Krüppelfrauen, erobern wir uns den Tag!

AutorIn: Nati Radtke
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.
Copyright: © Dr. med. Mabuse 1987

Krüppelfrauen, erobern wir uns den Tag!

Den Tag wieder erobern heißt für uns nichts anderes, als daß wir ein selbstbestimmtes Leben leben wollen. Wir wollen unseren Lebensraum, unsere Wohnung, unsere Freunde, unsere Kleidung, wann wir aufstehen oder zu Bett gehen wollen, selbst bestimmen und noch ganz schön viel mehr. Wir müssen herauskriegen, wie und wo genau Unterdrückung und Diskriminierung gegen uns Krüppelfrauen deutlich wird. Wir denken, daß das nur in einer Krüppelfrauengruppe möglich ist.

Oft hören wir von nichtbehinderten Frauen das Argument: "Wir leiden alle unter den Normen." Das stimmt, aber wir denken, es gibt Unterschiede. Die Normen sind fest vorgegeben. Z.B. der Grad der Schlankheit, die Form des Gesichtes, die Länge des Körpers und seiner Gliedmaßen, der Gemütszustand (fröhlich sein, glücklich sein). Wir Frauen aber sind unterschiedlich, mit verschiedenen Körpern, verschiedenen Lebensauffassungen und verschiedenen Zielen, die wir im Leben erreichen wollen. Aber alle haben wir die Normen verinnerlicht, mit der Hoffnung, ihnen einmal zu entsprechen. Die Norm erfüllen bedeutet, einen Platz in der Gesellschaft zu haben, der mit Glück, Zufriedenheit und Anerkennung verbunden ist. So unterschiedlich unsere Körper sind, so unterschiedlich sind auch unsere Ausgangspositionen, die uns der Norm näher bringen sollen (z.B. ob wir dick, dünn, groß, klein, alt, jung, behindert oder nichtbehindert sind). Daraus ergibt sich auch eine unterschiedliche Betroffenheit. So ist es bei einer Krüppelfrau offensichtlich, daß sie die Norm des wohlproportionierten Körpers nie erreichen wird, während die dicke Frau die Möglichkeit hat, abzunehmen.

Wir müssen aufdecken, wie sehr wir die Normvorstellungen angenommen haben und herausfinden, inwieweit wir einem Hoffnungsschimmer nachjagen, der uns von uns selbst entfernt. Wir wollen klarkriegen, daß Wunschvorstellungen, die wir haben, von außen aufgepfropft sind und nicht unseren wirklichen Bedürfnissen entsprechen, sondern davon ablenken.

Wo stehen wir? Wir brauchen ein Selbstverständnis, das aus uns kommt, mit dem wir ausdrücken, was wir wollen. In einer Frauengruppe mit nichtbehinderten Frauen treten unsere Probleme, die wir aufgrund unserer Behinderung haben, in den Hintergrund. Einmal weil wir gelernt haben, im Hintergrund zu stehen, zweitens, weil wir Nichtbehinderte nicht mit unserer Existenz erschrecken wollen. Das hat zur Folge, daß wir selbst vor unserer Behinderung erschrecken. Wir haben gelernt, nicht über uns selbst und unsere Behinderung zu reden. Meistens reden andere über oder für uns. Das fängt z.B. schon im Geschäft an, wo die Frau, die den Rollstuhl schiebt, gefragt wird, was sie möchte, und die Frau, die im Rollstuhl sitzt, weiter nicht beachtet wird. Oder in einer Interessengemeinschaft, in der Behinderte und Nichtbehinderte zusammen arbeiten, sind meistens die Nichtbehinderten die Sprecher/innen und werden zum Mittelpunkt der Gruppe. Dieses Verhalten soll abgeschafft werden. Wir wollen für uns selbst sprechen. Das ist leichter gesagt als getan. Denn für uns selber sprechen bedeutet einerseits, Verantwortung für uns selbst tragen, unabhängig sein, und andererseits eine bequeme Lage aufgeben. Das heißt, es bequem zu haben, geschieht anscheinend zu unserem Besten - auf Kosten unseres eigenen Willens, den wir an die Helfer abgeben.

