Die Sexualisierung des Männerkörpers aus Sicht eines Journalisten und Queertheoretikers

AutorIn: Peter Rehberg
Themenbereiche: Geschlechterdifferenz
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erschienen in: Inklusive Leidenschaft. Lesben, Schwule, transgeschlechtliche Menschen mit Behinderung. Dokumentation der Fachtagung am 21. und 22. September 2010 im Konferenzzentrum der Heinrich-Böll-Stiftung. http://www.berlin.de/lb/ads/index.html
Copyright: © Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, Landesstelle für Gleichbehandlung - gegen Diskriminierung 2010

Die Sexualisierung des Männerkörpers aus Sicht eines Journalisten und Queertheoretikers

Ich spreche hier aus der extrem widersprüchlichen Position eines Chefredakteurs, der gleichzeitig Queer-Theoretiker ist. Die journalistische Arbeit hält dem Blick des Theoretikers nicht immer stand - der Theoretiker fordert Dinge, die der Journalist, der mit einem schwulen Medium sein Geld verdient, nicht einlösen kann. Ich werde hier also:

  • Die Bilderpolitik der Zeitschrift MÄNNER (früher: MÄNNER AKTUELL) beschreiben und analysieren, und

  • Alternativen innerhalb des bestehenden Mediums aufzeigen.

Nicht älter als 30 Jahre, besser 27. Eher mitteleuropäisch als südeuropäisch, auf gar keinen Fall schwarz oder asiatisch. Latino als Ausnahme. Keine Exotik, sondern ein hyperreales Ich-Ideal. Am liebsten ein mehr oder weniger mitteleuropäischer / nordamerikanischer weißer ("caucasian") Muscleman / boy mit trainiertem Oberkörper, denn der wird nackt zu sehen sein - Porträts, die die Persönlichkeit in den Vordergrund treten lassen, gehen nicht, sie polarisieren zu sehr, wenn es nicht mehr zu sehen gibt als das.

So in etwa lassen sich die Kriterien beschreiben, nach denen Covermodels für das schwule Monatsmagazin MÄNNER ausgesucht werden, für das ich seit vier Jahren die Chefredaktion mache. Jedes Abweichen von dieser Formel wird als wirtschaftliches Risiko verstanden (zum Beispiel verkaufen sich Porträt-Cover in der Regel 20-30% schlechter als nackte Oberkörper), womit sich die Bildpolitik im Bruno Gmünder Verlag rigider erweist als bei Gayromeo - wo durch die Fetischisierung verschiedener Vorlieben und Altersgruppen noch jeder irgendwie seine Nische finden kann.

Die Sexualisierung des Männerkörpers (wie im Fall der Vermarktung des weiblichen Körpers in den straighten Medien) ist im Fall der schwulen Presse publizistischer Konservativismus: Die Vermarktung sexualisierter Männlichkeit ist der kleinste gemeinsame Nenner, der trotz einer erheblichen Diversifizierung der schwulen Szene in den letzten beiden Jahrzehnten gerade in einer zusehends schwieriger werdenden Print-Landschaft noch einen Marktwert des Magazins zu garantieren verspricht.

Dabei stellt sich, wie bei Hetenmedien, die Frage, ob das Publikum nicht schon längst intelligenter ist als die Macher des Mediums glauben. Man müsste diese Ideologie also nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich zur Debatte stellen: Haben nicht Magazine wie BUTT längst gezeigt, dass es ästhetisch aufregendere Wege gibt, die jedenfalls nicht automatisch die gleichen Ausschließungsmechanismen der schwulen Mainstream-Produkte wiederholen?

Aus der Perspektive des Blattmachers, nicht des Kritikers, darf man aber auch nicht vergessen, dass BUTT quasi ein Hobby der niederländischen Herausgeber ist, also nicht wirtschaftlich arbeiten muss. Und ein weniger sexualisiertes (allerdings nicht unbedingt weniger genormtes) Magazin wie FRONT hat es vor ein paar Jahren am deutschen Markt nicht geschafft. (Geschichten über Behinderte gab es meines Wissens allerdings bisher in beiden nicht). Der Markt für Produkte, die nicht nur schwul, sondern zum Beispiel auch intelligent sind, mag tatsächlich relativ klein sein (genaue Zahlen liegen nicht vor).

