Mehr Vorbildfrauen, bitte!

Persönliche Gedanken und konkrete Strategien für das Empowerment von Mädchen und Frauen mit Behinderungen

AutorIn: Teresa Lugstein
Themenbereiche: Geschlechterdifferenz
Textsorte: Zeitschriftenartikel
Releaseinfo: Erschienen in: AEP Informationen 4/2015: „Nebensache Frau-Sein“. Schwerpunkt zu Mädchen und Frauen mit Behinderung, S. 6-9. AEP Informationen (4/2015)
Copyright: © Arbeitskreis Emanzipation und Partnerschaft 2015

Zuordnungen

Vielleicht ist es ja schon die Unterscheidung zwischen dem „Wir“ und „Ihr“, die bewusst oder unbewusst von der Gesellschaft gemacht wird. Wir - die Gruppe der Nicht-Behinderten und ExpertInnen, der Norm Entsprechenden - und Ihr - die Gruppe der Behinderten, Bedürftigen, Andersartigen. Wo ordne ich mich zu und wo werde ich zugeordnet? Gerade jetzt, wo ich mich von einer Rollifrau zu einer gehenden Frau mit auf den ersten Blick nichtsichtbarer Behinderung verändere und diese Auswirkungen in den Reaktionen - insbesondere bei fremden Menschen - massiv spüre und damit erst zurecht kommen muss. Es ist fast so, als würde ich mich in einer fremden Welt bewegen, eine unsichtbare Tür hat sich da für mich geöffnet. Und es regen sich Protest und ein Stück Wut in mir: Was ist so anders an mir, dass ich jetzt dabei sein darf? Ich habe meine Sozialisation als Frau mit Behinderung nicht abgelegt. Meine Behinderung hat mich geprägt, und diese Erfahrungen trage ich in mir, sie machen mich deshalb auch anders – auch wenn dieses Anderssein äußerlich immer weniger sichtbar ist. Ich habe mich als Rollifrau für meine Rechte stark gemacht, Vieles bewegen können, Projekte für Mädchen und junge Frauen mit Behinderungen initiiert, von denen ich später noch erzählen werde. Als Frau mit Behinderung ist es eine Herausforderung, Einstellungen und Bilder in den Köpfen vieler Menschen aufzuweichen ohne gleich als etwas „Besonderes“ oder als „tapfer“ bezeichnet zu werden. Denn auch mit der „Mitleidsschiene“ oder dem Auf-ein-Podest-Heben à la „Sie sind so stark, das könnte ich nie!“ - damit ist oft ein Leben im Rolli gemeint - bin ich nicht einverstanden. Auch für mich war es ein Prozess, von den Krücken in den Rollstuhl zu wechseln, ich musste erst lernen, mit der neuen Situation umzugehen. Ein plötzlicher Unfall, eine Erkrankung – es kann im Grunde jede/n von uns treffen. Die Frage der Wahl stellt sich dabei nicht – es ist nur möglich, an den Herausforderungen zu wachsen.

Worum es geht und was es braucht

Es geht mir um den Anspruch, Frau und Expertin zu sein und mit einer Behinderung selbstbestimmt leben und selbstständig denken zu können. „Und dies alles vor dem Hintergrund der Behinderung“, wie meine Kollegin und Freundin Sonja Stadler so treffend in unseren Gesprächen formuliert hat. Es geht um das Recht bzw. das Bewusstmachen, dass Mädchen und Frauen mit Behinderungen dieselben Wünsche, Bedürfnisse und Herausforderungen haben wie Mädchen und Frauen ohne Behinderungen. Sie wollen nicht auf die Behinderung reduziert werden. Und doch fordert die Behinderung so viel Raum und Energie ein, erfordert neue Herangehensweisen, dass sie gesehen und ernst genommen werden muss – in der Beratung, in der Beziehung, in der Gestaltung des Alltags.

Dass dieses Bewusstsein nicht selbstverständlich ist, und oftmals erkämpft werden muss, lässt sich auch geschichtlich gut belegen: Einerseits trug der Feminismus dazu bei, Frauen mit Behinderungen auszugrenzen, andererseits fand in der Behindertenbewegung die Kategorie Geschlecht keinen Platz. Es brauchte viel Mut und Umsetzungskraft von Frauen mit Behinderungen, ihre Forderungen und Lebenswelten sichtbar zu machen. Gisela Hermes hat dies im Titel ihres Buchs sehr treffend formuliert „Geschlecht behindert -besonderes Merkmal: Frau!“