Die Betroffenheit, die ich bei einigen Themen bei der Vorbereitung zum Gesundheitstag empfand, habe ich bei den Frauen in der Veranstaltung wiedergefunden. Die Veranstaltung selber war dann erst mal hauptsächlich ein Kennenlernen. Zur Veranstaltung kamen viele Krüppelfrauen. Wir hatten uns in der Vorbereitungsgruppe ausgemalt, daß wir in der Veranstaltung nur drei oder vier Frauen sind und keine sagt ein Wort. Die Angst erwies sich bald als unbegründet.

Das Thema der Diskussion sollte das Helfen aus unserer Sicht sein. Wir hatten uns einige Fragen überlegt:

  • Was bedeutet es für uns, Hilfe zu benötigen?

  • Welche Arten der Hilfe gibt es?

  • Wie gehen wir damit um, wenn uns geholfen wird?

  • Wie gehen wir mit der Machtstruktur Helfer - Krüppel um?

  • Kann bei dem ungleichen Verhältnis Helfer - Krüppel eine gleichwertige Freundschaft möglich sein?

Diese Themen sollten Vorschläge sein, wir wollten uns nicht darauf festlegen, falls mehr Interesse an einem anderen Thema bestanden hätte. Das war dann auch so.

Einige wollten über das Schönheitsideal von Frauen reden, das auf nichtbehinderte Frauen zugeschnitten ist. Viele von uns wurden als Neutren erzogen und lebten in dem Zwiespalt, Neutrum bzw. Frau zu sein. "Immer wieder wurde mir gesagt, daß ich keinen Mann bekäme, aber zur Konfirmation bekam ich Aussteuer geschenkt." Es stellte sich heraus, daß wir von den Norm- und Wertvorstellungen, nach denen nichtbehinderte Frauen be- bzw. verurteilt werden, nicht frei sind. Wir versuchten soweit wie möglich, die Normvorstellungen an uns zu verwirklichen, denn wer die Norm erfüllt, wird in der Männerwelt als Frau anerkannt. Wir begreifen immer mehr, daß Normen ein Unterdrückungsinstrument der Männer sind.

Als wir zu dem Thema Helfen kamen, standen Erlebnisberichte im Mittelpunkt. Einige Frauen erzählten von der Situation, in der sie lebten. Das Thema Schönheitsideal wie das Thema Helfen lösten in der Gruppe große Betroffenheit aus. Für mich wäre es zu wenig, wenn es bei dieser Betroffenheit bliebe; ich möchte, daß sich meine und die Situation anderer Krüppelfrauen in der BRD verändert. Dazu müssen wir noch viel miteinander reden und uns einen gemeinsamen Standpunkt und eine Perspektive erarbeiten.

Um das Ergebnis der Veranstaltung wiederzugeben, möchte ich nicht für die einzelnen Frauen sprechen. Fast jede von uns hat einen Brief geschrieben, in dem sie berichtet, was ihr die Veranstaltung gebracht hat und was sie sich von folgenden erhofft. Aus diesen Briefen habe ich Abschnitte herausgenommen, so daß jede Frau für sich selbst Stellung nimmt. Die Namen habe ich verändert.

