Mitten in der Gesellschaft leben lernen

Erfahrungsbericht der Integrierten Wohngemeinschaft für lern- bzw. geistig Behinderte und Nichtbehinderte in Linz

Textsorte: Buch
Releaseinfo: erschienen in: Forster, Rudolf / Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird. Jugend und Volk, Wien 1982, S. 311 - 320
Copyright: © Jugend und Volk 1982

Ausgangsüberlegungen und Aufbau der Wohngemeinschaft

Die Idee einer Wohngemeinschaft, in der Behinderte und Nichtbehinderte miteinander leben, kam von lernbehinderten Jugendlichen, betroffenen Eltern und in der Behindertenarbeit engagierten Menschen. Jeder drückte seine Überlegungen auf seine Art aus. Herbert, ein lernbehinderter junger Mann: "Ich will nicht mehr in diesem großem Heim leben. Ich will wie Du arbeiten, wohnen und meine Freizeit haben." Die Eltern und Mitarbeiterinnen des Arbeitskreises "Eltern behinderter Kinder" erlebten die Schwierigkeit, selbst älter zu werden und mit den Bedürfnissen ihrer Kinder nicht mehr mitzukommen. Sie wollten, daß ihr Kind mit jungen Leuten zusammenlebt, daß es ihm gut geht und daß es am Wochenende nach Hause kommen kann. Bei diesen Gesprächen kam zum ersten Mal der Gedanke einer Wohngemeinschaft auf. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit der bestehenden Heimerziehung suchten auch in der Behindertenarbeit tätige Jugendliche nach gangbaren Alternativen. Über Umwege und verschiedene Verbindungen kam es im Sommer 1978 zu einem gegenseitigen Kennenlernen der beiden Gruppen. Neben vielen Diskussionen verbrachten wir - das waren also die Mitarbeiterinnen des Arbeitskreises sowie behinderte und nichtbehinderte Jugendliche - einige Wochenenden auf einem Bauernhof. Damals entstand die erste Projektbeschreibung der Wohngemeinschaft (WG).

Nachdem die Vorstellungen greifbarer geworden waren, begannen die großteils schwierigen wie auch zeitaufwendigen Trägerschafts- und Finanzierungsverhandlungen. Uns allen war damals klar, daß wir ohne eine standfeste Trägerschaft keine finanzielle Unterstützung von seiten des Landes erhalten würden. Als Träger zeichneten der "Verein Jugendzentren" und der Arbeitskreis "Eltern behinderter Kinder" der katholischen Frauenbewegung. Der "Verein Jugendzentren" hat einige Erfahrungen im Wohngemeinschaftsbereich durch mehrere Wohngemeinschaften für Studenten und Lehrlinge, ein "Haus für Mutter und Kind" und andere Projekte und ist zugleich eine Art Startrampe für neue Sozialprojekte. Die Katholische Frauenbewegung und die Caritas gaben uns "Rückenstärkung" und stellten als Anfangskapital 200.000.- Schilling zur Verfügung. Vom Land Oberösterreich, Abteilung Sozial- und Behindertenhilfe, erhielten wir zudem 300.000 Schilling. Außerdem wurde vereinbart, daß der Großteil des laufenden Aufwandes in Form von Tagessätzen nach dem Oberösterreichischen Behindertengesetz finanziert werden sollte. Im Winter 1979 veröffentlichten wir einige Artikel über das WG-Konzept in oberösterreichischen Tageszeitungen. Im Mai wurde dann die Wohnung gemietet und eine Sozialarbeiterin angestellt. Nach zweimonatiger Umbauphase konnten wir Anfang Juli 1979 in der Sandgasse einziehen. Dies war gleichzeitig der Beginn unseres Zusammenlebens in der Wohngemeinschaft.