Um den Blick dahingehend noch etwas zu schärfen: Mädchen und Frauen mit Behinderungen sind – genau so wenig, wie es die Gruppe der Mädchen oder Frauen ist – keine homogene Gruppe. Es macht einen Unterschied, ob die Behinderung von Geburt an vorhanden ist oder etwa durch einen Unfall bedingt, ob es sich um eine sichtbare oder nichtsichtbare Behinderung handelt, ob eine Frau als „Begünstigte Behinderte“ eingestuft ist, ob sie Pflegegeld bekommt, in einer Einrichtung lebt oder zuhause. Ob sie Assistenzleistung finanziert bekommt oder auf Unterstützung durch Familienangehörige angewiesen ist, berufstätig ist oder als berufsunfähig eingestuft ist u.v.m. Eine nicht unwesentliche Rolle spielt dabei auch die Art der Behinderung, ob es sich um eine körperliche, eine intellektuelle oder eine psychische Behinderung oder um Mehrfachbehinderungen handelt. Behinderungen werden hierarchisch unterschiedlich bewertet, sowohl von der Gesellschaft als auch innerhalb der Gruppe der Menschen mit Behinderungen. All diese Differenzierungen treffen selbstverständlich auch auf Jungen bzw. Männer mit Behinderungen zu. Für Mädchen und Frauen bedeutet die Tatsache einer Behinderung in ihrem Leben meistens zusätzliche Erschwernisse und Benachteiligungen, die oft als Mehrfachdiskriminierung bezeichnet werden. Dies hält auch die von Österreich 2008 ratifizierte UN-Behindertenrechtskonvention in Artikel 6 fest: „Die Vertragsstaaten anerkennen, dass Frauen und Mädchen mit Behinderungen mehrfacher Diskriminierung ausgesetzt sind, und ergreifen in dieser Hinsicht Maßnahmen, um zu gewährleisten, dass sie alle Menschenrechte und Grundfreiheiten voll und gleichberechtigt genießen können“.

Barrieren

Um diese Forderung umzusetzen sind unterschiedliche Aspekte zu berücksichtigen, denn die Praxis zeigt, dass der Alltag für junge Frauen mit Behinderungen noch ganz anders aussieht: Z.B. gibt es in der Jugendarbeit viele Angebote und Projekte, die durchaus mädchenspezifisch sind. Mädchen bzw. junge Frauen mit Behinderungen stehen jedoch vor der Herausforderung, erst einmal barrierefreie und erreichbare (Erfahrungs-)Räume zu finden, die eine Auseinandersetzung zu Themen ermöglichen, die sie beschäftigen. Wobei hier unter Barrierefreiheit mehr als nur die Schaffung von baulichen Zugangsmöglichkeiten gemeint ist. Barrierefreiheit muss auf physischer, intellektueller, kommunikativer, sozialer und ökonomischer Ebene verstanden werden. Doch häufig fehlen die Ressourcen, die Bereitschaft oder der politische Wille, Räume für Menschen mit Behinderungen zu öffnen. Oder es werden Sondereinrichtungen gebaut. Das zeigt, dass die vielbesprochene Inklusion noch nicht umgesetzt ist und Mädchen und junge Frauen weiterhin häufig Ausgrenzung erfahren.

Fehlende Vorbildfrauen

Ein anderer wichtiger Aspekt ist, dass in der Beratung und in den verschiedenen Angeboten, die es für Mädchen und Frauen (mit und ohne Behinderungen gibt) die Expertinnen zwar häufig weiblichen Geschlechts, jedoch meist Frauen ohne Behinderungen sind. Das heißt nicht, dass diese keine gute Arbeit leisten können, sondern dass dadurch für Mädchen und Frauen mit Behinderungen sichtbare Vorbildfrauen und Ansprechpersonen mit Behinderungen fehlen. Mit behinderten Rollenmodellen könnten sie Erfahrungen austauschen und sich damit auseinander setzen, in welche Richtung sie sich weiter entwickeln wollen, um ihre Stärken als Frau mit ihrer Behinderung auszuleben. Dasselbe gilt für Mädchen und Frauen mit Behinderungen und Migrationserfahrungen.