Auszüge aus Briefen behinderter Frauen

Inhaltsverzeichnis

Karin

Ich bin zwar diejenige gewesen, die den Vorschlag mit den Erfahrungsberichten gemacht hat, aber bisher bin ich noch nicht dazu gekommen, mich selber tatsächlich mal da ranzusetzen. Das liegt sicherlich vor allen Dingen daran, daß ich in meinem alltäglichen Ablauf nur selten daran erinnert werde, behindert zu sein. Das wiederum beeinflußt meine Einstellung zu dem Thema. Die Krüppelfrauenveranstaltung in Hamburg hat mich seinerzeit interessiert, aber viel übriggeblieben ist davon nicht mehr, abgesehen von dem Gefühl, fehl am Platze zu sein, das ich während der Helferdiskussion hatte. Mir fehlten dazu gänzlich die Erfahrungen, und auch gefühlsmäßig nachvollziehen konnte ich das Problem erst, als ich selbst vor kurzem viele Dinge, die mir vorher selbstverständlich waren, nicht allein machen konnte. Sonst ist es nämlich mein Bestreben und mein Stolz, zwar behindert zu sein, aber (von meinem Anspruch her und meistens auch real) nicht auf andere angewiesen. Ich denke manchmal, daß ich zu kurze Zeit und eigentlich auch zu wenig behindert bin, als daß ich mich maßgeblich einschränken lassen würde. Von meiner Geschichte wie von meinem Zustand her fühlte ich mich von einigen in der Runde ziemlich entfernt, aber ich finde es wichtig, daß ich mich nicht ausschließe, ganz egal, welche Vergangenheit, denn unsere Zukunft ist ähnlich. Außerdem bin ich seinerzeit in die Veranstaltung gekommen, um mir etwas mehr als in meiner gewohnten Umgebung bewußt zu machen, daß ich eine behinderte Frau bin. Im Kontakt mit anderen Krüppelfrauen verspreche ich mir, sinnvoller zwischen meinem erwachenden behinderten Ich und dem immer noch nicht kleinzukriegenden nichtbehinderten Ich vermitteln zu lernen.

Ich bin besonders am Zusammentreffen mit Krüppelfrauen interessiert, weil ich im Zuge meiner Erfahrungen in der gemischten Berliner Krüppelgruppe gesehen habe, daß da dieselben patriarchalischen Strukturen fortgesetzt werden, und eigentlich erst eine Gleichberechtigung der Geschlechter erkämpft werden müßte, bevor an die Krüppelemanzipation gedacht werden kann. Das hat mich wütend gemacht, und da müssen wir auch m.E. ansetzen: im Grunde genommen scheint es mir doch vor allem um unsere Identität als Frau zu gehen, die vielen Diskriminierungen zugrundeliegt.

Ich betrachte Behindertsein quasi als Verschärfung des gesellschaftlich festgelegten und eingeschränkten Status Frau, denn wo wir als Frauen gegen Benachteiligung und Unterdrückung angehen könnten, ist es für uns Krüppelfrauen wesentlich schwieriger oder gar unmöglich. Wichtig finde ich, wie Bettina erwähnt hat, daß wir unsere eigenen Normen und Wertvorstellungen hinterfragen, Gemeinsamkeiten aufdecken, die wir Frauen trotz unserer unterschiedlichen Voraussetzungen haben, um uns der Selbstbestimmung zu nähern, die nicht für alle gleich sein wird, aber doch dieselbe Zielrichtung haben dürfte. Gemäß der Zusammensetzung der Teilnehmerinnen wird sich dieses Streben in kleineren Gruppen abspielen, die ohnehin schon einen bestimmten Standpunkt zu sich selbst und ihren Bedürfnissen haben.

Ich muß zugeben, daß mein Interesse bisher vorwiegend über den Kopf geht, da ich mich durch meine relativ große Beweglichkeit nicht ganz zugehörig fühle zu Euch, die ihr teilweise wesentlich mehr eingeschränkt seid. Ganz sicher sind unsere Möglichkeiten verschieden, aber ich denke, daß der Fakt der Diskriminierung und Benachteiligung - ganz gleich, welchen Ausmaßes - an sich genügt, um dagegen anzugehen, auch wenn die eingesetzten Kräfte unterschiedlich groß sind.

Möglicherweise ist mein Problem gar nicht so schwerwiegend, das kann ich schlecht beurteilen und würde gern über so etwas diskutieren, vielleicht unter dem Aspekt Solidarität unter (Krüppel-)Frauen.

