Erziehung oder soziale Hilfe?

Deinstitutionalisierung in Dänemark

AutorIn: Henning Sletved
Themenbereiche: Psychosoziale Arbeit
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.
Copyright: © Dr. med. Mabuse 1987

Erziehung oder soziale Hilfe?

Es ist mir eine Ehre, auf den Gesundheitstag 1981 hier nach Hamburg eingeladen worden zu sein und im Namen meiner Kollegen sprechen zu können. Ich will mit Ihnen über Art und Richtung des Deinstitutionalisierungsprozesses in Dänemark diskutieren. Eine solche Diskussion ist notwendig, weil ich zum einen überzeugt bin, daß in unseren Nachbarländern viele falsche Vorstellungen darüber bestehen, was mit behinderten Menschen in meinem Land geschieht, zum anderen, weil ich davon ausgehe, daß wir uns an der Schwelle zu Veränderungen befinden, die größer sind als in irgendeiner anderen Periode unserer Geschichte.

Wenn man davon ausgeht, daß behinderte Menschen in die normalen Strukturen der Gesellschaft aufzunehmen sind, ist von Interesse, ob es möglich ist, behinderte Menschen - Kinder wie Erwachsene - von Institutionen unabhängig zu machen, zu deinstitutionalisieren. Ich sage das, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der nahezu jedes Problem, das im täglichen Leben auftritt, mit Institutionen gelöst wird.

Obwohl es nicht streng logisch erscheinen mag, werde ich doch unter folgenden Voraussetzungen fortfahren:

  • Vom Standpunkt eines behinderten Menschen aus liegen Welten zwischen einer sozialen Institution und einer erzieherischen Institution.

  • Es gibt in meinem Land unter nichtbehinderten Menschen ein wachsendes Verständnis dafür, daß behinderte Menschen aller Grade und Arten Anteil am normalen Leben haben müssen.

  • Man ist nur fähig, die Situation und die Entwicklung zu analysieren, wenn man die politische, theoretische und praktische Ebene miteinbezieht.

  • Man muß den Inhalt und nicht nur den äußeren Ablauf des Deinstitutionalisierungsprozesses diskutieren.

  • Ich konzentriere mich auf die Probleme behinderter Jugendlicher, aber die im folgenden aufgeworfenen Probleme gelten für alle behinderten Menschen und haben für die gesamte Gesellschaft Auswirkungen.

Das heißt, daß es Auswirkungen hat, wenn behinderte Jugendliche in den normalen Schulen gefördert werden. Dies wird die Entwicklung der Schule insgesamt, aber auch Berufsausbildung und Arbeitsleben beeinflussen.

Das folgende Bild zeigt ein Instrument zur Analysierung eines gegebenen Erziehungssystems. Damit sollen die verschiedenen historischen Entwicklungsstufen unseres Erziehungssystems auf die jeweiligen Merkmale und die Entwicklungstendenzen hin untersucht werden.

 

Information

Erkenntnis

Handlung

Philosophie

Ziele -->

Ideologie -->

Einstellung -->

Theorie

Hypothese -->

Theorie -->

Modell -->

Praxis

Planung -->

Unterricht -->

Ergebnisse -->

Erziehungsmodell, das den fließenden Entwicklungszusammenhang von Information, Erkenntnis und Handlung zeigt.

     

Ich gehe hier nicht ins Detail der theoretischen Grundlagen dieses Modells. Angenommen, das Modell ist richtig, dann zeigt es, daß es einen festen Zusammenhang gibt zwischen der politisch-philosophischen Ebene, der Ebene der Theoriebildung und der Handlungsebene. Jede der drei horizontalen Ebenen verdeutlicht die prozeßhafte Entwicklung über die Stufen Information, Erkenntnis und Handlung. Dieses Modell kann nur als Übergangslösung angesehen werden. Im folgenden werde ich die heutige Situation in meinem Land mit der in den frühen siebziger Jahren vergleichen und am Ende einen kurzen Abstecher in die Zukunft machen.

In den frühen siebziger Jahren hatten wir die Absicht, die Lebenssituation für behinderte Menschen zu normalisieren. Diese Vorstellung stand im klaren Gegensatz zur spezialisierten Hilfe für behinderte Menschen. Es wurde immer offensichtlicher, daß sogar schwer behinderte Menschen mehr normale als behinderte Anteile haben.

