Nichtpädagogischer Flickenteppich

Themenbereiche: Schule
Textsorte: Artikel
Releaseinfo: Erstmals erschienen in: SHR - Schweizerische Heilpädagogische Rundschau; März 1994
Copyright: © Felix Mattmüller, 1999

Nichtpädagogischer Flickenteppich

Sie nehmen uns die Lebenslust, die Freude und die Trauer, aber wir suchen unverdrossen nach dem verlorenen Glück. "Es gibt keine Beispiele und Vorbilder. Was für den einen notwendig ist, ist keineswegs für einen anderen notwendig. Jeder von uns hat seine eigene Verrücktheit, seinen eigenen Weg. Wir können unsern Weg nur finden, wenn wir freudig, und sei es verzweifelt, unsere volle Autonomie und die totale Verantwortung für unser Leben übernehmen. Wir finden unsere Freiheit in einer Welt, die wir verwandeln, indem wir unsere Freiheit gebrauchen. Sonst gibt es keine Freiheit - nur manchmal das Fehlen von Zwang. Freiheit ist ein menschliches Produkt. Sie wird uns nicht geschenkt. Wir erringen sie - gegen alle Widerstände." David Cooper, "Die Sprache der Verrücktheit" (1).

Wer war David Cooper?

1931 in Kapstadt, Südafrika, geboren, hat er in den sechziger Jahren zusammen mit Roland D. Laing in London die "Antipsychiatrie" begründet. Eine unwahrscheinliche Lebendigkeit muss von diesem grossen, breitschultrigen Menschen ausgegangen sein, der sich gefragt hat, "was man tun muss, um alles zu wissen und der alles verstehen will". Von Grund auf hat er Wissen gesammelt, um es in den Dienst der Allgemeinheit zu stellen, und dies auf allen möglichen Gebieten: Medizin, Psychiatrie, Mathematik, Philosophie, Soziologie, Kochkunst, Musik und schliesslich lernte er Deutsch, um Hölderlin, Marx und Husserl im Original lesen zu können.

Dazu ein Beispiel: "Ich bin in einer Familie ohne musikalische Kultur aufgewachsen. Eines Tages hat mein Vater durch Zufall zwei Schallplattenalben gekauft, Brahms' Violinkonzert und Dvoraks Symphonie "Aus der Neuen Welt". Zum ersten Mal habe ich Musik gehört. Danach haben meine Eltern ein Klavier gekauft, und ich habe jeden Tag fünf Stunden geübt. Diese Erfahrung mit Musik hat durch ein eher zufälliges Ereignis einen grossen Teil meines Lebens umgestaltet." (2) Wer in einer sozial ungünstigen Lage ist, ist von einer solchen Erfahrung, die womöglich ein ganzes Leben umkrempeln kann, ausgeschlossen.

Cooper hat zusammen mit Laing feststellen müssen, dass Erfahrungen und Beziehungen verkümmern oder entfremdet werden können, dass unter gesellschaftlichem Druck eine entfremdete Anpassung erfolgt, die sich als übertriebenes "Normalverhalten" zeigt, dass man dann als "wahnsinnig" "neurotisch" "schizophren" zu bezeichnen pflegt.

Von der konventionellen Psychiatrie über die Antipsychiatrie zur "Nichtpsychiatrie"!

"So scheint es naheliegend, das jemand, der als ‚psychotisch' oder ‚schizophren' bezeichnet wird, genau genommen jemand ist, der versucht, sich ‚von einem entfremdeten System freizumachen'" (2), und also in Wirklichkeit weniger "krank" ist als alle jene, die "normal" sind, weil sie die anderen, die nicht gleich sind wie sie, kurzerhand als "krank" bezeichnen. In diesem Sinne ist das Beharren auf den "eigenen Weg", die eigene Verrücktheit also, ein Versuch, sich von der Krankheit der Normalität zu befreien oder besser gesagt, unabhängig und selbständig zu werden. Auf diesem Weg muss man etwas verändern, und man muss damit anfangen, sich selber zu verändern. Das heisst zugleich: man darf nicht stehen bleiben, man muss weitergehen, immer weitergehen.

Auf dem Weg von der konventionellen Psychiatrie über die Antipsychiatrie kommt Cooper zur Nichtpsychiatrie. Er hört die Lebensgeschichten von Tausenden, ohne Diagnosen zu stellen oder zu analysieren, sondern ganz einfach, um von seinen

Mitmenschen Neues zu erfahren. Dabei erfährt er im Zusammenleben der Kleinstadt Giuliano mit Kindern, Hausfrauen, Arbeitern, Randgruppenangehörigen, Behörden usw. gelebte lebendige Demokratie jeden Tag neu.

