Zum Wohle der Behinderten und im Sinne des Ganzen

Einige Anmerkungen zur Situation der Lebenshilfe in Tirol

AutorIn: Walter Parth
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Erschienen in: Forster, Rudolf/ Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird, Jugend und Volk, Wien 1982, S. 83 - 94
Copyright: © Jugend und Volk 1982

Zum Wohle der Behinderten und im Sinne des Ganzen

Die Lebenshilfe Tirol ist eine mittlerweile ziemlich große Organisation, die es sich zur Aufgabe macht, schulentlassene Geistigbehinderte zu betreuen. Neuerdings werden auch geistig und mehrfach behinderte Kinder im Vorschulalter betreut. Die Lebenshilfe ist ein Verein, dem früher hauptsächlich Eltern von Geistigbehinderten angehörten, dem aber auch andere Personen als Mitglieder beitreten können. Die Erfahrungen, auf denen der folgende Bericht beruht, sammelte ich während einer halbjährigen Tätigkeit in der Funktion eines Heimleiters der Wohnheime der Lebenshilfe in Innsbruck und Baumkirchen.

Zum Wohle des Behinderten und im Sinne des Ganzen - dieser Spruch steht allem in der Lebenshilfe Tirol gleichsam voran. Mit ihm werden Nachtdienstregelungen, Investitionen, Bezahlungsmodi und Neubauten, pädagogische Programme und der Speiseplan genauso begründet wie Putzdienste, Entlassungen, zugesperrte Clos oder frisch gestrichene Fensterstöcke.

Personell wie finanziell reich ausgestattet, mit vorzüglichem Essen, guten Löhnen, reichlich Ferien dient alles dem Wohle der Behinderten und dem Sinne des Ganzen.

Im Sinne des Ganzen

Begonnen hat das GANZE vor ca. 15 Jahren im Keller einer Sonderschule, getragen von zwei, drei Idealisten, mit beengten Räumlichkeiten, kaum Geld. Ich glaube, acht Behinderte wurden tagsüber betreut. Inzwischen ist das GANZE gewachsen zu einem weitverzweigten Wurzelwerk der Behindertenbetreuung.

Allein in Innsbruck betreut die Lebenshilfe ca. 120 "Geistigbehinderte" während des Tages in ihren Werkstätten, an die 40 davon mit ganzjähriger Heimunterbringung in einem großen und doch zu kleinen Haus. Dazu gibt es ein neuerbautes Haus in Baumkirchen, einem Dorf nahe Innsbruck, wo zwei Wohngruppen zu je acht Betreuten mit je zwei Betreuer(inne)n wohnen. In den Bezirken Osttirol, Schwaz und Landeck bestehen Werkstätten der Lebenshilfe, die während des Tages Behinderte beschäftigen. In den Bezirken Reutte, Imst, Kitzbühel und Kufstein sind solche Werkstätten in Bau oder in Planung. In Absam gibt es eine Frühförderstätte für Kleinkinder mit nahegelegenem Bauernhof zur Heimunterbringung, im Bezirk Kitzbühel wird eine ambulante Erziehungshilfe erprobt. Grundstücke für weitere Projekte sind da und dort im Auge und last not least ist die Lebenshilfe an einer Großwäscherei beteiligt, wo ca. 15 bis 20 geschützte Arbeitsplätze geschaffen worden sind. Für einen Teil der dort Arbeitenden soll eine Wohnung in der Stadt gemietet werden, wo diese Behinderten von Sozialarbeitern betreut werden sollen. Ich bin nicht sicher, ob ich nicht etwas vergessen habe. Jedenfalls, die Lebenshilfe hat es sich zur Aufgabe gemacht, auch dem letzten "Geistigbehinderten" in Tirol ihre Betreuung anzubieten, und sie ist auf dem besten Wege dorthin.

Zu diesem Zweck sind an die 80 Leute beschäftigt, Kindergärtnerinnen, Erzieher(innen), Therapeutinnen, Logopädinnen, Fahrer, Hausmeister, Psychologen, Sekretärinnen, Küchen- und leitendes Personal; zu Löhnen, die sicher über dem Durchschnitt liegen.

Ökonomisch steht die Lebenshilfe auf drei Beinen. Das eine sind die gesetzlich vorgesehenen Beiträge für die Behindertenbetreuung, das zweite die Spenden und das dritte wieder Spenden.

