Rekonstruktion von Zeit und Raum

- Musiktherapie mit einer Gruppe schwer geistig behinderter Erwachsener

Themenbereiche: Therapie
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: erziehung heute 2/1994; Österr. Studien-Verlag; Innsbruck
Copyright: © Dietmut Niedecken 1994

Rekonstruktion von Zeit und Raum

- - taggrau,

der Grundwasserspuren -

Verbracht

ins Gelände

mit

der untrüglichen Spur

Gras.

Gras,

auseinandergeschriehen.

(Ausschnitt aus dem Gedicht "Engführung" von Paul Celan)

Aufarbeiten von Lebensgeschichten

Das Gras über Auschwitz, das Paul Celan in seinem Gedicht "Engführung" beschwört, ist auch das Gras, das über dem Euthanasie genannten Mord an geistig Behinderten wächst - und im Maße, wie es unbemerkt wachsen kann, das Schicksal der geistig behinderten Menschen in unserer vom Vergessen geprägten Kultur auch heute noch bestimmt: und zwar als das Tabu über ihrer je individuellen Lebensgeschichte. Wir haben ja die Diagnose, das heißt, wir müssen ja gar nicht mehr weiterfragen. Wir haben es mit Menschen zu tun, deren Körper definitionsgemäß geschädigt sind. Was soll das mit Lebensgeschichte zu tun haben? Viel, behaupte ich, denn wer einen von außen definierten Körper hat, dem wird es sehr schwer, wenn nicht unmöglich gemacht, diesen Körper mit seinen Bedürfnissen und Wünschen als eigenen anzunehmen, ihn zu besetzen und zu beleben - und dies um so mehr, je schwerer die körperliche Beeinträchtigung zu bewältigen ist. Wer einen derart definierten Körper hat, der wird anstelle der Entwicklung von Eigenständigkeit gezwungen sein, sich so gut als möglich der Definition anzupassen, unser Vorurteil nachzuäffen, um von uns wenigstens als lebendiger Beweis doch noch gesehen zu werden, wenn auch längst nicht mehr im eigenen Recht.

Es geht mir hier um meine Gruppenarbeit mit Menschen, die auf ihre Definition weitestgehend reduziert wurden, sich selbst reduziert haben, also mit schwer geistig behinderten Erwachsenen. Ich nenne meine Arbeit psychoanalytische Musiktherapie, Gruppenpsychotherapie. Psychotherapie ist Aufarbeiten der Lebensgeschichte im Verstehen des immanenten Sinnes der Symptome. Die Symptome schwer geistig behinderter Erwachsener aber sind ganz und gar zu Beweisen ihrer Diagnose geworden, haben keinen Sinn mehr als diesen. Hier von Psychoanalyse zu sprechen, erscheint hybrid. Was soll, was kann hier Psychotherapie überhaupt noch erreichen? Was heißt dies konkret, "Gras auseinanderschreiben"?

Seit nunmehr einigen Jahren arbeite ich mit einer Gruppe schwer geistig behinderter Männer wöchentlich eine Stunde. Ich kenne die Männer von früher, als ich meine ersten Gehversuche als Musiktherapeutin in einer Großanstalt für geistig Behinderte machte. Damals vegetierten sie unter unsäglichen Bedingungen in einer Massenaufbewahrungsstation dahin. Seit nunmehr 12 Jahren leben sie unter endlich menschenwürdigen Bedingungen in einer Wohngruppe auf dem Land. Die Wohngruppenleitung scheut weder Mühe noch Kosten, um meine Arbeit mit der Gruppe zu gewährleisten - weite Fahrerei (sie kommen von außerhalb Hamburgs), Materialtransport, Unterbesetzung währenddessen im Haus oder noch häufiger: der Wohngruppenleiter bringt die Männer in seiner Freizeit. Dieser ganze Aufwand, wozu? Die Spielformen, mit denen ich hantiere, sind denkbar einfach, sie könnten leicht vom begleitenden Betreuer imitiert und im Hause selbst durchgeführt werden. Auch die Materialien sind unkompliziert und größerenteils ohnehin in Besitz der Gruppe: große Trommel, Becken, Röhrenglockenspiel; zahlreiche Tambourine, Kugeln, Dosen, Rasseln, Klappern, Schellen etc. - mehr brauchen wir nicht.

Was tatsächlich jeder leicht mit diesen Materialien machen könnte, wäre, die Männer ein wenig zu beschäftigen. Ein wenig Spaß würde der eine oder andere durchaus haben können mit diesen Materialien. Hier aber geht es nicht primär um Spaßhaben: Ich möchte mehr, nämlich psychoanalytisches Verstehen. Das heißt zunächst einmal, da wir von jeder verstehbaren Interaktion Lichtjahre weit entfernt sind, das Nicht-Verstehen-Können als unsere erste gemeinsame Erfahrung fühlbar machen - und ertragen. Damit Lebensgeschichte unter der Verschüttung durch jahrzehntelanges Diagnostizieren und Definieren wenigstens ansatzweise wieder rekonstruiert werden kann, muß ersteinmal die therapeutische Situation selbst geschichtlich werden. Sie muß eine zeitliche und szenische Struktur erhalten, die Sinn macht - und zwar nicht etwa nur einen von mir erfundenen Sinn, vielmehr einen Sinn, in welchem die Bedeutungen der völlig sinnlos scheinenden protosymbolischen Aktionen der Gruppenmitglieder potentiell aufgehoben sind und Mitteilung werden können: Mitteilung meist über extreme Angst und Versuche zu ihrer Bewältigung.