Die MitarbeiterInnen in mädchen- bzw. frauenspezifischen (Beratungs-)Einrichtungen sind meist in ihrem Bereich topfit, haben jedoch kaum Wissen bzw. Erfahrung in der Beratung mit Frauen mit Behinderungen. Ihre eigenen Einstellungen, Ängste und Unsicherheiten in Bezug auf Behinderung erschweren die Kommunikation auf gleicher Ebene. Mädchen und Frauen mit Behinderungen machen, wenn sie Beratungsstellen aufsuchen, die Erfahrung, dass ein großer Teil ihrer Lebenswelt nicht wahrgenommen wird, wenn z.B. Mädchen mit Lernschwierigkeiten Wege vorgeschlagen werden, aber keine Unterstützung da ist, um diese Wege zu erledigen. Oder wenn z.B. Informationen für Mädchen und Frauen mit Lernschwierigkeiten nicht in Leichter Sprache oder für blinde und sehbehinderte Mädchen und Frauen in Brailleschrift oder zum Hören vorhanden sind. Dann fühlen sich Mädchen und Frauen mit Behinderungen schnell wieder ausgeschlossen und nehmen das Beratungsangebot nicht weiter in Anspruch.

Verhinderte geschlechtliche Identität

MitarbeiterInnen in Einrichtungen des Behindertenwesens hingegen sind bestens geschult im Bereich Behinderung, können jedoch kaum auf mädchen- oder frauenspezifisches Wissen zurückgreifen. Mädchen und Frauen mit Behinderungen erleben hier oft, dass in Beratungsgesprächen die Behinderung ins Zentrum rückt und sehr viel Raum einnimmt, alles andere, z.B. Frau oder Migrantin sein, wird nebensächlich. Dies ist tatsächlich wortwörtlich zu verstehen, da Mädchen und Frauen mit Behinderungen immer wieder damit konfrontiert sind, dass ihnen ihre geschlechtliche Identität abgesprochen wird und sie als asexuelle Wesen wahrgenommen werden. Es werden ihnen oft grundlegende Informationen wie z.B. über Sexualitäten, Aufklärung und Verhütung, Rechte, Selbstbestimmung, Körper, Beziehung und Kinderwunsch sowie die Auseinandersetzungsmöglichkeit mit der eigenen Behinderung vorenthalten oder nicht ausreichend in einer für sie verständlichen Form vermittelt. Das heißt, Mädchen mit Behinderungen sind auf ihrem Weg zum Frausein großteils auf sich selber gestellt und haben dafür keine Ansprechpartnerinnen. Gerade auch deshalb sowie aufgrund der strukturellen Abhängigkeiten sind sie signifikant häufiger Opfer von sexualisierter Gewalt als Mädchen und Frauen ohne Behinderungen, wie aktuelle Studien zeigen. (vgl. dazu den Text von Sabine Mandl und Claudia Sprenger in diesem Heft)

Selbstbestimmung nicht gefragt

Die genannten Aspekte haben vielfältige Auswirkungen auf die Identitätsbildung von Mädchen und jungen Frauen mit Behinderungen. Ihr Körper gilt oft ab der Geburt als Objekt medizinischer und therapeutischer Fürsorge. Selbstbestimmung ist dabei nicht gefragt. Häufig erleben sie, dass andere über ihren Körper entscheiden und dieser – so wie er ist – als nicht in Ordnung gilt. Mögliche Einschränkungen aufgrund der eigenen Belastbarkeit und Schmerzen fordern eine weitere Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper.

Erworbenes Selbstbewusstsein ist zu guter Letzt auch deshalb immer wieder schwierig zu halten, weil das Frauenbild in den Medien auf Schönheit und perfekte Körper reduziert wird, etwas, woran bereits Frauen ohne Behinderung kämpfen. Um eine kritische Auseinandersetzung über Verhaltensmuster und Schönheitsideale anzuregen, braucht es die Möglichkeit zur Reflexion über eigene und inszenierte Körperbilder, besonders für junge Frauen mit Behinderungen. Notwendig sind Vorbilder bzw. Vorbildfrauen und entsprechende Projekte, wie sie in Deutschland z.B. von mixed pickles angeboten werde[1] Anknüpfend an die Idee der Mädchenkonferenzen, die in Deutschland vom Bundesdachverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. seit 1998 erfolgreich angeboten werden[2] wurde dieses Konzept von „make it – dem Büro für Mädchenförderung des Landes Salzburg“, dessen Leiterin in bin, in Kooperation mit dem Behindertenpastoral der Erzdiözese Salzburg, Sonja Stadler und anderen engagierten Einrichtungen und Institutionen aus dem Behindertenwesen übernommen und für Mädchen und junge Frauen aus ganz Österreich angeboten.