Zum ersten ist zu sagen, daß in gewiß zähen Verhandlungen dem Land Tirol jährlich die Tagsätze für die Behindertenbetreuung abgerungen werden - nicht umsonst kam auch der höchste Beamte dieses Ressorts im Land zu der Ehre, im Vorstand des Landesverbandes der Lebenshilfe zu sitzen. Ebenso zäh wurde dem Bund die saftige Unterstützung für die geschützten Arbeitsplätze abgezwackt und schließlich müssen noch laufend billige Kredite für all die Millionenprojekte beschafft werden. Nicht nur ein rühriges Wirtschaftsdenken, auch ein nahezu sakrales Image bewerkstelligen diese beachtenswerten Leistungen.

Das zweite Bein, die Geld- und Sachspenden, betrifft all die Aktionen wie Licht für das Kind, Glück ins Dunkel, Aktion Herz, Rettet den Osterhasen, und wie sie alle heißen mögen, dazu die Mitgliedsbeiträge, allenfalls Erbschaften oder private Zuwendungen oder wo aus überquellendem Herzen dort und da ein Tausender oder auch zwei abfallen. Also die ganze mehr oder weniger organisierte Bettelei. Auch hier ist ökonomisches Denken und sakrales Image vonnöten.

Das dritte Bein, die ideellen Spenden, ist vielleicht mit eins vom Wichtigsten. Damit sind gemeint all die freiwilligen Aktivitäten von Politikern (durch Reden), Schützenkompanien, Musikern, Kaufhäusern und Privatclubs, vor allem aber von betroffenen Privatpersonen, die bei Sammelaktionen immer wieder geradezu Unwahrscheinliches leisten und gerade für Neugründungen von Sektionen Summen sammeln, die schlichtweg groß sind. Zu diesen Spenden müssen auch noch all die freiwilligen Arbeitsleistungen gezählt werden, wie die Arbeiten von Rechnungsprüfern, Maurern, Zimmermännern, bis zu Flugzettelverteilern und Flohmarktorganisatorinnen. Und "Die Zeitung" natürlich. Immer wieder ist die Lebenshilfe in der Zeitung. Ob die Damen des Zonta Clubs Reisetaschen verschenken, der Bürgermeister neue Räume eröffnet, ein Spatenstich hier, eine Versammlung dort, die Öffentlichkeitsarbeit über die Zeitung ruft zu Hilfe und Spende auf und dankt gleichzeitig all denen, die .....

Daß dabei meist auch fürsorglich darauf geachtet wird, daß die rechte Hand erfährt was die linke tut, ist vielleicht noch das vierte der Beine, mittels derer das GANZE fest verankert in Tirol steht. Zum Wohle der Behinderten. Daß diese Abhängigkeit von der Öffentlichkeit auch ihre Schattenseiten hat, sei hier nur kurz angemerkt. Diese merkt man, wenn etwas vorfällt, wie Lärm nach 21 Uhr oder wenn etwas aus dem Fenster fliegt. Dann hört man: "Der Name Lebenshilfe muß heilig bleiben".

Nur zu verständlich. Denn all diesen obgenannten Einnahmen steht die Flut der Ausgaben eines expansionistischen Betriebes gegenüber. Und die dazu benötigten Mittel sind ohne Öffentlichkeit nicht aufzutreiben.

Organisatorisch läuft alles über drei, vier Leute des Landesverbandes. Diese schlagen sich herum mit Krediten, Bauplänen, Finanzierungsgebaren, Personalbesetzungen, Gehaltszahlungen, Essensplänen, abgerissenen Knöpfen, Krawall im Haus, der unaufgeräumten Garderobe, Öffentlichkeitsarbeit, pädagogischen Programmen, eben allem. Diese drei, vier Leute sind auch entsprechend beschäftigt. Hier läuft die ganze Information zusammen, hier wird kontrolliert und entschieden, hier ist's wie beim Durchlaß einer Sanduhr, hier muß alles durch. Daß dies Verstopfung, Hast und Zwist ergibt, ist nicht verwunderlich.

Ist das Konzept der Behindertenbetreuung eine Dezentralisierung und Regionalisierung, so gibt es gegenläufig eine totale Zentralisierung aller Informationen und Entscheidungen.

Zum Wohle der Behinderten

Wenn man neu in eine Institution kommt und sich alles beschaut, ist man auf der einen Seite hellhörig und besonders aufmerksam für all die Kleinigkeiten, Einzelheiten und Fragmente, die zusammen das "Klima" ausmachen. Da man gleichsam auf der anderen Seite noch blind ist für die "Notwendigkeiten" des GANZEN, für die Abläufe und Zwänge, fällt noch vieles auf, was später durch eine eigene Blindheit, die Betriebsblindheit, verdeckt wird.

