Löst die Anstalten auf!

AutorIn: Heike Kühn
Textsorte: Buch
Releaseinfo: Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.
Copyright: © Dr. med. Mabuse 1987

Der Kollegenkreis - was er ist, was er will

Anstalt bedeutet die Aussonderung von Menschen, die nicht der Durchschnittsnorm entsprechen, d.h. anders sind: von Menschen, die nicht das normale Maß an Leistungen erbringen und daher abgelehnt und beiseite geschoben werden; von Menschen also, die sich auf irgendeine Art von der Allgemeinheit unterscheiden, indem sie z.B. anders aussehen, sich auffällig verhalten oder nicht ausreichend produktiv sind. Sie werden für ihr Anderssein bestraft und hinter Anstaltsmauern gesteckt. Die Bestrafung besteht darin, daß ihnen ihre Selbstbestimmung genommen wird, d.h. sie werden isoliert, ihrer (für uns selbstverständlichen) Rechte beraubt, und sie werden daran gehindert, ihre Lebensgestaltung selbst zu bestimmen. Alle Entscheidungen, die sie betreffen, sind fremdbestimmt. Eine besondere Rolle haben dabei die Fachleute (Therapeuten und Medizinmänner etc.). Sie streiten sich darum, wer von ihnen am besten weiß, durch welche Behandlung den zu Objekten abgestempelten Anstaltsbewohnern am besten geholfen werden kann. Resultat dieser Lebensbedingungen sind schwere Auswirkungen von Hospitalismus: z.B. Unselbständigkeit, geringe Selbstachtung, Lethargie, Aggressionen.

Diese Aussonderung und deren Folgen für das tägliche Leben der Bewohner halten wir für menschenunwürdig. Um daran was zu ändern, sind wir im Kollegenkreis. Wir wollen die Gettosituation, in der die Bewohner der Alsterdorfer Anstalten leben müssen, aufheben und sind der Meinung, daß sie ein Recht darauf haben, in der Gemeinschaft zu leben. Deshalb fordern wir die Auflösung dieser und aller Anstalten. Bei allen Aktionen, die wir planen und durchführen, prüfen wir, ob sie der Auflösung oder der Festigung der Anstalt dienen. Wir verstehen uns deshalb nicht als interne Betriebsgruppe, die nur Veränderungen innerhalb der Alsterdorfer Anstalten anstrebt. Um unsere Vorstellungen zu verwirklichen, machen wir Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Presse, Rundfunk, Vorträge auf gesundheitspolitischen Veranstaltungen) und versuchen dadurch, öffentlichen Druck von außen auf die Anstalt zu erzeugen. Wir wollen Diskussionen innerhalb und außerhalb der Anstaltsmauern anregen.

Der Kollegenkreis Alsterdorf existiert seit acht Jahren. Nach einer Veranstaltung im Juni gaben wir im September 1978 unsere erste Dokumentation über die Lebensbedingungen der Bewohner der Alsterdorfer Anstalten heraus. In dieser Broschüre nahmen wir Stellung zum Selbstverständnis unserer Gruppe: "Kurzfristig möchten wir erreichen, daß sich die Lebensbedingungen der Bewohner und die Arbeitssituation der Kollegen in den verschiedenen Häusern verbessern. Langfristig steht unsere Forderung nach Auflösung der Anstalt, um die Errichtung vieler kleiner Wohngemeinschaften innerhalb und außerhalb Hamburgs." Bleibt anzumerken, daß in unserem Kreis auch ehemalige Alsterdorfer Mitarbeiter sind, ehemalige Kollegen, die aufgrund ihrer Mitgliedschaft bei uns rausgeflogen sind.

Nach Erscheinen der Broschüre setzte anstaltsintern - wohl zum ersten Mal in ihrer 128-jährigen Geschichte! - eine Diskussion unter den Mitarbeitern ein, die im Sande verlaufen mußte, weil die Anstaltsleitung, anstatt die Forderungen und Kritiken produktiv aufzugreifen, harten Kurs fuhr und die Diskussion auf ihre Art abwürgte: Zum ersten Mal erhielt ein Kollege keine Arbeitsvertragsverlängerung, weil er bei uns mitarbeitete. Nachdem wir diesen Fall von politischer Disziplinierung öffentlich machten, wurde der Kollege weiterbeschäftigt.

