter ihnen die Polio-Opfer, wurden von dieser Politik an den Rand gedrängt.[4]

    In den sechziger und siebziger Jahren begannen sich die Zivilbehinderten selbständig zu organisieren. In diese Periode fällt die Gründung der "Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (ÖAR)" als Dachorganisation der Behindertenverbände.

    Ende der siebziger Jahre entwickelten sich aus kleinen, über ganz Österreich verstreuten Gruppen, die ersten Ansätze einer autonomen Behindertenbewegung. Im von der Bundesregierung ausgerufenen "Jahr der Behinderten" (1981) intensivierte sich dieser Kampf, fünf Jahre später zog mit Manfred Srb der erste Abgeordnete, der sich der Selbstbestimmt Leben-Bewegung verpflichtet fühlt, ins Parlament ein. 1989 organisierte er gemeinsam mit Betroffenen aus dem In- und Ausland den ersten Independent Living-Kongreß in Österreich.[5] Die von Manfred Srb in der Öffentlichkeit repräsentierte Selbstbestimmt Leben-Bewegung hat in den letzten Jahren in Österreich Fuß gefaßt, ihre Konsolidierung wird aber noch Jahre dauern, dafür spricht auch die oft nur halbherzige Unterstützung, die der erste Rollstuhlfahrer im Hohen Haus von seiner Partei bisher erhielt.

    Die Lage der behinderten Menschen kann mit der Lage der sich entfaltenden Arbeiterbewegung verglichen werden. Tatsächlich steht die Bürgerrechtsbewegung behinderter Menschen in Österreich dort, wo die Sozialdemokratie des vorigen Jahrhunderts ihren Ausgang nahm.

    Einige wenige Behinderte, stellvertretend seien hier neben Annemarie und Manfred Srb noch Volker Schönwiese aus Innsbruck, Theresia Heidlmayer und Klaudia Karoliny aus Linz, Wilfried Raith aus Salzburg sowie Dorli Brolek aus Wien genannt, haben aus der Kenntnis der internationalen Independent Living Movement den Schluß gezogen, daß die Aufhebung persönlicher und politischer Bevormundung von behinderten Menschen die vordringlichste Aufgabe ist.

    Die Geschichte der Independent Living Movement ist die Geschichte eines dreifachen Kampfes: gegen die Ignoranz der nichtbehinderten Gesellschaft; gegen Kleinmut und Anpasslertum vieler Behindertenverbände, die sich die Vertretung der Behinderten nur als Anhängsel der Großparteien oder der Kirche vorstellen können; und gegen die gesellschaftlich verursachte Unmündigkeit behinderter Menschen.

    Das vorliegende Doppelheft des streit vereint zum Teil weitgehend überarbeitete Artikel aus den Jahren 1988-1991, die anläßlich verschiedener Aktionen der Selbstbestimmt Leben-Bewegung verfaßt wurden, mit Texten, die für diesen Band geschrieben wurden.[6]

    In Auswahl und Anordnung der Texte habe ich versucht, diese für viele streit Leser unbekannte Thematik übersichtlich und im Zusammenhang darzustellen. Der Wechsel in der Form der Beiträge: Interview, Bericht, Brief, Polemik, Spottlied, Dialog und Essay entspringt nicht der ohnehin zweifelhaften Rücksichtnahme auf eine bessere Lesbarkeit, sondern ist ausschließlich der Erfordernis der jeweiligen Auseinandersetzung geschuldet.[7]

    Den drei Hauptkapiteln Arbeit, Kultur und Politik ist die Abschrift eines im August 1990 ausgestrahlten Radiogesprächs, mit dem das Forum der Krüppel- und Behinderteninitiativen erstmals an die Öffentlichkeit trat, vorangestellt. Eine Dokumentation über Aktivitäten des Forums und die Auseinandersetzungen rund um eine selbstbestimmte Behindertenpolitik rundet den Band ab.

    Die Waffe der Kritik schließt auch die Kritik der Waffen ein. Der Hinweis auf die Mächtigkeit der uns behindernden Verhältnisse, der noch unreife Status der Autonomiebewegung der behinderten Menschen, schließlich das Neuland, welches wir mit der Gründung des Forums betreten haben, mag den vorläufigen Charakter einiger Aussagen erklären.

    Wer am eigenen Leib erfahren hat, was es heißt, gegen die herrschende feudalabsolutistische Behindertenpolitik, wie sie sich in der "Aktion Mensch" oder im Mitleidsfestival "Licht ins Dunkel" offenbart, aufzutreten, wird verstehen, daß manche Verhärtung nicht auf unsere körperlichen oder geistigen Handikaps, sondern auf die gesellschaftliche Mißachtung unserer Bürgerrechte zurückzuführen ist.

    Das vorliegende Heft zeichnet erstmals die Geschichte der jungen und erstarkenden Selbstorganisation behinderter Menschen in Österreich nach, und es ist für mich nur folgerichtig, daß dies im streit erfolgt, einer unabhängigen linken Zeitschrift. In der Geschichte Österreichs ist die Durchsetzung bürgerlicher Verhältnisse durch die politische Linke ja keine neue Erscheinung.

    Daß ich mir die Utopie einer Gesellschaft ohne Abhängigkeitsverhältnisse, einer im weitesten Sinn genossenschaftlichen Assoziation, in der die freie Entfaltung des einzelnen - ob behindert oder nicht - die Bedingung für die Entwicklung der Gesellschaft ist, nicht abkaufen lasse, wird diejenigen, die den streit kennen, nicht überraschen 'und jene, die glauben, gerade als Behinderter habe man politisch auf Samtpfoten zu gehen, um etwas zu erreichen, auch nicht beeindrucken. Die ruhige Fortbewegung ist nicht meine Art: Wenn ich mit Krücken gehe, ist das Klappern der Stecken genauso deutlich zu hören wie das Scheppern des Rollstuhls, wenn ich über einen Randstein fahre.

    E.R. Wien, 13.3.1991

    Zum Autor:

    Abbildung 2. Abbildung 2: Erwin Riess

    Portraitfoto von Erwin Riess

    geboren 1957, Studium der Politikwissenschaft und Theaterwissenschaft in Wien, freier Journalist, Verlagsmitarbeiter, seit 1984 im Bundesministerium für wirtschaftliche Angelegenheiten (BMWA), seit 1987 Projektreferent in der Wohnbauforschung: Schwerpunkt Wohnbaupolitik und Behindertengerechtes Bauen, Behindertenvertreter im BMWA und in einer neuen Wohnhausanlage der Gemeinde Wien, Mitbegründer des "Forums der Krüppel- und Behinderteninitiativen", inkomplette Querschnittlähmung nach drei Tumoroperationen im Rückenmarkkanal, seit 1987 Rollstuhlbenützer.



    [1] Österr. Mikrozensus 1986, zit. in: Berdel/Pruner (Institut für Soziales Design) "Durchsetzungsbedingungen behindertengerechten Bauens", Studie 1989, S.27; Bezugsadresse: ISD, Grenzackerstr. 7-11/19, 1100 Wien. Dies ist die bislang beste und genaueste Darstellung der österreichischen Behindertenpolitik mit dem Schwerpunkt "Bauliche Barrieren1'.

    [2] UNO-Dekade für behinderte Menschen.

    [3] Manfred Srb in "Selbstbestimmt Leben"; Kongreßbericht S. 5.

    [4] Die Geschichte eines prominenten Polio - Erkrankten stand im Zentrum des streit Nr. 35 (erschienen 1988): "Sigi Maron - Sänger für ein gelähmtes Volk"; Im streit Nr. 33 (Sommer 1987) findet sich ein ausführliches Interview mit Manfred Srb. Beide Hefte sind noch lieferbar. 1989 erschienen in der Tageszeitung Standard im Rahmen einer Serie ("Behinder" - Menschenrechte für Krüppel) einige von Sigi Maron, Manfred Srb und mir verfaßte Artikel. Mit einer Ausnahme habe ich diese Texte nach sorgfältiger Überarbeitung und Aktualisierung in dieses Heft aufgenommen. Sigi Maron und Manfred Srb danke ich für ihre Mithilfe.

    [5] 6./7.10.1989, Der sorgfältig redigierte Kongreßbericht ist kostenlos erhältlich über die Grüne Fraktion im Parlament, Telefon: 401 100/693.

    [6] nähere Angaben im Veröffentlichungsverzeichnis.

    [7] Eine den Erfordernissen der modernen Sozialwissenschaft Genüge tuende Untersuchung über die Gesamtsituation behinderter Menschen in Österreich steht noch aus.

    "Unser Ziel? Selbstbestimmt Leben!" - Das Forum der österreichischen Krüppel- und Behinderteninitiativen*

    * Gekürzte und bearbeitete Fassung der Radiosendung "von Tag zu Tag", Ö 1, 17.8.1990. Die Fragen stellte Waltraud Langer an Erwin Riess.

    Krüppel-Forum! - ein provokanter Name. Warum wählt jemand, der gegen Vorurteile gegenüber Behinderten kämpft diesen Namen?

    Der Grund ist simpel. Wir gehen davon aus, daß wir einer unterdrückten Bevölkerungsgruppe angehören und "Krüppel" ein diskriminierendes Wort ist, das aber die Realität richtig abbildet. Wir haben diesen Namen gewählt, weil wir darauf hinweisen wollen, daß es nicht damit getan ist, gehandikapte Menschen als "behindert" zu bezeichnen, und die soziale Wirklichkeit in der diese Menschen leben unverändert zu belassen. Wir haben nichts davon sprachlich vom "Invaliden" zum "Behinderten" befördert zu werden, wenn viele von uns als "Krüppel" leben müssen.

    Es gibt ja bereits eine Reihe von Behindertenorganisationen; es gibt auch eine Dachorganisation, die "Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation - mit 64 Verbänden, die 380.000 behinderte Menschen vertritt; warum also eine zusätzliche Organisation?

    Hier liegt ein Mißverständnis vor. Das "Krüppelforum" ist keine Organisation, sondern ein Forum, mit dessen Hilfe wir uns in die Behindertenpolitik, - unsere eigenen Angelegenheiten also - einmischen, weil die Behindertenverbände die Interessen behinderter Menschen zu halbherzig vertreten.

    Könnten sie Beispiele für die Diskriminierung nennen?

    Heute vormittag war ich im Lorenz Böhler-Spital zu einer Behandlung. Dort gibt es Behindertenparkplätze, aber wie so oft sind diese von Autos besetzt, in denen sich kein Behindertenausweis befindet. Nachdem ich in großer Entfernung einen Parkplatz gefunden hatte und über eine steile Rampe ins Spital hinaufgerollt bin, beschwere ich mich beim Portier, er solle die Polizei anrufen. Eine halbe Stunde später frage ich nach. Der Portier hat nicht angerufen. Ich bestehe darauf, daß er vor meinen Augen anruft, was er auch tut. Zwei Stunden später komme ich von der Behandlung zurück und sehe, daß keiner der unbefugten Parker mit einem Strafmandat belegt wurde.

    Das sind Erlebnisse, die wir immer wieder haben. Es gibt zwar Behindertenparkplätze aber sie werden von nichtbehinderten Autofahrern frequentiert. Die Strafe beträgt hundert Schilling, das ist für einen zentral gelegenen Parkplatz nicht mehr als im Parkhaus. Natürlich besteht die Möglichkeit den Falschparker anzuzeigen und drei Stunden darauf zu warten, bis er abgeschleppt wird; aber das ist Theorie. Die Praxis besteht darin, daß nichtbehinderte Autofahrer sich um Behindertenparkplätze nicht scheren und die Polizei zu wenig unternimmt, um das zu ändern. Trotz des Einsatzes von Manfred Srb im Parlament, die anderen Behindertensprecher der Parteien übergehe ich aus Gründen der Höflichkeit, ist es seit Jahren unmöglich, daß dieses Problem, das ja im Grunde lächerlich ist, gelöst wird. Sie sollten einmal hören, was nichtbehinderte Autofahrer so von sich geben, wenn sie darauf aufmerksam gemacht werden, daß sie auf einem Behindertenparkplatz stehen!

    Sie haben Manfred Srb angesprochen; er ist ja auch beim Krüppel-Forum. Welche Leute sind da noch dabei?

    Hinter dem "Krüppelforum" stehen viele behinderte Menschen in ganz Österreich, wobei es einzelne Zentren gibt. Neben Wien wären da vor allem Lin7, Innsbruck und Salzburg zu erwähnen. Volker Schönwiese in Innsbruck, Wilfried Reith in Salzburg, Theresia Heidlmayr und Klaudia Karoliny in Linz, sowie Annemarie Srb und Dorli Brolek in Wien möchte ich da nur stellvertretend anführen. Das sind Menschen, die akzeptiert haben, daß sie selbst etwas tun müssen. Wir begnügen uns nicht damit, die Gesellschaft für unsere Behinderungen verantwortlich zu machen, wir fordern auch von uns selbst, daß wir die Benachteiligung nicht mehr hinnehmen. Mit der Delegierung unserer Interessen haben wir Schiffbruch erlitten.

    Warum können sie das nicht in einer Behindertenorganisation machen?

    Weil die Behindertenorganisationen, wie das leider in Österreich so ist, nur Fortsetzungen der Parteien sind. Das heißt, es gibt kaum Möglichkeiten, gegen die von den Parteien aufgestellten Richtlinien durchzukommen und das Dilemma wird deutlich, wenn ich ihnen sage, daß große Parteien wie die ÖVP oder die SPÖ, die ja hunderttausende Mitglieder haben, als Behindertensprecher im Parlament Nichtbehinderte entsenden. Nun könnte man natürlich sagen, daß auch ein Nichtbehinderter sich sehr wohl für die Interessen von Behinderten einsetzen kann. Übersetzen wir aber einmal das Problem: Stellen sie sich vor, Nelson Mandela wäre weiß. Glauben sie, daß er von der schwarzen Bevölkerungsmehrheit in Südafrika als ihr Sprecher anerkannt würde?

    Könnte es nicht auch zu einer Entsolidarisierung unter den Behindertenorganisationen führen, wenn immer mehr zusätzliche Organisationen gegründet werden?

    Die Entsolidarisierung findet ja permanent statt. Es ist ja ein alter Trick, die Behindertenverbände untereinander auszuspielen. Die Behinderten sind ja ihrerseits in ihrer Vertretung nach Behinderungsarten aufgesplittert; es gibt Verbände für Rollstuhlfahrer, für Blinde, für MS-Kranke und so weiter. Deshalb wollen wir ja die Ideen und Konzepte der Independent Living Movement, der internationalen "Selbstbestimmt Leben - Bewegung" der Behinderten in Österreich einbringen, weil nur so die Gewähr gegeben ist, daß behinderte Menschen ihre Interessen selbst vertreten.

    Könnten sie die Independent-Living-Bewegung etwas genauer erklären?

    Sie wurde vor zwanzig Jahren in Berkeley, Kalifornien, ins Leben gerufen und besteht seit einigen Jahren auch in Schweden; zum Teil aber auch in anderen skandinavischen Ländern und abgeschwächt auch in Deutschland. Die Independent Living Movement hat ihre Wurzeln in der amerikanischen Bürgerrechts- und in der Black-Power-Bewegung. In Berkeley gibt es auch ein "World Institut on Disability", mit dessen Hilfe eine Strategie und eine Organisationsform entwickelt wurde, die es Behinderten auch in einer schwierigen Umwelt wie der US-amerikanischen erlaubt, sich durchzusetzen. Es versteht sich von selbst, daß die Mitarbeiter im Institut überwiegend Behinderte sind. In den Staaten gibt es mittlerweile über 200 Independent Living Centres, die als Vermittlungs- und Informationsstelle für Behinderte unterschiedlichster Behinderungsarten dienen; in den Zentren werden die Adressen persönlicher Assistenten verwaltet, dort tauschen die Behinderten ihre Erfahrungen aus und erproben ihre Hilfsmittel. Mit einem Wort: die Zentren dienen als Rückhalt für selbständig lebende behinderte Menschen, die mit der Hilfe persönlicher Assistenten den Alltag bewältigen. Der Witz an der Sache ist, daß die Behinderten als Arbeitgeber ihrer persönlichen Assistenten auftreten; sie schulen sie ein, sie koordinieren die Assistenten, erarbeiten den Einsatzplan und bezahlen sie. Die behinderten Menschen sind also nicht Objekte einer Institution, sie steuern als Experten in eigener Sache ihren Lebensablauf selbst. Radikale Kritik an den Institutionen, das heißt: Abschaffung der Institutionen, sowie Selbstverantwortung und Selbstbestimmung der Behinderten, das ist das Konzept der Independent Living Bewegung.

    Hörerfrage: Warum gibt es Bettelbriefe zur Unterstützung der Behinderten?

    Wir fordern seit langem, daß im Namen von behinderten Menschen keine Spenden gesammelt werden dürfen. Wir bekämpfen die Sendung "Licht ins Dunkel", in der Behinderte als mitleidserweckende Opfer dargestellt werden, weil die Logik dieser Art von "Behindertenpolitik" darin besteht, die bereits bestehenden Behindertenorganisationen finanziell auszutrocknen. Man sagt, ihr kriegt ja ohnehin zu Weihnachten einige Millionen, die werden wir dann nach dem Gießkannenprinzip verteilen. Wie problematisch dies ist, möchte ich an einem Beispiel erläutern. Die Finanzierung der österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, der Dachorganisation der Behindertenverbände, die sicher nicht als radikal eingestuft werden kann, ist von Jahr zu Jahr unklar. Es ist nicht möglich, daß die wichtigste Behindertenorganisation Österreichs aus dem Budget finanziert wird. Nein, sie wird jährlich zum Betteln gezwungen. Somit kann die offizielle Politik enormen Druck auf die ARGE ausüben. Aus diesem Grund ist das Krüppelforum nicht als Organisation gegründet worden, weil wir von niemanden politisch und finanziell abhängig sein wollen. Wir haben nicht einmal ein Konto.

    Wenn sie sagen, daß sie gegen Spenden sind, dann muß man doch andererseits sagen, daß es sehr viele Leute gibt denen es ein Anliegen ist zu spenden und die das nicht nur dem Staat überlassen wollen.

    Das ist nicht unser Problem. Die Leute sollen spenden wofür sie wollen, aber nicht im Namen der Behindertenhilfe. Ich gehe davon aus, daß es einer entwickelten Gesellschaft unwürdig ist, Lebensprobleme von hunderttausenden Menschen mittels Spenden lösen zu wollen. Entweder die Gesellschaft bekennt sich dazu, daß sie für alle Mitbürger gleiche Lebenschancen garantiert, in Feiertagsreden und in UNO-Dokumenten hat Österreich das ja getan, oder man sagt offen, daß man die Feiertagsreden nicht ernst nehmen soll. Wenn wir schon betrogen werden, dann nicht um die Wahrheit.

    Aber natürlich gibt es solche Sendungen auch, um auf die Problem aufmerksam zu machen!

    Das kann ich auch ohne ständig das Mitleid zu bemühen. Mitleid ist für Behinderte nur auf den ersten Blick von Hilfe. Auf den zweiten Blick wird aus dem Mitleid Ekel oder Distanz, das geht erfahrungsgemäß sehr schnell. Was wir fordern, ist Verständnis; ein Verständnis, das nicht von Emotionen verklebt wird, die Akzeptanz, daß behinderte Bürger bestimmte Hilfsmittel und persönliche Assistenzdienste brauchen, um am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, - und die Akzeptanz, daß das etwas kostet.

    Könnten sie das einmal etwas genauer erklären was sie von öffentlichen Stellen brauchen und wofür sie selbst zuständig sein wollen?

    Wir wollen für alle Aspekte unseres Lebens zuständig sein, diese Zuständigkeit kann nicht delegiert werden. Wir stehen ja heute vor der Situation, daß immer weniger behinderte Menschen auf dem Arbeitsmarkt unterkommen. Die Arbeitslosenrate der Behinderten liegt jenseits der 25 %; weder der Bund, noch die privaten Arbeitgeber halten ihre Verpflichtung zur Einstellung behinderter Mitarbeiter auch nur annähernd ein. Sie zahlen lieber lächerlich geringe Strafbeiträge, die sogenannte Ausgleichstaxe. Seit Jahren fordert die Arge Rehab; fordert Manfred Srb, daß die Ausgleichstaxe zumindest auf das Niveau des Mindestlohns erhöht werden muß. Der politische Wille dazu ist aber nicht vorhanden.

    Wenn die Gesellschaft aber für ihre Schwächsten Arbeitslosigkeit vorsieht, wenn sie die Ghettoisierung staatlich verordnet; nichts anderes bedeutet es ja, wenn nicht einmal die öffentliche Hand ihrer Einstellungsverpflichtung nachkommt, dann muß man doch zumindest Vorsorge treffen, daß die, die vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden, halbwegs menschenwürdig leben können.

    Wir reden, darauf möchte ich hinweisen, nicht von der Qualität der Arbeitsplätze, vom Verständnis der Kollegen, der Vorgesetzten. Was da mit Behinderten aufgeführt wird, die Arbeit haben, ist oft ein regelrechter Krieg, da sind keine Waffen zu grausam, keine Argumente zu schäbig, um einen behinderten Mitarbeiter, eine behinderte Mitarbeiterin fertigzumachen. Gerade behinderten Frauen wird, das weiß ich von einigen Fällen sehr genau, im Büroalltag sehr übel mitgespielt. Wohlgemerkt, davon reden wir ja gar nicht. Wir reden davon, daß behinderte Menschen sich glücklich schätzen müssen, wenn sie überhaupt in die Lage kommen, sich auf dem Arbeitsplatz schikanieren zu lassen.

    Ich weiß, das klingt zynisch aber der Zynismus stammt nicht von uns, den haben wir von den Politikern gelernt. Im Grunde genommen ist ja das Wort "Zynismus« noch eine Untertreibung für die Art und Weise, wie sie mit behinderten Menschen umgehen. Wir hatten mehrere stundenlange Gespräche mit Sozialminister Geppert, es ging um die Pflegesicherung für diejenigen, die keine Arbeit finden oder nicht arbeiten können. Alles was er uns sagen konnte, war, daß er dagegen ist, den Behinderten Geld auf die Hand zu geben, weil da könnte ja der Neffe kommen und sich um das Pflegegeld ein Motorrad kaufen. Ich hab mir damals gedacht, der Gedanke ist so schlecht nicht, man muß ihn nur weiterdenken. Der Neffe ist sicher ein Wirrkopf, das sind ja alle Neffen, man kennt das von Beethoven - und baut mit dem Motorrad einen Unfall, worauf er querschnittgelähmt ist aber Pflegegeld kriegt, das wiederum ein Neffe für ein Motorrad veruntreut, mit dem er einen Unfall baut, worauf auch er im Rollstuhl sitzt und Pflegegeld erhält, das er wiederum einem Neffen weitergibt, der, ... und so weiter.

    Nur so hätte das Argument vom Neffen einen Sinn. Ich frage mich aber, was mit den Cousins, den Brüdern, Onkeln und Vätern geschehen soll, ganz zu schweigen von den Schwagern, Taufpaten und Urahnen.

    Noch viel schlimmer als eine schlecht bezahlte und schikanöse Arbeit zu tun, ist es aber keine Arbeit zu haben und auf die elendiglich niedrigen Unterstützungssätze angewiesen zu sein, die noch dazu von Bundesland zu Bundesland, von Behinderungsart zu Behinderungsart variieren.

    Das ist die Diskussion um die Pflegesicherung ...

    Richtig. Es geht darum, daß neben dem Ausbau der mobilen Dienste unbedingt auch eine Direktzahlung an die behinderten Menschen geleistet werden muß, sodaß die behinderten Menschen sich persönlich ihre Assistenz organisieren können; das heißt, sie bilden ihre Assistenten aus, bezahlen sie und koordinieren deren Einsatz. Sie treten selbst als Arbeitgeber auf und sind nicht Objekte einer Institution, die nur bis sechs Uhr am Abend Hilfe leisten kann.

    Sie verlangen da schon gewaltig viel von einem Behinderten, glauben sie nicht, daß das nicht die Kräfte vieler Behinderter übersteigt?

    Das glaube ich nicht, weil es sehr viele Behinderte im Ausland gibt, die so leben. Auch in Österreich gibt es schon einige Pioniere auf dem Gebiet des Konzepts der persönlichen Assistenz, Annemarie Sib in Wien und Andrea Mielke in Salzburg zum Beispiel. Es gibt aber sehr viele, die darum kämpfen in dieser Art leben zu können. Es ist unglaublich, wieviel Selbständigkeit diese behinderten Menschen sich selbst erwerben können. Wir gehen davon aus, daß die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung erst am Anfang ist; unser Adressat ist ja nur zu einem Teil die Öffentlichkeit der Nichtbehinderten, ein ganz wesentlicher Adressat sind die Behinderten selber. Wenn ein Behinderter sich für seine Beeinträchtigung schämt, wenn er sich selbst als minderwertig empfindet, weil er nicht so aussieht wie Arnold Schwarzenegger, dann kann er schwer die Teilnahme an den gesellschaftlichen Reichtümern für sich einfordern.

    Wenn sie diese große Selbständigkeit von den Behinderten verlangen, könnte da nicht umgekehrt von manchen Behinderten der Vorwurf kommen, daß sich niemand um sie kümmert?

    Wenn man Assistenzgenossenschaften zuläßt, wie es zum Beispiel in Bremen, in Schweden und Amerika funktioniert, sehe ich keine Probleme. Ich gebe aber zu, daß das auch von den Behinderten Arbeit erfordert. Ich weiß aber, daß Unmündigkeit in Heimstrukturen beständig reproduziert wird; wenn man den Hospitalisierten Gelegenheit gibt, selbständig zu leben, dann, das ist seit Franco Basaglias "Offener Psychiatrie" belegt, wundern sich alle, welche Fähigkeiten zum Beispiel geistig Behinderte plötzlich entwickeln.

    Ein Hörer: Sie wollen die Rechte der Behinderten einfordern. Wir leben in einem demokratischen Staat. Es kann aber nicht eine Minderheit fordern, den Staat, dessen gesamte Infrastruktur, von der Verwaltung bis zum Transportmittel auf der Erde und zur Luft nach deren Wünschen einzurichten. Es geht also nur nach einem demokratischen Status. Und was die Black Power Bewegung angeht, so ist das eine kommunistisch unterwanderte Bewegung. Die Abschaffung von Institutionen ist ebenfalls eine kommunistische Sache, die nicht mit dem demokratischen Verständnis bei uns übereinstimmt. Was sie ansprechen, ist ein Mangel in der Gesellschaft, nämlich, daß die Behinderten aus der Familie ausgestoßen werden und sie jetzt von der Gesellschaft eine Familienbetreuung in verschiedenster Art fordern. Das finde ich eine undemokratische Art.

    Ist das Krüppelforum, die Independent Living Movement, eine kommunistisch unterwanderte Bewegung?

    Meines Wissens nicht aber im Lichte der eben vorgetragenen Ausführungen sollte man sich das vielleicht überlegen. Der Herr hat ja recht, die Demokratie ist für uns ein Problem. Wir zahlen Steuern als Konsumenten, sofern wir arbeitstätig sind, auch Lohnsteuer, und können aber sehr viele Einrichtungen der Gesellschaft nicht benutzen. Wir können viele öffentliche Verkehrsmittel nicht frequentieren, in viele Kinos, Theater und andere Institutionen können wir nicht rein. Das heißt, es werden uns Rechte vorenthalten, die jeder nichtbehinderte Bürger selbstverständlich für sich in Anspruch nimmt. Für uns ist es demokratisch, daß auch wir diese Rechte bekommen, deswegen wehren wir uns ja gegen ausschließliche Sonderfahrtendienste für Behinderte und fordern, daß öffentliche Verkehrsmittel behindertengerecht gestaltet werden, wie das selbst in New York funktioniert, wo ich selbst mit dem Rollstuhl in Manhatten im Autobus herumgefahren bin.

    Eine Hörerin. Ich kann aus eigener Erfahrung, ich bin MS-krank, bestätigen, was Dr. Riess gesagt hat, Sammelaktionen für Behinderte empfinde ich als Beleidigung! Ich begrüße das "Krüppelforum" und würde gern Kontakt mit Ihnen aufnehmen.

    ... Die Dame hat etwas Wesentliches angesprochen. Es existiert in Österreich nach wie vor ein unüberschaubarer Wildwuchs an verschiedenartigsten Leistungen für die einzelnen Behinderungsarten. Das kann im Einzelfall bedeuten, daß ein Querschnittgelähmter entweder 2.500 Schilling zur Abgeltung seiner behinderungsbedingten Aufwendungen bekommt - und die sind enorm! - im Monat erhält, oder im Falle er ein Kriegsopfer ist, erhält er das Zehnfache oder mehr. Es gibt verschiedenste Klassen von Behinderten in der Versorgung und deswegen fordern wir eine einheitliche Pflegesicherung für alle Behinderte, unabhängig davon, ob sie in Arbeit gestanden sind, ob ihre Behinderung einem Freizeitunfall entspringt oder einem Arbeitsunfall.[8]

    Eine Hörerin: Ich habe die Meinung des Herren von vorhin gehört. Ich komme gerade aus dem Ausland, aber jetzt weiß Ich, daß ich wieder in Österreich bin. Er wirft den behinderten Menschen vor undemokratisch zu sein und dann schafft er es auch noch zum Kommunismus zu kommen. Mich würde interessieren ob der Herr und die Menschen, die diese Meinung vertreten, sich genauso über das Bundesheer aufregen, das auch eine Minderheit ist und Milliarden von Schillingen kostet ...

    Es ist tatsächlich leider noch immer so, daß in Österreich, wo noch vor wenigen Jahrzehnten behinderte Menschen vergast wurden, unglaublich viel vom faschistischen Gedankengut vorhanden ist. Dazu zwei kleine Beispiele: Es ist möglich ganz New York mit dem Rollstuhl zu befahren. In Wien aber geht das nicht. Erstens sind die Gehsteige nur zum geringen Teil abgeschrägt und dann fährt man in Wien immer wieder in den Hundedreck hinein. Es ist nicht möglich, die tierliebenden Wiener so weit zu bringen, daß sie den Dreck ihrer Viecher wegräumen. In New York stehen hohe Strafen auf die Verunreinigung der Straßen mit Hundekot, man sieht auch oft Hundebesitzer mit einer Papierrolle oder einer kleinen Schaufel. In Wien muß man mit dem Rollstuhl aufpassen wie ein HaftImacher, sonst hat man den Hundedreck an der Hand. Zweites Beispiel: In Salzburg hat man versucht, eine Behindertenwohngemeinschaft einzurichten, im Februar dieses Jahres war das. Man hat von der Stadtgemeinde diese Wohnung gefunden. Sie lag im Erdgeschoß eines Hauses, in dem Universitätsprofessoren wohnen. Es waren nur fünf Stufen zu überwinden, das Landesinvalidenamt hätte die Rampen bezahlt. Nur, die Hausgemeinschaft der Universitätsprofessoren hat es in einer zweimaligen Abstimmung abgelehnt, die Rampe zu errichten. So konnten die Behinderten dort nicht einziehen. Das Haus der Professoren ist und bleibt krüppelfrei.

    Wir vom Krüppelforum schlagen daher vor, daß man solche Häuser oder Firmen, die nachweislich nie Behinderte einstellen, mit einem schönen Schild versieht, ein Schild, das besagt, dieses Haus oder dieser Betrieb ist krüppelfrei.

    Nun muß man sagen, daß es ist nicht überall möglich ist, behinderte Menschen einzustellen ...

    Stimmt. Wir fordern ja auch nicht, noch nicht!, daß Behinderte im Bergwerk arbeiten aber es ist durchaus möglich auch in der materiellen Produktion behinderte Menschen einzustellen, die moderne Technologie würde dies unterstützen. Tatsächlich ist es aber so, daß zum Beispiel bei der ÖMV oder bei der AUA auch der Verwaltungsbereich mit einer wesentlich höheren Quote der einzustellenden Behinderten versehen ist, als es notwendig wäre. Für diese Konzerne gilt nicht die 1:25-Quote, sondern eine Quote von 1:40 oder 1:45.

    Ein Hörer Es gibt von den Körperbehinderten die Tendenz Geistigbehinderte auszugrenzen ...

    Das ist ein wichtiger Hinweis. Es gibt keine gleichgelagerten Behinderungen. Jeder Behinderte ist einmalig. Wir leiden sehr darunter, daß wir nach Behinderungsarten zersplittert sind. In der Independent Living Movement ist es Praxis, daß Behinderte unterschiedlichster Behinderung, also auch geistiger Sinnesbehinderung, in Independent Living Centers ihre Erfahrungen austauschen. Wir sind erst dabei, die Kontakte zu den Geistigbehinderten auszubauen. Wir versuchen ja über das Krüppelforum Leute mit unterschiedlichsten Behinderungen zusammenzuführen. Es gibt ja eine groteske Zersplitterung, es gibt den Blindenverband, den Verband für Taube und Gehörlose, es gibt die Rollstuhlfahrer, die Marathonrollstuhlfahrer und jene, die keinen Sport betreiben, aber wer redet von den Spastikern, wer redet von den MS-Kranken, die keine Vorzeigekrüppel sind, die nicht am Stadtmarathon teilnehmen. Das von den Medien so gehätschelte Bild des Musterkrüppels, der alles tut sich der Gesellschaft anzupassen, einer Gesellschaft, die ihn permanent behindert lehnen wir radikal ab.

    Es ist aber doch so, daß es eine Reihe von Verbesserungen für Behinderte gibt ...

    Es gibt da und dort Fortschritte, es gibt aber auch immer wieder Verschlechterungen des Status Quo. Zum Beispiel wurde im Wiener Wohnbauförderungsgesetz der Einkommensbegriff geändert, mit der Folge, daß plötzlich viele Rollstuhlfahrer keine Wohnbeihilfe mehr bekamen. Man hat nämlich die Abgeltungen für behinderungsbedingten Mehraufwand zum Einkommen gerechnet! Vor einigen Wochen wurde vom Bund ein Ausschreibungsgesetz zur objektivierte Aufnahme von Bundesdienern beschlossen, in diesem Ausschreibungsgesetz ist keine einziger Verweis auf das Behinderteneinstellungsgesetz enthalten; das heißt, wenn dieses Gesetz angewendet wird, gibt es keine Möglichkeit, einen Behinderten beim Bund aufzunehmen. Solche Dinge passieren laufend. Immer wieder kommt es da und dort zu Verschlechterungen, unbeabsichtigt zum Teil, aber was ändert das? Es gibt leider keine mächtige Lobby, die schnell auf so etwas reagiert. Wenn ich jetzt die drei wichtigsten Bereiche der Behindertenpolitik betrachte Arbeit, Pflegesicherung, sowie Abbau sozialer und baulicher Barrieren, muß ich nüchtern feststellen: Es wird schlechter. Die neugeschaffene nichtbehindertengerechte Bausubstanz ist wesentlich größer als punktuelle Sanierungen, die Arbeitslosenrate Behinderter steigt rasant an, in der Pflegesicherung geht nichts weiter.

    Eine Hörerin, Frau Barilich: Es ist wichtig, daß die Medien seriös über behindert Menschen berichten. Das gilt auch für den ORF. Leider erinnere ich mich, daß im Vorjahr, im Juli 1989, der Ethikprofessor Singer im Club 2 eine Tribüne für seine Auffassungen bekam, daß behinderte Menschen unter bestimmten Umständen getötet werden sollten. Das heißt, im ORF war es möglich, daß behinderte Menschen mit einem Mann, der ihr Lebensrecht aberkannte, diskutieren durften. Ich erinnere mich weiters, daß viele Behindertenorganisationen dagegen protestierten. Herr Fuhrmann, der Leiter des Club 2, hat damals den Behinderten zugesichert auch einmal einen Club zu machen, der die Alltagssituation behinderter Menschen zum Gegenstand hat. Bis jetzt ist es dazu nicht gekommen und ich finde es schlimm, daß im österreichischen Fernsehen zwar über die Lebensberechtigung behinderter Menschen gesprochen werden kann, nicht aber über ihr Leben!

    Gemeinsam mit einer Reihe von Freunden wie Sigi Maron, Horst Christoph, Eduard Riha und anderen haben wir am Tag der Ausstrahlung vor dem Antifaschismus Denkmal bei der Albertina gegen die Ausstrahlung des Club 2 protestiert.[9] ( ... ) In dem Moment, wo wir zulassen, daß über unser Lebensrecht diskutiert wird, können wir uns die Diskussion über andere Fragen ersparen. Das ist ein zentrales Prinzip der Independent Living Bewegung. Davon abgeleitet ist auch unsere Ablehnung von Kostendiskussionen bei unverzichtbaren Hilfsmitteln.

    Das wollen aber viele Leute genau wissen, wieviel zum Beispiel behindertengerechtes Bauen mehr kostet. Das ist doch keine unzulässige Frage!

    Da wir in die Häuser hinein müssen, um darin wohnen oder arbeiten zu können, ist für uns die Frage der Mehrkosten uninteressant. Lebensrecht und Lebensnotwendigkeiten kann ich nicht diskutieren. Ich spreche jetzt gar nicht davon, daß wir in einer reichen Gesellschaft leben, die riesige Beträge für Luxuskonsum und Waffen aufbringt und daß angesichts dieses Umstands die Diskussion über ein ausreichendes Pflegegeld oder die Mehrkosten bestimmter Baulichkeiten bereits obszön ist. Würden wir wirklich davon sprechen, daß die Mehrkosten für behindertengerechtes Bauen angeblich nicht tragbar sind, dann würde ich antworten, daß mehrere Studien belegen, daß das nicht stimmt. Nennenswerte Mehrkosten traten nur bei nachträglichen Umbauten auf, wenn nur die bereits bestehenden Normen für behindertengerechtes Bauen bereits in der Planung eingehalten würden, dann käme es de facto nicht zu Mehrausgaben. Trotzdem muß ich abschließend sagen, daß die Kostenfrage fast immer eine vorgeschobene ist. Manfred Srb, der da sehr viel Erfahrung hat, könnte ihnen sagen, daß die Kostenfrage in Behindertenangelegenheiten überall dort vorgeschoben wird, wo der politische Wille fehlt, die Politiker aber zu feig sind, das, auch zuzugeben. Es ist ein Unterschied, ob ich an eine Frage herangehe, indem ich sage: Mas brauchen wir, wie bringen wir die Mittel auf?" oder "Das ist so teuer, das können wir nicht finanzieren". Plötzlich ist da das Moment der Notwendigkeit unter den Tisch gefallen. Ich denke mir, daß es ja nicht nur eine Frage der Kosten ist, die sich die Gesellschaft da stellt, sondern auch eine Frage der gesamtgesellschaftlichen Verfassung: Finden sich die Nichtbehinderten damit ab, daß man den Behinderten Lebensrechte vorenthält?

    Weitere Zeitschriften:

    • In der ausschließlich von Betroffenen herausgegebenen Zeitschrift "Los!' finden sich die kompromißlosesten Artikel über das Leben behinderter Menschen. Auch Tabuthemen wie "Behinderte und Sexualität" werden dort abgehandelt. "Los!' gilt als inoffizielles Organ des "Behinderten- und Krüppelbewegung". "Los" kann bezogen werden über: Klaudia Karoliny, Hallestr. 1/02 4020 Linz.

    • Die Zeitschrift "Behinderte in Schule, Familie und Gesellschaft" wird herausgegeben vom Verein "1% für behinderte Kinder" und bringt neben einem von Georg Freund betreuten Serviceteil vorwiegend Beiträge zur schulischen Integration.

    • Zur Zeitschrift "Mobil" siehe den Artikel über dessen Herausgeber in diesem Heft.

    • der von Adolf Ratzka in englischer Sprache herausgegebene "CIB W 84 Newsletter" ist zu beziehen über das: Department of Building Function Analysis, Royal Institute of Technology, 100 44 Stockholm, Sweden

    Kontaktadresse des Forums der Krüppel- und. Behinderteninitiativen": Annemarie Srb, Ganglbauerg. 11/26, 1160 WIEN



    [8] Vor den Nationalratswahlen im Oktober 1990 organisierte Manfred Srb mit dem "Forum der Behinderten- und Krüppelinitiativen" eine 12-tägige Mahnwache behinderter Menschen vor dem Stephansdom; die Mahnwache hatte das Ziel das Anliegen einer ausreichenden, bundeseinheitlichen Pflegesicherung Behinderter in die Öffentlichkeit zu tragen.

    Während der langen Koalitionsverhandlungen im Herbst 1990 war es wieder das "Krüppelforum", welches mit der Unterstützung Manfred Srbs im Parlament einen medial außergewöhnlich stark beachteten Hungerstreik durchführte. Erst die Kraft dieser Aktion veranlaßte den Club 2 diesem Thema einen Club zu widmen.

    [9] Tagelang war der Hungerstreik der Behinderten auf den Titelseiten der Tageszeitungen, in den aktuellen Sendungen des Fernsehens und des Rundfunks wurde laufend über den Streik berichtet, hunderte Unterstützungserklärungen und Solidaritätsadressen wurden im Parlament abgegeben.

    Der Club 2 zum Thema Pflegesicherung wurde am Höhepunkt des zehn Tage dauernden Hungerstreiks durchgeführt. Der Club 2 und sein Chef Thomas Fuhrmann bewiesen Zivilcourage, ließen sie doch eine (!) Vertreterin der Sache, die verhandelt wurde, hin und wieder zu Wort kommen, eine ungeheuer mutige Tat! Annemarie Srb durfte als einzige direkt Betroffene am Club teilnehmen, ihr gegenüber warfen sich die nichtbehinderten Behindertensprecher der drei größten Parteien die Bälle zu ulXd überboten sich in huldvollen Auslassungen zur Behindertenfrage. Ein unbefangener Beobachter hätte nach diesem "ausgewogen" zusammengesetzten Club den Eindruck gewinnen müssen, in Österreich werde ohnehin alles menschenmögliche für Behinderte getan. Tatsächlich war dieser Club aber eine einzige PR-Veranstaltung für die "Behindertenpolitik" der Großparteien. Auch der Sozialwissenschaftler Leichsenring, der sich bemühte Fakten in die Debatte einzubringen, konnte den Schwall des überströmenden Wohlwollens der nichtbehinderten Behindertensprecher nicht aufhalten.

    Nach Abschluß der Koalitionsverhandlungen zeigt sich, daß die Befürchtungen des Krüppelforums, der Hungerstreik werde nicht die erhoffte Wende in der Pflegesicherung bringen, berechtigt waren. Derzeit droht die Übernahme des "Vorarlberger Modells" der Pflegesicherung auf ganz Österreich. Dieses Modell würde zwar eine bundeseinheitliche Pflegesicherung mit sich bringen aber auf einem lächerlich geringen Niveau, das selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen auf keinen Fall ermöglicht.