Die konventionelle psychiatrische Intervention

Was David Cooper über die Wirkung der konventionellen psychiatrischen Intervention sagt, gilt ebenso für jeden erzieherischen, psychologischen und auch für jeden ideologischen Eingriff. Alle diese Massnahmen haben nämlich zum Ziel, Menschen in die ungerechten herrschenden Ordnungen einzupassen, zu integrieren. Dabei wird durch die übliche Behandlung von Einzelnen oder Gruppen zunächst einmal die Lebensfreude zerstört. Und dann auch noch die Verzweiflung und die Trauer - unter anderem mit Psychopharmaka. Zurück bleibt, nach Cooper, ein optimal "gutes Resultat": die Unperson. Die Unperson funktioniert dann vielleicht im Sinne des Systems. Sie bringt jedenfalls Profit, wenn auch bei oft reduzierter Arbeitsfähigkeit. Die funktionierende Unperson gilt als "normal". Normal ist, wer funktioniert! Wer sich in diesem Sinne nicht angepasst verhält, ist "anormal".

Diese Verallgemeinerungen muss ich aus persönlicher Erfahrung mit psychoanalytischen Hilfestellungen differenzieren: gesellschaftsbezogene Psychoanalytiker/-analytikerinnen kennen nicht die "Unperson" als Ziel ihrer Entwicklungshilfe, sondern den widerstandsfähigen, selbständig denkenden und handelnden Menschen!

Dieser Mensch, der die volle Verantwortung für sein Leben übernimmt, handelt gegen das System. Als systemfeindlich wird er wo immer möglich angeprangert und nicht selten disqualifiziert. Die Vertreter dieses Systems fühlen sich nicht allein von selbständig denkenden und handelnden Menschen in Fage gestellt, sondern mindestens ebenso sehr von Menschen, die sich nicht einpassen können: Behinderte, Kranke, Arbeitslose, Homosexuelle, Lesben, Rentnerinnen, alleinstehende Frauen mit und ohne Kinder, Brot- und Heimatsuchende aus anderen Ländern, Sonderschülerinnen und Sonderschüler usw.; von Menschen also, die auf eine solidarische, demokratische Gesellschaft angewiesen sind. So gesehen ist behindert, wer sich nicht einpassen will oder einpassen kann!

Und nun verlangt diese Gesellschaft gerade von diesen Menschen das Unmögliche: Sie haben sich reibungslos einzupassen.

Kooperation ist Voraussetzung für Integration. Wir sollten es zwar wissen: Kooperation, Miteinander leben, Zusammenwirken allein ist Voraussetzung für eine Integration, die von Menschenwürde und Menschenrecht ausgeht. In Gemeinschaft mit anderen Menschen finden wir auch unsere persönliche Freiheit in einer Welt, die wir nur miteinander verwandeln können, indem wir die Freiheit leben und erproben. Anders gibt es keine Freiheit, höchstens hie und da Fehlen von Zwang. Freiheit ist, so gesehen, logische Folge von solidarischem Verhalten. Freiheit können wir miteinander jederzeit herstellen. Geschenkt wird sie uns nicht. Sie ist stets neu zu erringen, gegen alle Widerstände des Systems. Diese Widerstände jedoch erfahren wir nur, wenn wir allein oder mit andern zusammen gegen alle Ungerechtigkeiten antreten. Erst so erfahren wir, wie uneingeschränkt mit dem Druck zu bedingungsloser Anpassung an die Bedingungen der Herrschenden Überwachung und Kontrolle erfolgt.