Im April 1979 erschien ein Artikel im "Zeitmagazin". Unter dem Titel Versteckt, verdrängt, vergessen wurde der Alltag einer bundesdeutschen Massenklapse (am Beispiel Alsterdorfs) ausführlich und sehr kritisch beleuchtet und hinterfragt. Alsterdorf kam dadurch noch stärker ins Kreuzfeuer der öffentlichen Meinung: Mehrere Leserbriefseiten mußte "Die ZEIT" abdrucken. Der NDR und die Hamburgische Bürgerschaft beschäftigten sich ausführlich mit dem Thema. Den "ZEIT"-Artikel, die Stellungnahmen verschiedener Verbände, Einzelpersonen und Organisationen sowie die zahlreichen Presseartikel dokumentierte der Kollegenkreis in einer Broschüre. Die Anstaltsleitung war nicht in der Lage, differenziert und inhaltlich auf die Vorwürfe einzugehen. Direktor Schmidt an die Mitarbeiter: "Diese Berichte diffamieren in einer nicht vertretbaren Weise die Gesamtarbeit der Alsterdorfer Anstalten ... Ich möchte ( ... ) Ihnen allen mein und der gesamten Anstaltsleitung Vertrauen aussprechen und Sie bitten, in der Treue zu unserem Werk nicht nachzulassen." Mensch sieht, Treue ist bei der Anstaltsleitung sehr gefragt, kritische Stimmen der "jugendlichen Heißsporne", so Herr Schmidt, natürlich weniger. Erste Reaktion der Leitung war - in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Zivildienst - die Versetzung eines Zivildienstleistenden aus der Anstalt. Dieser wurde verdächtigt, der "ZEIT" Zuträgerdienste geleistet und sogar selbst einen Artikel verfaßt zu haben.

Jedenfalls versuchte die Anstaltsleitung nun doch, entschieden an der Verbesserung des Alsterdorfer Massenquartiers zu arbeiten. "Mit dem Wirbel, den andere für sie machten, sind die Alsterdorfer ein schönes Stück vorangekommen", hieß es da in der bürgerlichen Presse. Da wir in diesem Sinne auf eine Verbesserung des innerbetrieblichen Klimas gegenüber Kritikern hofften, beteiligten wir uns an Gesprächen mit Vertretern der Anstaltsleitung, die auf Vermittlung des Diakonischen Werkes zustande kamen. Gebracht haben sie jedoch nichts, jedenfalls nichts, was die Lage der Bewohner verbessert hätte.

Als im Sommer letzten Jahres ein Kollege nach Beendigung seiner Ausbildung nicht weiter beschäftigt wurde, brachen wir das Geschwafel mit der Anstaltsleitung ab. Dem gefeuerten Kollegen war die Teilnahme an der Verleihung der "Goldenen Krücke" an die Alsterdorfer Anstalten vorgeworfen worden. (Die "Goldene Krücke" ist ein satirischer Preis, der alljährlich vom Frankfurter Volkshochschulkurs Bewältigung der Umwelt für besonders behindertenfeindliche Arbeit verliehen wird.) Damit ist eigentlich ausreichend erläutert, warum wir es vorziehen, unsere Arbeit im Kollegenkreis lieber möglichst anonym (das ist heute zum Teil anders) nachzugehen. Als sich vor einiger Zeit ein Kollege an die Anstaltsleitung wandte, weil er nicht anonym sein wollte und deshalb um eine Diskussion bat, wurde er natürlich (möchte man fast schon sagen) aus diesem Grunde nicht weiterbeschäftigt.

Die große Alsterdorfer Familie hat zwar viel Herz für die ihnen anvertrauten Pfleglinge, aber auf aufmuckende schwarze Schafe dieser Familie erstreckt sich die diakonische Nächstenliebe natürlich nicht mehr. Als die Stationsschwester des weiblichen Wachsaals in mehreren Anfällen solcher Nächstenliebe Behinderte an die Heizung schnallte sowie Kleidungs- und Essensentzug als Strafen verhängte und dies alles im Januar 1981 vor Gericht verhandelt wurde, schrieben wir in einem Flugblatt: "Klar ist in diesem Prozeß zum Ausdruck gekommen, daß die Zustände auf dieser Schwerstbehindertenabteilung Ursache des Ganzen sind. Und an diesen Bedingungen sind die Behörden gleichermaßen schuld wie die Anstaltsleitung. Die Behörden sind an einer grundlegenden Veränderung (Auflösung!) der Anstalt nicht interessiert. Das Alsterdorfer Massenquartier ist halt billiger. Und an gutem Willen fehlt es der Anstaltsleitung und Senat gleichermaßen. Denn warum hat sich auf dieser Station damals schon nichts geändert? Warum gibt es heute noch "Wachsäle" anstatt genügender Wohngemeinschaften? Eine weitere Ursache für den Skandal auf Station 36 liegt in der Hierarchie der Anstalt, die Zusammenarbeit verhindert und Kritiker einschüchtert." Zur Vorgeschichte dieses Prozesses sei nur kurz erwähnt, daß sich schon 1977 ein Kollege der Station bei der Anstaltsleitung über diese Krankenschwester beschwerte. Die Folge war, daß der Kollege strafversetzt wurde und die Oberschwester eine mündliche Rüge bekam.