Angenommen MÄNNER repräsentiert in seiner Konzeption als sexualisiertes Lifestyle-Magazin also eine Formel, die zu einer gewissen Verkäuflichkeit auf dem deutschen Markt führt, und damit die Möglichkeiten schwuler Öffentlichkeit unter kapitalistischen Bedingungen im deutschen Sprachraum vorführt. Damit schrumpft auch der Spielraum der inhaltlichen, insbesondere der ästhetischen Gestaltung, also der Bildpolitik. In einer so sexualisierten schwulen Medienwelt läuft es dann nur noch auf die Frage hinaus: Top oder Bottom, Man or Boy, Du & Ich oder MÄNNER?

Wenn man die schwule Presselandschaft auf diese Alternative reduziert - und es spricht meiner Erfahrung nach einiges dafür, dass sich die Marktgesetze in diesem Land so auf den Punkt bringen lassen, stellt sich die Frage, welchen Ort Schwule mit Behinderung überhaupt in ihr haben könnten. Welcher Raum wäre denkbar innerhalb einer Szene, die diesem genormten Körperbild folgt?

Jede Kritik am genormten Bild schwuler Männlichkeit muss sich aber auch die Frage gefallen lassen, auf welcher Ebene sie diese Angelegenheit verhandelt: Dazu gehört nicht nur die Überlegung, in welcher Weise der Erfolg eines Magazins von der in die Zirkulation gebrachten Warenförmigkeit des Bildes des männlichen Körpers abhängt.

Die Zulassungspolitik zur schwulen Bilderwelt basiert ja mehr oder weniger auf den strikten Regeln der Fantasieproduktion. Was ein Magazin wie MÄNNER zeigt, ist nicht der realistische Blick, wie Schwule sind, sondern, wie sie gerne wären, wie sie sich gerne sehen würden oder wen sie gerne neben sich im Bett hätten, so jedenfalls die Annahme. Im Unterschied zum Online-Date, bei dem im Internet gezündete Ideen dank Photoshop von der Realität im Hausflur bitter enttäuscht werden können, enttäuscht einen das MÄNNER-Cover sozusagen nie: Immer wieder die gleiche Fantasie, die sich keinem Realitätstest beugen muss, weil sie genau das bleiben darf: eine Fantasie.

Fantasien mag man genießen, ich halte sie nicht an sich für problematisch. Das Problem mit Fantasie-Bildern mehr oder weniger unerreichbarer Männer ist aber natürlich, dass sie nicht nur eine eskapistische Funktion haben und einen Traum eröffnen, den man nach Feierabend unterhaltsam finden kann (aber auch öde und langweilig, gerade, weil er nichts ist als ein Traum) - dagegen wäre nicht so viel zu sagen. Der Punkt ist, dass die technische Reproduzierbarkeit makelloser Bilder nicht nur eine Wunschmaschine in Gang hält, sondern sich in ihrer Penetranz aufdrängt, das heißt unweigerlich einen Vorbildcharakter annimmt - also normativ wirkt.

Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat in seinem berühmten Aufsatz "Das Spiegelstadium als Bildner der Ich-Funktion" beschrieben, inwiefern idealisierte Selbst-Entwürfe zum phantasmatischen Ankerpunkt von Subjektivität werden. Gerade weil das menschliche Subjekt in seiner physiologischen Konstitution immer schon defizitär ist (Bei Lacan, bedarf es zum Beispiel einiger Mühe, damit der Säugling körperliche Sensationen innerhalb einer einheitlichen Vorstellung von sich integrieren kann), ist es auf ein perfektes Bild seiner Selbst angewiesen, das ihm eine Identifikation anbietet. Die Identifikation kommt sozusagen immer von außen (deshalb der Spiegel / die Spiegelmetapher). In den Prozess unserer Selbstwahrnehmung schleichen sich also unaufhörlich unbewusst Fantasie-Bilder, die nach Kriterien wie Gender, ethnischer Zugehörigkeit und körperlicher Unversehrtheit strukturiert sind, und die wir dennoch für unsere eigensten halten. Insofern ist das Ich, das Bild vom Ich, immer schon politisch und nie nur privat.

Keine Frage: Während Schwule in dem Maße wie sie nicht als straight durchgehen, selber in psychische Konflikte geraten, produzieren sie ihrerseits in der Szene ausgrenzende Bilderwelten.