Um zu wissen, was einen innerlichen und äusserlichen zerstört, muss man den Kontrolldruck einer Schulaufsicht erlebt haben. Der Mechanismus der Zerstörung und Verunsicherung läuft ab, kaum durchschaubar, im Verborgenen. Wenn wir uns dagegen wehren wollen, müssen wir ihn kennen. Nur so können wir Gegenmassnahmen ergreifen. Der Unterdrückungsmechanismus läuft ab auf dem Hintergrund von Macht- und Gewaltstrukturen, die gar nicht leicht zu durchschauen sind: "Die von der Schule (und nicht nur von ihr) verherrlichte Arbeit trennt den Menschen von seiner Lust und seinem Glück, erstickt seine Bedürfnisse, zerstört sein Leben. Sie verdammt zu Langeweile und innerer Ödnis. Sie zwingt zu Konkurrenz mit den Mitmenschen und zur Zerstörung jeder Kommunikation. Sie ist eine Ware mit einem Preis, der als Note oder als Lohn ausbezahlt wird. Sie richtet sich nicht nach dem individuell und gesellschaftlich Notwendigen. Was sie produziert, was sie leistet, wird dem Arbeitenden entrissen. Als Arbeitskraft wird sie bei Austrocknung des Marktes nicht mehr gekauft und der ganze verdinglichte Mensch mit ihr entwertet. Sie produziert und leistet Nichteinsehbares und verdammt zu unausgewiesener Abstraktion. Sie begründet Herrschaft und Knechtschaft. Sie domestiziert den Menschen, um ihn zu verstümmeln. Sie fordert grösstmögliches Dabeisein bei kleinstmöglicher Hingabe, totale Nötigung zu geringster Aufwendung menschlicher Begabung. Sie unterordnet den Menschen seinem Arbeitsinstrument und instrumentalisiert ihn. Sie beutet ihn aus und wirft ihn als leere Hülle weg." (3)

Die Kultur des Schweigens

Soweit zum Mechanismus der strukturellen Unterdrückung von "oben und von aussen". Den verhängnisvollen Mechanismus der Entmündigung beschreibt Paulo Freire in "Pädagogik der Unterdrückten": (4) "Die Entdeckung der Kultur des erzwungenen Schweigens führt Freire zum Grund-Satz seiner pädagogischen Theorie: "Erziehung kann niemals neutral sein. Entweder ist sie ein Instrument zur Befreiung des Menschen, oder sie ist ein Instrument seiner Domestizierung, seiner Abrichtung für die Unterdrückung."

Ob sie das eine oder das andere ist, entscheidet sich nicht am guten Willen der Erzieher oder an der Liberalität ihrer Ideen. Es entscheidet sich im pädagogischen Verfahren, das freilich seinerseits begründet ist in der Parteinahme des Erziehers für die Herren oder die Sklaven, in seinen Vorentscheidungen hinsichtlich des Menschen in seiner Bestimmung.

Erziehung verläuft nach Freire in der Weise eines Fütterungsvorgangs. In Lehrer und Schüler begegnen sich Wissen und Unwissen, Haben und Nichthaben, Fülle und Leere, Macht und Ohnmacht. Und nun wird der Zögling gefüttert, aufgefüllt mit den Wörtern, Vorstellungen, Urteilen und Vorurteilen des Erziehers, bzw. des Systems, dem er dient. Je widerstandsloser der Zögling sich diese Fütterung gefallen lässt, je bereitwilliger er verschlingt, was ihm vorgeworfen wird, desto erfolgreicher erscheint der Bildungsvorgang. Je mehr er sich der Auffüllung entzieht, weil das Futter ihm nicht schmeckt oder ihn nicht satt macht, desto "ungebildeter" bleibt er. Das heisst aber: Bildung und Unterwerfung sind identisch. Man ist, im Sinne des Bildungssystems, umso erfolgreicher, je bereitwilliger man sich der Fremdbestimmung, der Programmierung mit fremdem Wissen, fremder Sprache, fremden Wertvorstellungen überlässt. Der Gebildete ist der Entfremdete" (... wird sich selber fremd).

Wissen ohne Handeln ist Nichtwissen

Durch einseitige Leistungsforderungen im intellektuell-formalen Bereich fördern sie die Entwicklung "kopflastiger Schrumpfherzen" (Thürkauf, S... ). Sie berücksichtigen nicht, dass Wissen ohne Handeln Nichtwissen gleichzusetzen ist. Sie fordern Einzelleistungen nach dem Konkurrenzprinzip durch Notendruck und Verhaltensbeurteilung mit dem Ziel, die Einzelnen zu isolieren, damit Solidarität nicht aufkommen kann. So erreichen sie, dass sich schon kleine Kinder, bestimmt jedenfalls aber auch Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer zum vornherein schlecht, falsch und schuldig fühlen, wenn sie nicht nach obrigkeitlichem Wunsch zu funktionieren meinen. Dieser äussere Kontrolldruck zwingt viele Menschen in die Unmündigkeit und degradiert sie zu Befehlsempfängern.