Lage und räumliche Situation der Wohngemeinschaft

Die Wohngemeinschaft liegt im Zentrum von Linz an einer Durchzugsstraße. Sie ist in einem Mietshaus untergebracht, in dem auch vier andere Parteien - ältere Leute, eine Familie und Jugendliche - wohnen. Die Wohnung verteilt sich auf zwei Stockwerke und hat 210 m2. Sie besteht aus Wohnzimmer, Küche, Teeküche, Büro, Wirtschaftsraum, Vorzimmer, WC, Bad und Dusche. Zudem sind acht Einzelzimmer vorhanden, die rund um die gemeinsamen Wohnräume angeordnet sind. Jeder Mitbewohner hat sein eigenes Zimmer und somit auch ein Stück persönlichen Freiraum, den er selber gestalten kann. Das Zurückziehen ins eigene Zimmer - ob nun alleine, mit Freund oder Freundin - schafft in dieser doch sehr intensiven Form des Zusammenlebens den notwendigen Abstand und die nötige Intimität. Die individuelle Zimmergestaltung, die Ruhe beim Lesen, Musikhören, Nachdenken usw. ist ein wesentlicher Teil des Wohngemeinschaftslebens. Dieser persönliche Freiraum gehört noch besser ausgebaut, z.B. durch eine bessere Schallisolierung, weniger Mitbewohner auf so engem Raum, durch ein eigenes Haus.

Anfang 1981 haben wir zusätzlich eine Garconniere gemietet. So kann eine behinderte Mitbewohnerin außerhalb der Wohngemeinschaft und doch im selben Haus wohnen. Diese abgestufte Wohnmöglichkeit ist zugleich ein weiterer Schritt zur Verselbständigung. Der nächste Schritt wäre dann der Umzug in eine eigene Wohnung. Auch in diesem Fall möchten wir durch Besuche und ambulante Betreuung den Kontakt aufrecht erhalten.

Entgegen nicht wenigen Befürchtungen gab es bei unserem Einzug keinerlei Schwierigkeiten mit den Nachbarn. Dies liegt sicher daran, daß wir im Gegensatz zu Behindertenheimen als kleine und überschaubare Gruppe zusammen sind. Zudem veranstalteten wir ein Hausfest und konnten so einen guten Kontakt zu den Nachbarn herstellen.

Zur Zeit entstehen Schwierigkeiten durch das Leben direkt im Zentrum einer Großstadt. Es gibt ein großes Angebot an verschiedenen Veranstaltungen, Kinos, Konzerten usw. und darunter leidet teilweise das Innenleben der Wohngemeinschaft. Leider haben wir keinen eigenen Garten, der sicherlich viele Möglichkeiten für gemeinsame Aktivitäten bieten würde. Auf längere Sicht hin ist einem eigenen Haus, das nicht im Stadtzentrum liegt, der Vorrang zu geben.

Die Bewohner der Wohngemeinschaft

In der Wohngemeinschaft sind derzeit vier Geistig- bzw. Lernbehinderte und vier Nichtbehinderte. Die nichtbehinderten Bewohner arbeiten hauptberuflich in verschiedenen Behinderteneinrichtungen oder machen eine Ausbildung zum "Behindertenpädagogen". Ihre Ausgangsmotive für das Zusammenleben mit Behinderten sind sehr verschieden. Sie beziehen sich zum Teil auf Erfahrungen mit der herkömmlichen Heimerziehung innerhalb von Großinstitutionen. Andererseits handelt es sich um den Versuch, christliche Grundgedanken ins Leben umzusetzen.