Im allgemeinen findet Psychotherapie statt im Übergangsraum zwischen Therapeutin und Patientin. Er wird hergestellt durch das gemeinsame Spielen - sei es sprachlich oder sonstwie symbolisch organisiert-, in welchem Übertragungen und Gegenübertragungen eine Szene konstituieren, darin die verlorene traumatische Lebensgeschichte der Patientin sich rekonstruieren und - wo der therapeutische Kontakt gelingt - erlösen kann. Die Männer meiner Gruppe aber konnten zu Beginn unserer Arbeit weder sich beziehen, also eine Übertragung auf mich als ihre Therapeutin herstellen, noch, und sei es auch noch so rudimentär, spielen. Sie saßen, lagen oder liefen herum und taten das, was sie immer taten, mal mit, mal ohne Material: sich schlagen, schreien, stumm in sich gekehrt sitzen und sich abwenden, onanieren.

Einen Übergangsraum gab es nicht. Übergangsraum wäre die Beziehung, dargestellt durch das Stück Welt, das Patientin und Therapeutin miteinander teilen könnten; er würde durch die Symbolik hergestellt, mithilfe derer die Geschichte erzählt werden könnte - die Sprache in der Psychoanalyse mit Erwachsenen, das Spiel in der Kinderpsychoanalyse, die Musik in der Musiktherapie. In der Gruppe hatten wir anfangs keine Möglichkeit, einander Welterfahrung mitzuteilen, die Männer konnten keinerlei Gebrauch von Symbolen machen, der meinem Verstehen zugänglich gewesen wäre. Ihre Abwehr und ihre Überlebenstechniken erschienen größtenteils autistisch, wenn nicht rein vegetativ. Wenn ich hier beanspruchte, psychoanalytisch zu arbeiten, dann mußte ich den Übergangsraum konstruieren, also eine Symbolik aus der Situation heraus finden, die den scheinbar unwillkürlichen Äußerungen der Männer ihren verlorenen Sinn abzulauschen vermochte, ihre geschichtliche Entstehung als Abwehren in einem Überlebenskampf zwischen körperlicher Beeinträchtigung und nicht selten lebensbedrohlicher sozialer Deprivation.

Die Musik bietet eine solche Symbolik. Ich spreche hier nicht von der so oft beschworenen sogenannten Musikalität geistig Behinderter, die meines Erachtens häufig einfach ihre Überlebenstechnik ist, ein autistisches Sich-im-Klang-Verlieren entweder, oder vielfach auch die Überlebenstechnik eines totalitären Falschen Selbst, das den eigenen Impuls in vorgegebene Rhythmen und Strukturen völlig aufzugeben und daraus sekundär eine Art Lustgewinn zu ziehen gelernt hat.

Als Falsches Selbst bezeichnen wir in der Psychoanalyse die Überlebenstechnik von Menschen, die aus Todesangst sich ganz darauf verlegt haben, sich möglichst genau so zu geben, wie von ihnen erwartet wird, um nur ja nicht aufzufallen. Je einfacher, industriell produzierter, harmonisierender eine Musik ist, desto leichter fällt diese Anpassung ans Immergleiche. Es ist nur menschlich, geistig Behinderten dieses Vergnügen zu gönnen, damit ihr meist trister Alltag ein wenig aufgehellt wird. Aber diese Musik ist nicht geeignet zur Psychotherapie, da sie harmonisiert, verharmlost, also gerade nicht das ausdrückt, um was es mir geht: das Grauen und die Todesangst, die für die Entstehung des geistig behinderten Selbst konstitutiv sind. Sie ist ungeeignet, da sie zu nichts führt als zum immergleichen "mit Musik geht alles besser", das noch den schlimmsten Zuständen einen Anstrich von Menschlichkeit verleiht. Sie ist darüberhinaus ungeeignet, weil sie den schwer geistig Behinderten, von denen ich spreche, eine Struktur vorsetzt, die in Frage zu stellen ihnen jegliche Möglichkeit fehlt. Sie könnten die Musik höchstens durch lautes Schreien oder Agieren zerstören, nicht aber - außer durch Selbstaufgabe - an ihr teilhaben. Solche Musik ist zu sehr Abziehbild und nicht etwa Ausdruck der Unwahrheit unserer Unkultur.