Das Konzept der Normalisierung schuf Probleme, indem es implizierte, daß eine bestimmte Art des menschlichen Verhaltens unnormal sei. Es diente jedoch der Zielbestimmung auf der politisch-philosophischen Ebene und gab die Richtung an, in die unsere Gesellschaft gehen wollte.

Während dieser Zeit änderte sich die Ideologie radikal, weg von einer der besseren Menschen, die in ihrer guten Gesinnung behinderten Menschen helfen, hin zu einer Idee der gleichen Rechte für alle. Viele Probleme bei der Durchsetzung des Normalisierungsprinzips entstanden auf Grund der alten Ideologie. Aber auch die neue Ideologie der gleichen Rechte für alle brachte Schwierigkeiten, da es nicht die gleichen Möglichkeiten für alle gab. Gleiche Rechte sind nicht dasselbe wie gleiche Chancen. Um die gleichen Chancen zu haben, braucht man besondere Unterstützung, um durchs Leben zu kommen. So gesehen bedarf es ungleicher Rechte, um für alle die gleichen Chancen zu schaffen.

 

Information

Erkenntnis

Handlung

Philosophie

Ziel:

Normalisierung

Ideologie:

Gleiche Rechte

Einstellung:

Kleine Institutionen

Theorie

Hypothese: Behinderte Menschen werden am besten in Kategorien eingeteilt

Theorie: Allgemeine Pädagogik ist für behinderte Menschen nicht geeignet

Modell: Einteilung der Behinderung in verschiedene Schweregrade

Praxis

Planung:

Sonderpädagogische Prinzipien

Unterricht:

Spezielle Erziehung in seperaten Gruppen

Ergebnisse: Ausschluß behinderter Menschen aus der Gesellschaft

Das Ziel der Normalisierung und die Ideologie der gleichen Rechte - nicht Chancen - führte zunächst nicht zu Deinstitutionalisierung, sondern zur Unterbringung der behinderten Menschen in kleinen Einrichtungen, die netter aussahen, aber in den meisten Fällen das Leben der Betroffenen nicht wesentlich veränderten. "Small is beautiful" [1] war die Parole, die für alle, außer den behinderten Menschen selbst gut war.

An dieser Stelle muß unbedingt erwähnt werden, daß zu dieser Zeit engagierte behinderte Menschen, einige blinde und zu einem größeren Prozentsatz körperbehinderte Menschen, anfingen, an die Tür der Gesellschaft und der normalen Einrichtungen zu klopfen. Es waren natürlich im Gesamtbild nur wenige, und sie fielen zu Anfang nicht so auf.

Wir verlassen nun die philosophische Ebene und gehen über zu der theoretischen, welche in einer Gesellschaft wie der dänischen zu einem weit größeren Teil als angenommen von der politischen Ebene bestimmt wird. Das läßt sich an den Titeln der pädagogischen Untersuchungsprojekte der besagten Periode erkennen. Der Punkt ist, daß die Forscher im großen und ganzen ihre Hypothesen aus der Zeit der großen Institutionen für behinderte Menschen in der Zeit der kleinen, aufgeteilten Einrichtungen für behinderte Menschen nicht änderten. Sie befanden sich dabei in Übereinstimmung mit der noch herrschenden Ideologie und der mehrheitlichen Einstellung der Bevölkerung. Das heißt, daß die theoretischen Erklärungen und Modelle, die sie produzierten, seit dem ersten Weltkrieg im wesentlichen die gleichen waren.

Der Wechsel der Theorie, der dann kam, war ein Wechsel vom rein positivistisch-psychologischen Denken zum pädagogischen. Sein Ursprung lag in den Klassenzimmern der Regelschulen für Kinder und Jugendliche. Dieser Wechsel in der wissenschaftlichen Theorie bedeutete ein enormes Umdenken für die Förderung behinderter Menschen in unserer Gesellschaft, wenn auch die Auswirkungen im einzelnen nur sehr langsam sichtbar wurden.

Wenn man die politische Ebene und die Ebene der Theoriebildung der damaligen Zeit aus der Sicht der Deinstitutionalisierung untersucht, kommt man zu dem Ergebnis, daß das sogenannte "Skandinavische Modell" lange Zeit nicht von den Untersuchenden und Wissenschaftlern verfolgt wurde. Der Grund hierfür scheint mir in der politischen Ebene zu liegen, auf der widersprüchliche Ziele, Ideologien und Haltungen angegeben wurden, so daß sich die Wissenschaftler nicht motiviert sahen, den Blickwinkel für ihre Untersuchungen zu ändern. Dies ruinierte das "Skandinavische Modell" lange Zeit, und es hatte keinen richtigen Erfolg. Die Lehrer in den Schulen bekamen keine neuen Materialien und Anregungen für ihre Arbeit, so daß die Sonderbehandlung in den Schulen durch die Bildung spezieller Gruppen fortbestand. Ähnliche Prozesse waren auch in anderen Institutionen zu beobachten. Und natürlich kamen die behinderten Jugendlichen nach dieser Ausbildung nicht vermehrt in das normale Leben der dänischen Gesellschaft weder im Bereich der Arbeit noch der Freizeit noch im Bereich der beruflichen Aus- und Fortbildung.