Das Finden einer gemeinsamen Basis ist ein andauernder und intensiver Prozeß. Hier stehen wir im Spannungsfeld unseres alltäglichen Zusammenlebens, der persönlichen Voraussetzungen und Erfahrungen und unserer jeweiligen Grundvorstellungen. Keiner der Nichtbehinderten wird für das Zusammenleben bezahlt. Um gemeinsame Entscheidungen besser ausführen zu können, ist ein Bewohner für bestimmte Tätigkeiten - wie Verhandlungen und Zusammenarbeit mit verschiedenen Ämtern, Elternarbeit, Arbeitsplatzsuche, Öffentlichkeitsarbeit, Verwaltungsarbeiten etc. - angestellt. Fallweise leben Praktikanten verschiedener Ausbildungen Fachschule für Sozialberufe/Behindertenarbeit Gallneukirchen, Sozialakademie u.a. - eine Zeitlang in der Wohngemeinschaft. Auch für "pädagogisch weniger Vorbelastete" besteht die Möglichkeit zum Kennenlernen.

Die behinderten Mitbewohner(innen) lebten vorher bei ihren Eltern, in verschiedenen Behinderteninstitutionen oder in psychiatrischen Abteilungen für chronisch Kranke. Zwei behinderte Mitbewohner wurden wegen der schwierigen Situation im Elternhaus in die Wohngemeinschaft aufgenommen. Ein lernbehinderter Jugendlicher kam aus einem Heim für Schwerstbehinderte, in dem er im Laufe seiner langjährigen Heimkarriere gelandet war. Ebenso zog eine lernbehinderte Frau in die Wohngemeinschaft, die aufgrund von Spannungen in der Familie und von Schwierigkeiten am Arbeitsplatz in eine psychiatrische Abteilung für chronisch Kranke eingewiesen worden war. Nicht wenige ähnlich behinderte Menschen müssen in solchen Abteilungen leben. Trotz des relativ hohen Tagsatzes gibt es dort kaum Förder- und Beschäftigungsmöglichkeiten. Schwere Hospitalisationsschäden und zusätzliche neurotische und depressive Fehlentwicklungen sind oftmals die Folgen dieser Anstaltsunterbringung. Dann ist ein lebenslanger Betreuungsaufwand notwendig, der sich in relativ hohen Kosten niederschlägt. Diesen steht ein Leben ohne Möglichkeiten zur Persönlichkeitsbildung, zum Selbständigwerden und zur Integration gegenüber!

Ziele und Schwerpunkte der Wohngemeinschaft

Familiäre Wohnsituation - Gemeinsames Leben - Partnerschaft

Daß ein gemeinsames Leben möglich ist, haben die vergangenen zwei Wohngemeinschaftsjahre gezeigt. Ein wichtiger Teil des Zusammenlebens sind die gemeinsam verbrachten Abende und das Abendessen. Zum Teil gestalten wir unsere Freizeit mitsammen. Das Wohngemeinschaftsleben ist auch ein gegenseitiger Lernprozeß. Wir erleben aneinander und miteinander unsere Freuden und Schwierigkeiten. Ebenso erkennen wir unsere Grenzen und Möglichkeiten. Zeitweise müssen wir unsere Wohngemeinschaft vor zu vielen Besuchen abschirmen.

Einige behinderte und nichtbehinderte Mitbewohner haben einen Freund oder eine Freundin. Über die Beziehungen und die Sexualität behinderter Mitbewohner etwas zu schreiben fällt schwer, da ich mit diesen Zeilen keinen Einbruch in die persönliche Geschichte machen möchte. Im wesentlichen bemühen wir uns, anzuerkennen, daß Sexualität Bestandteil einer echten zwischenmenschlichen Beziehung ist. In unserer Gesellschaft, die die Sexualität aus dem Leben herausreißt und zur Ware macht, erleben wir stark den Wunsch der geistig- und lernbehinderten Menschen, diesen Normen zu entsprechen und sehen gleichzeitig, wie sie dabei oft um zwischenmenschliche Beziehungen betrogen werden. Es gibt eine Vielzahl von Männern, die darauf aus sind, behinderte Frauen sexuell auszunützen. Schwierigkeiten und Probleme in Beziehungen und Sexualität versuchen wir in offenen Gesprächen gemeinsam - Bewohner(in) der Wohngemeinschaft, Freund(in), Eltern, Arzt - zu bewältigen. Auch die Frage der Empfängnisverhütung spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Selbständigkeit im lebenspraktischen Bereich

In den ersten Monaten erledigten die behinderten und nichtbehinderten Mitbewohner gemeinsam den Haushalt. Es wurde gemeinsam eingekauft, gekocht, die Wäsche versorgt, das eigene Zimmer und die Gemeinschaftsräume geputzt usw. In den darauffolgenden Monaten wurde die Verantwortung abgestuft auch den behinderten Mitbewohnern allein übertragen. Jeder Bewohner kocht einmal in der Woche das Abendessen.

Ebenso wurde das Zurechtfinden in der näheren und weiteren Umgebung schrittweise erlernt, z.B. mit der Straßenbahn zur Arbeit fahren, Kino und Konzerte besuchen, am Wochenende mit dem Postbus zu den Eltern fahren, selber zum Arzt gehen usw. Unsere Wohnform kommt der Verselbständigung sehr entgegen, da eine Unmenge von alltäglichen Möglichkeiten und Situationen gegeben sind.

Im lebenspraktischen Bereich arbeiten wir mit dem "PAC-Programm" ("Pädagogische Analyse und Curriculum"). Das PAC-Programm beinhaltet eine umfassende Auflistung sozialer und lebenspraktischer Fertigkeiten, die zu einem selbständigen Leben notwendig sind. Die jeweilige individuelle Entwicklungsstufe und deren Wechselwirkung auf die verschiedenen Persönlichkeitsbereiche ist daraus gut ersichtlich. Zudem kann systematisch am Aufbau dieser Fertigkeiten gearbeitet werden.

Mitten in der Gesellschaft leben lernen

Durch die wachsende Eigenständigkeit im Lebenspraktischen - Einkaufen, Arbeiten, bei einem Turnverein mitmachen oder Freunde kennenlernen haben sich die Möglichkeiten und somit auch die Bedürfnisse erweitert. In den Vordergrund traten Fragen wie: "Warum hab ich nicht wie Du einen festen Freund?", "Wieso darf ich nicht dreimal in der Woche ins Kino gehen?", "Wieso kann ich im Verein nicht bei der Fußballmeisterschaft mitmachen?", "Wieso lachen manchmal die Leute in der Straßenbahn über mich?". Aus den zunehmenden Möglichkeiten des Zusammenlebens ergab sich eine Vielzahl von Fragen und Schwierigkeiten. Neben vielen Gesprächen und Anlässen im alltäglichen Leben versuchen wir in unserer wöchentlichen Wohngemeinschafts-Besprechung die Schwierigkeiten und Fragen aufzugreifen. Die Woche wird gemeinsam vorgeplant: Abstimmung der Wünsche in der Freizeitgestaltung, Ausmachen des "Kochplans" usw. Bei Konflikten - innerhalb der Wohngemeinschaft, am Arbeitsplatz, mit den Eltern, Freunden - werden konstruktive Lösungsmöglichkeiten gesucht, und jedem Bewohner wird Gelegenheit gegeben, Wünsche und Vorstellungen auszudrücken.

Das Sich-Ausdrücken im Alltäglichen, die Bewältigung von Konflikten, Mitbestimmung und eigene Verantwortung sind für die Integration eines Behinderten 1 e b e n s n o t w e n d i g ! Nur so kann sich der lern- und geistigbehinderte Mitmensch in unserer Gesellschaft und dort, wo sie konkret wird - am Arbeitsplatz, im Kaffeehaus, beim Einkaufen, mit Freunden und Partnern - einigermaßen zurechtfinden. Die vorhin angesprochenen Bereiche werden in der herkömmlichen Behindertenarbeit entweder kaum beachtet oder man steht ihnen relativ hilflos gegenüber. Auch das Reden von der "Mitbestimmung Behinderter" - z.B. wenn in einer Werkstätte für Behinderte ein Beschwerdebriefkasten aufgehängt wird, oder der Vorstand den Behinderten "Gehör schenkt" - hilft dabei kaum weiter. Nur wenn man auf den behinderten Menschen ganz eingeht und sich gemeinsam mit ihm Problemen und den daraus entstehenden Lernprozessen voll aussetzt, kann menschliches Leben erfahren und gelernt werden. Eine Voraussetzung für die mit Behinderten Arbeitenden ist die Selbstreflexion, das Erlernen von Gesprächsführung und Konfliktlösung.