Ich spreche vielmehr von jener Musik, die - wie bezeichnend - kaum jemand hören mag; von der auch die heutigen Komponisten größerenteils sich längst wieder distanziert haben: der Avantgardemusik der Nachkriegszeit bis in die siebziger Jahre; Karlheinz Stockhausen, Pierre Boulez, Luigi Nono, um ihre wichtigsten Vertreter zu nennen. Es ist Musik, die sich darum bemüht, sich der Wirklichkeit von Auschwitz zu stellen - um es auf eine Formel zu bringen. Sie ist nicht schön, weil das, womit sie sich auseinandersetzt, das Gegenteil von schön ist und keine Beschönigung verträgt, kein darüberwachsendes Gras. In dieser Musik finde ich etwas, das ich sonst meist vergebens suche: das Bemühen, selbst noch Äußerungen äußerster Selbstentfremdung, ja Selbstvernichtung, und aufs Unwillkürliche absolut reduzierter Menschlichkeit in ein musikalisches Kunstwerk und damit einen kulturellen Gesamtzusammenhang einzuholen.

Wie immer gelungen oder auch mißlungen dies in den Einzelwerken sein mag, entspricht dieses Bemühen jedenfalls genau der Haltung, die ich in meiner Gruppenarbeit einzunehmen versuche. Der Versuch, die mörderische Realität der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" gegen die Verleugnung der bis heute virulenten Todeswünsche an zu formulieren, greift Protosymbole auf, in welchen Erfahrungen von Ausgelöscht- und Vernichtetsein gefaßt sind, Erlebnisfiguren, welche das Leben schwer geistig behinderter Menschen beherrschen, und dies nicht nur, weil sie damals mit zu den Opfern zählten. In den Werken der Avantgarde-Musik sind solche protosymbolischen Interaktionsformen (vgl. Lorenzer 1981), denen zum Zwecke der Abwehr der Einlaß in die diskursive Symbolik verwehrt ist, zu prekärer präsentativer Symbolik organisiert.

Es ist die Erfahrung dieser Musik, die mich befähigt, in psychotherapeutischer Haltung bei den Männern und zugleich in der Welt zu sein, also die Verbindung zwischen ihnen und der Welt herzustellen, ohne ihnen Fertigkeiten abzuverlangen, die sie entweder gar nicht haben oder die sie nur völlig funktional, als ihr totalitäres Falsches Selbst, also in Abwehr von Todesangst, haben entwickeln können. Und darin liegt nun meine Hoffnung, die Erstarrung der Männer zum Konglomerat "typischer" Symptome und "Stereotypien" ein wenig lösen zu können in Geschichtlichkeit. Dabei kann es mir nicht darum gehen, die protosymbolischen Äußerungen der Männer durch Herstellen eines irgendwie harmonischen Gesamtklanges zum Material eines musikalischen Werkes zu machen - das wäre Ausbeutung und Mißbrauch. Vielmehr höre ich ganz genau hin, mit aller Spannkraft meines an der Avantgarde-Musik geschulten Ohres, um in der Berührung der Extreme von menschlicher Reduzierung auf den Körperreflex, und von kompositorisch-technischer Körperferne, ja Überwindung von Körperlichkeit, jenen Übergangsraum zu finden, in welchem meine Gruppenmitglieder endlich nicht mehr aus der Geschichte und aus der Kultur herausfallen.

Konkretisierung

Was heißt das nun konkret? Und was hat das Ganze mit der Rekonstruktion von Zeit und Raum zu tun? Zunächst einmal lehrt uns die Auseinandersetzung mit Menschen in Institutionen, daß das Erleben von Zeitlichkeit nicht so selbstverständlich ist, wie unser Alltagsbewußtsein geneigt wäre anzunehmen. Wo ein Subjekt handelnd seine eigene Geschichte herstellt, erlebt es Zeit. Wo es aber passiv verwaltet wird, wird das Zeiterleben brüchig, in Institutionen totaler Verwaltung, Heimen, Psychiatrien, Gefängnissen, bricht es unter Umständen völlig zusammen. Eindrücklich wird das deutlich an Heimkindern, die mitunter als ihr Lebensalter das ihrer Einweisung angeben, auch wenn diese jahrelang zurückliegen sollte. Zeit- und Raumerleben konstituieren sich aus Wünschen, Hoffnung, Sehnsucht, auch aus konkreter Angst - also immer da, wo ein innerer, körperlicher Impuls sich auf eine Außenwelt richten, in ihr etwas erreichen wollen kann. Der Alltag in Institutionen aber tendiert dazu, den Raum zur subjektiven Erfahrung von Welt zu entziehen und an seine Stelle die Selbstverständlichkeiten der Institutsgepflogenheiten zu setzen. In ihrer Realität weit davon entfernt, Übergangsraum zu sein, verhindern diese Selbstverständlichkeiten durch ihre Allgegenwart, daß der Verlust überhaupt gefühlt werden kann: Es ist doch alles da, es bleibt doch nichts zu wünschen übrig. Symbole erübrigen sich, wo alles zum Zeichen des möglichst reibungslosen Ablaufes wird. Und genau dies ist das Problem: der Wunsch, jener Motor subjektiver Geschichtsfähigkeit, wird in seiner Kraft neutralisiert, wo für Rundumversorgung gesorgt ist, sinnlos gemacht und in seinem Ausdruck entsymbolisiert, wo er nur auf Versagung trifft.