Was als Erstes auffiel, war neben einer ordentlichen und sauberen, aber unpersönlichen Unterkunft, Erziehern in weißen Mänteln und abgesperrten Türen, eine kleinliche Innenwelt von Verboten, Einschränkungen, Kleinkämpfen, des Unverständnisses und der Unmöglichkeiten, von denen im folgenden einiges anhand von Vorfällen und Zitaten beschrieben werden soll.

In der Maschine der Lebenshilfe sind also die Behinderten das Futter, der Kraftstoff, der lebenserhaltende Bestandteil. Eigentlich - so möchte man meinen - die Hauptpersonen. Deshalb heißt's auch: Zum Wohle der Behinderten!

Was sind das nun für Leute, für die dieser Riesenaufwand betrieben wird? Es sind Burschen und Mädchen, Frauen und Männer im Alter zwischen 17 und 55 Jahren, die, aus der Sonderschule entlassen, ihren Eltern eine zu große Belastung sind, um zu Hause bleiben zu können. Es sind Leute aus allen Bevölkerungsschichten, die Mehrzahl zwischen 20 und 30 Jahren alt. Es sind keine Personen darunter, die pflegebedürftig sind. Auch benötigen nur die wenigsten Medikamente. Einen beträchtlichen Anteil machen diejenigen aus, die gerade noch als geistig behindert gelten und bei denen die Möglichkeit besteht, sie auf einem geschützten Arbeitsplatz unterzubringen. Etwa 30% sind Leute mit Down-Syndrom, dem sogenannten Mongolismus, ein oder zwei sind von der Nervenheilanstalt in Hall gekommen, fast alle sind durch irgendwelche Sonderschulen gegangen, sehr viele waren von Kindesbeinen an in Heimen.

In gewisser Weise gesehen sind diese Personen in der Organisation der Lebenshilfe die Störfaktoren. Sie sind es, die alle möglichen Schwierigkeiten machen. Hängen beispielsweise ihr Glied zum Fenster hinaus. Natürlich zum Spaß. Oder um mit ihrer Sexualität umzugehen. Aber die Nachbarn sehen es. Und im Nachbarhaus wohnt die Putzfrau vom Hofrat, mit dem nächste Woche die Tagsätze verhandelt werden müssen! Oder sie rauchen! Sie rauchen einfach. Burschen zwischen 20 und 30 Jahren. Waren teilweise schon in der Lehre, haben ein paar Tausender verdient vielleicht. Rauchen. Und sollten nicht. Was das für Arbeit macht, kann sich niemand vorstellen. "Wir versuchen nun schon jahrelang, die Kinder zu behüten und da kommt der plötzlich und raucht!" Oder trinkt Bier beim Sonntagsausflug. "Was macht denn das für ein Bild bei den Leuten?!" Da muß man ständig dahinter sein. Auch hinter den Erziehern! Oder sie lügen. Da haben wir extra das Clo zugesperrt, damit in der Mittagspause nicht immer so ein Krawall am Clo ist und es danach ganz schmutzig ist - und dann kommen ein paar, die behaupten, sie müssen! Und dabei haben wir doch gesagt, sie sollen alle vor dem Mittagessen aufs Clo gehen. "Du warst doch vor einer Stunde am Clo! Und jetzt behauptest Du, Du müßtest wieder!"

"Die glauben ja, die können machen, was sie wollen! Wenn man da nicht aufpaßt, die machen, was sie wollen!"

Oder eine zieht, obwohl es Winter und kalt ist, zu ihrem Dirndl akkurat die Bluse mit den kurzen Ärmeln an. Und nichts kann sie dazu bewegen, was anderes anzuziehen. Ja, manchmal, da fragt man sich! Die Erzieherin im Wohnheim hat zwar gemeint, man könne sie ruhig die Erfahrung machen lassen, daß es zu kalt ist, aber kaum 5 Minuten nach acht wird die Mongolide postwendend aus der Werkstatt expediert, sie soll sich gefälligst was Ordentliches anziehen! Nichts als Schwierigkeiten.

Oder heute sind zwei Burschen miteinander im Bett "erwischt" worden! Mein Gott, wenn das jemand erfährt! Wo doch die Mutter von dem einen im Verein der Lebenshilfe ziemlich ein Amt bekleidet! Nichts als Schwierigkeiten.

