Disability and the Life Course: Global Perspectives

AutorIn: Mark Priestley
Themenbereiche: Rezension
Textsorte: Rezension
Copyright: © Mark Priestley 2001

Buchinformationen:

AutorIn/Hrsg.: Mark Priestley

Titel: Disablitiy and the Life Course: Global Perspectives

Infos: Cambridge, Cambridge University Press, 2001, 252 pp.

ISBN 0-521-79734-9 (pb); 0-521-79340-8 (hb)

Themenbereich: Disability Studies

Kurzbeschreibung:

Buchbesprechung von Justin Powell

Als einer der ersten Sammelbände, die explizit Studien zur Behinderung mit einer Lebensverlaufsperspektive vereinen, wird dieser Band von Mark Priestley die weitere internationale Diskussion sicherlich nachhaltig beeinflussen. Dies gilt nicht nur für Forscher und Forscherinnen im Bereich "Disability Studies". Die Beiträge zeigen, dass Disability Studies die Lebensverlaufsforschung bereichern, da sie die Annahmen "normaler Lebensverläufe" für alle gesellschaftlichen Gruppen problematisieren. Der Band veranschaulicht den Nutzen des Zusammenspiels von Lebensverlaufsperspektive und Disability Studies in beide Richtungen.

Disability and the Life Course enthält theoretische und politische Betrachtungen über den Wandel von Lebensverläufen und Behinderung in historischer, zeitgenössischer und biographischer Perspektive. Die zwanzig Beiträge vereinen die Erfahrungen von Menschen in allen Lebensphasen und im Kampf um ihre gesellschaftliche Integration oder gar ihr Überleben. Sie berichten über ein sehr breites Spektrum an Lebensthemen, -kontexten und -chancen mehrerer Generationen auf fünf Kontinenten. Im Mittelpunkt steht die Interaktion zwischen Behinderung und Alter mit Merkmalen wie Klasse und Kaste, Geschlecht, Rasse und Ethnizität, Sexualität und Religion. Alle drei Teile des Bandes zeigen die Allgegenwärtigkeit von Behinderung und zugleich deren kulturelle und historische Besonderheiten. Sie demonstrieren deutlich, dass es generell keinen "normalen" Lebensverlauf gibt oder geben kann, da sozialpolitische Maßnahmen, institutionelle Anordnungen und gesellschaftliche Normen gruppenspezifische Pfade und Übergänge bestimmen, lenken und unterstützen.

Im ersten Teil des Bandes ("Concepts") zeigt Priestley, dass Behinderung zu einem bestimmenden Thema in Menschenrechtsdebatten und in der nationalen sowie supranationalen Politik geworden ist. Behinderte Menschen kämpfen weltweit um die Anerkennung ihrer Belange. Sie fordern Gleichberechtigung und die uneingeschränkte Teilhabe an Bildung, Arbeit und sozialer Sicherheit. Erhöhte Lebenserwartungen und schnelles Bevölkerungszuwachs in vielen Weltregionen führen zu einer zunehmenden Verbreitung von Beeinträchtigungen und Behinderungen. Dabei haben sich, wie Irwin berichtet, die Forderungen behinderter Menschen zunehmend von einem Fokus auf individuelle Belange auf den Abbau von sozialen Hindernissen verlagert. Ghai stellt die Möglichkeit einer universell-gültigen Bedeutung von Behinderung in Frage, wobei sie auf die Bedeutung religiöser Anschauungen in einer Gesellschaft für die soziale Konstruktion von Behinderung verweist. Zudem zeigt sie, dass Armut die gravierendste Bedrohung behinderter Menschen weltweit ist. Ähnlich legt Stone dar, dass die unterschiedlichen Auswirkungen von Beeinträchtigung im sozialen Kontext inhärent relational sind. Wolbring enthüllt, dass das immer noch dominante "medizinische Modell" der Definition von Behinderung zunehmende Risiken in sich birgt - und zwar insbesondere dann, wenn gesellschaftliche Ressourcen rationiert, soziale Probleme durch bio-medizinische Ansätze "gelöst" und breite Nutzung pränataler eugenischer Tests propagiert werden. Er warnt vor der Zunahme eugenischer "Lösungen", da sie einen "war of characteristics" unter verschiedener sozialer Gruppen auslösen.