    Das Modell wurde in der Zeitschrift "Monat" der ÖAR, der Dachorganisation der Behindertenverbände, in mehreren Artikeln ausführlich kritisiert. Die Zeitschrift "Monat" gilt als seriöse Publikation auf dem Gebiet der Behindertenpolitik, verfügt über einen ausgezeichneten Serviceteil, und ist über die ÖAR, Brigittenauerlände 42,1200 Wien, beziehbar.

    Die Diskriminierung behinderter Menschen. Arbeit und Existenzsicherung

    "Außer allen diesen Krankheiten und Verkrüppelungen haben die Arbeiter aber noch auf eine andere Weise an ihren Gliedern Schaden zu leiden. Die Arbeit zwischen den Maschinen veranlaßt eine Menge Unglücksfälle, die mehr oder weniger ernster Natur sind und für den Arbeiter noch dazu die Folge haben, daß sie ihn teilweise oder ganz zu seiner Arbeit unfähig machen. Am häufigsten kommt es vor, daß ein einzelnes Glied von einem Finger abgequetscht wird, seltener schon, daß ganze Finger, eine halbe oder ganze Hand, ein Arm usw. von den Rädern ergriffen und zermalmt wird Sehr häufig tritt nach diesen, selbst den geringeren Unfällen Maulsperre ein, und zieht den Tod nach sich. Man sieht in Manchester außer den vielen Krüppeln auch eine große Anzahl Verstümmelter umhergehen; dem einen fehlt der ganze oder halbe Arm, dem andern der Fuß, dem dritten das halbe Bein; man glaubt unter einer Armee zu leben, die eben aus dem Feldzuge zurückkommt."

    Friedrich Engels: Die Lage der arbeitenden Klasse in England. MEW Bd.2, S.386

    Behinderte Arbeit. Soziale Marktwirtschaft auf dem Prüfstand

    Ende 1998 waren in Österreich 20.994 Menschen wegen Behinderungen als schwer vermittelbar registriert. Diese Zahl setzt sich aus 5.924 Frauen und 15.070 Männer zusammen. Das Behinderteneinstellungsgesetz sieht vor, daß jeder Dienstgeber pro 25 Dienstnehmer einen "begünstigten Behinderten" einstellen muß. Die öffentliche Hand, von der hier eine Beispielwirkung ausgehen sollte, erfüllt in 4.830 Fällen (Bund: 3.130; Länder: 1.700) diese Verpflichtung nicht. Sie entrichtet dafür jährlich eine Pönale in der Höhe von rund 46 Mio. Schilling an den im Sozialministerium angesiedelten Ausgleichstaxfonds.

    Die Mehrzahl der Ministerien kommt ihrer Einstellungspflicht gegenüber "begünstigten Personen" nicht nach. Negativer Spitzenreiter ist dabei das Bundesministerium für Öffentliche Wirtschaft und Verkehr mit 1.689 Verstößen gegen das Gesetz, gefolgt vom Unterrichtsministerium mit 686 unbesetzten und dem Innenministerium mit 540 offenen Pflichtstellen für behinderte Menschen. Daß es anders auch geht, beweisen das Sozial-, Finanz-, Wirtschafts- und Verteidigungsministerium sowie das Bundeskanzleramt einschließlich des Gesundheitsressorts. Sie tun ihrer gesetzlichen Pflicht Genüge, manche überschreiten das Plansoll.

    In den Ländern ist die Situation beschämend: Kein einziges Bundesland kommt seiner gesetzlichen Pflicht nach.

    Negativer Spitzenreiter ist - seit Jahren unangefochten - das "soziale" Wien: Allein im Jahre 1987 gab es 776 offene Pflichtstellen, für die 13,9 Mio. Schilling Ausgleichstaxe zu entrichten waren.

    Insgesamt waren im August 1986 von den 35.203 Pflichtstellen 20.446 nicht besetzt (Quelle: Sozialbericht 1987). Mit anderen Worten: Die privaten Arbeitgeber orientieren sich am schlechten Beispiel des Bundes.

    Von den knapp 21.000 arbeitslosen Behinderten Ende 1988 war ein Drittel länger als ein Jahr als arbeitslos vorgemerkt! Einer Schätzung des Sozialministeriums zufolge rekrutieren sich etwa die Hälfte aller Neuzugänge zur Invaliditäts- oder Berufsunfähigkeitspension aus den Reihen der arbeitslosen Behinderten. In der Praxis wird dann dem arbeitssuchenden Behinderten nahegelegt, um die Pension anzusuchen. 13.000 Personen scheiden auf diese Weise jährlich aus der Arbeitslosenstatistik aus. Beängstigend ist die Tatsache, daß sowohl die Anzahl der arbeitslosen behinderten Menschen, wie auch die Dauer ihrer Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren stärker als bei nichtbehinderten Arbeitslosen gestiegen ist.

    Was unternehmen die politisch Verantwortlichen? Die Sozialminister klagen seit Jahrzehnten über fehlende Kompetenzen, und betonen, daß alles halt sehr schwer ist, und versprechen Besserung. Minister Streicher verweist auf die vielen "hausgemachten" Behinderten durch Arbeitsunfälle, Ministerin Hawlicek meint, daß ihr Bereich die Beschäftigung von behinderten Menschen "nur in sehr eingeschränktem Umfang" zuläßt, beim Innenminister ist's eine Mischung aus beidem. Den Vogel schießt wieder die Gemeinde Wien ab: Sie pflegt öffentliche Kritik an ihrem unsozialem Verhalten damit zu begegnen, daß sie mittels einer APA-Aussendung von einem Sonderprogramm berichtet, das 70 Arbeitsplätze für Behinderte schaffen soll. Damit will sie den Anschein erwecken, als käme sie ihrer Verpflichtung ohnedies nach!

    20.446 unbesetzte Pflichtstellen und 21.000 arbeitslose Behinderte zeugen vom vollständigen Scheitern der Behindertenpolitik. Eine rasche Novellierung des Behinderteneinstellungsgesetzes ist unumgänglich: Die Ausgleichstaxe sollte von derzeit 1.560 Schilling monatlich auf die Höhe des branchenüblichen Kollektivvertragseinkommens erhöht werden. Nur wenn es finanziell weh tut, kann man die säumigen Dienstgeber von ihrer Verpflichtung "überzeugen". Das von Seite der Wirtschaft gern ins Treffen geführte Argument vom "kontraproduktiven" Kündigungsschutz behinderter Mitarbeiter erweist sich bei näherem Hinsehen als Ausrede. Nicht nur ist es bei Vorlage zwingender Gründe sehr wohl möglich auch behinderte Mitarbeiter zu kündigen, es besteht auch eine 6-monatige Probezeit des Behinderten, in der überhaupt kein Kündigungsschutz gegeben ist. Die Probezeit kann sogar auf 1 Jahr erstreckt werden. Nach einer derart langen Zeit muß es wohl jedem Arbeitgeber möglich sein, die Verwendungsfähigkeit eines Mitarbeiters zu beurteilen. Weitere Maßnahmen wären eine Kompetenzerweiterung des Sozialministers, die Verbesserung des Arbeitsamtsservice durch die Einstellung besser qualifizierten Personals und die Bevorzugung "begünstigter Behinderter" bei der Stellenvergabe.

    Eine Verstärkung der Position der Behindertenvertrauenspersonen in den Betrieben ist unverzichtbar. Derzeit führen sie nur ein Schattendasein, ihre "Erfolge" sind dementsprechend. Die Ausbildung für behinderte Menschen muß vom derzeit äußerst eingeengten Angebot in den Sondereinrichtungen in die allgemeinen Schulungsmöglichkeiten verlagert werden.

    Das Instrument des "Geschützten Arbeitsplatzes" auf dem freien Arbeitsmarkt ist zu verstärken. Da die Geschützten Werkstätten ihrem gesetzlichen Auftrag als Durchgangsstation zum freien Arbeitsmarkt nicht nachkommen, ist eine Neubestimmung dieser Einrichtung erforderlich.

    Nur die baldige Realisierung dieser und verwandter Maßnahmen bietet eine Chance, die Zahl der ins Abseits gedrängten behinderten Menschen zu reduzieren.

    Der kurze Weg von der guten Absicht zur bösen Tat. Die Ermittlung der Pflichtzahl

    Im vorhergehenden Artikel wurde gezeigt, Artikel wurde gezeigt, daß arbeitsfähige behinderte Menschen größte Schwierigkeiten haben, eine Anstellung zu finden. Leider kommen auch viele öffentliche Stellen ihrer Verpflichtung zur Beschäftigung behinderter Arbeitnehmer nur ungenügend nach. § 1 des Behinderteneinstellungsgestz besagt ja, daß alle Dienstgeber, die im Bundesgebiet 25 oder mehr Dienstnehmer beschäftigen, verpflichtet sind, auf je 25 Beschäftigte einen begünstigten Mitarbeiter einzustellen.

    Welche Entwicklung hat die Behinderteneinstellung nach dem 1 Weltkrieg genommen? In den zwanziger Jahren lautete die für die Einstellung meist Kriegsinvalider "Begünstigter" 1:15, nach dem zweiten Weltkrieg, als auch die Zivilinalvaliden erfaßt wurden, stieg sie auf 1:20. Im Jahre 1975, auf dem Höhepunkt der Kreisky - Ära, wurde sie auf Fortschritt, sowie der verschärfte Arbeits- und Freizeitdruck die Zahl der oft sehr jungen Behinderten rasant ansteigen ließ. Wer eines der drei Rehabzentren der AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt) besucht, sieht sich überwiegend von jugendlichen Schwerstverletzten umgeben. Nach erfolgter Menschen oft vor die unlösbare Aufgabe gestellt, einen behindertengerechten Arbeitsplatz zu ergattern. Wenn öffentliche und private Dienstgeber sich wenigstens an das Verhältnis 1:25 halten würden, wäre hier schon viel gewonnen. Es wurde aber bereits gezeigt, daß die Einstellungsverpflichtung grob mißachtet wird. Zum groß angelegten Sozialbetrug wird die Vorgangsweise des Gesetzgebers aber, wenn man sich die Mühe macht, zu untersuchen, wie die Pflichtzahl für die Bestimmung der einzustellenden Behinderten errechnet wird.

    Für die Bestimmung dieser Schlüsselzahl sind von der Gesamtzahl aller Dienstnehmer 10% abzuziehen, falls mehr als die Hälfte der Beschäftigten weiblichen Geschlechts sind, werden 20% abgezogen. Die verbleibende Zahl wird dann noch um die Zahl der behinderten Arbeitnehmer verringert. Wer jetzt glaubt, daß für den verbleibenden Rest das Verhältnis 1:25 gilt, hat nicht mit der Schlauheit des Gesetzgebers gerechnet. Der Sozialminister hat nämlich das Recht, auf dem Verordnungsweg - also ohne Befassung des Parlaments - Ausnahmeregelungen für diverse Wirtschafszweige zu erlassen: Er kann nach Vorliegen "technischer Gründe" das Verhältnis auf 1:20 reduzieren oder bis 1:50 erhöhen.

    Die Praxis zeigt, daß der Sozialminister von dieser Möglichkeit ausschließlich in Form der Verschlechterung der Verhältniszahl Gebrauch gemacht hat. So finden sich nahezu alle Wirtschaftszweige Ausnahmeregelungen bis zum Verhältnis 1:45!

    Während für bestimmte Branchen diese Vorgangsweise noch einsichtig sein mag, obwohl gerade durch die Computerisierung des Produktionsprozesses immer mehr Arbeitsplätze entstehen, die auch für behinderte Arbeitnehmer geeignet wären, mutet es doch höchst seltsam an, daß selbst Wirtschaftszweige wie die E-Wirtschaft, die Elektroindustrie und die Hilfseinrichtungen des Flugverkehrs, nahezu die gesamte Land-und Forstwirtschaft bis hin zum Wein- und Obstbau, das Speditionsgewerbe, die Bearbeiter von Glaswaren, die Erdöl- und Erdgasverarbeiter und viele andere mehr Ausnahmeregelungen zugesprochen erhielten. Fast die gesamte Verstaatlichte Industrie, AUA, ÖMV, SIEMENS und andere Großunternehmen müssen aus "technischen Gründen" darauf verzichten, behinderte Arbeitnehmer im Normalausmaß anzustellen. Als ob diese Großunternehmen nicht über genügend Büroarbeitsplätze verfügten! Wer hat Angst davor einen Gehbehinderten zur Überwachung großtechnischer Anlagen einzusetzen? Das Argument, dem Gehbehinderten könnte schlecht werden, gilt ja wohl auch für Langstreckenläufer. Sind behinderte Arbeitnehmer dümmer oder sind sie weniger verantwortungsbewußt? Viele Fragen, eine Antwort: das Verhältnis 1:25 besteht nur auf dem Papier, das tatsächliche Verhältnis liegt weit darüber.

    Dieser raffinierte Umgang mit der vom Gesetz vorgeschriebenen Schlüsselzahl wird aber vom öffentlichen Dienstgeber (Bund, Länder, größere Städte) noch übertroffen. Er genehmigt sich bei der Berechnung der Pflichtzahl gleich einmal einen Abzug von 40 % (§ 4 des BEinstG), um die verbleibende Zahl dann um die Anzahl der eingestellten Behinderten zu vermindern. Vom Verhältnis 1:25 kann also auch beim öffentlichen Dienstgeber keine Rede sein! Wenn man dazu noch in Rechnung stellt, daß selbst diese äußerst elastische Gestaltung der Pflichtzahl nicht dazu führt, daß die ohnehin "aufgeweichte" Beschäftigungspflicht eingehalten wird, so kann es mit dem Willen des Gesetzgebers zur Integration behinderter Menschen nicht weit her sein.

    Daß es auch anders geht, beweist die Bundesrepublik Deutschland. Im Gegensatz zu Österreich, wo gesetzlich 4 Behinderte auf 100 Arbeitnehmer eingestellt werden sollten (de facto sind es, wie gezeigt, noch weniger), lautet das Verhältnis bei unserem Nachbar 1:16: Auf 100 Beschäftigte kommt also eine Pflichtzahl von 6 Schwerstbehinderten.

    Vollends zum Fiasko wird der Vergleich mit unserem gelobten Sozialstaat, wenn man weiß, daß 1. der Bund in der BRDB seine Einstellungspflicht voll erfüllt, und 2. kaum Ausnahmen von der Verhältniszahl zuläßt.

    Unser einziger "Hoffnungsschimmer" ist nun der neue Sozialminister, der kühn und kämpferisch angekündigt hat, seine Kollegen Minister und die Herren Landeshauptleute davon in Kenntnis zu setzen, daß auch Behinderte eingestellt werden können! Ihm rufen wir zu: Wir rollen mit Ihnen! Vielleicht sind wir in zwanzig Jahren einen Schritt weiter.

    Der behinderte Autofahrer

    Mobil zu sein, bedeutet in einer auf Mobilität aufbauenden Gesellschaft, dabei sein, dazu gehören. Nicht mobil zu sein, ist altmodisch, langweilig, leistungsfeindlich. Mobil zu sein, auf die wechselnden Erfordernisse des Marktes flexibel zu reagieren, ist Staatsbürgerpflicht. Auch behinderte Menschen sind Staatsbürger, auch Krüppel wollen oder müssen arbeiten. Folglich ist es auch unsere Pflicht, mobil zu sein.

    Wir wollen nicht zuhause sitzen, sondern am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Am besten haben es diejenigen von uns, die nicht nur "arbeitsfähig" sind, sondern auch eine Arbeit gefunden haben. Sie bekommen Zuschüsse beim Ankauf von PKWs, für sie werden eigene Parkzonen eingerichtet. Und doch ist das System dieser Hilfen halbherzig, widersprüchlich und zum Teil widersinnig. Vom Autokauf, über die Konditionen der Versicherungen bis zur Praxis der "Behindertenparkplätze" macht der behinderte Autofahrer überraschende Erfahrungen.

    Autos werden für Normmenschen gebaut; die simple Aufgabe einen Mittelklasse-PKW mit rund 90 PS, niederer Ladebordkante (wegen des Rollstuhls), Automatik und zwei Türen (Rollstuhl) zu bauen, wird von den Autokonzernen nicht gelöst. Derartige Modelle sind auf dem Markt nicht erhältlich. Was bleibt, sind Kompromisse, die der behinderte Lenker eingehen muß. Weil es das gewünschte Auto zweitürig nicht gibt, muß er zum Beispiel den Rollstuhl zerlegen und über den Kopf auf die Rücksitzbank stemmen.

    Automatikautos werden fast immer mit Luxusausstattung geliefert, diese zahlt der auf die Automatik angewiesene Kunde mit, ob er getönte Scheiben will oder nicht.

    Da wir soviel Luxus beanspruchen, müssen wir auch die zweiunddreißigprozentige Luxussteuer zahlen. Offensichtlich ist der Finanzminister der Ansicht, daß auch für behinderte Lenker das Auto ein Luxus ist, den es fiskalisch zu verteuern gilt. Zwar gibt es die Möglichkeit, über den Nationalfonds der Behinderten diese Luxussteuer ersetzt zu bekommen, darauf besteht aber kein Rechtsanspruch.

    Versicherungen behandeln behinderte und nichtbehinderte Lenker in der Tarifgestaltung absolut gleich. Die Gleichheit endet allerdings im Leistungsbereich. Erleidet ein behinderter Lenker einen Unfall, der bleibende Invalidität hervorruft, so sind seine Aussichten, die dafür vorgesehene Deckungssumme zu erhalten, ebenso groß wie die Chance, mit dem Rollstuhl den Stephansdorn zu erklimmen. Die Versicherungen verfügen nämlich über hervorragende Ärzte, die im Schadensfall hieb - und stichfest beweisen, daß die durch den Unfall eingetretene zusätzliche Behinderung ursächlich mit der bestehenden Invalidität zusammenhängt, was die Versicherung von der Leistung entbindet. Wir zahlen also für etwas, das wir nicht beanspruchen können.

    Behinderte Lenker werden zwar auf Antrag von der KFZ-Steuer befreit, über unsere hohen Benzinkosten, für viele von uns ist das Auto der größere Bruder des Rollstuhls, tragen wir aber unser Scherflein zum Straßenbau bei. Der Gesetzgeber revanchiert sich dafür, indem er eigens für uns reservierte Parkplätze einrichtet. Um zu verhindern, daß die behinderten Automobilisten tatsächlich von diesen Parkplätzen Gebrauch machen, sorgt er aber auch dafür, daß diese Stellplätze nicht frei gehalten werden.

    Auch mit der Anfang März 1990 erfolgten Novellierung des § 89 STVO (er regelt die Abschleppung verkehrswidrig abgestellter Fahrzeuge, nunmehr dürfen auch nichtbehinderte Lenker einen Parkplatzusurpator zur Anzeige bringen) werden freie "Behindertenparkplätze" Mangelware sein. Solange sich die Polizei auf die rücksichtslosen Lenker, diese wiederum auf die lasche Polizei ("I steh oft auf diesem Parkplatz und bin noch nie gestraft worden!") und beide auf den inkonsequenten Gesetzgeber ausreden können, wird der Parkplatzdschungelkrieg für behinderte Lenker fortgesetzt.

    Gleichbehandlung bitte warten oder Zivilinvalide ab ins Heim!

    Mindestens 300.000 Österreicher sind ständig auf Hilfe und Pflege angewiesen aber nur für einen Teil von ihnen gibt es ausreichende finanzielle Mittel, um jene Dienstleistungen bezahlen zu können, die sie für ein menschenwürdiges, selbstbestimmtes Leben benötigen. Der Rest muß zusehen, wie er zu seiner Hilfe kommt. Für behinderte Menschen, die manche Besorgungen des täglichen Lebens nicht selbst erledigen können, hat dies dreierlei Konsequenzen. Zum einen diktieren die knappen Mittel ständige Einschränkungen auch für notwendige Dinge. Wer sechstausend Schilling pro Monat für mobile Wasch-, Einkaufs- und Sozialdienste aufwenden muß, hat meist nicht das Geld für einen Erholungsurlaub im Süden.

    Zum zweiten wird der Betroffene zum Bittsteller degradiert, der von Pontius zu Pilatus laufen muß, um ein paar hundert Schilling Aushilfe zu erhalten. Drittens bleibt der behinderte Mensch, der bei entsprechender Planung und Rücksichtnahme durchaus imstande wäre, ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben zu führen, einer oft kafkaesken Sozialbürokratie ausgeliefert.

    Als schlimmste "Lösung" droht die Abschiebung in Heime. Immer wieder geschieht es, daß auch junge behinderte Menschen in Altersheimen "endgelagert" werden! Diese Euthanasie auf Raten, die bundesweit an rund 40.000 behinderten Menschen vollzogen wird, ist eine grobe, fortgesetzte, an einer ganzen Bevölkerungsgruppe begangene Verletzung des Menschenrechts auf ein selbstbestimmtes Leben.

    Der Staat läßt sich die Wegsperrung der Krüppel viel Geld kosten. Dafür nimmt er sich das Recht heraus, diese Gruppe aufzusplittern, damit sie politisch ungefährlich bleibt. Nicht jeder Krüppel ist dem Staat gleich viel wert. Am teuersten sind ihm, wer hätte daran gezweifelt, die Kriegsinvaliden. Sie erhalten im Durchschnitt monatlich 7.084 Schilling Zusatzleistung. Weniger teuer sind ihm die Arbeitsunfallopfer (3.998 Schilling), und eine Zumutung sind für ihn Menschen, die ihre Behinderung in der Freizeit "erworben" haben oder von Geburt an behindert sind. Sie erhalten monatlich durchschnittlich Unterstützungsbeträge von rund 2.600 Schilling.

    Die Kriegsopfer werden ausreichend, nach dem Ausmaß der nötigen Hilfe abgestuft, versorgt, und haben daher genug Finanzkraft, sich die erforderlichen Dienstleistungen zu kaufen. Uns ist kein Fall bekannt, daß ein Kriegsopfer in einem Pflegeheim landete. Warum ist diese Hilfe vorbildlich? Weil sie ausreichend und verbindlich, also bundesweit gesetzlich fixiert ist. Der Kriegsinvalide hat soviel Finanzmittel zur Verfügung, daß er als gleichberechtigter Partner verschiedener persönlicher Assistenten und Assistentinnen auftreten kann. Er kauft sich also nicht nur Verläßlichkeit sondern auch Menschenwürde, zwei Güter, die er im Rahmen der Familien- und Nachbarschaftshilfe oder von Sozialdiensten zwar erbitten, aber nicht ständig erwarten kann.

    Sozialdienste sind in ihrer gegenwärtigen Struktur überhaupt problematisch. Wären Sie erfreut, wenn die Hilfe, auf die Sie angewiesen sind, nur zwischen sieben und sechzehn Uhr verfügbar ist - und auch das nur von Montag bis Freitag? Könnten Sie sich die Heimhilfen leisten, die in Wien über die sozialen Stützpunkte zugeteilt werden? Eine Stunde kostet 160 Schilling und diese Tarife sind bereits bei geringen Einkommen in voller Höhe zu entrichten.

    Es ist bemerkenswert, daß diese Form verordneter Sozialtechnologie Anhänger in allen weltanschaulichen Lagern hat. Besonders laut tönen die Lobreden jener, die nicht auf diese Dienste angewiesen sind: Nichtbehinderte Politiker, Beamte im Sozial- und Gesundheitssektor, selbsternannte Experten und Vereinsfunktionäre.

    Im Jahr 1986 hat der "Österreichische Zivilinvalidenverband" eine Unterschriftenaktion mit dem Ziel einer Gleichbehandlung der Zivilinvaliden mit den Kriegsopfern im Pflegebereich durchgeführt. Mehr als 60.000 Unterschriften wurden als Petition im Nationalrat eingebracht. Das Ausmaß des Interesses der Regierungsparteien anden existenziellen Problemen schwerstbehinderter Menschen wird deutlich, wenn man weiß, daß diese Petition durch Terminüberschreitung verfiel und, nach verzweifeltem Kampf Manfred Srbs, erst am letzten Tag vor dem abermaligen Ablaufen der Beratungsfrist im zuständigen Nationalratsausschuß behandelt wurde.

    Was würde die Gleichstellung aller Kategorien von pflegebedürftigen behinderten Menschen kosten? Wie groß ist der betroffene Personenkreis? Wie könnte die Gleichstellung finanziert werden?

    Dies wurde im Auftrag der "Grünen Bildungswerkstatt" von zwei Sozialwissenschaftern untersucht[10] Ergebnis: Für die betroffenen 300.000 Personen würden sich die Mehrkosten gegenüber den bestehenden, nicht ausreichenden Leistungen auf maximal 9,6 Mrd. Schilling belaufen. Die Finanzierung dieses Betrages, so die Autoren, könnte zum Beispiel mit etwa 0,8 % der Bruttolohnsumme aller beitragspflichtigen Erwerbstätigen erfolgen, wobei an eine Kostenteilung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gedacht wird.

    Im Gegensatz zu den Autoren der Studie kennen wir eine wesentlich einfachere Finanzierungsmöglichkeit: Verzicht auf die Bundesheeraufrüstung und Zwangsbesteuerung aller Vermögen über 10 Millionen Schilling. Wir sind davon überzeugt, daß diese Forderung auch in der Bevölkerung auf Zustimmung stößt.

    Abbildung 3. Abbildung 3: Mahnwache des Krüppelforums vor dem Stephansdom, Oktober 1990

    Fotografie in schwarz-weiß; Szene aus einer Mahnwache; vier
Menschen die sich beraten

    Vom Segen des Monopols - Der Hilfsmittelmarkt

    Menschen mit teilweisem oder gänzlichem Funktionsverlust bestimmter Sinne oder Organe sind in ihrer Lebensführung beeinträchtigt. Behindert werden sie erst, wenn die zur Kompensation ihrer Beeinträchtigung notwendigen Maßnahmen und Einrichtungen nicht ausreichen. Wenn Rollstuhlfahrer öffentliche Verkehrsmittel oder öffentliche Gebäude nicht befahren können, weil Rampen oder Lifte fehlen, werden sie behindert. Wenn Menschen mit eingeschränkten Arm- oder Fingerfunktionen darauf angewiesen sind beim Essen Spezialbesteck zu verwenden und dieses Besteck nicht oder nur zu horrenden Preisen erhältlich ist, werden sie behindert. Wenn die Sozialversicherungsträger bei den Ausgaben für Heilbehelfe sparen und die Finanzierung einer Turnmatte für einen Querschnittgelähmten ablehnen, weil sie "therapeutisch nicht notwendig" sei, behindern sie.

    Der Hilfsmittelmarkt ist ein kleiner aber für die beteiligten Firmen lukrativer Markt, der weitgehend frei von Konjunkturschwankungen ist. Er ist weiters von fehlender Markttransparenz und wucherähnlichen Preisen gekennzeichnet. Den Erzeugern nachgelagert sind private Handelsfirmen, die zum Teil als Exklusivvertreiber eines Produkts (z.B. Rollstühle) auftreten. Mit diesen Firmen treten dann die Behinderten in Kontakt. Auf der Suche nach bestimmten Hilfsmitteln fahren sie zu den Handelsfirmen und erkundigen sich nach dem Angebot. Je nach Firma erfolgt die Beratung ausführlich oder knapp, von geschultem oder ungeschultem Personal. Ist die Firma Alleinimporteur eines bestimmten Produkts, wird sie Konkurrenzprodukte nicht führen. Das Auswählen eines Rollstuhles zum Beispiel wird auf diese Art zu einem Glücksspiel. Nun ist der Rollstuhl für den Benützer ja nicht irgendein Konsumartikel, sondern ein Ersatz für fehlende Mobilität. Wer je in verschiedenen Rollis gesessen hat, weiß welch beträchtliche Differenzen zwischen den einzelnen Marken existieren. Die Palette reicht von den panzerähnlichen Ungetümen, wie sie in Spitälern und auf Flughäfen für Behinderte bereit gehalten werden, bis zu Leichtmetallstühlen mit positivem Sturzwinkel. Neuerdings gibt es auch Rennrollstühle oder Tennisrollstühle. Da sie aber ebenso wie normale Rollstühle von 20.000 Schilling aufwärts kosten, vom Sozialversicherungsträger meist aber nicht finanziert werden, sind sie ebenso selten anzutreffen wie ein freier Behindertenparkplatz. Was jeder Autokäufer entrüstet von sich weisen würde, nämlich das erstbeste Modell zu kaufen, weil Vergleichsmodelle nicht vorhanden sind, ist für Behinderte auf der Suche nach Behelfen Realität. Einen jährlichen erscheinenden Katalog von Hilfsmitteln gibt es nicht, meist sind die Behinderten über das Angebot nicht informiert. Das Behindertenmagazin "Mobil" versagt wie der ORF auch auf diesem Gebiet, auch Konsumentenzeitschriften vernachlässigten bisher diesen Marktsektor.[11]

    Der Hilfsmittelmarkt ist die Kehrseite des Behindertenarbeitsmarkts. Ist jener ein klassischer Käufermarkt - die Arbeitskraft tausender Behinderter sucht nach Käufern - ist der Hilfsmittelmarkt ein klassischer Verkäufermarkt mit monopolistischer Allmacht der Produzenten. Die Marktdominanz der Hilfsmittel erzeugenden Unternehmen - in Europa sind es drei, höchstens vier Konzerne, die den Markt unter sich aufteilen - erlaubt es den Produzenten sowohl das Angebot, als auch die Nachfrage nach Heilbehelfen zu steuern. In dieser Hinsicht folgt der Hilfsmittelmarkt einer bereits 1963 vom US-amerikanischen Ökonomen und späteren Nobelpreisträger Arrow festgestellten Eigenheit des Gesundheitsmarktes: der Vorherrschaft des Angebots gegenüber der Nachfrage, welche den Marktmechanismus, also die Koordination von Angebot und Nachfrage über den Preis nahezu ausschaltet.[12]

    Da die Hilfsmittel erzeugenden Konzerne Angebot und Nachfrage kontrollieren, bestimmen sie folglich auch den Preis für ihre Produkte, können sie doch der Sozialbürokratie mit geballter Marktmacht gegenübertreten. Extraprofite sind in dieser Branche nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

    Für den Produzenten ist der behinderte Nutzer von Hilfsmitteln das unwichtigste Glied in der Akkumulationskette des eingesetzten Kapitals, es genügt seine physische Präsenz. Diese Anforderung wird alleine von der Motorrad- und Autoindustrie im Verein mit den Straßen- und Verkehrsplanern zur Zufriedenheit erfüllt. Der wahre Partner des Hilfsmittelproduzenten ist die Sozialbürokratie. Sie entscheidet über die Zulassung der verschiedenen Heilbehelfe, der Chefarzt bewilligt das vom Hausarzt auf Verlangen des Behinderten verordnete Hilfsmittel oder er lehnt es ab. Die gehandikapten Verbraucher, der verschreibende Arzt oder Therapeuten haben nichts mitzureden. Nur der außergewöhnlichen charakterlichen Festigkeit der Chefärzte ist es zuzuschreiben, daß eine Konstellation, die den Hilfsmittelproduzenten "Geschenke» zur Erlangung bestimmter Zulassungen nahelegt, von den Chefärzten nicht in Anspruch genommen wird. Umgekehrt sinken die Chancen des Behinderten ein Hilfsmittel vom Chefarzt genehmigt zu bekommen mit dem Fortschreiten der "Budgetsanierung". Die Begründung "therapeutisch nicht zweckmäßig" fließt umso leichter aus der Feder, je größer der Druck auf die Sozialbudgets wird. Es ist aber nicht möglich, von den einzelnen Krankenkassen Unterlagen darüber zu bekommen, wieviel Ansuchen auf Heilbehelfe mit welcher Begründung pro Jahr abgelehnt werden. Auch der Hauptverband der Sozialversicherungsträger ist nicht in der Lage, diese Frage zu beantworten. Die Budgetsanierungspolitik zwingt die Sozialbürokratie zu sparen. Gespart wird dort, wo es am leichtesten geht, im Regelfall also an einer Bevölkerungsgruppe, die in der Öffentlichkeit schlecht vertreten ist (fehlende "Standesmacht") und nur wenig "Marktmacht" hat. Beide Kriterien treffen für behinderte Menschen und den Heilbehelfsmarkt zu.

    Durch die fehlende Transparenz können Vergleiche mit früheren Jahren und mit anderen Krankenkassen nicht durchführt werden. Nur ein intensives Umhören der Behinderten unter ihresgleichen läßt grobe Rückschlüsse auf die Genehmigungspraxis der einzelnen Sozialversicherungsträger zu. Ohne Zweifel wird derzeit gerade auf diesem Gebiet rigoros gespart. Diesen Befund erbrachten nicht nur Gespräche mit Behinderten, auch diverse andere Indizien, die wir in der nächsten Folge anführen werden, legen diese Schlußfolgerung nahe.

    Im nächstfolgenden Artikel werden wir zeigen, daß die Hilfsmittelversorgung in Österreich im argen liegt, wie dieses Problem in Schweden gelöst wird, und wie eine radikale Reform auf diesem Gebiet aussehen müßte.

    Hilfsmittel: Sparsame Sozialbürokratie und horrende Preisunterschiede

    Im letzten Artikel untersuchten wir die Struktur des Hilfsmittelmarkts. Diesmal wollen wir uns mit seinen Auswirkungen auf den Konsumenten beschäftigen.

    Im Rahmen einer Forschungsarbeit[13] entwickelte der Verein für Konsumenteninformation" ein Wohnungsberatungsmodell, das auch auf die Bedürfnisse behinderter Menschen eingeht. Ebenfalls im Zuge dieser Untersuchung wurde erstmals in Österreich ein Preisvergleich zwischen Hilfsmitteln vorgenommen. Dabei traten erstaunliche Fakten zu Tage. So differieren bei den Hilfsmittelfirmen die Preise für einen höheren Toilettensitz von 942,-- bis 1.224,-- öS, ein Strumpfanzieher ist von 66,-- bis 367,-- öS zu haben, ein Spezialschneidbrett von 302,-- bis 650,-- öS, ein Universalhalter von 348,-- bis 750,-- öS, ein Schraubverschlußöffner von 163,-- bis 350,-- öS, eine Spezialkehrschaufel von 552,-- bis 1.000,-- öS und ein Haltegriff von 652,-- bis 1.250,-- öS. Die Preisvergleiche beziehen sich jeweils auf dasselbe Produkt, die Kalkulationen der Firmen folgen offensichtlich außerirdischen Gesetzen. Die freizügige Preisgestaltung der Hilfsmittelfirmen. wird aber erst im vollen Umfang sichtbar, wenn man die Preise des identen Produkts mit denen im "Allgemeinen Fachhandel" vergleicht. Derselbe Dosenöffner kostet hier von 359,-- bis 775,-- öS, ein Schraubverschlußöffner von 99,-- bis 350,-- öS, ein Schuhanzieher von 68,-- bis 96,-- öS und eine Badewannenmatte von 218,-- bis 280,-- öS.

    Wenn man bedenkt, daß viele dieser Anschaffungen von Behinderten regelmäßig getätigt werden müssen, bekommt der aus dem Steuerrecht stammende Begriff "Behinderungsbedingte Mehrausgaben" einen tieferen Sinn. Nicht nur, daß der Markt verfilzt und unübersichtlich ist, können in diesem Marktsegment, das bisher vom Licht der Öffentlichkeit unbehelligt gedieh, noch frühkapitalistische Handelsspannen realisiert werden.

    Wer nun den Handelsfirmen den schwarzen Peter für die Überteuerung der Heilbehelfe zuspielt, übersieht, daß auch die Produzenten an der generösen Preisgestaltung nicht unbeteiligt sind. Der Hilfs- und Heilbehelfsmarkt für Schwerbehinderte zählt zu den am meisten monopolisierten Branchen. Drei bis vier europäische und einige transatlantische Multis bestimmen den Markt, legen Stückzahlen fest, vermeiden kostenintensive Lagerhaltung und produzieren in Serie nur nach Bedarf, das heißt, nicht die Nachfrage bestimmt das Angebot, sondern es ist umgekehrt das von den Multis angebotene schmale Programm, mit dem der Konsument auszukommen hat. Erst wenn alle Lager geleert sind, werden die Förderbänder wieder in Gang gesetzt. Der auf den Heilbehelf angewiesene Behinderte wartet dadurch oft monatelang auf ein Ersatzteil. Der Zugriff der Hersteller auf den Vertrieb ist erdrückend: einige Handelsfirmen werden an den Hersteller gebunden, somit ist die Auswahl von Heilbehelfen für die Behinderten sehr einfach, fällt die Entscheidung doch meist nur unter den oft wenigen Produkten eines Erzeugers. Direkte Vergleiche, zum Beispiel zwischen Rollstühlen, sind kaum möglich. Gebietsabsprachen verhindern, daß sich die Vertriebsfirmen desselben Herstellers gegenseitig Konkurrenz machen. Was normalerweise jedem Kauf von Artikeln des täglichen Bedarfs vorausgehen sollte, die Prüfung des Angebots, muß der potentielle Kunde ohne Hersteller und Vertriebsfirma leisten, meist, indem die Behinderten untereinander ihre Erfahrungen austauschen. Darin liegt der tiefere Grund dafür, daß sich zwei Rollstuhlfahrer bei ihrer ersten Begegnung nach kurzer Zeit über ihre fahrbaren Untersätze ausfragen. Diese Leute sind nicht "wagerlfixiert", wie manche Unbeteiligte meinen könnten, sondern jene Gespräche sind nahezu die einzige Möglichkeit, Erfahrungen mit lebenswichtigen Behelfen zu sammeln.

    Wo spart die Sozialbürokratie?

    1988 wendeten die Sozialversicherungsträger 1,464 Mrd. öS für Heilbehelfe auf. Damit wurde wiederum eine zweistellige Steigerungsrate verzeichnet. Den höchsten Zuwachs der letzteren datiert aus 1985 mit 16,4 %, seither sinken die Zuwachsraten, bleiben aber noch immer auf hohem Niveau (1988: 11,1%). Die Einführung des Selbstbehaltes bei Heilbehelfen im Jahre 1982 - er beträgt derzeit mindestens 186.-- öS - reduzierte die Ausgabenleistung nur für zwei Jahre.[14]

    Das Ansteigen der Ausgaben für Hilfbehelfe und Hilfsmittel wird auf die Erhöhung der Preise und auf eine bedeutende Verschiebung in der Struktur der verordneten Heilbehelfe zurückgeführt. Besonders seit dem Einstieg der Foto- und Elektronikdiskonter in das Brillenfachgeschäft wirkte sich dies nachhaltig aus. Innerhalb weniger Jahre wurde die Brille samt Fassung von einem Bedarfs- zu einem Modeartikel, der je nach Modediktat erneuert wird. Die Ausgaben für optische Heilbehelfe waren demnach 1987 bereits höher als die Ausgaben für orthopädische Behelfe (368 zu 42 Mio. öS). Verschwindend gering nehmen sich dagegen die Aufwendungen für Körperersatzstücke (33 Mio.) und "Krankenfahrstühle" (43 Mio.) aus. Trotzdem wird es gerade bei diesen für Schwerbehinderte unverzichtbaren Hilfsmitteln immer schwieriger Verordnungen genehmigt zu bekommen, wobei sich die Ungleichbehandlung der Behinderten auch hier fortsetzt: ein berufstätiger Behinderter hat zum Beispiel Anspruch auf zwei Rollstühle, ein Nichtberufstätiger nur auf einen, und das auch nur alle fünf Jahre.[15]

    Bei nur rund 4 % der Sehbehinderten ist die körperliche Beeinträchtigung so stark, daß von einer schwerwiegenden Behinderung gesprochen werden kann. Trotzdem explodieren gerade in diesem Bereich die Ausgaben der Sozialversicherungsträger, Ausgaben, die woanders eingespart werden. Wo ist dies am leichtesten? Bei den Schwerbehinderten, denn sie verfügen weder über ausreichende Standes- noch über große Marktmacht. Umgekehrt sind Optiker, Fotohändler, orthopädische Schuhmacher und Zahnärzte mit mächtigen und verhandlungsstarken Lobbys gesegnet, die den Sozialversicherungsträgern ansehnliche Preissteigerungen abtrotzen. Die Situation für Schwerbehinderte ist also doppelt prekär. Nicht nur sind sie gezwungen, sich selbständig über den Hilfsmittelmarkt zu informieren; sie sind infolge der kartellähnlichen Marktlage meist nicht in der Lage, die diversen Produkte in Preis und Leistung miteinander zu vergleichen. Dazu kommt dann noch die Unsicherheit, ob das ausgewählte Hilfsmittel vom Chefarzt bewilligt wird. Erfolgt die Genehmigung nicht, muß der Behinderte die durch Monopolspannen horrend teuren Produkte aus der eigenen Tasche bezahlen. Die ohnehin nicht von übergroßem Kampfeifer beseelten Behindertenverbände sind nicht in der Lage die Genehmigungspraxis der diversen Sozialversicherungsträger zu kontrollieren, da entsprechende Daten nicht veröffentlicht werden.

    Vom Bittsteller zum Partner: Selbstbestimmt Leben" mit Hilfsmitteln

    In Schweden erfolgt die Hilfsmittelversorgung nicht über den freien Markt wie in Österreich, sondern über ein öffentliches dezentrales Netzwerk, dessen Kern das Handikappen-Institut ist.

    Diese, für viele Staaten beispielhafte Einrichtung arbeitet an der Forschung und Entwicklung neuer Hilfsmittel und Heilbehelfe, organisiert Enqueten, überprüft die Eignung bestehender Behelfe und sorgt für die notwendige Information über den Hilfsmittelmarkt, indem es Produktinformationen herausgibt und Kurse veranstaltet, die neue Hilfsmittel den zukünftigen Benützern vorstellen. Ebenfalls diesem Zweck dient das jährlich vom Institut herausgegebene Hilfsmittelverzeichnis, das gut 90% der schwedischen Hilfsmittelversorgung steuert. Nur Produkte, die im Verzeichnis enthalten sind, kommen zur Verteilung, wobei die Vergabe grundsätzlich kostenlos erfolgt. Verschiedene, vom "Handikappen-Institut" eingerichtete Fonds dienen der Produktion komplizierter, teurer Hilfsmittel, die über den Markt sonst nicht hergestellt werden könnten.

    Über ein zentrales Ausschreibungssystem für Produktion und Verkauf von Hilfsmitteln wird eine möglichst große Marktübersicht gewährleistet.

    Selbstverständlich werden die Hilfsmittel vom "Handikappen-Institut" periodisch auf Sicherheit und Zweckmäßigkeit überprüft.