Tatsächlich, ohne Behinderte ging's wirklich viel einfacher! Vor allem beim Essen. Bis da alle 120 ruhig sind, daß man beten kann. Obwohl, das geht schon ganz gut - zumindestens mittags. Zwei, drei Minuten - dann ist's soweit! Mit Hunger im Bauch wird man leicht dressiert!

Aber danach! Da sollen alle hinausgehen, an die frische Luft. "Also, jetzt geh'scht aber aussi, zu den anderen!" Aber manche sind nicht dazu zu bewegen. Statt "aussi" gehen sie "eini", bleiben sitzen oder kommen zum Erziehertisch und wollen mit den Erziehern oder den "Erziehererziehern" reden. Wo diese gerade gemütlich nach dem Essen beisammen sitzen und Kaffee trinken.

Auch mit dem Kaffee immer dieses Theater. Eine Behinderte möchte doch tatsächlich am Morgen immer Kaffee trinken, wie sie es von zu Hause gewöhnt ist; statt dem läpprigen Milchkaffee. Aber sie kriegt nur eine Tasse, wenn vom Kaffee für die Erzieher etwas übrigbleibt. Und das gibt immer ein Gieren um diese letzte Tasse.

Und bis pünktlich alle im Bett sind um 9 Uhr abends! Ruhig, wenn's geht. Und am Abend will doch tatsächlich einer alleine spazieren gehen. Und wenn dieser darf, vielleicht noch ein zweiter. Und von den Mädchen möchten abends drei zusammen in die Stadt gehen. "Wenn wir das anfangen, wollen ja gleich alle!"

Ja, manche wollen wirklich alles. Zum Beispiel was verdienen. Die Taschengeldsätze liegen zwischen 40,- und 500,- öS monatlich. Sie wollen ausgehen, sitzenbleiben oder aufstehen wann s i e wollen, nach dem Essen, in i h r e r Freizeit tun, was s i e wollen. S i e möchten geliebt werden, auch i h r e Sexualität leben können, sie möchten einfach für voll genommen werden und statt der Einschränkungen brauchten sie Hilfen.

Obrigkeiten und Hierarchie, Pflicht und Selbständigkeit

In der Lebenshilfe Innsbruck gibt es drei Kategorien von Menschen:

1) Die "Behinderten". Sie werden allgemein Kinder genannt. Diese Kinder! Diese Kinder sind im Alter von 11 bis 55 Jahren. Die älteste Kindergruppe sind die Senioren. Acht Leuten, von denen sieben über vierzig sind. Z.B. Gerti oder Hannes oder Barbara etc.

2) Die "Erzieher(innen)". Sie werden mit Vornamen angesprochen. Beispielsweise Frau Otti oder Frau Sophie (über 40 Jahre) oder Fräulein Gertrud oder Fräulein Ingrid (über 20 Jahre) oder Herr Paul oder Herr Andreas (auch über 20) etc.

3) Die "Leiter" plus altgediente Erzieherinnen. Sie werden mit Herr oder Frau angeredet. Das wären dann Herr Schweitzer oder Frau Haller etc.

Das schaut dann im Dialog so aus: "Fräulein Martina, bitte, wieviele Kinder sind denn zum Wochenende da?" - "Herr Schweitzer, das kann ich noch nicht sagen, weil ich die Eltern von zwei Kin... äh Senio... äh vom Hannes und der Gerti noch nicht erwischt habe."

Ein ständiges Thema ist die Aufsichtspflicht und Verantwortung. Aus einem Besprechungsprotokoll vom Arbeitsjahr 79/80:

"Bei Unsicherheiten immer die zuständige Leitung fragen - keine selbständigen Entscheidungen treffen". Und weiter:

"Dienstordnung: Pkt.2 der Dienstordnung besonders gut durchlesen Aufsichtspflicht - bei Unklarheiten immer fragen. Bei Verletzung der Aufsichtspflicht ist der Erzieher allein schuldig und kann gerichtlich belangt werden." Und später noch einmal in anderem Zusammenhang: "Bei Verletzung der Aufsichtspflicht haftet der Erzieher".