Die Situation behinderter Menschen in meinem Land vor zehn Jahren bekam international gute Noten, hat sie aber, meiner Meinung nach, nicht verdient. Wenn wir uns die Berufsausbildung für Jugendliche heute, zehn Jahre später, betrachten, finden wir eine ziemlich andere Situation vor.



[1] "Klein ist schön!". Das Buch Small is beautiful von E.E. Schumacher ist auf deutsch mit dem Titel Zurück zum menschlichen Maß erschienen.

Entwicklung eines neuen Modells

Das ursprüngliche Vorgehen wurde verlassen zugunsten eines Normalisierungsprozesses, der abgestimmt ist auf die Erfordernisse des individuellen Falles.

Wir gehen heute von der Idee aus, daß gerade die bestehende Variation in den menschlichen Fähigkeiten jedem Schüler oder Auszubildenden das Recht gibt, seine eigene Kompetenz entsprechend allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu entwickeln. Für die politische Handlungsebene hat dies zur Folge, keine aussondernden, speziellen Institutionen zu schaffen. Die politische Aussage ist viel klarer als die entsprechende von zehn Jahren davor.

Vor diesem Hintergrund gab es eine Reihe von Versuchen, die Forschung auf nicht kategorisierenden Hypothesen aufzubauen. Es kam zu theoretischen Erklärungen, welche die ganze Perspektive für behinderte Menschen in normalen Einrichtungen änderte. Der Standpunkt setzte sich immer mehr durch, behinderten Menschen mehr Raum zu geben in der Gesellschaft, da sie selbst in der Gesellschaft und nicht außerhalb der Gesellschaft stehen wollten.

Die Modelle, die aus einer pädagogisch fundierten Forschung entstanden, sind zur Zeit eher als Konzepte zu charakterisieren, die sie nicht benutzen, als durch eindeutig definierte positive Begriffe. Zum Beispiel besteht allgemeine Übereinstimmung, keine Diagnosen oder Prognosen zu verwenden. Dies ist ein gutes Zeichen dafür, daß die neue Theorie ihren Ursprung in der normalen "Regel"-Erziehung hat und nicht in der Sonderpädagogik. Diese Modelle haben viel mehr differenzierte Lernmethoden, differenziertes Lernmaterial und viel mehr Wissen über den Lernvorgang - nicht nur vom Lehrer aus, sondern auch von anderen Bedingungen innerhalb und außerhalb des Klassenraumes - mit sich gebracht als jemals zuvor in der Geschichte der Erziehungswissenschaften meines Landes. In der konkreten Lernsituation im Klassenzimmer ist heute viel mehr Sensibilität des durchschnittlichen Lehrers zu finden als vor zehn Jahren. Die Ursache dieser Entwicklung ist darin zu sehen, daß die Anstöße in den 60er und frühen 70er Jahren von den Sonderpädagogen und Spezialisten kamen, während sie jetzt von der Bewegung innerhalb der normal ausgebildeten Lehrer kommen.

 

Information

Erkenntnis

Handlung

Philosophie

Ziel:

Dezentralisierung

Ideologie:

Alle Schüler

Einstellung:

Keine Sonderinstitutionen

Theorie

Hypothese:

Keine Kategorienbildung

Theorie:

Beseitigung des "Behinderten-konzepts"

Modell:

Keine Diagnose!

Keine Prognose!

Praxis

Planung:

Erfüllung spezieller Bedürfnisse innerhalb des normalen Systems

Unterricht:

Verbesserung des Regelunterrichts

Ergebnisse:

Der neue Weg!

Kommen wir zur Berufsausbildung. Die folgende Aufstellung zeigt, was geschah und wie auch der Weg der anderen Teile der öffentlichen Erziehung sein wird, damit hierin behinderte Jugendliche aufgenommen werden können.