Verbesserung der Arbeitssituation und Mithilfe bei der Beschaffung von Arbeitsplätzen für behinderte Menschen

Behinderte wie Nichtbehinderte gehen tagsüber ihrer Arbeit nach. Anfangs arbeiteten die behinderten Mitbewohner in der Beschäftigungstherapie der Lebenshilfe Linz. Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Arbeitsamt (Rehaberatung) arbeitet eine lernbehinderte Mitbewohnerin an einem "geschützten" Arbeitsplatz als Küchengehilfin. Durch intensive Zusammenarbeit zwischen Arbeitgeber, Arbeitskollegen, der behinderten Mitbewohnerin und der Wohngemeinschaft konnte der Arbeitsplatz gehalten werden. Längere Zeit hindurch war ein gelegentlicher Kontakt zur Arbeitsstelle erforderlich. Für einen Behinderten läuft seit einigen Monaten der Antrag auf Anlehre in der geschützten Werkstätte des BBRZ Linz. Die zwei restlichen behinderten Mitbewohner arbeiten in verschiedenen Werkgruppen der Lebenshilfe.

Arbeit ist für behinderte Menschen die Voraussetzung zur Teilnahme am sozialen Leben; ohne sie wird jedes noch so erbauliche Integrationskonzept zur hohlen Phrase. Daß in unserer stark wettbewerbs- und leistungsfixierten Wirtschaft Behinderte generell verminderte Chancen haben, ist bekannt. Dazu kommen die aktuellen Schwierigkeiten auf dem österreichischen Arbeitsmarkt. In den gesetzlichen Voraussetzungen zur Integration Behinderter in die Arbeitswelt und in ihrer Realisierung gibt es noch immer zahlreiche Mängel. So können sich Arbeitgeber - auch staatliche Stellen - von der gesetzlichen Verpflichtung zur Einstellung Behinderter durch die Ausgleichstaxe, einen geringen Betrag von 630 Schilling monatlich, freikaufen. Es gibt noch immer Lücken im ASVG, die die Arbeitseingliederung zahlreicher Menschen behindern. Zwischen den Arbeitsämtern, Landesinvalidenämtern und den Sozialhilfeabteilungen der Bundesländer gibt es noch zu wenig Zusammenarbeit. Außerdem ist die Flut von Anträgen, Verständigungen, psychologischen Tests, beruflichen und ärztlichen Gutachten sowie der monatelange Amtsweg nicht nur für Lern- bzw. Geistigbehinderte schwer zu bewältigen.

Diese wenigen Hinweise sind nur ein kleiner Einblick in die Schwierigkeiten und Unzulänglichkeiten auf dem Gebiet der Arbeitsmöglichkeiten für behinderte Menschen. An der Schaffung von mehr und menschlicheren Arbeitsplätzen wird sich zeigen, wie ernst es die Politiker, Ämter, kirchlichen Stellen, Institutionen, Arbeitgeber, Betriebsräte und jeder einzelne Arbeitnehmer mit der Integration behinderter Menschen meinen!

Freizeit

War es in der ersten Zeit der Wohngemeinschaft aus der persönlichen Situation der Behinderten heraus notwendig, die Freizeit großteils gemeinsam zu verbringen, so entwickelten sich später eigenständige Interessen. Einige Mitbewohner sind aktiv bei Vereinen und Clubs, wie Arbeitersamariterbund, Zivilinvalidenverband, Sportverein für Behinderte und Nichtbehinderte.

