Wider die Therapiesucht!

Vorwort zu Teil II

AutorIn: Michael Wunder
Themenbereiche: Therapie
Schlagwörter: Therapie, Kritik, Krankheit
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.
Copyright: © Dr. med. Mabuse 1987

Inhaltsverzeichnis

Wider die Therapiesucht!

Der allseits beschriebene Therapieboom sowie der inflationäre Gebrauch des Wortes Therapie hat den Bereich der behinderten Menschen voll erfaßt. Aus Musizieren wird Musiktherapie, aus Turnen Sporttherapie, aus Malen und Basteln Beschäftigungstherapie, aus Tanzen Motopädie, aus Freizeit Freizeittherapie usw. Der Alltag wird zur Therapie erklärt. Aber es handelt sich nicht nur um Wortgeklingel. Die Therapeutisierung des Alltags ist hier wie anderswo Ersatz für wirkliches Leben und gleichberechtigten normalen Umgang zwischen Menschen.

Die soziale Behinderung durch Herabwürdigung und Ausgrenzung vollzieht sich heute vielfältig und oft schwer durchschaubar. Die räumliche, sichtbare Ausgrenzung geschieht durch Heime und Anstalten, durch Sonderkindergärten, Sonderschulen und Werkstätten für Behinderte. Nicht direkt sichtbar, dafür aber um so spürbarer für die Betroffenen, geschieht Ausgrenzung durch die ständige und mit System betriebene Sonderbehandlung, durch die Therapeutisierung des Alltags. Warum muß mit Heiminsassen Kommunikationstraining gemacht werden? Wären die gleichen Menschen in einer anderen Umgebung, z.B. in einer Wohngruppe im Stadtteil und könnten den Nachbarn zugucken, in die Eckkneipe gehen und die normalen Geschäfte, kurz: am alltäglichen Leben dort teilnehmen, dann könnten sie kommunizieren und täten dies wahrscheinlich auch.

Hinter der Therapeutisierung, hinter dem krankhaft gesteigerten Bedürfnis (sprich Sucht), den gesamten Alltag des behinderten Menschen zu therapieren, steht Hilflosigkeit, Distanzsuche und vor allem auch, die so vorgefundene Strukturen nicht grundsätzlich anzutasten. Die Therapiesucht im Bereich der behinderten Menschen ist, wie anderswo auch, erstmal das Problem der Dealer, d.h. der Gesundheitsarbeiter, die ihre eigene Unentbehrlichkeit durch immer wortgewaltigere und noch mehr heilversprechende Therapien beweisen wollen. Gleichzeitig festigen sie damit das Prinzip der institutionellen Verwahrung und die dazugehörige Denkweise, die Behinderung in eins setzt mit Krankheit und therapiewürdig.

Milani und Roser kritisieren in ihrem Artikel die emendierende (verbessernde) Therapie. Sie machen damit deutlich, wie eng so geartetes therapeutisches Denken mit der Nicht-Anerkennung des Anders-Seins des behinderten Menschen verwandt ist. Verändern wollen, weg machen wollen, ungeschehen machen wollen liegt diesem Denken zu Grunde. Die Anleihe für ein solches Denken ist bei der Medizin gemacht - wie die Italiener ausführen, bei der Medizin der Krankheit. Das medizinische Denken zerlegt den Menschen in seine Funktionen und be- und verurteilt ihn nach statistischen Standardnormen. Milani und Roser stellen eine "minuziöse und fast zwanghafte Suche nach dem Defekt" fest, auf die ein ebenso zwanghaftes Bemühen um eine "verbessernde" Therapie folgt.

Diese medizinische Denkweise, von der auch längst Psychologie und Pädagogik angesteckt sind, würdigt die Betroffenen herab, erniedrigt sie zu Objekten, zerstört ihre Identität und entmündigt sie letztlich. Die medizinische Denkweise ist auch durch jene Maßlosigkeit gekennzeichnet, alles menschliche Verhalten in ihr System einordnen zu wollen, und legt damit den Grundstein für die verhängnisvolle Entwicklung von der Therapie zur Therapeutisierung. Nicht ohne Grund zog sich deshalb die Auseinandersetzung über den Therapiebegriff und das dahinterstehende Denken wie ein roter Faden durch viele Veranstaltungen des Gesundheitstages 1981 im sogenannten Behindertenbereich. Die Gleichsetzung von Behinderung mit Krankheit und therapiewürdig ist heute auch ins Alltagsbewußtsein übergegangen und ersetzt da das alte Euthanasie-Denken. Ob es sich tatsächlich um ein neues und anderes Denken handelt, bleibt zu fragen. Die Diskussionen auf dem Gesundheitstag haben diese wie viele andere wichtige Fragen aufgeworfen, ohne sie zu beantworten.