In "Namenlos" (München 1989) habe ich im Anschluß an Maud Mannoni (Ollen 1972) "Geistigbehindertsein" als eine Institution beschrieben, die maßgeblich von der Diagnose als Definition bestimmt wird. Mit der Diagnose ist der/dem geistig Behinderten tendenziell "die Chance genommen, sich als Subjekt mit eigenen Wünschen" (Mannoni a.a.O.) auf die Welt zu beziehen. Statt dessen ist mit ihr immer schon definiert, was das diagnostizierte Individuum braucht, was es zu seinem Besten geboten bekommen muß oder lernen soll, was ihm abträglich wäre. Damit ist in der Struktur auch dieser Institution die Zerstörung von Zeit- und Raumerleben angelegt. Dieser Zerstörung durch Entzug von Welterfahrung gilt es nun in der Therapie entgegenzutreten. Wünsche und Ängste müssen erfahrbar gemacht werden. Ich tue dies, indem ich mein Material ersteinmal so anbiete, daß es das - äußerst kurzspännige - Interesse der Gruppenmitglieder wecken kann, und indem ich dann dieses Interesse so gut und lange als möglich zu halten versuche.

Jonny halte ich eine Kugel innerhalb des äußerst engen Radius seiner visuellen Erlebnisfähigkeit vor die Augen, wenn er sie dann fixiert, Anstalten macht, danach zu greifen, ziehe ich sie gerade so weit zurück, wie er mitgehen kann, dehne seinen Raum so weit, wie er es erträgt, ohne wieder in sein Schaukeln und Sich-Schlagen, seine die Gruppensituation störende Selbstvernichtung zu kollabieren. Kurz bevor seine Aufmerksamkeit zur Neige geht, reiche ich ihm die Kugel, die er dann in der geballten Faust hält, mit der er sich wieder, wie vorher, gegen die Stirn schlägt; während ich mich etwa jetzt Holger zuwende, dem ich eine Kugel von Weitem zuwerfen kann, denn er nimmt mich, wenn ich ihn anrufe, durchaus wahr, lächelt sogar: ein wunderbares Gruppenmitglied, er ist der einzige der Männer, der mir soviel Bestätigung zugute kommen läßt. Aber sein Lächeln ist, wenn ich genau hinsehe, nichts als äußerste Todesangst, eine Art Tribut, mit dem er den gewiß zu erwartenden Mord noch einmal abzuwenden sucht, und keineswegs Ausdruck eines Kontaktwunsches. Ich könnte mit Holger relativ leicht Kugeln hin und herwerfen - brav-angstvoll lächelnd würde er mitmachen und die potentiellen Geschoße abfangen, wenn ich es ihm zumutete, solange ich ihm körperlich nur nicht zu nahe käme: Dann schlüge seine Todesangst in Toben um. Aber damit würde ich seine, Symptom gewordene Geschichte bewußtlos wiederholen, anstatt sie in ihren kulturellen Kontext als mögliche, aber nicht aktuelle Bedrohung einzuholen. Also bemühe ich mich, in der äußersten Vorsicht meines Werfens seine Todesangst als sein einziges Lebenszeichen anzunehmen, mitzuertragen und auszudrücken. Holger entspannt sich bei diesem Hin und Her ein wenig, bald aber läßt auch seine Kraft zur Aufmerksamkeit nach, und ich wende mich dem Nächsten zu vielleicht Wilfried, der durch eine gebremste Tretbewegung angedeutet hat, daß er findet, jetzt dran zu sein. Ich biete ihm ein Material an, und er ziert sich, genießt die Aufmerksamkeit, aber stößt mich auch spielerisch weg (mit Wilfried habe ich, als er noch in der Anstalt untergebracht war, zwei Jahre in Einzeltherapie gearbeitet, er war in der Gruppe lange Zeit derjenige mit dem größten Spielraum, der Einzige, der es verstand, durch andere als durch destruktive oder, noch häufiger, selbstdestruktive Mittel auf sich aufmerksam zu machen).

Vielleicht wende ich mich auch Heiko zu, der irgendwann in der Stunde, wenn seine innere Unruhe es fordert, beginnt, durch unruhiges Hin- und Herlaufen die anderen Männer aufzustören, sie zu bedrohen. Er beachtet die Kugeln, die ich ihm zuwerfe, zwar auch, aber er kann sie nicht auffangen, muß ihnen nur ausweichen. Wenn ich sie ihm dann hinhalte, nimmt er sie und wirft sie, und die Art seines Werfens läßt ahnen, warum er ihnen ausweichen muß, wenn ich werfe: Zitternd in äußerster Anspannung wirft er, und seine Kugeln sind Geschoße, ziellos in den Raum geworfen. Die Kugeln sind leicht, er kann damit niemanden wirklich vernichten, das ist wichtig, damit das Spiel sinnlich-symbolisch bleibt und nicht in reale Bedrohung umschlägt. Immerhin läßt der Kontakt mit Heiko mir noch soviel Spielraum, daß ich auch den anderen Männern ab und an eine Kugel zuwerfen kann, ohne den Kontakt zu ihm gleich zu verlieren. Zu lange darf ich ohnehin nicht bei ihm bleiben, es macht ihn zu unruhig - er muß sich dann zu sehr fühlen, und ist damit seiner Angst ausgesetzt, von Vernichtung bedroht zu sein - eine Überforderung, die schnell den symbolischen Charakter verlieren und zur weiteren Vernichtungserfahrung werden könnte.