Wie gesagt, so furchtbar klar ist mir das gar nicht, wie das im Krüppelfrauenkreis ablaufen soll; ich kenne nur eine einzige Krüppelfrau näher, und das beschleunigt nicht gerade die Einsicht. Ansonsten lebe ich unter Umständen, die krüppelemanzipatorische Gedankengänge nicht unbedingt herausfordern, weil ich derartige Rechte da nicht durchfechten muß. (Was nicht heißen soll, daß ich meine Situation idealisiere, es gibt genug zum Meckern, und das tue ich auch.) Im allgemeinen empfinde ich mich zuerst als Mensch mit Neigungen und Abneigungen, Interessen und Bedürfnissen, dann als Frau, und dann unter anderem als Behinderte.

Was mich auch sehr interessieren würde, mit anderen Krüppelfrauen zu diskutieren, wären die Kriterien, nach denen wir Menschen mögen oder ablehnen - was die eigene Person mit einbeziehen würde, also Selbstwertgefühl und Selbstbewußtsein. Woran orientiert sich das? Wenn wir uns in einen Krüppel verlieben (oder jemand sich in uns), geschieht das dann trotz oder mit oder ungeachtet der Behinderung? Vielleicht kommen wir dazu, ohne das extra zu planen.

Hanne

Aber für mich war es nicht so einfach, mir darüber klar zu werden, was mir die Veranstaltung gebracht hat. Mich hat es auch schon ziemlich viel Kraft gekostet, überhaupt zu dieser Veranstaltung hinzugehen, weil es für mich sehr schwer war und auch noch ist, mich als behinderte Frau anzunehmen. Ich weiß nicht, ob es Euch auch so geht.

In unseren Gesprächen wurde deutlich, daß die Probleme, die sich aus unserer Behinderung ergeben, für jede von uns je nach Art der Behinderung recht unterschiedlich sind. Deshalb hätte ich es schön gefunden, wenn ich noch andere sehbehinderte Frauen getroffen hätte. Denn soweit ich mich erinnern kann, war ich die einzige, die stärker sehbehindert ist.

Am Anfang habe ich mich auch etwas unsicher gefühlt, weil ich nicht wußte, was auf mich zukommt. Aber darin habe ich mich in der Gruppe sehr wohl gefühlt. Nach der Veranstaltung habe ich erst richtig gemerkt, wie wichtig es für mich war, daß wir einmal über uns selbst, über unsere Behinderung und über unsere Angst, die Norm nicht erfüllen zu können, gesprochen haben. Das wurde mir noch klarer, als ich mich am Abend mit Freunden, die nicht behindert sind, über meine Motive, zu dieser Veranstaltung zu gehen und meine Erlebnisse in der Gruppe unterhalten habe. Sie haben mir genau das Argument vorgehalten, das Ihr auch in Eurem Brief geschrieben habt: "Wir leiden alle unter den Normen." Ich habe mich plötzlich vollkommen unverstanden gefühlt und da habe ich gemerkt, daß es für mich sehr gut war, mit Euch zusammen gewesen zu sein.

Ruth

Während unseres Treffens im Oktober haben wir über unsere gemeinsamen Probleme, die wir mit den Schönheitsidealen und dem Helfen haben, gesprochen. Von beiden Themen war ich stark betroffen. Jahrelang bin ich dazu erzogen worden, mit den bestehenden Möglichkeiten zufrieden zu sein, mich mit den Verhältnissen zu arrangieren. So war ich ständig bemüht, mich zu arrangieren, meine Rolle als Krüppelchen und verhinderte Frau anzunehmen. Natürlich ist mir die Anpassung nicht geglückt und als der Leidensdruck endlich groß genug war, begann ich, mich gegen die Normen zu wehren.