Wechsel in der normalen, öffentlichen Erziehung, Alter 16 - 19

  • Mehr Gewicht auf allgemeine als auf spezielle erzieherische Aufgaben

  • Mehr Gewicht auf nicht-akademische Aktivitäten

  • Unbegrenzte Öffnung, um spezielle Bedürfnisse in den normalen Strukturen befriedigen zu können

  • Keine ausschließende öffentliche Erziehung: Zulassungsbeschränkung nur noch zahlenmäßig

  • Erziehung zur eigenen Kompetenz in allen Schultypen

Dieses Modell läßt auch noch weiterreichende Schlußfolgerungen zu: In einer Gesellschaft, welche auf der Basis von Chancengleichheit für alle ihre Mitglieder Sorge tragen will, hat ein Behinderten-Konzept im alten Sinne keinen Platz. Alle Jugendlichen brauchen eine Berufsausbildung. Die Vorbedingungen für eine öffentliche und einheitliche Erziehung, die auch den speziellen Bedürfnissen behinderter Jugendlicher gerecht wird, ist auch eine veränderte Lehrerausbildung.

Das Training von Spezialisten ist keine Vorbedingung. Es soll verhindert werden, daß Spezialisten in ihrem Gebiet wieder ihre eigene, allumfassende und künstliche Welt aufbauen und damit das normale Leben behinderter Menschen verhindern. Aber es ist auch nicht daran gedacht, das Wissen der letzten 50 Jahre einfach über Bord zu werfen, zum Beispiel wie man tauben Menschen die Sprache und blinden Menschen die Fortbewegung beibringt. Dieses und ähnliches Wissen wird in der Zukunft durch Beratung vermittelt werden, so daß es nicht die normale Umgebung, in der behinderte Menschen leben, arbeiten, sich erholen und ausgebildet werden, beherrscht.

Es ist in der Vergangenheit von einigen Konservativen gesagt worden, daß dieser Weg, das Leben behinderter Menschen unter den normalen Bedingungen zu ermöglichen, den Ausschluß des Fachwissens einschließe. Das ist natürlich nicht der Fall. Es gibt mehr als einen Weg, Unterstützung und Ausbildung für eine Person zu sichern. Im nächsten Bild ist zu sehen, daß wir mit zwei kombinierten Lösungen arbeiten, um dem Problem gerecht zu werden. Die eine Lösung besteht darin, das Wissen über pädagogisches Vorgehen allgemein zu erweitern, so daß alle spezifischen Schwierigkeiten der Schüler angegangen werden können, ohne die Schüler aus den normalen Strukturen herauszunehmen. Das ist die wichtigste Lösung.

Die zweite Lösung ist die, die schulische wie die berufliche Ausbildung durch Fachberatung zu unterstützen. An allen Schulen in meinem Land gibt es bereits solche Fachberater. Ziel der Berater muß sein, die Lehrer wie die Schüler zu befähigen, ihre Probleme selbst zu lösen, oder in bestimmten Fällen auch Hilfe von außen anzufordern.

Vorbedingungen für das neue Modell der öffentlichen Erziehung, die sonderpädagogische Konzepte überwindet sind:

  • 15-wöchentlicher Kurs in normaler Lehrerausbildung,

  • Lehrertraining zur Führung der Schüler, zur Führung von Lehrern, zur Führung der Gemeinschaft

  • Anschlußkurs für Lehrer, die bereits arbeiten,

  • fortgesetztes Training von Lehrern, die spezielle Erfordernisse bei hör-, seh-, und sprechgeschädigten Schülern erkennen sollen.

Integrierte Erwachsenen-Ausbildung

Wie sie aus dem Bild [Bild aus einem Comic von Asterix und Obelix - nicht verfügbar] ersehen können, handelt es sich direkt um unsere heutigen Probleme. Das Bild gibt Ihnen vielleicht einen Einblick, wie schnell sich die Dinge ändern, nicht nur im Bereich der Berufsausbildung für Jugendliche, sondern auf allen Gebieten unserer erzieherischen Tätigkeit.