Tatsache war und ist, daß sich die Zustände in den Alsterdorfer Anstalten ausschließlich - und auch dann nur zögernd und oberflächlich - ändern, wenn Kritik in der Öffentlichkeit vorherrscht. Neben unserer Arbeit, innerbetriebliche Diskussionen anzuregen, betreiben wir Öffentlichkeitsarbeit, um die Menschen in Hamburg weiter über Alsterdorf zu informieren, auf Anstaltsleitung und Behörden Druck auszuüben, um somit die Auseinandersetzung mit dem Ziel der Auflösung der Anstalt voranzutreiben.

Was heißt Auflösung der Anstalt?

Das ist das, was der Kollegenkreis vor allem fordert: die Auflösung der Anstalt. So radikal, wie es von Alsterdorf aus aussieht, ist diese Forderung gar nicht; die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP) vertritt dies schon länger für alle psychiatrischen Großkrankenhäuser in der Bundesrepublik. In Italien sind die Großkrankenhäuser seit einiger Zeit per Gesetz (mit Zustimmung der christlich-demokratischen Partei) abgeschafft und auch in den skandinavischen Ländern ist es Regierungspolitik, im Rahmen des Normalisierungsprozesses die großen Behinderteneinrichtungen aufzulösen.

In Alsterdorf ist Auflösung zum Reizwort geworden, die Diskussion wird dogmatisch, Utopien und Unterstellungen reichen sich die Hand, und jeder hat eine andere Vorstellung von Auflösung.

Deshalb am Anfang: Was ist Auflösung nicht?

  • Wir stellen uns nicht vor, alle Bewohner könnten irgendwann einmal ohne Betreuung, Schutz und Hilfe leben. Die meisten hier werden das nie können. Deshalb ist auch jede Polemik unangebracht, die uns unterstellt, wir sähen in jedem behinderten Menschen einen potentiellen Hochschüler (Pastor Schmidts Rede vor der Synode).

  • Wir stellen uns auch nicht vor, von heute auf morgen jeden aus der Anstalt herauszukriegen. Für viele, insbesondere alte behinderte Menschen wäre das eine unzumutbare Entwurzelung.

  • Wir haben auch nicht die Illusion, daß es keine Vorurteile und Ablehnungen gegenüber behinderten Menschen mehr gäbe.

Wir wollen nichts weiter als: Möglichst viele Bewohner sollen in möglichst normalen Wohnungen in möglichst normalen Wohngegenden mit möglichst normalen Nachbarn leben. Das Getto, die Zusammenballung von behinderten Menschen, muß aufgelöst werden. Das ist die Richtung, der allgemeine Rahmen, den wir fordern. Darüberhinaus gibt es nur individuelle, persönliche Lösungen. Lösungen, die die persönlichen unterschiedlichen Beziehungen, Bedürfnisse, Interessen und auch Fähigkeiten (Behinderungen) berücksichtigen. D.h. für Herrn X, er zieht am besten in eine Etagenwohnung in Altona, mit seinen beiden Freunden aus Alsterdorf zusammen, vielleicht in die Nähe seines Vaters. D.h. für Frau Y, sie braucht ein Haus mit Garten, weil sie nicht allein auf die Straße kann und sie sich viel bewegen muß. D.h. für Herrn Z., er zieht mit seiner Freundin zusammen in das Haus eines Betreuers, weil er oft Anfälle bekommt und dann, und nur dann, jemand da sein sollte.

Zusammengefaßt: Wo, wie und mit wem zusammen jemand wohnt, richtet sich danach, wie er das möchte und kann und eben nicht nur danach, daß er auch Schutz und Hilfe braucht, daß ein Arzt in der Nähe ist, billig für ihn gekocht werden kann usw.

