Behinderte Menschen unterm Hakenkreuz

Vorwort zu Teil I

AutorIn: Stefan Romey
Themenbereiche: Eugenik
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.
Copyright: © Dr. med. Mabuse 1987

Inhaltsverzeichnis

Vorwort zu Teil I

Herabwürdigung, Aussonderung, Verstümmelung und Ermordung sind - soweit die Geschichte der Menschheit zu verfolgen ist nahezu ungebrochene Formen des Umgangs mit behinderten Menschen. Diese menschenverachtenden Verhaltensweisen fanden ihre Zuspitzung in der Zeit der faschistischen Herrschaft[1].

Die Überlebensmöglichkeit eines behinderten Menschen hing hier allein vom Wert seiner Arbeitskraft ab. Dabei offenbarte sich das NS-Regime in Deutschland auch in diesem gesellschaftlichen Bereich in einer die gesamte faschistische Epoche kennzeichnenden Widersprüchlichkeit: Die Nazis hatten dem deutschen Volk Frieden, Arbeitsplätze, Achtung der Menschenrechte, Mehrung des Wohlstandes, ausreichenden Wohnraum u.ä.m. versprochen. Sie entfesselten jedoch den Zweiten Weltkrieg, ordneten alle Arbeiten der Rüstungswirtschaft unter, herrschten mit Terror und Willkür und stürzten Millionen Menschen in Hunger, Elend, Armut und Obdachlosigkeit. Im Hinblick auf behinderte Menschen spitzte sich dieser Widerspruch zu einer unerträglichen Totalität zu: So wurden zum einen über hunderttausend nichtarbeitsfähige behinderte Menschen aufgrund eines zynischen Kosten-Nutzen-Modells und einer rassistischen Weltanschauung ermordet. Zum anderen verursachten der faschistische Terror und die Eroberungsfeldzüge der deutschen Wehrmacht millionenhaft Behinderungen und psychische Erkrankungen. Faschismus und Krieg sind bis heute die wesentlichen Ursachenfaktoren für vielfältige Behinderungen und Erkrankungen! Kennzeichnend sei in diesem Zusammenhang darauf verwiesen, daß die Organisationen der Kriegsopfer und Hinterbliebenen die größten Behindertenverbände sind.

Ausreichend Gründe also, umfänglich und differenziert den Bereich Behinderung und Faschismus zu erforschen. Wenn man jedoch die entsprechende Fachliteratur bzw. die öffentliche Meinungsbildung in den Medien der letzten Jahrzehnte untersucht, fällt auf, daß dieses Thema weitgehend tabuisiert wurde und wird. Erst mit dem Anwachsen einer fortschrittlichen Bewegung im Gesundheits- und Sozialbereich kam es zu einer breiteren Diskussion[2].

Gerade bundesdeutsche Forscher - größtenteils noch durch ihr eigenes Leben im NS-Staat geprägt - trugen bzw. tragen zu dieser Tabuisierung der Herrschaftszeit des Faschismus bei. Darüberhinaus lassen die vorwiegend psychologisierenden Erklärungsmuster (z.B. "Der Hitler in uns") in den wenigen wissenschaftlichen Veröffentlichungen die systematischen Mordaktionen der Nazis lediglich als Bestandteil einer irrationalen Weltanschauung erscheinen. Zusammenhänge können nicht hergestellt werden.

Die Einbeziehung weitergehender, vor allem ökonomischer, politischer und sozialer Gesichtspunkte in der Erklärung faschistischer Greueltaten hätte zudem eine besondere Brisanz gegenüber heutigen Entwicklungsprozessen und Strukturen beinhaltet. Dies gilt umso mehr, wenn man die genaue Kenntnis der Ursachen solcher historischer Ereignisse als wesentliche Voraussetzung zur Einschätzung derzeitiger Erscheinungen und Vorgänge begreift. So läßt beispielsweise die Rückdatierung des nazistischen Erlasses zur systematischen Ermordungsaktion gegen behinderte Menschen auf den 1. September 1939 schlaglichtartig einen Zusammenhang zwischen Zielen, Inhalten und Formen der Behandlung behinderter Menschen und dem damaligen Gesellschaftssystem erkennen. Der 1. September 1939 war mit dem Überfall auf Polen der Beginn des Zweiten Weltkrieges! Dieser Krieg wurde mit der Rückdatierung nicht nur nach außen, sondern auch nach innen geführt[3]. Die Datumsveränderung erfolgte nach der Aussage Karl Brandts, eines Hauptverantwortlichen für die Massenmorde an behinderten Menschen, um zum Ausdruck zubringen, "daß dieser Erlaß die Form ist, in welcher während der Kriegszeit dieses Euthanasieprogramm und seine Maßnahmen durchgeführt werden können" [4].