Ein anderes Material: Jeder bekommt einen Klangstab, entweder in die Hand oder neben sich auf den Stuhl, dazu einen Schlegel. Werner spielt drei Töne, stellt dann das Instrument wieder ab und läßt den Schlegel fallen; Wilfried nimmt es erst gar nicht in die Hand, betrachtet es aber interessiert und lächelt dabei verstohlen; alle anderen konnten in der ersten Zeit unserer Arbeit sich auf das Material nur beziehen, wenn der Betreuer oder ich unmittelbar bei ihnen waren (wobei es bei Holger den Sicherheitsabstand zu beachten galt). Mithilfe des Betreuers versuche ich, nacheinander immer darauf achtend, wer im Moment einer eigenen Aktivität am nächsten sein mag - die Aufmerksamkeit der Einzelnen für ihren Ton zu wecken, spiele, soweit ich noch eine Hand frei habe, selbst einen anderen Ton dazu. Auch dies geht immer nur kurz, dann ziehen die Männer sich wieder in ihre Autismen zurück. Dieses Spiel bedeutet mehr noch als das Ballspiel, ist noch mehr Anforderung an das Selbstgefühl: "wenn ich einen Ton produziere, der von dir beantwortet werden kann, so sind du und ich wirklich, in Raum und Zeit ausgespannt" - angesichts der autistischen, auf Selbstvernichtung angelegten Abwehren der Männer eine große Anforderung, die schnell zur Überforderung werden kann.

Eine Sysiphus-Arbeit - hier ein Ton, dort ein Ereignis, ein bißchen Körperkontakt, ein bißchen Wärme, und alles in einem sinnlosen Nacheinander, in welchem ein Ereignis durch jedes beliebige andere ersetzbar wäre - so scheint es. Erschöpfte sich meine Arbeit hierin, dann wäre es nicht Psychotherapie, sondern bloße Wiederholung des bis zum äußersten auseinandergebrochenen zeitlichen und räumlichen Erlebens der Männer. Mein Wunsch aber ist, eine Szene herzustellen und einen Rahmen, in welchem die Männer etwas wie Geschichtlichkeit sollen erfahren können. Daher muß über die Stimmigkeit der Einzelbegegnung hinaus, in welcher die protosymbolische Figur zur sinnlich-symbolischen Interaktionsform werden kann, das Ganze eine Form erhalten. Es macht das Spezifische der musiktherapeutischen Situation gegenüber jeder ritualisierten Beschäftigung aus, daß dies keine von außen aufgesetzte Form sein soll, vielmehr präsentatives Symbol (Lorenzer 1972, S. 114ff; vgl. auch Niedecken 1988).

Ich suche eine Form als Symbol unserer Interaktion aus meiner Auseinandersetzung mit den fragmentierten eigenen Aktionen und rudimentären Impulsen der Männer erwachsen zu lassen - aus Impulsen, die immer in irgendeiner Weise rhythmisch- akustischer Art sind und daher einer musikalischen Organisation entgegenkommen. Die Form soll sich auf symbolischem Verstehen gründen und nicht auf dem, was irgend von außen als "sinnvolle Beschäftigung" definiert werden könnte. Die Wahrheit dieses Verstehens mißt sich daran, ob es in der Lage ist, eine Beziehung herzustellen und in Fluß zu halten, ob Erstarrungen dadurch aufgelöst werden können, daß reflektiert wird, was zu ihnen geführt haben mag. Seine symbolische Struktur erhält es aus der Nähe zu einer präsentativen Symbolsprache, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Fragmentierung, Vernichtung, Auslöschung zur Erfahrung zu formulieren.

Dies fordert eine große Anspannung in mir: Ich muß mich anspannen zwischen der unbedingt ungeteilten Aufmerksamkeit für den Einzelnen und dem genauen Hinhören auf den Gesamtzusammenhang. Hierfür habe ich für mich den Begriff einer "gespannten Substanz" geprägt. Damit möchte ich eine Haltung beschreiben, die sich ganz hingibt an die Atmosphäre der "primären Substanzen" und der "harmonisch verschränkten Vermischung", wie Balint (Reinbek 1971) sie beschrieben hat, und dabei ganz seiner selbst mächtig und des Ganzen gewahr bleibt. Dies erinnert an das, was in der Psychoanalyse als die gleichschwebende Aufmerksamkeit bekannt ist. Aber es ist mehr, und zwar insofern, als ich hier kein Gegenüber mehr habe, das auf der Grundlage eines therapeutischen Arbeitsbündnisses, d.h. der Gegebenheit eines Übergangsraumes, die Situation mittrüge und dadurch meinem Tun Halt gäbe. Das Beste, was die Männer anfangs beitragen konnten zu unserer therapeutischen Situation - so möchte ich etwas überspitzt sagen - war, mich ganz allein zu lassen, anstatt mich als Störung und Lebensgefahr zu empfinden. Nur ganz allmählich und bis heute sehr brüchig haben die Männer die Situation als eine angenommen, welche sie mit eigenen rudimentären Gestaltungen selbst bestimmen können.