Wir denken, die Sehbehinderten, die Brillenträger würden sich bedanken, würden sie wegen ihrer Brille kaserniert. Natürlich, geistig behindert zu sein ist sicher wesentlicher als Brillenträger zu sein. Aber daß sich danach das gesamte Leben ausrichten muß, das ist eben auch nicht einzusehen. Denn das ist ja das Problem, daß sich hier nach einer Eigenschaft der Menschen, nach einer Schwäche auch noch, ihr gesamtes Leben ausrichtet, ihre individuellen Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten drastisch beschnitten werden. Wir brauchen uns nur für uns vorzustellen; wie es uns ginge, wenn eine unserer Schwächen zum Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens würde.

Auflösung ist also: Aufhören, von dem Behinderten zu sprechen und dafür den gesamten Menschen in den Blick zu kriegen. Der kann sein Mann oder Frau, alt oder jung, gesellig oder lieber allein, Stadt- oder Landmensch, selbständig oder abhängig usw. usf. Alles das, alles Individuelle, Persönliche, ebnet die Anstalt als totalitäre Institution ein. Der Behinderte als Wesen besonderer Art, dem eine Sonderwelt angemessen ist, diese Vorstellung findet sich in Alsterdorf überall ("Behindertenwelt", "Kosmos eigener Art").

Die Auflösung ist ein folgerichtiger Teil des Normalisierungsprozesses, den die Anstalt sowieso durchläuft (zwei Schritte vor, einen zurück). Früher lagen viele Bewohner den ganzen Tag im Bett, Freundschaften zwischen Männern und Frauen waren verboten, persönliche Kleidung gab es nicht usw. Den Weg zu normaleren Lebensbedingungen, den die Anstalt in diesen Bereichen seitdem gegangen ist, sollte sie konsequent bis zum Ende gehen und sich als besondere Institution für Sonderwesen auflösen.

Wachsaalelend

Zur Situation der Bewohner der Alsterdorfer Anstalten: Für wenige Privilegierte ist es möglich, in einer der Wohngemeinschaften außerhalb der Anstalten zu leben; aber nach den nun beginnenden Sparmaßnahmen wird sich dieser Kreis nicht mehr erweitern. Somit wird eine hoffnungsvolle Alternative zum Moloch Anstalt noch in ihren Kinderschuhen abgewürgt bzw. nicht weiterentwickelt. Auf der anderen Seite lebt die überwiegende Mehrzahl der Alsterdorfer Bewohner in der Anstalt teilweise immer noch unter katastrophalen Bedingungen. Gerade wenn das angestrebte Ziel Auflösung heißt, ist es wichtig, sich mit dem Ende der Kette von Aussonderungsmöglichkeiten für Geistigbehinderte zu beschäftigt, den sogenannten Wachsälen und Intensivstationen.

Diese Wachsäle sind in der Nazi-Zeit entstanden und zur Disziplinierung besonders auffälliger Bewohner oder zur Aufbewahrung von sehr schwer Behinderten gedacht. Setzt sich in der gesamten Anstalt langsam der Gedanke, Behinderte hauptsächlich pädagogisch zu betreuen, durch, so sind diese Abteilungen weiterhin eine Domäne der Ärzte, in denen sie schalten und walten können, wie sie wollen, hermetisch abgeriegelt von dem sonstigen Anstaltgeschehen. In diesen Abteilungen leben Männer und Frauen, die auf die Unmenschlichkeit der Anstalt besonders sensibel reagiert haben, d.h. (da behinderte Menschen ihr Unbehagen nicht immer verbal kundtun können) häufig mit starken Aggressionen. Andere sind im Wachsaal, da sie versucht haben, sich das zu nehmen, was ihnen die Anstalt nicht bieten will, z.B. einen unerlaubten Kirmesbesuch, Kino usw.

Eine Frau ist vor 20 Jahren in den Wachsaal gekommen, weil sie dem Personal schlichtweg zu laut war, und ist bis heute dort geblieben. Eine Vielzahl der dort lebenden Menschen ist schon seit Jahrzehnten in geschlossenen Abteilungen. Das Anstaltselend potenziert sich hinter verschlossenen Mauern und Türen noch - allen Verantwortlichen bekannt und von allen getragen. Die Zusammenballung von Menschen in geschlossenen Abteilungen, die sich wehren oder aus anderen Gründen aggressiv gegen sich oder andere sind, verursacht dann natürlich erst recht einen Hexenkessel. Hier wird der Behinderte nicht mehr als Mensch gesehen mit Bedürfnissen, die er zu artikulieren versucht, sondern jede Äußerung wird sofort psychiatrisiert. Stimmungsschwankungen weisen auf eine falsche medikamentöse Einstellung hin - man diagnostiziert - man fragt nicht, warum er jetzt so reagiert hat. Der Behinderte schlägt nicht, weil er vielleicht schon seit Stunden versucht, den Mitarbeitern klarzumachen, daß er etwas möchte, sondern er hat eben einen "psychotischen Schub".