Wer den genannten Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Bedingungen und Behindertenfürsorge nicht erkennen kann bzw. will, bleibt in hilflosen Argumentationsversuchen stecken. Für ihn ist die durch Rassendoktrin und Lehre von der Brutalität gekennzeichnete faschistische Weltanschauung ein Menetekel des Bösen und nicht ableitbar aus klar zu benennenden ökonomischen und politischen Interessen. Er findet keinen Zusammenhang dazu, daß diese Weltanschauung als Legitimation für die Massenverfolgung und -ermordung behinderter Menschen diente, um Sozialausgaben in Rüstungskosten umwidmen zu können und um Personal (Pflegekräfte, Ärzte usw.) sowie Gebäude und Material (Umwandlung der Anstalten in Kriegslazarette, HJ-Schulen u.ä.) freizusetzen.

So ist es nicht die Unfähigkeit zu trauern, wie es noch in der Broschüre der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) Holocaust und die Psychiatrie anklingt[5], die das über 40jährige Schweigen über das NS-Mordprogramm erklärbar macht. Vielmehr ist es die Konsequenz, die sich aus der Analyse der Vergangenheit ergeben würde. Denn die gründliche Erforschung der Massenmorde an behinderten Menschen, der Opfer der Zwangssterilisation sowie der unzähligen Gesundheits- und Spätschäden - gerade unter Berücksichtigung ökonomischer und weltanschaulicher Gesichtspunkte - verdeutlicht die Gefährlichkeit heutiger Tendenzen.

So kann es auch heute, vergleichbar der Weimarer Zeit, zur zumindest ideologischen Weichenstellung in Richtung auf neue Massenverfolgung und -ermordung kommen. Dabei kann gerade die Einstufung behinderter Menschen nach einem Kosten-Nutzen-Modell die Unmenschlichkeit solcher Gesichtspunkte aufzeigen. An dieser grundsätzlichen Gefahr ändert auch nichts die gegenüber früheren Epochen relativ gesicherte Versorgung. Denn aus dem faschistischen Programm einer Asylierung, Sterilisierung und Ermordung behinderter Menschen ergibt sich die Notwendigkeit, tiefgreifende Veränderungen herbeizuführen. So muß gegen jede Aussonderung in besondere Einrichtungen wie Sonderkindertagesgärten, Sonderschulen, Sonderheimen, Sonderwerkstätten u.ä.m. gekämpft werden. Die Selbstverwirklichung behinderter Menschen durch die selbstverständliche Einbeziehung in Kindergärten, Schulen usw., die Bereitstellung ausreichender Ambulanzen in diesen Bereichen, die Einrichtung selbstbestimmter Wohngruppen etc. sind Bestandteil solcher Notwendigkeit.

Aus der Erkenntnis, daß die Verfolgung, Verstümmelung und Vernichtung behinderter Menschen keine Besonderheit der Faschisten war, ergibt sich, alle Anzeichen einer möglichen Parallele ernst zu nehmen und ihnen entschlossen zu begegnen. Dies gilt vor allem für die beiden ersten Stationen des faschistischen Weges von der Asylierung über die Sterilisierung zur Ermordung. Die Aussperrung behinderter Menschen vom öffentlichen Leben durch die Unterbringung in Sondereinrichtungen und Großanstalten sowie die Aufhebung des Grundrechtes auf körperliche Unversehrtheit durch Zwangssterilisierungen sind auch heute Alltag. Daß nur wenige über diese alltäglichen Unmenschlichkeiten und Ungeheuerlichkeiten erschrecken und dagegen kämpfen, zeigt die hohe Gefahr! Der Entwurf eines Gesundheitssicherstellungsgesetzes läßt erahnen, daß weitergehende Schritte (so die Räumung und Verlegung von Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Kinder- und Behindertenheimen (!) nach § 4 des Entwurfes) im Kriegsfalle zu ähnlichen oder gleichen Maßnahmen wie in der jüngsten Vergangenheit führen können.