Der "Schweizerische Beobachter" vom 20. August 1993 berichtet über "Lehrer in der Krise". Mehr und mehr verlassen Lehrerinnen und Lehrer den Arbeitsort Schule, weil sie Schule als "krankmachende Tretmühle" empfinden. Die Gründe der Unzufriedenheit sind zu finden unter anderem in der andauernden Überwachung, Beurteilung und Kritik von Elternseite und Schulaufsicht. Freiräume, in denen Leben gedeihen kann, werden so eingeschränkt. Die Gewichtung der "Gründe zur Unzufriedenheit" zeigten sich in folgender Reihenfolge:

  1. Lehrer-Eltern-Probleme

  2. Schulaufsicht

  3. Arbeitsbelastung

  4. Kooperation mit Kollegen

  5. Erzieherische Misserfolge (5)

Das Gefühl, stetig überwacht zu sein, nimmt vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern Kraft und Mut und bricht nicht wenigen das Rückgrat. So erzwingt strukturelle Gewalt ein geheimes Unterwerfungsritual, indem sie als Mittel der Machtausübung laufend ein schlechtes Gewissen erzeugt.

Die Zerstörung der Lebensfreude

Zu diesem äusseren Druck der Anpassung gesellt sich der innere, selbst entwickelte Eigendruck, durch den das Selbstwertgefühl massiv beeinträchtigt werden kann. Wenn wir uns verfehlt, schlecht, unverstanden oder ganz allgemein schuldig fühlen, zerstören wir laufend unsere Energie, unsere Lebensfreude, unsere Arbeitslust.

Wenn wir dem äusseren und inneren Druck nichts entgegenzusetzen haben, sind wir verloren. Deshalb ist es von ausschlaggebender Bedeutung, ob und wie wir mit unseren bewussten und vor allem mit den unbewussten Schuldgefühlen zurecht kommen. (6)

Lewis Engel und Tom Ferguson finden in ihrem Buch "Unbewusste Schuldgefühle" Antworten, "Antworten für alle, die sich immer nur für das Wohlbefinden anderer verantwortlich fühlen, für alle «geborenen Versager», für alle, die das Leben nicht geniessen können und für alle, die in Beziehungen nicht glücklich werden." (6) Es ist kein Rezeptbuch. Es ist ein ermutigendes Buch, das anregt zum Nachdenken über die Entstehung so unbewusster wie überflüssiger Schuldgefühle, die uns dazu bringen können, unser eigenes Glück zu behindern. Diese Schuldgefühle entwickeln sich in den frühen Lebensjahren in der Familie, in den Beziehungen zu Vater, Mutter und Geschwistern.

Lydia, David und Ronald und ihre "Verbrechen"

Lydia war eine grosse, stille, neunundzwanzigjährige Jurastudentin. Sie war unauffällig, ging ständig gebückt und hatte eine schrecklich geringe Selbstachtung. Sie quälte sich durchs College und schaffte gerade eben die Abschlussprüfung. Anschliessend fühlte sie sich völlig ausgebrannt. Nachdem sie bei der nächsten Prüfung mehrfach gescheitert war, kam sie in die Therapie. Sie war nicht in der Lage, so zu arbeiten, wie es erforderlich gewesen wäre.

Lydias Mutter war eine nervöse, perfektionistische Hausfrau, die nach Lydias Geburt ihren Beruf als Modedesignerin aufgegeben hatte. Lydia wurde so zum Mittelpunkt ihres Lebens. Sie schien nur zufrieden zu sein, wenn sie ihrer Tochter zu etwas raten oder sie kritisieren konnte. Immer, wenn Lydia mit Freunden spielen wollte oder andere Zeichen von Unabhängigkeit zeigte, bekam die Mutter eine Depression. Lydias Vater war ein egoistischer, unsicherer Biologielehrer. Er prahlte gern mit seinen wissenschaftlichen Kenntnissen, zeigte aber wenig Interesse an Lydias Meinungen oder Leistungen.

Lydia bemerkte, dass sie bereits verborgene Schuldgefühle gehabt hatte, als sie das Elternhaus verliess, um zu studieren. Sie glaubte, wenn sie das Abschlussexamen ablegte und finanziell unabhängig würde, würde sie die sich an sie klammernde Mutter verlassen und den ehrgeizigen Besserwisser von einem Vater bedrohen. Unbewusst glaubte sie, dass ihr Erfolg die unglückliche Mutter weiter betrüben und den unsicheren Vater verletzen würde. Lydia beschuldigte sich der vermeintlichen Vergehen des Verlassens und Ausstechens. Die Ängste und die Lethargie, die sie abhielten, ihr Abschlussexamen abzulegen, waren von verborgenen Schuldgefühlen verursacht.