Worin ich in unserer Arbeit von Anfang an Halt fand, was mich mit den Männern in der Beziehung zur Welt hielt, war und ist bis heute Rhythmus und Klang. Die Kugeln allein sind substanzartig, insofern sie in großen Mengen vorhanden sind und uns alle durch ihre Allgegenwart sozusagen einhüllen; überhaupt sorge ich durch das reichhaltige Vorhandensein der Materialien, sofern sie nicht als Einzelne zum Zentrum der Gruppe werden können, dafür, daß sie die Unendlichkeit einer primären Substanz haben. Ich externalisiere mit ihnen sozusagen mein Gegenübertragungserleben. Darüberhinaus stelle ich eine Möglichkeit zur Strukturierung dieser substanzartigen Umwelt her, indem ich in die Mitte der Gruppe Instrumente stelle, lege, hänge, je nach der Situation, die es meiner Wahrnehmung von der Gruppensituation nach zu gestalten und verdeutlichen gilt: ein großes hängendes Becken, wenn es um Getragensein und Ausschwingen geht, Klangstäbe oder Tambourine, wenn es um das Zusammenklingen von Einzelnem, Dosen, wenn es um ein Erkunden von innen und außen zu tun ist, eine große Trommel, wenn es heißen soll: "aufgepaßt, ich bin da"; diese Trommel umgedreht als Topf für die Kugeln, wenn nach der Ausgelassenheit Sammlung gebraucht wird.

Ich stelle den Männern also unser gemeinsames inneres Erleben, dessen sie so ganz entfremdet sind, als äußeres, akustisch und visuell wahrnehmbares her, biete ihnen damit Vorbedingungen für eine der ersten Strukturierungsmöglichkeiten des Selbst, die projektive Identifikation im Umgang mit Übergangsobjekten - und bemühe mich, durch genaues Hinhören und Erfühlen, dies in Auseinandersetzung mit ihren Lauten und Impulsen zu tun, so fremd, so bizarr und erschreckend sie auch immer sein mögen. Dies kann ich nur, weil ich nicht allein bin in meinem Bemühen, das Unerhörte zu hören und zu gestalten - weil ich in der Avantgarde-Musik gelernt habe, noch dem aufs äußerste reduzierten und fragmentierten Laut nachzulauschen solange, bis ich ihn höre, bis er mir zum präsentativen Symbol wird; weil ich mich in meinem Bemühen, die Männer meiner Gruppe zu verstehen und ihnen Gehör zu verschaffen, dem Versuch der Avantgarde-Musik nahe weiß, Auschwitz, das Unsägliche, zu sagen. Dieses in die Kultur und zugleich in die äußerste individuelle Fragmentierung ausgespannte Hören und Wahrnehmen schafft die Grundlage, auf der die Männer schließlich inzwischen eine Art Gruppengefühl und Übertragung auf mich entwickelt haben. Dies merke ich nicht nur an den erwartungsvollen Blicken, mit denen sie mich heute begrüßen, und an der größeren Leichtigkeit meines Verstehens und Handelns, sondern insbesondere dann, wenn durch eine Urlaubsunterbrechung alles wieder zusammengebrochen zu sein scheint und die Männer mich einfach ignorieren.

Einige Beispiele

Ich will hier meine Erörterungen abbrechen, um zum Schluß nur noch mit einigen Beispielen anschaulich zu machen, was ich unter der Rekonstruktion von Zeit und Raum oder Herstellung von Geschichtlichkeit verstehe: Heiko ist in einer Stunde ziemlich unruhig, läuft hin und her und schlägt dabei um sich, beginnt schließlich, die anderen Männer anzugreifen, sodaß der Betreuer eingreifen muß. Ich umspiele ihn, schütze die anderen, und während ich mit ihnen weiterspiele, behalte ich Heiko und den Betreuer im Auge. Es ist schwer, Heiko zu beruhigen, irgendwann gelingt es aber, ihn dazu zu veranlassen, daß er sich in der Mitte der Gruppe hinlegt, den Kopf auf dem Schoß des Betreuers. Ich lege ihm meinen Mantel über, er schiebt ihn heftig wieder weg. Ich hocke mich nun zu ihm und rolle sachte eine Kugel nach der anderen zu ihm hin - er nimmt sie erst auf, wenn ich sie ihm direkt hinhalte, um sie heftig in äußerster Anspannung wegzuwerfen, meine hingehaltene offene Hand ignorierend. Langsam aber wird er ruhiger, und schließlich kann er eine, dann noch eine, ganz vorsichtig zu mir zurückrollen lassen. Es ist jetzt eine ganz zärtliche Spannung da, die es mir sogar ermöglicht, ein wenig über Heikos Finger zu streicheln - die erste Berührung, die er von meiner Seite aus zuläßt. Verstohlen zieht er nun meinen Mantel wieder näher zu sich heran. -