Auch für einen maßgeblichen Mann im Leitungsteam, einziges aktives Gründungsmitglied und Werkstättenleiter für ganz Tirol, ist das Erste die Aufsichtspflicht. Dieser hat sich alles unterzuordnen. Diese Aufsichtspflicht ist ein ständiges Damoklesschwert, das über allem hängt und manchmal auch zuschlägt. Und, wie oben steht, individuell trifft: ".... ist der Erzieher allein schuldig." Und Aufsichtspflicht ist ein weit gesteckter Begriff: Er umfaßt nicht nur, daß keinem was passiert, sondern auch abgerissene Knöpfe, schmutzige Ohren, zu kurze Hosen, das Benehmen der Behinderten auf der Straße, ihr Sexualverhalten, genauso wie Behütung vor den Anfechtungen und Gefahren des Lebens wie Rauchen, Bier und Verkehr (Auto- und sonstiger). Funktional enthält der Begriff grundsätzlich alles, was man an den Erziehern kritisieren will.

Daß alles ruhig und unauffällig ist, ist eine Maxime. "Der Name Lebenshilfe muß heilig bleiben!" Doch die Gefahren sind imaginäre, werden auch in projektiver Weise zum Ausdruck gebracht: "Die Leute wollen das nicht. Viele Eltern möchten das. Die Behinderten möchten das ja selber nicht" etc. etc.

Dies ist auch das thematische Feld, auf dem die Konflikte zwischen Werkstätte und Wohnheim bzw. Küche und Wohnheim ausgetragen werden. Wie mir versichert wurde, bestehen diese Konflikte, die den Alltag zermürben, seit das Heim besteht.

Um die Sache ins rechte Licht zu rücken, sei auch aus dem Protokoll zitiert: "Körperliche Züchtigungen sind ein Zeugnis von Unfähigkeit und außerdem verboten". So wird die Maxime des ruhigen Betriebs also durchaus nicht mit Brachialgewalt erzwungen. Vielmehr ist es ein Lavieren zwischen einem Ordnung-halten und einem Befürsorgen.

Dies geschieht mittels einer deutlichen Hierarchie und mit moralischem Anspruch. Es darf nicht vergessen werden, daß das Problem der Behindertenpolitik von Idealisten mit einem idealistischen Anspruch begonnen wurde. Dies drückt sich immer wieder in Anforderungen an die Erzieher aus, nicht auf Bezahlung und Stundenverrechnung zu pochen. Bei gleichzeitig guter Bezahlung gibt es eine Menge unklarer Regelungen, die bei den Erziehern das ständige Gefühl wecken, nicht genug zu tun, zu hohe Forderungen zu stellen, undankbar zu sein und dem hehren Anspruch des Samariterdienstes an den armen Behinderten nicht gerecht zu werden. Dies ist auch dazu angetan, die Bediensteten in einem ungewissen Abhängigkeitsverhältnis zu belassen. Bis zum Sommer 1980 gab es kaum Dienstverträge, alle Regelungen bezüglich Essen, Wohnen, Verantwortlichkeit, Versicherung etc. waren unklar und ständiger Stein des Anstoßes. Ja, in den letzten 7 Jahren waren die Wohnheimerzieher für die durchgearbeiteten Feiertage nicht entschädigt worden.

Dies alles mag auch seinen Ausdruck gefunden haben in der Gründung eines Betriebsrates Anfang 1980. Und diese Betriebsratsgründung ließ die bisher schwelenden Konflikte blitzschnell eskalieren und machte "böses Blut". Und dies nicht ohne Grund.

Wie schon beschrieben, ist die Struktur der Lebenshilfe eine streng hierarchische. Oben die aktiven Funktionäre - praktisch nicht kontrolliert durch den Vorstand oder die Basis des Elternvereins.

Unten sind die Bediensteten, also Erzieher(innen), Therapeutinnen, Kindergärtnerinnen etc.

Und unter denen sind die Behinderten.

Die Oben sind verantwortlich und bestimmen, die Unten sind Erfüllungsgehilfen und kämpfen meist damit, nicht als "unfähig" bezeichnet zu werden. Die Drunter sind die "Deppen" (sowas wird natürlich nicht laut gesagt) und damit in nichts selbstverantwortlich. Sie haben scheinbar keine eigenen Wünsche, keine eigenen Beschwerden, keine Lebensstrategie und keine Alternativen.

Das ist dann so, daß Vorschläge zum Gemeinschaftsleben, wenn sie von oben kommen, durchgeführt werden. Vorschläge, wenn sie von unten kommen, bestenfalls registriert, meist aber angstvoll abgewehrt werden und Vorschläge, wenn sie von denen drunter kommen, erklärt werden - mit deren Behinderung oder der Unfähigkeit der Erzieher, sie zu lenken.