An diesem Punkt ist auf das Ziel hinzuweisen, das "Behinderten-Konzept" zu beseitigen, um zu dem Ergebnis zu kommen, alle Auszubildenden in die normale Ausbildung einzubeziehen. Das ist für die berufliche Ausbildung zur Zeit der Fall, da wir allen Auszubildenden eine intensive Förderung anbieten, um ihren selbstgesteckten Zielen nachzukommen. Zu diesem Zweck können Prinzipien der allgemeinen Pädagogik ein gutes Stück weit genutzt werden. In der Tat sind wir auf kein einziges allgemeines Erziehungsprinzip gestoßen, das sich in der allgemeinen Erziehung bewährt hatte und nicht auch für behinderte Menschen angewandt werden konnte. Es konnte bewiesen werden, daß viel sonderpädagogisches Spezialisten-Wissen - wie zum Beispiel behinderte Menschen Informationen von außerhalb aufnehmen, wie sie mit den Informationen arbeiten und daraufhin handeln - einer medizinischen Sichtweise der Dinge entstammt und sehr wenig pädagogischen Wert für den Lehrer hat, dessen Problem es ist, den Lernprozeß in den Klassenzimmern und Workshops in Gang zu setzen.

 

Information

Erkenntnis

Handlung

Philosophie

Ziel:

Abschaffung des "Behinderten-konzepts"

Ideologie:

Alle Schüler bleiben in der normalen Erziehung

Einstellung:

Fortwährendes Hilfsangebot, um nach eigenen Wünschen leben zu können

Theorie

Hypothese:

Allgemeine Pädagogik-Prinzipien können Anwendung finden zum Nutzen aller Schüler

Theorie:

Lehrerausbildung in entsprechender Theorie

Modell:

Integration dezentral deinstitutionell

Praxis

Planung:

Keine Spezialisten, kommunale Planung

Unterricht:

Weniger Gewicht auf eine spezielle Erziehung, mehr Gewicht auf allgemeine Erziehung

Ergebnisse:

Kompetenz in verschiedenen Arbeitsbereichen

Arbeit

Unsere Erfahrungen sind im großen und ganzen bis jetzt, daß das Wissen, das wir den normal ausgebildeten Lehrern weitergeben müssen, darin besteht, Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten, als Lehrer zu haben und ihnen zu zeigen, welche der Fähigkeiten am wichtigsten sind, um besondere Erziehungsprobleme zu bewältigen. An dieser Stelle mag nützlich sein zu sehen, daß wir gelernt haben, daß die Beteiligung behinderter Menschen an der Gesellschaft nicht gelöst werden kann durch die Ausbildung von Spezialisten in einigen traditionell von der Sonderpädagogik hervorgehobenen Behinderungsarten. Auf diesem Weg dauert es zu lange. So wird es niemals funktionieren. Spezialistenwissen wird niemals benutzt, um aus den Ecken der Gesellschaft in den Hauptstrom der Gesellschaft zu kommen, in dem behinderte Menschen leben können sollen. Das ist ein Ergebnis der Veränderungen in unserer Gesellschaft.

Sie erfordern:

  • schnelle Veränderung der am Arbeitsplatz erforderlichen Fähigkeiten,

  • die notwendige Weiterentwicklung der einzelnen Berufsbilder

  • den ständigen Wandlungsprozeß der Arbeitsbedingungen,

  • neue Anforderungen an die Ausbildung,

  • den lebenslangen Lernprozeß, ständige Fortbildung und

  • die Notwendigkeit für den einzelnen, viele Fähigkeiten zu haben.

Im Bereich der Erziehungsziele haben große Veränderungen stattgefunden. Das ist wichtig, weil sich die ganze Anschauung über die Rolle der Schule in unserer Gesellschaft gewandelt hat. Aber noch wichtiger ist, daß sich die Arbeitsbedingungen für junge Leute, wenn sie die Schule verlassen haben, radikal geändert haben. Das bedeutet z.B., daß fast kein Jugendlicher nach neun Jahren öffentlicher Schulausbildung eine Arbeit bekommt. Es wird erwartet, daß der Bewerber für eine Arbeit wenigstens ein bißchen Berufsausbildung hat. Das betrifft auch behinderte Menschen. Wenn man einen Job hat - und bis man den hat, kann man viel Ärger haben - wechseln die Anforderungen innerhalb eines Jobs viel schneller als früher. Als Arbeitnehmer muß man heute seine Fähigkeiten mindestens in der gleichen Geschwindigkeit ändern. Das bedeutet für die behinderten Menschen, daß sie in der Industrie viele entwickelte Fähigkeiten benötigen und sich selbst, wie eigentlich jeder, in einem lebenslangen Ausbildungs- und Umlernprozeß sehen. Dies ändert sicherlich den Wert einer gegebenen Ausbildung.

Alle diese und andere Veränderungen in unserer Gesellschaft hatten zur Folge, daß sich bei allen Schwierigkeiten neue Möglichkeiten für behinderte Menschen eröffneten, und es ist unsere Pflicht zu versuchen, sie zu nutzen.