Lydia war sicher, ihre Probleme beruhten auf "Faulheit und Mangel an Disziplin". Sie strafte sich beständig und versuchte, sich zu mehr Arbeit anzutreiben. Doch sobald sie begriffen hatte, dass sie unbewusst Erfolg mied - um die Eltern nicht zu "verlassen" - konnte sie die Abschlussprüfung ablegen und eine Stelle als Anwältin finden.

Lydia fiel als Kind auf, dass ihre Mutter immer dann angespannt und unglücklich wurde, wenn sie selbst glücklich und fröhlich war. Wenn sie jedoch unsicher und unglücklich war, wurde die Mutter fröhlich und interessiert. Lydia zog unbewusst die Schlussfolgerung, dass ihr Glücklichsein die Mutter traurig machte. Wenn sie sich jedoch bekümmert und unsicher verhielt, konnte sie die Mutter glücklich machen." Lydia beschuldigt sich, Mutter und Vater verlassen zu haben. Das rechnet sie sich als Verbrechen an. Verbrechen müssen bestraft werden. Grausam bestraft sie sich selbst, indem sie sich unbewusst durch selbstverordnete "Faulheit" und Mangel an Disziplin jeden Erfolg verbaut. Sobald sie die Ursachen, unter anderem mit Hilfe einer Therapie, erkennen kann, spricht sie sich frei vom "Verbrechen" des Verlassens und wird so die unbegründeten Schuldgefühle los. Verhängnisvoll können unbewusste Schuldgefühle unser Verhalten bis in alle Einzelheiten beeinflussen, wenn nicht gar bestimmen. Lydia wird andere Menschen verurteilen, die ohne Schuldgefühle von Mutter und Vater freigekommen sind. Als Lehrerin dürfte sie eigenständiges Verhalten von Kindern, die wissen, was sie wollen, als mangelnden Gehorsam, wenn nicht gar als Frechheit verurteilen. Selbständig denkende und handelnde Kinder oder Erwachsene können Lydia in Schwierigkeiten bringen, weil sie ihr vorleben, was sie selbst nicht geschafft hat: die Loslösung von Vater und Mutter. Was sich Lydia als Verbrechen anlastet, läuft unter der Bezeichnung "Jemanden verlassen". Hinter dieser Schuldvorstellung steht der Wunsch, sich von den Eltern zu lösen, eigene Entscheidungen zu treffen, von Zuhause fortzuziehen und ein eigenständiges, unabhängiges Leben zu führen. Wenn man das Gefühl hat, den Eltern durch das eigene Erwachsenwerden und Fortziehen den Hauptlebensinhalt genommen zu haben, oder wenn man meint, dass die Eltern ohne einen zutiefst unglücklich sind, fühlt man sich vielleicht schuldig, jemanden den man liebt, verlassen zu haben.

David, der Zweitgeborene, war gescheit und beliebt, der Liebling seiner Mutter. Sein älterer Bruder war körperlich und gesellschaftlich unbeholfen. David wurde in die Landesfussballmannschaft berufen. Robert machte einen Selbstmordversuch. David fühlte sich seinem Bruder gegenüber schuldig. Er hatte stets Aufmerksamkeit und Anerkennung gefunden, Robert nicht. David entwickelte das Gefühl, Robert Liebe geraubt zu haben. Diesen vermeintlichen "Liebesraub" rechnete er sich als Verbrechen an und bestrafte sich dafür mit unangemessener Selbstkritik und Verhinderung des eigenen Erfolgs, bis er seine verborgenen Schuldgefühle erkennen konnte. Bis dahin hatte er sich gleich zweierlei "Verbrechen" beschuldigt:

"Jemanden der Liebe eines Dritten berauben. Wenn man glaubt, die Liebe und Zuwendung erhalten zu haben, die ein anderes Familienmitglied brauchte, um zu gedeihen, fühlt man sich vielleicht des eingebildeten Verbrechens des Liebesraubs schuldig. Man fühlt sich dann unbewusst verantwortlich für alle Schwierigkeiten und Probleme des vernachlässigten Geschwisters oder Elternteils.