Wenn Normvorstellungen also auf dieser Ebene von Subjektivität eine Rolle spielen, hängt die Qualität der journalistischen Darstellung unter anderem davon ab - so würde ich argumentieren - wie sehr an einem Ort wie einer Redaktion, von der aus Bilder immer wieder in Umlauf gebracht werden, ein Bewusstsein für diese Prozesse besteht: Einerseits die gesellschaftliche Konstruktion von Ich-Bildern, andererseits ihre normative Mächtigkeit.

Journalistische Repräsentation muss deshalb immer mehr sein als nur Repräsentation (als Abbildung einer angenommenen "Wirklichkeit" oder in diesem Fall einer angenommenen "Fantasie") - sie muss auch ein Element der Reflektion enthalten, also ein Bewusstsein der generativen Kraft von Bildern besitzen.

Zum Beispiel stellt sich die Frage für jeden jungen Mann, der gerade sein schwules Coming-out hat: Bietet die weitgehend kommerzialisierte schwule Szene eine Orientierung, die tatsächlich etwas mit dem Begehren dieses jungen Mannes (und seinen Ängsten und Nöten) zu tun hat? Oder verlangt sie von ihm ein Körperbild und eine sexuelle Performanz, die eine Überforderung sind? (mit Steroid-Missbrauch oder Bulimie als Folgen).

Schwuler Mainstream Journalismus, wie ihn MÄNNER betreibt, hat ja nicht nur eine ausschließende Funktion gegenüber Menschen mit Behinderung, sondern mit seinen Fantasie-Behauptungen gegenüber den meisten schwulen Männern. Wer sieht schon aus wie ein Pornostar? Und dennoch scheint die Mehrheit der Subjekte als Kunden vor allem an genau diesen Bildern interessiert zu sein.

Die konkrete Frage, an einem Ort wie dem, an dem ich mein Geld verdiene, geht also so: Wie könnte man dem Dilemma von Fantasieproduktion als Voraussetzung für Verkäuflichkeit einerseits - falls wir bereit sind diesen Gedanken zu akzeptieren - und Normen-Produktion mit ausschließender Wirkung andererseits entkommen?

Zunächst: sicherlich gibt es mutigere Verleger und experimentellere Ansätze als die Geschäftsphilosophie des Bruno Gmünder Verlages, der seine simple Verkaufsformel - sex sells - Anfang der 1980er Jahre in Opposition zu den politisch und intellektuell anspruchsvolleren schwulen Buchläden entwarf.

Aber wenn wir das Problem nicht in einem idealen diskursiven Raum interesseloser Kritik allein verhandeln, sondern den Realitätscheck der praktischen Umsetzbarkeit mit einbeziehen wollen - wie ich es hier versuche, muss man auch fairerweise sagen: Um finanziell zu überleben bleibt die Formulierung eines Mainstream-Modells unausweichlich.

Also noch einmal von vorne: Wenn das Cover, von dem ich bisher hauptsächlich gesprochen habe, als Ort der Repräsentation von Behinderung aus Gründen der Verkäuflichkeit nicht in Frage kommt, welcher Platz bleibt dann für blinde Schwule, für gehörlose Schwule, für Schwule im Rollstuhl, innerhalb der schwulen Welt, die speziell dieses Gmünder-Produkt, für das ich arbeite, anzubieten hat?

Ich habe gesagt, Magazine verkaufen sich über die Fantasien, die sie anzubieten haben. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Sie verkaufen sich auch über Geschichten und damit über das Leben und die Lebendigkeit, von der sie erzählen. Während die Fantasie immer gleich bleibt - alle Heftcover ähneln sich irgendwie, - das ist die "Handschrift" oder die Identität eines Blattes, bleibt der Inhalt des Heftes weniger berechenbar. Das Cover zeigt Ideologie - bestenfalls reflektiert, also ironisch gebrochen - doch das Heft hat mehr als Ideologie zu bieten, das ist jedenfalls mein Anspruch.

Im Fall von MÄNNER versuche ich das Problem der Normierung also über eine Diskrepanz von Verpackung und Inhalt auszuhandeln: Neben Ressorts, die an aktuellen Debatten (Politik) oder an aktuelle Termine angebunden sind (Kultur) haben wir ein Ressort kreiert - "Leben" - in dem termin-ungebunden Geschichten von Menschen erzählt werden, die zum Beispiel keine Stars sind.