Das nächste Bild zeigt, wie die Dinge sich verändern werden, wenn wir in der bisher begonnenen Art und Weise fortfahren.

 

Information

Erkenntnis

Handlung

Philosophie

Ziel:

Jeder hat ein Recht auf Ausbildung

Ideologie:

Jeder zieht Vorteile aus differenziertem Unterricht

Einstellung:

Jeder sollte seinen Fähigkeiten entsprechend angeleitet werden

Theorie

Hypothese:

Allgemeine Erziehungsprinzipien erfüllen Bedürfnisse aller Lernenden

Theorie:

Lehrerausbildung muß die Klassenraumsituation insgesamt reflektieren

Modell:

differenzierte Handlungs-Pädagogik

Praxis

Planung:

Ausbildungsplanung auf praktische Erfordernisse abgestellt

Unterricht:

Problemlösung auf konkreter Basis

Ergebnisse:

veränderungs-

entwicklungs- und

lernorientiert

Es ist wichtig, die Idee zu begreifen, den Prozeß, den wir in Gang gesetzt haben, als nur die Momentaufnahmen von heute zu betrachten. Daran ist dann zu erkennen, daß die ganze Art der Ausbildung und Erziehung geändert werden muß, um das Recht auf Ausbildung wirklich für alle durchzusetzen.

Dieser Prozeß ist bei uns begonnen worden, stärker in den öffentlichen Schulen und der Berufsausbildung, weniger in der Erwachsenenbildung. Abgeschlossen ist der Prozeß noch nirgends.

Integrierte Erwachsenenbildung

Ein Modell für alle Lernenden, um ihre Fähigkeiten zu erweitern

Ein wichtiges Problem besteht zwischen unserem sozialen Leistungssystem und dem Erziehungssystem. Zur Zeit sieht es so aus, daß der Wechsel vom Rehabilitationsdienst, organisiert vom Ministerium für Soziales, zum System der Erziehung und Ausbildung für den einzelnen behinderten Menschen sehr schwierig verläuft. Da ich selbst in beiden Gebieten gearbeitet habe, bin ich sicher, daß wir es mit einem schwerwiegenden Problem zu tun haben. Insbesondere ist es für die behinderten Menschen, die selbst nicht so aktiv handeln können, schwierig, das eine oder andere System je nach Erfordernissen zu gebrauchen.

Das Problem ist auf der einen Seite die Zuteilung von Unterstützung überhaupt, auf der anderen Seite die Art der Entscheidung, die dem Individuum ermöglicht, sein Leben selbst zu bestimmen. Der Konflikt zwischen diesen beiden Systemen ist nicht nur der Konflikt zwischen zwei Philosophien, zwischen zwei theoretischen Erkenntnissen und zwei verschiedenen Arten von Praxis. Es ist ebenfalls ein praktischer Konflikt um die Selbstbestimmungsmöglichkeit der Betroffenen. Aber das Wesentliche ist, daß wir Wege und Strategien finden, damit beide Systeme zusammenarbeiten können zum Nutzen der betroffenen Menschen.

  • In Dänemark wünschen wir keine großen Anstalten. Darüber gibt es keinen Zweifel!

  • Wir wollen in Dänemark, daß behinderte Menschen nicht länger Menschen zweiter Klasse sind - dafür halten sich Staat und Gemeinden verantwortlich!

  • Wir wollen in Dänemark nicht, daß irgendwelche Personen durch irgendwelche auffallenden Merkmale etikettiert werden!

  • Wir wollen in Dänemark nicht, daß irgendwer registriert oder getestet wird aus politischen, theoretischen oder praktischen Gründen!

  • In Dänemark hat keiner keine Fähigkeiten, solange wir nicht die Fähigkeiten oder Geschicklichkeiten wegnehmen!

Zeitungsmeldung

Ein Dorf lernt Taubstummensprache

Hällefornas (AFP). In Schweden lernt ein ganzes Dorf die Taubstummensprache, um sich mit dem seit seiner Geburt tauben elfjährigen Per Ola unterhalten zu können. Zunächst hatten auf Betreiben des Elternverbandes von Hällefornas nur die Kinder jeden Montag Kurse in der Taubstummensprache belegt, seit kurzem jedoch folgen auch die Eltern diesem Beispiel. Tsp. 17.7.82

Quelle:

Henning Sletved: Erziehung oder soziale Hilfe? Deinstitutionalisierung in Dänemark

Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 02.09.2005

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