Wachsäle, wie es sie heute noch besonders im männlichen Bereich gibt, haben eine besondere Funktion für die Ärzte. Behinderte sind für Fachärzte und Psychiatrie nicht interessant, sie liefern keine Fälle.

Wir sind der Meinung, daß Wachsäle sofort geschlossen werden und die Bewohner in Wohnabteilungen untergebracht werden müssen. Auch wenn Wachsäle sich nur graduell, nicht prinzipiell von der übrigen Anstalt unterscheiden: Sie sind eben das letzte Glied der Aussonderung!

Eindrücke aus dem Wachsaal

Da sitzen sie alle in weiß: Vier Pfleger beim Morgentee. Kumpelhafte Bemerkungen: "Bist ja wohl 'n bißchen schnell gefahren heute morgen, deine Ohren stehen gar nicht so weit ab wie sonst." Nicht in weiß, aber mit am Tisch, der Raumpfleger, ein Türke. Mitleidsvolle Bemerkung: "Ist Magen immer noch nicht gut?" Auf den Stühlen an der Wand: vier Pfleglinge aus den Einzelzimmern. Von der Nachtwache geweckt, gebadet, angezogen und rasiert warten sie auf's Frühstück. Zurechtweisende Bemerkung: "Nu sabbel ma nich soviel, mein Liebling, knöpf dir lieber die Hose zu." An der Ecke Georg aus dem Sechserzimmer links, hat sich schon die Unterhose angezogen und keine Lust mehr, im Bett zu bleiben. Will Feuer für seine erste Zigarette. Rohe Bemerkungen: "Sieh zu, daß du ins Bett kommst, sonst fängst du dir wieder welche." Herr Grün, der stellvertretende Abteilungsleiter und gelernter Maurer, lächelt müde.

Das Neonlicht zwei-, dreimal stechende Helligkeit im Schlafraum. Bernd versucht, den letzten Traum festzuhalten, während der Pfleger den Gurt von seinen Beinen löst. Die meisten noch etwas benommen, drängen sich an der Badezimmertür. Drinnen Dampfschwaden, Kommandorufe der Pfleger, das Rauschen zweier Duschen. Bernd gelingt es, in die rechte Dusche zu kommen, die linke ist immer eiskalt. 30 Sekunden genießt er das warme Wasser. "Genug, raus jetzt!"

Von der Dusche in die Wanne, eine Schüssel mit Seifenwasser aus der Badewanne über den Kopf, nochmal kurz unter die Dusche, abtrocknen, Zähneputzen und raus. Vorsichtig sehen sich die Männer um, als sie den Vorraum betreten. Segelmann bemerkt es und sagt etwas spöttisch: "Keine Angst, wir passen schon auf, daß Ihnen nichts passiert." Er führt die angesprochenen Handwerker in die Badestube und zeigt ihnen das defekte Duschventil. "Mit den Dingern gibt's immer Probleme," kommentiert der mit den dunklen Haaren. Werkzeug und Ersatzteile werden ausgepackt. Der Hauptsperrhahn im Keller muß zugedreht werden. Segelmann holt sich den Kellerschlüssel aus dem Dienstzimmer und geht mit dem Blonden runter. Der Blonde ist offensichtlich der Gehilfe und etwas wortkarg. Der zurückgebliebene Dunkelhaarige starrt versunken auf das Duschventil, während er sich eine Zigarette anzündet. Als er hochschaut, bemerkt er einen ebenfalls Dunkelhaarigen, etwas dicklichen Patienten vor der halboffenen Tür. Ihm ist etwas unbehaglich zumute. "Na," sagt er, "ist kaputt", und deutet dabei auf das Ventil. Der Mann verschwindet wieder. Es war Georg Sander, bekannt und gefürchtet beim Pflegepersonal wegen seiner blitzartigen Aktionen und seiner Kraft.

Aus dem Keller zurück sieht Segelmann den beiden Handwerkern interessiert zu. Zu spät hört er die schlurfenden Schritte. Obwohl er sich mit beiden Armen am Türrahmen festhält, marschiert Georg Sander an ihm vorbei. Segelmann wirft sich von hinten auf ihn und ruft nach Verstärkung. Jetzt versuchen auch die Handwerker, ihn festzuhalten. Er bekommt einen Arm frei und umklammert im nächsten Augenblick das eben ausgebaute Duschventil.