Konferenz für junge Frauen mit Behinderungen

Inhaltsverzeichnis

Im Juni 2014 fand in Salzburg unter dem Titel „Frau sein – frei sein - gemeinsam stark“ die dritte österreichweite Konferenz für junge Frauen mit Behinderungen statt. Ziel war es, die 36 Teilnehmerinnen mit unterschiedlichen Behinderungen zu bestärken, ihren Wünschen und Bedürfnissen Ausdruck zu verleihen und einen Austausch zu ermöglichen.

Die jungen Frauen nutzten das abwechslungsreiche Workshop-Programm (Comic-Zeichnen, Rhythmus-Reise mit Trommeln und vielen Instrumenten, Schreibwerkstatt, Theater selber machen, Malen, Selbstbehauptung und Sexualität), um zu experimentieren und ihre Erfahrungen umzusetzen. Dies zeigte sich auch darin, dass sie es schafften, den Rahmen der Konferenz mitzubestimmen und ihre Forderungen einzubringen.

An einem Vormittag stand der eigene Körper im Vordergrund und wie es ist, in und mit dem eigenen Körper das eigene Frausein zu erleben und diesem nachzuspüren. Diesmal wurde in der Großgruppe daran gearbeitet, einen gemeinsamen und doch eigenen Ausdruck zu finden und diese Erfahrungen mit nach Hause zu nehmen. Gemeinsam und ausdrucksstark präsentierten die jungen Frauen zum Abschluss die Ergebnisse der Workshops. Neben den Forderungen nach angemessener Entlohnung am Arbeitsplatz, damit selbstbestimmtes Wohnen möglich wird, der Finanzierung von Persönlicher Assistenz und Unterstützung sowie einem regelmäßigem Austausch in Peergruppen wurde auch der Wunsch nach einer Ansprechfrau für die jungen Frauen vor allem in Einrichtungen und für Einrichtungen der Behindertenhilfe formuliert.

Die Forderung nach den monatlichen Treffen für junge Frauen mit Behinderungen wurde von uns in Salzburg rasch umgesetzt. Mag.a Gabi Pöhacker, Behindertenpastoral der Erzdiözese Salzburg, und Sonja Stadler, Systemische Lebens- und Sozialberaterin, Sexualpädagogin sowie Peer-Counseling Trainerin, und ich starteten diese bereits im Sommer letzten Jahres. Drei Frauen mit Behinderungen also, die dabei die Funktion der Rolemodels übernehmen. Die Teilnehmerinnen nutzen dieses Angebot und befragen uns über unsere Erfahrungen, Bewältigungsstrategien und Lösungsansätze. Sie fordern uns aber auch sehr mit ihrer Direktheit und dem Aufzeigen der immer noch bestehenden Lücken und Barrieren, die es ihnen schwer machen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Eine eigene Ansprechperson für Frauen in Behinderteneinrichtungen war eine weitere wichtige Forderung der Teilnehmerinnen der Konferenz 2014. Im Oktober 2014 organisierten wir daher ein Treffen und stellten das Konzept der Frauenbeauftragten in Einrichtungen aus Deutschlan[3] vor. vor. Dazu gab es jede Menge Diskussion, Austausch und Erfahrungsberichte von Frauen mit Lernschwierigkeiten. Gemeinsam wollen wir an der Umsetzung arbeiten.

Die nächste Konferenz für junge Frauen mit Behinderungen ist von 14. – 15. Mai 2016 geplant[4].

Autorin

Teresa LUGSTEIN ist hauptberuflich als Mädchenbeauftragte des Landes Salzburg tätig. Sie hat verschiedene Aus- und Fortbildungen in der feministischen Mädchenarbeit, im Bereich Gender- und transkulturelle Kompetenz, (sexualisierte) Gewalt und in der frauenspezifischen Beratung mit Schwerpunkt Krisen und Traumatisierungen absolviert. Sie arbeitet freiberuflich als Sexualpädagogin und dipl. Erwachsenenbildnerin. Kontakt: teresa.lugstein@salzburg.gv.at

Quelle

Teresa Lugstein: Mehr Vorbildfrauen, bitte! Persönliche Gedanken und konkrete Strategien für das Empowerment von Mädchen und Frauen mit Behinderungen. Erschienen in: AEP Informationen 4/2015: „Nebensache Frau-Sein“. Schwerpunkt zu Mädchen und Frauen mit Behinderung, S. 6-9. http://aep.at/aep-informationen/ . ISSN 2072-781X

bidok - Volltextbibliothek: Wiederveröffentlichung im Internet

Stand: 19.01.2016



[4] Informationen dazu gibt es bei make it - Büro für Mädchenförderung des Landes Salzburg (http://www.salzburg.gv.at/make-it )

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