Das mag als fauler Kompromiss erscheinen, ist aber auch ein wirtschaftliches Risiko: Kunden, die das Cover sehen, mögen vom Inhalt enttäuscht sein. Die Widersprüchlichkeit des Magazins ist aber auch eine Strategie das makellose Verkaufskonzept immer wieder zu unterwandern, und das Heft - bestenfalls - in die Spannung eines produktiven Selbstwiderspruchs zu bringen.

Im Unterschied zur Bildermacht des Gmünder-Kosmos soll sich im Ressort "Leben" das Diverse des Alltags zeigen, und in der Tat war auch dieses Ressort der Ort, wo wir eine Geschichte über den schwulen deutschen Blindenschachmeister Dieter Bischoff gebracht haben. (MÄNNER 06 / 09)

Journalistisch habe ich überhaupt keine Zweifel, dass sich diese Geschichten nicht immer wieder genauso vielfältig, interessant und lustig erzählen lassen wie andere. Wichtig war es mir in diesem speziellen Fall, dass es keine Betroffenheits- und Mitleidsstory wird, sondern von der Behinderung selbstverständlich und auch mit Witz miterzählt wird - als Teil eines schwulen Alltags.

Eine solche strategische Spaltung (Playboy und Stern funktionieren nicht anders) wie ich sie jetzt für MÄNNER beschrieben habe, birgt allerdings auch das Risiko das "Bunte" oder "Nicht-Sexuelle" an die Behinderten zu delegieren und damit Diskriminierung und Ausschluss noch einmal auf einer anderen Ebene zu wiederholen. Die Frage wäre also auch: Können Behinderte Teil des Sex-Appeals von MÄNNER werden? Für unsere Titelstrecke "Sex mit allen Sinnen" (MÄNNER 05 / 10) haben wir mit dem Schweizer Mister Gay, Ricco Müller, gearbeitet. Wir haben in diesem Fall des Fotoshootings (bei dem es auch nicht um die Models ging) Riccos Gehörlosigkeit nicht mit erwähnt. Es wäre eine eigene Geschichte gewesen, die gegenläufig zur Titelstrecke gewesen wäre. Deshalb haben wir uns dagegen entschieden. Gehörlosigkeit ist eine Behinderung, die man nicht sehen kann. Deshalb fügt sie sich unauffällig (man kann sie ignorieren, wie wir es getan haben) in die vorhandene Bilderwelt. Aber könnten wir als Magazin weiter gehen und erotische Bildstrecken von Menschen mit sichtbaren körperlichen Behinderungen zeigen?

Ich würde diese Frage auf jeden Fall bejahen, nicht nur aufgrund eines kritischen Anspruchs, transportiert auf die Ebene erotischer Bilderstrecken, sondern auch, weil es mich mehr interessiert, Sexualität nicht nur über geschichtslose Körper abgekoppelt als Wiederholung der immer gleichen pornografischen oder wenigstens sinnlichen Erregung zu präsentieren, sondern gerade ihre Persönlichkeit und ihre Geschichte - und genau dazu gehört eine Behinderung - zum Teil einer erotischen Bilderwelt zu machen.

Wir haben eine Bildstrecke über Transmänner gemacht, die sich auf den Fotos nicht nur als Kerle präsentierten, sondern auch ihre Narben der Brustamputation zeigten. Wir haben die Bilderstrecke online gestellt und damit auf unserer Webpage die bisher besten Besucherzahlen erreicht. Körperliche Perfektion und Unversehrtheit sind also anscheinend keine Voraussetzung für das visuelle Interesse des Betrachters.

Ich finde also, die Zeitschrift MÄNNER sollte Platz haben für Bilderstrecken von Menschen mit Behinderung. Mein Verleger würde mir wahrscheinlich widersprechen.

Dr. Peter Rehberg Freier Journalist und Autor

PeterRehberg@gmx.net

Quelle:

Peter Rehberg: Die Sexualisierung des Männerkörpers aus Sicht eines Journalisten und Queertheoretikers

Erschienen in: Inklusive Leidenschaft. Lesben, Schwule, transgeschlechtliche Menschen mit Behinderung. Dokumentation der Fachtagung am 21. und 22. September 2010 im Konferenzzentrum der Heinrich-Böll-Stiftung.

Original: http://www.berlin.de/imperia/md/content/lb_ads/gglw/veroeffentlichungen/doku25_bf_inklusive_leidenschaft.pdf?download.html

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 31.01.2012

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation