Berufliche Integration von Jugendlichen mit Beeinträchtigungen im Bundesland Salzburg

Evaluation des Projekts "Integrationsassistenz"

AutorIn: Irene Moser
Themenbereiche: Arbeitswelt
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: erschienen in: Der Spitzer 11, 2003, SPZ für Sinnesbehinderte, 5020 Salzburg, Druck: BMBWK, Zentrum für Schulentwicklung Klagenfurt S. 13 - 17.
Copyright: © Irene Moser 2003

Berufliche Integration von Jugendlichen mit Beeinträchtigungen im Bundesland Salzburg

"Wenn Unternehmen sich mit Menschen mit Behinderungen auseinandersetzen, werden sehr beachtliche Integrationserfolge erzielt" Blumberger, Salzburg 2003.

Die Aktivitäten des Salzburger Projekts "Integrationsassistenz" wurden seit der Installierung durch das Bundessozialamt[1] von einem Linzer Forschungsteam genauer unter die Lupe genommen und seit einigen Wochen stehen die Ergebnisse zur Verfügung, die ich hier zusammengefasst präsentieren möchte.

Was versteht man unter dem Begriff Integrationsassistenz?

Vor einigen Jahren gab es nur wenige Projekte in Österreich, wie z.B. das Projekt Spagat in Vorarlberg, die das Konzept der Integrationsassistenz entwickelten. (siehe: Niedermair Claudia, Tschann Elisabeth: "Ich möchte arbeiten", in der virtuellen Bibliothek der European Agency für die Weiterentwicklung der Sonderpädagogik: www.senist.net/vl ) In Salzburg startete das Projekt in drei Regionen, mit insgesamt 7 Mitarbeiterinnen, die das bestehende Rahmenkonzept Schritt für Schritt an die Bedürfnisse der Region und an die definierte Zielgruppe anpassten. Können in Vorarlberg im Rahmen des Projekts Spagat vorwiegend Jugendliche mit schwereren Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden, sind es in Salzburg junge Menschen mit Beeinträchtigungen, die mit Unterstützung eventuell auch die Berufsschule schaffen.

Um dieses Ziel zu erreichen, kontaktieren die IntegrationsassistenInnen die Schulen frühzeitig und bieten den SchülerInnen, deren Eltern und den Lehrkräften das Integrationsassistenzservice das vorwiegend aus "Clearing und Support" besteht:

Clearing: Abchecken der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Jugendlichen, Profilentwicklung durch persönliche Kontakte (coaching) und durch das Vermitteln von "Schnupperplätzen".

Support: Unterstützung bei Bewerbungsschreiben, Aufbau eines Unterstützungskreises, und Kontaktaufnahme mit Firmen in der Region. Zudem ergeben sich durch bestehende Angebote des Trägervereins Pro Mente Synergieeffekte mit der Arbeitsassistenz, die Begleitung und Betreuung im Betrieb anbietet.



[1] Der Trägerverein Pro Mente bekam den Auftrag vom BSB, finanziert wird das Projekt durch Mittel der Beschäftigungsoffensive der österreichischen Bundesregierung.

Startschwierigkeiten und Entwicklungspotential

Anfänglich wurden zu viele Erwartungen geweckt, die Rollen zwischen den IntegrationsassistentInnen und den LehrerInnen für Berufsorientierung bzw. -vorbereitung waren noch nicht geklärt. Die Pro Mente Mitarbeiterinnen[2] mussten sich erst im Feld kundig machen, die Chancen der jeweiligen Region entdecken und die bestehenden Strukturen zwischen Schule und Arbeitsmarkt kennen lernen. Manche Eltern waren enttäuscht, dass gerade ihr Kind wegen zu geringer zu erwartender Arbeitsleistung nicht in das Unterstützungsprogramm aufgenommen werden konnte. Zudem meldeten sich mehr Jugendliche, als die Integrationsassistentinnen personell betreuen konnten und die Fluktuation bei den Mitarbeiterinnen erschwerte die kontinuierliche Betreuungsarbeit.

Die begleitende Evaluation von Jänner 2002 bis Dezember 2002 und einer Nachfassphase im März 2003 wurde anfänglich als starker Druck erlebt, da sich das Projekt erst entwickeln musste und es eher unüblich ist, schon von Beginn an Beurteilungsmaßstäbe berücksichtigen zu müssen.

Die Mitarbeiterinnen berichteten jedoch auch vom positiven Rückhalt im Team, besonders bei Misserfolgen waren die regelmäßigen überregionalen Teamtreffen Unterstützung, Intervision und Angelpunkt für Evaluation und Modifikation der Arbeitsweisen. Die Vergleiche der Arbeit in den verschiedenen Bezirken ließ Positives und Negatives (unterschiedliche Arbeitsweisen, unterschiedliche wirtschaftliche Voraussetzungen der Regionen und AnsprechpartnerInnen udgl.) transparent werden.



[2] In der Startphase waren es ausschließlich weibliche Mitarbeiterinnen

Evaluationsdesign

Um diese Entwicklungen zu dokumentieren, wurden mit 146 AnsprechpartnerInnen qualitative Interviews geführt, 4 Zwischenberichte vorgelegt und eine Diskursgruppe eingerichtet, die z.B. aus Fachleuten von AMS, anderen sozialen Einrichtungen und Elterninitiativen bestand, deren Rückmeldungen in die Arbeit miteinbezogen wurden.

Ergebnisse

Inhaltsverzeichnis

Projektstart

Trotz ungünstiger Startvoraussetzungen wurde die erste Projektphase gut bewältigt, indem die Rollen geklärt werden konnten, die Clearingassistentinnen mehr Erfahrungen im Feld sammelten und somit als zunehmend kompetentere Ansprechpartnerinnen erlebt wurden.

Förderliche Aspekte während des Betreuungsverlaufs

Die unterschiedliche Umsetzung der Konzepte in den Regionen bietet eine Optimierungschance, indem Koordination und Austausch institutionalisiert werden. So können z.B. unterschiedliche Unterlagen zur Erstellung individueller Karrierepläne miteinander verglichen werden, um die Stärken der Instrumente herauszuarbeiten oder um Strategien zur Arbeitsplatzbeschaffung in einem Pool zu sammeln. Momentan entwickeln die IntegrationsassistentInnen eine Datenbank, um systematischer Erfahrungen zu dokumentieren. Dazu muss jedoch erwähnt werden, dass die individualisierte Betreuung oft der Schlüssel zum Erfolg ist, denn die Gruppe der Behinderten die alle gleiche Bedürfnisse haben, ist nicht existent. Dieses Faktum ist zwar eine Binsenweisheit, sollte aber BegleiterInnen und PädagogInnen immer wieder vor Augen geführt werden.

Die Betriebe begrüßen die Unterstützung der Jugendlichen sehr. Solange keine gröberen Probleme auftauchen, wollen sie kleinere Unstimmigkeiten ohne Interventionen von Außen bewältigen. In vielen Firmen konnten auch verantwortliche MitarbeiterInnen (MentorInnen) gefunden werden, die die Jugendlichen mit Beeinträchtigungen unter ihre Fittiche nehmen, sie in die betrieblichen Abläufe einweisen und unterstützend wirken.

Klare verbindliche Handlungen (konsequente Rollenaufteilung zwischen den BetreuerInnen, Kontrakte mit den Jugendlichen bzw. deren Eltern udgl.) führen eher zum Erfolg.

Weiters ist die Unterstützung beim Aufbau sozialer Netzwerke ein Kriterium für den Integrationserfolg. KlientInnen sind erfahrungsgemäß schlechter in Freundeskreise, Vereine oder andere Unterstützungssysteme eingebunden, als gleichaltrige Nichtbehinderte.

Deshalb wäre auch der Aufbau eines Unterstützungskreises[3] sehr günstig, der in diesem Projekt nur teilweise gelungen ist. Grund dafür waren oft mangelnde Einsicht der Beteiligten in die Notwendigkeit von regelmäßigen Absprachen und beratenden Treffen.

Sehr förderlich und für den schulischen Erfolg unbedingt notwendig ist die Stützung der Jugendlichen in der Berufsschule. Durch die Initiative des Landesschulinspektors für Sonderpädagogik in Zusammenarbeit mit dem Berufsschulinspektor wurden Förderlehrgänge eingerichtet, die den jungen Mädchen und Burschen den Einstieg in die Berufsschule erleichtern und besonders durch die Hilfestellung im ersten Jahr die Erfolgsrate wesentlich erhöhen (die meisten die das erste Jahr schaffen, erreichen auch einen Berufsschulabschluss). Eine ähnliche Dynamik ist in den Betrieben zu beobachten. Die ersten 8-10 Monate scheinen entscheidend für einen weiteren Verbleib der Lehrlinge zu sein. Zu Abbrüchen kommt es eher in den Anfangssituationen. Ein weiterer sehr positiver Aspekt ist der Synergieeffekt mit der Arbeitsassistenz. Durch die bestehenden Kontakte mit der Wirtschaft gelingt es den IntegrationsassistentInnen eher, die Jugendlichen an einen Arbeitsplatz zu vermitteln.