Trotzdem bekomme ich heute noch Schuldgefühle, wenn ich offensiv gegen Unterdrückung angehen will, mich beispielsweise gegen Nichtbehinderte aus meiner Umgebung durchsetzen möchte. Ich denke, daß wir uns gemeinsam gegen Repressalien wehren können, zu einem eigenen, selbstbestimmten Bewußtsein kommen können. Aus diesem Grund finde ich einen ständigen Kontakt unter Krüppelfrauen wichtig und notwendig. Weiterhin finde ich es gut, wenn wir andere Krüppelfrauen erreichen könnten, Frauen in Heimen und Reha-Zentren, weil ich meine, daß wir schon relativ privilegiert sind und nicht nur für eine Clique kämpfen sollten.

Lotti

Bei unserer Veranstaltung sind wir von unserer direkten Betroffenheit ausgegangen. Das hat mir gut gefallen. Wir haben gemeinsame Ansatzpunkte für eine Veränderung, die wir uns zusammen erarbeiten müssen. Unser Ziel ist es, uns den Tag zu erobern. Wir müssen die Minderwertigkeit, die uns von früh auf eingeimpft wurde, wegstreifen und als lebenswert empfinden. Wir müssen unsere jetzige Situation begreifen, d.h. vom Bestehenden ausgehen und da ansetzen zur Veränderung. Das bedeutet, daß wir uns klar machen müssen, wo wir Normen verinnerlicht haben, welche Stellung wir in der Gesellschaft haben, wie sehr wir noch dem Bild der Musterkrüppelfrau entsprechen, wo und welche Gewalt uns angetan wird. Wir müssen viel aufbrechen!

Für mich stellt sich dann die Frage, was wir mit dem ganzen Wissen machen, wie wir es umsetzen. Welche Art von Widerstand können wir leisten? Wir können uns wehren, indem wir von dem Bild, das die Gesellschaft von Krüppelfrauen hat, abweichen. Konkret heißt das z.B., andere auf ihre Krüppelfeindlichkeit anzumachen, unsere Bedürfnisse anzumelden.

Bei unserem ersten Treffen haben wir über das Helfen gesprochen. Ich selbst bin von Hilfe abhängig und mir ist aufgegangen, daß Hilfe eben nicht nur bestimmte Techniken und Handgriffe sind, sondern eine erhebliche Bedeutung für unser Leben hat, für unsere zwischenmenschlichen Beziehungen. Ich find's gut, daß ich das im Oktober, glaube ich, so empfunden habe. Bei dem Thema Hilfe fällt mir die Verbindung von Gewalt ein und dabei muß ich an meine Mutter denken. Unsere Mütter könnte ich mir als Thema, das uns alle betrifft, für unser nächstes Treffen vorstellen.

Ursel

Erstmal möchte ich einige grundsätzliche Dinge klären: Meine Situation ist insofern eine andere als bei den meisten von Euch, daß ich erst relativ kurz behindert bin und mich vorher bewußt und gut überlegt für ein selbständiges Leben entschieden habe. Vielleicht sollte ich dazu erklären, daß ich bis 78 verheiratet war und einen Sohn habe. Obwohl ich also (Göttin sei Dank) noch niemand zur persönlichen Pflege brauche, fällt es mir schwer, jemand um Hilfe zu bitten, wenn nur eine Glühbirne eingeschraubt werden muß. Die meisten von Euch werden sicherlich darüber grinsen. Ich will damit auch nur meine Schwierigkeiten, mit Euch umzugehen, erläutern. Zudem lebe ich mit der zwar sehr unwahrscheinlichen Hoffnung, wieder einigermaßen gesund zu werden.

So, nun aber zu Hamburg: Ich fand es toll, daß Ihr das Treffen organisiert und gemacht habt, habe mich auch bald (trotz sicherlich vorhandenen Widerständen) sehr wohl gefühlt. Mein Hauptproblem dabei ist aber, daß ich dachte und immer wieder denke, eigentlich habe ich kein Recht, was zu sagen, im Vergleich geht's mir ja prima! Eigentlich ist das nur eine Verlängerung der Unfähigkeit, mit Krankheit und Behinderung umzugehen, die unserem Gesellschaftssystem eigen ist; obwohl ich längere Zeit körperbehinderte Kinder unterrichtet habe. Zudem ist es wohl eine sehr bequeme Art, mich nicht mit mir und meiner Situation auseinandersetzen zu müssen. Ich finde es toll, daß sich viele weiterunterhalten wollen. Das macht mir Mut.