So stell ich mir den amerikanischen Präsidenten vor. Herr Grün hinter dem Schreibtisch. Sein Blick ruht auf dem Terminkalender. Dr. Adler 10 Uhr 15 steht da. Es ist 10 Uhr 15. Es klingelt an der Abteilungstür. Ein routinemäßiger Arztbesuch. Frau Dr. Adler, die für diesen Pflegebereich zuständige Ärztin, betritt die Abteilung, wird von Herrn Grün ins Dienstzimmer geleitet. Tür zu. Egon steht vor dem Kontrollfenster im Eßraum. Das ist nichts Besonderes. Auch daß er dabei von einem Bein aufs andere hampelt, ist nichts Besonderes. Egon ist 204 cm groß. Er kann fürchterlich böse gucken. Durch das Kontrollfenster kann er ins Dienstzimmer gucken. Aus dem Dienstzimmer kann man jetzt Egon sehen. Frau Dr. Adler macht das nervös. Sie läßt Egon von dort entfernen.

"Es gab mal wieder Schwierigkeiten mit Georg Sander," sagt Herr Grün, "er wollte den Handwerkern an den Kragen, aber wir haben ihn wieder unter Kontrolle gekriegt. Mußten ihm die Bedarfsmedizin geben." "Wirklich," sagt Frau Dr. Adler. Sie sieht Grün bewundernd an. "Ich werde mal mit dem Chefarzt über seine Medikation reden. Da muß doch was zu machen sein."

Egon sitzt im Tagesraum und guckt in den Hof. Herr Grün geleitet Frau Dr. Adler vom Dienstzimmer zur Abteilungstür.

Sorgfältig wischt Segelmann das Medikamententablett ab, nimmt die Arzneimittel, die er für die Mittagsausgabe brauchen wird, aus dem Schrank und stellt sie der Reihe nach vor sich hin. Das Aufstellen der Medizin übernimmt er immer gern. Es gibt ihm für kurze Zeit, während seines sonst eher langweiligen Dienstes, das Gefühl, eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben. Jedesmal freut er sich über die ästhetische Farbzusammensetzung der Pillen und Tabletten für Gerd Kramer. Gerd Kramer bekommt die meisten Pillen von allen. Und gerade bei ihm harmonieren die Farben sehr gut.

Es herrscht Ruhe auf der Abteilung. Diejenigen, die ihre Mittagsmedizin nicht ins Bett bewegen konnte, sind im hinteren Tagesraum, sitzen oder liegen auf den Bänken, auf dem Fußboden oder sehen aus dem Fenster. Das Radio hinter dem Holzgitter ist an. Dieter blättert in seinem uralten Quellekatalog. Wartezimmer.

Da öffnet sich die Tür des Personalzimmers. Herr Grün, der stellvertretende Abteilungsleiter, tritt heraus. Erhobenen Hauptes schreitet er durch den Raum, Richtung Personaltoilette. Ignoriert er sie alle oder nimmt er sie schon gar nicht mehr wahr? Die Hoftür ist abgeschlossen, die Küchentür ist abgeschlossen, die Fenster sind aus Panzerglas. Gerd wippt auf seiner Bank vor und zurück, vor und zurück. Herr Grün kommt zurück. Erhobenen Hauptes schreitet er durch den Raum Richtung Personalzimmer.

Im Radio singt Bob Dylan "Blowin' in the wind".

(Eine kurze Darstellung des Kollegenkreises Alsterdorfer Anstalten unter anderem mit Bemerkungen zum Umgang der Anstaltsleitung mit Mitarbeitern findet sich bereits in "Bankrott der Gesundheitsindustrie", Band 4 der Dokumentation Gesundheitstag Berlin 1980. - Zu diesem Artikel empfehlenswert ist aus Band 4 außerdem: Klaus Dörner und Franco Basaglia, "Von der Irrenanstalt zur reformierten Großklinik. Fortschritt oder Getto neuen Stils?")

Quelle:

Heike Kühn: Löst die Anstalten auf!

Entnommen aus: Sie nennen es Fürsorge: Behinderte zwischen Vernichtung und Widerstand; mit Beiträgen vom Gesundheitstag Hamburg 1981 / hrsg. von Michael Wunder u. Udo Sierck. - 2. Auflage; Frankfurt am Main; Dr. med. Mabuse 1987.

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 23.02.2005

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