Erinnert werden kann in diesem Zusammenhang an Diskussionen auf dem ersten Gesundheitstag 1980 in Berlin, wo Ulrich Schultz ausführte, daß eine der Bedingungen medizinischer Verbrechen im Nationalsozialismus "die emotionale Distanz von Medizinern zu kranken Menschen" sei, und die "Objektivität" die es den Ärzten damals nicht verwehrte, experimentell zu verstümmeln und zu töten ..." [1]. Emotionale Distanz und Objektivität liegen auch dem heutigen Therapiedenken zugrunde - vielleicht konnte es deshalb so gut das Euthanasie-Denken überlagern.

Was ist gegen dieses sich mit Allmacht durchsetzende Therapiedenken zu setzen, ohne in das fatale Fahrwasser zu geraten, notwendige Therapie, Hilfe und Förderung zu verweigern?

Milani und Roser fordern in ihrem Artikel Förderung der Normalität und der Gesundheit in der Rehabilitation das radikale Umdenken der Gesundheitsarbeiter selbst. Sie wollen kein Übel kurieren, sondern dem behinderten Kind Erfahrungen ermöglichen und ihm so helfen, seine eigene Normalität aufzubauen. Da ich selbst in Florenz war, kann ich sagen, daß mich die beobachtende, der Persönlichkeit des behinderten Menschen zugeneigte Grundhaltung bei Milani am meisten beeindruckt hat. Diese Grundhaltung schützt nicht nur vor vorschnellen Überstülpungen angelernten Therapiewissens auf die Realität, sie ist gleichzeitig Ausdruck, das Anders-Sein des Gegenübers grundsätzlich zu akzeptieren. Keine Abwertung durch geeichte Beobachtungsskalen, kein sonst so oft zu hörendes: "Typisch für diese Behinderung ...!" In dieser Situation geschieht wirklich ein Teil Entprofessionalisierung, wenn auch die Notwendigkeit von Fachwissen nicht geleugnet wird. Therapie wird auf eine Dienstleistung reduziert, die individuell und knapp verordnet sinnvoll sein kann, aber nicht das Leben beherrscht oder gar ersetzt.

Monika Aly schließt sich hier in ihrem Artikel Probleme behinderter Kinder - Therapie als Hilfe oder Hindernis an. Sie fordert, daß nicht der Therapeut bestimmen darf, was das Kind lernen soll, sondern ermöglichen soll, daß das Kind einen jeweils eigenen Weg findet. Der Therapeut soll dazu "die Fäden der (vorhandenen) Normalität aufgreifen".

Cornelia Bliesner und Uta Lamprecht, betroffene Mütter behinderter Kinder, schildern ihren Alltag und ihren Umgang mit dem Therapieproblem.

Auf der großen Podiumsdiskussion mit Roser, Aly und anderen wurde auf dem Gesundheitstag 1981 von Vertretern der Krüppelgruppen diesem neuen Ansatz therapeutischer Bescheidenheit und selbstkritischer Rücknahme der Helfer-Ideologie die Feststellung "Schöne Theorien!" entgegengesetzt. Entmündigung drücke sich auch darin aus, daß - in diesem Falle fortschrittliche - Planer über die Köpfe der Betroffenen hinweg planen und machen. Diese Argumentation der Krüppelgruppen wirft ein Schlaglicht auf die ganze Therapiediskussion: die kritischen Gesundheitsarbeiter können diese zwar anreißen, nicht aber lösen. Nur der Kampf der Betroffenen selbst sowie die politische Auseinandersetzung um die Behindertenpolitik wird zu einer wirklichen Veränderung führen.