Wenige Stunden später gelingt es mir zum ersten Mal, Jonny in einer Art Kontakt zu halten, der mehr ist als ein Ausdehnen seines visuellen Interesses um wenige Zentimeter. Ich halte ihn von hinten umfaßt, vor ihn das chinesische Röhrenglockenspiel, und er sieht hin, voller intensiver Aufmerksamkeit, Momente, die von keiner Unruhe, keinem Sich-Schlagen zerstört werden. Hier ist er, endlich einmal, ganz da, ganz gegenwärtig. Auch dies ist ein Herstellen von Raumzeitlichkeit. - Nun aber Heiko - er ist diesmal viel ruhiger, sitzt (was er seit jenem Toben erstmals kann) auf einem Stuhl mit im Kreis, Jonny und mir gegenüber. Er sieht uns, sieht, was passiert, steht auf und kommt auf uns zu, und plötzlich zeichnet sich da in seinem Gesicht einen Moment lang ein überraschter Ausdruck frohen Wiedererkennens ab. Ich fühle genau, was er in diesem Moment wohl wiedererkennt - an meiner Gegenübertragung, die entsprechend ist, erkenne ich die Szene wieder: In Jonnys In-der-Gegenwart-Gehaltensein erkennt er das wieder, was er selbst hier in der Gruppe, als es ihm sehr schlecht ging, auch erfahren hat. Dies ist Erinnerung, also Zeiterleben, Herstellung von Sinnzusammenhang und Geschichtlichkeit. Gehaltenwerden ist zur situationsunabhängigen sinnlichsymbolischen Interaktionsform geworden.

Immer häufiger geschieht es nun, daß Heiko toben muß. Manchmal schaffen wir es, ihn dadurch zu beruhigen, daß der Betreuer und ich, im Weiterspielen, unermüdlich sein Lieblingslied singen. Einmal gebe ich ihm wieder meine Jacke zum Überlegen. Diesmal nimmt er sie an - hantiert damit herum und steckt seine Arme verkehrt herum in die Ärmel, sodaß die Jacke zur Zwangsjacke wird: daraufhin wirft er sie weg. Dies ist - erstmals in der Gruppe - ein Stück szenisch dargestellte Geschichte. Halten und Zwangsjacke sind in der Vergangenheit das Gleiche gewesen. Die Szene macht mir verständlicher, warum ich solch große Scheu habe, Heiko (und nicht nur ihm) überhaupt näher zu kommen, geschweige ihn zu berühren - noch ist jede Nähe erfüllt von potentieller Gewalt.

Erst nach einiger Zeit der gemeinsamen Arbeit beginnt Holger, seine unermeßliche Angst, die ich in seinen Augen von Beginn an wahrgenommen habe, mehr einzubringen. Er beginnt nun zu toben - und da er, anders als Heiko, sehr stark ist, außerdem sein Toben nicht einfach ein Abreagieren von Unruhe, sondern der Versuch ist, seine Angst nach außen zu bringen, sie mit einer Art projektiven Identifikation in uns zu verlagern, ist dieses Toben gefährlich. Wir müssen ihn starr festhalten, sonst zerstört er die Situation. Während der Betreuer ihn hält, räume ich auf, sammle die Kugeln oder Instrumente ein, sorge also dafür, daß auch das Spielmaterial zusammengehalten ist, die Klänge gesammelt werden. Holger beobachtet mich, aufräumen tut er selbst gerne. Das bemerke ich, räume daher noch ausdrücklicher auf und sehe ihn dabei an. So entdeckt er, daß dieses Aufräumen und damit den umherschwirrenden Klängen Einhalt bieten ihm hilft, die Angst abzuwehren. Bald ist damit die Zeit des Tobens für Holger vorbei. Seit nunmehr langer Zeit tobt er nicht mehr - wenn er unruhig wird, steht er auf und läuft herum, um seine Ordnung herzustellen, und ich kann leicht das Gruppenspiel auf diesen seinen Wunsch ausrichten. Die panische Todesangst ist während der Gruppensituation nicht mehr in seinen Augen zu sehen, und immer häufiger gibt es, wenn auch kurze, Momente, in denen ich in seine Nähe kommen darf, ohne daß ich zur Bedrohung werde.

Jonny schien lange Zeit immer nur sekundenweise am Geschehen teilnehmen zu können, und ohnehin nur, wenn dazu geradezu genötigt. Mit schreiendem Aufspringen und SichSchlagen unterbrach er häufig die Momente von Stille und Harmonie, die sich im Spiel ergaben, offenbar weil die Spannung darin ihn ängstigte. Auch dafür haben wir Spiele gefunden. Das erste entspricht noch ganz dem Zerstören der Ruhe: Wenn ich mithilfe derjenigen Gruppenmitglieder, die dazu bereit sind, aus den rollenden und klappernden Dosen einen Turm baue, der nun ganz konzentriert und still in unserer Mitte steht, dann ist es Jonny, der aufsteht und ihn unter Getöse bis auf die letzte Dose umstürzen läßt, wenn ich ihn dazu ermutige. Er lacht und springt: hier findet er sich, kann die Projektion seiner Zerstörungsangst als Spannungslösung reintrojezieren: Spannung muß nicht in Katastrophe enden. - Das zweite Spiel enthält einen ersten selbst erfundenen Bewältigungsversuch. Es entstand daraus, daß ich irgendwann begonnen hatte, Jonny die Ohren zuzuhalten, wenn es ihm zu laut zu werden drohte. Er begann, gegen meine Hände an im Rhythmus des Lärmes den Kopf zu schütteln, und dabei meine Hände an seinen Ohren festzuhalten. In diesem Spiel ist die Reintrojektion noch deutlicher: was außen nicht mehr als unerträgliches Chaos erscheint, vielmehr durch mein Halten sich zum ekstatischen Erleben wandelt, kann wieder zur (mit meiner Hilfe) bewältigbaren inneren Bewegung werden.