    Der bei den Provinziallandtagen eingerichtete Hilfsmittelrat dient der Koordination der Hilfsmittelversorgung und der Sammlung von Erkenntnissen. Er wird hauptsächlich bei übergeordneten und besonders kostenträchtigen Fragen angerufen. Vom Hilfsmittelrat werden alle Arten von Rollstühlen, Gehhilfen, Personenhebekräne, Betten und einfachere Hilfsmittel abgegeben. Die Hörhilfezentrale organisiert die Versorgung mit hörtechnischen Behelfen. Verschreibung, Anpassung, Training und technischer Pflegedienst sind zu einem einander ergänzenden System ausgebaut. Die Sehhilfenzentrale befindet sich noch im Aufbau und existiert noch nicht in allen Provinzen. Im Vollausbau soll sie ähnlich wie die Hörhilfezentrale funktionieren. Die Arbeit mit Prothesen und Orthesen ist in "orthopädischen Werkstätten" konzentriert, die an Stützpunktkrankenhäusern eingerichtet sind.

    Neben den Hilfsmitteln gibt es "kostenlosen Gebrauchsartikel" wozu Injektionsspritzen und Kanülen für Zuckerkranke ebenso zählen, wie Bandagen und Inkontinenzmittel. Nach Verschreibung durch dazu berechtigtes Personal, das sind neben den Ärzten auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Bezirkskrankenschwestern, werden diese Artikel über die Apotheken kostenlos abgegeben. Die Finanzierung erfolgt durch die allgemeine Krankenversicherung.

    Dieses, in den sechziger und siebziger Jahren aufgebaute Versorgungsnetz wird von den Behinderten überwiegend positiv aufgenommen, wobei aber nicht verschwiegen werden soll, daß auch dieses System mannigfaltige Problem in sich birgt. Wenn es auch gelungen ist, behinderte Bürger unabhängig von ihrem Wohnort und Einkommen ausreichend mit Hilfsmitteln zu versorgen, so ist doch die Vielzahl von Einrichtungen oft ein Quell bürokratischer Kapriolen. Immer wieder kommt es vor, daß Behinderte Hilfsmittel bei verschiedenen Institutionen beantragen müssen. Dies ist oft zeitraubend und führt manchmal zu unterschiedlichen Wertungen des Bedarfs. Ferner setzt das schwedische System für den Behinderten viele Begrenzungen, wenn er seine Hilfsmittel selbst wählen will, entscheidet doch meist ein Beamter des Gesundheitsdienstes, wenn auch nach vorheriger Beratung mit dem Behinderten, über die Wahl des Hilfsmittels. Außerdem ist es oft schwierig Hilfsmittel, die außerhalb des angebotenen Systems angeboten werden, zu erhalten. Besonders in Zeiten budgetärer Knappheit wirkt sich dies negativ aus.

    Wie muß eine Reform der Hilfsmittelversorgung in Österreich aussehen?

    Ein erster Reformschritt in der Hilfsmittelversorgung muß die Herstellung umfassender Transparenz sowohl auf seiten der Sozialversicherungsträger, als auch auf seiten des Marktes umfassen. Jährliche Publikationen über die Begutachtungspraxis der Chefärzte, der daraus entstehende Mittelaufwand und die Information der Behindertenverbände sind unumgänglich. Für den Hilfsmittelmarkt müssen die Behindertenverbände und die Medien, vor allen Dingen der ORF im Rahmen seines öffentlich-rechtlichen Auftrages, sowie die Konsumentenvereinigungen und die mit der Materie befaßten Ministerien und Landesstellen dafür sorgen, daß der derzeit völlig unübersichtliche Markt überschaubar gemacht wird. Die Publikation eines jährlich erscheinenden Fachkataloges und die Verteilung desselben unter den Behinderten wäre dazu ein erster Schritt.

    Die bisherigen Erfahrungen mit dem Hilfsmittelmarkt in Österreich sind aus mehreren Gründen schlecht: ein völlig privater Heilbehelfsmarkt führt zu kartellartigen Verhältnissen mit den geschilderten Nachteilen für die Behinderten und horrenden Kosten für die öffentliche Hand. Die Rückmeldung der Behinderten über das Funktionieren bestimmter Hilfsmittel an die Erzeuger funktioniert nicht, durchaus mögliche Verbesserungen oder Neuentwicklungen kommen dadurch nicht zustande! Gerade im Hilfsmittelbereich sind ja die Betroffenen die wichtigsten Experten. Sie vom Entwicklungsprozeß auszuschließen, heißt allzu oft am Bedarf vorbeiproduzieren.

    Eine unkontrollierbare Sozialbürokratie tritt nicht als Anwalt der Behinderten auf, sondern als Partner der Heilbehelfhersteller und -vertreiber. Die öffentlichen Stellen werden dadurch zu Anhängseln eines Pseudo-Marktes, der wie eine Karikatur jeglichen Marktgeschehens erscheint.

    Weiters muß eine Effektivierung der Sozialbürokratie im Sinne einer möglichst zweckmäßigen Hilfsmittelversorgung erfolgen. Die Sozialversicherungsträger müssen in die Lage versetzt werden, Standes- und Marktmacht industrieller Lobbys zu widerstehen. Dies wird auf die Dauer nur mit den Betroffenen gemeinsam möglich sein. Eine Verbesserung des Angebots, die Entwicklung neuer, besserer Hilfsmittel, die Ausnützung von Rationalisierungsmöglichkeiten, erfordern ein Zurückdrängen der Hilfsmittelkonzerne. Nach schwedischem Beispiel sollte eine Hilfsmittelzentrale eingerichtet werden, die mit eigenen Produkten oder Produkten heimischer Spezialfirmen die Monopolstellung der

    Multis unterläuft. Die neuorganisierte verstaatlichte Industrie könnte hier Schrittmacherdienste leisten. Kooperationen mit anderen Ländern sollten für die notwendigen Stückzahlen und eine ausreichende Marktgröße sorgen. Den im Umbruch befindlichen osteuropäischen Staaten könnte auf diesem Gebiet besser als mit Überschußgetreide geholfen werden, leben doch dort behinderte Menschen unter zum Teil entsetzlichen Verhältnissen.

    Abbildung 4. Abbildung 4: Werbung Magazin Los

    Abbildung 4: Werbung Magazin Los

    Behinderte in Österreich: Ausgesondert, isoliert, abgestempelt. "SelbstLOSe Helfer" verbreiten den Wohlgeruch ihrer guten Taten. Planlose Bürokraten vollziehen Gesetze. Von Interessen ist dabei nirgendwo die Rede.



    [10] K.Leichsenring/G.Tscherteu: "Möglichkeiten und Kosten einer Vereinheitlichung öffentlicher Transferzahlungen an pflegebedürftige Menschen in Österreich." Wien 1988

    [11] Das vom Verein für Konsumenteninformation herausgebene Magazin "Konsument" leistet auf diesem Gebiet Pionierarbeit: in der Nummer 2/90 der Zeitschrift erschien erstmals eine Marktübersicht über bestimmte einfache Hilfsmittel.

    [12] Uncertainty and the Welfare Economics of Medical Care: American Economic Review 53 (1963), S. 941, zit. in: Geppert, Walter: Effekte der angewandten Methoden zur Kostenbegrenzung und deren Weiterentwicklung, Aus: Soziale Sicherheit Nr. 2/89, S. 46.

    [13] Die folgenden Daten stammen aus der im Rahmen der Wohnbauforschung des BMWA geförderten Studie "Entwicklung eines Wohnungsberatungsmodells".

    [14] Die Ungleichbehandlung setzt sich auch regional fort. In der Steiermark beispielsweise, die durch hohe Arbeitslosenzahlen und niedriges Lohnniveau relativ "arme" Sozialversicherungsträger hat, ist die Genehmigungspraxis von Heilbehelfen besonders restriktiv.

    [15] Handbuch der österreichischen Sozialversicherung für das Jahr 1988, Teil 1, S. 42.

    Die Diskriminierung behinderter Menschen. Sprache, Kultur, Freizeit

    "Am Stadtrand, von St. Georgenthal kommend, in der Nähe einer Kiesgrube, wo es durch den sogenannten Kirchenbusch ging, hörte ich das Geschrei und Gelächter einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen. Zuerst glaubte ich, es handle sich um ein Kriegsspiel und ging langsam vorbei, bemerkte dann aber, daß zwischen ihnen im Schotter ein Mensch lag, der röchelnde Laute von sich gab, und als ich nähertrat, sah ich, daß es der Eger Franz war, der Dorftrottel oder Jidd geschimpft wurde, ein harmloser, geistig zurückgebliebner Tagelöhner. Er wälzte sich, das Gesicht blutüberströmt, mit Schaum vor dem Mund, in Krämpfen zwischen den Halbwüchsigen umher, die ihn mit Füßen traten und mit Stecken auf seinen Kopf einschlugen. Die Schinder auseinanderdrängend, hob ich ihn auf und trug ihn bis zur Gärtnerei Fiala in Niedergrund, wo Hilfe herbeikam. Er starb, so hörte ich später, an den Folgen der Verletzungen. Seine jungen Mörder, deren Namen bekannt waren, wurden nicht zur Verantwortung gezogen, es hieß, der vagabundierende Jude habe sich beim Sturz während eines epileptischen Anfalls den Schädel gebrochen."

    Peter Weiss: Ästhetik des Widerstands, I. Band, S.189

    Immer das Theater mit den Theatern. Wie kommen Behinderte zur Kultur?

    Wien ist eine Kulturstadt. Zehntausende nützen täglich das Angebot der Theater, Kabaretts und Kinos. Unter ihnen befinden sich vereinzelt auch behinderte Menschen, auch sie wollen an kulturellen Ereignissen teilhaben. Das ist nicht einfach: Viele Theater, Kinos und Veranstaltungssäle sind für Sinnesbehinderte nicht oder nur erschwert zugänglich.[16]

    Nehmen wir einmal. an, das Transportproblem wäre gelöst, welche Erfahrungen erwarten einen behinderten Kulturfreund?

    Beginnen wir unseren Streifzug mit den Tempeln der Hochkultur. Burg, Staatsoper und Akademietheater bieten wie einige andere bundes- oder gemeindeeigene Kulturstätten Rollstuhlplätze zu stark reduzierten Preisen an. Besonders im Burgtheater gewähren die Rollstuhlplätze eine hervorragende Sicht auf die Bühne. Mittels Lift ist das Pausenfoyer und das Buffet erreichbar, eine modern ausgestattete Behindertentoilette im Parterre und geschulte Mitarbeiter runden die vorzügliche Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse behinderter Besucher ab. Einzig eine hohe Stufe im Parterre stört die Harmonie. So wie im renovierten Praterstadion und im Radstadion können sich behinderte Besucher auf das jeweilige kulturelle oder sportliche Ereignis freuen.

    Dies gilt schon nicht mehr für das Akademietheater und das Theater an der Wien (keine Toiletten, keine Aufzüge).

    Für schwer Gehbehinderte nahezu unerreichbar sind die meisten Mittelbühnen und Kabaretts (Gruppe 80, Der Kreis, Odeon, Spektakel, etc.) Negativer Spitzenreiter, was die bauliche Vorsorge für Behinderte angeht, ist die Wiener Stadthalle. Dort gab es bis vor wenigen Jahren noch einige Behindertenparkplätze, jetzt gibt es nur mehr einen, der außerdem zu schmal ist. Der Eingang zum Foyer führt über eine Stufe und ist von zwei Flügeltüren "gespickt". Um mit dem Rollstuhl in die Halle zu gelangen, muß man neuerdings durch das vergrößerte Restaurant, zwischen Theke und Stühlen jonglierend, wartet eine weitere Glasflügeltür, die bereits den Blick auf eine viel zu steile, selbst für kräftige Rollstuhlfahrer ohne Hilfe unpassierbare Rampe freigibt. Eine weitere Flügeltür führt dann zum Billeteur. Der kurze Weg vom Parkplatz in die Halle, für Nichtbehinderte ein Weg von wenigen Sekunden, ist für Rollstuhlfahrer ein unfreiwilliger Fitneß-Parcours. Die baulichen Hürden wären aber halb so schlimm, würden sie nicht durch massive soziale Barrieren verschärft. Es ist in der Stadthalle nahezu unmöglich, daß behinderte Personen neben den Begleitpersonen zu sitzen kommen, meist müssen die Begleitpersonen weit entfernt von der Rollstuhlrampe Platz nehmen. Nun ist es zwar nicht immer erforderlich, daß Behinderte eine Begleitperson in unmittelbarer Nähe haben (obwohl unschwer Situationen denkbar sind, wo dies plötzlich sehr wichtig werden kann: Stromausfall, Panik, Schwächeanfall).

    Von der Stadthalle, die an behinderten Mensch verdient – es gibt keine Ermäßigung für einen Platz, der sonst unverkäuflich wäre – kann wohl gefordert werden, daß der Standard anderer Veranstaltereingehalten werden kann. Dann würde der Werbeslogan "Komm in die Halle" auch für behinderte Menschen Gültigkeit haben! !

    Komm in die Halle! Ein Frontbericht.

    Manchmal erleben behinderte Menschen außergewöhnliche Situationen. Von einem denkwürdigen Erlebnis in der Wiener Stadthalle berichtet unser Korrespondent.

    Peter Gabriel in der Stadthalle! Schon Wochen vor dem Konzert besorgte ich zwei Karten. Die Dame an der Kassa meinte, es werde nicht möglich sein, daß meine Freundin neben mir sitzen kann, da der Stellplatz für den Rollstuhl vom Sitzplatz weit entfernt sei. Ich kümmerte mich nicht weiter um diesen Hinweis. Ein folgenschwerer Irrtum.

    Im Konzert: Wir nehmen unsere Plätze ein, ich den Rollstuhlplatz, meine Begleiterin setzt sich neben mir auf einen freien Sitzplatz. Während des Auftritts der Vorgruppe gibt es keine Probleme, von zwei höflichen vorgetragenen Interventionen eines Billeteurs abgesehen. Vor dem Beginn des Gabriel-Konzerts versucht ein Oberbilleteur nochmals meine Freundin zu verbannen. Ich argumentiere sachlich, daß wir zwei Karten gekauft hätten und wie alle anderen Paare nebeneinander sitzen wollen. Der Oberbilleteur resigniert, die Halle verdunkelt sich, zwei Laserlichtkanonen kündigen den Auftritt Peter Gabriels an. Plötzlich tastet der Lichtkegel einer Stabtaschenlampe mein Gesicht ab. Zwei Männer von der Stadthallenverwaltung pöbeln uns an. Meine Begleiterin soll den Sitzplatz räumen, sonst würden wir entfernt. Wir weigern uns, ich greife zu den im Rollstuhl gelagerten Krücken. Die beiden verschwinden, wir wenden uns wieder dem Konzert zu.

    Gabriel singt von der Folter in türkischen Gefängnissen - "Rhythm of the heat". Plötzlich werde ich ohne Vorwarnung nach hinten gerissen. Da die Bremsen des Rollstuhls angezogen sind, kippe ich nach hinten. Im letzten Moment versetzt mir jemand einen Stoß, der mich wieder nach vor schnellen läßt. Ich reiße die Hände hoch, um zu verhindern, daß ich mit dem Kopf auf den Handlauf schlage. Eine Stimme schreit mir ins Ohr "Kummans auße, sonst nimm I Ihnen auf die Wache mit!" Als ich wieder zu den Krücken greife, tragen mich zwei Polizisten hinaus.

    Ins Foyer verschleppt, protestieren wir lautstark. Ein Herr von der Stadthallenverwaltung klärt uns über zwei Dinge auf. Erstens: Wenn wir weiter protestieren, werden wir hinausgeworfen. Zweitens: In der Stadthalle werden Rollstuhlfahrer und Begleiter nie nebeneinander sitzen.

    Behindert fliegen

    "Ist der Passagier in irgendeiner Art (Geruch, Außeres, Gehaben) für andere Passagiere anstoßerregend?" Ist er ein "Tragbahrefall?" Wird eine "Sauerstoffausrüstung" benötigt? Hat der "Patient" seine "Krankengeschichte" vorgelegt? Handelt es sich um eine "ansteckende Krankheit?" Besteht eine "ärztliche Erlaubnis?"

    Notizen eines Ärztefliegers in Beirut? Tagebuchaufzeichnungen eines Flugretters in EI Salvador? Mitnichten. Die AUA, unsere "friendly Airline", will diese Fragen von einem Teil ihrer Fluggäste beantwortet haben: von den Behinderten. Das erwähnte Zitat ist nur ein kleiner Teil dessen, was die AUA von einem Menschen wissen möchte, der im Rollstuhl sitzt und ihre Dienste in Anspruch nehmen möchte. Nicht nur der behinderte Passagier muß ein ins intimste Detail gehende Formular ausfällen, auch der "behandelnde Arzt" wird um sein Gutachten gebeten. Zwar gibt es Behinderte, die gesünder sind als manche Nichtbehinderte; sie verfügen auch nur in einem akuten Krankheitsfall über einen "behandelnden Arzt", doch dies scheint für die AUA nicht von Belang.

    Wer die medizinische Offenlegung seiner Persönlichkeit nicht vornimmt, ist durchgeflogen. Die silbernen Vögel heben ohne ihn ab.

    Die AUA beruft sich bei dieser Vorgangsweise auf eine Empfehlung der IATA, der Internationalen Luftverkehrsbehörde. Es ist eine Eigenschaft von Empfehlungen, der Willkür Tür und Tor zu öffnen. Wer sportlich forsch die Stufe zum AUA-Verkaufslokal am Ring mit dem Rollstuhl überwunden hat und ein Ticket begehrt, hat gute Chancen dem diskriminierenden Fragebogen zu entgehen. Wer vielleicht etwas älter ist oder in der Nacht vorher gefeiert hat und mit tiefen Ringen unter den Augen vor den Schalter rollt, muß damit rechnen, daß er sich nach einem "behandelnden Arzt" umsehen muß. Die medizinischen Laien hinter dem Verkaufsschalter stellen Ferndiagnosen aus, sie entscheiden, ob "der Grad ihrer Behinderung .. die Ausstellung eines medizinischen Unbedenklichkeitszeugnisses notwendig macht."

    Was die Hobby-Mediziner können, darf der geschulte Arzt aber nicht. Von ihm wird Hellscherei verlangt. Wie soll der "behandelnde Arzt" wissen, ob unser "äußeres Gehaben" geeignet ist, bei den Passagieren allenfalls 'Anstoß zu erregen"? Abhilfe könnte hier nur eine Abstimmung der nichtbehinderten Passagiere bringen, ob sie den reisefreudigen Behinderten zu ertragen gewillt sind oder nicht. Bevor die AUA diesen Vorschlag aufgreift, sollte sie vielleicht einmal darüber nachdenken, ob die Verwechslungen von "krank" und "behindert", von "behindert" und "abstoßend" nicht kontraproduktiv für das Image einer "friendly Airline" sind.

    Bislang schaltet die AUA alle Düsen auf Rückwärtsschub. Eine parlamentarische Anfrage der Grünen und eine Anfrage des Finanzministers an den AUA-Vorstand, wann denn diese diskrimierende Vorgangsweise abgeschafft werde, blieben ohne Ergebnis. Die AUA ist der Ansicht, daß es nicht zweckmäßig sei, wenn eine einzelne Airline Textänderungen im Formular vornimmt. Die AUA hat, recht: sie ist tatsächlich nicht das einzige schwarze Schaf unter den Airlines. Vielleicht ist es nur Zufall, daß die AUA auch obligatorische AIDS-Tests für das neu eingestellte Flugpersonal eingeführt hat ("Standard", 3.11.89) Vielleicht ist es auch nur Zufall, wenn Behinderte trotz gegenteiliger Zusicherung beim Ticket-Kauf nicht in der Nähe der Kabinentoilette untergebracht werden, sondern durch lange schmale Gänge aufs Klo getragen werden müssen. Vielleicht ist es nur ein unglücklicher Zufall, daß Rollstuhlfahrer, die mit dem neuen Airbus aus New York kommend in Wien landen, eine halbe Stunde im Flugzeug warten müsse, bis sie aus der Maschine "entfernt" werden, während auf dem New Yorker Flughafen eine fahrbare Hebebühne alle Passagiere in wenigen Minuten in die Ankunftshalle bringt. Kein Zufall ist jedenfalls die Tatsache, daß die AUA die Schlüsselzahl für einzustellende Behinderte auch im Verwaltungsbereich auf 1:30 erhöhen hat lassen.

    Wir wollen nicht ungerecht sein: das Bordpersonal, die welcoming-guards, die Beschäftigten am Gepäckschalter sind hilfsbereit und zuvorkommend. Der neue Airbus ist eine schöne und schnelle Maschine. Warum aber ist es nicht möglich ein oder zwei Rollstuhlplätze für den Bedarfsfall vorzusehen? Warum darf der Rollstuhl prinzipiell nicht in die Kabine mitgenommen werden? Am Zielflughafen beginnt jedesmal die Warterei, bis der Rollstuhl endlich vom Gepäckraum geholt wird, nicht zu reden von der Angst, daß er vielleicht gar nicht mitgekommen ist. Diese Befürchtungen sind nicht übertrieben, die Geschichte vom Rollstuhlfahrer Andreas Scharang, der mit der Aeroflot über Moskau nach Bangkok flog und dort ohne Rollstuhl ankam, erheiterte im Frühjahr die gesamte "Wiener Krüppelszene". Ein freundliches Lächeln ist kein Ersatz für einen niveaugleichen Zugang zur Maschine, eine hilfreiche Hand ersetzt nicht ein Behinderten-WC im Ankunfts- und Wartesaal, ein Behindertenparkplatz nützt uns nur dann, wenn seine mißbräuchliche Verwendung unterbunden wird.

    Die AUA hat im Servicebereich noch "freie Kapazitäten". "Friendly' ist ein Service erst dann, wenn es für alle gilt.

    Krüppel. Invalid. Versehrt. Behindert - Vom Umgang mit Worten für Menschen

    Das Jahr 1989 brachte für behinderte Menschen eine wichtige Neuerung. Das Gesetz, welches die Eingliederung Behinderter ins Arbeitsleben regelt, das Invalideneinstellungsgesetz, erhielt den Namen "Behinderteneinstellungsgesetz". Die Beförderung des "Invaliden" zum "Behinderten" sei ein bedeutender Schritt in Richtung Integration, wurde uns gesagt.

    Mißtrauisch wie wir sind, sahen wir uns das Gesetz näher an und entdeckten, daß mit Ausnahme einiger unbedeutender Änderungen zentrale Forderungen der Behinderten und ihrer Organisationen nach wie vor unerfüllt blieben. Trotzdem sehen viele von uns in der Namensänderung einen Fortschritt.

    Was auf den ersten Blick als "Wortklauberei" und übertriebene Empfindlichkeit empfunden werden mag, hat eine tiefsitzende Berechtigung; jegliche Verstärkung einer minderheitseigenen Spezifik in der Gesamtgesellschaft vergrößert vorhandene Barrieren und Vorbehalte, ist also integrationsfeindlich. Was dies in einer Gesellschaft, die auf dem Konkurrenzprinzip aufbaut, für benachteiligte Menschen bedeutet, brauchen wir hier nicht näher darzustellen.

    Behinderung war in unseren Breiten bis vor wenigen Jahrzehnten meist die Folge von Kriegen, das "Kanonenfutter" des ersten und das "Menschenmaterial" des zweiten Weltkrieges kehrte oft "kriegsversehrt", "kriegsbeschädigt" oder "invalid" zurück. Später wurde dann die Vorsilbe "Kriegs" weggelassen, die "Zivilinvaliden" waren geboren. Der "Versehrtensport" machte von sich reden, das "Invalideneinstellungsgesetz" und die "Landesinvalidenämter" kümmerten sich um in ihrer Arbeitsfähigkeit eingeschränkte Menschen. Mittlerweile hat sich mit Ausnahme der DDR im deutschen Sprachraum der Begriff "Behinderte(r)" durchgesetzt.

    Der Begriff unterstellt dreierlei:

    • einen körperlichen oder geistigen Funktionsverlust,

    • die daraus resultierende Beeinträchtigung in der Lebensweise und

    • die gesellschaftliche Behinderung durch das Vorhandensein oder die Errichtung sozialer, baulicher, rechtlicher oder ökonomischer Barrieren.

    Der Begriff "Behinderter" sagt nichts über den Betroffenen aus, aber viel über die Unsicherheit der Gesellschaft im Umgang mit behinderten Menschen. Wenn wir zum Beispiel einen Behördenweg zu erledigen haben, rufen wir in der Regel vorher bei der betreffenden Stelle an und erkundigen uns nach dem Vorhandensein von Parkplätzen, Rampen oder Liften. Dabei sagen wir "Ich bin Rollstuhlfahrer" und nicht: Ich bin behindert!" Die Behinderung könnte ja viele Ursachen haben. Ein blinder Mensch, ein Herzleidender, ein Gehörloser oder ein Krückengeher stellen unterschiedliche Anforderungen an die Umwelt. "Behinderter" sagt also gar nichts aus, außer, daß wir aufgrund einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung behindert werden. Außerdem verschleiert der Begriff des "Behinderten" die tatsächlichen Lebensumstände behinderter Menschen. "Für Behinderte wird ohnehin viel getan, es ist ja schon viel besser als früher!" hören wir oft. Leider ist hier der Wunsch der Vater des Gedankens. Viele behinderte Menschen müssen noch heute das Leben eines "Krüppels" führen.

    Gottseidank gibt es aber die "Kronenzeitung", die ja dafür bekannt ist, für die Rechte sozialer Randgruppen in die Bresche zu springen. Auch wir wurden am Tage nach dem Erscheinen des ersten Artikels unserer Serie von der Krone-Kolumnistin Eva Deissen in Schutz genommen und zwar vor uns selbst! Besaßen wir doch die Kühnheit unsere Serie unter dem Titel "Menschenrecht für Krüppel" anzukündigen, was Frau Deissen zu der prophetischen Aussage veranlaßte "Da können die Autoren nun goldene Worte versprühen, soviel sie wollen: Das gerüttelt' Maß an Diskriminierung, das aus dieser Formulierung spricht, werden sie nicht mehr wettmachen." Abgesehen davon, daß wir weit davon entfernt sind, "goldene Worte zu versprühen" (wo kann diese Kunst erlernt werden?) werden wir uns davor hüten, ein aus einer Formulierung sprechendes Maß wettzumachen, da sonst die Gefahr einer schweren Diskriminierung der deutschen Sprache bestünde.

    Was Frau Deissen offensichtlich meinte, aber nicht zu sagen vermochte, ist: Krüppel dürfen sich nicht Krüppel nennen. Dazu richten wir Frau Deissen unter Hintansetzung sprachlicher Feinheiten höflich aus: Wenn uns Krüppel der Hafer juckt, rufen wir uns "Krüppel", und niemand, der nicht in derselben Lage ist wie wir, hat das Recht uns vorzuschreiben, wie wir gefälligst zu heißen haben. Es war der nämliche Grund, der in den siebziger Jahren viele Behinderte, hauptsächlich in der BRD, veranlaßte, "Krüppelinitiativen" zu gründen und für soziale Gleichstellung zu kämpfen. Mit der Wahl des tabuisierten Wortes "Krüppel" protestieren sie gegen die soziale Diskriminierung, die unter dem Deckmantel der "Behindertenhilfe" fortgesetzt wird. Sie wenden dieses häßliche Wort gegen jene, die dafür verantwortlich sind, daß Zehntausende behinderte Menschen am Rande einer Gesellschaft leben müssen, die nur einmal im Jahr "Licht ins Dunkel" bringt.

    Sprachliche Behinderungen - Ein Dialog.

    Personen:

    Herr Groll, Rollstuhlfahrer und Berufsunfähigkeitspensionist ('Der Bewegliche'),

    Herr Tritt, Sozialwissenschaftler und demokratischer Sozialist ('Der Bewegte');

    Herr Groll, auf dem Weg zum Einkauf, trifft auf Herrn Tritt, einen Spaziergänger.

    Herr Tritt eilt mit ausgebreiteten Händen auf Herrn Groll zu.

    Tritt: "Eine wunderschönen guten Tag, Herr Groll! Sie sind ja heute früh unterwegs!" (stellt sich vor Groll)

    Groll, die Hände verschränkend: "Neulich haben sie das Gegenteil gesagt."

    Tritt: "Da traf ich sie ja in der dunkelsten Nacht!"

    Groll: "Und? Was besagt das? "

    Tritt: "Nichts. Ich meine nur, daß sie heute früh unterwegs sind, während sie das letzte Mal ..."

    Groll: "Sehen sie!"

    Tritt: "Sie können mich nicht auf die Schaufel nehmen. Ich kenne alle wesentlichen Sozialtechniken. Eben bin ich dabei eine Studie über die Bedeutung diskriminierender Sprachverwendung anzustellen."

    Groll: "Ich würde gerne weiter ..."

    Tritt: "In diesem Zusammenhang möchte ich mit ihnen …"

    Groll: "fahren!" (fährt an Tritt vorbei)

    Tritt: "... sprechen."

    Groll: "Das ist bereits geschehen. Auf Wiedersehen!" (rollt davon)

    Herr Tritt läuft Herrn Groll nach, überholt ihn und versperrt ihm den Weg: "Herr Groll! Sie als behinderter Mensch empfinden sich doch zuallererst als Mensch und erst in zweiter Linie als 'behindert'. Wer einige Jahre lang gelernt hat, morgens mit dem Rollstuhl aufzustehen, findet dabei nichts Besonderes. Das Rollen ins Bad ist doch für sie ebenso alltäglich wie das Reinigen der Brille für einen Brillenträger. Das Alltagsleben behinderter Menschen ist also eine außergewöhnlich unspektakuläre Angelegenheit. "

    Groll: "Außergewöhnlich unspektakulär, sie sagen es!"

    Tritt: "Aus diesem Grund sind viele behinderte Menschen auch zu Recht ungehalten, wenn ihr Spezifikum, die ... "

    Groll: "Differentia invalidis!"

    Tritt: "... körperliche oder geistige Beeinträchtigung, zum Etikett der gesamten Person wird."

    Groll: "Sind sie schon einmal mit einem Rollstuhl aufgestanden?"

    Tritt "Nein, ich bin ja kein Rollstuhlfahrer, so wie sie. Aber ich kann mich durchaus in ihre Lage versetzen. Geistig meine ich!"

    Groll: "Mir geht es ebenso. Ich kann mich nicht nur körperlich nicht in ihre Lage versetzen."

    Tritt: "Danke sehr! Der menschliche Geist bringt mitunter erstaunliche Fähigkeiten hervor. Nehmen sie nur die Sprache. Sie stellt, ob sie will oder nicht, immer die ihr zugrunde liegenden Gedanken aus. Dies gilt insbesondere für unbewußte Wertungen, für in Worte gekleidete Vorurteile."

    Groll: "Ich widerspreche ihnen nicht."

    Tritt: "Dem historischen Entwicklungsniveau einer Gesellschaft entsprechend, werden Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen mit unterschiedlichsten Begriffen belegt."

    Groll: "Behinderte Brötchen, sozusagen. Auf polnisch: Trzesniewski!"

    Tritt: "Polnisch verstehe ich nicht. Im angelsächsischen und skandinavischen Raum jedoch, sie wissen meine Heimat ist die Welt, werden Behinderte als 'disabled' oder 'handicapped' charakterisiert."

    Groll: "Und das ist ein Fortschritt?"

    Tritt: "Ein enormer! Bedenken sie doch, das lateinische 'invalid' wird In diesen Ländern nur von dummen Menschen verwendet, weil es die weltoffenen Schweden und Nordamerikaner ablehnen, Bürgern als 'unwert' oder 'nicht gültig' zu bezeichnen! Diese Völker erfreuen sich eben in Behindertenfragen einer wesentlich unbelasteteren Geschichte!"

    Groll: "Vor allen Dingen erfreuen sie sich des Meers. Wenn sich der Blick nicht wie In Mitteleuropa im Bekannten verliert, ist das schon ein ungeheurer Vorteil. Binnenvölker sind eine furchtbare Bedrohung, am meisten für sich selbst. Die Einlösung der alten anarchistischen Forderung 'Weg mit den Alpen, freien Blick aufs Meer!' wird mit jedem Tag dringlicher. Sicher ist es kein Zufall, daß die Grünen davon nichts wissen wollen."

    Tritt: "Verschonen sie mich mit ihren politischen Einschätzungen! Sie hängen einem reinen Eskapismus an!"

    Groll: "Priapismus!"

    Tritt: 'Was ist das?"

    Groll: "Schmutziger Eskapismus! Unter Querschnittlern sehr verbreitet!"

    Tritt: "Ich bin kein Mediziner. Ich bin Sozialwissenschaftler. Ich kann mitfühlen. Zum Beispiel erblicke ich in der Ersetzung des Begriffes 'disabled' durch den präziseren der 'handieapped person' einen Fortschritt; drückt sich doch in 'disabled' die historische Überlebtheit der lateinischen Sprache aus. 'To be able to' heißt soviel wie 'Imstande sein, etwas zu tun', lunable' meint: 'nicht imstande sein, etwas zu tun ..."

    Groll: "I am unable to follow ...!"

    Tritt: "... die dem Latein entspringende Vorsilbe 'dis' aber wirkt in diesem Konnex bereits diskriminierend, ..."

    Groll: "Deshalb wird sie auch entsprungen sein!"

    Tritt: "... Man denke nur an 'DISqualifiziert', 'DlSkrimiert' oder ..."

    Groll: "Diskothek!"

    Tritt: 'Was soll das heißen?"

    Groll: "Keine Ahnung. Was sollte es denn heißen?"

    Tritt: "Sie wollen mir allen Ernstes weismachen, daß sie nicht wissen, was eine Diskothek ist?"

    Groll: "Was in ihr geschieht, weiß ich schon, aber was sie tut, weiß ich nicht!"

    Tritt: "Dann übersetzen sie doch das Wort. Die Vorsilbe 'dis' heißt soviel wie 'trennen', 'gegen', 'zwischen', 'nicht'."

    Groll: "Diskothek heißt dann: Gegen Kot-eck. Also: kein Klo! Das Gegenteil einer öffentlichen Bedürfnisanstalt. Musik statt Wasserspülung!"

    Tritt: "Manchmal sind sie sehr weltfremd. Waren sie noch nie in einer Discothek?"

    Groll: "Kennen sie eine, in die man mit dem Rollstuhl hineinkommt und wo es ein Klo gibt?"

    Tritt: "Ebenerdige Discotheken gibt es sehr wohl, vorzüglich auf dem Land. Aber behindertengerechte Klos habe ich dort noch nie gesehen."

    Groll: "Sehen sie! Ich auch nicht."

    Tritt: "Aber sie waren ja noch gar nicht dort!"

    Groll: "Eben deswegen! Kennen sie nicht den Schlachtruf der Rollstuhlkomantsehen?"

    Tritt: "Nein. Wie lautet er?"

    Groll: "Kot, wo ist dein Sieg!"

    Tritt: "Sie sind ein Zyniker. Ich verabscheue den Zynismus. Er ist eines Menschen nicht würdig. Zyniker kehren ihre Verletzungen gegen die Welt."

    Groll: "Und?"

    Tritt: "Was und?"

    Groll: "Was geschieht dann damit?"

    Tritt: "Womit?"

    Groll: "Mit den angehäuften Verletzungen!"

    Tritt: "Sie sind engherzig und engstirnig, - ein Worteverdreher. Aus ihnen spricht die Verbitterung über ihre Lage!"

    Groll: "Stimmt. Ich sitze vor einem Handikap!"

    Tritt: "Eben! Der Begriff 'handicapped' ist interessant. Er drückt aus, daß die damit bezeichneten Menschen ein Handikap, einen Nachteil, erleiden. Dieser Begriff ist ohne Zweifel der präziseste. Ich an ihrer Stelle würde es vorziehen zur Kennzeichnung meiner Person 'I am handicapped!' zu sagen."

    Groll: "Sie schon!"

    Tritt: "Wie unpräzis und fast entwürdigend ist hier die deutsche Phrase 'Ich bin behindert.'; drückt sie doch den gesellschaftlichen Nachteil als persönliches Defizit aus. Richtiger wäre es ja zu sagen, 'Ich werde behindert ...'."

    Groll: "In der Tat …"

    Tritt: "… worauf aber jeder Gesprächspartner antworten würde: 'Von wem?'..."

    Groll: "Worauf ich antworten würde: 'Von Ihnen!'"

    Tritt: "Worauf ich wiederum replizieren würde, von ihnen, weil sie nichts verstanden haben, worauf die Geschichte der Annäherung Nichtbehinderter an Behinderte …"

    Groll: "Um ein Scharmützel reicher! ... "

    Tritt: "Aber nicht fortgeschrittener wäre."

    Groll: "Gottseidank!"

    Tritt: "Warum?"

    Groll: "Wissen sie was passiert, wenn die Geschichte einer Annäherung fortschreitet?"

    Tritt: "Nein!"

    Groll: "Seien sie froh!"

    Tritt: "Ideal wäre es, ließe sich der Begriff der 'handicapped person' ins Deutsche übertragen."

    Groll: "Um Gotteswillen!"

    Tritt: "Das ist aber nicht möglich. Die genaue Übersetzung müßte nämlich 'benachteiligte Person' lauten. Die Verwendung dieses Begriffs aber würde …"

    Groll: "... mit einem Blutbad enden."

    Tritt: "... sprachlich von den Mitbürgern nicht akzeptiert."

    Groll: "Meine Worte!"

    Tritt: "Sehr schnell würden Sozialkybernetiker mit dem Hinweis auftreten, daß auch andere Bevölkerungsgruppen benachteiligt werden. Aus diesem Grund wäre die Verwendung des Begriffs 'Benachteiligter' zur Bezeichnung behinderter Bürger ungeeignet. Der Begriff hat eben zu wenig Trennschärfe!"

    Groll: "Was hat er?"

    Tritt: "Zu wenig Trennschärfe! Es ließe sich zwar einwerfen, daß dieses Problem ja auch im Englischen besteht. Auch in den Staaten erleben ja viel mehr als nur behinderte Menschen ein Handicap. Viele Minderheiten werden vom kapitalistischen System unterdrückt, denken sie nur an bestimmte 'ethnic minorities', wie …"

    Groll: "Frauen."

    Tritt: Frauen sind keine unterdrückte Minderheit. Frauen bilden in allen Industriestaaten die Mehrheit der Bevölkerung."

    Groll: "Ethnisch!"

    Tritt: "Nein! Den Sexus betreffend!"

    Groll: "Oh!"

    Tritt: "Die Amerikaner finden sich also mit der mangelnden Trennschärfe des Begriffes 'handicapped person' ab. Im Deutschen geht das aber nicht. Im Deutschen ist Trennschärfe gefragt!"

    Groll: "Woraus man ersehen kann, daß die historische Borniertheit einer Sklavenhaltersprache durch jene einer kriegerischen Stammesgesellschaft nicht behoben wird."

    Tritt: "Aber das Englische ist doch mit dem Deutschen eng verwandt!"

    Groll: "Dieser Umstand erklärt ja auch dessen Begrenztheit. Die Nachteile der Verwandtschaft wurden durch die Aufnahme indianischer und afrikanischer Idiome ins Amerikanische nur zum Teil wettgemacht."

    Tritt: "Waren sie schon einmal in Amerika?"

    Groll: "Nein!"

    Tritt: "Warum?"

    Groll: "Zuviel deutsches Blut. Schaun sie sich die führenden Politiker an: Eisenhauer, Rosenfeld, Kissinger, Busch, Schwarzenegger."

    Tritt: "Und hier in Wien leiden sie unter diesem Problem nicht?"

    Groll: "Doch. Aber in Wien wird etwas dagegen getan!"

    Tritt: "Vom Bürgermeister?"

    Groll: "Nein, von den Italiener und den Rumänen. Sie verteidigen Wien gegen die Deutschen. Die Italiener verschanzen sich in der City, die Rumänen in den Vorstädten."

    Tritt: "Und die Polen, Ungarn und Tschechen?"

    Groll: "Milfstruppen der Rumänen. Wie die Rüssen!"

    Tritt: "Was ist mit den Amerikanern?"

    Groll: "Die Fünfte Kolonne der Deutschen. Verfolgen sie die Börsenkurse nicht? Nur schwarze US-Bürger bekommen ein Visum für den Bereich innerhalb des Gürtels."

    Tritt: "Ich habe den Eindruck, daß ich mit ihnen meine Zeit vergeude!"

    Groll: "Ich auch."

    Tritt: "Ihnen ist es offensichtlich völlig egal, wenn sie durch Worte diskriminiert werden! Wer die Gesellschaft ändern will, muß mit der Sprache beginnen."

    Groll: "Ich gebe ihnen recht. Vor einigen Jahren reiste ich mit dem Auto nach Berlin. An der deutsch-deutschen Grenze, übrigens der einzige Ort, an dem ich mich in Deutschland zuhause fühlte, trat ein ostdeutscher Zöllner an den Wagen, salutierte, blätterte die Reisepässe durch, maß meine Gefährtin und mich mit strengem Blick und fragte dann in röhrendem Sächsisch: 'Wer von ihnen ist denn nun schwerbeschädigt?' "

    Tritt: "Sehen sie! Die Sprache ist verräterisch! Nicht umsonst ist die DDR untergegangen!"

    Groll. "Ja, sie hatte zuwenig Trennschärfe."

    Tritt: "Aber sie müssen doch zugeben, daß die Existenz zweier Deutschlands widernatürlich war!"

    Groll: "In der Tat. Das Deutschland des Dreißigjährigen Krieges wäre mir als Nachbar lieber."

    Tritt: "Sie leben zu sehr in der Vergangenheit. Sie müssen den Blick nach vorn wenden!"

    Groll: "Tu ich ja!"

    Tritt: "Und was sehen sie da?"

    Groll: "Jemand, der mir den Weg versperrt." (Herr Tritt springt erschrocken beiseite, Herr Groll fährt an ihm vorbei)

    Herr Tritt, nachrufend: "Auf Wiedersehen. Und nichts für ungut!"

    Mobilität

    In Krems-Lerchenfold, wo ich aufgewachsen bin, gab es unter den Jugendlichen, wenn die Rede aufs Autofahren kam, einen "stehenden Spruch". Da es die meisten nur bis zu einem Fahrrad, wenige zu einem Gebrauchtmoped, meistens eine "50-er Sissi", gebracht hatten, erschien uns ein eigenes Auto als Inbegriff von Unabhängigkeit und Freiheit. Da keiner von uns ein Auto besaß, entwickelten wir für den Ernstfall vorsorglich aggressive Eigentumsphantasien. Jeder, der es wagen würde, unsere Verfügungsgewalt über das vorgestellte Auto einzuschränken, sollte dafür exemplarisch bestraft werden. Unser Leitspruch lautete: "Wenn ich erst ein Auto habe, gehört die Straße mir. Alles, was nicht schnell, genug laufen und nicht hoch genug springen kann, wird weggeräumt."