Als Beispiel für eine Integration Behinderter möchte ich einen Ausschnitt aus der Zeitschrift "Gemeinsam Leben" bringen: "Der intensivste Kontakt kristallisierte sich bald mit der christlichen Betriebsgemeinde in der VOEST heraus. Die Samstag-Vorabendmesse, deren Teilnahme natürlich freiwillig ist, mit anschließendem Würstelessen gehört bereits zu den Fixpunkten der Woche. Die dort getroffenen Einladungen zum Gemeindeball, zu Familien und Freunden, die Aufforderung der Jugendlichen an einen unserer behinderten Mitbewohner, mit ihnen Fußball spielen zu gehen, die ungezwungenen Gespräche ergeben sich jetzt nicht mehr aus Neugierde, Sensationslust oder 'weil es ja Behinderte sind' - und ein paar bedauernswerte Idealisten - sondern weil wir jetzt Mitglieder der Gemeinde sind und diese Offenheit Kreise zieht - im Kontakt zur Mutter eines autistischen Kindes, im fallweisen Babysitten bei ihr, aber auch umgekehrt dann, wenn ein VOEST-Arbeiter an seinem schichtfreien Sonntag mit seiner ganzen Familie in die Wohngemeinschaft übersiedelt und bei uns kocht, 'damit wir alle einmal einen ruhigen Sonntag erleben' ..."

Kontakte zu den Eltern - Elternarbeit

Teilweise verbringen die behinderten Mitbewohner die Wochenenden bei ihren Eltern oder Verwandten. Durch Telefongespräche und regelmäßige Besuche, meistens mit einer ausgiebigen Jause und Tratscherei verbunden, wird die Verbindung zu den Eltern aufrechterhalten. In Entscheidungen und wichtigen Gesprächen, etwa über Berufswünsche, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz und in der Wohngemeinschaft - werden die Eltern miteinbezogen. Fallweise werden eingefahrene Erziehungsmuster, Einstellungen und Erwartungen mit den Eltern aufgearbeitet und nach Lösungen gesucht.

In unserer Gesellschaft gibt es nur wenige Gruppen, die so isoliert dastehen wie die Eltern behinderter Menschen. Wenn Schwierigkeiten mit dem behinderten Kind und Probleme innerhalb der Familie auftreten, so kommt vielfach aus der Nachbarschaft, von Bekannten und von sogenannten Fachleuten die Antwort: "Na, gebens doch Ihr Kind in ein Heim ...." Sicher ist derzeit in manchen Situationen eine Heimaufnahme unumgänglich, und für geistig behinderte Erwachsene sollte rechtzeitig ein geeigneter Lebensraum gefunden werden. Jedoch müßten gute Elternberatungsstellen aufgebaut werden, die den Familien echte Hilfestellungen anbieten. Z.B. könnte die gemeinsame Aufarbeitung von Erziehungsschwierigkeiten nach den Richtlinien des "Münchner Trainingsmodells" (Problem-Rollenspiel und Videoaufzeichnung, alltagssprachliche Analyse und Lösungsspiel) geschehen. Zudem wäre ein größeres Angebot an ambulanten Therapien und Tagesstätten für schwer geistig bzw. mehrfach behinderte Kinder notwendig. Zur Entlastung der Eltern könnten Vereine und Initiativgruppen sogenannte "Babysitterdienste" aufbauen.