Empfehlungen des EvaluatorInnenteams [4]

Für die weitere Arbeit des Projektteams gibt es zusammengefasst folgende Empfehlungen der wissenschaftlichen Begleitung:

  • Modifizierung und Anpassung der Konzepte

  • Standardisierung von Schlüsselsituationen

  • Aufbau eines Unterstützungskreises

  • Sicherung der Betreuungskontinuität durch gleichbleibende Betreuungspersonen (Fluktuation bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde als ungünstig beschrieben)

  • Verstärkter überregionaler Austausch zur Konzeptoptimierung

  • Vermehrte Informationsarbeit

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Trotz der Startschwierigkeiten verläuft das Projekt Integrationsassistenz in Salzburg sehr erfolgreich. Nach den statistischen Daten vom 1.3.03 konnten die MitarbeiterInnen durch "Clearing", "Coaching" und "Support" 66 Jugendliche erfolgreich in den ersten Arbeitsmarkt einbinden. 30 KlientInnen haben noch keine Arbeit und von 16 Jugendlichen bekam man keine Rückmeldungen. Das ist eine Erfolgsrate von ca. 60%. Im nächsten Jahr werden vom BSB 70% mehr MitarbeiterInnen finanziert, um die Ziele der Integrationsassistenz zu verfolgen. Die Kritik, mit diesem Projekt lediglich die fähigeren Jugendlichen am "Betreuungsmarkt" abzuschöpfen, oder statt clearing "creaming"[5] zu betreiben, ist zum Teil berechtigt. Die IntegrationsassistentInnen, die hoffnungsfrohe Eltern von schwerer behinderten Jugendlichen abweisen müssen, erleben dieses Dilemma und das persönliche Leid der Betroffenen und sprechen sich sehr deutlich für die Erweiterung der Angebote für schwerer behinderte Menschen aus, damit auch diese die Chance bekommen, Arbeitsplätze zu finden. Bei der momentanen innenpolitischen Diskussion über die Erhöhung des Pensionsalters und die zu erwartende problematische Auswirkung auf den Arbeitsmarkt (Gruber am 5.5.03 bei der Präsentation der Ergebnisse im Hotel Dorint) sind die Prognosen für die Integration von Menschen mit Behinderungen eher ungünstig und desillusionieren viele Betroffene und deren Unterstützungskreise.



[3] Unterstützungskreise sind ein Element im Konzept der persönlichen Zukunftsplanung. Im Projekt SPAGAT - einem vom Land Vorarlberg und der EU finanzierten Pilotprojekt zur Erprobung der Eingliederung von Jugendlichen mit schweren Behinderungen in die Arbeitswelt - entwickelte er sich zum Kern, zur Drehscheibe des Eingliederungsprozesses.

[4] Bundessozialamt Salzburg: Tischvorlage bei der Präsentation der Evaluationsergebnisse "Begleitende Evaluation für Jugendliche" und "Integrationsassistenz für Vorlehre", Salzburg 2003

[5] "creaming" ist ein Begriff, der seit Beginn der Beschäftigungsoffensive in Österreich häufig verwendet wird um pointiert darzustellen, dass die maßgeschneiderte Zielgruppe von Menschen mit Behinderungen einen Marktwert darstellt, indem die Projekte bei entsprechenden Erfolgsraten weiterfinanziert werden.

Kontakt

Irene Moser

Pädagogische Hochschule Salzburg

Akademiestraße 23

5020 Salzburg

Quelle:

Irene Moser: Berufliche Integration von Jugendlichen mit Beeinträchtigungen im Bundesland Salzburg - Evaluation des Projekts "Integrationsassistenz"

Erschienen in: Der Spitzer 11, 2003, SPZ für Sinnesbehinderte, 5020 Salzburg, Druck: BMBWK, Zentrum für Schulentwicklung Klagenfurt S. 13 - 17.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 02.07.2007

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