    Dieser Satz, der sich heute nur mehr alkoholisiert unter die Leute traut, ist, das weiß ich heute mit Sicherheit, von tiefer Weisheit. Er beschreibt die Realität einer Gesellschaft, in der das schrankenlose Zirkulieren von Kapital vom möglichst ungehinderten Zirkulieren des vom Kapital bewegten Individuums begleitet sein muß. Das Leitbild unserer Gesellschaft ist der universale Stürmer: wer ein Tor schießen will, muß immer dort sein, wo der Ball ist. Wer etwas werden will, ist mobil. Mobilität ist keine geistige Eigenschaft, Mobilität ist eine Frage der Physis. Alles, was der Mobilität nützt, ist modern, fortschrittlich, gut. Alles, was die Mobilität behindert, ist altmodisch, reaktionär, verachtenswert.

    Nicht mobil zu sein, bedeutet in einer in der Substanz immobilen, sich aber ständig im Kreis bewegenden Gesellschaft ein schweres Vergehen. Das Vergehen ist umso schwerwiegender, je schuldloser jemand an seiner Immobilität ist; stellt er doch durch die Unverschuldetheit eine lebende Drohung der Bewegten dar.

    Aus diesem und aus keinem anderen Grund, besteht das vorrangige Ziel aller Rehabilitationsmaßnahmen in der Mobilisierung der Immobilen. Wo es nichts mehr zu mobilisieren gibt, werden den Gelähmten Räder angeschnallt und dann schickt man sie wieder auf die Straße der Freiheit. Von einem Behinderten, der selbständig Auto fahren kann, sagt man, er habe es geschafft.

    Tatsächlich ist ein Auto für einen Behinderten eine Prothese. Die zwei wichtigsten Tugenden wertbestimmter Gesellschaften, Arbeiten und Konsumieren, sind an Mobilität gebunden. Ein Behinderter, der auch durch Prothesen nicht mehr mobilisiert werden kann, wird vom mobilen Behinderten zum Pflegefall, zählt nicht mehr zum rollenden Material, sondern wird Menschenschrott. Für ihn interessiert sich dann je nach Milieu und Region die kulturelle Abfallbeseitigung, er wird zum karitativen Objekt, verfault in verschwiegenen Heimen. Wenn er Glück hat, leuchtet ihm ein ewiges Licht.

    Alles, was ein Behinderter in dieser Gesellschaft lernen muß, reduziert sich auf eine unverzichtbare Fähigkeit: mobil bleiben. Dafür gibt es Zuschüsse, dafür wird er gelobt, dafür kommt er, wenn er schneller mobil ist als andere Gelähmte, als Leistungssportler ins Fernsehen. Wer wie verrückt mit dem Rollstuhl durch die städtische Hundsscheiße radelt, wird bewundert. Scheu und verhalten, aber immerhin. Für jeden verkrüppelten Paradesportler vergißt man zehn bettlägerige Pflegefälle. Daher lassen sich die Wohltäter ihre Paradekrüpppel auch etwas kosten, sie bekommen Dressen von Pierre Kretin und Rollstühle mit Leichtlaufkugellagern, während die Krankenkassenrollstühle, in denen neunzig Prozent aller Rollstuhlfahrer sitzen, schon vom russischen T34 Panzer an Wendigkeit übertroffen wurden.

    Es gibt in Österreich zirka dreitausend aktive Rollstuhlsportler aber dreißigtausend Schwerstbehinderte in Heimen. Nie schleudern sie eine Eisenkugel acht Meter neunzig durch die Luft, selten schießen sie mit Pfeil und Bogen auf den Anstaltspfarrer aber oft liegen sie tagelang in ihrem Kot und werden wochenlang nicht besucht. Dafür bekommen sie aber keinen Preis und wer keine Preise kriegt, kommt nicht vor, sondern um. Sie sind diejenigen, vor denen die Rollstuhlfahrer davonsprinten. Sie sind diejenigen, die nie mit der Frau Minister beim gemeinsamen Bankett Hummer essen. Sie sind diejenigen, mit deren Schicksal uns die Nichtbehinderten drohen. Sie sind die Reservearmee der Krüppel und dienen wie jede Reservearmee der Disziplinierung.

    Jede Disziplinierung braucht eine große Idee, die imstande sein muß, die Kräfte der Unterdrückten so nachhaltig und umfassend zu fordern, daß sie, auf der ständigen Jagd nach dieser Idee, ihre Lage nicht begreifen lernen. Diese Idee ist die Idee der Mobilität.

    Wie der Hund, an dessen Schwanz der humorvolle Besitzer eine Knackwurst gebunden hat, sich selbst im Kreise hetzt; radeln, humpeln, stolpern, torkeln, taumeln, schlurfen, hüpfen wir Spastiker, Blinde, Sinnesschwache, Tetraplegiker, Tumorkranke der Illusion der Mobilität, des Dazugehörens, des Dabeiseins, des gemeinsam Gehens nach. Der Hund, der die Knackwurst nicht kriegt, bleibt erschöpft liegen. Wir, die wir die Bewegten nicht einholen, brauchen doch auf der Jagd immer wieder deren Hilfe, weil unsere Parkplätze verparkt, die Gehsteigkanten zu hoch und die Gebäude unerreichbar sind. Wir bleiben nie liegen, denn wir sind mobil. Man sagt uns: Seid mobil! und meint aber: Seid so wie wir. Ihr mögt anders sein, das ist nicht eure Schuld, ihr müßt aber gleichzeitig so sein wie wir, sonst können wir euch nicht helfen, wo wir uns schon selber nicht mehr helfen können. Wo wir doch unsere Lage schon nicht mehr verstehen, wo uns doch unsere Führer immer in die Irre führen, wie sollen wir euch verstehen, die ihr ja anders seid. Ihr müßt euch nach euren Führern richten, die wir bezahlen. Ihr müßt uns dankbar sein, daß wir euch unter uns leben lassen. Ihr müßt es uns überlassen, wen wir zu euren Vertretern machen, ihr sollt froh sein, daß eure Vertreter nicht behindert sind, sie müssen ja mobil sein,ihr sollt zufrieden sein, daß ihr vorkommt. Vorkommen ist noch nicht dabeisein, schon gar nicht Dazugehören, von Daheimsein keine Rede. Aber bedenkt doch, wo wir daheim sind. Die Baracken von Mauthausen und Majdanek sind abgerissen worden. Hartheim steht noch, es ist noch Betrieb dort. Es ist vieles noch nicht lange her, ihr dürft unsre Geduld nicht über Gebühr strapazieren, wenn wir euch auf die Schulter klopfen wollen. Wem mir schon machen! Wem euch schon helfen! Kommst halt nächste Wochn zu mir! Laßt dir halt an Termin geben bei der Sekretärin! Aber schlag keine Wellen! Aber laß die Zeitungen aus dem Spiel! Aber sei mobil.

    Und wir?

    Unsere Körper kommen auf den Palmers Plakaten nicht vor. Unseren G-Punkt hat noch keiner gesucht. Unsere Träume sind uns selber fremd, unsere Wünsche sind unerhört. Wir freuen uns, wenn man uns in Ruhe läßt. Wir fürchten uns vor der Ungeschicklichkeit der anderen. Wir verstehen die Probleme der anderen mit uns besser als wir unsere eigenen Probleme verstehen.

    Wir sind verwirrte Ameisen. Überall krabbeln wir herum. Wir sind vereinzelt. Wir kennen unseren Bau nicht. Wir kennen unsere Soldaten nicht, wir tragen schwere Lasten und wissen nicht wohin. Wir sind zersplittert. Wir sind noch keine Klasse. Wir denken selten über uns nach. Wir sind mobil.

    Wir sind berufstätig. Wir sind tüchtig. Wir sind Idealisten. Wir hängen an der Arbeit. Wir hungern nach Anerkennung. Wir sehnen uns nach Zärtlichkeit. Wir sind dankbar. Wir sind Kämpfer. Wir kämpfen nicht für uns. Wir sind mobil.

    Wir sind leicht zu betrügen. Wir sind schwer zu empören. Wir sind nicht mächtig, weil wir nicht gemeinsam kämpfen (vom olympischen Schneewettbrunzen aus dem fahrenden Rollstuhl einmal abgesehen). Während sie einigen von uns Medaillen umhängen, hängen viele von uns an Psychopharmaka-Infusionen. Wir haben noch nicht viel begriffen. Wir sind mobil.

    Wir kommen vor. Allgemein gilt es als denkbar, daß wir vorkommen. Denkbar ist aber auch eine Gesellschaft, in der die freie Entfaltung des Einzelnen die Bedingung der Entfaltung der Gemeinschaft ist. Denkbar ist eine Gesellschaft, die nicht als Summe von vereinzelten, täglich gegeneinander antretenden Bewegten funktioniert, sondern eine Gesellschaft, die sich nicht vor sich selber schämen muß, weil sie selektioniert, von der Rampe bis zum Schönheitsideal. Denkbar ist eine Gesellschaft, die im anderen die Ergänzung sieht, im Kranken die Bereicherung, im Behinderten den Vertrauten. Denkbar ist eine Gesellschaft, die stark ist, weil die Schwachen begriffen haben, daß sie zusammengehören und um den Preis des Untergangs dafür kämpfen, sich selbst zu organisieren. Denkbar ist schließlich der Sozialismus, auch wenn er schwach und behindert ist. Da er nur von den Schwächsten wirklich gebraucht wird, wie sollte er denn stark sein?

    Die Starken sind mobil.



    [16] es gibt zwar einen vom "Institut für Soziales Design" erarbeiteten "Wien-Führer für Behinderte", die letzte Ausgabe dieses Werks stammt allerdings aus dem Jahr 1982, sodaß viele Angaben nicht mehr stimmen. Eine Neuauflage, am besten als ergänzbare Loseblattsammlung, ist seit Jahren im Gespräch; die beste Garantie, daß nichts daraus wird.

    Die Diskriminierung behinderter Menschen. Gesellschaft und Politik

    "Wir sind ein fehlerhafter Entwurf In der Schlußphase mißlungen. Wir sind ein Werkzeug, dessen Funktion noch nicht erkannt wurde. Wir sind die Ahnung der Ahnungslosen. Ohne Zweck sind wir da. Defekt und bedrohlich. Eingeschränkt und grenzenlos. Wir erinnern immer an das, was fehlt.

    Krüppel schrecken ab, deshalb werden sie betreut. In harten Zeiten wird die Betreuung tödlich und in besseren Zeiten wird das wieder bereut. Betreuen, erschlagen, bereuen. Ein aufgeklärter Kreislauf. Wir sind und bleiben der Stachel im Fleisch der Trittfesten ..."

    aus: "Die wahre Geschichte der Spieltruppe Maria Nostra. Eine Chronik aus den Kuruzzenkriegen."; (von EA.)

    Die "Aktion Mensch" bringt Licht ins Dunkel. Wir bringen uns in Sicherheit.

    Was ist Politik? Die Gesamtheit der Aktivitäten, die notwendig ist, die Interessen der führenden Gruppen so durchzusetzen, daß diese eine Politik verfolgen können, die zum Ziel hat, die Gesellschaft so zu belassen, wie sie ist.

    Was ist Behindertenpolitik? Behindertenpolitik ist die Zuspitzung von Politik. Sie ist die Potenzierung aller Aktivitäten, die nötig sind, um die Behinderten als gesellschaftliche Abschreckungstruppe, als "invalid deterring force" zu erhalten. Wer sind die Medien der Politik? Die Medien der Politik sind von den regierenden Gruppen bestellte Gremien: Räte, Kommissionen, Parteien, Verbände und - Medien.

    Was ist die "Wiener Gemeinderätliche Behindertenkommission"? Die "Wiener Gemeinderätliche Behindertenkommission" ist, das zeigt schon ihr Name, die Wiener Zuspitzung von Behindertenpolitik.

    Wie arbeitet die "Wiener Gemeinderätliche Behindertenkommission"? Sie veranstaltet Aktionen, die viele bewegen aber nichts ändern. Beginnend im April, führt sie mit großem Aufwand die "Aktion Mensch" durch, eine Aktion, die ursprünglich "Nicht ins Dunkel" heißen sollte, womit auch schon erkennbar ist, welche Bevölkerungsgruppe zur allgemeinen Volksbelustigung freigegeben werden soll: Behinderte Menschen.

    Was geschieht von seiten der offiziellen Politik zum zehnjährigen Jubiläum des "Jahres der Behinderten", zehn Jahre, in denen immer mehr behinderte Menschen ohne Arbeit, Baulichkeiten und Verkehrsmittel nur in Ausnahmefällen zugänglich und über dreißigtausend behinderte Menschen in Heime gesperrt sind?

    Was tut die Behindertenpolitik, wenn zehn Jahre lang nichts geschehen ist? Sie geht an die Öffentlichkeit und erklärt alle Probleme für gelöst. Wenn dieses Unterfangen von den Mächten des Geldes, der Politik und der Medien[17] gelingt, besteht die Gefahr, daß die groß angelegte Haupt- und Staatsaktion den Verhöhnten für Jahre das Maul stopft.

    Wehe dem, der sich noch mit der Wahrheit ans Licht traut, der sagt, daß die Lebenssituation für behinderte Menschen in den letzten zehn Jahren nicht nur nicht besser, sondern in allen zentralen Lebensbereichen schlechter geworden ist!

    Noch nie waren so viele behinderte Menschen ohne Arbeit. Noch nie war der Druck auf die in Arbeit stehenden behinderten Menschen so groß wie heute. Immer mehr beschäftigten Behinderten wird der Wechsel in die Invalidenrente nahegelegt. Die Masse neu errichteter, behindernder Bausubstanz übertrifft die da und dort sanierten Baulichkeiten bei weitem. Von einer Verankerung des Grundsatzes des behinderungsfreien Bauens in der Verfassung (Schweden), vom Verbot der Neuerrichtung von Heimfabriken (Dänemark), von der Einrichtung von Fachstellen für behindertengerechtes Bauen (Schweiz), von der gesetzlichen Verankerung des anpassbaren Wohnungsbaues (Holland), von der gesetzlichen festgelegten Verpflichtung öffentliche Verkehrsmittel für alle zur Verfügung zu stellen (USA), ist in Österreich keine Rede. Nach wie ist die Ö-Norm B 1600 (für behindertengerechtes Bauen) nicht verpflichtender Bestandteil der Landesbauordnungen, nach wie vor ist anpaßbarer Wohnungsbau kein Schwerpunkt bei der Architektenausbildung, nach wie vor sind die Grundsätze selbstbestimmten Lebens in Österreich nicht anerkannt.

    Noch nie war der finanzielle Druck auf behinderte Menschen so groß. Wohnbeihilfen werden gestrichen, Unfallrenten besteuert (und erst nach langwierigen Protesten wieder zurückgenommen), Hilfsmittel nicht bewilligt, Urlaubs- und Kurzuschüsse verweigert, die oft lächerlich geringen Pflegegelder halten mit den Einkommenszuwächsen anderer Bevölkerungsgruppen nicht Schritt, von der Gleichstellung der Zivilinvaliden mit den Kriegsopfern gar nicht zu reden.

    Behinderte Kinder werden in Normalschulen nicht aufgenommen, nichtbehinderte Hausbewohner verhindern die Einrichtung einer Behinderten - Wohngemeinschaft (Salzburg). Selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen wird von der Sozialbürokratie mit Hingabe bekämpft.

    Darüber hinaus sind wir Behinderte seit einigen Jahren mit einer Neuauflage der Euthanasiefrage im Kleid der Neuen Ethik konfrontiert. Die renommierte "Wittgenstein - Gesellschaft" widmet der Erörterung des Lebensrechts behinderter Menschen sogar ihr im August stattfindendes Symposium. Nicht nur der "Tötungsethiker" Peter Singer, auch eine ganze Heerschar seiner wissenschaftlichen Jünger sind eingeladen. Das Interesse an der Ausmerzung behinderten Lebens ist ungebrochen.

    Die Wiener Gemeinderätliche Behindertenkommission weiß um die schwierige Lage behinderter Menschen Bescheid. Sie zieht daraus die Konsequenz und erklärt mit Nachdruck die materiellen Probleme behinderter Menschen gelöst. Es gehe nur mehr um die Verbesserung des Bewußtseins Nichtbehinderter gegenüber Behinderten. Die Kommission will ein angelsächsisches Bewußtsein schaffen, ohne die materiellen Voraussetzungen dafür aber auch nur in Erwägung zu ziehen. Die hinter der Aktion steckende Borniertheit wird von der Selbstherrlichkeit der Wohltäter zur Unverschämtheit gesteigert, sodaß das wirkliche Ziel der Aktion zum Vorschein kommt: die selbstbewußter werdenden Behinderten sollen eingeschüchtert, ihre Widerstandskraft gebrochen werden.

    Diejenigen von uns, die sich für diese kriegerische Aktion hergeben, werden dies mit dem Verlust an Loyalität ihrer Kolleginnen und Kollegen bezahlen; diejenigen von uns, die die Aktion bekämpfen, werden dies mit dem Verlust an Unterstützung durch die Wohltäter büßen. Ermessensleistungen für die Aufmüpfigen. und Uneinsichtigen werden spärlicher fließen, und aus Ermessensleistungen bestehen die meisten Zuwendungen. Ein Rechtsanspruch auf Arbeit, Rehabilitation oder Ersatz der 12 % Luxussteuer für den PKW-Kauf besteht nicht. Die Spaltung der Behinderten in verängstigte Anpassler und verbitterte Einzelkämpfer wird das wichtigste Ergebnis der Aktion Mensch sein. Die Aktion wird uns an die Wand drücken; salbungsvolle Worte der Politiker und dankbar stammelnde Krüppel werden die Abscheu vor den Behinderten noch verstärken; die Aktion Mensch ist nichts anderes als ein groß angelegter Versuch, den Kampf der behinderten Menschen um ein selbstbestimmtes Leben zu hintertreiben.

    Wie sieht der Aufmarschplan für diesen Feldzug im einzelnen aus? Wie will die Kommission das Bewußtsein der Nichtbehinderten "verbessern"? Nehmen wir sie beim Wort. Im ersten Kapitel des Programms wird das Hauptanliegen definiert:

    Ethik. Neben der Behandlung der Diskussionen um den Weit behinderten Lebens ...

    leiten die Autoren ein. Wer eine Diskussion behandeln will, die vor fünfzig Jahren Todesfabriken inspirierte, was will der? Die Behandlung der Diskussion um den Weit behinderten Lebens kann nur das Ziel haben, eine barbarische Geisteshaltung wiederauferstehen zu lassen. Das Kriegsziel ist also klar. Der Verzicht auf die Erörterung der materiellen Lage behinderter Menschen wird zur Erörterung ihres Lebensrechts ausgeweitet. Wer den Hauptstoß im Zentrum führen will, der lenkt durch Scharmützel an der Flanke ab.

    Daneben wollen sich Philosophie- und Publizistikstudenten mit den Schwierigkeiten der deutschen Sprache auseinandersetzen. 'Behinderter Mensch, Behinderter, Versehrter, Invalide, Krüppel' - alles recht untaugliche Begriffe. Können bessere gefunden werden,

    fragen die Autoren und demonstrieren damit absolute Ahnungslosigkeit; sie negieren nicht nur die UNO-Dokumente zur Darstellung behinderter Menschen in den Medien, sie übergehen auch die von der AUVA und der ÖAR schon vor vielen Jahren erarbeiteten und in hunderten Anzeigen veröffentlichten Richtlinien zur Darstellung behinderter Menschen in den Medien.

    Es ist nicht anzunehmen, daß die Verantwortlichen der Aktion Mensch dies ohne Grund tun. Wer eine "bewußtseinsbildende Aktion" für behinderte Menschen mit der Erörterung deren Lebensrechts einleitet, nichts anderes steckt ja hinter der Neuen Ethik, für den sind die materiellen Probleme Behinderter wenig interessant. Die Folgen zeigen sich im Kapitel Arbeit:

    Die Probleme behinderter Menschen in der Arbeitswelt sollen aufgearbeitet werden. Besonderes Augenmerk wird auf die Unterstützung von Betrieben, die behinderte Menschen einstellen wollen, gerichtet sein. Nicht in Form finanzieller Hilfe, sondern mit Beratung wie mit den Mitteln neuer Technologie Arbeitsplätze geschaffen werden können, Zum Beispiel durch Tele-Heimarbeit.

    Ende des Kapitels. Kein Wort von den nicht erfüllten Einstellungsquoten privater und öffentlicher Betriebe. Kein Wort von den Tricks zur Umgehung der Schlüsselzahl. Kein Wort von der Sklavenarbeit in manchen Geschützten Werkstätten. Dafür: Tele-Heimarbeit. Wenn die Krüppel daheim an den Computer gefesselt sind, erspart man sich behindertengerechte Verkehrsmittel, Zuschüsse für invalide Autofahrer und das Stadtbild wird auch nicht verschandelt.

    Wer glaubt, der Zynismus der Autoren ist keiner Steigerung mehr fähig, hat die Wohltäter unterschätzt:

    In Wiener Kindergärten werden im Rahmen einer Schwerpunktwoche behinderte und nichtbehinderte Kinder einander kennenlernen. Erwachsene behinderte Menschen werden mit den Kindern plaudern und im Puppentheater wird 'Behindertengerecht vermittelt Der Kasperl hat alle lieb! ... Im Rahmen von Projektwochen lernen behinderte und nichtbehinderte Schüler einander kennen. Gemeinsam lernen, gemeinsam wandern, gemeinsam kochen, gemeinsame Ferien ... Über ständigen, gemeinsamen Unterricht soll genauso geredet werden, wie über die Möglichkeiten gemeinsamer beruflicher Zukunft.

    In Wien konnte man immer schon über alles reden,

    Ein Malwettbewerb unter dem Motto 'So sehe ich dich, so bist du für mich' krönt die Projektwochen!

    so auch über die Volksbildung:

    Nichtbehinderte können Einblick gewinnen; wie es ist mit einem handicap zu leben und zu arbeiten und dabei glücklich oder traurig zu sein ... Konkrete Information von Menschen über Menschen für Menschen ist das Ziel.

    Wo landet man, wenn ausgehend von der Neuen Ethik, Arbeit, Kindergarten, Schule und Volksbildung bemüht werden? Bei der Volksfrömmigkeit.

    Religionslehrer wollen ... Fragen stellen.

    Wer hindert sie? Die Bibel? Heißt es dort nicht:

    Hütet euch vor den Gezeichneten?

    Wir wissen es nicht. Die Religionslehrer wissen aber noch weniger; sie wollen sogar den Bibelsatz hinterfragen und begehren Auskunft warum

    katholische Geistliche es häufig ablehnen, behinderte Menschen zu trauen.

    Wer wird ihnen antworten? Gott, die Werbeagentur GKK oder die Wiener Gemeinderätliche Behindertenkommission? Immerhin können

    Antworten gegeben werden. Beispielsweise in Form eines Hirtenbriefes, der im Herbst verlesen wird,

    Dem Himmel sei Dank! Endlich werden unsere Forderungen erhört: Im Hirtenbrief. Was dieser offen läßt, sollen, wir sind beim Kapitel Partnerschaft und Sexualität angelangt,

    Gesprächsrunden ohne Tabus stärker ans Licht der Öffentlichkeit bringen

    auf daß die nichtbehinderten Voyeure Anregungen für ihre Wichsvorlagen bekommen, ein Service, welches vor einigen. Jahren vom Behindertenmagazin "Mobil" geboten wurde, in dem es unverschämte Kontaktanzeigen nichtbehinderter Männer abdruckte, die beinamputierte Frauen zwecks lüsterner Gemeinsamkeit suchten.

    Auch wenn die Mißgeburten ausgefallene Sexualtechniken praktizieren, sind sie doch auch Lebewesen die

    ein Leben wie alle andern auch, aber auf ihre Weise führen

    Sie sollten zwar so sein wie die Nichtbehinderten, das schaffen sie aber nicht ganz. Genau

    das wollen sie mitteilen,

    arme Geschöpfe, wie sie sind, erzählen sie zum Gaudium der Wohltäter in Kaffeehaus-Gesprächsrunden von ihrem Leben? Nein,

    von ihrem Schicksal, und wie sie es bewältigen.

    Merke: Behinderte haben kein Leben, sondern ein Schicksal. Dieses

    zeigen sie in Bildern, Dias und Videos,

    vom Stuhlgang, von folgenschweren Stürzen und all den anderen schicksalhaften Verstrickungen, die behinderte Menschen eben ereilen. Über allem jedoch schwebt jedoch ihr Drang nach Mitteilsamkeit:

    Sie sind bereit, Fragen zu beantworten.

    Die Wiener Krüppel fremdeln nicht! Wer sagts den Reliogionslehrern?

    Wer Fragen beantwortet, die er selbst im Traum anderen Menschen nicht zumuten würde, hat keine Zeit, sich um seine Umwelt zu kümmern. So geschieht es, daß die Behinderten die ihnen dargereichten Hilfen einfach übersehen! Denn

    in den lebten Jahren sind Ansätze zur menschenfreundlicheren Umweltgestaltung

    vorher wurde ja überwiegend für wilde Tiere gebaut

    deutlich merkbar ... Immer mehr Gebäude werden zugänglich. Massenverkehrsmittel werden benützbar für alle,

    die hoch genug springen, schnell genug laufen und laut genug brüllen können.

    Überspringen wir die Kapitel Kunst ( Ausstellungen für Blinde unter der Devise: "Bitte berühren" ) Gastronomie ( Unter dem Titel "Wiener Melange" werden Behinderte animiert Kaffeehausluft zu schnuppern ) - für die Monster sind sogar rutschfeste Teller und Tassen in Entwicklung ; Fitness-Center ( Ein neues Freizeitangebot lockt ) und wenden wir uns dem Abschnitt Sport ( bewegt die Massen ) und den Kickern zu. Was haben diese mit uns vor?

    Prominente Fußballer wollen mit Amputierten Sitzfußball spielen,

    was die Amputierten wollen ist nicht so wichtig. Schließlich

    werden bei gut besuchten Sportveranstaltungen Rollstuhlsportler verschiedene Sportdisziplinen präsentieren.

    Da können sich die Profi-Fußballer eine Scheibe abschneiden: die behinderten Sportler wissen schon jetzt, daß ihre Veranstaltungen gut besucht sein werden, die Aktion Mensch sorgt für alles, auch für eine ausreichende Zahl von Zusehern. Wie sie das anstellt? Ich hätte da einen Vorschlag: Man könnte, ähnlich wie in schneereichen Wintern, Obdachlose und andere Gestrandete aufnehmen, diesmal nicht zum Zweck des Schneeschaufelns, sondern zum Zuschauen.

    Nach dem Kapitel Reisen ( Urlaub für alle ), erhebt uns das Kapitel Gipfeltreffen:

    Menschen mit eingeschränkter Mobilität sind keine Gipfelstürmer. Das muß nicht so sein. Um das zu beweisen, findet am 1. Mai 1991 in 2000 Meter Höhe ein Gipfeltreffen auf der Alm statt. Unter dem Schlagwort Behinderung ist kein Hindernis wird der Berg gestürmt.

    Kraft durch Freude.

    Wieder im Tal steht angewandte Lebenshilfe auf dem Programm.

    Der Witz vom Blinden, der innerhalb von 10 Minuten dreimal über dieselbe Kreuzung geführt wird, wird von der Realität noch übertroffen,

    nämlich von der Aktion Mensch:

    Eine Arbeitsgruppe hat sich dem Umgang nichtbehinderter und behinderter Menschen verschrieben.

    Der Umgang mit der Sprache wird zum Umgang der Nichtbehinderten, zum Leichenbegängnis. "Dem Tod sind alle anonym", sagt der liebe Augustin, deshalb beobachten

    Schüler und Studenten ihre Umgebung aufmerksam und suchen

    nach den da und dort noch nicht ganz nahezu vollständig perfekten behindertengerechten Bauten? Falsch,

    nach besonders behindertenfreundlichen Angeboten und Menschen.

    ein verbilligter Schlachtschußapparat aus dem Lagerhaus und Othmar Karas. Doch halt, die Aktion Mensch hat noch mehr vor:

    Sie dokumentiert ihre Wahrnehmungen - auch mit versteckter Kamera - und prämiert, was besonders gut gefallen hat!

    Zuviel Lob ist ungesund. Getreu dem Motto der Aktion Mensch: Nicht meckern - Vorbilder loben! findet sich im vorletzten Programmpunkt eine Einschränkung

    Die Arbeitsplatzprobleme behinderter Menschen sind nicht neu

    nur, um den folgenden Vorschlag noch bedeutender erscheinen zu lassen:

    Neu hingegen ist die Idee, Arbeitgeber auszuzeichnen, die sich besonders anstrengen, die besonders vielen behinderten Menschen Arbeitsplätze bieten oder ihren Betrieb bewußt menschenfreundlich = behindertenfreundlich gestaltet haben.

    Hier ist ein kleiner Einwand angebracht: So neu ist die Philosophie der Aktion Mensch auch wieder nicht. An der Klinik "Spiegelgrund", in Valduna, Mauer und anderen Orten schlug diese Philosophie schon vor fünfzig Jahren einmal zu.

    Mag die Geisteshaltung auch alt sein, die Medienforschung wird ist trotzdem erkunden:

    Vor und nach Ablauf der Aktion wird das Meinungsforschungsinstitut IFES die ..

    Meinung, genauer:

    die Stellung der Wiener zu ihren behinderten Mitbürgern erkunden.

    Ist es die Grundstellung, die sich im Rausch als Abwehrstellung und im nüchternen Zustand als Angriffsstellung gegenüber behinderten Menschen gibt oder ist es eine fixe Stellung, die die Wiener ihren Idioten zuweisen, eine Stellung an der Wand?

    Eines jedenfalls kann schon vor dem Beginn der Aktion Mensch mit Sicherheit festgestellt werden: Der Stellungskrieg zwischen Nichtbehinderten Wohltätern und behinderten Menschen in Österreich wird fortgesetzt, und zwar verschärft. (Oder hätten sie den Behinderten einen Bewegungskrieg zugetraut?)

    Was aber sind schon die Niederungen des alltäglichen Kleinkriegs gegen die Höhen des geistigen Luftkampfs?

    Wie man mit behinderten Menschen arbeitet und mit ihnen lebt,

    statt wie bisher für sie tätig zu sein, darüber will die

    AKTION MENSCH mit allen Interessierten ins Gespräch kommen.

    Bei einer Tagung.

    WISSEN UND BEWUSST SEIN!

    Vienna International School

    Straße der Menschenrechte 1, 1220 Wien

    5. bis 7. April 1991

    So stehts geschrieben. Ich schwör's!

    In acht Arbeitskreisen, deren erstgenannter "Neue Ethik", wie sonst, lautet,

    wird überlegt, wie das Bewußtsein der Mitmenschen verändert werden kann,

    wie diejenigen, die noch nicht fürs Totspritzen sind, endgültig davon überzeugt werden können, daß menschliche Regungen in Behindertenfragen nichts verloren haben.

    Es wäre nicht Wien, würde dem Tod nicht das Leben hinterdrein laufen.

    Im Rahmen dieser Veranstaltung wird auch die Produktion "AVALON" gezeigt. Fachleute meinen, eine so professionelle Kombination von Rollstuhl und Erotik habe nie zuvor das Rampenlicht erblickt.

    Wir hingegen schütteln angesichts dieser verbalen Attacken, die behinderte Menschen zur Rollstuhlmaschine degradieren, nicht nur den Kopf. Eine rollstuhlerotische Kombination, die das Rampenlicht erblickt, werden wir bekämpfen. Dies nicht deshalb, weil wer noch nie im Rampenlicht gestanden ist, geblendet wird, wenn er ins Licht der Bühne tritt, sondern weil wir es uns nicht gefallen lassen, mit unseren Hilfsmitteln verwechselt zu werden. Die Reduzierung des Menschen zur Maschine, seine Erniedrigung und die Verhöhnung der Andersartigen sind klassische Mechanismen des faschistischen Sprachgebrauchs.

    Mit uns wird eine Kombination von Rollstuhl und Erotik nicht gespielt werden, über Behinderung und Sexualität reden wir, wann, wo und mit wem es uns paßt. Sollte uns jemand von der Aktion Mensch dabei stören, garantieren wir schon jetzt, daß eine so virtuose Kombination von Rollstuhl und Tortur noch nicht gegeben wurde.

    Wer behauptet, dieser Text sei eine bedauerliche Entgleisung, die Beleidigungen behinderter Menschen, die Drohungen und Verhöhnungen unbeabsichtigt, in Wirklichkeit meine man es ja nur gut mit uns, dem sagen wir: Die Wirklichkeit ist die Aktion Mensch und wir werden uns ihr gegenüber so verhalten, wie es eine im Kleid der Neuen Ethik einherschreitende Behindertenfeindlichkeit verdient.

    Die Wirklichkeit ist: Wir trauen ihr (mit uns) alles zu.

    Spottlied auf die "Aktion Mensch"

    (Zur Melodie von "Hier ist ein Mensch" von Peter Alexander zu singen)

    Hier ist ein Mensch, s`ist keine Kuh.

    Er lebt im Heim, ist nicht wie du!

    Hier ist ein Mensch, ein halber zwar.

    Er fährt auf Rädern, die glänzen gar!

    Hier ist ein Mensch, der hört dich nicht.

    Er ist auch blöd, sieh sein Gesicht!

    Hier ist ein Mensch, der zuckt im Wind.

    Laß ihn nur zucken, s`ist ja kein Kind.

    Hier ist ein Mensch, der liegt im Kot.

    Laß ihn nur liegen, er ist bald tot.

    Hier ist ein Mensch, mit Augen rund.

    Er sieht nicht schwarz, er sieht nicht bunt.

    Hier ist ein Mensch, der redet schwer.

    Rufst du ihn nicht, kommt er nicht her.

    Hier ist ein Mensch, der läuft nicht recht.

    Laß ihn doch stehen, er geht zu schlecht.

    Hier ist ein Mensch, der hebt die Hand.

    Wink nicht zurück, das ist genant.

    Hier ist ein Mensch, der mag sich nicht.

    Da hat er recht, wer mag die Gicht?

    Hier ist ein Mensch, der lebt allein.

    Viel besser noch als andere zu zwein.

    Hier ist ein Mensch, der will nur Ruh

    weil er ein Mensch ist, steht sie ihm nicht zu.

    Er soll ein Krüppel sein und nicht wie du,

    dann ist es gut, dann gibst du Ruh.

    Die Dämmerung des Herrn Schumann

    "Wieso steigen die behinderten Menschen so auf die Barrikaden? ... Spaß beiseite oder sonstwo hin."

    (Peter Schumann, "Mobil" 8/89)

    Der Chefredakteur des Behindertenmagazins »Mobil", Peter Schumann, erfährt Anfang Juli von der Club 2 Redaktion, daß ein Club mit dem umstrittenen Euthanasie-Befürworter Peter Singer geplant ist.

    Die seit Monaten in der BRD tobende Auseinandersetzung um den Präfaschisten und Schreibtischtäter Singer (der behinderte Schauspieler Peter Radtke) ist am "Mobil"-Chefredakteur und ORF-Kurator Schumann spurlos vorübergegangen. Singer ist für Schumann höchstens der Markenartikel einer Nähmaschine, schreibt er apokryph in "Mobil". Durch einen Anruf des "Profil"-Redakteurs Schmiederer, der Schumann nach Singer befragt, erfährt Schumann, daß Singer dafür eintritt, neugeborene Behinderte zu töten. Schumann hat eine Eingebung: Da dämmert es mir, hat das mit Euthanasie zu tun? 'Euthanasie' - wie 'Hitler'?

    Die Dämmerung wird zur Nacht. Schumann besorgt sich Singers Buch 'Praktische Ethik' (es steht Ungeheuerliches und Vernünftiges drin) und das Zeit-Dossier des Dr. Merkel. Nach der Lektüre beschließt er Singer zu stellen. Die Proteste der österreichischen Krüppel- und Behinderinitiativen gegen den Club 2, eine Anzeige des Dokumentationsarchivs des Widerstands" wegen des Verdachts auf Propaganda für Euthanasie (strafrechtlich verboten), und die Proteste des Behindertensprechers der Grünen, Manfred Srb, konnten Schumann von der Teilnahme an dem Club ebensowenig abbringen, wie die von Behinderten organisierte Protestkundgebung vor dem Antifaschistischen Mahnmal in der Wiener Innenstadt, an der neben der Arge Rehab, der Dachorganisation der Behindertenverbände auch der "Club Handicap", die "Mobilen Hilfsdienste", die Zeitschrift "Behinderte", der Verein "Miteinander", der behinderte Hamburger Publizist Franz Christoph, die bundesdeutsche Journalistin Katja Leyrer, der Liedermacher Sigi Maron, sowie Vertreter von Parteien (Grüne, KPÖ), Schriftstellerorganisationen (IG-Autoren, Wiener Frauenverlag), und des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands" teilnahmen.

    Die Kundgebung, die unter großem Zeitdruck von den Behinderten organisiert worden war, hatte das Ziel den Club 2 mit dem provokanten Titel "(K)ein Recht auf Leben?" zu verhindern. Wenn schon ein Club 2 über die Lage behinderter Menschen, dann sollte es ein Club werden, in dem die gegenwärtig von mehreren Seiten unter Druck geratenden Behinderten (Stichworte: 20.000 Arbeitslose, Mangel an Behindertenwohnungen, Soziale Kürzungen, verstärkter Arbeitsdruck der im Beruf stehenden Behinderten, grün-biologistischer Gesundheitsfimmel) ihre Situation diskutieren sollten. Jahrelang weigert sich die Club-Redaktion über die den Behinderten vorenthaltenen Menschenrechte zu diskutieren, aber plötzlich soll unser Lebensrecht zum Gegenstand eingehender Erörterung werden? Aus diesem Grund reagierten die Krüppel- und Behinderteninitiativen mit einhelliger Empörung, eine Haltung, die aber auf ebenso einhellige Ablehnung des ORF-Kurators Schumann stieß. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man weiß, daß Schumann als ORF-Kurator ja mitverantwortlich dafür ist, daß im ORF nicht über die Lebensprobleme Behinderter gesprochen wird. Was hat Herr Schumann im ORF und im "Mobil" getan, um die skandalöse Umgehung der Einstellungsverpflichtung behinderter Arbeitnehmer zu brandmarken? Hat das "Mobil" die Sklavenarbeit in "Geschützten Werkstätten" aufgedeckt? Legt Schumann sich mit Politikern an, die Behinderte wie herzige Schoßhunde streicheln, um sie am nächsten Tag, wenn es um die Aufteilung von Finanzmitteln geht, zu vergessen?

    Peter Schumann wurde von der Bundesregierung als Vertreter der Behinderten ins ORF-Kuratorium entsandt. Gewählt wurde er von niemandem; konsequenterweise fühlt er sich daher auch niemandem verpflichtet. Dafür nimmt er sich das Recht heraus, die Solidarität der deutschen und österreichischen Behinderten als neuen Anschluß zu verleumden. Er verzichtet auch nicht darauf, die Kampagne der "Kronenzeitung" gegen das antifaschistische Mahnmal zustimmend zu erwähnen: ... jenes Denkmal, das laut "Krone" von der Mehrheit der Wiener abgelehnt wird. Peter Schumann weiß also sehr genau, auf welcher Seite er steht. Hinter "Kronenzeitung", "Licht ins Dunkel"-Marboe und schwadronierenden Politikern die Faust gegen Schicksalsgenossen zu ballen, ist eine mutige Tat, deren Belohnung nicht ausbleiben kann.

    Kein Schatten ohne Licht. Wer als Behindertenvertreter eine Diskussion um das Lebensrecht behinderter Menschen nicht nur akzeptiert, sondern die Tribüne des Club 2 noch dazu nützt, die kämpfenden Krüppel- und Behindertenverbände als feige, und "hinter Denkmälern versteckt" zu denunzieren, tritt ins Licht und erscheint in voller Schärfe als Marionette. Niemandem verpflichtet arbeitet Peter Schumann weiter an der Monopolisierung der öffentlichen Meinung in Fragen behinderter Menschen. Die Symbiose ist gelungen, die Politik erfreut sich pflegeleichter Behindertenvertreter, Herr Schumann erfreut sich zahlreicher Inserate und Fernsehauftritte. Die Lage behinderter Menschen in Österreich bleibt weiter im Dunkeln.

    Alle Zitate aus: "Mobil" 8/89, Peter Schumann: "Ich war im Club". Mittlerweile gibt es im ORF-Kuratorium keinen Behindertenvertreter mehr.

    Lieber Othmarl - Wien, 10.10.89*

    * Im Herbst 1989 machte der Schwiegersohn Kurt Waldheims Schlagzeilen. Noch als Vorsitzendem der jungen ÖVP war es ihm gelungen, seine persönlichen Verhältnisse nachhaltig zu sanieren. Als bekannt wurde, daß der Vielbeschäftigte Invalidenrentner ist, erkannte ich in ihm einen behinderten Kollegen. In einem Brief gratulierte ich Othmar Karas zu seiner erstaunlichen Karriere.

    Obwohl ich noch nie mit Dir gesprochen habe, erlaube mir, Dich zu duzen. Dies nicht deswegen, weil wir derselben Altersgruppe angehören, sondern weil wir beide behindert sind. Ich sitze nach einem Rückenmarktumor im Rollstuhl, Du sitzt nach einem Autounfall im Parlament. Und Behinderte sind untereinander nicht "per sie". Also. Servus, Othmarl

    Da Du als vielbeschäftigter Politiker sicherlich keine Zeit hast, Dich um die Lage behinderter Menschen zu kümmern, dies erledigen bei Euch im Parlament ja nichtbehinderte "Behindertensprecher", möchte ich Dir - stichwortartig - erzählen, wie wir sind und was uns bewegt. Du hast ein Recht darauf zu wissen, welcher Randgruppe Du angehörst!

    Öffentliche Verkehrsmittel sind für die meisten von uns nach wie vor nicht benützbar. Gehbehinderte haben in der U-Bahn, den Autobussen, den Straßenbahnen und Zügen nichts verloren. Ähnlich verhält es sich mit den meisten Theatern und Kinos. Dafür gibt es aber für die privilegierten Behinderten, die Arbeit und ein Auto haben, manchmal einen freien Behindertenparkplatz. Erst neulich habe ich einen benützt. Es war hinter dem Parlament, und nachdem ich aus dem Auto gestiegen war, machte mich ein seriöser Herr, vielleicht ein Kollege von Dir, darauf aufmerksam, daß ich auf dem Parkplatz des Nationalrats Srb stehe. Da ich aber für Manfred etwas abzugeben hatte, blieb ich stehen. Soll doch der Srb schauen, wie er einen Parkplatz findet. Er ist selber schuld, wenn er sich von Behinderten besuchen läßt. Da kann es schon vorkommen, daß der einzige Behindertenparkplatz bei dem von hunderten Autos verparkten Parlament besetzt ist. Wer zuerst kommt, malt zuerst. Leistung muß sich wieder lohnen! Und das Auffinden eines freien Behindertenparkplatzes ist doch eine Leistung!