Jemanden ausstechen. Dieses "Verbrechen" kommt vor, wenn man ein anderes Familienmitglied auf irgendeine Weise zu übertreffen versucht. Wenn man sich selbst als glücklicher, erfolgreicher, beliebter oder genussfähiger empfindet als die Eltern oder Geschwister, findet man sich vielleicht des vermeintlichen Verbrechens des Ausstechens schuldig." (6) Ronald ist ein Beispiel für das "Verbrechen", jemand zu belasten: "Wenn einer oder beide Eltern überlastet oder bedrückt scheinen, oder wenn ein Elternteil erfolglos oder unerfüllt ist oder war, denkt man vielleicht, man sei schuld an ihrem Unglück. Man glaubt vielleicht unbewusst, dass die Last der Kindererziehung der Grund für ihr Unglück und ihre Unzufriedenheit war.

"Ronald, Autoverkäufer, ein Mann in den Vierzigern, kam mit dem Problem in die Therapie, dass ihn nach harter, erfolgsbelohnter Arbeit immer eine so unnatürliche Erschöpfung überkam, dass er fast arbeitsunfähig wurde. Dann sanken seine Verkaufszahlen, und erst dann begann er wieder, intensiv zu arbeiten.

In der Therapie erinnerte sich Ronald, dass seine Mutter depressiv, empfindlich und besitzergreifend gewesen war und ihn wegen seiner kindlichen Energie und Begeisterungsfähigkeit beneidete. Schon als sehr kleines Kind konnte er seine Mutter völlig hilflos machen, wenn er in der kleinen Wohnung herumrannte, Er fühlte, dass schon das zu viel für sie war, dass er sie verletzte, wenn er seine Lebensfreude ausdrückte und Ansprüche an sie stellte. Unbewusst fühlte er zugleich Verachtung für seine Mutter wegen dieser Schwäche, und Schuldgefühle, weil er sie verletzte und belastete.

Er begriff allmählich, dass er in den Erfolgsphasen im Beruf, wenn er sich zunehmend stärker fühlte, unbewusst glaubte, seine Macht und sein Erfolg gefährdeten und demütigten seine Mutter. An einem bestimmten Punkt bewirkten seine Schuldgefühle aufgrund dieser irrationalen, unbewussten Überzeugung, dass er von unendlicher Erschöpfung überwältigt wurde. Dieser Zustand dauerte an, bis seine Verkaufszahlen in den Keller gerutscht waren und er sich nicht mehr so gefährlich stark fühlte. Dann erst war er frei, wieder vernünftig zu arbeiten.

Als Ronald seine Angst erkannte, seine Mutter und andere Frauen zu verletzen, bekam er sein berufliches Problem in den Griff und konnte auch Frauen vertrauen, die zwar stark waren, ihn aber nicht abwiesen. Er sorgte sich immer noch, die Frauen zu verletzen, aber er brauchte keine Frauen mehr, die ihn emotional verletzten." (6)

"Wer sich zum Wurm macht, kann sich nachher nicht beklagen, wenn er zertreten wird" (Emmanuel Kant).

Allen drei Beispielen gemeinsam ist, wie unerhört stark der Zwang ist, unbewussten Schuldgefühlen nicht auf den Grund zu gehen. Es kann für uns erträglicher sein, "Migräne, Bauchschmerzen oder eine Fingerverletzung zu haben, als mit seinen Schuldgefühlen, seiner Trauer, Leere, Krankbarkeit oder Verzweiflung konfrontiert zu werden." (7) Erschwerend kommt dazu, dass unser "Unbewusstes keinen Unterschied zwischen Wünschen und Taten macht. Es bestraft uns ebenso für (geheime) Wünsche wie für realisierte «Missetaten», die vielleicht gar keine sind." (7) So halten wir uns denn in jedem Fall für schuldig. Mit Schuldgefühlen können wir erpresst werden, von Lebenspartnern und Kindern und in der Schule von Eltern oder Aufsichtsbehörden.

Das Buch "Unbewusste Schuldgefühle" kann uns helfen, selbst mit unsern Schwierigkeiten zurecht zu kommen. Es kann uns aber auch - wie mich - zunächst völlig durcheinanderbringen. Dann ist es jedenfalls keine Schande, therapeutische Hilfe anzunehmen. Deshalb suchen wir unverdrossen einen eigenen Weg, den wir allen Widerständen zum Trotz immer neu unter die Füsse nehmen, um ein glücklicheres Leben in Freude und Trauer mit Mut und Zuversicht zu gestalten.