Öffentlichkeitsarbeit

Indem die behinderten Bewohner in die verschiedenen Geschäfte einkaufen gehen, Kaffeehäuser und Lokale besuchen, mit der Straßenbahn fahren, ins Kino oder zu Konzerten gehen - kurz gesagt, am alltäglichen Leben teilnehmen - vollzieht sich der wirkungsvollste Teil der Öffentlichkeitsarbeit. Auch die vielen Besuche von Interessenten und Fachleuten bieten eine gute Möglichkeit zum gegenseitigen Kennenlernen. Wir haben eine Reihe von Artikeln in Tageszeitungen und Zeitschriften veröffentlicht. Zudem haben wir an der Sozialarbeitsmesse (Wien 1979) und an verschiedenen anderen Veranstaltungen teilgenommen. Im Mai 1980 wurde in der Fernsehsendung "Ohne Maulkorb" ein Beitrag über unsere Wohngemeinschaft gesendet. In nächster Zeit wollen wir uns verstärkt in die "fachliche Diskussion" einschalten.

Verwaltungsarbeiten - Besprechungen

Da die Wohngemeinschaft im Rahmen des oberösterreichischen Behindertengesetzes finanziert wird, sind genaue Buchführung und Schriftverkehr erforderlich. Im Zusammenleben der Wohngemeinschaft haben sich die wöchentlichen Besprechungen und regelmäßige Supervisionsabende entwickelt. Außerdem haben wir für unsere Arbeit monatliche Besprechungen mit den Mitarbeitern des "Vereins Jugendzentren" und fallweise Gespräche mit Fachleuten aus dem Behindertenbereich (Soziologe, Ärztin, pädagogischer Berater, Sachbearbeiter und Juristen der Landesregierung sowie Mitarbeitern der Lebenshilfewerkstätten).

Um die verschiedenen Besprechungen, Verwaltungsarbeiten, die Elternkontakte und Öffentlichkeitsarbeit besser durchführen zu können, wurde für die Wohngemeinschaft eine hauptberufliche Sozialarbeiterin angestellt. Aufgrund von internen Spannungen und infolge von Konflikten kündigte sie mit Juli 1980. Die verschiedenen Arbeitsbereiche wurden danach unter den nichtbehinderten Mitbewohnern aufgeteilt. Es war dadurch mehr Durchsicht im Projekt möglich und es konnte nach neuen Formen der Zusammenarbeit gesucht werden. Seit Herbst 1981 ist ein Behindertenpädagoge angestellt, der zusätzlich zu den oben genannten Arbeitsbereichen am Aufbau mehrerer Wohngemeinschaften für Behinderte und Nichtbehinderte arbeitet.

Abschließende Bemerkungen

Ich möchte hier auf einen differenzierten Forderungskatalog verzichten, da einige Überlegungen schon vorher angesprochen wurden. Die Schwerpunkte der Behindertenarbeit liegen im Aufbau einer echten Elternarbeit, in der Schaffung von mehr und menschlicheren Arbeitsmöglichkeiten und im Ausbau von integrierenden und eigenverantwortlichen - das heißt von zentralistischer Führung freien - Wohngemeinschaften.

Wir - Behinderte und Nichtbehinderte - erleben in der Wohngemeinschaft eine intensive Auseinandersetzung mit uns selbst und im Zusammenleben als Gemeinschaft. Dabei gibt es eine Reihe von Problemen, von beantworteten und unbeantworteten Fragen. Doch gerade durch das Bewußtwerden von Problemen und Austragen von Widersprüchen glauben wir, auf dem richtigen Weg zu sein. Hier bietet sich eine ehrliche Gesprächsbasis an, auf der wir alle zu Gebenden und Nehmenden werden. In diesem Sinn suchen wir nach Formen des Zusammenlebens zwischen Behinderten und Nichtbehinderten und kämpfen gemeinsam für eine menschlichere Behindertenarbeit!

Anhang

Publikationen und Materialien

"Erste Projektbeschreibung der Wohngemeinschaft für Behinderte und Nichtbehinderte" (mit einigen Zeitungsartikeln), Mai 1979.

Die Wohngemeinschaft in verschiedenen Zeitungsartikeln, Sommer 1979-Sommer 1980.