Dasselbe bei unerwünschten Vorkommnissen - nur umgekehrt. Fällt etwas vor, haben die, die drunter sind, es getan, weil sie behindert sind. Die Unten haben es nicht verhindert, weil sie - wahlweise - faul, schlampig oder unfähig sind. Die Oben kritisieren und beurteilen, weil sie es besser wissen.

Nur sehr aktive "Sektionen" durchbrechen manchmal dieses Schema, wenn sie eigenständig Aktivitäten setzen und damit die Oben in Aufruhr und Unsicherheit versetzen. Dasselbe scheint dem Betriebsrat zu gelingen. Doch dann wird alles unternommen, diese Eigenmächtigkeiten einzudämmen, was letztlich - aufgrund finanzieller Machtpositionen von oben oder mangelnder Standfestigkeit von unten - zum größten Teil auch gelingt.

Es ist einfach zu erahnen, daß dies zu einem Klima des Mißtrauens, der kleinlichen Streitereien, der Mißverständnisse, des gegenseitigen Boykotts führt.

Psychologisch macht es diejenigen, die wirklich mit den Behinderten arbeiten, abhängig, unsicher, entscheidungsunfreudig, ängstlich und apathisch. Das führt dazu, daß die Behinderten oft "nach Vorschrift" betreut werden, also Sauberkeit, Ordnung, Unauffälligkeit bevorzugt werden. Und es wird auch ständig versucht, solche Vorschriften detailliert zu erarbeiten, was natürlich bei so einem komplexen Geschehen wie Freizeitbetreuung unmöglich ist.

Dies wiederum führt zu rigiderem Verhalten, usw. im Kreis. Nun hat sich dieser Kampf auf einer Stufe eingependelt, die ein gewisses Gleichgewicht darstellt, dessen Effekt ist, daß Ruhe, Ordnung und Unauffälligkeit oberste Werte sind, die vom Erzieher relativ leicht gehandhabt werden können, und daß für Betreuer und Betreute ein Minimum an Entfaltung möglich ist. Der Einzelne ist in diesem System gefangen, egal ob oben oder unten, und trägt mit seinen individuellen Befreiungsversuchen nur zur Verwirrung bei. Dieses gezwungene Gleichgewicht erzeugt unglaublich viel Mißstimmung, die keiner so recht ausdrücken kann. Ideale Bedingungen für den täglichen Kleinkrieg.

Die Oben sind in dieser Position festgehalten, denn ihre Position ist in vielem wackelig und ihre Rolle kann leicht durchbrochen werden, da ihre Autorität vorwiegend auf Macht gründet. Sie sind in ihrer Identität als Leiter und Verantwortliche von zwei Seiten her bestimmt: Von innen (vom Betrieb) und von außen (dem Verein und der Öffentlichkeit). Ihre Rolle wird nach außen legitimiert durch den Verweis nach innen und nach innen durch den Verweis nach außen.

1) Nach außen heißt ihrem Verein gegenüber (der Generalversammlung) und der Öffentlichkeit, den öffentlichen Geldgebern. Das Image der Lebenshilfe muß gewahrt bleiben. Sie hat (in ihrem Innern) etwas sehr Wichtiges und Gutes. Sie kann ständig darauf verweisen, was sie alles in ihrem Innern tut (die Behindertenbetreuung).

Dieses Innere scheint in dem Maße wertvoller zu werden, in dem es sich vermehrt. Es muß aber auch untadelig sein, allgemein akzeptiert und kein Stein des Anstoßes. Das heißt, die Leitenden können nicht weiter gehen, als es die Öffentlichkeit erlaubt. Ruhe, Ordnung, Sauberkeit, Unauffälligkeit sind die probaten Werte.

2) Die Legitimation nach innen geschieht mit dem Verweis nach außen: Unauffällig sein, oder: Die Leute haben für so etwas kein Verständnis, die Leute wollen das und das nicht. Dies ist also nicht nur ein projektiver Mechanismus, um eigene Bedürfnisse durchzusetzen, sondern auch eine Absicherung vor dem Drängen von innen.

Die Macht und Abhängigkeit der Leitung besteht nun darin, daß sie die Schaltstelle für dieses Innen-Außen darstellt. Sie hat die Macht, zu definieren, was die Lebenshilfe ist. Nach außen in Form von Subventionsverhandlungen, Presseaussendungen, Repräsentanten - die Lebenshilfe sind "Wir". Nach innen definieren sie ebenso in Form von hierarchischen Anordnungen oder Verboten, auch hier: Die Lebenshilfe sind "Wir".