Ziel der Referenten auf dem Gesundheitstag 1981, die zum Bereich Behinderung und Faschismus gesprochen haben, war es aufzuzeigen, daß heute die Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden müssen. Dabei wurde mit dein Beitrag Von der Aussonderung zur Sonderbehandlung versucht, einen Überblick über die faschistischen Verbrechen zu geben und mögliche Parallelen zu heute aufzuzeigen. Dieser Ansatz wurde im Hinblick auf historisch weiter zurückliegende Ereignisse und Prozesse im Referat Mißachtet - ausgesondert - vernichtet:Zur Geschichte der Krüppel vervollständigt. Der Aufsatz Asylierung - Sterilisierung - Abtransport[6] zeigt exemplarisch Ursachen und Entwicklungsstufen nazistischer Mordpolitik auf. Der abschließende Bericht eines Augenzeugen verdeutlicht aus der Sicht des Betroffenen die dringende Notwendigkeit, eine Wiederholung der Geschichte nicht zuzulassen und Alternativen eines menschenwürdigen Lebens zu entwickeln.

Stefan Romey, März 1982

Quelle:

Stefan Romey: Behinderte Menschen unterm Hakenkreuz

Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.

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Stand: 27.04.2006



[1] Unter Faschismus soll ein Herrschaftssystem verstanden werden, das durch Unterstützung

von Schwerindustriellen, Finanzgrößen, Großgrundbesitzern, Teilen des Militärs u.a. zur Macht gekommen ist, und das deren Privilegien sichern und mehren helfen soll. Der Faschismus vernichtet alle demokratischen Freiheiten und übt hemmungslosen Terror gegen seine Feinde, insbesondere die Arbeiterbewegung, aus. Kernbestand faschistischer Denkweise sind rassistische, nationalistische, militaristische und antidemokratische Anschauungen.

[2] Hier wirkten sich auch Anstöße durch die Medien (z.B. Ausstrahlung der Sendung Holocaust) positiv aus. (Vgl. hierzu Klaus Dörner u.a.: Der Krieg gegen die psychisch Kranken. Rehburg-Loccum 1980)

Umfassende Diskussions- und Forschungsergebnisse liegen ansatzweise vor, vIg. Baader/Schultz (Hrsg.): Medizin und Nationalsozialismus. Dokumentation des Gesundheitstages 1980. Band 1. Berlin 1980; Güse/Schmacke: Psychiatrie zwischen bürgerlicher Revolution und Faschismus. Kronberg 1976; Jantzen: "Behinderung und Faschismus", in: Ders. (Hrsg.): Konstitutionsprobleme materialistischer Behindertenpädagogik. Lollar 1977; Nowak: Euthanasie und Sterilisierung im Dritten Reich. Göttingen 1980; Mitscherlich/Mielke: Medizin ohne Menschlichkeit. Frankfurt/M. 1978; Wuttke-Groneberg: Medizin im Nationalsozialismus. Tübingen 1980.

[3] Die Massenmordaktion gegen behinderte Menschen war das Versuchsstadium der sog. Endlösung gegen politische Gegner des NS-Regimes, Menschen jüdischen Glaubens und andere Völker.

[4] vgl. Mitscherlich/Mielke: Medizin ohne Menschlichkeit. Frankfurt/M. 1978 (Neuauflage), S. 287

[5] abgedruckt in: Dörner ua.: Der Krieg gegen die psychisch Kranken. Rehburg-Loccum 1980

[6] Dieser Vortrag wurde nicht auf dem Gesundheitstag gehalten. Elemente sind in die Diskussionen der verschiedenen Veranstaltungen eingegangen. Es erschien uns aber sinnvoll, beispielhaft das Naziprogramm an einer Anstalt in seinen verschiedenen Stufen aufzuzeigen. In diesem Zusammenhang sei darauf verwiesen, daß die einzelnen Beiträge aufeinander abgestimmt wurden. Überschneidungen wurden weitgehend durch Kürzungen gemieden, Fragen aus der Diskussion soweit wie möglich durch Neubearbeitung beantwortet.

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