Schluss und Zusammenfassung in einem Lied

"Die Hälfte seines Lebens" von Katja Ebstein.

"Kennst Du das Grand-Hotel unten im Park am See - öde, verlassen und leer / aber um Mitternacht kommen die Geister, da fliegen sie alle hierher: die Prominenten vergangener Zeiten, da stehen sie alle herum und sagen, wie waren wir dumm:

  • ja die Hälfte seines Lebens lebt der Mensch total vergebens, weil er sich sein Glück vermiest, statt es geniesst

  • denn die Hälfte aller Sachen, die dem Menschen Freude machen, macht er selber sich kaputt im Übermut, das ist nicht gut.

Friedrich der Grosse, Maria Teresia und Peter der russische Zar, Goethe und Schiller und Nietzsche und Wagner und Shakespeare belagern die Bar / Kaiser Napoleon, Heine und Mozart vergessen des Lebens Verdruss und kommen zum folgenden Schluss:

  • ja die Hälfte ...

  • denn die Hälfte ...

hört dieses Lied so alt wie diese Welt: es wäre schön, es langsam zu verstehn/Geister im Grand-Hotel treffen sich jede Nacht - Sokrates, Hegel und Kant, und sie parlieren und philosophieren und haben es endlich erkannt / Feinde von gestern sind Freunde von heute, vergessen sind Fehde und Glanz, sie ziehen die grosse Bilanz:

  • ja die Hälfte ...

  • denn die Hälfte ...

Anhang

aus dem Vorwort von "Unbewusste Schuldgefühle"

"Viele unserer schwerwiegendsten psychologischen Probleme beruhen auf einem bestimmten Schuldgefühl: der verborgenen Schuld, die wir unseren Eltern gegenüber empfinden - manchmal auch gegenüber unseren Brüdern und Schwestern.

Manche Menschen sind sich dieser Gefühle und der Art und Weise, wie sie uns beherrschen, teilweise bewusst. Doch Viele tragen diese Schuldgefühle völlig unbewusst mit sich herum. Irgendwo in der Kindheit gelangten sie zu der Überzeugung, die Eltern verletzt zu haben (vielleicht auch die Geschwister). Diese vielleicht nur vermeintlich zugefügten Wunden scheinen Verbrechen gegen die geliebten Menschen und bewirken, dass wir von starken, verborgenen Schuldgefühlen getrieben sind. Diese Schuldgefühle sind so verwirrend, weil sie unbewusst sind. Wir sind uns nur der Probleme bewusst, die sie hervorrufen:

  • Manche Menschen behindern den eigenen Erfolg.

  • Manche sind unfähig, eine intime und befriedigende Beziehung einzugehen.

  • Manche finden es unmöglich, sich zu entspannen und das Leben zu geniessen.

Mit diesen Problemen bestrafen wir uns für die vermeintlichen Verbrechen, die wir in der Kindheit begangen zu haben glauben. Die folgenden sechs Arten vermeintlicher Vergehen scheinen am häufigsten vorzukommen: den anderen ausstechen, belasten, ihn der Liebe eines Dritten berauben, jemanden verlassen, illoyal sein und grundsätzlich minderwertig und schlecht sein.

Jemanden ausstechen: Dieses "Verbrechen" kommt vor, wenn man ein anderes Familienmitglied auf irgendeine Weise zu übertreffen versucht. Wenn. man sich selbst als glücklicher, erfolgreicher, beliebter oder genussfähiger empfindet, als die Eltern oder Geschwister, findet man sich vielleicht des vermeintlichen Verbrechens des Ausstechens schuldig.

Jemanden belasten: Wenn einer oder beide Eltern überlastet oder bedrückt scheinen, oder wenn ein Elternteil erfolglos oder unerfüllt ist oder war, denkt man vielleicht, man sei schuld an ihrem Unglück. Man glaubt vielleicht unbewusst, dass die Last der Kindererziehung der Grund für ihr Unglück und ihre Unzufriedenheit war.

Jemanden der Liebe eines Dritten berauben: Wenn man glaubt, die Liebe und Zuwendung erhalten zu haben, die ein anderes Familienmitglied brauchte, um zu gedeihen, fühlt man sich vielleicht des eingebildeten Verbrechens des Liebesraubs schuldig. Man fühlt sich dann unbewusst verantwortlich für alle Schwierigkeiten und Probleme des vernachlässigten Geschwisters oder Elternteils.