Ganz abgesehen von der relativen Basisferne sind damit die leitenden Funktionäre einem erstarrten Zwangssystem ausgeliefert. Jede Eigenbewegung ihres "Gutes" bringt ihre Position in Gefahr. Machten sich die Behinderten oder die Angestellten selbständig, würden sie beispielsweise nach außen verhandeln oder sich darstellen oder nach innen organisieren, würden wesentliche Teile der Autorität der Leitung obsolet, wäre auch das "Wir sind Wir" in Gefahr.

Genau das passierte, als die Angestellten begannen, sich in einem Betriebsrat zu organisieren. Das "Wir sind Wir"-Denken kam verstärkt zum Ausdruck. Andeutungen von Repression wurden sichtbar, Forderungen nach "Entlassung von einem Drittel" wurden laut. Vielleicht war der Betriebsrat schon stark genug oder schon wieder schwach genug, daß dies abgewendet wurde.

In diesem Bemühen, die Hierarchie aufrechtzuerhalten, sind die Untersten nur mehr Objekt der Autorität, nekrotisches Material, definiert in einer Defektologie, die ihre Identität aus Unfähigkeiten negativ bestimmt. So hat nicht derjenige Autorität, der den Behinderten am besten kennt, sondern derjenige, der in der Funktionärshierarchie höher sitzt. Und dieses Oben in der Hierarchie muß verteidigt werden, denn es haben nicht nur die Leitenden die Lebenshilfe, sondern die Lebenshilfe hat auch die Leitenden. Für diese wird es nötig, immer mehr zu haben, und in diesem Akkumulationszwang wird das Verhältnis zwischen der Sache (der Behindertenbetreuung) und den Habenden (der Leitung) ein totes. Die Behinderten verkommen zu einem Posten im Kalkül. Sowohl finanziell als auch propagandistisch. Es entsteht die Unmöglichkeit, den äußeren Erfolg in ein Geben und Fördern für die Behinderten einzusetzen und weiterzuleiten, vielmehr kommt es zu einem Halten und Haben der Behinderten und einem Regulieren und Verwalten derselben. Das Gute kommt den Betreuten nur mehr auf einer formalen Ebene zugute: Reichliche Verpflegung und Personal, Sauberkeit und Behütung - die zentralen Themen in der Lebenshilfe. Die Themen Selbstentfaltung, Lebensziele, Demokratie, Wohlbefinden, Individualität und Selbstbestimmung kommen praktisch nicht zur Sprache und fallen der Sterilität der Pflicht zum Opfer. Sichern und Verwalten sind die Hauptthemen. Leben und Entfalten sind Tabus.

Korrektur und Ergänzung

Doch die Lebenshilfe nur so zu beschreiben wäre statisch und würde ihr nicht gerecht. Es gibt auch Veränderungskräfte.

Verändernde Tendenzen

Einmal von der Leitung her. Wie mir erzählt wurde, bestand schon vor Bestehen des Wohnheims in Innsbruck der Plan, nur kleine Wohneinheiten und diese möglichst integriert, also in Wohnungen in der Stadt, zu machen - was zweifellos ein qualitiativ ganz bedeutender Sprung wäre. Auch heute noch! Aber es kam nie dazu - weil die Stadt Innsbruck dieses Haus schenkte, wo aus baulichen Gründen weder Wohngruppen noch Integration möglich waren. Auch heute, wo dieses Haus längst zu anderen Zwecken für die Lebenshilfe brauchbar wäre, scheint dieses Konzept nicht verwirklichbar. Ein Haus, das in einem Dorf in der Nähe von Innsbruck erbaut wurde und das zwei Wohngruppen zu je acht Leuten enthält, war jedoch schon ein Anfang, wenngleich ein eingeschränkter. Reicht doch der lange Arm detaillierter Reglementierungen auch bis dort hin. Doch geht von dort auch ein starker Druck zur Veränderung aus und allein, daß dort den in einer Wohngruppe lebenden jungen Männern das Rauchen erlaubt wird, bringt Unruhe und Veränderung. Auch wird der aus der öffentlichen Diskussion immer lauter werdende Ruf nach Integration vor allem in der Leitung hochgehalten. Und tendenziell wird das Subventionsgebaren der Öffentlichkeit vielleicht auch durch die öffentliche Diskussion um Integration beeinflußt werden und könnte so auf die Behindertenpolitik auch der Lebenshilfe wirken. Nicht zu vergessen, daß auch das Subventionsgebaren für geschützte Arbeitsplätze in der "freien" Wirtschaft Integration erbringt. Abgesehen vom Profit, den es dem Unternehmer bringt.