Monika

Selbstbestimmung der behinderten Frau - ich glaube, über die Wichtigkeit dieser Sache sind wir uns im Kreis alle einig. Nur wie wir das angehen werden, darüber differiert die Meinung doch etwas.

1. Wenn wir von der Selbstbestimmung und Selbstfindung der behinderten Frau sprechen, dann muß uns einerseits bewußt sein, daß wir von unserem intellektuellen Status heraus schon aus einer gehobenen Position argumentieren, andererseits uns jegliche Information fehlt, was behinderte Frauen in den Heimen von ihrer Selbstbestimmung erwarten. Unter diesen, nicht übermäßig günstigen Ausgangsbedingungen müssen wir uns klar machen, daß es uns nicht gestattet sein wird, für die behinderte Frau zu sprechen; daß wir selbst bei dem besten Versuch, Klarheit zu finden, im privaten Bereich stecken bleiben. Das ist nicht illegitim, aber wir müssen wissen, daß es so ist.

2. Bei der Klärung unseres Selbstverständnisses muß wohl schon die Frage im Vordergrund stehen:

a) In welchem Rahmen die Abgrenzung erfolgen soll (muß), und wie weit sie zu gehen hat?

b) Von welchem Punkt unserer eigenen Bewußtseinswerdung schlagen wir Türen zu und Möglichkeiten aus, die uns mit der nichtbehinderten Welt, den nichtbehinderten Frauen verbinden könnten?

c) Unter Berücksichtigung der beiden erstgenannten Punkte muß jetzt der erste Schritt getan werden, bei uns in kleinster Gruppe miteinander abgestimmt werden, der uns zum Selbstverständnis führt, und den wir dann bis zum nachfolgenden Treffen in unserem Alltag proben müssen.

Petra

Mir fiel auch auf, daß es für jede von uns unterschiedlich ist, wann und wie wir uns betroffen fühlen, also z.B. in Bezug darauf, wie wir von Hilfe abhängig sind bzw. gemacht werden. Aber ich denke, daß etwas gleich ist an unserer unterschiedlichen Betroffenheit. Ich finde es wichtig, dieses, was gleich ist, herauszufinden: wie können wir uns gegen Unterdrückung wehren und welche Möglichkeiten, Widerstand zu leisten, gibt es für uns? Darüber möchte ich gerne reden. Hier in Hamburg haben wir eine Krüppelfrauengruppe, und wir sind gerade dabei, den roten Faden für uns zu finden. Ich denke, daß uns das gelingen wird. Ich denke, es ist gut, wenn jede versucht, in ihrem näheren Umkreis eine Krüppelfrauengruppe zu haben, und wir uns dann in mehr oder weniger regelmäßigen Treffen über unsere Arbeit berichten. Und über Aktionen hinaus, die wir vielleicht im Kleinen machen können, gemeinsame größere Aktionen überlegen und unsere Vorstellungen und Ideen zusammentragen.

behindert

die minderwertigkeit haben sie mir

eingeimpft

als ich noch ein kind war

voller neugier und lust

auf mein leben

irgendwann

begriff ich: ich bin anders als andere menschen

und dann: damit können die anderen nicht leben

ich aber lebe mit mir

und den anderen

versuche mir neugier und lust

zu bewahren

und habe dabei den schmerz, die bitterkeit, die traurigkeit kennengelernt

und auch das verbissene kämpfen:

nicht wie es euch gefällt

mein leben

wie es mir gefällt! (25.4.81 - Petra F., Bielefeld)

Aus: Tag für Tag 1982, Kalender für Frauen

Quelle:

Nati Radtke: Krüppelfrauen, erobern wir uns den Tag!

Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 24.02.2005

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