Jemanden verlassen: Hinter dieser Schuldvorstellung steht der Wunsch, sich von den Eltern zu lösen, eigene Entscheidungen zu treffen, von Zuhause fortzuziehen und ein eigenständiges, unabhängiges Leben zu führen. Wenn man das Gefühl hat, den Eltern durch das eigene Erwachsenwerden und Fortziehen den Hauptlebensinhalt genommen zu haben, oder wenn man meint, dass die Eltern ohne einen zutiefst unglücklich sind, fühlt man sich vielleicht schuldig, jemanden den man liebt, verlassen zu haben.

Illoyalität: Hier handelt es sich um das "Verbrechen", die Eltern kritisiert, Familienregeln gebrochen, elterliche Erwartungen enttäuscht oder unabhängige Lebensentscheidungen getroffen zu haben. Wenn man den Eltern gegenüber kritische Gedanken hat, wenn man Berufsleben, Religion oder Lebensweise ablehnte, die sie für einen planten, wenn man andere politische oder philosophische Ideen übernahm oder jemanden heiratete, der einem anderen Glauben, einer anderen Rasse oder Klasse angehört, fühlt man sich vielleicht der Illoyalität schuldig.

Grundsätzliche Schlechtigkeit: Negative Botschaften, Misshandlung oder Vernachlässigung haben ein Kind vielleicht zu dem Schluss gebracht, dass etwas grundsätzlich mit ihm nicht stimmt. Noch heute glaubt dieser Mensch vielleicht, dass, gleich wie freundlich und fürsorglich er ist, er eigentlich immer noch hassenswert, abstossend und nicht liebenswert sei. Gleich, was das vermeintliche Verbrechen - oder die Kombination von "Verbrechen" war - das Kind empfindet sich schuldig und bestraft sich von nun an selbst.

Diese Selbstbestrafung kann viele verschiedene Formen annehmen. Vielleicht erniedrigt man sich selbst. Man leidet vielleicht unter Ängsten und Depressionen. Man sabotiert unbewusst die eigenen Anstrengungen, eine intime, befriedigende Beziehung zu haben. Oder man zerstört die Beziehung, die man bereits eingegangen ist. Die verborgene Schuld treibt einen, sich genau das zu verweigern, was man am liebsten haben will - Erfolg, Intimität, Freude und Seelenfrieden."

NB: Wenn ich jeweils längere Zitate einschiebe, möchte ich andere Autorinnen und Autoren in ihrer eigenen Sprache zu Worte kommen lassen. Auf diese Weise wird man sich eher ein Werk anschaffen, als wenn ich durch Zusammenfassungen den Inhalt verstümmelt oder unrichtig wiedergebe. So gesehen ist möglicherweise jedes Zitat eine Ermunterung, weitere Bücher im Originaltext zu lesen. Dem Kreuz-Verlag Zürich bin ich zu grossem Dank verpflichtet für die Berechtigung zum Abdruck wesentlicher Passagen aus "Unbewusste Schuldgefühle" von Lewis Engel und Tom Ferguson.

Literaturverzeichnis

1) David Cooper: Die Sprache der Verrücktheit Rotbuch-Verlag, Berlin 1980

2) Aurel Schmidt: Von der Anti-Psychiatrie zum Projekt Giugliano Basler Zeitung, Magazin, 7.11.1981; In memoriam David Cooper; Basler Zeitung, Magazin, 23.8.1986

3) Hans Hehlen: Gegen die Zwangsarbeit in der Schule; in: Plädoyer für eine Schule mit Pfiff von Felix Mattmüller; Verlag Paul Haupt, Bern 1985

4) Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten Kreuz Verlag, Stuttgart 1970

5) Lehrer in der Krise; Schweizerischer Beobachter, 20.8.1993

6) Lewis Engel, Tom Ferguson: Unbewusste Schuldgefühle Kreuz Verlag, Zürich 1992

7) Dieter Beck: Krankheit als Selbstheilung Suhrkamp 1981

Referat an der Volkshochschule Linz vom 21.Oktober 1993

Der Referent:

Felix Mattmüller-Frick

General Guisanstr. 8

CH-4054 Basel

Tel: 061 /301 68 87

Quelle:

Felix Mattmüller-Frick: Pädagogischer Flickenteppich

Erstmals erschienen in: SHR - Schweizerische Heilpädagogische Rundschau; März 1994

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 03.05.2005

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