Eine zweite Quelle möglicher Veränderung liegt bei den Erzieher(innen). Dort sind immer wieder engagierte Leute, die mehr Selbständigkeit für sich und die Behinderten fordern. Daß viele dieser Forderungen später auf dem Umweg über Anordnungen von oben erfüllt werden, weist in diese Richtung. Doch hier ist die Gefahr der Routine und der Resignation groß. Treibendes Element sind die Erzieher(innen) als Einzelleute keine. Nur dort, wo sie gemeinsam ihre Interessen vertreten, bringen sie auch Veränderungen in die Lebenshilfe.

Veränderungsanstöße gehen aber auch von den Behinderten selbst aus. Nicht nur, daß sie durch ihre Eigenart sich auch Freiräume erkämpfen; so machten einige, als plötzlich mittags die Clos zugesperrt wurden, auch prompt in die Hose und damit Scherereien. Auch gibt es eine Reihe sogenannter Leichtbehinderter, die mit nichtresignierendem Streben ständig nach Arbeit und Wohnung verlangen und so zu neuen Modellen Anstoß geben.

Dies alles zusammen mag dazu beigetragen haben, daß geschützte Arbeitsplätze in einer Großwäscherei geschaffen wurden und daß erwogen wird, eine Wohngemeinschaft mit Betreuung durch Sozialarbeiter für die dort Arbeitenden einzurichten. Dies alles wird auch die Diskussion um mehr Selbstbestimmung für die Behinderten nicht abreißen lassen. Und ein starker Betriebsrat wird auch die innerbetriebliche Mitbestimmung beeinflussen können.

Konservierende Tendenzen

Die konservierenden Kräfte im innerbetrieblichen Herrschaftssystem der Lebenshilfe Tirol drängen den Vergleich mit dem analen Charakter auf, wie ihn Freud beschrieben hat. Freud beschreibt die anal-erotische Phase als Entwicklungsstufe des Kindes, die oft für die Entwicklung des Menschen bestimmend bleibt und die dadurch gekennzeichnet ist, daß der Mensch seine Hauptenergien auf den Besitz, das Sparen und Horten von materiellen Dingen ebenso wie von Gefühlen, Worten und Gesten richtet. Es ist die Charakterstruktur derjenigen, die sammeln und nicht loslassen können, die Macht durch Besitz demonstrieren, wie das Kind den Eltern sein "Geschäft" vorenthält. Viele Anzeichen des Funktionierens in der Lebenshilfe erinnern an diese anale Fixierung. Der reifere Zustand, in dem das Loslassen, Geben und Wachsenlassen Freude macht, scheint nicht erreicht.

Doch damit soll "die Lebenshilfe" durchaus nicht als ein krankhaftes Mitglied der Gesellschaft dargestellt werden. Vielmehr scheint es sich besonders gut dieser sie tragenden und umgebenden Gesellschaft angepaßt zu haben, was ihre gewaltige Expansion auch nahelegt. Und vermutlich würde eine genauere Untersuchung der Tiroler Variante der kapitalistischen Industrie und Geldwirtschaft und der damit zusammenhängenden Verkehrsformen zwischen den Menschen gerade diese anale Fixierung als gutangepaßte, entsprechende Charakterform zeigen.

Aussicht

Die verändernden Kräfte in der Lebenshilfe, die ihren Anstoß von den verändernden Kräften in Tirol bekommen, sind das Bemühen um mehr Selbstbestimmung jedes einzelnen. Sie sind allerdings nur dann effektiv, wenn Handeln in gemeinschaftlicher Form stattfindet. Bis zu einer wirklichen Selbstorganisation der Betroffenen, Behinderten, Eltern, Betreuer, wie es ja einmal die Idee der Lebenshilfe gewesen sein dürfte, scheint noch ein weiter Weg zu sein. Dem entgegen steht eine tüchtige, erfolgreiche und gutorganisierte Funktionärswirtschaft, die jedoch auf die Dauer die Probleme der Behinderten nicht stellvertretend wird lösen können.

Quelle:

Walter Parth: Zum Wohle der Behinderten und im Sinne des Ganzen

Erschienen in: Forster, Rudolf/ Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird, Jugend und Volk, Wien 1982, S. 83 - 94

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 02.03.2005

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