    Wir Behinderte, lieber Othmar, sind überhaupt sehr leistungsbewußt. Leider können das aber nur wenige unter Beweis stellen. Immerhin 21.000 von uns sind als arbeitslos gemeldet und weder die Öffentliche Hand, geschweige denn die Privatindustrie erfüllen ihre Einstellungsverpflichtung gegenüber behinderten Arbeitnehmern, sie zahlen lieber für 20.000 nicht besetzte Stellen "Ausgleichstaxe" in der erstaunlichen Höhe von rund 1.600 Schilling!

    Die Chefärzte der Krankenkassen beschränken in der letzten Zeit die Bewilligung von Hilfsmitteln. Eine Turnmatte für einen Querschnittgelähmten ist "therapeutisch nicht zweckmäßig", ebenso ein umgebautes Fahrrad für einen Spastiker. Die Krüppel sollen sich ihre Luxusgerate gefälligst selbst zahlen, das Budget, so haben Deine Kollegen im Parlament befunden, muß saniert werden, da ist halt für manche nicht mehr drin. Du warst wahrscheinlich gerade im Krankenhaus, als das beschlossen wurde, Dich trifft also keine Schuld, Du kannst beruhigt sein. Das wär ja noch schöner, wenn sich die Behinderten gegenseitig das Leben schwer machten!

    Für die Wohnbeihilfe wird neuerdings auch das Pflegegeld als Einkommen geweitet. Nicht wenige von uns haben gestaunt, wie viel sie eigentlich verdienen.

    Du hast ja am eigenen Leib erlebt, wie rasch man in die 'Invaliditätsrente " gedrängt wird. Wie Dir geht es vielen von uns, sie werden mit sanfter Gewalt zur "Invalidenrente" überredet, das entlastet die Wirtschaft und senkt die Arbeitslosenrate.

    Andere Behinderte gehen ohne Umweg über einen Beruf gleich von der Schule aus in den Ruhestand. Weil sie noch nichts geleistet haben, ist natürlich die Pension gering, im Durchschnitt nur 5.000 Schilling. Oft reicht sie nicht aus um eine Behindertenwohnung zu finanzieren. Das ist wiederum aber auch nicht ganz so schlimm, denn es gibt ohnehin viel zu wenig Behindertenwohnungen. Viele von uns wohnen ja bedeutend billiger im feuchten Substandard.

    Du siehst also, lieber Othmar, es ist nicht die feinste Gesellschaft, in die Du da geraten bist. Erfolgreiche, dynamische Aufsteiger wirst Du unter uns schwer finden. Deshalb bin ich ja so froh, daß du jetzt zu uns gehörst. Du wirst es mir nicht als Zudringlichkeit anrechnen, wenn ich Dir sage, daß ich ein bißchen stolz auf Dich bin. Ein zweiunddreißigfähriger Invalidenrentner, der neben seiner Pension noch 77.000 Schilling als Politiker und ein in der Höhe nicht bekanntes Salär als Assistent des Generaldirektors der Bundesländer-Versicherung bezieht, das ist doch was! Von der exzeptionellen Heirat will ich gar nicht sprechen, ich gönn sie Dir.

    Lieber Othmar! Du bist unser, aller Behinderten, Aushängeschild. Auch wenn manche Dir Dein Glück neiden, so wissen doch wir beide, wie schwer es in dieser Gesellschaft ist, als Behinderter erfolgreich zu sein und wie hart wir dafür arbeiten müssen.

    Ich könnte Dir noch viel über uns erzählen, aber die "Segnungen" der Steuerreform für Behinderte, über die Lahmaischigkeit der Behindertenverbände, über den "Licht ins Dunkel-ORF", über die ungerechte Differenzierung zwischen Zivil- und Kriegsinvaliden; aber ich weiß, Du hast wenig Zeit, Eure Termine sind dicht gedrängt.

    Ich verbleibe also mit lieben Grüßen, meinetwegen auch an Deine Frau und an Deine Schwiegereltern, und den besten Wünschen für Dein persönliches und berufliches Wohlergehen!

    Erwin Riess

    PS: Hast Du auch von Deinen Steuerabschreibmöglichkeiten als Behinderter Gebrauch gemacht? Bei Deinem Einkommen zahlt sich das aus!

    Erwin Riess, Vertragsbediensteter im Wirtschaftsministerium, Aktivist der "Autonomen Krüppelbewegung"

    "Profil"

    z. Hd. Hrn. Peter RABL

    Marc Aurel-Str. 10-12

    1010 WIEN

    Wien, 10.10.89

    Sehr geehrter Herr Rabl!

    Othmar Karas hat es im Gegensatz zu vielen anderen Behinderten "geschafft". Ich finde, daß wir Behinderte auf ihn stolz sein können und. habe dies auch in einem offenen Brief an Othmar Karas begründet. Falls Sie Interesse am Abdruck des Textes haben, bitte ich Sie mich in den nächsten Tagen telefonisch zu verständigen.

    Mit freundlichen Grüßen!

    Erwin Riess

    Wien, 17.10.1989

    Sehr geehrter Herr Doktor!

    Sie haben meinem Kollegen Peter Rabl einen Brief an Othmar Karas zukommen lassen, den ich gerne im Rahmen eines Leserbrief-Kastens abdrucken würde. Ich darf Sie bitten, uns telefonisch mitzuteilen, ob Sie damit einverstanden sind. Wir würden Ihnen in diesem Falle ausnahmsweise ein Honorar von S 1.000.-- überweisen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Helmut Voska

    Wien, 20.10.1989

    Sehr geehrter Herr Voskal

    Ich darf Ihnen mitteilen, daß ich den Text an die "Volksstimme" verkauft habe, und zwar für das reguläre Zeilenhonorar. Es beträgt 1.000.-- öS. Es ist daher nicht notwendig, daß Sie für mich eine Ausnahme machen.

    Mit freundlichen Grüßen!

    Erwin Riess

    Behindert Grün oder: Trinkt Madeleine Petrovic Ovomaltine?

    Im Frühjahr 1990 bestellte die Zeitschrift MOZ bei mir einen Artikel über die Kandidatenwahl der Grünen auf deren Wiener Landeskongreß. Bei dieser Veranstaltung wurde auch darüber entschieden, ob der Behindertensprecher Manfred Srb an wählbarer Stelle für die NR-Wahl gereiht wird. Für den folgenden Beitrag zog der MOZ-Chefredakteur es vor, ein Abstandshonorar zu zahlen. Er war ihm nicht grün.

    Die Erregung ist abgeklungen. Auch die Grünen haben ihre Kandidaten gereiht. Die Kandidatinnen setzten sich durch. Sogar für den Behindertensprecher Manfred Srb fand sich noch ein Platz auf der Reststimmenliste. Der Kampf der Krüppel um den Erhalt der parlamentarischen Vertretung scheint gewonnen. Die Grünen sind nach wie vor die einzige Partei, die der Öffentlichkeit einen behinderten Politiker vorsetzt. In manchen Kreisen wird dies den Grünen als Verdienst gutgeschrieben. Nicht nur die behinderten Teilnehmer der Wiener Landesversammlung, bekanntlich diente diese Veranstaltung der Kandidatenreihung, haben von den Grünen aber ein anderes Bild gewonnen.

    Da die Einhaltung der Frauenparität Vorrang genoß, mußten sich die Herren Pilz, Srb, Chorherr und Ruiss um die restlichen Plätze streiten, wobei nur der erste Männerplatz als sicher galt. Peter Pilz, obwohl unbestrittener Star des Tages, ließ vor der Wahl in einem "Basta"-Interview verlauten, daß seine Nominierung an einem seidenen Faden hänge. Der Behindertensprecher mache ihm den Rang streitig. War diese Einsicht grotesk, so geriet der Auftritt Christoph Chorherrs zum absurden Lehrstück. Chorherr, unter anderem Lektor an der Wirtschaftsuniversität, hatte einige Dutzend Lodenmantelträger organisiert, die nicht nur durch ihre Stimme, sondern auch durch ihr Auftreten Stimmung für den ehrgeizigen Bürgersprößling machten. Manfred Srb verlor gegen Peter Pilz im Verhältnis 1:3, gegen Chorherr unterlag er nur um vier Stimmen. Nachträglich zeigt sich, daß es Chorherrs Claqueurtruppe war, die den Ausschlag gegeben hatte. Wäre es nur auf die Stimmen der Parteimitglieder angekommen, hätte Manfred Srb mit deutlicher Mehrheit gewonnen.

    Es war nicht nur die technokratische, sich auf den Sachzwang der Frauenparität ausredende Kandidatenerstellung, sondern auch eine massiv vorgetragene Behindertenfeindlichkeit, die den Wahlkongreß überschattete. Dies den handelnden Personen anzulasten ist so notwendig wie kurzsichtig. Die Wurzeln für die Behindertenfeindlichkeit liegen bereits im Weltbild der Grünen. Madeleine Petrovic, die Spitzenkandidatin, brachte es in ihrer Vorstellung auf den Begriff. Sie habe sich als Tierversuchsgegnerin profiliert, führte sie für sich ins Treffen. Die beeindruckten Wähler zogen sie der favorisierten Sonja Puntscher-Riekmann vor, die nur auf ihre gut honorierte Programmarbeit verweisen konnte. Tiere zu lieben, ihr Lebensrecht zu verteidigen, erwies sich als Bestsellerprodukt im Warenangebot des grünen Politladens. Behinderte Menschen, die sich seit einigen Jahren einem zunehmend aggressiver werdenden Angriff auf ihr Lebensrecht gegenüber sehen, kamen schlechter weg. Sie mußten sich sagen lassen, zuwenig auffällig zu sein, sich zu wenig medial profiliert zu haben.

    Der behinderte deutsche Publizist Franz Christoph wies in den vergangenen Monaten mehrmals auf die in der grünen Weltanschauung angelegte Behindertenfeindlichkeit hin. "Mißgeburten drohen!" schlagzeilte die Presse nach Tschernobyl, und die grünen Mütter fürchteten Behinderung mehr als den Strahlentod.

    Das gesellschaftliche Klima gegenüber behinderten Menschen hat sich in den letzten Jahren verändert. Die betuliche Fürsorglichkeit der Konservativen wurde durch eine apokalyptische Vision abgelöst: vom Atomkrieg. Das Überleben der Menschheit steht auf dem Spiel. Zusatz: der "gesunden" Menschheit. Behindertes Leben fungiert als Abschreckhing. Verkrüppelt zu sein, sei das Schlimmste, und das Schlimmste zu verhindern, war die Friedens- und Naturbewegung angetreten.

    "Die lässig über Kinderhaar und Tierfell streichelnde Hand heißt: die Hand hier kann vernichten", schrieb Adorno in der Skizze "Mensch und Tier" und enthüllte damit ein Grundmuster faschistischen Denkens. Nur in einem latent faschistoiden Klima gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen erweist sich der Ovomaltine - Werbespruch "Nur die Starken Überleben" als zugkräftig. Madeleine Petrovic ist eine ehrenwerte Frau. Es ist mit einiger Sicherheit davon auszugehen, daß sie auch ein Herz für Behinderte hat. Es ist aber unwahrscheinlich, daß sie folgende Frage beantworten kann: Warum öffnet die Tierliebe alle Türen zum grünen Haus, während behindertes Leben sich selbst um einen Platz im hintersten Winkel mit trittkräftigen Naturschützern prügeln muß?

    Gutgemeintes Alibi. - "Behindert sein/werden in Österreich. Eine Broschüre der KPÖ"

    Die Großparteien halten sich, was die Behindertenpoltik betrifft, vornehm zurück. Die Zurückhaltung ist so groß, daß Behindertensprecher wie Frau Partik-Pablè im Nationalratswahlkampf gänzlich darauf verzichten, als Behindertensprecher aufzutreten (vgl. dazu das FPÖ - Inserat aus dem Wahlkampf 1990 im Dokumententeil dieses Heftes).Bei den Grünen besteht die Behindertenpolitik aus der Arbeit Manfred Srbs. Die KPÖ widmete der Situation der behinderten Menschen eine Broschüre.

    Von einer Reise zurückgekehrt, finde ich dieses Heft auf meinem Schreibtisch vor. Meine Überraschung ist groß, sind mir doch einige Mitarbeiter der "Sozialpolitischen Kommission" nicht unbekannt, mit Tom Schmid habe ich studiert. Wer war von der Erarbeitung der Broschüre informiert, wer von den Behinderten hat daran mitgearbeitet? Ein Anruf bei Sigi Maron bringt keine Aufklärung. Auch er weiß nichts davon. "Positiv denken!" sage ich mir und studiere die Arbeit. Je länger ich studiere, desto größer werden meine Zweifel. Doch diese schwinden bald. Ans Licht tritt die traurige Wahrheit: die Broschüre ist ein halbherziges und zum Teil fehlerhaftes Dokument. Nicht einmal Konturen einer linken "Krüppelpolitik" werden sichtbar.

    Einige Beispiele: Der Zusammenhang "Behinderte und Politik" wird überhaupt nicht angesprochen, Behinderte erscheinen als unmündige Objekte der Sozialverwaltung. Vom "Selbstbestimmt Leben" - Konzept der fortschrittlichen Krüppel kein Wort, die "Independent Living Movement" des angelsächsischen Raums: unbekannt; die schwedischen Erfahrungen; die leider fürchterliche Situation Behinderter in den meisten sozialistischen Ländern: Schweigen; die Abstinenz der Gewerkschaften in der Behindertenpolitik - viele verstaatlichte Unternehmen und Multis ließen vom Sozialministerium ihre Schlüsselzahl erhöhen und halten nicht einmal diese ein: kein Wort; das Trauerspiel der Behindertenvertrauenspersonen; die Farce der österreichischen Behindertenpolitik (mit Ausnahme von Manfred Srb), das wohlwollend distanzierte Beobachten der Linken, wenn es um Krüppelfragen geht: kein Thema. Behinderte Frauen, Behindertensexualität, Behinderte in den Medien (in einem Vergleich mit anderen Tageszeitungen bräuchte sich die "Volksstimme" nicht verstecken!), Behinderte in der KPÖ: Gibts nicht.

    Statt dessen wird eine Mixtur aus richtiger, halbrichtiger und fehlender Information angeboten. So wird die skandalöse Situation Behinderter auf dem Arbeitsmarkt zwar korrekt dargestellt, die nur in der Theorie bestehende Schlüsselzahl 1:25 wird aber nicht hinterfragt.

    Im Vorwort schreiben die Verfasser, behinderte Menschen hätten an der Broschüre mitgearbeitet. Wenn dem so ist, warum ist es dann eine Broschüre über Behinderte und nicht von Behinderten geworden? Das Titelbild könnte aus jeder katholischen Familienzeitschrift stammen, es zeigt einen Behinderten: hilflos, mitleidig von einer Frau bemuttert. So habe ich mir "Krüppelpower" schon immer vorgestellt.

    Es ist erfreulich, wenn auch die KPÖ auf behinderte Menschen aufmerksam wird. Sie hat mehr als andere Parteien Grund dazu, der Anteil behinderter Menschen war in der KPÖ gerade in den Jahren nach der Parteigründung ungewöhnlich hoch. Im Frühjahr 1919, als Zehntausende der Partei beitraten, waren unter ihnen viele Kriegsinvalide. "In der Hauptsache rekrutierten sich ihre Anhänger aus Arbeitslosen, Kriegsinvaliden und Heimkehrern." (Hans Hautmann, in "Die Kommunistische Partei Osterreichs. Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik." Wien 1987, S.48)

    Die Kriegsinvaliden zählten zu den revolutionärsten Genossen, und ihr Blutzoll in der 1. Republik war nicht gering, ich erinnere an das Massaker in der Hörlgasse am Gründonnerstag 1919. Wieviele Genossen wurden unter dem Faschismus, im Spanischen Bürgerkrieg, im Zweiten Weltkrieg, durch Stalins Terror oder beim Wiederaufbau in den Betrieben verstümmelt? Wieviele Josef Gradls hatte und hat die Partei vorzuzeigen und warum ist sie auf diese Kämpfer nicht stolz?*)

    Helmuth Kurz-Goldenstein und Sigi Maron, zwei hervorragende Künstler, die durch ihre Persönlichkeit und ihre Arbeit weit über den Kreis der Partei hinaus wirken, - vernachlässigenswerte Figuren? Spukt der kindische Glaube an den sportlich gestählten, belesenen Facharbeiter, der allein dem kommunistischen Ideal entspricht, noch in den Köpfen der Funktionäre?

    Fragen, der Bitterkeit entspringend, der Bitterkeit über die Art und Weise in der ein "Politikfeld" abgehandelt wurde, das mehr als andere Herz und Hirn fordern sollte. Statt dessen: Eine Broschüre wie viele andere. Plan erfüllt, Aufgabe abgehakt. Die KPÖ hat auch zur Behindertenfrage etwas gesagt.

    Übrig bleibt Ärger auf allen Seiten. Die Verfasser sind verärgert, weil sie keine oder von den Behinderten ablehnende Kritik erhalten, die Behinderten fühlen sich verprellt, weil sie einmal mehr zum Objekt degradiert wurden, und die nichtbehinderten Leser, denen ein einseitiges Bild der Lebenssituation Behinderter dargeboten wird, sind verwirrt.

    Wie sagt Franz Muhri so schön im Vorwort: "Behinderung Alter, Pflegebedürftigkeit und Krankheit werden in der öffentlichen Meinung unseres Landes weitestgehend verdrängt. Nur zu bestimmten Anlässen wird auch der behinderten Menschen gedacht."

    Er hat so recht. Hat er die Broschüre auch gelesen? Ich habe sie gelesen und bin traurig, muß ich doch davon ausgehen, daß sich nicht nur die großen Parteien in Behindertenfragen verrenken.

    Abbildung 5. Abbildung 5: Josef Gradl

    Fotografie in schwarz-weiß: Josef Gradl hält ein Mikrophone in der
Hand und hält eine Rede; dahinter steht ein zweiter Mann der eine Fahne
hält

    Josei Gradl; schwerstversehrter Spanienkämpfer, baute nach dem Krieg ein umfangreiches Fotoarchiv zur Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung auf. Gradl verstarb 1989. Das Foto zeigt Josef Gradl bei der Einweihung einer Erinnerungstafel für den in Mauthausen ermordeten Studenten Alfred Ochshorns. Der Mörder Ochshorns, Martin Bartesch, wurde 1989 von den USA nach Österreich verwiesen und lebt in Freiheit.

    Ein unpraktischer Club 2

    "Vor den Fenstern hängt der Regen/In den Stuben brennt das Licht/Wir wagen nicht uns zu bewegen/Wenn uns deine Nadel sticht"

    (Sigi Maron)

    18. Juli, zehn Uhr, Albertinaplatz. Es ist kalt, ein schneidender Wind treibt dunkle Wolken über die Oper. Vor dem Mahnmal gegen Faschismus und Krieg versammeln sich einige Dutzend Personen, unter ihnen viele Behinderte; Rollstuhlfahrer und Spastiker. Sie hantieren mit gelben Zetteln, die sie Passanten und zur Gruppe Stoßenden übergeben. Ein Violaspieler nimmt mit seinem Instrument vor dem im Stein verschwindenden Orpheus Aufstellung. Im Halbrund versammeln sich die Behinderten. Ein Tagesausflug eines Behindertenheims? Gleich wird der Herr an der Viola ein Lied anstimmen und alle werden mitsingen. Hoffentlich ist das Lied fröhlich, die Mienen der Behinderten sind nämlich sehr finster. Der Musiker beginnt zu spielen. Er kümmert sich nicht um den ringsum brandenden Verkehrslärm, spielt konzentriert und sicher. Einige Touristen, die auf die Gruppe neugierig geworden sind, wenden sich wieder ab. Die Musik gefällt ihnen nicht.

    Auf den gelben Zetteln, die die Behinderten halten, steht zu lesen: Euthanasie ist Mord, Vergesst Hartheim nicht!, Unser Lebensrecht ist tabu und Kein Club 2 mit neuen Faschisten!

    Was der Wiener Avantgardekomponist Karl-Wilhelm Krbavac mit einem Klagelied einleitete, war die Protestkundgebung der österreichischen und deutschen Krüppelbewegung gegen die Ausstrahlung eines Club 2 mit Peter Singer, einem Vertreter der "aktiven Euthanasie" an behinderten Kindern. Der australische Philosophieprofessor, der in seinen Arbeiten "Praktische Ethik" und "Should the baby live?" eine "wissenschaftliche" Untermauerung des "gesunden Volksempfindens" liefert, war bis zum Club in Österreich unbekannt. In der BRD dagegen gab und gibt es um seine Ideen erbitterte Kontroversen. Einzig in Saarbrücken gelang es ihm, seine "Tötungsethik" vorzutragen und selbst dort mußte er ein halbstündiges Pfeifkonzert abwarten. Alle anderen geplanten Auftritte Singers scheiterten an den Protesten der Krüppel- und Behinderteninitiativen. In Dortmund mußte sogar ein von der "Aktion Leben" unter der Schirmherrschaft des bundesdeutschen Familienministeriums geplantes Symposium abgesagt werden, weil Singer auf der Rednerliste stand. Der Titel seines Vortrags hätte gelautet: Haben schwerstbehinderte Neugeborene ein Recht auf Leben?

    Der Professor und sein journalistischer Förderer, der "Zeit"-Redakteur Merkel, konnten die in der BRD erlittene Schlappe nicht nur wettmachen; ihr Auftritt in Österreich geriet zum Triumph: der "Praktischen Ethik" wurde eine Tribüne geboten. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen erwies sich als Hort der freien Rede, heldenhaft und unbeugsam im Kampf gegen die "gewalttätig-militanten Krüppel", die nicht von der Lebenspflicht erlöst werden wollen. Massive Proteste der Behindertenverbände und eine Strafanzeige des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands wegen Verdachts der Propaganda für Euthanasie (in Österreich strafgesetzlich verboten) konnten den ORF nicht dazu bewegen, die Sendung abzusagen. Als Behinderter einem Menschen gegenüberzusitzen, der das Lebensrecht Behinderter in Frage stellt, kann, von der frechen Provokation einmal abgesehen, keine gleichwertige Diskussion ergeben. Diese menschliche und journalistische Selbstverständlichkeit konnte von dem Club 2 Chef Fuhrmann aber nicht nachvollzogen werden. Indem er wenige Stunden nach der Protestkundgebung die Euthanasiefrage zu einer "gesellschaftspolitisch anstehenden Diskussion", erklärte, führte er sie bereits, die Proteste der Behinderten waren mit einem Federstrich vom Tisch. Und so wurde vierundvierzig Jahre nach dem Ende der "Praktischen Ethik"' in österreichischen Spitälern das Lebensrecht der "Wesen an der Grenze des Menschseins" (Singer) öffentlich und kontrovers erörtert. Unter dem Titel "(K)ein Recht auf Leben?" diskutierten Behinderte und Angehörige von Behinderten mit Menschen, deren hehres Ziel darin besteht, die Behinderten vom Leid zu erlösen. Singer weiß um die Gefährlichkeit seiner Theorie, er diskutiert in seiner "Praktischen Ethik" das Argument der "schiefen Bahn" - wer beginnt den Lebenswert von Menschen in Frage zu stellen, riskiert den Einbruch der Barbarei - kommt aber zu dem Schluß, daß diesem Argument "nicht allzuviel Gewicht" (S.95) zugemessen werden kann. "Wir sollten uns", schreibt er, "bei dem Versuch diese Situation in Ordnung zu bringen (er meint die Existenz behinderter Kinder!) nicht durch die bloße Möglichkeit abschrecken lassen, daß die Prinzipien, auf die wir diesen Versuch gründen, von üblen Herrschern für ihre eigenen Zwecke mißbraucht werden. Und es ist nicht mehr als eine Möglichkeit." (S.95)

    Valduna: 447, Hall: 500, Lehen: 260, Klagenfurt: 400, Feldhof. 1500, Niedernhart: 200, Mauer-Öhling: 147. In Rahmen der Aktion "T 4" machten üble Herrscher vor nicht langer Zeit von dieser Möglichkeit Gebrauch: zweihundertfünfundsiebzigtausend Mal wurde "in Ordnung gebracht", was die Natur verpatzt hat.[18]

    Es ist traurig, daß sich Behinderte für diesen Club hergegeben haben. Wären Radtke, Schultz und Schuhmann nicht gekommen, hätte Herr Singer am Küniglberg wieder umdrehen müssen. Und doch war die Runde unvollständig, es fehlten die Praktiker. Dabei wäre es ein leichtes gewesen, sie in den Club zu holen. Dr. Heinrich Gross, vielbeschäftigter Gerichtspsychiater und Sammler von in Alkohol eingelegten Wasserköpfen (Hydrocephalus) der von 1942 bis 1945 in Gugging mithalf, hunderte "lernunfähige" Kinder durch eine Spritze zu "erlösen" wäre für den Club eine Bereicherung gewesen. Als Mann der Praxis hätte er die wegen Hydrocephalus operierte Karen Schultz sicherlich mit Kennerblick gemustert.

    Behinderte: "Nett aber wenig effizient!"* - Zu Conrad Seidls Berichterstattung über den grünen Bundeskonkreß

    * Conrad Seidl, "Auch eine Form der Diskriminierung", Standard, 23.4.90

    Selbstverständlich unterliegt auch die Arbeit behinderter Menschen einer Beurteilung. Überwiegend sind es Nichtbehinderte, die uns bewerten. Dies wissend, kämpfen wir Behinderte seit Jahren darum, daß unsere Leistungen wenigstens objektiv, frei von Sentiment und Ressentiment, betrachtet werden.

    Seidls Berichterstattung über den Grünen Bundeskongreß in Goldegg erinnerte mich an eine Begebenheit, die mir vor Jahren in Floridsdorf widerfahren war. Als Behindertenvertreter in einem großen Gemeindebau war ich gezwungen, an einigen Mißständen Kritik zu üben. So waren weder Saunen, noch Gemeinschaftsräume, noch Waschküchen für Behinderte zugänglich. Da wir Behinderte aber die Betriebskosten mit trugen, verlangte ich, daß wenigstens eine Sauna, ein Gemeinschaftsraum und eine Waschküche für uns erreichbar sein sollten. Damit zog ich mir aber den Unmut der Floridsdorfer SPÖ zu. So verwendete der schwerbeschäftigte Bezirksvorsteher viel Zeit, sich eingehend nach mir zu erkundigen. Das Ziel, den unbequemen Behindertenvertreter loszuwerden, wollte man bei der Wahl des Mieterkomitees dadurch erreichen, daß ein Nichtbehinderter als Behindertenvertreter aufgestellt wurde, der seine Qualifikation durch die Vorlage von zwanzig Unterstützungserklärungen Nichtbehinderter nachwies. Wir konnten diesen Anschlag auf unser Vertretungsrecht abwehren, mittlerweile sind auch die beanstandeten Mißstände beseitigt. Trotzdem blieb eine gewisse Sensibilität in Fragen der Selbstvertretung von Behinderten bei mir zurück.

    Diese Sensibilität wurde von Seidls Artikel neuerlich wachgerufen. Sein Beitrag ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie über Behindertenpolitik nicht geschrieben werden sollte. Er spricht vom "netten, aber politisch wenig effizienten Manfted Srb". Er merkt an: "Über Srbs Qualitäten zur weiteren Parlamentstätigkeit, über Srbs bisherige Tätigkeit, die viel weniger aufgefallen ist als die des eloquenten Bundesgeschäftsführers wird nichts gesagt."

    Einem Mandatar, der die Opfer der heimischen Zweidrittelgesellschaft vertritt, vorzuwerfen, seine Themen seien zu wenig spektakulär, ist bestenfalls zynisch. Jeder Politiker ist nur so gut, wie der Journalist, der über ihn schreibt. Diese Symbiose, oft beklagt und nie hinterfragt, erzeugt die Politik des Spektakels, die gleich mancher Werbespots einigen Unterhaltungswert hat. Der Spaß endet aber dort, wo sich diese Politik von Geschickten anmaßt, Schicksal für weniger Geschickte zu spielen.

    Als Teilnehmer von Verhandlungen über die "Pflegesicherung für behinderte Menschen" im Sozialmisterium weiß ich, daß Manfred Srb dort nicht nur mit großem Einsatz, sondern auch mit dem erforderlichen Nachdruck den Standpunkt der Behinderten vertritt. Die Propagierung des "Selbstbestimmten Lebens" behinderter Menschen nach schwedischem und amerikanischem Vorbild in Österreich wäre ohne Manfred Srb überhaupt nicht vorstellbar. Immerhin organisierte er im Herbst des Vorjahres einen internationalen Kongreß zu diesem Thema in Wien-Strebersdorf. Daß diese Arbeit in der Öffentlichkeit nicht hoch bewertet wird, liegt unter anderem auch daran, daß nach wie vor das Stereotyp vom "netten aber wenig effizienten" Krüppel verbreitet wird. In Wirklichkeit waren, trotz professioneller Pressearbeit nur wenige Journalisten dazu zu bewegen, über den Kongreß zu berichten. Auch entsinne ich mich nicht, Klubkollegen vom Manfred Srb bei dieser, für Österreichs Behinderten- und Sozialpolitik bahnbrechenden Veranstaltung gesehen zu haben.

    Herr Seidl bemängelt, daß Manfred Srb nicht von einer Behindertenversammlung als Vertreter nominiert worden ist. Hätte er nur die auf dem Bundeskongreß anfliegenden und jedem Journalisten zugänglichen Unterlagen überflogen, wäre ihm nicht entgangen, daß alle Behindertenverbände Österreichs, von der Dachorganisation "Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation" über den "Club Handicap" bis zu den "Mobilen Hilfsdiensten" seit Monaten vehement Srbs Kandidatur unterstützten.

    Herr Seidl schreibt weiters von den zahlreich angereisten Freunden Manfred Srbs, erwähnt aber nicht, daß es sich überwiegend um Behinderte handelte. Ich weiß auch, warum er auf diese Information "vergaß", hätte er nämlich sonst das gesagt, was er meinte: Die Behinderten sind zu zahlreich erschienen.

    Auf dem Wiener Landeskongreß wurde uns Behinderten von Nichtbehinderten gesagt, wir könnten doch auch, wie Chorherrs Hundertschaft, in großer Anzahl erscheinen, um die nötigen Stimmen für Manfred Srb zu mobilisieren. Daß diese Aussage von Manfred Srbs früherer Sekretärin Kunz stammte, mag ein Indiz für seine begrenzte Unterstützung durch Teile der grünen Parlamentsmannschaft sein.

    Im Grunde war die gesamte Kandidatenwahl der Grünen für uns Behinderte ein widerliches Schauspiel mit vorderhand gutem Ausgang. Hätte der grüne Parteivorstand bereits vor einem halben Jahr die Behindertenverbände mit der Bitte um Nominierung von Kandidaten für das Behindertenmandat konfrontiert, wären uns Dummheiten, wie der Vorwurf der "mangelnden Auffälligkeit" erspart geblieben. Würde man diesem Vorwurf nachgehen, zeigte sich nämlich, daß er das genaue Gegenteil meint: Behinderte fallen auf, aber unangenehm. Wer unangenehm auffällt, hat nicht nur eine schlechte Presse, sondern auch eine entsprechende Nachred. Gnade ihm Gott, wenn er darüber hinaus nicht effizient ist.

    Leserbrief zu "Grüne: Die neuen Kandidaten" "Profil" 40/89

    So werden Kandidaten gemacht. Herr Votzi stellt die Anwärter auf ein grünes NR-Mandat vor und weiß von jedem/er etwas zu berichten. Zu Manfred Srb fällt ihm nur ein, daß er um seinen Listenplatz kämpfen müsse, weil ihm "KIubkollegen" mangelnde Profilierung über seine Rolle als Behindertensprecher hinaus vorwerfen. Srbs Tätigkeit wird also nur von seinen Konkurrenten beurteilt und diese spiegeln das gängige Vorurteil gegenüber Behinderten wider: Wenn schon Krüppel, dann bitte doppelt so gut wie Nichtbehinderte!

    Dazu möchte ich als Behinderter, der als "autonomer Krüppel" mit Manfred SRB gegen unsere zunehmende Ausgrenzung kämpft, feststellen: Endlich vertritt ein in der Behindertenpolitik erfahrener Betroffener unsere Interessen. Endlich erreichen die Behinderten einen Zipfel an Öffentlichkeit. Endlich erhalten wir Einblick in die kafkaesken Windungen der Sozialpolitik. Endlich können wir anhand von Fakten argumentieren. Manfred Srb ist unsere Anlaufstelle, und es ist nicht seiner "Schuld", sondern der mangelnden Unterstützung seiner "Kollegen" zuzuschreiben, daß seine Arbeit nicht noch effizienter ist.

    Wenn diejenigen, die auf allen Ausschuß-Kirtagen als "Medienalf" herumtänzeln, Zensuren für die Arbeit Behinderter austeilen, wird der Zynismus zur menschlichen und politischen Sauerei. Wie Behindertenpolitik auszusehen hat, ist zuallererst unsere Angelegenheit. Die Söhne und Töchter aus gutem Haus mit Drang nach Höherem sind zwar leichter zu vermarkten als Rollstuhlfahrer; ein grüner Klub ohne Manfred Srb würde die Honoratioren aber als Philister entlarven, für die die Anliegen der Krüppelbewegung bloßes Lippenbekenntnis sind. Sollte es soweit kommen, ist "Krüppelpower" angesagt.

    Erwin Riess

    Vom Terror der Glückseligen. - Das aufgelöste Rätsel der utilitaristischen Philosophie Peter Singers

    "Wo Beherrschung der Natur das wahre Ziel ist, bleibt biologische Unterlegenheit das Stigma schlechthin, die von Natur geprägte Schwäche zur Gewalttat herausforderndes Mal."

    (Adorno/Horkheimer)

    "Im Rahmen dieser Ethik ist es möglich und notwendig, lebenswertes Leben und lebensunwertes Leben zu unterscheiden und das lebensunwerte zu vernichten."[19] postulierte der Ethiker Peter Singer 1986 in West-Berlin, ohne auf allzu heftige Kritik zu stoßen. Im Frühsommer 1989 hatte sich dies geändert. Vorträge des Todesethikers in der BRD wurden mit einer Ausnahme (Saarbrücken) verhindert. Die Geschichte Deutschlands verbiete es, Ideologien Raum zu geben, „die zutiefst lebensverachtend sind und den geringen Kredit, den die Humanwissenschaften nach dem Hitler-Faschismus heute wieder in Anspruch nehmen dürfen, mit einem Schlag zerstören können", schreibt der Bremer Pädagogikprofessor Feuser in einem offenen Brief an die Adresse der Universität Dortmund, wo am 9. Juni 1989 ein Vortrag Singers angesetzt war.[20] Auch dieser Auftritt des Ethikers kam nicht zustande, zu stark waren die Proteste der Krüppel- und Behinderteninitiativen. Erst ein Dossier in der Wochenzeitung "Die Zeit" holte Singer wieder aus der Versenkung. Der "Zeit"-Redakteur Merkel führte dem Publikum ein "Monstrositätenkabinett" vor, um Singers Mordaufruf an schwerbehinderten Neugeborenen zu unterstützen. Massive Proteste der Krüppelbewegung ("so nennen sich die", Merkel im Club 2) waren die Folge. Der behinderte Publizist Franz Christoph kettete seinen Rollstuhl an die Eingangstür des ZEIT-Gebäudes und erzwang eine öffentliche Entschuldigung des Chefredakteurs, die dieser eine Woche später allerdings wieder vergaß[21] Nach Österreich war die Kontroverse noch nicht vorgedrungen. Dem schuf der Club 2 Abhilfe. Singer und Merkel hatten Gelegenheit den Lebenswert der "Wesen an der Grenze des Menschseins" sachlich (Singer, Praktische Ethik, S. 92) zu erörtern.

    Die Befürchtung der Krüppelbewegung, der. "Euthanasie-Club" werde damit die Tür zur nüchternen Erörterung des Lebensrechts behinderter Menschen weit aufstoßen, traf zu. Ja, sie wurde durch das perfekte Doppelspiel zwischen Professor Singer und Doktor Merkel noch übertroffen. Während letzterer die propagandistische Dreckarbeit verrichtete, konnte der Herr Professor, ernst, zurückhaltend, mit sorgenzerfurchter Stirn und sonorer Baßstimme das Gebot der Tötung behinderter Kinder aufstellen. Er verzichtete darauf, annähernd so deutlich zu werden, wie in seinem programmatischen Werk "Praktische Ethik". Selten sprach er davon, daß Schimpansen höherwertigere Lebewesen seien als behinderte Kinder. Nur manchmal deutete er an, daß die Tötung eines behinderten Kindes dann ein Gebot sei, wenn dadurch Platz für ein gesundes Kind geschaffen würde. Fast zögernd sprach er davon, daß es nicht um das Lebensrecht eines Menschen gehe, sondern um geseffschaftliche Interessen.

    Krüppel aus Fleisch und Blut saßen ihm gegenüber, für Nervenkitzel war gesorgt. Die ungleiche Diskussionsbasis fiel nicht weiter ins Gewicht. Eine Gruppe von Menschen war bereit, mit anderen Menschen darüber zu reden, ob und unter welchen Bedingungen sie Lebensrecht besitze. Der rotzige Titel des Klubs - "(K)ein Recht auf Leben?" - postulierte für die gesamte Diskussion die Trennung in politisch-ethisch argumentierende Tötungsbefürworter und lebende Gegenbeispiele, die je nach "ästhetischer Qualität' ihrer Beeinträchtigung "brillant" argumentierten oder einfach "schön" aussahen. (Anne Rose Katz, Süddeutsche Zeitung). So konnten die Krüppel für sich Sympathiepunkte sammeln.

    Nur der österreichische Rollstuhlfahrer, der von niemandem gewählte "Vertreter" der Behinderten im ORF-Kuratorium, Peter Schumann, fiel da ein wenig ab. Er sprach weder besonders klug, noch beeindruckte er durch überragende Schönheit, was aber nicht weiter schlimm war, da er eine Fähigkeit als Trumpf ausspielte: er gab jedem recht. Manchmal verirrte sich sogar ein kritisches Wort in seinen gemütlichen Redefluß, wodurch seine Glaubwürdigkeit als österreichisches Feigenblatt einer überwiegend deutschen Sendung nur noch gesteigert wurde. Einzig in der zornigen Distanzierung von der vereinten österreichischen und deutschen Krüppelbewegung, welche am Tag der Ausstrahlung des Club 2 vor dem Antifaschistischen Mahnmal in der Wiener Innenstadt gegen die Sendung protestiert hatte, rang er sich zu einer klaren Aussage durch.

    Während die österreichischen und deutschen Aktivisten der Krüppelbewegung den Club boykottierten, der behinderte österreichische Parlamentsabgeordnete Manfred Srb weigerte sich ebenso an dieser Diskussion teilzunehmen, wie der Liedermacher Sigi Maron oder die behinderten Vertreter der "Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, der Dachorganisation von 62 Behindertenverbänden, nahm der behinderte deutsche Schauspieler Peter Radtke die Einladung an.

    In seiner eingangs vorgetragenen Erklärung attackierte er den ORF dafür, eine derartige Diskussion zu ermöglichen und bezeichnete die Tötungsbefürworter als Schreibtischtäter. Aus diesem Grunde werde er mit Professor Singer auch nicht diskutieren. Auch wisse er nicht, ob sein Erscheinen richtig sei.

    Radtkes Zweifel waren berechtigt. Hätte er nach der Verlesung dieser Anklage den Club verlassen, wäre sein Auftreten von Wert gewesen. So aber mischte er in der Diskussion über sein Lebensrecht mit und akzeptierte dadurch die Fragestellung, die er in seiner Erklärung zu Recht als Frechheit und Drohung gebrandmarkt hatte.

    Radtke hatte nicht begriffen, daß er als potentiell Betroffener, das heißt als mögliches Opfer der "Praktischen Ethik", in einem für ihn nicht aufhebbaren Widerspruch gefangen war. Je überzeugender er und die behinderte Studentin Karen Schultz argumentierten, desto ausschließlicher sprachen sie nur für sich. Die Versicherungen des Professors und seines PR-Agenten von der "Zeit", sie, Radtke und Schulz, seien doch mit dem Tötungsgebot nicht gemeint, waren glaubhaft. Beide Krüppel hatten es doch offensichtlich geschafft, ihr Leid in persönliche Stärke zu verwandeln. Was aber geschieht mit den Tausenden, die diese Stärke, aus welchen Gründen immer, nicht aufbringen können? Sei es, weil sie auf Grund einer geistigen Behinderung nicht "diskussionsfähig" sind, sei es, weil sie durch die gesellschaftliche Behinderung und Aussonderung in ihrer Persönlichkeitsstruktur so sehr gehemmt wurden, daß ihr Abweichen von der Norm als nicht mehr verhandel- und erörterbar erscheint.

    Radtke und Schulz redeten um ihr Leben. Ihre Versuche für andere Behinderte einzutreten, mußten scheitern, weil ihnen durch die Fragestellung jegliche Vertretungsmöglichkeit genommen, jedes über ihre Person hinausgehende Mandat aberkannt war. Sie saßen als ausschließlich persönliches Beispiel im Club, ihre Existenz, widerlegte den Professor nur singulär, in einem einzigen, nämlich ihrem Fall. Damit wurden die Thesen Singers aber nur noch verstärkt; gibt er doch in seiner "Praktischen Ethik» selber zu, daß tödliche Irrtümer bei der "Erlösung" schwerbehinderter Neugeborener vorkommen können, was aber durch die insgesamt erzielte "Verminderung des Leids" mehr als wettgemacht würde. Radtke und Schulz waren also, gerade weil sie persönlich beeindruckten, nicht die Widerlegung, sondern die lebende Bestätigung des Singer'schen Tötungstheorems. Gesellschaftstheorien sind durch Einzelfälle nicht widerlegbar; Einzelfälle sind als Ausnahme der Regel gleichzeitig immer auch ihre allgemeine Bestätigung. Lebensrecht im Einzelfall zu diskutieren, bedeutet es insgesamt in Frage zu stellen.

    Dies wissend, wich Singer der vom Moderator Holl geforderten und von Merkel beschworenen Präzisierung bewußt aus. Nur der prinzipielle Allgemeinheitsanspruch der "aktiven Euthanasie" ist, der Logik der "Praktischen Ethik" zufolge, vertretbar. Jede Einschränkung der Theorie auf Einzelfälle setzt ihre Relativierung, ja Aufhebung voraus. Die Gesellschaftstheorie Singers ist, darin besteht ihre Grenze und ihre Gefahr, universal. Natürlich braucht Singer Einzelfälle zur Illustration seiner Thesen, die spina bifida - oder Down-Syndrom Kinder interessieren ihn aber nur als nebensächliches Detail eines auf totalitärer Rationalität beruhenden Gesellschaftsentwurfs.