Im zweiten Teil ("Methods and stories") wird eine Vielfalt von Biographien aus aller Welt präsentiert. Der Logik der Ereignisanalyse bei der Aufarbeitung von Biographien folgend, entwickelt Kasnitz visuelle Modelle des Lebensverlaufs der Führer der amerikanischen "Independent Living"-Bewegung. Corker betont das Bedürfnis nach kritischen, selbst-reflexiven und interdisziplinären Lebensverlaufsinterpretationen. Mehrere Biographien veranschaulichen die sich wandelnden Lebenserfahrungen und Positionen im Diskurs zwischen "Normalität" und "Abnormalität", besonders bei Migrantinnen (McNeil von Indien nach England; Kalekin-Fishman von den USA nach Israel); und in den Jahren nach Gesellschaftsumbrüchen, wie zum Beispiel in Russland (Iarskia-Smirnova), Estland (Kikkas) und Süd-Afrika (Morgan).

Im abschließenden Teil ("The politics of transition") untersuchen Philpott und Sait die Verletzbarkeit behinderter Kinder anhand mehreren sozialer Barrieren, die ihre Entwicklungsmöglichkeiten einschränken. Tisdall fordert eine entwicklungsorientierte Jugendforschung, die alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen einbezieht. Rowlands zeigt, warum und wie Familien- und Freundschaftsnetzwerke behinderte Jugendliche in der Verwirklichung ihrer Ziele sowie bei ihrer sozialen Integration unterstützen. Turmusani verdeutlicht zudem, dass Erwerbsarbeit für junge behinderte Menschen nicht nur Zeichen des Erwachsenseins ist, sondern auch eine Frage des Überlebens, besonders in Teilen der Welt, wo fehlende Wohlfahrtsstrukturen und Arbeitsmarktbarrieren sie "behindern". In einem Vergleich kognitiv-beeinträchtigter Frauen in Island und Australien schildern Johnson et al. den äußerst diffizilen Entscheidungsprozess über ihre mögliche Mutterschaft in Gesellschaften, in denen diese im dominanten Diskurs abgelehnt wird. Iwakuma, der erworbene Beeinträchtigungen in Japan, dem Land mit den höchsten Lebenserwartungen erforschte, zeigt deutlich, dass Alter und Behinderung nicht separat untersucht werden können. Breitenbach bestätigt dies mit ihrer Gegenüberstellung älter werdender kognitiv-beeinträchtigter Menschen und älter werdenden Menschen, die zunehmend krank oder beeinträchtigt werden. Von einer Lebensverlaufsperspektive aus gesehen, können Behinderung und Alter als parallele Kategorien sozialer Differenzierung betrachtet werden, besonders in Hinblick auf Bürgerschaft, Kompetenz und Autonomie.

Diesem sehr breit angelegten Band fehlt nur noch eine quantitative Lebensverlaufsperspektive (z.B. Längsschnittstudien). Die Besonderheit dieses Bandes besteht jedoch darin, dass er sich wichtigen Herausforderungen gegenwärtiger wie künftiger Forschung stellt. Zu nennen wären: vergleichbare internationale oder interregionale Studien, unter besonderer Berücksichtigung sozialpolitischer Bedingungen; die Beachtung kultur-bedingter, dynamischer Definitionen und Kategorien von Beeinträchtigung und Behinderung; und relationale theoretische Ansätze, die das Verhältnis von behinderten und noch nicht behinderten Personen, dessen historische Veränderung (Geburtskohorten) sowie deren interdependente Pfade und Übergänge problematisieren. Trotz der sehr großen Herausforderung der Methoden- und Kulturenvielfalt, die hinsichtlich der Synthesemöglichkeiten Probleme in sich bergen, demonstrieren Priestley und seine KoautorInnen eindrucksvoll, wie produktiv internationale und multidisziplinäre Kollaborationen sein können.

Quelle:

Rezensiert von Justin Powell

Erschienen in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 54 (2002) 2: 397-398.

bidok-Rezensionshinweise

Stand: 02.06.2009

zum Textanfang | zum Seitenanfang | zur Navigation