Die Betroffenheit von Gesundheitsarbeitern, sich selbst an Besonderung und Ausgrenzung zu beteiligen, kann in solche politische Aktivität umschlagen. Davon handelt der Artikel Frühförderung und Sonderkindergarten - Der Anfang vom Ende der Arbeitsgruppe Integration. Hier beginnt, angestiftet durch die Diskussion auf dem Gesundheitstag 1981 der anti-institutionelle Kampf von Eltern und Gesundheitsarbeitern, allerdings in der minuziösen, aber sehr realen und redlichen Form des täglichen Kleinkrieges gegen die Misere.

In Dänemark ist der Kampf gegen Sonderbehandlung und Aussonderung sehr viel weiter vorangetrieben als bei uns. Henning Seltved vom Erziehungsministerium in Kopenhagen schildert in seinem Beitrag Deinstitutionalisierung in Dänemark, wie kompliziert und widersprüchlich die Durchsetzung des Normalisierungsprinzips verläuft. Fachwissen wird hier wie in Italien nicht einfach über Bord geworfen, sondern bewußt in die Allgemeinpädagogik aufgenommen, so daß aus Sonderpädagogik nicht Sonderbehandlung werden kann.

Mitten in die Wirklichkeit der großen Anstalten für geistig behinderte Menschen führen die Artikel von Rainer Nathow Die Entsorgung findet in den Anstalten statt und von Heike Kühn (Kollegenkreis der Alsterdorfer Anstalten) Löst die Anstalten auf! Die Diskussionen über Therapeutisierung und Therapieboom können sich gegenüber der in diesen Artikeln aufgeführten Unterversorgung wie Luxusgeplänkel ausnehmen. Die Therapiefrage ist aber eng mit der Frage der Abschiebung in die großen Anstalten verbunden. Die Ineinssetzung von Behinderung gleich Krankheit gleich therapiewürdig produziert schnell eine große Gruppe von behinderten Menschen, die nicht mehr als therapiefähig eingestuft werden. Die große Gruppe von "Langzeitpatienten", von "Defektkranken", von "Dauerliegern" wird so auch ideologisch gerechtfertigt. Bei dieser Gruppe der "Ärmsten der Armen" wird ein vielleicht im Reformeifer schnell gezimmertes Förderprogramm gerade im Zeitalter der Sozialkürzungen gestrichen und nackte Verwahrung kommt wieder zum Vorschein. Der "nucleo duro" der Anstalten, der angeblich jeder Eingliederung in die Gesellschaft entgegensteht, wird so erst produziert. Anti-institutioneller Kampf heißt hier Auflösung durch Wohngruppengründungen im großen Stil bei gleichzeitiger ausreichender Versorgung mit Therapie und Förderung innerhalb der Anstalten. Auch hier gilt: normales Leben im Stadtteil soll ermöglicht werden, kein Ersatz für solches Leben durch lebenslange Therapie in der Anstalt.

Zum Abschluß gibt Manfred Schmidt einen Erfahrungsbericht aus dem Selbsthilfezentrum für Anfallskranke in Berlin. Ähnlich wie bei anderen Selbsthilfegruppen im Behindertenbereich stehen hier Prinzipien wie selbständige Organisierung der Betroffenen, gegenseitiger Erfahrungsaustausch, gleichberechtigtes Von-Einander-Lernen im Vordergrund. Die Selbsthilfegruppe ermöglicht es dem Einzelnen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Probleme werden an keinen Experten, keinen Therapeuten mehr delegiert: Das Leben wird in die eigene Hand genommen.

Michael Wunder, Mai 1982

(Der Verlag empfielt den Gesundheitsarbeiter(inne)n aus Band 6 der Dokumentation Gesundheitstag 1980, "Versuche gegen die Hilflosigkeit" besonders den dritten "Knoten im Taschentuch": "Nachgedanken zum Helfersyndrom" von Wolfgang Schmidbauer.)

Quelle:

Michael Wunder: Wider die Therapiesucht!

Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 02.09.2005



[1] Ulrich Schultz: "Soziale und biographische Bedingungen medizinischen Verbrechens", in: Baader/Schultz (Hrsg.): Medizin und Nationalsozialismus. Dokumentation Gesundheitstag Berlin 1980, Band 1. Berlin 1980, S. 184

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