    Umgekehrt nahm Singer aber gern in Kauf, daß der ehrgeizige Merkel und der inferiore Holl immer wieder auf Einzelfälle verwiesen, weiß er als schulenbildender Intellektueller doch, daß nur das partielle Mißverständnis, die in die Klischees des Hausverstands gepreßte Fassung einer mit Absolutheitsanspruch auftretenden "ethischen" Ideologie, deren Verbreitung garantiert. Die überzeugende Rechtfertigung der Existenz Behinderter in den "Fällen!' Radtke und Schulz beantwortete die Frage "Was geschieht mit jenen, die keinen Existenznachweis erbringen?" eindeutig und zwar im Sinne Singers. Sie sind Kandidaten für ihre "Auslöschung" (Reinhard Merkel in der "Zeit"). Dieser zwingenden Schlußfolgerung vermochte sich auch der Moraltheologe Gründel nicht gänzlich zu verschließen. Leid sei zwar wie das Leben ein gottgewolltes Geschenk, man dürfe es aber nicht um jeden Preis verteidigen. Schließlich spielt das Leid die "Faust im Nacken" des christlichen Kopfes. Nur die Gegenwart des Leids vermag jene disziplinierende Wirkung auszuüben, die vermöge raffinierter Techniken aus dem "menschlichen Jammertal" ein fruchtbares Feld für Seelenverkäufer und Menschenhändler gemacht hat.

    Die teilnehmenden Behinderten haben - für dieses eine Mal - ihre Existenz gerechtfertigt. Sie taten dies, indem sie das Existenzrecht anderer, nicht nur zukünftiger Behinderter in Frage stellten. Ihnen ist kein Vorwurf zu machen, außer der, teilgenommen zu haben an einer Veranstaltung, die zu boykottieren und zu verhindern, einziges Ziel einer die Selbstachtung nicht preisgebenden Behindertenpolitik sein konnte.

    Der ORF hat in Österreich eine Diskussion vom Zaun gebrochen, die als intellektuelle Zuspitzung des "gesunden Volksempfindens" Behinderte an die Wand drückt. Karen und Peter wurden von einer öffentlich-rechtlichen Anstalt dazu mißbraucht, eine menschenfeindliche Ideologie zu verbreiten.

    Auch wenn Anne Rose Katz in der "Süddeutschen Zeitung" anmaßend von den "militant-demagogischen Protesten" der Krüppelbewegung spricht und damit nur in den "Mainstream" der Berichterstattung einstimmt, greift die Empörung über die televisonäre Werbung für die Singer'schen Mordaufrufe zu kurz. Singer ist ein "praktischer Ethiker", der nüchtern Interessen abwägt. Wenden wir uns diesen Interessen zu, erkennen wir in Singer den Großmeister einer "präfaschistischen" (Radtke) Terrorherrschaft der Normalität und industriellen Verwertbarkeit von Menschen. Es ist nützlich einen Blick auf die philosophische Grundlage des Tierliebhabers Singer zu werfen, schmückt sich der Australier doch mit der akademischen Würde eines Philosophen.

    Kurzer Abriß der Philosophie des Utilitarismus

    Im Mai 1944 wurde in Los Angeles von den beiden deutschen Emigranten Adorno und Horkheimer ein Text fertig gestellt, der mit der von den Nazis vollendeten bürgerlichen Aufklärung abrechnete.

    "Was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fügen will, gilt der Aufklärung für verdächtig. Darf sie sich einmal ungestört ... entfalten, so ist kein Halten mehr ... An jedem geistigen Widerstand, den sie vorfindet, vermehrt sich bloß ihre Stärke ... Auf welche Mythen der Widerstand sich immer berufen mag, schon dadurch, daß sie in solchem Gegensatz zu Argumenten werden, bekennen sie sich zum Prinzip der zersetzenden Rationalität, das sie der Aufklärung vorwerfen. Aufklärung ist totalitär."

    Fünfundzwanzig Jahre, eine Restaurationsphase des Kapitalismus später (von dem Horkheimer 1939 noch sagte: "Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, der soll vom Faschismus schweigen.") wurde die "Dialektik der Aufklärung", aus der das oben angeführte Zitat stammt, neu aufgelegt. In der Vorrede bilanzieren Adorno/Horkheimer:

    "Die Prognose des ... Umschlags von Aufklärung in Positivismus, der Mythos dessen, was der Fall ist, schließlich die Identität von Intelligenz und Geistfeindschaft hat überwältigend sich bestätigt." [22]

    Weitere zwanzig Jahre später, hat sich diese Prognose nicht nur glänzend bewährt, sie hat sich vom Stadium des Entwurfs in das Stadium der aktuellen Bedrohung weiter entwickelt. Der neuerliche Umschlag des Positivismus in den Faschismus, die Verkörperung von Intelligenz und sozialdarwinistischer Lebensfeindschaft macht ihre Aufwartung in Talk Shows und an Universitäten.

    Singer beruft sich in seiner Theorie auf die "Präferenz-Strömung", einer modernen Ausläuferin der utilitaristischen Philosophie. Diese hat ihren Ursprung in den um die Durchsetzung bürgerlicher Verhältnisse ringenden Staaten Westeuropas des achtzehnten Jahrhunderts. Marx und Engels setzten sich in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bereits mit den Fäulnisprodukten dieser Weltanschauung auseinander.

    'Wie sehr diese Theorie der wechselseitigen Exploitation, die Bentham (auf den Singer sich mehrfach beruft, E.R.) bis zum Überdruß ausführte, schon im Anfange dieses Jahrhunderts als eine Phase des vorigen aufgefaßt werden konnte, beweist Hegel in der "Phänomenologie" ... wo die Brauchbarkeitstheorie als das letzte Resultat der Aufklärung dargestellt wird. Die scheinbare Albernheit, welche alle die mannigfaltigen Verhältnisse der Menschen zueinander in das EINE Verhältnis der Brauchbarkeit aufläst, diese scheinbar metaphysische Abstraktion geht daraus hervor, daß innerhalb der modernen bürgerlichen Gesellschaft alle Verhältnisse unter das eine abstrakte Geld- und Schacherverhältnis praktisch subsumiert sind." [23]

    Natürlich ist die eigentliche Wissenschaft der Nützlichkeitstheorie die Sphäre der Werteproduktion, -Distribution und -Aneignung: die bürgerliche politische Ökonomie. Dies nicht sagen zu müssen, stand am Anfang ganzer Bibliotheken der Rechtfertigung bürgerlicher Herrschaft. Eigennutz trat auf als Gemeinnutz, Profit drapierte sich als belebendes Stimulans der Konkurrenz, Ausbeutung als freier Tauschhandel von Warenbesitzern. Die ganze Maskerade der Sprache hatte ihren Sinn darin, tatsächlicher Ausdruck einer wirklichen Maskerade zu sein. Das ganze Geheimnis des Nützlichkeitsverhältnisses war, daß jemand sich selber nützt, indem er dem Nutzen eines andern Abbruch tut (Marx).

    "Dies alles ist wirklich bei dem Bourgeois der Fall. Ihm gilt nur EIN Verhältnis um seiner selbst willen, das Exploitationsverhältnis, alle anderen Verhältnisse gelten ihm nur so weit, als er sie unter dies eine Verhältnis subsumieren kann ... Der materielle Ausdruck dieses Nutzens ist das Geld, der Repräsentant der Werte aller Dinge, Menschen und gesellschaftlichen Verhältnisse." [24]

    Die von den französischen Aufklärern Helvetius und Holbach im Frankreich des achtzehnten Jahrhunderts begründete utilitaristische Denkschule war zum Zeitpunkt ihres Entstehens eine historisch adäquate philosophische Illusion über das aufkommende Bürgertum, deren Exploitationslust noch ausgelegt werden konnte als Lust an der vollen Entwicklung der Individuen in einem von feudalen Banden befreiten Verkehr. Die Proklamation des dieser gesellschaftlichen Praxis entspringenden Bewußtseins, des Bewußtseins der wechselseitigen Nützlichkeit aller Individuen, war einstens ein "kühner und offener Fortschritt, eine profanierende Aufklärung über die gemütliche Verbrämung der Exploitation unter der Feudalität" [25], der aber nach Erringung der bürgerlichen Herrschaft wie Staub in sich zusammenfiel.

    Sehr schnell mußte die Theorie der von ihr verklärten Praxis Tribut zollen. Die Philosophie des Gemeinnutzes durchlief verschiedene Phasen, die in engem Zusammenhang mit den verschiedenen Entwicklungsetappen der Bourgeoisie standen. Helvetius und Holbach ist als Begründern des kontinentalen Utilitarismus der französisch-aufklärerische Hintergrund deutlich anzumerken, stellten sie doch für Frankreich die Aufgabe, die Hobbes und Locke für die holländische und englische Bourgeoisie schon hundert Jahre früher beschrieben hatten. Die Nützlichkeitstheorie, bei den Engländern noch einfache Konstatierung einer vorwiegend ökonomischen Tatsache, der Entstehung von Aktiengesellschaften, der Englischen Bank und der Seeherrschaft, wird bei den Franzosen zu einem philosophischen System, das infolge der wirtschaftlichen Rückständigkeit Frankreichs, des Überwiegens des Grundbesitzes und der Agrikultur, den ökonomischen Kern abschwächt. Die weitere Entwicklung der Theorie wurde folglich wiederum von den Ideologen der englischen Bourgeoisie geleistet, von Godwin, besonders aber durch Bentham während der Zeit der französischen Revolution und der Entwicklung der großen Industrie in England, um endlich bei Mill ihren Höhepunkt zu finden. Marx und Engels weisen in der "Deutschen Ideologie" darauf hin, daß erst mit Bentham der Umschlag von der kämpfenden, noch unentwickelten, zur herrschenden Bourgeoisie erfolgte.

    "Die Nützlichkeitstheorie hatte von vornherein den Charakter der Gemeinnützlichkeitstheorie; dieser Charakter wurde jedoch erst inhaltsvoll mit dem Hereinnehmen der ökonomischen Verhältnisse, speziell der Teilung der Arbeit und des Austausches.

    In der Teilung der Arbeit wird die Privattätigkeit des Einzelnen gemeinnützlich; die Gemeinnützlichkeit Benthams reduziert sich auf dieselbe Gemeinnützlichkeit, die überhaupt in der Konkurrenz erst geltend gemacht wird. Durch das Hereinziehen der ökonomischen Verhältnisse von Grundrente, Profit und Arbeitslohn kamen die bestimmten Eploitationsverhältnisse der einzelnen Massen herein, da die Art der Exploitation von der Lebensstellung des ExpIoitierenden anhängt. Bis hierher konnte die Nützlichkeitstheorie sich an bestimmte gesellschaftliche Tatsachen anschließen; ihr weiteres Eingehen auf die Art der Exploitation verläuft sich in Katechismusphrasen.

    Der ökonomische Inhalt verwandelte die Nützlichkeitstheorie allmählich in eine bloße Apologie des Bestehenden, in den Nachweis, daß unter den existierenden Bedingungen die jetzigen Verhältnisse der Menschen zueinander die vorteilhaftesten und gemeinnützlichsten seien. Diesen Charakter trägt sie bei allen neueren Ökonomen. "[26]

    Wer in der Sphäre des Geldes Gewinn erzielt, indem er ihn anderen abpreßt, bemüht gern die Sphäre der Ideologie zur Verschleierung dieses Fakts. Zwar sind die Ideologien nach Gramsci das Feld, auf dem die Menschen sich der gesellschaftlichen Widersprüche bewußt werden, doch bedeutet dies keineswegs, daß die Bewußtwerdung nicht in Verdrängung umschlagen kann, wenn das Erkannte wie ein Stachel im Fleisch des Gewissens schmerzt. Der Fortschritt der utilitaristischen Philosophie bestand in ihrer radikalen Religionskritik; sie trat ins Stadium der Fäulnis ein, als sie die bürgerlichen Verhältnisse zum Ideal der gesamten Menschheit verklärend in eine profanierte Religion flüchtete, in die Lehre vom Genuß und der Glückseligkeit des Menschen (Eudämonismus.)

    "Die Philosophie des Genusses war nie etwas anderes als die geistreiche Sprache gewisser zum Genuß privilegierter gesellschaftlicher Kreise. Abgesehen davon, daß die Weise und der Inhalt ihres Genießens stets durch die ganze Gestalt der übrigen Gesellschaft bedingt war und an allen Widersprachen litt, wurde die Philosophie zur reinen Phrase, sobald sie einen allgemeinen Charakter in Anspruch annahm und sich als die Lebensanschauung der Gesellschaft im Ganzen proklamierte …"

    Die Philosophie des Genusses entstand mit dem Untergang der Feudalität und der Umwandlung des feudalen Landadels in den lebenslustigen und verschwenderischen Hofadel unter der absoluten Monarchie. Sie wurde sowohl vom Hofadel als auch von der aufstrebenden bürgerlichen Klasse akzeptiert und dies aus durchaus unterschiedlichen Gründen.

    "Als die weitere Entwicklung den Adel gestürzt und die Bourgeoisie mit ihrem Gegensatz, dem Proletariat, in Konflikt gebracht hatte, wurde der Adel devot-religiös und die Bourgeoisie feierlich-moralisch und streng in ihren Theorien .... obwohl der Adel in der Praxis keineswegs aufs Genießen verzichtete und der Genuß bei der Bourgeoiste sogar eine offizielle ökonomische Form annahm - als Luxus."[27]

    Der Abstecher in die Philosophiegeschichte war notwendig, weil sowohl der Moraltheologe Holl als auch der Moraltheologe Gründel nicht imstande waren, das geistige Rüstzeug Herrn Singers in einen historischen Zusammenhang zu bringen. Für sie gilt der Tötungsprofessor als Vertreter einer wunderlichen aber durchaus zeitgemäßen Philosophie, die sich hervorragend zur Denunziation des Atheismus als menschenverachtende Weltanschauung eignet.[28] Darin auch von Peter Radtke bestärkt, erkannten einander die akademischen Herren als Kollegen. Der Korpsgeist war so stark, daß niemand auf die Idee kam, die philosophischen Grundlagen des Herrn Professors als das zu bezeichnen, was sie tatsächlich sind: abgeschmacktester Mumpitz, der in Australien wahrscheinlich keine müde Eidechse mehr aus dem Schatten hervorlockt, und der erst im westlichen Teil Deutschlands wieder auf dem Präsentierteller der Bourgeoisie herumgereicht werden mußte, um im kulturellen Dienstleistungsbetrieb Österreich auf den Fernsehtisch zu kommen.

    ORF: Vorauseilendes Mitleid und nachtragender Gehorsam

    In wessem Interesse ist die "Entdeckung" Singers? Warum erleben diese, doch offensichtlich hinter die Neuzeit zurückfallenden Theorierudimente eine grandiose Medienkonjunktur? Während der Nazidiktatur zwangssterilisierte Personen bekommen in Österreich und der BRD bis heute keine Entschädigung, während ehemaligen KZ-Wärtern ihre "Dienstzeit" für die Pensionsberechtigung angerechnet wird. Ebensowenig, wie dies Zufall ist, kann es sich bei der "Euthanasiediskussion" nach Singer um einen Zufall, einen unbeabsichtigten Vorstoß in die Konstruktionsbüros zukünftiger Todesfabriken handeln.

    Die leitenden Organe der IG-Farben-Nachfolger, die Vorstände und Aufsichtsräte von Daimler-Benz, Siemens und anderen Großkonzernen haben offensichtlich beschlossen, daß genug "Trauerarbeit" verrichtet sei. Dem Herrn Bundespräsident auf diesem Weg noch ein herzliches "Vergelts Gott!" Neue Märkte erheischen eine neue Philosophie, die unbelastet von der Geschichte, den Weltmarkt beseelen soll. Schließlich müssen die Früchte der ökonomischen Hegemonie auch politisch in die Scheune gefahren werden. Dazu bietet sich ein ebenso offensives wie reaktionäres politisches Konzept an: Im Dreischritt "Neubewertung der faschistischen Vergangenheit" (Historikerstreit), Umarmung der Republikaner durch die christdemokratische Regierungspartei und Erweiterung der sozialen zur medizinischen Frage (Euthanasie- und Sterbehilfediskussion) bekommt Herr Singer seinen Auftritt und "Die Zeit" neue Leser rechts von der Mitte. Und die behinderten "Ballastexistenzen", so die Singer-Vorläufer Binding und Hoche, bekommen bei der Gelegenheit einen Vorgeschmack auf die ökosoziale Marktwirtschaft, die die Folgen der profitgeleiteten Naturbeherrschung mit den Resultaten der Auspressung von Arbeitskräften zu einem System verbindet, in dem jene, die vom sozialen Abstieg am schwersten getroffen sind, vom universalen Nützlichkeitsprinzip eben deswegen der Resteverwertung zugeführt werden.

    Internationalisten, welche die Regierenden heutzutage sind, bestehen sie nicht darauf, daß der ideologische Vorgriff auf die Vergangenheit mit dem Etikett "Made in Germany" versehen sein muß. Um bösartigen Sticheleien der ökonomisch ins Hintertreffen geratenen Nachbarn von vornherein den Wind aus den Segeln zu nehmen, wird gern auf die Möglichkeit des Imports zurückgegriffen. Den neuesten Erkenntnissen des Produktmarketings folgend, erweist es sich für die Marktdurchdringung als vorteilhaft, wenn jemand, dessen räumliche und biografische Entfernung zum heimischen Markt möglichst groß ist, zum Träger des "Reformprogramms" wird.

    Ein 1945 in Australien Geborener, dessen Großeltern im KZ ermordet wurden, erhält auf diese Weise einen weit über den Gehalt seiner Schriften hinausgehenden Marktwert. Die Söhne der Opfer geben den alten und neuen Tätern nachträglich und vorsorglich recht. Die Distanzierung Herrn Singers von den Nazis "Man kann die Euthanasie nicht deshalb ablehnen, weil die Nazis sie durchführten" ist dergestalt, daß sie von vielen, nämlich den Adressaten seiner Theorie, als Bestätigung der Barbarei gelesen wird. Wenn schon die gelehrten Professoren aus fernen Kontinenten den Unrechtsgehalt dessen, was als Vorurteil in den Köpfen zementiert ist, unterstützen, kann es nicht verwundern, wenn Frau und Herr "Souverän" der Aufforderung zur Barbarei gerne nachkommen.

    "Frau ließ Gatten zehn Jahre im Dreck liegen" titelt der "Kurier" eine Geschichte, die von einem bettlägerigen Mann erzählt, der von seiner Frau auch im Winter im ungeheizten Zimmer wie ein Tier gehalten wurde.[29] "Sie nannten ihn nur Schwein" überschreibt der "Standard!' einen Bericht über den Totschlag eines behinderten Sohnes. Der geistig Behinderte war von seinen Eltern geschlagen und mißhandelt worden, er durfte nicht bei Tisch sitzen, sondern mußte sein Essen auf dem Boden einnehmen und wurde nur mit "Schwein" angeredet. Als der hochgradig Unterernährte endlich in ein Spital gebracht wurde, kam jede Rettung zu spät. Er starb infolge einer Hirnhautentzündung, die durch die unsachgemäße Behandlung eines Nasenbeinbruches aufgetreten war. "Er soll lieber auf den Friedhof gehen, bevor ich einen Arzt bezahle", sagte der Vater bei der Verhandlung.[30]

    "Wenn mein Kind mit solchen Kindern in die Schule geht, kommt er genauso vertrottelt heraus" brüllte ein Vater im oberösterreichischen Dorf Pfaffstätten anläßlich einer Informationsveranstaltung in der Dorfschule. Das Ansuchen der Mutter eines geistig behinderten Kindes um Aufnahme in die Volksschule wurde von der Mehrheit der Eltern abgelehnt.[31]

    "Unter der bekannten Geschichte Europas läuft eine unterirdische. Sie besteht im Schicksal der durch Zivilisation verdrängten und entstellten menschlichen Instinkte und Leidenschaften. Von der faschistischen Gegenwart aus, in der das Verborgene ans Licht tritt, erscheint auch die manifeste Geschichte in ihrem Zusammenhang mit jener Nachtseite," schrieben Adorno und Horkheimer[32] im Jahre 1944 und sie konnten nicht ahnen, daß im Österreich des Jahres 1989 das Verborgene nicht nur nicht abgetreten ist, sondern über die Fernsehschirme flimmert.

    Ist es Zufall, daß der ORF Geburtshelfer einer Diskussion war, die die künftige Geburt behinderter Kinder mit dem anschließenden Totschlag bedroht bzw. behinderte Kinder einer Mordmaschine ausliefert? Welche Rolle spielt die hinter dem ORF stehende heimische Bourgeoisie, jene geistige Schutzmacht Mitteleuropas, für die die Donau nie mehr war als ein untergeordneter Zufluß des Rheins, in diesem Spiel um die Neuaufteilung der Lebenschancen?

    Wie Schuschnigg 1938 in Berchtesgaden vor dem brüllenden Hitler klein beigab, so kapitulierte der ORF vor dem deutschen Feuilleton, das im grafischen Kleid einer Todesanzeige das Schicksal behinderter Kinder vorführte. Wer will je entscheiden, ob vorauseilender Gehorsam oder ein kleines Telefonat den Ausschlag für die Durchpeitschung des Club's gaben? Wahrscheinlich wissen die zuständigen Herren eine Antwort auf diese Frage. Sie ist aber, das wissen wir positiv, von geringem Interesse. Worum es wirklich ging, erklärte Herr Fuhrmann vor und nach dem Club 2 in Presseaussendungen und Leserbriefen.

    "Die ... unübersehbare Debatte um den "Club 2"' mit Peter Singer hat vor allem auch eines gezeigt: Der Versuch, den Diskussionsfreiraum des "Club 2" durch Forderung nach Absetzung der Sendung und Einschalten des Staatsanwaltes zu vernichten, ist gescheitert." (Standard, 24.7.89)

    Im "Kurier" wurde Fuhrmann noch deutlicher: "Die Diskussion ist... ruhig, sachlich und inhaltlich fundiert verlaufen und keinesfalls auf einer ausschließlich emotionalen Ebene. Auch die Reaktionen in der Telefonzentrale haben mit 125 Anrufen ein relativ mittleres Echo erfahren und nicht den befürchteten Zusammenbruch ausgelöst" (Kurier, 20.7.89) Im Klartext: Behinderte haben ruhig und sachlich die Frage ihrer Lebensberechtigung erörtert, die Hörer und Seher haben dies zurückhaltend ("ein relativ mittleres Echo") zu Kenntnis genommen. Die Emotionen, sonst das Salz in der Suppe der ästhetisierten Politik, hatten hier nichts verloren. Der Club 2 hat heldenhaft die Redefreiheit verteidigt. Immerhin handle es sich bei der Debatte ja um eine "gesellschaftspolitisch anstehende Diskussion" (Fuhrmann in einer Presseaussendung wenige Stunden vor Ausstrahlung der Sendung), außerdem sind Singers Thesen "umstritten und gerade deswegen sehr diskussionswürdig" (Fuhrmann, Kurier). Der Club-Leiter steht mit dieser Auffassung nicht alleine da, der Terror der Normalität trägt viele Namen.

    "Der ORF hat mit der Ausstrahlung des Club 2 jenem Mann ein Denkmal gesetzt", der mit umsichtiger Sensibilität die Diskussion leitete" (Kurt Wimmer, Kleine Zeitung Graz).

    Auch wenn seine "Heiserkeit mehr störte als das Thema" (AZ), "gebührt ihm ein Preis" (Anne Rose Katz, Süddeutsche Zeitung), denn "obwohl selbst vorübergehend durch Heiserkeit und Sprachverlust behindert, gab er sich der Diskussion restlos hin, ... bewahrte das Thema vor Schwafelwolken und setzte seinen Gästen (im Interesse des Fernsehpublikums) nach: Immer verständlich bleiben!" (dieselbe).

    "Fundierte Diskussionsrunde" titelt Claudia Honsal im "Kurier", 'Man muß auch über Euthanasie diskutieren dürfen" behauptet Freddy Kräftner in der "Presse" einen Tag vor der Sendung, um nach der Ausstrahlung befriedigt festzustellen: „Dieser Club war gut und sachlich."

    "Darüber soll und muß man diskutieren" (Hannes Schopf, Furche), weil "Singers Thesen sind zu gefährlich, um sie zu tabuisieren" (Franz Fischill, AZ). Zusammenfassend: "Mit der Forderung nach Verbot der Debatte erweist man den Betroffenen (jenen, die getötet werden sollen, E.R.) einen schlechten Dienst." (Helmut Spudich, Standard).

    Immer schon haben behinderte Menschen Mitleid als gefährlichere, weil oft unbewußte und versteckte Form der Verachtung behinderten Lebens bekämpft. Gegen offen auftretende Borniertheit können wir uns wehren, gegen Mitleid kaum. Wie gefährlich Mitleid für uns werden kann, wissen jene noch unter uns lebenden Mütter und Väter, deren behinderter Kinder man sich "erbarmt" hat. Wenn das Mitleid zum Erbarmen wird, ist die Erlösung nicht mehr weit.

    Mitleid verführt wie eine Droge. Es trägt den Menschen auf einer Wolke des Mitgefühls bis in die lichten Höhen der Philanthropie. Die Begeisterung über die Fähigkeit mitzuleiden, wird bald so groß, daß die von der Droge erfassten dazu getrieben werden, die Kreaturen der Welt unterschiedslos zu lieben, zu umarmen, zu umhalsen und schließlich aus Mitleid zu erdrosseln.

    In acht von neun österreichischen Bundesländern wurden behinderte Menschen während des Faschismus von Non ihren Leiden erlöst. Mitleid, Erbarmen, Erlösung - eine tödliche Stufenleiter.

    Der Rausch des "Gutseins" erwärmt nicht nur das weite Herz, er versengt auch das Hirn. Nur so ist es erklärlich, daß Fuhrmann, Spudich, Katz und Co. dem dümmsten Stehsatz des Journalismus hinterher laufen: Man muß über alles reden können.

    "Im Gegensatz zu anderen", meint Spudich, drückt Singer offen aus, "Was sonst nur an Stammtischen gesprochen wird". Nur in der Offenheit liege "die einzige Chance" den Thesen vom "Lebensunwerten Leben" entgegenzutreten. In der "Offenheit? Nur in der Offenheit? Handelt es sich hier nicht um einen Aufguß jener liberalen, von der Geschichte beharrlich widerlegten Idee, daß die Kraft der Argumente, die Vernunft, sich schon durchsetzen werde?

    Der Intellektuelle unter Österreichs Klerikern, … der Kärntner Jugendbischof Kappelari spricht wenige Tage nach dem denkwürdigen Club 2 nicht etwa über die unbedingte Verteidigung jeglichen Lebens, nein, er ist bereits so liberal, daß er zur Frage der österreichischen Waffenproduktion abwägend feststellt: "Ich hoffe immer noch, daß sich ... letztlich die besten Argumente durchsetzen." (Profil; 24.7.89) Schon der Moralprofessor Gründel ließ im Club 2 durchblicken, daß man über gewisse Abstufungen der Lebenswertigkeit durchaus reden könne. Kappelari: "Als Kirche dürfen wir nicht haben wollen, daß die Erde überbevölkert wird." Die New Age-Fraktion der katholischen Kirche geht also tatsächlich mit der Zeit. Wer, außer Michael Scharang, hätte je gedacht, daß sich die vereinte journalistische Ablehnungsfront der Euthanasieclub-Gegner auf die "Volksstimme" und Pia Maria Plechl in der "Presse" beschränken wird? 'Warum eigentlich nicht töten?" spitzt sie Singers Thesen zu, um festzustellen: Bereits "Singers Prämissen sind indiskutabel". (Presse; 19.7.89) Die treueste Feder des Herrn beschämt die gesamte österreichische Bischofskonferenz, die zur Tötungsdebatte nach Singer kein Wörtlein verlauten ließ. Sie entlarvt Krenn, Groer, Küng, Eder und Anhang als in der Wolle gefärbte Liberale.

    Haben die Argumente der Internationalisten den Rassismus niedergerungen? Wurde der Nazi-Faschismus durch die Kraft der Vernunft und die Einsicht in das verbrecherische Tun besiegt? Verhinderten die Argumente der Vernunft das Anwachsen des Antisemitismus in Österreich? Ist Herrn Schönhuber, ist dem auf Lauer liegenden Landeshauptmann mit der Waffe des besseren Arguments beizukommen? Herrn Singer, den einen Faschisten zu nennen niemand wagen darf, der von ihm in seinem Lebensrecht bedroht wird, weiß es besser. Er vertraut nicht auf die Zwecklüge des besseren Arguments, er baut auf Handfesteres. "Es geht nicht um die Frage von Recht, sondern um Interessen".

    Singer hat natürlich recht. Die Geschichte wird nicht von besseren Argumenten, sondern von Interessen gemacht. Es ist dies genau jener kleine aber wichtige Unterschied zwischen aufgeklärten Bürgern und (Prä)Faschisten. Während die einen auf das Licht der Vernunft vertrauen, weil sie den eigenen Lebensentwurf als den einzig vernünftigen begreifen, entzünden die Ethiker der Praxis die "Flamme der Bewegung", die nichts anderes als der konzentrierte Ausdruck des Interesses ist: an "Lebensraum", Arbeitssklaven, Profit, ästhetischen Normen, funktionierenden Arbeits- und Konsummenschen. Wer Parteien als Konzentrat eines Klasseninteresses erkennt, weiß, daß präfaschistische Bewegungen, die beginnen, eine einheitliche Pseudophilosophie zu entwickeln, welche die Weltanschauung der herrschenden Elite von oben (eigene Intellektuelle) und unten (diffuse Protestbewegung um eine Führerfigur) in die Zange nimmt, in den Kampf um die Macht eingetreten sind. Das Vordringen rechtsextremer Grundwerte in die bürgerliche Mitte ist nur ein anderer Ausdruck für die zunehmende Akzeptanz rechtsradikaler Politik. Immerhin war es die ÖVP, die in dem jahrzehntelang von Sozialdemokraten regierten Kärnten FPÖ-Haider zum Landeshauptmann wählte. Wenn Helmut Kohl sich von den Republikanern distanziert, klingt das ja auch mehr wie eine Einladung. Natürlich wird es wieder die bürgerliche Mitte sein, die der rechtsextremen Restauration nachgeben wird, weil ja, und damit sind wir wieder beim Thema, nicht die Vernunft, auch nicht ihre Schwester, die Aufklärung, die immerzu Lehren aus vergangenem vernünftigen Verhalten ziehen soll, die Geschichte bestimmen, sondern Interessen.

    Die "Logik der Vernunft" ist wie die "Praktische Ethik" zu wichtig, um sie den Journalisten zu überlassen. Wenden wir sie an. Wenn Fuhrmann davon spricht, daß der Diskurs um "aktive Euthanasie" eine "gesellschaftspolitisch anstehende Debatte" sei und deshalb geführt werden müsse, so kann mit derselben Logik das Absinken des Club 2 zu einem bequemeren "Cafe Central" verhindert werden.

    Themen wie: "Warum sind Juden verschlagen?", "Wie dreckig sind Gastarbeiter?" oder "Warum Frauen gern vergewaltigt werden?" stoßen in der Fernsehergunst sicher auf mehr Interesse als all die faden Clubs über Kaninchenzüchter, Handleser und Umweltskandale. Irgendein Nenning wird sich schon finden, der eines dieser Themen zu einer "gesellschaftspolitisch anstehenden Debatte" erhebt und dann kann es auch schon losgehen. Ein Verfechter der These "Gastarbeiter sind dreckiger als Österreicher" wird gesucht, wobei ruhig und sachlich argumentierende Absolventen ferner Universitäten der Vorzug zu geben ist. Die Glaubwürdigkeit des "agent provocateur" würde noch gesteigert, handelte es sich bei ihm um um einen Nachfahren jener Bevölkerungsgruppe, die er jetzt attackiert. Vielleicht findet sich ein von emigrierten Kroaten abstammender Dozent einer kleinen kanadischen Universität nördlich des Polarkreises, der, obwohl unter der Eskimos als Blumenfreund und Weinkenner bekannt, in seinen Schriften minderheitenfeindliche, rassistische Töne anschlägt. Heimische Institutionen würden den Gelehrten dann einladen, an der Wiener Uni jene Geisteshaltung zu vertreten, die von den Alliierten an die Stammtische verbannt worden war. Proteste jugoslawischer Organisationen, würden als "militant" und "diskussionsverhindernd" erstickt.

    Es ist widerlich, diese fiktive Parallele weiterzuspinnen. Behinderte Menschen aber müssen mit dieser Widerwärtigkeit in der Realität leben. Dabei war das oben angeführte Beispiel noch relativ harmlos. Dieselbe Logik, die die Verteidiger der "freien Rede", diese Kreuzritter des Pluralismus, ständig strapazieren - Vorurteile gegenüber einer Minderheit durch eine sachliche Diskussion über deren "Lebensrecht" zu verstärken - würde auch einen Club 2 begründen, in dem ehemalige KZ-Häftlinge und ihre ehemaligen Peiniger ruhig darüber reden, ob in Mauthausen Menschen vergast oder nur erschlagen worden sind.

    Warum wird die Unmenschlichkeit einer derartigen Diskussionspraxis erst offensichtlich, wenn die "Krüppelfrage" in andere gesellschaftliche Gruppen "übersetzt" wird?

    Die Medizin ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Begonnen wird mit Extremfällen, deren "Monstrosität" jede Verteidigung zu einem hoffnungslosen Unterfangen macht. Von den "Extremfällen" bis zu den "Schwerstbehinderten!' über die "Schwerbehinderten" bis zu den "Behinderten" sind es nur kleine Schritte, wie ja auch die Sprache den Schritt von der "passiven" zur "aktiven Euthanasie" leicht macht. Für Behinderte, die nicht so "schön" sind, daß sie "normal" wirken (Kronenzeitung) oder zumindest "brillant" reden (Süddeutsche) wird bald die Lebenspflicht zur Belastung werden, von der sie möglichst bald befreit werden sollten.

    Das Vorhandensein von Tabus in einer Gesellschaft zeugt nicht von vornherein von deren Rückständigkeit. Auch das genaue Gegenteil kann der Fall sein, dann nämlich, wenn eine große Anzahl selbstverantwortlicher Individuen gelernt hat, daß bestimmte Fragestellungen wie das Recht auf Leben, das Recht auf Gleichheit und Gerechtigkeit, unantastbar, also tabu zu sein haben. Man muß nicht über alles reden können, wenn man bestimmte Antworten historisch nicht mehr in Kauf nehmen will.[33] Im nachfaschistischen deutschen Sprachraum eine von der Geschichte unbeschwerte Debatte über Euthanasie zu führen, mag zwar manchem Zeitgeist fortschrittlich erscheinen; solange diejenigen über deren Lebensrecht da so locker verhandelt wird, noch atmen, wird es aber Widerstand geben.

    Im 1932, also noch vor Ausschwitz und Hartheim entstandenen Film "Freaks" organisieren sich die Krüppel eines Wanderzirkus gegen die auf sie einstürzende Gewalt. Das dem einzelnen zugefügte Leid wird von allen, die sich dem Moralkodex der Freaks verschrieben haben, gerächt. Im Film machen die Krüppel von dem Gebrauch, worüber Behinderte jetzt anfangen sollten nachzudenken: vom Notwehrrecht. Sobald die Nachgeborenen des Faschismus damit beginnen, behinderte Kinder auszusondern, um sie der "aktiven Euthanasie" zuzuführen (Singer), geht es nicht um den Bruch eines von der gesellschaftlichen Entwicklung überholten Tabus, sondern dann geht es um unsere Knochen.

    Buchbesprechung

    Franz Christoph / Christian Mürner. Der Gesundheitsfetisch. Über Inhumanes in der Ökologiebewegung. 196 Seiten, Asanger Verlag. Reihe "Streitschriften", Heidelberg 1990.

    In den letzten Jahren wird die durch das Etikett "Neue Ethik" umschriebene Euthanasiedebatte mit wachsender Aggressivität geführt. Unter den Verfechtern der überwunden geglaubten Auffassungen vom "Wert des menschlichen Lebens" befinden sich nicht nur viele Yuppies und "New Age" - Bewegte, sondern auch sehr viele Anhänger der Friedens- und Grünbewegung. Das von der Ökologiebewegung propagierte Menschenbild leistet der Euthanasiedebatte Vorschub, versetzt es doch den Menschen in eine fiktive Harmonie mit der Natur und verklärt die menschliche Spezies zu einer Lebensmaschine, deren Bestimmung es ist, über einen gesunden Körper und einen ganzheitlichen Geist zu verfügen. Wer mit diesen Gaben der Natur nicht pfleglich umgeht, wer diese ökologischen Anforderungen nicht erfüllt, gilt als Schädling am grünen Volkskörper. Wessen Physis der Norm nicht folgt, dem wird eine Erklärung abverlangt. "Perfekte" Menschen überprüfen sie auf ihre Stichhaltigkeit; ökologisches Denken verwirklicht sich in angewandter Humangenetik. Behinderte Kinder auf die Welt zu bringen, gilt als Affront gegen die gesellschaftliche Norm. Seit dem Höhepunkt der Friedensbewegung und dem Reaktorunfall von Tschernobyl gilt Behinderung als schlimmer denn der Strahlentod. Behinderte Menschen wurden und werden als "Mißgeburten" den verängstigten Bürgern zur Abschreckung vorgeführt.

    Franz Christoph, Mitbegründer der deutschen "Krüppelbewegung" und Christian Mürner zeichnen in ihrem wichtigen Buch die vom ökologisch-ganzheitlichen Denken für behinderte Menschen ausgehende Bedrohung nach. Anhand einer Vielzahl von Beispielen entlarven die Autoren die wachsende Behindertenfeindlichkeit im vermeintlichen Fortschrittslager; die Auseinandersetzung mit der Singer'schen Ethik[34] wird von den Verfassern ebenso geführt, wie die Kritik an den Kompensationsmechanismen der "Wohltäter" und "Musterkrüppel".

    Das Buch versammelt vorwiegend von Franz Christoph für den "Spiegel", die "Zeit", "Konkret", und andere Zeitschriften geschriebene Artikel und leistet für um selbstbestimmtes Leben kämpfende Behinderte wichtige Aufklärungsarbeit.

    Leider haben die Autoren darauf verzichtet, die Fülle von Belegen für Behindertenfeindlichkeit durch Quellenangaben nachvollziehbar zu machen. Ärgerlich sind die das Buch durchziehenden Wortungetüme und sprachlichen Sumpfblasen. So heißt es in der Einleitung:

    "Durch den Vermeidungsanspruch von Behinderten versöhnte sich die Ökologiebewegung mit der Humangenetik ...". Es "... wurde eine Sprache gebräuchlich, die zu Recht eine ungeheure Diskriminierung darstellt, ... und "Wenn ein behinderter Mensch "seine Identität gegen die Normalität in die Waagschale wirft …"(S. 9).

    Wenn es weiter heißt: Mit solcherart ausgerichteten Behinderten wird das schlechte Bestehende auf fiktiver Ebene kritisiert. Verloren geht dabei die Identität der behinderten Darsteller." (S. 88) und "Literatur eröffnet erst dann ihre mehrperspektivischen Möglichkeiten, ihre visionäre Kraft, wenn sie einen annehmen läßt, daß etwas so ist, wie es dargestellt ist, vielleicht aber auch anders, doch mit derselben Evidenz und Faszination." (S. 90) und "Der Meinungswandel hängt mit der Hinterhältigkeit der Kernenergie zusammen", dann schrumpfen die "provokanten Thesen des Buches" (Klappentext) zur bemühten Kritik.

    Wenn es gar heißt: "Bei dieser Frage öffnet sich mir der Widerspruch" (S. 90); "Der Schrecken der Abschreckung besteht darin, daß Behinderte als Personifizierung des Schreckens auftreten" (S. 92); "Wenn ich auf der 'vollen Bedeutung' der Sprache bestehe, läßt sich der Konflikt und die Kollidierung der nichtbehinderten Leser mit der gelieferten Moral nicht mehr vermeiden," verkommt die bemühte Kritik zum Kauderwelsch.

    Früher, als sich Autoren noch die Mühe machten, den geschriebenen Text wenigstens einmal durchzusehen, geschah es manchmal, daß der eine vordergründige Absicht erkennende Leser verstimmt war. Diese Zeiten sind leider vorbei. Heute ist es üblich, daß der geplagte Leser auch bei größter Anstrengung die Absicht der Autoren nicht mehr entschlüsseln kann. Der Hinweis auf die Bedeutung eines Themas vermag da die Verbitterung des Lesers nur noch zu steigern.

    Die Autoren führen hundertachtzig Seiten lang die Auswirkungen des für Behinderte verhängnisvollen ökologischen Denkens vor, um dann festzustellen: "Mit einer solchen Problematisierung bezweifeln wir gerade nicht grundsätzlich ökologische Orientierungen, doch wir wollen auf eine ... neunormale Art von Behindertenfeindlichkeit aufmerksam machen." Eines haben die Autoren dabei aber übersehen: Den Streit "aber den Gesundheits-Fetischismus konstruktiv" führen zu wollen, ist gleichbedeutend mit der Destruktion jeglicher Kritik.

    Leserbrief zu Wolfgang Pohrt; "Das Wasser in der Suppe", "Konkret" 11/90

    Herrn Wolfgang Pohrt, dessen Artikel ich nicht zuletzt deswegen schätze, weil sie anhand erfundener oder zweifelhafter Beispiele die Wahrheit schärfer vors Auge zwingen, als es die Ritter vom Orden der Empirie mit ihren stumpfen Details vermögen, muß in einem Punkt widersprochen werden: Seine Behauptung, der Rollstuhl sei eine "notwendige Fortsetzung des verkrüppelten Körpers mit anderen Mitteln", rührt an meiner Ehre. Ich lege Wert darauf, daß ich, ein Town and Country Rollstuhl der Firma Everest & Jennings, California, in keiner Weise, schon gar nicht "mit anderen Mitteln", die Fortsetzung meines Anwenders bin, sondern ein formschönes, langlebiges Fahrzeug, das seine Dienste nur dann gehbehinderten Menschen anbietet, wenn diese fachkundig und frei von Sentimentalität mit mir umgehen. Wenn jemand vermeint, in mir die Fortsetzung seines Körpers zu besitzen, werfe ich ihn aus Gründen der Pädagogik und der Verteidigung der Arbeitsteilung bei der erstbesten Gelegenheit auf die Straße.

    Rollstuhl Series XZ-11-9080/h

    Everest & Jennings; z. Zeit

    beschäftigt bei Erwin Riess, Wien

    PS: Mein Anwender ersucht mich um folgenden Nachtrag:

    Wenn die Metapher zur Fortsetzung des Gedankens mit untauglichen Mitteln wird, bleibt letzterer gern auf der Strecke. Mit anderen Worten: "Das Gehen nach Orten, die durch Gehen nicht zu erreichen sind, muß man sich abgewöhnen."

    Leserbrief zu "Konkret" 3/91

    Der Krieg als Vater aller Dinge, die Golfschlacht als Mutter aller Schlachten. "Konkret" bringt das Titelbild aller Titelbilder: einen Rollstuhlfahrer mit Gasmaske. Die Abschreckung der Schrecklichen ist aber nur teilweise gelungen. Ich werde "Konkret" ab jetzt von hinten nach vorne, von rechts nach links und von unten nach oben lesen.

    Rollstuhl Series XZ-11-9080/h

    Everest & Jennings; z. Zeit beschäftigt bei Erwin Riess, Wien

    PS: Mein Anwender ersucht mich, Sadam Hussein zitierend, um folgenden Nachsatz:

    "Wenn du einen Freund betrittst, mach nicht auf dem Absatz kehrt!"



    [17] "Die Beteiligten: Das Plakat - GKK - ORF - Tageszeitungen - Bezirkszeitungen – Magazine – PR-Zeitungen - Banken - Post - Bahn - Fremdenverkehr - Hotel Hilton - Lauda Air - AUA - Bundeskammer der Gewerblichen Wirtschaft - Sozialorganisationen - Parteiorganisationen - Arbeiterkammer - MA 12 - MA 13 - Industriellenvereinigung - UNO - AUVA - Stadthalle - ÖAR - Universität Wien - Schulen - Kindergärten - Kino - Theater - Kunstgalerien - Bildende Kunst - Popmusik - Verlage - Kirche - Volksbildung - Selbsthilfeorganisationen - Soziale Einrichtungen - Ankerbrot - Baumax - Schömer - Billa - Artaker - Donauzentrum - Foto Neffig - Niedmneyer."

    Aus: "monat" (Zeitschrift der Österr. Arbeitsgemeinschaft für Rehabilitation, Dachorganisation der österr. Behindertenverbände), 2/1991, S.5.

    [18] Werner Vogt, Arm.Krank.Tot. Argumente für ein gewaltloses Krankenhaus. Europaverlag 1989, S.11

    [19] Internationaler Kongreß für Humangenetik, Berlin 22.-26.9.86, Kongreßbericht Singer/Kuhse; Punkt 7.

    [20] abgedruckt in: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft, Heft 3/1989.

    [21] siehe den Artikel von Katja Leyrer in Konkret 8/89.

    [22] Adorno/Horkheimer. Dialektik der Aufklärung, S.12.

    [23] Marx/Engels Werke, Band 3, S.394 ff.

    [24] ebenda.

    [25] ebenda.

    [26] ebenda.

    [27] ebenda, S.402.

    [28] Man könnte Singers Theorie auch vom Standpunkt der "Behindertenpädagogik" entlarven. Diese Auseinandersetzung erbrächte aber nur den wenig überraschenden Nachweis, daß Singer sich auf diesem Terrain ebenso tolpatschig bewegt, wie Adolf Holl in der Philosophiegeschichte.

    [29] Kurier; 8.11.1990.

    [30] Wiener Zeitung, 1.9.1990.

    [31] Standard, 12.10.1990.

    [32] Adorno/Horkheimer. Dialektik der Aufklärung, S.204.

    [33] Kann man über folgende Sätze Singers noch diskutieren?

    "Das Leben des Psychopathen (den Singer an anderer Stelle als asozial, impulsiv, gefühlsarm, und anormal bezeichnet, E.R.) läßt sich - verglichen mit einem normalen Leben - auf eine andere Weise als sinnlos verstehen. Es ist sinnlos, weil sein Blick nach innen ... und nicht nach außen auf etwas Langfristigeres oder Weiterreichendes. Das Leben normalerer Menschen hat Sinn, weil es auf ein umfassendes Ziel hin gelebt wird." (Singer, Praktische Ethik, S.296)

    "Das Argument mit Geisteskranken, die "nicht die Fähigkeiten haben, die den normalen Menschen von anderen Lebewesen abgrenzen" trotzdem so umzugehen, als wären sie normal, mit anderen Worten, sie nicht entsprechend ihrer wirklichen, sondern ihrer gattungsmäßigen Qualität zu behandeln, wird von Singer damit entkräftet, daß die IQ-Unterschiede von Weißen und Schwarzen nicht dazu führen dürften, die Angehörigen einer Gruppe "nach den Durchschnittswerten ihrer Rasse" zu definieren. "Wenn wir das akzeptieren, dann müssen wir den Vorschlag zurückweisen, daß geistesgestärten Menschen der Status oder die Rechte zuzugestehen seien, die für ihre Gattung normal sind." (Singer, Praktische Ethik, S. 92/93).

    [34] Der Tötungsethiker wurde von der "Wittgenstein-Gesellschaft" als Hauptredner zum "Wittgenstein-Symposium" im August 1991 eingeladen. Singers Club-2-Auftritt trägt Früchte.

    Dokumentation

    Adolf Ratzka. Aufstand der Betreuten. (Auszüge)*

    * Dieser 1987 verfaßte Text, dessen vollständigen Nachdruck ich in einem der nächsten Heft streit-Hefte plane, gilt als inoffizielles Manifest der Independent Living Bewegung. (E.R.)

    Ziel unserer Behindertenpolitik muß es sein, dem Einzelnen mehr persönliche Macht und uns als Gruppe mehr politische Macht zu verschaffen. Triebfeder und Richtschnur in dieser Arbeit ist unser Selbstrespekt. Unsere Umwelt bombardiert uns ständig mit Hinweisen, daß unser Leben bemitleidenswert, lebensunwert und unerwünscht ist, daß wir Bürger zweiter Klasse sind. Viele von uns sind mit dieser Haltung aufgewachsen und glauben selbst daran. Wir müssen uns gegen diese Gehirnwäsche impfen, denn wenn wir nicht selbst davon überzeugt sind, daß unser Leben genau soviel wert ist, wie das anderer Menschen, fordern wir auch nicht die gleichen Wahlmöglichkeiten, die unsere nichtbehinderten Angehörigen, Freunde und Bekannten in allen Bereichen des Lebens haben. Erst wenn wir davon überzeugt sind, daß wir die gleiche Lebensqualität verdienen, die andere für selbstverständlich hinnehmen, werden wir uns nicht mehr in Anstalten und Heime abschieben lassen, sondern fordern, überall wohnen zu können. Dann werden wir uns nicht länger vom Sonderfahrdienst der Wohlfahrt verfrachten lassen, sondern behindertengerechte Anpassung aller öffentlichen Verkehrsmittel fordern. Dann werden wir uns nicht in krankhafte Abhängigkeit von unseren Angehörigen zwingen lassen, sondern persönliche Assistenzdienste fordern, die uns freimachen. Dann werden wir nicht mehr dankbar über integrierte Teestuben und Freizeiten Freudentränen vergießen, sondern gleiche Bürgerrechte fordern. Dann werden wir uns nicht mehr unserer Behinderung schämen, uns verstecken und ein Zuschauerdasein fristen, sondern am Leben als freie und stolze Menschen teilnehmen.

    Sollen wir nur dann für unsere Bürgerrechte kämpfen, wenn damit nachweislich Steuergelder gespart werden können und somit mehr Mittel für Rüstung, umweltfeindliche Produktion und andere behinderungsfördernde Maßnahmen übrigbleiben? Die logische Folgerung des Kostenvergleichs ist, uns kostengünstig zu vergasen. Wenn wir uns also nicht unser eigenes Grab schaufeln wollen, müssen wir Kostenvergleiche als irrelevante Kriterien ablehnen und stattdessen unsere Menschen- und Bürgerrechte fordern.

    Das Ideal der Stärke, vom Faschismus vererbt und hauptsächlich als körperliche Stärke ausgelegt, wirkt auf subtile Weise als Unterdrückungs- und Selbstverachtungsmechanismus. Diesem Ideal zufolge gelte ich als schwach, hilflos und unterlegen, weil ich mir nicht selbst die Hosen hochziehen kann. Menschen mit Behinderungen zählen wie Kinder zu den Schwachen der Gesellschaft. Wie Kinder brauchen wir daher den allgemeinen Vorstellungen zufolge Bevormundung und Betreuung. Körperliche Abhängigkeit von praktischen Handreichungen wird gleichgesetzt mit intellektueller und emotioneller Abhängigkeit von anderen. Unsere Umwelt sieht gerne, daß wir uns so viel wie möglich abstrampeln, um unseren Alltag allein zu bewältigen. Auf diese Weise mit uns selbst beschäftigt, fallen wir dem Sozialhaushalt weniger zur Last, haben weder Zeit noch Energie, Forderungen nach Chancengleichheit mit Ausbildung, Beruf und sinnvoller Freizeit zu stellen oder uns im politischen Kampf für unsere Bürgerrechte zu engagieren. Kein Wunder also, daß uns das Musterkrüppelchen als Vorbild hingestellt wird, das sich den ganzen Vormittag mit Waschen, Anziehen und Kochen abmüht und sich dann übermüdet hinlegen muß, um fürs Zubettgehen genügend Kräfte zu sammeln.

    In verschiedenen Ländern hat man ambulante Dienste aufgebaut, die sich nur wenig von Pflegeheimen unterscheiden. Wir müssen die Dinge beim rechten Namen nennen.

    Viele von unseren eigenen Leuten, die bei dem Anspruch auf Eigenverantwortung Angst bekommen und die bequeme Bevormundung durch Profis bevorzugen, stört unser Sprachgebrauch. Anstatt "Arbeitgeberverantwortung" und damit "Macht" und "Kontrolle" zu fordern, ziehen sie ein "Miteinander-Füreinander-Hallo-Partner-Dankeschön" - Gewäsch vor und wollen allenfalls Mitbestimmung. Assistenz ersetzt unsere Arme und Beine. Andere Menschen haben direkte Kontrolle über ihre Arme und Beine - nicht Mitbestimmung.

    Zivildienstleistende und Freiwilligenhelfer verderben den Arbeitsmarkt für persönliche Assistenten, weil ihre Existenz eine marktgerechte Lohnentwicklung bremst und dadurch zu einem ständigen Unterangebot an persönlichen Assistenten führt.

    Was liegt näher, als Arbeitsplätze in unseren Organisationen für unsere Leute zu reservieren? Wir müssen Behindertenorganisationen ablehnen, in denen nichtbehinderte Vorsitzende Wirtschaft und Staat bitten, Behinderten Arbeitsplätze zu beschaffen, aber selbst bestenfalls nur einen Vorzeigekrüppel im Büro haben.

    Was sollen Jugendliche mit Behinderungen von sich und ihren Zukunftsaussichten halten, wenn sie niemals erwachsene Behinderte in führenden Positionen - einmal in unseren eigenen Organisationen - zu Gesicht bekommen?

    Wir müssen endlich einsehen, daß eigene Erfahrung von Behinderung und das Bewußtsein, einer unterdrückten Minderheit anzugehören, unerlässliche Voraussetzungen und Qualifikationen für ernsthafte und erfolgreiche Behindertenpolitik ausmachen.

    Der erste Schritt zu unserer Emanzipation ist, daß wir uns nicht länger selbst als Kranke abschreiben, sondern Forderungen an uns selbst stellen.

    Wir sind davon überzeugt, daß nicht unsere Assistenten, sondern wir ausgebildet werden müssen.

    Das Vorbild eines Kollegen gibt einen eindrucksvolleren und nachhaltigeren Effekt als der Einsatz der besten nichtbehinderten Experten.

    Wir haben lange genug geklagt, ohne daß es uns geholfen hätte. Jetzt müssen wir einsehen, daß nur wir selbst uns helfen können.

    Vier Monate nach dem Hungerstreik - was nun?- Dorli Brozek*

    * Dorli Brozek, Teilnehmerin am Hungerstreik, Studentin der Slawistik , ÖH-Behindertensprecherin; benützt einen E-Rollstuhl; Dorli Brozek war am Samstag nach dem Streik in der Hörfunksendung 'Im Journal zu Gast' zu hören.

    Bis heute kommt es noch vor, daß mich Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen auf der Uni und manchmal auch Fremde fragen: "Na, was habts ihr denn erreicht mit eurem Streik?" Ich atme dann tief durch und sage meist: "Es wird nicht mehr zehn Jahre dauern, sondern vielleicht nur fünf - wenn wir Glück haben." Und schon kommen mir all die Gedanken, wie es begonnen hat.

    Mittwoch war der erste Tag und wir sagten uns, erst einmal das Wochenende schaffen. Von den Medien kamen gute Berichte und am Freitag gab es bereits einen Beitrag in den Hauptnachrichten. Die Parlamentarier, die sich zu uns in die Säulenhalle verirrten, machten meist große Augen, als sie hörten, daß wir die Gleichbehandlung vor dem Recht fordern, daß nämlich in unserem Land die Ursache der Behinderung ausschlaggebender ist, als die Tatsache behindert zu sein; daß behinderten Menschen oft nur mehr der Weg ins Heim bleibt und daß Familien behinderter Menschen ausgebeutet werden bis zum Letzten. Ich hatte oft den Eindruck, sie begreifen überhaupt nicht, worum es geht, und so mußten wir unzählige Gespräche bei der Stunde Null beginnen: bedarforientiertes Pflegegeld wozu und warum.

    Alle, die zu uns in die Säulenhalle wollten, mußten sich beim Portier ausweisen und wurden mit Namen, Anschrift und Ausweisnummer in einer Liste festgehalten. Wir merkten auch, daß die Führungen immer seltener bis zur Säulenhalle gebracht wurden, und wenn sie bis dorthin gelangten, dann wurden sie bereits am Eingang abgewimmelt. Sicher sollten die Besucherinnen und Besucher nicht mit einem "Sonderprogrammpunkt" überfordert werden. Was hätte man ihnen auch sagen sollen, etwa, daß behinderte Menschen um ihre Rechte kämpfen? Doch zwei oder drei Gruppen hatten es bis zu uns geschafft und es ergaben sich einige gute Gespräche.

    Am Wochenende gehörte das Hohe Haus uns allein. Die Säulenhalle nannten wir inzwischen "unser Wohnzimmer" und die immer zahlreicher einlangenden Solidaritätstelegramme und -briefe hängten wir von Säule zu Säule auf eine Schnur.

    Am Samstag Abend stand plötzlich Nationalratspräsident Fischer vor uns. Die Diskussion mit ihm verlief so, wie die meisten, die noch später folgten, etwa mit dem zweiten Präsidenten Lichal oder Clubchef Neisser. Nach Ausführungen unsererseits, daß eine Petition zu unserer Forderung bereits 1987 eingebracht wurde, dann eine Arbeitsgruppe installiert wurde, und diese im Mai 1990 ihre Arbeit beendet hatte, dieses Thema aber im Sozialausschuß nicht auf die Tagesordnung kam und deswegen auch im Nationalrat nicht behandelt werden konnte, und schließlich, daß wir seit Jahren Spielball von Bund und Länder sind, folgten Gegenargumente wie die "unmögliche Finanzierung" unserer Forderungen und daß wir Geduld haben sollten. In solchen Augenblicken spürte ich meine Wut förmlich steigen. Ich konnte mich kaum beherrschen und nahm mich zusammen, um nicht laut aufzubrüllen. Da standen sie vor mir, diese Nicht-Krüppel und erzählten mir von Geduld. Ich lebe JETZT, verdammt!, und ich brauche JETZT das Pflegegeld, um so zu leben, wie es für die meisten selbstverständlich ist. Ich möchte aufs Klo gehen können, wann ich will. Ich will schlafen, wann ich will. Ich möchte ausgehen können und vor allem will ich mir meine Helfer selbst auswählen und selbst bezahlen. Ich will einfach SELBSTBESTIMMT leben.

    Die folgende Woche begannen wir mit einer Pressekonferenz, und Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen unterstützten uns mit ihren Beiträgen. Und so wie die sogenannten Behindertensprecher der drei Großparteien sich in den ersten Tagen des Hungerstreiks durch Schweigen und Ignoranz auszeichneten, begannen sie dann ihre miesen parteipolitischen Spielchen auf unserem Rücken auszutragen. Unsere Aktion wurde ins grüne Eck abgedrängt und als Spinnerei des Abgeordneten Srb abgetan. Wir konnten wieder einmal sehen, wie ernst uns unsere "Vertreter" wirklich nehmen. Sie finden es nicht einmal nötig, sich mit uns auseinanderzusetzen, sie sind dazu zu feige.

    Diese Ignoranz der Politiker machte mir am meisten zu schaffen. Es ist so lähmend, zu wissen, daß man nur als Objekt behandelt wird.

    Nach dem Hungerstreik bin ich überzeugter denn je, daß nur wir Betroffenen selbst etwas bewirken können. Wir dürfen nicht mehr länger dulden, daß ausschließlich Nichtbetroffene unsere Politik machen. Wir sind für unsere Politik verantwortlich.

    Annemarie Burgstaller/Erwin Riess: Behinderte Menschen: In der Krise ausgeschlossen - vom Aufschwung vergessen, - Aus: "Kurswechsel", Sonderband S 4/90

    Behinderte Menschen: In der Krise ausgeschlossen - vom Aufschwung vergessen

    Das Leben behinderter Menschen in Österreich ist nach wie vor von Isolation und Ausgrenzung gekennzeichnet. Die geschichtlichen Forschungen erklären einen Teil der Ursachen für diesen Zustand. Die im staatlichen Bereich anzutreffenden punktuellen Verbesserungen haben die Diskriminierung behinderter Menschen nicht beseitigt. Wie jede diskriminierte Bevölkerungsgruppe, so sind auch behinderte Menschen auf mehrere Fraktionen aufgeteilt: Jene, die arbeitsfähig sind, jene die bedingt arbeitsfähig sind und jene, die nicht arbeitsfähig sind, bilden die drei Stockwerke der Behindertenpyramide. Es ist kein Zufall, daß das oberste Stockwerk, die behinderten Berufstätigen in der Minderzahl sind, während die nicht oder nur bedingt berufstätigen behinderten Menschen die übergroße Mehrheit bilden.

    Von den nicht Berufstätigen melden sich bei den Arbeitsämtern nur jene arbeitslos, die sich Chancen auf eine Beschäftigung oder Wiederbeschäftigung ausrechnen.

    Ende August 1990 waren bei den Arbeitsämtern 18.000 Arbeitslose mit Behinderungen vorgemerkt, was rund einem Siebtel aller Arbeitslosen entsprach. Ein Großteil dieser Arbeitslosen mit Behinderungen hatte höchstens die Pflichtschule abgeschlossen bzw. war bereits über 6 Monate arbeitslos. Sowohl bei der Ausbildung als auch bei der Dauer der Arbeitslosigkeit stehen behinderte Arbeitslose deutlich schlechter da als andere Arbeitslose. Hatten die behinderten Menschen schon in den 70er Jahren, als noch Arbeitskräfteknappheit bestand, Schwierigkeiten in Arbeit zu kommen, so hat sich dies in den 80er Jahren deutlich verschlechtert. Die jetzige Konjunktur bessert ihre Situation kaum, da man sie bei einem Überangebot von Arbeitskräften eher verdrängt als aufnimmt. Die Folgen zeigen sich in der ungleich höheren Belastung behinderter Arbeitsloser. Die Förderungsmaßnahmen konnten zwar eine Ausweitung der Arbeitslosigkeit behinderter Menschen verhindern, doch sind umfassendere Maßnahmen auch auf Seiten der Betriebe notwendig, um die Wiederbeschäftigungschancen deutlich zu verbessern.

    Weil die Menschenrechte für behinderte Bürgerinnen und Bürger nach wie vor nicht durchgesetzt und zu allgemein akzeptierten Zielen der Gesellschaft gemacht worden sind, benötigt die Rehabilitation auch heute noch gesellschaftlicher Rechtfertigung. Unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Bedingungen nimmt der Rechtfertigungszwang sogar zu. Ein selbstbestimmtes Leben in Würde und sozialer Sicherheit ist den meisten behinderten Menschen verwehrt.

    Um die schwierige Lage behinderter Menschen in Österreich nachhaltig zu verbessern, ist die Verwirklichung folgender grundsätzlicher Forderungen unerläßlich:

    Schule:

    • Schulische Integration auch für geistig und mehrfach behinderte Kinder muß zur Leitlinie im gesamten Schul- und Erziehungswesen werden.

    • Das einzige Leistungskriterium ist im individuellen Lernfortschritt des Kindes zu sehen; die fiktive Durchschnittsnorm ist abzuschaffen.

    • Alle baulichen und infrastrukturellen Voraussetzungen (Fahrtendienste, Lehrerausbildung, Supervision, behindertengerechte Schulen) zur Durchsetzung der schulischen Integration sind vorzusehen.

    Arbeit.

    • Beendigung der permanenten Diskriminierung behinderter Menschen auf dem Arbeitsmerkt durch

    • Anhebung der Ausgleichstaxe auf S 10.000.-

    • neue Festsetzung der Schlüsselzahl auf 1:10 ohne Ausnahmeregelung, bis die derzeit nahezu 25 %ige Arbeitslosenquote bei behinderten Menschen auf das Niveau der allgemeinen Arbeitslosenquote (und darunter) gesunken ist.

    • verstärkte Förderung sowohl für den Eintritt in den Arbeitsmarkt, als auch für den Verbleib in Arbeit und die laufende Verbesserung der Arbeitssituation für behinderte Menschen.

    • umfassende Förderung der Mobilität (PKW, Fahrtendienste, behindertengerechte öffentliche Verkehrsmittel).

    • Verankerung des Rechts auf Arbeit in der Verfassung.

    Wohnen:

    • Einrichtung von "Fachstellen für behindertengerechtes Bauen", um die untragbaren Koordinations- und Informationsmängel im Baubereich zu beseitigen.

    • Statt der Errichtung von Behindertenheimen müssen dezentrale Lösungen im Rahmen der Leitidee "selbstbestimmtes Leben" gefördert werden (Vorbild Dänemark).

    • Verankerung des Grundsatzes "behindertengerechtes Bauen" in der Verfassung (Vorbild Schweden).

    • Die öffentliche Hand ist verpflichtet, für eine ausreichende Zahl von Behindertenwohnungen Sorge zu tragen.

    Freizeit:

    • "Antidiskriminierungsgesetz* nach Vorbild der USA. Bis 1995 müssen alle öffentlichen Gebäude, Verkehrsflächen und Verkehrsmittel für behinderte Menschen zugänglich sein.

    Vorsorge im Pflegefall:

    • Umgehende Schaffung einer bundeseinheitlichen Pflegefallvorsorge durch finanzielle Leistungen auf dem Niveau des Kriegsopfervorsorgegesetzes und Ausbau mobiler Hilfsdienste.

    • Errichtung von Zentren für «selbstbestimmtes Leben», nach dem Muster der Assistenzgenossenschaften in Schweden und in den USA.

    • Ausreichende sozialrechtliche Absicherung von Pflegepersonen (Vorbild Dänemark).

    Gesellschaftlicher Status

    • Die Vertretung der behinderten Menschen in Parteien und Verbänden muß von unabhängigen Betroffenen erfolgen.

    • Die Medien müssen verpflichtet werden, die UNO-Charta zur Berichterstattung über behinderte Menschen in die Praxis umzusetzen.

    • Verbot von Spendensammlungen im Namen von Behinderten.

    • Einstellung diskriminierender Sendungen wie "Licht ins Dunkel'.

    • Ausgaben für behinderte Menschen, die von den Gebietskörperschatten getätigt werden, müssen im jeweiligen Budget erkennbar sein.

    • Gesellschaftliche Aufgaben für behinderte Menschen dürfen nicht privatisiert werden.

    • Systematische Aufklärung über die Lebenssituation behinderter Menschen, um die latente Behindertenfeindlichkeit in der Bevölkerung zu überwinden.

    • Ausreichende, langfristig abgesicherte Dotierung von Behindertendachorganisationen.

    • Statt politischer Bevormundung in der Behindertenpolitik umfassende Mitbestimmungsrechte für die behinderten Menschen!

    • Integration der Behindertenpolitik in die Tätigkeit von Arbeitnehmer- und Konsumentenschutzorganisationen.

    Weitere Forderungen

    • Eltern dürfen bei ihrer Entscheidung für ein behindertes Kind nicht gesellschaftlich diskriminiert werden.

    • Maßnahmen gegen alle Versuche, behindertenfeindliche Vorstellungen zu verbreiten, wie dies politische und pseudowissenschaftliche Gruppierungen und Publikationen gegenwärtig ungehindert tun können.

    • Verbot von Sterbegesellschaften.

    • Keine ökonomische Bewertung von behindertem Leben.

    • Ersatzlose Streichung der Besteuerung von Unfallrenten.

    • Vermehrte Schaffung von Behindertenparkplätzen und zusätzliche Verwendung von Radklammern für unberechtigt Parkende.

    • Parkerlaubnis auf Behindertenparkplätzen auch für behinderte Menschen, die aufgrund der Schwere ihrer Behinderung keinen Führerschein erwerben können oder noch nicht 18 Jahre als sind.

    • Beseitigung der Ungerechtigkeiten beim Zugang zu Rehabilitations- und Pflegeeinrichtungen.

    • Gleiche Rechte für behinderte Ausländer und Ausländerinnen.

    • Übernahme der Bestimmungen der ÖNORM-B1600 für behindertengerechtes Bauen in die Bauordnungen und Wohnbauförderungsgesetze der Länder.

    • Schaffung einer ausreichenden Anzahl von Behindertentoiletten vor allem in Ballungszentren.

    Forderungen des "Mobilen Hilfsdienstes Innsbruck"

    • Untersagung der Neuaufnahmen von pflegebedürftigen Personen in große Pflegeheime und Stopp des Ausbaus von großen stationären Pflegeeinrichtungen.

    • Förderung von Selbsthilfeorganisationen im Bereich ambulanter und mobiler Hilfen, aber kein Abschieben von sozialen Aufgaben auf private Einrichtungen und ehrenamtliche Arbeit, - eine klare Absage an das bisherige Sozialsprengelkonzept.

    • Auf- und Ausbau der ambulanten und mobiler Dienste der Gemeinden entsprechend dem Bedarf. Hilfeleistungen zu allen Zeiten. also auch Nachtzeiten, Wochenenden. Feiertagen, Ferienzeiten usw.

    • Änderung der Bauordnung der Länder, daß alle Wohnungen nach einem bestimmten Standard behindertengerecht gebaut werden müssen. Wo Gemeinden, Stadt oder Land als Bauherrn auftreten, ist mindestens entsprechend der ÖNORM B 1600 behindertengerecht zu bauen. Alle öffentlichen Bauten und Verkehrsmittel sind entsprechend zu adaptieren.

    • Errichtung von stationären Pflegeeinrichtungen nur in Form von Wohngruppenpflege (für jeweils max. 6 Personen) und erst nachdem die Möglichkeiten ambulanter und mobiler Einrichtungen voll ausgeschöpft sind.

    • Fixe Einplanung der notwendigen Budgetposten für ambulante Einrichtungen durch vertragliche Fixierung zwischen dem ambulanten Dienst, der Gemeinde und dem Land. Angleichung der Löhne in den Selbsthilfeorganisationen an den öffentlichen Dienst.

    • Aufhebung der Finanzierungs-Obergrenzen für pflegebedürftige Personen im Rahmen vom Sozialhilfe- und Landesbehindertengesetz. Soweit (problematische) Vergleiche zwischen den Kosten von stationären und ambulanten Einrichtungen gezogen werden, dürfen dabei nur die durchschnittlichen Kosten verglichen werden.

    • Einführung eines Bundespflegegesetzes, durch das den Betroffenen nach dem Finalitätsprinzip[35] ausreichende Pflegegelder direkt ausbezahlt werden. Im gleichen Gesetz müssen Standards für Pflegeeinrichtungen[36] festlegt und die Grundfinanzierung der Pflegeeinrichtungen abgesichert werden.

    • Grundprinzip ist die Ermöglichung der eigenständigen Wahl von Hilfen zur Aufrechterhaltung bzw. Erreichung eines selbstbestimmten Lebens durch die betroffene pflegebedürftige Person und der freien Wahl der entsprechenden Einrichtungen.

    Resolution der GPA zur Behindertenpolitik, eingebracht von GLB, Mai 1990

    beantragt wird

    Um die prekäre Lage behinderter Menschen in Österreich nachhaltig zu verbessern, ist die Realisierung folgender Minimalforderungen unerläßlich. Die Delegierten der Hauptversammlung werden sich in allen, für sie zugänglichen Gremien, für diese Forderungen einsetzen.

    1. Umgehende Schaffung einer bundeseinheitlichen Pflegefallvorsorge durch finanzielle Leistungen auf dem Niveau des Kriegsopfervorsorgegesetzes und den Ausbau mobiler Hilfsdienste.

    2. Schluß mit der permanenten Diskriminierung behinderter Menschen auf dem Arbeitsmarkt durch

    - Anhebung der Ausgleichstaxe auf S 10.000,--,

    - Neufestsetzung der Schlüsselzahl auf 1:10 ohne Ausnahmeregelung, bis die nahezu 25 %-ige Arbeitslosenrate bei behinderten Menschen auf das Niveau der allgemeinen Arbeitslosenrate gesunken ist.

    1. "Antidiskriminierungsgesetz" nach USA-Vorbild. Bis 1995 müssen alle öffentlichen Gebäude, Verkehrsflächen und Verkehrsmittel für Behinderte zugänglich gemacht werden.

    2. Ersatzlose Streichung der Besteuerung von Unfallrenten.

    3. Umfangreiche und systematische Aufklärung über die Lebenssituation behinderter Bürger, um die latente Behindertenfeindlichkeit in der Bevölkerung zu überwinden.

    4. Ausreichende sozialrechtliche Absicherung von Pflegepersonen.

    5. Verpflichtung der öffentlichen Hand für eine ausreichende Zahl von Behindertenwohnungen Sorge zu tragen.

    6. Integration der Behindertenarbeit in die Tätigkeit von Arbeitnehmer- und Konsumentenschützer organisationen.

    Der Grundsatz des "Selbstbestimmten Lebens" ist Richtschnur für alle Maßnahmen, die behinderte Menschen betreffen.

    Gewerkschaftlicher

    Linksblock

    In der Gewerkschaft der Privatangestellten

    1206 Wien Höchstädtplatz 3 Tel. 335601 Klappe 340 u. 351

    Wien, 1. Juni 1990

    Koll.

    Dr. Erwin Riess

    Gerasdorferstr. 55/58

    1210 Wien

    Lieber Kollege Riess!

    Wir haben Dich seinerzeit ersucht uns bei der inhaltlichen Vorbereitung zur GPA-Hauptversammlung der Industrieangestellten zu unterstützen. Deine Unterlagen haben wir nun zu dem beiliegenden Antrag verarbeitet. Dieser Antrag wurde von den 350 Delegierten, - als erster Schritt zur Umsetzung – beschlossen.

    Auf diesem Wege noch einmal besten Dank für Deine Hilfe.

    Mit gewerkschaftlichen Grüßen!

    Rainer Egger

    Flugblatt des „Forums des Behinderten- und Krüppelinitiative“ zur Mahnwache vor dem Stephansdom, 21.09.1990, I. und II.

    Behinderte Fordern selbstbestimmtes Leben

    Wir fordern:

    Im Pflegebereich:

    • Die behinderungsbedingten Mehraufwendungen und Pflegekosten müssen abgedeckt werden. Ein bedarfsdeckendes Pflegegeld muß für alle behinderten und pflegebedürftigen Personen eingeführt werden.

    • Alte Heim- und Sonderanstalten sollen abgeschafft und durch entsprechende gemeindenahe Alternativen, wie z.B. ambulante Dienste und Wohngemeinschaften (Wohngruppenpflege), ersetzt werden.

    Im Bildungsbereich:

    • Es muß ein formuliertes Recht auf Integration von behinderten Kindern geben (kurzfristig Abschaffung der derzeitigen 10% Klausel für integrative Schulversuche).

    • Einführung eines Mehrpädagog/inn/ensystems, durch das alle Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Generelle Absenkung der Klassenschüler/innen/höchstzahl (bei integativen Klassen max. 20 Kinder).

    Im Bereich der Arbeitswelt:

    • Anstelle der geschützten Werkstätten mit ihrer Beschäftigungstherapie sollen integrative Arbeitskooperativen eingerichtet werden, in denen alle entsprechende und gesellschaftlich relevante Arbeit bei normalem Lohn incl. Sozialversicherung ausüben können.

    • Niemand soll zu Arbeit und schon gar nicht zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden können.

    • Alle Unternehmen und die öffentliche Hand sollen verpflichtet werden, mindestens 10% Behinderte zu beschäftigen. Hier sollte es keine Ausnahmen geben. Den Behinderten ist am Arbeitsplatz ausreichende Hilfestellung zu gewährleisten.

    • Von der Pflicht zur Einstellung Behinderter sollen sich Beriebe nicht freikaufen können.

    • Niemand darf durch seine Behinderung von einer Berufsgruppe ausgeschlossen werden. Dies ist derzeit z.B. bei Lehrern und Priestern der Fall.

    Im Bereich Architektur:

    • Alle diskriminierenden Barrieren bei Gebäuden, Verkehrsmitteln und Verkehrsflächen sind abzubauen.

    Das würde bedeuten, daß:

    • z.B. alle öffentlichen Verkehrsmittel mit Hebebühnen ausgestattet werden müssen;

    • alle Gehsteige bei Übergängen abgeschrägt werden müssen

    • genügend (überwachte) Behindertenparkplätze vorhanden sind;

    • Baumaßnahmen (incl. Wohnungsadaptierungen) sollen nur noch gefördert werden, wenn die ÖNORM B 1600 eingehalten wird (stufenlose Zugänglichkeit, Mindesttürbreiten, Lifte);

    • Übernahme der B 1600 in die Landesbauordnungen.

    Im Freizeitbereich:

    • Niemand darf auf Grund seiner Behinderung vom Freizeit- und Kulturangebot ausgeschlossen werden. Dies ist derzeit z.B. bei Kinos, Theatern, und Schwimmbädern der Fall.

    Im Bereich Sexualität und Partnerschaft:

    • Auch Behinderte haben ein Recht auf Sexualität!

    • Die in Österreich übliche Praxis der Sterilisierung ohne Einwilligung oder gegen den Willen der Betroffenen - dies ist Zwangssterilisierung - muß sofort eingestellt werden.

    Abbau von Vorurteilen:

    • Einstellung von Spendenkampagnen wie etwa "Licht ins Dunkel", die mit dem "Leiden der Behinderten" die Entlastung der öffentlichen Budgets fördern, das Gewissen der Spender beruhigen sollen und an denen die Falschen Geld verdienen.

    • Mittelfristig sollen alle Begünstigungen für Behinderte abgeschafft werden (Ermäßigung im Tiergarten, Museen usw.). Voraussetzung ist die Abgeltung der behinderungsbedingten Mehraufwendungen z.B. durch Grundeinkommen und Pflegeld.

    • Schluß mit der neuen Euthanasiedebatte und dem Versuch durch Gentechnologie den "Mensch nach Maß" zu produzieren.

    Impressum: Forum der Behinderten und Krüppelinitiativen, Theresia Haldlmayr (Linz), Wilfried Raith (Salzburg), Erwin Riess (Wien), Dieter Schlage (Wien), Volker Schönwiese (Innsbruck), Annemarie und Manfred Srb (Ganglbauerg. 11/26,1160 Wien)

    Jetzt reicht es uns: Menschenrechtsverletzungen und Gewalt in Österreich

    Jetzt reicht es uns tatsächlich!

    Eine der zentralen Forderungen der Behinderten und aller Behindertenorganisationen, die Schaffung einer einheitlichen Pflegevorsorge, wird von den Regierungsparteien verzögert, verschleppt und verhindert:

    • zuerst wurde eine diesbezügliche Petition des Österreichischen Zivilinvalidenverbandes, die von den GRÜNEN eingebracht wurde, nicht behandelt

    • dann wurde die Behandlung eines von den GRÜNEN im Parlament eingebrachten Antrages zur Schaffung einer gesetzlichen Grundlage abgelehnt!

    In anderen Staaten gibt es bereits Antidiskriminierungsgesetze für Behinderte - in Österreich verhindert das völlige Desinteresse der Koalitionsparteien die Abschaffung von Gewalt und Menschenrechtsverletzungen. Nicht einmal vor den Wahlen kann sich die Koalition zu irgendwelchen Zusagen überwinden!

    In Österreich werden behinderte Menschen abgeschoben und entmündigt.

    Wir behinderten Menschen fordern daher.

    • die Schaffung einer bundeseinheitlichen Pflegesicherung

    • die Auszahlung eines Pflegegeldes nach dem tatsächlichen Bedarf und unabhängig vom Einkommen an die betroffenen Personen selbst

    • Abschaffung der großen Pflegeheime

    Wir weigern uns, noch länger die Opfer einer Sozialpolitik zu sein, die nur an Ausgrenzung und Kosteneinsparung interessiert ist!

    Behinderte, Betroffene und Unterstützende, kommt und beteiligt euch an unserer MAHNWACHE vor der Stephanskirche ab Fr. 21.9.90, 10 Uhr!

    Impressum: Forum der Behinderten und Krüppelinitiativen, Theresia Haldlmayr (Linz), Wilfried Ralth (Salzburg), Erwin Hiess (Wien), Dieter Schrage (Wien). Volker Schönwiese (Innsbruck), Annemarie und Manfred Srb (Ganglbauerg. 11/26,1160 Wien)

    Dokumente zum Hungerstreik für Geleichberechtigung im Parlament

    Brief:

    Forum der Behinderten und Krüppelinitiativen

    per Adresse: Mahnwache, 1010 Wien, Stephansplatz (vor Haupteingang Dom)

    Wien, den 28. 9. 1990

    An Herrn

    Bundeskanzler Dr. Franz Vranitzky

    1010 Wien

    Ballhausplatz

    Betr.: Termin für Vorsprache der Behinderteninitiative

    Sehr geehrter Herr Bundeskanzler!

    Unter dem Motto "Jetzt reicht es uns!" veranstalten behinderte Menschen seit dem 21. 9. d. J. vor dem Stephansdom eine Mahnwache. Anlaß zu dieser Aktion ist die Tatsache, daß eine zentrale Forderung aller Behindertenorganisationen, eine einheitliche Pflegevorsorge zu schaffen, von beiden Regierungsparteien immer wieder verschleppt bzw. verhindert wurde. Unsere Mahnwache dient dem Ziel, folgende Forderungen durchzusetzen:

    • Die Schaffung einer bundeseinheitlichen Pflegesicherung (Gleichstellung von Zivilinvaliden mit Kriegsinvaliden).

    • Die Auszahlung eines Pflegegeldes nach dem tatsächlichen Bedarf und unabhängig vom Einkommen an die betroffene Person selbst. (Vor allem um so auch für behinderte Menschen ein Leben in Selbstbestimmung zu sichern).

    • Abschaffung der großen Pflegeheime. Da wir uns besonders auch als Opfer einer Sozialpolitik der derzeitigen Koalitionsregierung, die sich an Kosteneinsparung und Ausgrenzung orientiert, begreifen, ersuchen wir dringendst um einen Termin noch in der derzeitigen Regierungsperiode. Wir bitte um einen Terminvorschlag bzw. wir werden uns erlauben, in den nächsten Tagen in Ihrem Sekretariat wegen einer Terminvereinbarung anzurufen.

    Mit besten Grüßen

    Brief:

    Republik Österreich

    A-1014 Wien, Ballhausplatz 2

    Der Bundeskanzler Tel (0222) 531 15/0 DVR 0000019

    Wien, am 5. Oktober 1990

    Sehr geehrte Damen und Herren!

    Ich bedanke mich für Ihr Schreiben vom 28. September d. J. und möchte dazu aus meiner Sicht folgendes bemerken:

    Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat im Rahmen seiner Bemühungen um die Einführung einer bundeseinheitlichen Pflegesicherung eine Arbeitsgruppe eingerichtet, bei der nicht nur Vertreter von Behindertenorganisationen, sondern auch einzelne Behinderte mit großem Engagement mitgearbeitet haben. Der Abschlußbericht dieser Kommission enthält Vorschläge, die sich weithin mit den Intentionen des Forums der Behinderten und Krüppelinitiativen decken, insbesondere hinsichtlich einer bundeseinheitlichen Pflegesicherung.

    In Rahmen dieser Regelung - die ich für eine der zentralen sozialpolitischen Aufgaben der nächsten Legislaturperiode halte - wird auch die heute bestehende Differenzierung zwischen kriegs- und zivilbehinderten Personen schrittweise aufzuheben sein. Auch die Einführung eines bedarfsgerechten Pflegegelds und die Ablösung großer Pflegeheime durch kleinere und überschaubare Heime und Wohngruppen sind Bestandteil dieses Konzepts. Dieses große Vorhaben kann nur im Zusammenwirken von Bund, Ländern und Gemeinden verwirklicht werden. Der Bundesminister für Arbeit und Soziales hat die Länder bereits eingeladen, Vertreter für die Verhandlungen mit dem Bund zu nennen; es ist damit zu rechnen, daß diese Gespräche in Kürze beginnen werden.

    Forum der Behinderten und Krüppelinitiativen

    z.Hd. Frau Annemarie SRB

    Ganglbauergasse 11/26

    1160 Wien

    Der Vorwurf, die große Koalition betriebe die Ausgrenzung von Behinderten, erscheint mir im Lichte dieser Aktivitäten daher nicht gerechtfertigt. Für das Handeln der Bundesregierung in der Behindertenpolitik mögen auch das kürzlich verabschiedete Bundesbehindertengesetz sowie das Behinderteneinstellungsgesetz stehen.

    Ich habe erst vor wenigen Tagen mit Vertretern Ihrer Initiative in einem persönlichen Gespräch Gelegenheit gehabt, mich über Ihre Probleme zu informieren. Ich kann Ihnen versichern, daß ich die mir zugegangenen Anregungen in die künftige Arbeit der Bundesregierung einfließen zu lassen gedenke.

    Mit freundlichen Grüßen

    Brief

    Forum der Behinderten- und Krüppelinitiativen

    c/o Annemarie Srb

    Ganglbauergasse 11/26

    1160 WIEN

    An

    Dr. Erwin Riess

    Gerasdorferstr. 55/95/1

    1210 Wien

    Wien, 26.11.1990

    Liebe FreundInnen:

    Da einige von uns, und zwar jene, die seit Anbeginn im Hungerstreik waren, an der Grenze ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit angelangt waren, beschlossen wir Freitag nachmittags unseren gemeinsamen Hungerstreik bis auf weiteres auszusetzen. Nicht zuletzt auch deshalb, um unsere politische Handlungsfähigkeit zu bewahren.