Insgesamt ist die Gruppe inzwischen wesentlich ruhiger geworden. Holger tobt nicht mehr, zeigt kaum noch Angst, kann gar von sich aus aktiv werden. Rüdiger, der früher immer jammerte, ist recht still, beteiligt sich zwar immer noch meist nur auf Anregung, jedoch ist sein Blick nicht mehr dauernd abgewandt, und zuweilen kann ihn ein rollender Gegenstand schon ohne Verstärkung durch meine Stimme zum Mitspielen veranlassen. In jüngster Zeit gelingt es ihm nicht mehr so gut, zu verbergen, daß er sich freut, wenn ich mich ihm zuwende. Er muß lächeln, und dies ist ihm noch viel schamvoller und peinlicher als Wilfried, ein schier unerträglicher Selbstverrat, weswegen ich es nur sehr vorsichtig zur Kenntnis nehme. Er soll sich nicht ertappt fühlen. Jonny schlägt sich fast nie mehr, auch sein unruhiges Lautieren ist seltener geworden, und es geschieht zuweilen - was früher undenkbar war daß er von sich aus sich am Spiel ein wenig beteiligt. Werner gar ist sehr mutig geworden, blind wie er ist, sucht er in weiten Bewegungen nach den herumrollenden Gegenständen oder nach dem Instrument im Zentrum, und freut sich sehr, wenn er das Spiel durch einen lauten Klang erweitern kann.

Ob diese Therapie sichtbare, äußere Resultate gezeitigt hat, über die Gruppensituation hinaus? Ein bißchen wohl schon, wenn ich dem Wohngruppenleiter glauben darf, und zuweilen scheint es mir auch selbst so. Wenn es mir jedoch darum zu tun wäre, etwas zu erreichen, wenn der Wohngruppenleiter konkrete Ergebnisse von mir erwarten würde, dann würde ich mit meiner Erwartungshaltung die zarten Äußerungen der unter so viel Diagnose und Institution verschütteten Lebendigkeit schnell wieder verscheuchen. Hier freilich habe ich endlich einmal die Arbeitsbedingungen, die ich mir grundsätzlich - und ganz besonders in der Arbeit mit geistig Behinderten - für Psychotherapie wünsche.

Ich kann ganz gelassen sein, mich ganz der Situation überlassen, ganz rezeptiv werden, denn ich muß nichts leisten, keine Resultate vorweisen noch Ziele angeben; so kann ich auch die Männer lassen, die durch jede Anforderung ja nur unruhig werden müssen, weil Zielausrichtung in ihrer Welt keinen Sinn macht, ja das von ihnen selbst erschaffene sinnstiftende Kontinuum zerstört. Natürlich freue ich mich, wenn ich höre, daß die Männer nach den Stunden immer viel ausgeglichener wirken als vorher; daß es einige von ihnen sonst selten so lange es mit den anderen in einem Raum aushalten, meist rauslaufen müssen. Freue mich ganz besonders, wenn ich in der Entwicklung der Gruppenarbeit so etwas wie einen logischen Fortschritt erkennen kann. Freue mich, daß seit nunmehr über drei Jahren die Gruppenarbeit trotz allen Aufwandes nie in Frage gestellt wurde. Nicht aber die Zukunft, was ich eventuell an Förderergebnissen würde erreichen können, bestimmt mein Tun. Mir geht es vielmehr um die Schönheit der beschriebenen Momente von Gegenwart und Gehaltensein dieser so ganz und gar ungehaltenen Männer in dieser Unmöglichkeit von Gruppe: In diesen Momenten, so scheint mir, schreibt sich ihre Geschichte.

Literatur

Balint, Michael (Reinbek 1971 ), Therapeutische Aspekte der Regression

Celan, Paul (1959), Sprachgitter

Lorenzer, Alfred (Frankfurt 1972), Zur Begründung einer materialistischen Sozialisationstheorie

Lorenzer, Alfred (Frankfurt 1981), Das Konzil der Buchhalter

Mannoni, Maud, (Ollen 1972), Das zurückgebliebene Kind und seine Mutter

Niedecken, Dietmut (München 1989), Namenlos. Geistig Behinderte verstehen

Niedecken, Dietmut (Hamburg 1988), Einsätze. Material und Beziehungsfigur im musikalischen Produzieren

Quelle:

Dietmut Niedecken: Rekonstruktion von Zeit und Raum - Musiktherapie mit einer Gruppeschwer geistig behinderter Erwachsener

Erschienen in: erziehung heute 2/1994; Österr. Studien-Verlag; Innsbruck

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 09.06.2006

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