Alternativen zur Heimerziehung: Ein praktiziertes Beispiel, in: Erzieherzeitschrift "POT" 4/79, Heft "Alternativen".

Gemeinsames Leben - Erfahrungsbericht einer Wohngemeinschaft, in: "Gemeinsames Leben" 3/80, Hrsg. Evangelisches Diakoniewerk Gallneukirchen.

"Beziehung Behinderter - Nichtbehinderter/ die Arbeitssituation behinderter Menschen" - Tonbandkassette einer Messe der christlichen Betriebsgemeinde VOEST (mit Beiträgen der Mutter eines autistischen Kindes, der Wohngemeinschaft und von VOEST-Kaplan Hans Innerlohinger), November 1980.

Initiativen - die Wohngemeinschaft Sandgasse - Beitrag in der Fernsehsendung "Ohne Maulkorb", Mai 1980 (VCR und VHS Video Cassette, ca. 10 Minuten).

Wohngemeinschaft für Behinderte und Nichtbehinderte - Oberösterreichische-Behinderten-Fibel, Hrsg. vom Amt der oö. Landesregierung, Abteilung Sozialhilfe, Jänner 1981.

Sandgasse 15 ....oder mitten in der Gesellschaft "leben lernen", Reportage von Peter Nausner, in: Behinderte 4, 1981, Heft 2: "Alternativen", S.26-28.

Literaturhinweise zu den einzelnen Kapiteln

Zu: Lage und räumliche Situation der Wohngemeinschaft:

INSTITUT FÜR SOZIALRECHT, Richtlinien für die Errichtung von Wohnstätten für erwachsene geistig Behinderte, Ruhr Universität Bochum, Bochum 1975.

Zu: Die Bewohner der Wohngemeinschaft

SCHMID, S., Freiheit heilt - Bericht über die demokratische Psychiatrie in Italien, Wagenbachs Tb.41, Berlin 1978.

Zu: Ziele und Schwerpunkte der Wohngemeinschaft

GÜNZBURG, H.C., Das PAC Handbuch und die PAC Formulare, SEFA 1975 (Erhältlich bei der Bundesvereinigung der Lebenshilfe Deutschland oder beim Verband der evangelischen Einrichtungen für geistig und seelisch Behinderte e.V.- Deutschland)

GÜNZBURG, H.C., Systematische Bildung zur Selbstbestimmung - Eine Einführung in das PAC Programm, Zeitschrift Lebenshilfe für Behinderte - Österreich 2/78 und 3/78.

INNERHOFER, P., Das Münchner Trainingsmodell - Beobachtungen Interaktionsanalyse - Verhaltensänderungen, Springer, Berlin-HeidelbergYork 1977.

HAISCH, W., Kurzgefaßtes Manual zum Eltern- und Erziehertraining nach dem Münchner Trainingsmodell, Modell und Konfliktmodell partnerschaftlicher Interaktion. Dr.W.Haisch (8000 München 70, Kyreinstraße 4) macht Ausbildungskurse für die Durchführung von Elterntraining nach dem MTM.

HÄUSLER, I., Kein Kind zum Vorzeigen, rororo Frau aktuell Tb.4524, Reinbek 1979.

Zu Abschließende Bemerkungen

KLEE, E., Behindert - ein kritisches Handbuch, S.Fischer, Frankfurt 1980.

Kontaktadresse:

Wohngemeinschaft für Behinderte und Nichtbehinderte,

4020 Linz, Sandgasse 15, Tel.: (0732) 66 04 56

Quelle:

Johannes Neuhauser: Mitten in der Gesellschaft leben lernen.

Erschienen in: Forster, Rudolf / Schönwiese, Volker (Hrsg.): BEHINDERTENALLTAG - wie man behindert wird. Jugend und Volk, Wien 1982, S. 311 - 320

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 08.06.2005

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