    Das heißt im Klartext: Der Streik ist unterbrochen, der Kampf um unsere Rechte geht weiter - die Form hängt ganz von uns ab.

    Der Kampf muß deswegen weitergehen, weil wir zwar ein überwältigend gutes und positives Medienecho gehabt haben/noch haben, die von uns geforderten Zusagen von Vranitzky und Riegler jedoch noch nicht erfolgt sind.

    An Reaktionen aus der Politik hat es vor allem gegeben:

    1. Besuch von Riegler am 9.Tag des Streiks - Ergebnis: keines (Austausch der Positionen, Aussage, daß Finanzierung unserer Forderungen unmöglich wäre)

    2. Besuch von Feuerstein (am 8.Tag) und Guggenberger (am 9.Tag) - keine Zusagen auf unsere Forderungen

    3. Besuch von Geppert (am 9.Tag): Austausch der Standpunkte, Einladung für Besprechung im Ministerium am Freitag, 23.11., gemeinsam mit Vertretern der ARGE REHAB und des ÖZIV

    Verlauf und Ergebnis:

    Geppert erklärt, er könne nichts entscheiden, das ist eine politische Entscheidung der Länder; über die Finanzen entscheidet nicht er; Umsetzung in den nächsten 4 Jahren; Gleichstellung mit Kriegsopfern: ist nur langfristig und schrittweise möglich; er ist nicht bereit, Beträge für Geldleistungen zu nennen, nicht einmal bereit zu sagen, daß er sich bei den Ländern für unsere Forderungen einsetzen will.

    Wir fühlen uns benutzt und fragen uns, wozu dieses Gespräch überhaupt dienen sollte.

    Am 30.11.90 wird in Rust/Burgenland eine Konferenz der Landessozialreferenten stattfinden, bei der Geppert u.a. über unser Gespräch berichten will und eine weitere Vorgangsweise in dieser Angelegenheit diskutieren will.

    Das bedeutet, unsere Aktion hat die anderen zum Handeln gezwungen (zwar noch ohne konkrete Ergebnisse), wir müssen unseren Druck aber weiter ausüben und noch verstärken.

    Ganz besonders wichtig ist es, daß möglichst viele Menschen weiterhin Telegramme an Vranitzky und Riegler schicken, mit der dringenden Aufforderung, die Forderungen des Forums, die ihnen seit der Mahnwache bekannt sind, zu realisieren.

    Weiters ist jetzt wichtig, die Landes-Sozialreferenten und Landeshauptleute telefonisch, brieflich und telegrafisch noch vor dem 29.11. von unseren Forderungen in Kenntnis zu setzen und somit zum Handeln zu zwingen (zumal sich Geppert auf die Länder und diese sich wiederum auf Geppert ausreden). Einen Musterbrief legen wir bei!

    Weiters wäre es dringend notwendig, am 30.11. nach Rust fahren und dort (versehen mit Transparenten, Flugblättern etc.) mit den Verhandlern zu reden, eine Pressekonferenz zu machen, usw. Vor allen diesen Dingen sollten die regionalen Medien informiert werden!

    Je nachdem, wie die Ergebnisse in Rust lauten, werden wir dann weitere Schritte setzen - bitte überlegt Euch alle, was wir noch tun sollten.

    Liebe Grüße

    Annemarie Srb

    für das Forum der Behinderten- und Krüppelinitiativen

    Kopien

    Grüne/Srb/Hungerstreik-Hungerstreik wird unterbrochen, Verhandlungen gehen weiter=

    Wien (MID) - Die im Parlament im Hungerstreik stehenden behinderten Menschen, die für ein bedarfsgerechtes Pflegegeld und die Abschaffung der großen Pflegeheime kämpfen wurden heute von Sozialminister Geppert zu einem Gespräch geladen. Neben den streikenden Personen waren bei diesem Gespräch auch der Präsident der DAR, Heinrich Schmid und der Präsident des Österreichischen Zivilinvalidenverbandes, Klaus Voggeth, anwesend.

    Minister Geppert machte keinerlei neue Vorschläge und ging auch in keiner Weise auf die gestellten Forderungen konkret ein. Er machte jede konkrete Äußerung von Stellungnahmen der Konferenz der Sozialreferenten der Landesregierungen sowie des Finanzministers abhängig.

    Er teilte auch mit, daß nicht einmal die in den Koalitionsverhandlungen derzeit vorgesehenen Maßnahmen finanziell abgesichert sind und daß er Lösungsansätze eventuell innerhalb der nächsten vier Jahre erwarte.

    Die Hungerstreikenden, die sich von dem heutigen Gespräch zumindest eine Absichtserklärung erwartet hatten, fühlen sich von Geppert benutzt, um Verhandlungsbereitschaft vorzutäuschen. Geppert ist offensichtlich nicht fähig eine aktive, eigenständige Politik zu machen.

    Die hungerstreikenden Behinderten Menschen sind nach zehn Tagen Hungerstreik an die Grenzen ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit gelangt. Wir haben uns daher entschlossen, den Hungerstreik zu unterbrechen um politisch aktionsfähig bleiben zu können.

    Es sollen die ersten Ergebnisse der Verhandlungen zwischen Geppert und den Ländervertretern in der nächsten Woche abgewartet werden, sowie ein Gesprächstermin mit dem Finanzminister Lacina verlangt werden.

    Die Hungerstreikenden, die eine beeindruckende Solidaritätswelle aus ganz Österreich in den letzten Tagen erlebt haben, kämpfen mit den anderen Behindertenorganisationen weiter, welche sich mit überwältigender Mehrheit solidarisisert haben. Weitere Aktionen der Betroffen werden folgen.

    23. Nov.

    Brief:

    Mobiler Hilfsdienst

    A-6020 Innsbruck Tel. (05222) 49 12 09

    Pradlerstraße 104922 16

    Bürozeiten: Mo - Fr 9 - 1214 - 17 Uhr

    An die

    Grüne Alternative

    Landesgruppe Wien

    Mittelgasse 40

    1060 WIEN

    Innsbruck, am 12.2.90

    Aus verschiedenen Berichten entnehmen wir, daß der dzt. NR Manfred SRB bei der Aufstellung für die nächte Nationalratswahl nicht mehr an "wählbare" Stelle gereiht werden soll. Wir können diesen Vorgang überhaupt nicht verstehen. Er mag irgendwelchen für uns undurchschaubaren internen Gründen entsprechen, von der Sachlage der aktuellen Sozialpolitik her wäre ein Ausscheiden von Manfred SRB aus dem Parlament ein großer Verlust. Für uns würde das aktuell bedeuten, daß wir bei den derzeitigen Verhandlungen über eine Regelung im Bereich "Pflege" den einzigen parlamentarischen Betreiber verlieren würden. Vielleicht haben Sie keinen Eindruck davon in welchem Maße in diesem Bereich in Österreich strukturell bedingte Menschenrechtsverletzungen auf der Tagesordnung sind, die noch dazu gar keine so kleine Bevölkerungsgruppen trifft. Denken Sie z.B. an das Pflegeheim Lainz, das mit 3000 (drei Tausend) Insassen eine einzige Katastrophe darstellt und in Österreich hat so gut wie jeder Bezirk sein "Klein-Lainz". Wenn Sie glauben, daß Sie auf direkt betroffene Personen im Parlament verzichten können, wäre das ein blamabler Rückschritt.

    Als an der (vielgelobten) Basis arbeitende Selbsthilfeorganisation sezten wir uns entschieden für die Wiederkanditatur von Manfred SRB an "wählbarer" Stelle ein.

    Mit freundlichen Grüßen

    (Dr. Volker Schönwiese, Obmann)

    NUMMER 9/1990Extra Bezirksjournal

    Dr. Heide Schmidt: Für Bürgernähe und mehr Demokratie.

    "Aufgrund des großen Vertrauensvotums der Wähler bei der letzten Gemeinderatswahl konnte ich als Freiheitliche - erstmals in der Geschichte der 2. Republik - die Interessen der Wienerinnen und Wiener im Bundesrat vertreten.

    Dabei und durch meine Iangjährige Tätigkeit in der Volksanwaltschaft habe ich erkannt, wie wichtig es ist, die Bürger gegenüber den Mächtigen in diesem Staat zu schützen.

    Der rigorose Abbau von Parteieneinfluß, Privilegien und Pfründewirtschaft soll mithelfen, in Österreich ein liberales Klima aufzubauen.

    Dazu gehört auch eine wirksame, objektive Vergabepraxis bei allen Positionen des öffentlichen Dienstes, die konsequente Zurückdrängung der wuchernden Bürokratie, eine echte Entstaatlichung Im Bereich der Wirtschaft - also insgesamt eine Zurücknahme des Staatseinflusses.

    Dafür möchte ich im Nationalrat kämpfen."

    Dkfm. Holger Bauer: Für Steuergerechtigkeit - gegen Verschwendung.

    "Mehr Geld in die Hand der Bürger, mehr Sparsamkeit und keine Verschwendung von Steuergeldern lautet mein Motto als Steuer- und Finanzsprecher der FPO im Parlament. Daher haben wir Freiheitlichen auch gegen die 100 Millionen Schilling gestimmt, die sich SPÖ und ÖVP noch rasch für den Nationalratswahlkampf ,genehmigt' haben. Anders als die Grünen, wird die FPO davon keinen Schilling in Anspruch nehmen.

    Ich trete dafür ein, daß sich Leistung und Können Iohnen müssen. Daher kämpfe ich unter anderem gegen die von der großen Koalition beschlossene Besteuerung von Überstunden.

    Ein ganz besonderes Anliegen ist mir die steuerliche Berücksichtigung, für wie viele Personen mit einem Familieneinkommen gesorgt werden muß. Unter der Bezeichnung Familiensplitting' ist die Berücksichtigung der Anzahl der Kinder und einer nicht berufstätigen Ehefrau im Steuertarif zum Markenzeichen freiheitlicher Steuer- und Familienpolitik geworden.

    Dafür möchte ich weiterarbeiten."

    Dr. Jörg Haider: Für die Politische Erneuerung.

    "Die Skandale, Mißstände und Versäumnisse der vergangenen Jahre haben gezeigt, daß eine politische Erneuerung Österreichs unabdingbar ist. Eine solche Erneuerung kann nur von einer politischen Kraft ausgehen, die nicht mit dem bestehenden Machtsystem verfilzt ist.

    Unter meiner Obmannschaft sind die Freiheitlichen zum Kampf gegen politische Parteibuchwirtschaft, Zwangmitgliedschaft in den Kammern. Multifunktionärsunwesen, Verschwendung und Privilegien angetreten. Dabei haben gerade auch die Wiener Freiheitlichen stets einen entscheidenden Beitrag geleistet.

    Jetzt haben sie für die Nationalratswahl am 7. Oktober 1990 ein überzeugendes Team zusammengestellt, an dessen Spitze die Generalsekretärin Dr. Heide Schmidt steht. Daher gilt auch in Wien die Devise:

    1990 - freiheitlich."

    Dr. Rainer Pawkowicz. Für ein lebens- und liebenswertes Wien. Österreich ist kein Einwanderungsland.

    "Der Zusammenbruch des Sozialismus als Politik-, Wirtschafts- und Sozialsystem in Osteuropa hat unter anderem zu einer Wanderbewegung geführt, die unser Land, besonders aber die Bundeshauptstadt Wien, vor große Probleme stellt, Es sind kaum mehr politisch Verfolgte, Flüchtlinge im ursprünglichen Sinn, denen Schutz zu gewähren für uns selbstverständliche Pflicht ist. sondern es sind überwiegend Einwanderer, die. aus wirtschaftlichen Überlegungen zu uns kommen.

    Doch Österreich ist kein Einwanderungsland wie die USA, Kanada oder Australien. Dafür ist unser Land zu klein. Heute geht es für uns darum, daß der illegale Ausländerzustrom gestoppt wird, dass nicht schwarz eingereist, nicht schwarz gearbeitet und schwarz gehandelt wird.

    Diese Probleme zu lösen sehe ich als meine vorrangige Aufgabe im Nationalrat an."

    Dr. Helene Partik-Pabé. Für Sicherheit und Gerechtigkeit

    "Als Sicherheitssprecherin der FPÖ im Parlament muß ich feststellen, daß Wien immer mehr zum Tummelplatz internationaler Krimineller geworden ist, ohne daß die Verantwortlichen dagegen wirksame Maßnahmen setzen.

    Die Kriminalität steigt, die Aufklärungsquote sinkt, Der Polizei fehlt die Rückendeckung durch die politisch Verantwortlichen. Heute steht in der Praxis nicht mehr das Opfer, sondern der Täter im Mittelpunkt der zu schützenden Interessen. Ich bin der Ansicht, daß die Sicherheit der Staatsbürger eine der wichtigsten Aufgaben der Politik ist.

    Deshalb muß Wien trotz der Öffnung der Grenzen durch entsprechende Gesetze und Aufstockung der Polizei wieder eine sichere Großstadt werden. Mein großes Anliegen ist aber auch, den besonders benachteiligten Menschen in unserem Land bei der Durchsetzung ihrer berechtigten Forderungen zur Seite zu stehen.

    Dabei dürfen vor allem die Pensionisten nicht vergessen werden.

    Dafür bitte ich um Ihr Vertrauen."

    Am 7. Oktober FPÖ.

    Brief:

    Herren

    Dr. Erwin Riess

    Manfred Srb

    Sigfrid Maron

    Gerasdorferstr. 55/95/1

    1210 Wien

    Wien, 14.2.1989

    Sehr geehrte Herren,

    vielen Dank für Ihr Angebot, eine regelmäßige Kolumne für den STANDARD zu verfassen. Sie werden der Zeitung vermutlich schon entnommen haben, daß uns die Probleme der Behinderten ein Anliegen sind, daher wären wir an Ihrer Mitarbeit auch interessiert. Ich bitte aber um Verständnis, daß wir weder Ihnen noch irgendeiner anderen Bevölkerungsgruppe ein autonomes Ghetto zur Verfügung stellen wollen.

    DER STANDARD muß eine nach journalistischen Kriterien gemachte Zeitung bleiben.

    Das heißt: Ich lade Sie ein, mir zunächst einmal zwei bis drei Artikel zu verfassen, damit ich Ihre schreiberische Kompetenz beurteilen kann. Sollten wir uns daraufhin zu einer Zusammenarbeit entschließen, lade ich Sie weiterhin ein, im Rahmen einer gemeinsam erarbeiteten Themenliste, in unregelmäßigen Abständen Artikel zu verfassen.

    Es würde mich freuen, wenn Sie auf mein Angebot eingingen und verbleibe

    mit freundlichen Grüßen

    Oscar Bronner

    OSCAR BRONNER GEs.m.B.H. & Co. KG POSTFACH 240, A-1013 WIEN REDAKTION AM GESTADE 1, VERLAG, GONZAGAGASSE 15

    BANKVERBINDUNG: ÖSTERREICHISCHE POSTSPARKASSE, KONTO-NR. 7.577.062, BANKLEITZAHL 60000

    TELEFON: (0222) 53170 TELEFAX: (0222) 53170, Dw. 131 TELEX 115 667 BRON DVR 0554219

    Dokumente zur sprachlichen Diskriminierung in der Presse

    Er war immer schon so mager

    Ein geistig Behinderter überlebte die Obhut eines Holzhändlers knapp

    Daniel Glattauer

    Wien - Ein Holzhändler-Ehepaar aus Preßbaum hatte Wolfgang, einen 22jährigen geistig behinderten Arbeiter, eineinhalb Jahre schlecht in Obhut. Paragraph 92: Quälen und Vernachlässigen eines Unmündigen. Prozeß im Wiener Landesgericht.

    Der Holzhändler: Er war immer schon so mager.

    Die Ehefrau: Unsereiner sieht mit freiem Auge, ob das ein 20er Holz oder ein 25er Holz ist, der Wolfgang hat's messen müssen.

    Der Holzhändler: Baumschneiden hat er net dürfen, nur aufladen.

    Die Ehefrau: Er hat das Hirn g'habt von einem 12jährigen.

    Der Holzhändler: Im Hof is' er umananderteufelt am Boden. Die Augen waren weit, und mit den Zähnen hat er g'schabt. Da hat die Frau g'sagt, der muß weg, sie kann ihn nimma sehen. Da hamma die Polizei g'rufen.

    Der Polizist: Da sitzt ein Mensch auf dem Bett - ich hab' sowas noch nie gesehen, furchtbar. Ein Skelett.

    Der Notarzt: Hochgradig abgemagert, verwahrlost, Brustkorb geprellt, Verletzungen am ganzen Körper.

    Der Holzhändler (übergewichtig): Der hätt' sieben Hendln auch verschlungen. Der hat nie genug 'kriegt.

    Die Ehefrau (übergewichtig): Der eine ißt mehr, der andere weniger.

    Wolfgang (gesund, umsorgt, gepflegt, normalgewichtig, 30 Kilo schwerer als damals): Der Chef is zornig worden - und hat mich g'schlagen und treten.

    Die Ehefrau: Er hat mir in dem Sinn leid getan - er hat niemandem g'habt.

    Urteil: Freispruch für die Ehefrau. Fünf Monate bedingt für den Holzhändler wegen schwerer Körperverletzung.

    Behinderten zwei Jahre in Kasten gesperrt

    RICHMOND (ap). In der kalifornischen Stadt Richmond hat die Polizei nun einen 22jährigen, völlig verwahrlosten Behinderten aus einem 60 Mal 60 Zentimeter großen Kasten befreit. Die Mutter, Frances Grear (38), hatte ihn zwei Jahre lang eingesperrt.

    Kärntner tötete zweijährigen Sohn und sich selbst

    KLAGENFURT (rie). Schwere Depressionen nach einem Arbeitsunfall, nach dem der 40jährige Josef Eder aus der Gemeinde Dellach im Drautal (Kärnten) schwerst behindert blieb, eine unheilbare Krankheit und die von seiner Frau angedrohte Scheidung dürften die Ursachen für diese Familientragödie gewesen sein: Eder tötete am Montag seinen zweijährigen Sohn durch einen Schnitt mit einem Fleischermesser in die Kehle. Danach richtete sich der Frührentner auf die gleiche Weise.

    James Garner ein "Krüppel"

    US-Leinwandstar James Garner wird nie wieder eine Action-Rolle wie in "Detektiv Rockford - Anruf genügt" spielen können. Der 61jährige leidet heute so stark an Gelenksrheuma, daß er sogar auf sein Lieblingshobby Golf verzichten muß. Der stets zu Späßen aufgelegte Schauspieler, der sich im Vorjahr einer komplizierten Bypaß-Operation unterziehen hatte müssen: "Ich komme mir schön langsam vor wie ein Krüppel."

    FREITAG, 19. OKTOBER 1990

    Polizei befreite in Bremen behinderte 33jährige

    Mutter hielt Tochter in Hoizkäfig gefangen

    In diesem Verschlag lebte die Gefangene 20 Jahre

    Mehr als 20 Jahre lang hielt eine deutsche Mutter ihre mittlerweile 33jährige behinderte Tochter in einem Holzkäfig gefangen. Wahrscheinlich aus falschverstandener Fürsorge. Als die 66jährige Mutter jetzt starb, kam der Skandal ans Tageslicht.

    Weil die Nachbarn des Bremer Gemeindebaues die ältere Frau nicht mehr gesehen hatten, schalteten sie die Polizei ein. Als diese in die Wohnung eindrang, bot sich ihr ein grauenvolles Bild: in einem hölzernen Gitterkäfig - zwei Meter lang, ein Meter breit und 1,80 Meter hoch - krabbelte die junge Frau nackt herum, stammelte Unverständliches und kaute an einer kotigen Windel. Ihre Mutter lag neben dem Holzverschlag tot auf dem Sofa. Die Wohnung war total verschmutzt, die Gefangene vollkommen verwahrlost.

    Die Mutter hatte ihr schwer geistesgestörtes und körperbehindertes Kind vermutlich eingesperrt, um es vor dem Spott der anderen zu behüten. Die Befreite wurde sofort in einem Pflegeheim einquartiert.

    Die anderen würde er fragen, warum sie sich "an ihrer Benachteiligung ergötzen und damit selbst schädigen: Schaut her, wie wir leiden."

    Kurze Zeit später wird er jäh aus seinen Träumen gerissen. Ringel, an den Rollstuhl gefesselt, verläßt gegen 21.45 Uhr den Saal, in Begleitung seiner Ehefrau und des Assistenzprofessors an der Uni Klagenfurt, Franz Dotter. Er will mit dem Taxi ins Hotel Sandwirt fahren. Als

    Die 20. Stones-LP – Rocker auf Rädern

    Neue Fans werden die alten Herren nicht gewinnen können, aber darauf sind die auch nicht angewiesen: Drei Jahre nach ihrer letzten Produktion legen die Rolling Stones mit „Steel Wheels“ ihre 20. LP vor. Nachdem die Soloversuche von Mike Jagger und Keith Richards bewiesen hatten, dass der eine nicht ohne den anderen zur Bestform finden, trafen sich die „Glimmer Twins“ im Januar auf den Karibik-Inseln Barbados und Monteserrat zum gemeinsamen Komponieren. 14 Titel, von tanzbar bis einschläfernd, machen nun von allem eines deutlich: Die Stones spielen weniger Rock als vielmehr ihr eigenes Idiom; Stones-Musik. Typische Fetzer wie „Sad, Sad, Sad“, „Rock Arid a Hard Place“ und die erste Single-Auskopplung „Mixed Emotions" sind garantierte Radio-Ohrwürmer. In dem Macho-Zweiteiler „Terrifying“ und „Hold an To Your Hat“ strecken die bösen Buben ihre zum Markenzeichen gewordene Zunge heraus: Erst protzt Großmaul Jagger mit seinen animalischen Trieben um im nächsten Song die Objekte seiner Lust mit einem Fußtritt wieder loszuwerden. Eine Reminiszenz an die marokkanischen Joujouka-Virtuosen erinnert daran, dass die Stones bereits 18 Jahre vor der Ethno-Welle exotische Klänge schätzten. Ach ja: Wie üblich darf Keith Richards zeigen, daß sich nichts an seinen ärmlichen Sangeskünsten geändert hat. Trotzdem gehören die „Street Wheels“ noch lange nicht an einen RoIlstuhl. Das neue Album bietet zwar nur guten Stones-Durchschnitt, ist damit aber besser als das Gros der Pop-Konkurenz.

    Geisteskranker plante Attentat auf Zilk

    Wien - Offenbar ermuntert durch das Attentat auf Oskar Lafontaine plante der geisteskranke 39jähriger Anton Z. aus Wien-Favoriten ein Messeratentat auf Bürgermeister Helmut Zilk. Ein Taxifahrer, dem Z. seinen Plan erzählt hatte, ging richtigerweise sofort zur Polizei.

    Oberstleutnant Gerhard

    fernt. Der Mann hatte ein 30cm langes Brotmesser bei sich. Der Taxilenker hatte eine genaue Personenbeschreibung geliefert: Gelber Pullover, blaue Jacke.

    „Wer in der Öffentlichkeit steht, muß mit diesen Dingen leben," sagte Zilk in einer ersten Reaktion. Sein Leben

    Wassermann-Test

    "Mit 21 Jahren hatte ich die Vision des Rades", "Empfinden, Denken, Fühlen, Wollen - das sind die sieben Zwetschgen...". Ich bin die Wiedergeburt eines Großgrundbesitzers, im 18. Jahrhundert", "Seit 1962 leben wir im Zeitalter des Wassermanns“.

    Dazu noch etwas Völkerkunde: "Ein Mensch, der mit Bäumen redet, ist in Afrika, in Indien selbstverständlich ... - Mit einer Nyrphe oder einem Zwerg, reden ist dort, wie wenn hier jemand Radio hört ...“

    Mein "Zwerg" ist am 20. November 1990, unserer Zeitrechnung nach 16 Uhr eingestellt auf die Wellenlänge von Ö1. „Von Tag zu Tag.“ Herr Arnold Keyserlinge (inklusive Ehefrau), Sohn des Hermann Keyserling, betätigt sich volksbildnerisch. Er wird als Philosoph vorgestellt. Seiner Behauptung, daß jeder Konzern einen solchen „philosopher in residence“ hält, fragt Präsentator Helmut Waldhart nicht nach. Er möchte „in der Dämmerung sich noch mehr versenken“.

    Es ist schändlich geistig Behinderte sich derart öffentlich blamieren zu lassen.

    Franz Stadler

    Brian reitet wieder

    berbergung ist allen noch in Erinnerung. Später ließ die Diagnose einen Krüppel auf Lebzeiten befürchten. Beckenzertrümmerung, Darmriß, Harnleiterriß, innere Verletzungen. Wir bangten um den Draufgänger.

    Die „Babysitter“ vergingen sich an Schwesternpaar

    Behinderte Frühpensionisten drehten mit Nachbarskindern Pornofilm

    Niemand ahnte Böses, wenn der gehbehinderte Helmut Dorn, 40, aus Wien-Fünfhausen die beiden Töchter seiner als Kellnerin beschäftigten Nachbarin zu sich lud. Der Frühpensionist hatte Zeit, und die Mutter war froh, dass jemand die Mädchen, acht und neuen Jahre alt, beaufsichtigte.

    Doch Helmut Dorn und sein ebenfalls behinderter Freund Karl Fischer, 34, aus Wien-Meidling waren keine harmlosen Babysitter. Mit seinem Behindertenauto kutschierte Rollstuhlfahrer Fischer die Schützlinge seines Freundes in seine Wohnung am Schöpfwerk in Meidling. Dort vergingen sich die Männer an den Kindern. Die Sexspiele wurden auf Videofilm aufgezeichnet.

    Die beiden Mädchen ahnten wohl, dass ihre Mama mit solchen Unterhaltungen nicht einverstanden wäre. Die Männer erkauften sich aber gern mitguten Zureden, kleineren Geschenken und Lokalbesuchen ihr Schweigen.

    Letzteres wurden den Kinderschändern aber nach einem halben Jahr zum Verhängnis. Diese Woche führte Karl Dorn die Mädchen in eine Pizzeria. Dort kam er mit einem anderen Gast, dem 41jährigen Franz R. aus Wien-Fünfhaus, ins Gespräch. Dabei erwähnte der Frühpensionist prahlerisch die Kinderpornos. Franz R. handelte sofort. Er brachte die Mädchen zur Polizei und zeigte Dorn an.

    Der Frühpensionist und sein Freund wurden festgenommen. In der Schöpfwerk-Wohnung beschlagnahmte die Polizei ein einstündiges Pornovideo, auf dem die perversen Spiele aufgezeichnet waren. Ob die Frühpensionisten auch noch andere Kinder missbrauchten, ist noch unklar. Das Duo wird genau unter die Lupe genommen und auch hinsichtlich der Mädchenmorde in Wien-Favoriten überprüft.

    ILSE SCHMID

    Unholde zwangen zwei Schwestern zu Sexspielen!

    Seit einem halben Jahr zwangen zwei Männer in Wien zwei Mädchen im Alter von acht und neun Jahren zu unzüchtigen Handlungen: Helmut Dorn (40) aus dem 15. Bezirk hatte im vergangenen Herbst mit einer Kellnerin vereinbart, dass er während der Arbeitszeit der Frau deren zwei Töchter beaufsichtigt. Doch statt sich um die Schulaufgaben zu kümmern, zwang er die Schwestern, die fast jeden Tag in seine Wohnung kamen, sich auszuziehen, und verleitete sie zu Sexspielen.

    Die Opfer schwiegen aus Angst und Scharm. In den vergangenen Wochen lud Helmut Dorn sogar einen Bekannten, den 44jährigen Karl Fischler aus Wien-Meidling, in seine Wohnung ein. Gemeinsam drehten sie mit den beiden Mädchen einen film, den sie dann auch Freunden zeigten. Einmal erzählt er in einem Wirtshaus von den Sexspielen mit den Kindern. Ein Gast hörte die unfaßbare Geschichte und alarmierte die Polizei. Die beiden Opfer gaben weinend zu Protokoll, was sie im vergangen halben Jahr erlebt hatten. Helmut Dorn und Karl Fischler wurden verhaftet.

    Goldenes Wienerherz, schlag für Behinderte!

    Zum 11. Mal, erstmals auch via TV-Satellit: „Licht ins Dunkel“ (ab 8 Uhr)

    „Mit elektronischem Klingelbeutel in Händen betteln!“

    Vom damaligen niederösterreichischen Landesintendanten Kurt Bergmann als Radiosendung erfunden, von Ernst Wolfram Marboe quer durch seinen ORF-Werdegang gepflegt und popularisiert, geht die „Licht ins Dunkel“-Weihnachtssendung heute zum 11. Mal über den Bildschirm. Die televisionäre Benefizveranstaltung zugunsten behinderter Kinder hat Fernsehgeschichte geschrieben, sie gilt als eine der wenigen bahnbrechenden Sendungsinnovationen, die dem ORF gelungen sind, und wird inzwischen mit großem Erfolg in sehr viel größeren Ländern für verschiedene karitative Zwecke kopiert.

    Sie hat sich damit gewissermaßen das Recht erworben, heuer via 3sat europaweit verbreitet zu werden.

    Mit gespannter Hoffnung darf man abwarten, ob Spender von jenseits der Staatsgrenze den „elektronischen Klingelbeutel“ (Marboe) bis zu jenem Betrag aufzufüllen helfen werden, der eine magische „Licht ins Dunkel“-Marke wäre: Auf die Viertelmilliarde, die insgesamt für „Licht ins Dunkel“ gespendet worden wäre, fehlen 46 Millionen Schilling. im letzten Jahr kamen 33 Millionen herein.

    Unter den Gästen, die Ernst Wolfram Marboe heute zwischen 8 Uhr morgens und 20.15 Uhr am Abend entweder im Studio am KünigIberg oder über Direktschaltungen zu verschiedenen Außenstellen begrüßen wird, befindet sich auch Audrey Hepburn, die sich seit Jahren für das Kinderhilfswerk der UN engagiert und auf deutsch ein Gedicht vortragen wird.

    Im Zusammenhang mit der erstmaligen 3sat Übertragung von „Licht ins Dunkel“ wird sich auch der Berliner Oberbürgermeister Diepgen einschalten, und aus Jerusalem meldet sich ebenfalls der Bürgermeister, Teddy Kollek.

    Einen besonders interessanten und berührenden Beitrag bildet ein Interview mit dem Sohn des mächtigsten Mannes Chinas, Pu Fang Deng, den im Verlauf der Kulturrevolution Mitglieder der Roten Garden so schlimm verletzt haben , daß er seit damals zu den 50 MiIlionen Behinderten Chinas zählt.

    „Analysiert man die Spendensummen der letzten Jahre, dann erkennt man schnell, daß es nicht die die so erfreulich hohen Gesamtbeträge zustande bringen, sondern die vielen, vielen tausend 20-, 50- und 100-Schilling-Spender“, erklärt Marboe und verbindet das mit der Bitte „Wichtig ist, aufstehen und zum Telefonhörer greifen, alles andere ergibt sich von selbst.“ Die alles entscheidende Nummer lautet: 829 09.

    Geistesgestörter warf sich vor Autos auf die Strecke!

    HEINZ PRÜLLER AUS PHOENIX

    Auch gestern bewegte der Schock vom Freitag aber noch alle. Plötzlich war ein Mann mit Krücken auf die Rennstrecke gewankt und hatte sich mitten auf die Fahrbahn gelegt. Die über Funk sofort alarmierten Streckenposten hatten es gerade noch geschafft, den Lebensmüden in Sicherheit zu bringen, ehe die Autos mit mehr als 200 km/h herangebraust waren. Wie die Rennleitung mitteilte, handelte es sich um einen Geistesgestörten, der umgehend in eine psychiatrische Klinik in Phoenix eingeliefert wurde.

    KURT MARKARITZER:

    MENSCHLICH GESEHEN

    Und als es ans Zahlen gehen sollte, hieß es kurz und bündig: „in einer solchen Situation ist Hilfe selbstverständlich, die Reparatur ist gratis.“

    In Österreich sind etwa 30.000 Menschen an den Rollstuhl gefesselt. Nicht nur sie werden ermessen können, wieviel Freude der gelähmte Urlauber aus Ostdeutschland mit der Wiener Gastfreundschaft hat, meint

    Ihr Kurt M.

    Krüppelforum: Brief M.Srb, 4.4.1991

    FORUM DER BEHINDERTEN- UND KRÜPPELINITIATIVEN

    per Adr. Manfred Srb, 1160 Wien, Ganglbauergasse 11/26

    4. April 1991

    Liebe Freundinnen und Freunde!

    Heute möchte ich Euch den neuesten Stand in unserem Kampf um die Einführung einer Pflegeabsicherung bzw. eines bedürfnisorientierten Pflegegeldes mitteilen:

    Kurz gesagt, es schaut beschissen aus!

    1)Nachdem die noch vor Weihnachten geplanten (und von uns erkämpften) Gespräche des Sozialministers mit den Soziallandesräten wegen des Ministerwechsels geplatzt sind, hat der neue Sozialminister beinahe 3 Monate(!) ungenützt verstreichen lassen, bis es endlich zur 1. Gesprächsrunde gekommen ist. Das ist in meinen Augen ein Skandal und zeigt deutlich das Interesse von Minister Hesoun an diesem Thema.

    2)Bei einem Gespräch mit dem neuen Sozialminister am 23. Jänner wollte er keine konkreten Antworten auf unsere Forderungen geben. Daher wurde vereinbart, daß er einen Monat Zeit für seine Antwort haben soll.

    3)Fünf Wochen danach sprach ich Hesoun im Parlament an und urgierte eine schriftliche Antwort auf unsere Forderungen bis Ende der Woche. Seine Antwort darauf war: „Wos soi i euch denn schreibn?“ Darauf sagte ich ihm, was er uns schreiben soll, wäre seine Sache, aber wir Betroffenen müssen auf eine Antwort bestehen.

    4)Nachdem die Antwort ausblieb, versuchte ich vier Tage lang seinen Sekretär zu erreichen. Am 7.März erreichte ich ihn endlich und er versuchte auf meine Proteste das Verhalten seines Chefs mit Arbeitsüberlastung zu entschuldigen!

    Er meinte aber, er werde dem zuständigen Sektionschef den Auftrag geben, eine Antwort zu entwerfen und ich könne mit dieser bereits nach etwa 14 Tagen rechnen.

    Diese 14-Tage-Frist hat am 21. März geendet. Heute ist der 4. April. Die Antwort ist noch immer nicht da!

    5)Dazwischen machte Hesoun immer wieder verbale Absichtserklärungen (bei Presseaussendungen und im Plenum des Nationalrates) mit dem Inhalt, wie wichtig für ihn die Schaffung einer Pflegevorsorge wäre: unter anderem meinte er, sie wäre für ihn so wichtig wie die Pensionsreform. Für die Finanzierung sollten am 11.2. noch die Krankenkassen aufkommen, einige Wochen später war er wieder für eine Finanzierung über den Finanzausgleich. Mittlerweile spricht Hesoun bereits davon, daß man den Betroffenen auch klar und offen sagen sollte, „was wir wollen und was wir können“.

    Und die neuesten Äußerungen von Hesoun haben mein Unbehagen noch verstärkt: Anläßlich der gestrigen erweiterten Ministerratssitzung spricht er über seine Arbeitsvorhaben in den wichtigsten Bereichen; und hier kommt zum erstenmal die Pflegevorsorge überhaupt nicht mehr vor!

    Das ist meiner Meinung nach ein ganz schlechtes Zeichen! Es läßt darauf schließen, daß unsere Forderungen auf die lange Bank geschoben werden sollen, das heißt konkret: weder die von Feuerstein noch für heuer angekündigte Neuregelung noch die von Guggenberger mit Beginn des nächsten Jahres in Aussicht gestellte Realisierung noch die von Geppert mit Ende dieses Jahres in Aussicht gestellte Beendigung der Verhandlungen zwischen dem Bund und den Ländern ist zu erwarten.

    Das bedeutet im Klartext: WIR WERDEN NICHT ERNST GENOMMEN!!!!

    Das, was wir durch die Mahnwache und vor allem durch den Hungerstreik an politischem Gewicht dazugewonnen haben und was sich dann auch in den Äußerungen und den Handlungen von Ex-Minister Geppert und den Ländern niedergeschlagen hat, das ist beim neuen Sozialminister nicht vorhanden. Er hat noch nicht kapiert, wie ernst uns die Sache ist und wie groß unsere Ungeduld und unsere Wut ist.

    Ich bin der Meinung, es kann jetzt für uns nur eine Reaktion geben: wir müssen uns beim neuen Sozialminister zumindest jenes Ausmaß an Respekt verschaffen, das wir uns bei seinem Vorgänger mit all unseren Briefen, Telegrammen, Telefonaten, der Mahnwache, dem Hungerstreik usw. erkämpft haben. Wir müssen bei ihm - so bedauerlich das ist - wieder von vorne beginnen. Und das sehr rasch. Und das sehr eindringlich. Mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften und Mitteln.

    WIR MÜSSEN UM UNSERE RECHTE KÄMPFEN!

    Und wir sollten gleich Jetzt beginnen!

    Wir sollten uns auch möglichst bald wegen einiger größerer Aktionen, welche diesmal unbedingt nötig sind, recht bald zusammensprechen.

    Telefonisch, schriftlich, oder bei unserem nächsten Treffen in Absdorf von 19.-21.April. Es liegt an uns, ob wir etwas erreichen werden!

    Ich verbleibe mit recht lieben Grüßen

    Abbildung 6. Kundgebung des Krüppelforums gegen den „Singer-Club“, Juli 1989

    Kundgebung des Krüppelforums gegen den „Singer-Club“, Juli 1989

    Hermann L. Gremliza: „Konkret“-Express 11/90

    Die griechische Philosophenschule der Peripatetiker meinte, die besten Einfälle kämen beim Herumgehen, Ihr letzter Schüler, Johannes Grüss, nimmt den Dienstwagen, mit dem er zwar keinen Parkplatz, aber gerade deshalb ein Thema findet:

    In keiner deutschen Großstadt findet man freie Parkplätze, aber in jeder deutschen Großstadt gibt es doch weiche - für Behinderte.

    Hätte Gross einen Moment nachgedacht, wäre sogar er darauf gekommen, daß für sie reservierte Parkplätze Behinderten nur dann nützen, wenn es so viele gibt, daß meist einer von ihnen frei ist, weil einem, dessen Beine gelähmt sind, mit einem Parkplatz, der ihn zwingt, fünfhundert Meter zu Fuß zu gehen, nicht geholfen ist. Andererseits hatte diese Überlegung unserem rasenden Peripatetiker nicht die Seite gefüllt, die er allmonatlich in der Zeitschrift »Impulse« vollzuschreiben hat, und so drückte er kräftig aufs Einfallsgas:

    Offenbar ist diese bedauernswerte Gruppe von Menschen weniger stark als die Aufmerksamkeit, die ihnen die Verkehrsplanung in den letzten Jahren zugewendet hat.

    Und einmal in Fahrt und in Wut über den ihm verbotenen freien Parkplatz, läßt Gross seinen inneren Turbolader aufheulen:

    Ein Beispiel nur und kein gravierendes für einen Tatbestand, der für unser öffentliches Leben charakteristisch geworden ist: die Obsorge der demokratischen Obrigkeit für kleine Zielgruppen meist dem Rand der Gesellschaft zugeordnet, der eine wachsende Gleichgültigkeit für die weit überwiegende Mehrzahl der Bürger gegenübersteht, alter jener, die nichts Besonderes als Anspruchsmerkmal vorzuzeigen haben, also einheimisch sind, Steuerzahler, drogenresistent und nicht vorbestraft.

    Parkplätze für Einheimische? Alle reserviert für arbeitsscheue türkische Junkies und Zigeuner:

    Wer die öffentliche Fürsorge registriert, die den Roma und Sinti zugewendet wird (die noch überall Zigeuner heißen, nur bei uns nicht mehr heißen dürfen), den Asylanten aus der dritten Welt, den mißhandelten Frauen, den Süchtigen aller Art, den Aids-Kranken, wird ...

    was? meinen, daß damit der Führer besser fertig geworden ist? Nein, bevor ihm vor seinem Tempo schwindlig wird, nimmt Gross kurz den Fuß vorn Gas, um gleich darauf wieder voll durchzutreten:

    ... sich nicht sehr wundern, weil es ja dafür ausgezeichnete Gründe, moralische Legitimationen gibt; er wird aber beim Nachdenken,

    nämlich beim Herumfahren und Parkplatzsuchen,

    dahinterkommen, daß die gleiche Fürsorge auch mobilisiert werden kann für Radfahrer, fanatische Nichtraucher, ein tausendfach verästeltes System von Grüppchen ... All diesen Randgruppen ist gemeinsam,

    daß sie von Gross dem Rand einer Gesellschaft zugeordnet werden, die schon immer besonderen Spaß hatte, wenn sie Gas geben durfte, was sie sich, wie Gross meint: leider, zuweilen verkneift:

    Bei uns hat, Folge des jahrhundertelangen Obrigkeitsstaates, der Bürger kein Selbstbewußtsein in seiner Eigenschaft als Steuerzahler. Die Tatsache, daß die Obrigkeit sich von dem ihm abgepreßten Geld ernährt, stärkt ihm nicht das Rückgrat; und so muckt er auch nicht auf, wenn aus seinem Sackel selbst soziale Parasiten befriedigt werden.

    Einfälle beim Herumfahren: Als er das fünfte Mal vorbeikam, war aus dem für Krüppel reservierten Parkplatz eine Rampe geworden.

    Quelle

    Erwin Riess: Zur Lage der behinderten Menschen in Österreich. Der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben. Erschienen als: Der Streit. Zeitschrift für Kultur, Politik und Wissenschaft; 11. Jahrgang, Nr. 39/40, April 1991; Redaktion: Erwin Riess; Eigentümer, Herausgeber, Verleger: Univ. Prof. Dr. Peter Moeschl, Dr. Erwin Riess, Mag. Reinhold Sturm; DVR 0546496

    bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

    Stand: 21.03.2017



    [35] Festlegung des Pflegebedarfs nach dem Bedarf der betroffenen Person (Finalitätsprinzip) und nicht abhängig von Art und Ursache der Behinderung bzw. den damit zusammenhängenden unterschiedlichen Rechtsträgern (Kausalitätsprinzip).

    [36] z.B. je oben schon genannt: Verbot von Neueinweisungen in große stationäre Einrichtungen (nach dem Vorbild von Schweden), Vorrang von ambulanten und mobilen Einrichtungen. stationäre Pflege nur in Form von Wohngruppenpflege (z.B. für max. 6 Personen). sowie Festlegung von Personal/Patienten-Relationen, Festlegung von Qualifikationsprofilen usw.

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